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„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ – Werkschau von Meier/Miserre, Bildhauer und Spion, bis 29. April 2018, im Hotel Le Méridien München

Was für ein Plot, den sich hier das Leben hat einfallen lassen:

Horst Meier, alias Erwin Miserre und seinerzeit DDR-Agent, entdeckt während seiner Mission im Brüssel der NATO, das Brüssel der Kunst. Meier, der schon in der DDR als Kulturjournalist tätig gewesen war, taucht daraufhin, trotz seiner Legende als Elektro-Installateur, tief in die Brüsseler Kunstszene ein. Dabei lernt er einen ihrer wichtigsten Vertreter kennen, den Bildhauer Olivier Strebelle, dessen monumentale Plastiken sich nicht nur in Brüssel finden, sondern  weltweit.

Academie Royale des Beaux Arts in Brüssel

Kurzerhand schreibt sich Meier/Miserre an der Königlichen  Akademie der Künste in Brüssel ein und wird in Folge Schüler und Assistent von Olivier Strebelle. In diese Zeit, Ende der 60er Jahre, “ (…) fiel das künstlerische Erwachen Horst Meiers.

Cover des Buches von Günther Rothe: „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“

Und obwohl er Strebelle so bewunderte, hielt er sich nicht lange mit epigonalen Verbeugungen auf, sondern entwickelte seine ganz eigene und unverwechselbare Formensprache.“ So nachzulesen im Buch/Katalog „Meier/Misserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“, in einem der Vita Horst Meiers gewidmeten Kapitel des Autors Gerald Grundmann. Darin beschreibt Grundmann auch Meiers Skulpturen:

„Deren wesentliches Merkmal sind fließende, organisch wirkende Körper, die sich zwar äußerlich als elegante Einheiten gebärden, aber im Inneren aus präzise gefügten Teilen bestehen, die wie Schlüssel und Schloss ineinanderpassen und keinen Millimeter Spielraum dulden. So hüllen sie Präzision in Ästhetik, Härte in Weichheit, Komplexität in Schlichtheit und stehen sinnbildlich für eine zutiefst menschliche Vielschichtigkeit. (…) 

„Zugriff“ – Skulptur von Horst Meier mit autobiografischem Bezug?

Im Gegensatz zu vielen KünstlerKollegInnen blieb Meier/Miserre viel Zeit, „(…) seine oft komplexen Modelle zu gestalten, weil die Tätigkeit für die HVA nur den kleineren Teil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Er observierte nicht nächtelang Menschen oder wartete in Autos auf deren Ankunft. Nur einmal pro Woche, jeden Mittwoch ab 22 Uhr, war er für das Hauptquartier über Kurzwelle zu erreichen und erfuhr, wen er treffen und was er wohin bringen sollte. So lebte er im Grunde hauptberuflich als Künstler (…)“ rekapituliert Grundmann Meiers Leben in Brüssel. “ (…) In seinem Herzen hatte die Kunst die erste Stelle erobert, und er war nicht länger nur ihr staunender Besucher, sondern ein aktiver Teil ihrer Welt geworden. (…)“

Horst Meier 1972 als Erwin Miserre im belgischen Ostende; Foto: Buch

1976 jedoch gerät sein Leben, zwischen Brotjob als Agent und künstlerischem Dasein, aus der Balance. Enttarnung droht, und aus Sicherheitsgründen beordert man ihn zurück in die DDR. Da er der Stasi als „verbrannt“ gilt, schickt man ihn mit bereits 51 Jahren und einer auskömmlichen Rente in den Ruhestand. Dieser Umstand erlaubt ihm die nahtlose Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit. Gleichwohl schmerzt ihn die Trennung von Brüssel und vor allem von seinem zwischenzeitlich zum Freund gewordenen Mentor Olivier Strebelle, dem er die Gründe seiner Umsiedelung nicht erläutern darf.

Den Freundeskreis in seiner neuen alten Heimat hält Horst Meier begrenzt. Dazu zählt ab den 1980er Jahren auch der Leipziger Musiker und Maler Günther Rothe, der zudem eine kleine Kunstgießerei betreibt, eine Nebentätigkeit, die die beiden Männer zusammenführt. Seit Meiers Tod 2016 verwaltet Rothe auch den Nachlass des Bildhauers und widmet ihm besagtes Buch „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit„, in dem er Werk und Vita des Freundes detailliert in Texten unterschiedlicher Autoren präsentiert sowie anhand von Fotografien des Künstlers und seiner Werke. Im Vorwort zu diesem Buch erinnert Rothe:

Kurator Günther Rothe eröffnet die Ausstellung „Meier/Miserre“ im Hotel Le Méridien München, im Januar 2018

Als ich ihn 1982 in seinem Atelier in Freudenberg bei Berlin zum ersten Mal traf und seine Modelle und Plastiken betrachten und berühren durfte, war ich unmittelbar ergriffen von ihrer außergewöhnlichen visuellen Sprache, ihrer Sinnlichkeit und Ästhetik. Horst Meier und ich haben uns auf Anhieb verstanden und deshalb in den kommenden Jahren – zwar sporadisch, aber immer wieder gern – zusammengearbeitet. Erst seine schwere Erkrankung, die ihn zunehmend von der Welt und ihren Menschen entfernte, hinderte uns daran. Umso mehr war es mir eine Ehre und Verpflichtung als er mir die Verwaltung seines künstlerischen Erbes und die Ausführung der gusstechnischen Arbeit zur Fertigstellung seiner im Modell vorhandenen Plastiken antrug. In diesem Katalog sowie in weiteren Publikationen und Ausstellungen werden sie daher erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (…)

An diesen Vorsatz hat sich Rothe gehalten und das Werk des Freundes aus jenem Dornröschenschlaf geweckt, in dem es sein Schöpfer, selbst noch nach der Wende, bewahrt hatte. Der Publizist Martin Tschechne, der mit einem Beitrag in Rothes Buch vertreten und Namensgeber des Buchtitels ist, hält diesen Umstand für das Werk künstlerisch von Vorteil: „Kein Markt und keine öffentliche Kritik hatten die Gelegenheit, darauf Einfluss zu nehmen, es zu verwässern, zu korrumpieren, es zu zerreden und seine Intensität zu relativieren.

Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen. mit Influencerin und Moderatorin Alexandra Polzin nach der Vernissage im Le Méridien München, 29.1.2018;

Jedoch ein Leben lang, konsequent und mit künstlerischer Hingabe „nur für die Schublade“ zu arbeiten, beinhaltet auch den Verzicht auf jene öffentliche Anerkennung, die für Kunstschaffende doch der eigentliche, unverzichtbare Lohn ihrer Arbeit bedeutet? Jedenfalls zumeist. Persönlich sind mir in meinen über zwei Jahrzehnten vor und auf der Bühne sowie im Kunstbetrieb allgemein, noch nie zuvor KünstlerInnen begegnet, die auf Publikum freiwillig verzichtet hätten. Und selbst würde ich mir auch nicht die fortgesetzte Plünderung meines Innenlebens zu künstlerischen Zwecken zumuten wollen, ohne nach wenigstens einem klitzekleinen Bisschen Applaus zu schielen … Chapeau vor Horst Meiers einmaligem Mangel an künstlerischer Eitelkeit!

Inzwischen jedoch erregen Werk und Vita von Horst Meier – Künstler und Spion“ – Süddeutsche Zeitung – erhebliches mediales Interesse und eine von Günther Rothe kuratierte Ausstellung befindet sich seit 2017 „on tour“, aktuell im Hotel Le Méridien Munich. Dort fügen sich die Skulpturen auf erstaunliche Weise in das Ambiente des Hotels ein, so dass man die Exponate auf ersten Blick gar nicht einer Wanderausstellung zuordnet, sondern sie für Teil der Raumausstattung hält! So zumindest empfand ich es, zumal ich im Vorfeld auch keine Zeit gehabt hatte, mich mit dem Hintergrund dieser Vernissage auseinander zu setzen.

Die Gäste strömen zur Vernissage von „Meier/Miserre“ im Präsentationssaal des Hotel Le Méridien München. Rechts im Bild: Kurator Günther Rothe

Nachdem bereits im Oktober 2017 unser jourfixe-Mitglied Dirk Schiff hier sehr erfolgreich seine Benefiz-Ausstellung We Are All The Same, mit Uschi Glas als Ehrengast, präsentiert hatte, reizte es mich, einmal privat an einem der Kunst-Events dieses Hotels teilzunehmen, in Begleitung des Kunstfotografen und seinerseits jourfixe-Mitglieds Bernd Sannwald, der mir, noch unter dem Eindruck des Erlebten, ein begeistertes Feedback mailte:

PR-Dame Michaela Rosien und Fotograf Bernd Sannwald; Foto Marian Wilhelm

Herr Rothe stellte engagiert und mit leuchtenden Augen  (neben einem Video über die Guss-Herstellung) Meier/Miserres Skulpturen vor, die allerhöchsten Ansprüchen genügen und eine Augenweide sondergleichen sind; aus vielen Einzelstücken zusammen gesetzte Meisterwerke eines Künstlers, der ebenso geheimnisvoll wie genial war (…) schwärmte Sannwald. Und weiter:

Das Publikum folgt der Einführung von Kurator Günther Rothe mit atemloser Spannung: Diese Vernissage eröffnet nicht mit verbalen Elfenbeintürmen aus der Welt der Schönen Künste, sondern mit der Schilderung eines Daseins im noch nie dagewesenen Spannungsfeld zwischen Kunst und Geheimdienst!

„Für mich gestalteten sich dieser Abend, die Begegnung mit Herrn Rothe, dessen Begeisterung, Meier/Miserres Werke und Geschichte, zutiefst erfüllend, umwerfend, voller Staunen und Bewunderung! Kurz: Gigantisch! ! Ein absolutes Muss für Kunstinteressierte!

Einige der noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien München ausgestellten Skulpturen von Horst Meier, fotografiert während der detaillierten Führung von Kurator Günther Rothe, Januar 2018

Dabei sind die Skulpturen auf verschiedenste Weise anziehend: Die filigrane Arbeit, die unterschiedlichen Materialien und Oberflächen, die Formen, die mich zum Teil an Arbeiten von Otto Freundlich erinnern –

Millimeterarbeit: Fotograf Bernd Sannwald kommt beim Zusammensetzen einer Skulptur von Horst Meier  ganz schön ins Schwitzen. Kurator Günther Rothe assistiert …

… Und dann durfte ich noch eine Skulptur zusammen setzen. Die Einzelstücke, wie Schmeichler in die Hand nehmen und dann zusammen fügen, was gar nicht so einfach war. Dank von Herzen!

Kurzum und ins Neu-Deutsche übertragen: Bernd Sannwald hat die Kunst von Horst Meier „angefixt“. Inzwischen selbst Besitzer einer „Meier“-Skulptur, steht er zudem weiterhin mit Günther Rothe in Kontakt. Als Fotograf selbst im Reich der visuellen Kunst unterwegs, entdeckte sein Auge an jenem Abend noch wesentlich mehr Details an den Skulpturen als ich es vermochte. Mir vermittelte jedoch Günther Rothes anschließende Führung durch die Ausstellung einiges mehr an Verständnis, nicht nur für die Besonderheiten der Skulpturen, sondern auch für die aufwändigen Techniken des Gießens, die den Werken zugrunde liegen und auf die auch im Buch „Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ in einem separaten Kapitel eingegangen wird.

Alexandra Polzin, Suzanne Landsfried und Hoteldirektor Frank Beiler, Le Méridien, vor einer goldfarbenen Skulptur von Horst Meier; Foto: Marian Wilhelm

Aber nun möchte nicht ausgerechnet ich diejenige sein, die ein hochspannendes künstlerisches Vermächtnis virtuell doch noch zerredet, sondern Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und Leser aus München, einen Besuch der öffentlichen Ausstellung im Foyer und ersten Stock des Hotel Le Méridien Munich, noch bis 29.4.2018 empfehlen, denn, wie Kurator Günther Rothe so wunderbar treffend am Ende seines Vorworts schreibt:

Noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien zu besichtigen: Skulptur von Horst Meier

In ihrer Gesamtheit bilden die Plastiken ein unverkennbar zusammengehöriges Oeuvre und zeigen doch, jede für sich, ihre ganz eigenen Qualitäten, die unsere Phantasie beflügeln und ihre Geheimnisse unserer Entdeckung überlassen. Denn …

… die Bedeutung eines Kunstwerks liegt nicht im Willen seines Schöpfers – oder im Sachverstand von Gelehrten -, sondern in der Vorstellungskraft seiner Betrachter.“


Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.


„Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ > 2016, im Verlag Michael Imhof erschienen, ISBN-10: 3731904179 – ISBN-13: 978-3731904175


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„We Are All The Same“ – Blick hinter die Kulissen eines ungewöhnlichen Projekts von Fotokünstler Dirk Schiff

„We All The Same“ ist ein Titel mit einer eindeutigen, fast banalen Aussage, der aber schon beim zweiten Hinsehen aneckt! Wir sind doch nicht alle gleich?

V.li.: Serena/ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, Sahra Wagenknecht/Politikerin DIE LINKE, Anuj Sharma/Designer, Darlington/Flüchtling

Im Gegenteil, es lebe der Individualismus, beseelt wie wir gerade hierzulande vom Zeitgeist der Ichbezogenheit sind. Und tatsächlich zeichnet ja auch jeden von uns etwas einzigartiges aus. Um das hervorzuheben, hat Dirk Schiff alle seine Modelle vor ein und dem selben dunkeln Hintergrund abgelichtet. Dieses puristische Konzept ist zwar nicht überall gleichermaßen auf Begeisterung gestoßen, die Konsequenz des Fotokünstlers in diesem Punkt hat sich jedoch gelohnt: Entstanden sind eindrucksvolle Momentaufnahmen von Menschen unterschiedlichster Couleur, ob nun Promi oder Flüchtling, Kind oder älterer Mensch, ob aus Europa, Asien, Afrika oder den USA.

Mir persönlich entlockt diese Vielfalt an Einzigartigem großen Respekt vor jedem einzelnen der Modelle, die zudem vor dem Grundgesetz ja alle gleich sein sollten. Betonung auf „sollten“.

Der Fotoband WE ARE ALL THE SAME von Dirk Schiffportraitiert.de,  € 22,50 im SHOP SALON Literatur VERLAG von Franz Westner, Hardcover, 102 Seiten, ISBN-13 : 978-3-939321-79-8 Mit Zitaten u. Portraits ganz unterschiedlicher Prominenter, Flüchtlinge und Menschen von nebenan

Uschi Glas schreibt dazu im Vorwort zum begleitenden Fotobuch: „Es geht nicht darum, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir alle Menschen sind. Und dass es alle verdienen, gleich behandelt zu werden; vor dem Gesetz, bei der Wohnungssuche, bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz – und nicht zuletzt in der Schule.
Besonders wichtig ist mir Chancengerechtigkeit. Das ist das, was ich unter Gleichheit verstehe: Schon Kinder sollen unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft die gleichen Möglichkeiten haben.“

Fotograf Dirk Schiff mit Uschi Glas und Make-up-Artist Coriful

Entsprechend tatkräftig hat sie Dirk Schiffs Projekt unterstützt, der einen Teil des Erlöses an ihren Verein „brotZeit e.V.“ spenden wird, den anderen an die „Flüchtlingshilfe München e.V.“  Unter anderem vermittelte die Schauspielerin Dirk über „brotZeit e.V.“ den Kontakt zu Kindern aus unterschiedlichsten Ländern, mit denen dem Fotograf einige der intensivsten Aufnahmen seiner Serie gelang.

Nicht um Brotzeit sondern um Haute Cusine drehte sich hingegen das Shooting in Johann Lafers Table d’Or, zu dem der bekannte TV-Koch Dirk in vollem Ornat empfing …

Dirk Schiff mit Sternekoch Johann Lafers, in dessen Gourmet-Tempel „Table d’or“

Auf das sicherlich ungewöhnlichste Fotoshooting begleitete ich Dirk Schiff selbst: Es führte uns in die Berge Südtirols, wo der legendäre Bergsteiger Reinhold Messner eines seiner Bergmuseen betreibt. Erwartet hatten wir eine Hochburg voller Messner-Devotionalien; statt dessen empfing uns zwar tatsächlich eine Burg auf felsigem Terrain (Verbotschild für Highheels inklusive!), allerdings ausgestaltet zu einem märchenhaft anmutendem Panoptikum, voller Erinnerungen an Messners Touren über die Bergmassive dieser Welt:

Foto-Audienz bei einem ganz Großen: In Reinhold Messners Bergmuseum, Bozen, Juni 2017, Foto Dirk Schiff

Eine Grotte mit Souveniers aus den Anden, in Lichtspiele getaucht, ein Turmzimmer mit sakralen Gegenständen aus dem Himalaya, beseelt mittels einer Klang-Installation. An den ungewöhnlichsten Stellen, auf Glastüren, am Gemäuer, in Steinboden eingelassen, verteilten sich philosophische Zitate von „A“ wie Aristoteles, bis „Y“ wie Neil Young. Eine schmaler Steg führte zum Rundgang über die Burgmauern und bot einen umwerfenden Blick über Bozen. Die ausrangierten Sessel einer Schwebebahn luden zur Pause ein und Buddhas bevölkerten das Gelände ebenso, wie historische Elemente aus dem Mittelalter und moderne Skulpturen.

Selfies kann Dirk auch besser als ich; hier vor einem monumentalen Berggemälde mit Messner in dessen Museum bei Bozen, Juni 2017

Reinhold Messner selbst erwies sich als beinahe scheu, ganz das Gegenteil des Bildes, das er bei öffentlichen Auftritten vermittelt. Mich schüchtert soviel Zurückhaltung ja ein, nicht so Dirk, dem es – ich weiß nicht wie – gelang, in kürzester Zeit diesen Mann fotografisch genau als den Menschen einzufangen, der sein Leben zu großem inneren Reichtum verdichtet und für die Nachwelt zusammengetragen hat. 

Albrecht von Weech

Überhaupt bot sich Dirk Schiff, im Rahmen seiner Fotoshootings, ein Programm absoluter Kontraste. Dennoch ist es ihm gelungen, auch bei den extravagantesten Modellen, zum Kern ihrer Persönlichkeit durchzudringen, wie zum Beispiel bei Albrecht von Weech, Conférencier, Chansonnier und aktuell jourfixe-Künstler im Historical Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

„Mich hat beeindruckt, welche Geschichte hinter den Gesichtern von Menschen steckt, …“   so Dirk Schiff. Er berichtet weiter: „Für das Projekt wurden Flüchtlinge, Prominente und Personen wie Sie und ich fotografiert.“ In der Tat finden sich in der Ausstellung Publizisten wie Walter Kohl neben ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen wie Serena (s. Foto ganz oben), Weltstars wie Mario Adorf neben Schwabinger Ikonen, wie die ehemalige Prominentenwirtin des Alten Simpls, Toni Netzle, der Posterkönig Wolfgang Roucka oder der Stadtschreiber von Minga, W. A. Riegerhof (Hallo, KIR München), bekannte TV-Gesichter, wie Telenovela-Star Louisa von Spies oder Florian Stadler, „Influencer“, wie Jeanette Graf und Journalisten, wie Robert Pölzer, BUNTE-Chefredakteur .

W. A. Riegerhof, Stadtschreiber von Minga (u.a. Hallo, KIR München)

Für mich persönlich jedoch bewirkte  „We Are All The Same“, dass ich dank des Shootings nicht nur ein wunderschönes Foto von mir bekommen habe, das ich seitdem als Profil-Foto auf allen Social-Medias nutze, sondern auch, dass ich Dirk und seine bezaubernde Familie während dieser Zusammenarbeit kennen und schätzen gelernt habe, eine sicher nachhaltige Verbindung, auch über dieses Projekt hinaus …

Dirk und ich diskutieren Einstellungen beim Fotoshootings zu „We Are All The Same“, März 2017, Foto: Anne Schiff

Ausgestellt werden die Bilder im Hotel Le Méridien Munich. Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.

Die Vernissage findet „mit großem Bahnhof“ am Mittwoch, den 4. Oktober 2017 statt, als Resonanz auf die vielen bekannten Persönlichkeiten, die es Dirk Schiff gelungen ist, für dieses Projekt ins Boot zu holen, wohl wissend, dass klingende Namen für verstärktes öffentliches Interesse sorgen und dabei die Aufmerksamkeit auf sein Kernanliegen bündeln würden:

Modou, Flüchtling aus Senegal

Eine Lanze für all die Menschen zu brechen, die unserer Hife bedürfen, durch Empathie, Respekt und vor allem auch ganz konkret durch Spenden! Entsprechend werden zur Vernissage auch VertreterInnen weiterer Hilfsorganisationen erwartet: Allen voran Jutta Speidel, die sich für Dirks Projekt als Modell zur Verfügung gestellt hat und selbst, mit ihrem Verein „Horizont e.V.“, alleinerziehenden Müttern in prekärer Lage beisteht. Desweiteren Petra Windisch de Lates, Gründerin und Leiterin, seit nunmehr fast !28 Jahren, der Deutschen Lebensbrücke e.V.

Angesagt zur Vernissage hat sich auch ein neues jourfixe-Mitglied, das sich mit dem Anliegen dieser Benefiz-Veranstaltung ganz besonders identifizieren dürfte: Der syrische Schriftsteller Foud Yazij. In seiner Heimat zählte er zu den bekanntesten Autoren, bis er sich zu einem der Wortführer des Arabischen Frühlings in Homs aufschwang und fliehen musste. Danke eines Stipendiums des PEN-Clubs Deutschland lebt er aktuell in München, wo er an einem neuen Buch arbeitet, in dem er seine Sicht auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre in Syrien, in Romanform, darstellen wird.

„(…) Straßenlaternen flüstern leise – Auf vertraute Art und Weise – Unsere Geschichten, denn in jedem Stück Asphalt von dir – Steckt was von mir (…)“ 

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So lautet eine Zeile aus dem Song der jungen Liedermacherin Julia Kautz, die als musikalisches Highlight bei der Vernissage auftritt:  Auch sie ist eine „Zugereiste“, die mit dieser Liebeserklärung an ihre Wahl-Heimatstadt München derzeit im aktuellen Werbespot der Stadtwerke München zu hören ist, der auf Hochrotation im Kino, TV, Internet und Radio läuft. Mit ihrem Lied schließt sich an diesem Abend thematisch ein Kreis, denn so unterschiedlich wir wirken und handeln mögen, in unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten sind wir uns alle gleich …


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Stiften gehen … Momentaufnahmen und Gedanken zur Eröffnung des Münchner StiftungsFrühling 2017 in der BMW-Welt

Bis 2013 die Münchner Kultur-GmbH den ersten Münchner Stiftungsfrühling ins Leben rief, hatte ich nur eine vage Vorstellung von den Begriffen „Stiftung/stiften„, und die war eher negativ belegt: Da gab es doch den Skandal um den Preis der „Gelbe-Engel-Stiftung“ des ADAC, in dessen Strudel dann auch noch die Stiftung Warentest geraten war ..? Letztere kennt natürlich jeder, spätestens als durch den Boulevard die Klage von Schauspielerin Uschi Glas geisterte, deren Kosmetik von der Stiftung verrissen worden war. Und nennen sich nicht Altersresidenzen für betuchte Senioren gerne „Wohnstift“, als begrifflich angenehmere Alternative zu „Altenheim“? Und apropos alt: Bewohnten nicht einst altjüngferliche Damen schon zu Luthers Zeiten religiöse „Stifte“, die von Königen, Herzögen oder begüterten Adelsfamilien gestiftet worden waren, die sich auf diesem Wege, neben politischen Vorteilen, ihr Seelenheil sichern wollten?

Der MünchnerStiftungsFrühling möchte mit dem Mythos der „verstaubten Stiftung“ brechen. Hier soll der Münchner Bevölkerung gezeigt werden, welch spannendes Handlungsfeld in einer Stiftung liegt, wie vielseitig die Projekte und die Förderungen der Stiftungen sind und wo das Wirken der Stiftungen überhaupt sichtbar wird. Und er möchte den Blick schärfen für diese Facette unserer Stadt, die vielen oft verborgen bleibt„, räumt Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort zum diesjährigen MünchnerStiftungsFrühling mit so manchem Vorurteil auf.

Marktplatz einmal anders, im Stiftungsforum der BMW-Welt: Stände und Besucher dicht an dicht, zum Auftakt des MünchnerStiftungsFrühlings 2017

In der Tat, so wie die Lange Nacht der Musik/Museen dazu beiträgt, die Kunst in unserer Stadt sichtbarer zu machen, verhält es sich seit sechs Jahren auch mit dem biennal abgehaltenen MünchnerStiftungsFrühling: Dann stellt das Team der Kultur GmbH, um Geschäftsführer Ralf Gabriel und Projektleiterin Julia Landgrebe, pünktlich zum Frühlingserwachen, ein breitgefächertes Programm-Angebot unterschiedlichster Stiftungen zusammen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: „Frühling bedeutet Aufbruch, Stiften auch. Wer stiftet, schafft Möglichkeiten und setzt damit den Keim für neue Wege, lässt Ideen sprießen und Projekte erblühen. Wieso also nicht diese bunte Wiese allen zugänglich machen? Und genau dieses Ziel verfolgt der MünchnerStiftungsFrühling. Wer weiß schon, wo überall in der Stadt Stiftung drin steckt? Dass Stiftungen unseren Alltag durchweben, weiß kaum einer – und doch sind sie unentbehrlich für unsere Gesellschaft,“ erklärt die Münchner Kultur GmbH die Idee hinter dahinter.

„Vorhang auf und Bühne frei!“ hieß es in der BMW-Welt für diesen Chor der Castringius Kinder- und Jugend-Stiftung München 

Das Herzstück der Veranstaltungswoche, die 2017 vom 24. bis 30 März läuft, bildet die BMW-Welt, Stiftungs-Forum und Schauplatz unterschiedlichster Veranstaltungen; ein kongenialer Standort dank seiner offenen Architektur und Glasfassaden. Bereits im Außenbereich empfing mich gestern ein erster Vorgeschmack der thematischen Bandbreite, in der Stiftungen aufgestellt sind:

Als erstes spazierte ich durch „das größte Darmmodell Europas„.

An den Innenwänden fanden sich zunächst die Innenansicht eines gesunden Darms, danach, in Übergröße, harmlose Polypen, dann Polypen im Grenzstadium zum Krebs und schließlich Krebsgeschwüre in fortgeschrittenem Zustand. Direkt abstoßend wirkten die Konstrukte zwar nicht, dezent in lachsfarbenen Schattierungen wuchernd, aber die erläuternden Texttafeln ließen mich schon darüber nachdenken, mich endlich einmal einer Darmkrebs-Vorsorge zu unterziehen, wofür sich die Felix-Burda-Stiftung seit 2001 einsetzt.

Neben den Superlativen, die der MünchnerStiftungsfrühling zu bieten hat, begeistern mich oft gerade kleinere, jedoch mit viel Herzblut geführte Stiftungen:

Dazu zählt die engagierte Magda Bittner–Simmet Stiftung: Kustodin ist Christiane von Nordenskjöld, die ich schon seit ihrer Zeit als Assistentin bei der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition kenne und als Kollegin über die Jahre ins Herz geschlossen habe. Nun betreut sie das künstlerische Erbe von Magda Bittner-Simmet mit, einer erfolgreichen Münchner Malerin. Deren Atelier unmittelbar am Englischen Garten, in dem sie einst Berühmtheiten portraitierte, dient heute als Museum, das die Besucher hautnah an die Welt der Kunstschaffenden im allgemeinen und an die von Magda Bittner-Simmet insbesondere heranführt. Darüber hinaus finden hier, ganz im Sinne der Stifterin, Veranstaltungen statt, die thematisch um starke, emanzipierte Frauenpersönlichkeiten kreisen, wie sie Bittner-Simmet selbst in den konservativen 50er und 60er Jahren darstellte.

Im Rahmen des MünchnerStiftungsFrühlings 2017 referieren hier u.a. die Autorinnen Renée Rauchalles sowie Gunna Wendt, die gerade den Schwabinger Kunstpreis 2017 zugesprochen bekommen hat.

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Am Montag, 27.03. 15:30 Uhr – 17:30 Uhr, Stiftung Seniorenarbeit im Diakoniewerk München-Maxvorstadt, lädt die Argula-von-Grumbach-Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu einem Vortrag über „Argula von Grumbach – eine bayerische Reformatorin“. Sie war eine mutige Adelige zur Zeit Luthers, mischte sich in die religiösen Dispute der Reformationszeit ein und war mit ihren Flugblättern eine Bestsellerautorin, die auch in Briefkontakt mit Luther stand, der sie ausdrücklich schätzte.

[Argula von Grumbach – Ausschnitt einer Münze – Quelle ELKB]

„Die Frauen in der Reformation“ möchte ich in einem Artikel in den nächsten Wochen aufgreifen und besuchte daher Dorothee Burkhardt (Foto), Erste Vorsitzende des Beirats der Argula-von-Grumbach-Stiftung an ihrem Stand. Sie hielt dort Stellung in einem Mantel, der dem von Argula auf historischen Abbildungen nachempfunden war. Sicherlich muss es ihr darin sehr warm gewesen sein, aber dieses Kleidungsstück zog viel Aufmerksamkeit auf sich, nicht zuletzt auf Grund von Details, wie Armlöcher, durch die man an unterschiedlichen Stellen schlupfen kann, je nachdem ob kurzärmlig oder langärmlig saisonal angesagt ist. Dennoch: Argulas häufige Langstrecken-Ritte dürften kaum in diesem Modell stattgefunden haben! Das Kostüm kann künftig ausgeliehen werden, die Leihgebühren kommen der Stiftung zugute. Diese fördert die Gleichstellung von Mann und Frau in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie will die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext unterstützen.“ 2007, unter Federführung von Kirchenrätin Dr. Johanna Beyer, wurde sie ins Leben gerufen: „Rund um die Person Argula von Grumbachs hat die Frauengleichstellungsstelle der ELKB viele Angebote und Aktionen entwickelt: von einer Radtour zu den Wirkungsstätten über eine eigene Stiftung bis hin zu einem nach ihr benannten Gleichstellungsförderpreis.“ (Quelle: ELKB)

Gute zwei Stunden habe ich das Stiftungsangebot der unterschiedlichsten Stände durchstöbert. Nachstehend einige Momentaufnahmen mit weiterführenden Links >

Die Münchner Schachstiftung: Bildungsförderung auf der Grundlage von Schach

Die Nemetschek Stiftung möchte als unabhängige, überparteiliche und gemeinnützige Stiftung einen Beitrag zur demokratischen Kultur in Deutschland leisten. Dafür setzt die 2007 gegründete Stiftung innovative Projekte um, die überraschende Perspektiven auf gesellschaftspolitische Fragen eröffnen. Im Foyer/Auditorium der BMW-Welt lud sie zu einer interaktiven „Reise zu den Grundrechten“, die das Geheimnis um DAS GEHEIMNIS zu lüften suchte …

Schlichtes Plakat, großes Anliegen und viel Herzblut steckt in der TuaRes Stiftung, deren Ziel es ist, besonders benachteiligte Mädchen in Afrika zu fördern

Dieser plüschige Vogel der Stiftung Kindergesundheit, c/o Dr. von Haunersches Kinderspital, brachte mehr als ein paar Kinderkulleraugen zum Strahlen und mich auch, als er mir so nett zuwinkte und einen Flyer in die Hand drückte … Dieser Kinderklinik ist, glaube ich, so gut wie jede/r verbunden, der in München Kinder großgezogen hat –

Und natürlich fehlte auch das wohl bekannteste Stiftungsmaskottchen Deutschlands nicht, der Drache Tabaluga, am Stand der Peter-Maffay-Stiftung

Mein Fazit? Dass es zwar leider an viel zu vielen Ecken auf unserer Erde und in unserer Gesellschaft brennt, dass sich aber auch unzählige Menschen, unterschiedlichster Couleur, helfend einbringen, im Rahmen ebenso unterschiedlicher Möglichkeiten und Motivationen, die jedoch alle etwas zum Besseren bewegen. Ein Lichtblick, den uns der MünchnerStiftungsFrühling alle zwei Jahre vor Augen führt …


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„Burli“ – Regisseur Bernd Fischerauer präsentiert einen beeindruckenden Roman vor prominentem Publikum

Es verbirgt sich einiges aus Bernd Fischerauers persönlicher Biografie in der Titelfigur seines Debüt-Romans „Burli“, den der bekannte Regisseur und Drehbuchautor vergangene Woche in Till Hoffmanns Schwabinger Lustspielhaus vorstellte.

Das Lustspielhaus erwies sich als atmosphärisch kongeniale Spielstätte für das Klassentreffen der Münchner TV- und Filmfamilie

Bernd Fischerauer, Jahrgang 1943, wuchs wie sein „Burli“, im Graz der Nachkriegsjahre und des Wirtschaftswunders auf, als sich noch so mancher brauner Filz unter sorgfältig ausgekämmten Teppichfransen verbarg. Die gradlinige, gleichermaßen unschuldige wie schelmische „Ich“-Perspektive des jugendlichen Erzählers entlarvt jedoch die kleinen und großen Lebenslügen der Erwachsenen. Besonders berührt hat mich dabei die liebevolle Darstellung der Gefühls- und Gedankenwelt eines typischen Teenagers, dem die Ungeheuerlichkeiten des Lebens – sein Vater wird unter anderem als Kriegsverbrecher gesucht – nicht weniger aber auch keinesfalls mehr bedeuten, als erste erotische Abenteuer und seine erste große Liebe! Intensiv hat sich der Autor dabei in diesen frühen Lebensabschnitt zurück empfunden und ihn literarisch neu belebt: „Burli“ erlebt und reflektiert die Ereignisse mit instinktivem Gespür für die Handlungsweisen und Motivationen der Menschen in seinem Umfeld, ohne dass dahinter jemals ein erhobener Zeigefinger des Autors spürbar würde.

Gebannt bin ich seinen detailliert skizzierten Momentaufnahmen gefolgt, aus denen sich mosaikartig Handlungsstrang und Rückblenden entwickeln, vor der Kulisse einer nur scheinbar idyllischen Gutbürgerlichkeit, die mit Ritualen sorgsam bewahrt wird, wie das „Abendbrot um Punkt Sieben“ – das viele Leser_Innen sicher selbst noch erinnern. Dazu lautet ein für Burli typischer Kommentar: „Als ob ein Butterbrot kalt werden könnte (…)“ Auch drakonischen Strafen seitens seiner Eltern sieht er sich immer wieder ausgesetzt, wie dem berüchtigten „Scheitelknien“, was bedeutet, stundenlang auf der Kante eines Brennholzscheites knien zu müssen. Entsprechend fühlt sich „Burli“ bei Abwesenheit seiner Eltern stets befreit. Das geschieht im Verlauf der Geschichte immer öfter, denn da ist ... die Sache mit der Vergangenheit seines Vaters, die sich Adolf, von allen „Burli“ genannt, nach und nach erschließt. Da gibt es geheimnisvolle Fremde, die plötzlich an der Tür klingeln, (…) Erwachsene, die immer ein Geheimnis mehr haben, als Burli durchschaut, aber auch (…) seinen Onkel Hubert, den Antifaschisten und Kinobetreiber. Am Ende kommt es zu einem großen Showdown. (Zitate aus dem Klappentext des Romans) Doch zu guter Letzt erweist sich der ganze Sturm, der durch das Leben des „Burli“ und seines Umfelds fegt, als ein Sturm im Wasserglas, denn 1957 werden auch die durch das Dritte Reich „Schwerbelasteten“ amnestiert. „Es gibt nach 1957 keine ehemaligen Nazis mehr in Österreich!“ so Dieter Stiefel, ein österreichischer Experte für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Genau das macht den Roman von Bernd Fischerauer in meinen Augen umso wichtiger. Über die NS-Vergangenheit in Österreich und deren Aufarbeitung nach dem Krieg, ist mir bislang nur wenig bekannt gewesen, ganz zu schweigen von einem Roman zu diesem Thema. Ein entsprechend großes Anliegen muss Bernd Fischerauer die Präsentation seines Werkes gewesen sein. Und auch ein drängendes, denn Bernd Fischerauer ist seit einiger Zeit schwer erkrankt. Daher wusste er auch nicht, ob er selbst einer Lesung gewachsen sein würde. Diesen Part übernahm für ihn in Wien niemand geringerer als der Burgschauspieler Peter Simonischeck, der derzeit weltweit als „Toni Erdmann“ im gleichnamigen Film gefeiert wird.

In München und Salzburg las der Schauspieler Johannes Silberschneider (rechts im Bild) und wurde der Qualität des Buches mit seinem Vortrag mehr als gerecht. Leider habe ich während der gesamten Lesung die Augen geschlossen gehalten, um mich ganz auf die Sprache des Autors zu konzentrieren und dabei Mimik und Gestik des Darstellers verpasst, wie mir Toni Netzle später berichtete …

Einen Roman muss man so schreiben, dass Bilder entstehen„, äußert Bernd Fischerauer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ich finde, dass ihm das wirklich gelungen ist, ebenso wie der Spagat, bei allem Detailreichtum in den Schilderungen, Spannung und Wortwitz nicht zu vernachlässigen. Das durfte ich bei meiner anschließenden Lektüre des Romans immer wieder feststellen. „Burli“ hat mich gepackt, und nur ungerne habe ich mich von dieser ebenso derb wie pointiert formulierenden Teenager-Figur verabschiedet. Deren Abenteuer auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen hätte ich gerne noch länger verfolgt; auch wegen des angenehm unsentimentalen Stils des Buches, in dem es auch endet: Eine Amnestie – und Schwamm über die Vergangenheit …

Bernd Fischerauer hat bei seiner Buchpräsentation am Eingang des Saals alle Gäste persönlich begrüßt und es sich später nicht nehmen lassen, jedes Buch – und es wurden viele – zu signieren, wofür die zahlreich erschienenen und mehrheitlich prominenten Gäste aus der Münchner TV- und Filmfamilie geduldig anstanden. Auf obigem Foto, zweite von links, ist die Schauspielerin Kathrin Ackermann zu sehen und ganz rechts Kommissar a.D. Horst Schickl, alias Wilfried Klaus aus der TV-Serie SOKO 5113.

Zur Matinée erschienen war Bernd Fischerauer mit seiner Frau, der Schauspielerin Rita Russek,(auf obigem Foto links), bekannt u.a. aus der Krimiserie Wilsberg. Bei seinem Anblick bin ich ein wenig erschrocken, hatte ich ihn doch vor einem Jahr in der Hanns-Seidel-Stiftung kennen gelernt, wo er die Aufführung einer der Simpl-Collagen von Toni Netzle und mir besucht hatte. Schmal ist er inzwischen geworden, die Behandlungen haben Spuren hinterlassen, aber er wirkte gut aufgelegt. Kein Wunder, stand doch eine Menschenmenge schon einige Zeit vor Einlass in der Occamstraße Schlange!

Uschi Glas und Toni Netzle

Uschi Glas und Toni Netzle

 Großes Hallo auch im Publikum; man kannte sich weitestgehend persönlich und ansonsten zumindest vom Sehen oder aus der Presse.Toni erläuterte mir später, dass gut zwei Drittel des Publikums ehemalige Gäste von ihr gewesen wären. Lange unterhielt sie sich mit Uschi Glas und wirbelte ansonsten fast die ganze Zeit vor und nach der Vorstellung durch das Publikum: Hier ein Küsschen vom Münchner Tatort-Kommissar Miroslav Nemec, dort ein Plausch mit TV-Star Peter Fricke, ein herzliches Wiedersehen mit dem Komponisten Eberhard Schoener, den ich auch gerne kennen gelernt hätte, da ich seine Arbeit schätze und mich seine Ausstrahlung „in echt“ ziemlich beeindruckte. Auch freute ich mich, den Regisseur Erich Neureuther, erwartungsgemäß bei einem solchen „Klassentreffen“, zu begegnen. Ihn kenne ich inzwischen recht gut, da er mir als Zeitzeuge für meine Produktion zum 450 Jubiläum des Alten Südfriedhofs ein ausführliches Interview zu seiner Familiensaga gegeben hat, die noch viel bewegter ist, als die über „Die Glückliche Familie“, mit Maria Schell, Maria Furtwängler,  Siegfried Rauch und Susanna Wellenbrinck, für die er seinerzeit reichlich TV-Lorbeeren erntete.
Bernd Fischerauer signiert mein Buch-Exemplar

Bernd Fischerauer signiert mein Buch

Die Liste der Promi-Gäste ließe sich noch endlos fortsetzen, war aber für mich nicht das Besondere an dieser Veranstaltung. Abgesehen von der Lesung beeindruckte mich vielmehr, dass sich hier, jenseits aller Roten Teppiche, einfach Menschen versammelt hatten, um die Arbeit eines Kollegen, Freundes und Wegbegleiters von Herzen zu würdigen. Dem schloss sich auch die „BUNTE“ an.Tanja May und Celia Tremper widmeten Autor, Buch und Lesung die Titelstory der Woche, inklusive eines Abdrucks des Buch-Covers, obgleich Berlinale & Co. sicher genug anderen Stoff geboten hätten. Celia Trempers Sohn Terence hatte bereits bei der Veranstaltung eine ganze Reihe Pressefotos dazu geschossen. Aber „Boulevard“ ist und bleibt von Amts wegen eben „Boulevard“ und so wurde als Titelbild das große Portrait-Foto einer ernst blickenden Rita Russek gewählt und daneben ein kleineres von ihr und Bernd.„Rita Russek – Große Angst um ihren Mann“ lautet dazu die Schlagzeile. Darunter heißt es: „Star-Regisseur Bernd Fischerauer ist schwer erkrankt. Bewundernswert, wie seine Frau ihm jetzt beisteht. Er ist die Liebe ihres Lebens„.

Melancholische Stimmung im Lustspielhaus nach der Veranstaltung

Bleibt zu hoffen, dass diese vielfältige und hochkarätig besetzte Aufmerksamkeit nicht davon ablenkt, dass mit „Burli“ ein wertvoller neuer Beitrag auf dem Buchmarkt erschienen ist, dem in Kürze übrigens das nächste Buch folgen wird, Offensichtlich kann Bernd Fischerauer, ganz wie zeitweise sein „Burli“ im Roman, nicht mehr vom Schreiben lassen …

Im SZ-Interview von Eva-Elisabeth Fischer Bekenntnisse eines Apolitischen, 9.2.17, „über seinen ersten Roman „Burli“, politische Altlasten und die Lügen nach der Stunde Null in Österreich„, räumt der Regisseur und Drehbuchautor ein: „Ich hatte immer den großen Wunsch und andererseits auch den großen Bammel davor, mich an Prosa zu wagen. (…) Du kennst so viel gute Bücher, warum sollst Du jetzt auch noch ein schlechtes schreiben?‘ „

Das „Warum“ beantwortet Konstantin Wecker in einer Würdigung zum Buch: Bernd Fischerauer weiß zu bewegen, zu verzaubern, zu erschrecken und zu berühren …“


Bernd Fischerauer / Burli / Roman ISBN: 978-3-7117-2046-7 /

288 Seiten, gebunden / €24,00 inkl. MwSt. / Picus Verlag /

auch als Ebook erhältlich


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