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Abschied von Abi Ofarim, Weltstar und Wahlmünchner, mit einer Reminiszenz von Toni Netzle aus ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“

Wie verwoben Abi Ofarim mit München und auch mit der Münchner Künstlerszene zeitlebens war, zeigten die Reaktionen der vielen MusikerInnen, Kunst- und Kulturschaffenden in den Social Medias, unmittelbar nachdem sich die Meldung seines Todes am gestrigen Freitag in Windeseile verbreitete: R.I.P.’s mit unterschiedlichsten Bild- und Textbotschaften der Anteilnahme. Als Medienkünstlerin mit nur indirektem Kontakt zur Musikbranche und zudem wenig Affinität zu Roten Teppichen, habe ich Abi nur selten gesehen, seit ich ihn vor 23 Jahren in einer griechischen Taverne in der Münchner Leopoldstraße kennen lernte. Damals war Abi der erste internationale Star, dem ich auf Tuchfühlung gegenüberstand, aber er gab sich so locker und zugewandt, dass mir für Schüchternheit gar keine Zeit blieb, zumal unsere Kinder dabei waren: Tal, Abis jüngerer Sohn, war fast noch ein Kind, während sich Gil und meine gleichaltrige Tochter Marika an der Schwelle zur Pubertät befanden und daher auf Anhieb gut miteinander klar kamen. „Gaby hat die selben Augen wie Esther“, bemerkte Abi irgendwann Gil gegenüber. Der nickte, und ich fühlte mich mehr als geschmeichelt über den Vergleich mit der so aparten Sängerin. Doch diesmal trat Abi nicht mit ihr, sondern mit seinen beiden Söhnen, aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Sandra, im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf.

Für sein Alter besaß Gil Ofarim bereits damals eine besondere Ausstrahlung und starke Bühnenpräsenz – außergewöhnlich für einen so jungen Menschen! Gils spätere Erfolge überraschen mich daher nicht. An jenem Abend stach mir zudem die ungewöhnlich starke Bindung zwischen Vater und Söhnen ins Auge. „Sein größter Stolz: seine Söhne Gil und Tal“, schreibt auch Kimberly Hoppe, am 04.05.2018, in ihrem Nachruf auf Abendzeitung.de, „die Musik im Blut haben und ihn damit stolz machen.“ Grund für mein Treffen mit den Ofarims war der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau im kommenden Jahr, zu dem ich eine Veranstaltungsreihe plante. Mit Abi besprach ich eine mögliche Zusammenarbeit, zu der es leider nie kam, sehr wohl aber zu einigen weiteren Treffen in jener Zeit. Dabei gab mir Abi einen Rat auf den Weg, in Bezug auf meine Unfähigkeit, aus meinen vielfachen Engagements auch Gewinne zu erzielen: „Gaby, wenn Du geben willst, musst Du lernen, auch zu nehmen.“  Dieser Satz begleitet mich …

Toni Netzle und Abi Ofarim Anfang der 1990er Jahre; Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Reihe „Nicht immer Simpl- Toni Netzle

Jahre später lernte ich Toni Netzle kennen, die ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl und erfuhr, dass sie in den 60er Jahren die erste war, die das damals weltberühmte Duo Esther & Abi Ofarim nach Deutschland, München und in ihren Alten Simpl holte. Sie erzählt davon in einem Kapitel ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“, das ich später für eine Folge der multimedialen Lesereihe  „Nicht immer Simpl – Toni Netzle adaptiert und bebildert habe. In Erinnerung an Abi Ofarim finden sich nachfolgend die Skript-Passage und einige meiner Bildcollagen aus der Produktion, als Hommage, zum Abschied von einem Großen des internationalen Musikgeschäfts, der zugleich einer von uns Münchner Künstlerinnen und Künstlern war – und darüber hinaus eine ausgesprochene Kämpfernatur durch alle Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens hindurch.

Intro: Abi und Esther Ofarim waren in den 60er Jahren das wohl erfolgreichste Popduo der Welt. Nur in Deutschland hatten sie noch nie gastiert. Beide waren „Sabre“, das heißt in Israel geborene Juden und sicher nicht besonders erpicht darauf, jenes Land zu besuchen, das für den Holocaust verantwortlich gewesen war. Abgesehen davon, spielten sie bereits in der internationalen Top-Liga, als sich Toni Netzle in den Kopf setzte, das Paar nicht nur nach Deutschland sondern gleich auch noch auf die kleine Bühne ihres Simpls zu holen.

Toni: Ich rief meine Freunde Renate und Imo Moszkowicz an, von denen ich wusste, dass zumindest Esther so etwas wie ein »Ziehkind« von ihnen war. Imo hatte in Israel einen Film mit Esther gedreht. Renate gab mir eine Telefonnummer in Genf, wo die Ofarims damals wohnten. Ich könne einen schönen Gruß ausrichten, ansonsten werde sie sich aber heraushalten.

In Genf bekam ich die Telefonnummer eines Londoner Plattenstudios. Dort rief ich einfach an. Nach wenigen Minuten hatte ich Abi am Telefon. In meinem entsetzlichen Englisch versuchte ich ihm zu erklären, was ich wollte, und er meinte, wenn die Gage und der Termin stimmten, würden sie kommen! Ich war baff und vor Schreck wäre mir beinahe der Hörer aus der Hand gefallen. Der Termin war schnell festgelegt, doch dann hörte ich mein Todesurteil: die Gage! Sicher war sie für heutige Verhältnisse geradezu lächerlich, aber man muss bedenken, dass es Mitte der 60er Jahre war und der SIMPL eine kleine Kneipe.

Es ging um 5.000 Mark Gage, zwei Flugtickets 1.Klasse London – München – London und eine Suite im Bayerischen Hof. Den Namen des Hotels kannten sie, davon hatte ihnen jemand vorgeschwärmt. Jetzt stellte ich die alles entscheidende Frage an Abi: »Was tut ihr dafür?«

Und Abi antwortete: »Wir stehen 24 Stunden zu deiner Verfügung!« Ohne auch nur die kleinste Rückversicherung zu haben, sagte ich fest zu. Woher ich die viele Kohle nehmen sollte, stand in den Sternen.

»Kann ich mich auf Sie verlassen? Wollen Sie einen Vertrag?«

»Wenn du wirklich eine Freundin von Renate und Imo bist, geht alles ok. Ich werde mich erkundigen. Wir sind noch drei Tage unter dieser Telefonnummer zu erreichen.«

Mein Plan war, diese Stars an eine Vorstellung der Stadt München zu verkaufen, die an diesem Abend ein gemischtes Programm präsentieren wollte. Ich war mir ganz sicher, dass mir Herr Huber, der Veranstalter, um den Hals fallen würde. Ich betrat sein Büro und sagte: »Herr Huber, ich habe die Ofarims!«

»Wen?«

»Esther und Abi Ofarim!«

»Wer ist das?«

»Das beste Gesangduo der Welt!«

»Leben die in München?«   

»Nein, in Israel.«

»Und warum wollen die bei uns singen?«

»Ich will, dass sie hier singen, weil die einfach wahnsinnig gut sind!«

»Wo singen die?«

»Auf Platten!«

»Kenne ich nicht. Habe auch noch nie ein Wort über sie gehört. Was soll mit denen sein?«

»Ich will, dass Sie sie in Ihr Programm nehmen.«

»Ich? Warum?«

»Weil Sie damit einen sensationellen Erfolg haben werden!«

»Ich will niemand, den ich nicht kenne. Außerdem würden die sicher Geld kosten und ich habe keines!«

Alle meine Träume waren dahin. Ich wollte gleich in London anrufen und den Termin absagen. Allein brachte ich das Geld nicht auf. Da stürzte aus einem angrenzenden Zimmer eine junge Frau und schrie: »Was, die Ofarims kommen! Waaahnsinn!«

»Na, die brauch ma net«, war Hubers Antwort.

Was jetzt losging, war nicht zu beschreiben. Die junge Mitarbeiterin brüllte so laut, dass aus allen Zimmern Leute zusammen liefen. Die Stadt bekomme die Ofarims angeboten und dieser Trottel lehne sie ab, das war der Tenor von allen. Um es kurz zu machen: die junge Dame scherte sich nicht um ihren Chef, gab mir schriftlich, dass sie bereit sei für einen Auftritt 1.500 DM zu bezahlen. Auch den Termin machten wir fest.

Gewonnen. Einen kleinen Teil des Geldes hatte ich also schon. Auf zum nächsten Termin.

Korridor im Bayerischen Rundfunk; hier handelt Toni Netzle den fehlenden Teil der Gage für die Ofarmis aus

Zu meinem über alles geliebten Dr. Rolf Didczhuhn, genannt Pieto, Hauptabteilungsleiter Unterhaltung beim Bayerischen Rundfunk. Bekannt als Helfer und Retter in der Not.

»Hallo, Pieto.«

»Grüß dich, Toni, was kann ich für dich tun?«, sagte er in seinem wunderbaren breiten baltischen Tonfall.

»Ich bringe dir die Ofarims zu Aufnahmen in dein Studio.«

»Danke, das ist lieb von dir, aber ich brauche sie nicht. Wir haben alles, was es von ihnen gibt.«

Er merkte, wie ich auf meinem Sessel einknickte. »Komm, erzähl mir bitte deine Geschichte. Was ist mit den Ofarims?«

Wahrheitsgetreu erzählte ich die ganze Story: Dass ich die zwei unbedingt bei mir im SIMPL auftreten lassen wolle, es aber finanziell nicht alleine verkrafte.

»Ja«, sagte Pieto nach einer Weile, »du hast recht, wenn die sowieso schon in München sind, ist es für uns doch auch viel billiger, sie zu engagieren – so ohne Spesen. Im Übrigen ist mir eingefallen, dass wir ganz dringend drei oder vier israelische Volklieder brauchen, die uns fehlen. Gut, ich halte das Studio am Vormittag frei. Gage 3.000 DM. Ich danke dir, dass du uns die Ofarims vermittelt hast.«

Ich war gerettet. Ein ganz großes Dankeschön an Pieto! Auch wenn es schon so ungeheuer lange her ist!

Mit Abi sprach ich den ganzen Ablauf telefonisch durch. Ich hatte nichts als sein Wort am Telefon und dennoch hatte ich komischer Weise überhaupt keine Angst, dass irgendetwas schief gehen könnte. Abi bot sogar noch an, die Flugtickets in London zu kaufen, weil sie dort erheblich billiger seien als in Deutschland. Ich sollte ihm dann in München das Geld geben. Ich war richtig begeistert über soviel Entgegenkommen.

Am 5. September 1964 holte ich die beiden um die Mittagszeit am Flughafen ab. Ich kannte sie von Fotos, sie mich nicht. Als ich sie von weitem sah, erschrak ich für einen kurzen Moment – ich kannte sie ja nur durchgestylt von Kopf bis Fuß. Was da auf mich zukam, war ein hinreißendes Hippie-Pärchen.

Er unrasiert, strähnige, lange Haare, in irgendwelchen undefinierbaren Klamotten und Jesuslatschen, Esther im bodenlangen Schlabberlook, barfuß, die Schuhe in der Hand. Die Begrüßung durch Abi war außergewöhnlich herzlich, Esther war äußerst schüchtern und offensichtlich todmüde. Wir fuhren zum Bayerischen Hof.

Dort bat ich sie um ihre Pässe, um ihnen das lästige Einchecken abzunehmen. Hocherhobenen Hauptes ging ich zur Rezeption. Ich brachte ja nicht irgendjemand, sondern zwei Topstars. Aus dem Augenwinkel hatte ich schon beobachtet, wie die anderen Gäste die beiden begutachteten. Esther hatte eben kein Chanel-Kostümchen an, wie die meisten der mittlerweile ganz schön blöd dreinschauenden Damen. Außerdem hatten die beiden wenig Gepäck, dafür aber zwei Gitarrenkoffer. Zu dieser Zeit war es überhaupt noch nicht normal, dass Popstars in First Class Hotels absteigen. Heute würde kein Mensch mehr auch nur einen Blick vergeuden.

An der Rezeption sagte ich stolz:

»Ich habe für Herrn und Frau Ofarim eine Suite reserviert.«

»Ja. Sind die Herrschaften denn schon da?«

»Ja natürlich, da stehen sie. Hier sind die ihre Pässe.«

Ein kurzer Blick in die israelischen Pässe.

»Leider, Frau Netzle, sind das die falschen Pässe. Haben Sie noch jemand dabei?«

»Nein. Aber wieso falsche Pässe? Da stehen die Ofarims – und hier sind ihre Pässe.«

Der Rezeptionist, sehr streng: »Für gewöhnlich stimmen Reservierung und Pass überein. Ich kann Ihnen die Suite leider nicht geben. Ich bin verpflichtet, auf Herrn und Frau Ofarim zu warten.«

»Aber Sie sehen doch, da stehen sie! Das sind die Ofarims.«

»Tut mir sehr leid, dann haben sie falsche Pässe. Ich muss das melden. Einen Moment bitte.«

Abi musste gespürt haben, dass etwas nicht stimmte und klärte das Pass-Missverständnis sofort auf. Im Grunde genommen war es meine Schuld – ich hätte wissen müssen, dass »Ofarim« ein Künstlername ist und in ihren Pässen, wenn ich mich richtig erinnere, „Reichstatt“ steht. Ich wollte die beiden noch zum Essen einladen, aber Esther wollte ins Bett, Abi eigentlich auch, aber vorher erledigten wir noch den finanziellen Teil, sie wollten später noch ein bisschen einkaufen gehen.

»Alles ok. Ich hole Euch um 20 Uhr ab. Bitte seid pünktlich!«

Wie aus dem Ei gepellt erschienen Esther und Abi am Abend zu ihrem ersten Auftritt im Theater an der Leopoldstraße, dem offiziellen Auftakt zur »Schwabinger Woche«. Abi war erstaunt über die Zusammenstellung des Programms, eine Mischung aus literarischem Kabarett und Musiknummern. Er kannte so etwas nicht. Endlich waren die beiden an der Reihe. Der »Ansager«, wie das damals noch hieß, hatte wohl wenig Ahnung, wer dieses Popduo sei und präsentierte sie nicht als etwas Besonderes. Als er dann die Namen sagte, brach ein rauschender Applaus los, der kaum enden wollte, auch als Esther und Abi schon lange auf der Bühne standen. Der »Ansager« konnte das gar nicht fassen und erkundigte sich bei jedem hinter der Bühne, wer denn das wirklich sei. Aber schließlich war auch er fasziniert.

In der Wartezeit vorher war ich schnell in meinem Laden gefahren, um zu sehen, ob überhaupt Gäste sich für »meine« Ofarims interessierten. Schon kurz nach neun Uhr Abends war der SIMPL gesteckt voll. Noch mehr Leute waren gar nicht mehr unterzubringen. Glücklich fuhr ich wieder in das Theater zurück, und erlebte den sensationellen Erfolg der beiden mit, packte sie dann in mein Auto, was sich aber als schwierig und langwierig erwies, da sie schon von Autogrammjägern umringt waren.

Im SIMPL ging ich mit Esther und Abi durch den Kücheneingang direkt in mein kleines Büro, das ich als Garderobe hergerichtet hatte. Esther setzte sich auf meinen Stuhl, den sie für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr verlassen sollte. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.  Abi und ich gingen einen Blick in die Kneipe werfen. Es waren mindestens nochmal so viele Gäste da, wie bei meinem ersten Besuch vorhin. Die Freunde saßen auf- und übereinander. Mein erster Gedanke war nur: »Hoffentlich passiert nichts!« Ich hatte eine solche Freude, dass ich mit meiner Idee, die Ofarims in den SIMPL zu holen, richtig lag, dass ich das kleine Drama, das sich in meinem Büro abspielte, zuerst gar nicht mitbekam.

Esther weigert sich, im Simpl aufzutreten!

Esther weigerte sich, nochmal aufzutreten. Sie habe ihre Arbeit für heute schon erledigt. Nun sei Schluss, sie gehe jetzt zu Bett. Ich war außer mir und musste feststellten, dass Abi ihr von unserem Deal nichts gesagt hatte. Ich versuchte mit allen Mitteln Esther zu überreden. Wollte sie mit Champagner in bessere Laune bringen, brachte ihr etwas zu essen – alles umsonst. Ich versuchte ihr ganz lieb zu erklären, wie lange die Menschen da draußen schon auf sie warteten, dass sie nur ihretwegen gekommen seien. Esther glaubte mir kein Wort: »Die Leute kennen uns doch gar nicht, die wissen überhaupt nicht wer wir sind. Die haben keine Ahnung, was für Lieder wir singen!« Wieder kam das sehr bestimmte NEIN.

Meine letzte Rettung schienen Renate und Imo Moszkowicz. Mit vielen Mühen holte ich die Beiden aus dem total überfüllen Gastraum in mein Büro. Auch ihnen gelang es nicht Esther umzustimmen. Für mich bahnte sich eine Katastrophe an. Sollte ich jetzt in der Tat gezwungen sein, auf die Bühne zu gehen, um dem Publikum zu sagen, dass Esther Ofarim sich weigert aufzutreten? Man hätte mich gesteinigt. Die meisten saßen schon seit 20 Uhr da und wollten endlich ihre Lieblinge sehen. Esther redete sich immer darauf hinaus, dass sie von einem zweiten Auftritt nichts gewusst habe, Abi habe ihr, wohl wissend, dass sie sich nie darauf eingelassen hätte, das verschwiegen. Ich solle ihr doch den Vertrag zeigen, wenn ich es schriftlich habe, werde sie auftreten. Aber einen Vertrag gab es ja nicht. »Um so besser. Dann gehe ich jetzt. Kann ich bitte ein Taxi haben?«, bat sie sehr bestimmt, aber höflich. Unsere ganzen Gespräche spielten sich natürlich in Englisch ab – ich verstand aber sowieso immer nur die Hälfte!

Auf einmal legte Abi in seiner Muttersprache los. Esther sah ihn mit großen Augen und ganz verschüchtert an, und ich ging aus meinem winzigen Büro. Das war ein richtiger Ehekrach, da wollte ich nicht dabei sein. Kurze Zeit später rumste es ungeheuer. Als ich wieder ins Büro kam, saß Esther wie ein kleines Kind unter dem Gardeobenständer. Abi erklärte mir, dass der Stuhl mit Esther plötzlich umgefallen sei. Aber jetzt meinte sie auf einmal, sie ginge auf die Bühne, sänge ein einziges Lied, und würde danach sofort ins Hotel fahren.

Hurra – wir hatten gewonnen!

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich mit wenigen Worten, schweißgebadet und total erschöpft »Esther und Abi Ofarim zum ersten mal in der Bundesrepublik und natürlich im SIMPL« ankündigte. Ein Sturm der Begeisterung brach los. Schon bevor sie auch nur einen Ton gesungen hatten, kamen die Titelwünsche aus dem Publikum. Esther muss gespürt haben, dass ihre Einschätzung unseres Publikums völlig falsch war. Sie ging nach dem ersten Lied nicht von der kleinen Bühne! Fast zwei Stunden lang war ihr Konzert – immer wieder wunderten sie sich, dass die Zuschauer eigentlich alles kannten, was bis dahin veröffentlicht war.

Toni hat gewonnen! Triumphaler Auftritt der Ofarims im Alten Simpl

Sie waren so mitreißend gut, so voller Freude, auch Esther wurde auf einmal richtig witzig. Das Publikum spornte die beiden mit seiner Begeisterung zu immer neuen Höchstleistungen an. Fast möchte ich sagen, dass ich sie nie mehr so gut erlebt habe. Vielleicht ist das aber auch zu subjektiv!

Mir ist es gelungen einen Traum, meinen Traum, in Erfüllung gehen zu lassen! Zum Schluss wussten die beiden schon gar nicht mehr, was sie singen sollten, sie wiederholten einige Nummern, und die Leute tobten.

Der SIMPL glich einem Hexenkessel. Nach Beendigung ihres Konzertes fuhr Esther auch nicht gleich weg.

Nach dem Konzert im Simpl mit Wirtin Toni Netzle, links und dem Ehepaar Moszkowicz

Noch lange saß sie mit ihren alten und neuen Freunden zusammen – ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass wir morgens um 10 Uhr im Bayerischen Rundfunk noch eine Verabredung hätten – Abi nahm sie liebevoll in den Arm und brachte sie weg. (…)

Toni Netzle heute als Zeitzeugin, Foto um 2016

Nachtrag 1: Unsere Verabschiedung wurde fast dramatisch, wir hatten uns lieb gewonnen und wollten uns nicht trennen! Wir haben uns nie mehr aus den Augen verloren.

Nachtrag 2: Leider hat sich Esther recht schnell aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Einige Male habe ich sie aber doch noch bei einem Konzert oder einer Fernsehsendung gesehen. Nach wie vor singt sie so, dass mir das Herz aufgeht!


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Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

Der Journalist und PR-Fachmann Terry Swartzberg hatte sich des Themas „Antisemitismus“ schon vor einigen Jahren angenommen: „Selbstversuch – Mit Kippa durch München„, titelte die SZ 2015, in einem Beitrag von Jakob Wetzel. Das Experiment sollte ein Jahr dauern, doch er trägt seine Kippa bis heute, besser gesagt, eine seiner über 80 Kippas, die er mir bei sich zu Hause vor einiger Zeit zeigte: Kippas von einer Vielfalt an Motiven, Farben und Materialien, wie ich sie nie vermutet hätte.

Terry Swartzberg, 2017

Inzwischen könnte ich mir Terry ohne eine Kippa schon gar nicht mehr vorstellen. Das Exemplar von Stunde Null seines Versuches befindet sich inzwischen im Haus der  Geschichte in Bonn.

Terry Swartzberg gehört der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München an und engagiert sich, neben seinen beruflichen Kampagnen, für das Gedenken an die Opfer des Holocaust. namentlich als Vorsitzender des Vereins Stolpersteine München. Seit 2017 ist er auch ein geschätztes  Vereinsmitglied  unserer Kulturplattform  jourfixe-muenchen.

Terry in seiner Küche mit der ehemaligen Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle, als Gastgeber bei einem Treffen der jourfixe-Mitglieder, Februar 2018

Nun hat Terry Swartzberg einen Offenen Brief an „alle Jüdinnen und Juden“ in Deutschland verfasst, der mich beeindruckt und in seiner Leidenschaftlichkeit auch bewegt hat, denn er differenziert in meinen Augen die aktuellen Ereignisse, Debatten und Reaktionen zum Antisemitismus in unserem Land, OHNE sie jedoch zu verharmlosen:

Terry Swartzberg

Liebe Mispacha!

Seit 1. Dezember 2012 – seit 1970 Tagen – trage ich eine Kippa in Deutschland.

Wahr ist, dass ich damit keine einzige negative Erfahrung damit gemacht habe. Ganz im Gegenteil: Egal, wo ich hingehe, sei es München, Zwickau oder Berlin-Neukölln, erlebe ich Zuspruch – wenn überhaupt etwas. Den meisten Menschen ist ein Jude mit Kippa überhaupt nicht bemerkenswert.

Und das ist gut so.

Wahr ist, dass neulich ein Mensch mit Kippa schändlichst in Berlin angegriffen wurde. Zur Tatzeit war ich Luftlinie 500 Meter von diesem bedauernswürdigen Mensch entfernt.

Als Jude, der in einem antisemitischen Land – den USA der 50. Jahre – aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener und bitterer Erfahrung, wie schrecklich sich Antisemitismus anfühlt – und welche seelischen Schmerzen er verursacht. Ich leide mit dem Opfer. Als Junge musste ich mich in Oshkosh, Wisconsin, oft mehrere Male am Tag mit Antisemiten prügeln. Wir Juden in Deutschland dürfen und werden keinen einzigen Übergriff tolerieren.

Wahr ist, dass es nicht der einzige Übergriff auf Juden war. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 32 antisemitische Übergriffe – bei schätzungsweise 300.000 hier lebenden Jüdinnen und Juden.

Wahr ist, dass 99.9% aller Jüdinnen und Juden in Deutschland nie in ihren Leben irgend eine Form von Anfeindung erleben.

Wahr ist auch, dass 16% der Deutschen virulent Antisemiten sind. Diese Zahl ist nicht zu relativieren. Es ist mir unverständlich, dass ein Sechstel der Bevölkerung mich hasst. Wahr ist aber auch, dass dieser erschreckende Prozentsatz der niedrigste auf der Welt ist.

Ebenfalls wahr ist, dass sich in Deutschland, seit Ende des 2. Weltkriegs, ein vielfältiges, schnell wachsendes und freudiges Judentum etabliert hat – bestehend aus mehr als 160 Gemeinden und aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Sozial-, Kultur, Freizeit bzw. Theologie-Einrichtungen und -Organisationen. Jüdische Jugendtreffen, Sommercamps, Wandervereine – die Liste ist lang.

Auch wahr ist, dass nirgends auf der Welt das jüdische Kultur so zelebriert wird wie in Deutschland. Man kann in Deutschland fast jeden Tag jüdische Kultur-, Film- oder Literaturtage besuchen. Darin spiegelt sich das große Interesse an der jüdischen Religion. Die Besuchergottesdienste in „meiner“ Gemeinde Beth Shalom München sind oft ausgebucht.

Auch wahr ist, dass es nirgendwo auf der Welt so viele Gruppen gibt, die sehr erfolgreich Brücken – durch Dialoge – zwischen den Religionen bauen.

Terry Swartzberg bei einer Verlegung von Stolpersteinen in München 2016, s. a. > jourfixe-Blogbeitrag

Auch wahr ist, dass kein anderes Land auf der Welt so eine vitale und sich schnell entwickelnde Erinnerungskultur wie Deutschland hat. Und dadurch ist Deutschland – die Brutstätte des Holocaust – das Land mit einer einmaligen Präsenz an jüdischer Geschichte geworden. Kern dieser Kultur und dieser Präsenz sind die Stolpersteine, von denen es mehr als 60.000 in 1.250 Städten und Gemeinden gibt. Durch die Stolpersteine sind „deutsche Städte zu begehbaren und dauerhaften Atlanten vom jüdischen Leben und Leid geworden“ sagt Professor Galit Noga-Banai von der Hebrew University in Jerusalem.

Auch wahr ist, dass diese wichtigen und zentralen Leistungen der vorbildlichen deutschen Zivilgesellschaft jetzt verteidigt werden müssen – gegen einen aufkommenden Rechtspopulismus, der sich oft antisemitisch äußert und der auch deswegen gegen die Stolpersteine poltert.

Auch wahr ist, dass viele der Politiker, die sich so vehement gegen Antisemitismus äußern, eigene Gründe für ihre Solidarität mit uns Juden haben – Gründe, die häufig mit Wahlen zu tun haben.

Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen einer anti-muslimischen Hysterie instrumentalisieren, die in Statements wie diesen zum Ausdruck kommt: „Wir müssen unsere Juden gegen den rabiaten islamischen Antisemitismus schützen“.

Und die Wahrheit ist: All das, was wir Juden in der deutschen Zivilgesellschaft darstellen und erreicht haben, lässt sich nicht verteidigen – und der Kampf gegen aufkeimende Bedrohungen lässt sich nicht gewinnen – indem wir uns verstecken und wieder die Opferrolle annehmen.

Wenn wir tatsächlich so bedroht sind, wie von Herrn Dr. Schuster des Zentralrats der Juden – den ich sehr verehre – avisiert, dann ist die Zeit wirklich gekommen, in der wir 300.000 Jüdinnen und Juden Kippot, Davidsterne und alle anderen Symbole unserer uralten und schönen Religion anziehen und auf die Straße gehen müssen!

Wir müssen jetzt tagtäglich die Konfrontation mit den Antisemiten suchen.

Ich bin bereit dazu.

Ich bin Jude, und ich lehne es ab, in einem Land zu leben, in dem ich eine zentrale Komponente meiner Identität – meine religiöse Zugehörigkeit – verstecken muss, um sicher durch den Tag zu kommen.

Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa.

Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018

Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.

Falls Ihr keine Kippot habt: Ich habe über 80 in meiner Sammlung – manche wild, manche pietätvoll, alle schön. Sie stehen Euch zu Verfügung.

Kadima! Kadima! [hebräisch für „vorwärts“]

Euer

Terry Swartzberg


Terry Swartzberg auf Wikipedia     –     Mehr zur KIPPA

Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München


Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, 25.4.2018

Zur Homepage von  www.stolpersteine.eu   –

Zur Homepage von  www.stolpersteine-muenchen.de


Weitere jourfixe-Blogbeiträge in Zusammenhang mit Terry Swartzberg:

Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von
Rosa Mittereder und Tochter Erna Wihelmine
mit einer Klartext–Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst 
Hintergründe und Details zur Kunstperformance des
„Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“
Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„We Are All The Same“ – Blick hinter die Kulissen eines ungewöhnlichen Projekts von Fotokünstler Dirk Schiff

„We All The Same“ ist ein Titel mit einer eindeutigen, fast banalen Aussage, der aber schon beim zweiten Hinsehen aneckt! Wir sind doch nicht alle gleich?

V.li.: Serena/ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, Sahra Wagenknecht/Politikerin DIE LINKE, Anuj Sharma/Designer, Darlington/Flüchtling

Im Gegenteil, es lebe der Individualismus, beseelt wie wir gerade hierzulande vom Zeitgeist der Ichbezogenheit sind. Und tatsächlich zeichnet ja auch jeden von uns etwas einzigartiges aus. Um das hervorzuheben, hat Dirk Schiff alle seine Modelle vor ein und dem selben dunkeln Hintergrund abgelichtet. Dieses puristische Konzept ist zwar nicht überall gleichermaßen auf Begeisterung gestoßen, die Konsequenz des Fotokünstlers in diesem Punkt hat sich jedoch gelohnt: Entstanden sind eindrucksvolle Momentaufnahmen von Menschen unterschiedlichster Couleur, ob nun Promi oder Flüchtling, Kind oder älterer Mensch, ob aus Europa, Asien, Afrika oder den USA.

Mir persönlich entlockt diese Vielfalt an Einzigartigem großen Respekt vor jedem einzelnen der Modelle, die zudem vor dem Grundgesetz ja alle gleich sein sollten. Betonung auf „sollten“.

Der Fotoband WE ARE ALL THE SAME von Dirk Schiffportraitiert.de,  € 22,50 im SHOP SALON Literatur VERLAG von Franz Westner, Hardcover, 102 Seiten, ISBN-13 : 978-3-939321-79-8 Mit Zitaten u. Portraits ganz unterschiedlicher Prominenter, Flüchtlinge und Menschen von nebenan

Uschi Glas schreibt dazu im Vorwort zum begleitenden Fotobuch: „Es geht nicht darum, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir alle Menschen sind. Und dass es alle verdienen, gleich behandelt zu werden; vor dem Gesetz, bei der Wohnungssuche, bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz – und nicht zuletzt in der Schule.
Besonders wichtig ist mir Chancengerechtigkeit. Das ist das, was ich unter Gleichheit verstehe: Schon Kinder sollen unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft die gleichen Möglichkeiten haben.“

Fotograf Dirk Schiff mit Uschi Glas und Make-up-Artist Coriful

Entsprechend tatkräftig hat sie Dirk Schiffs Projekt unterstützt, der einen Teil des Erlöses an ihren Verein „brotZeit e.V.“ spenden wird, den anderen an die „Flüchtlingshilfe München e.V.“  Unter anderem vermittelte die Schauspielerin Dirk über „brotZeit e.V.“ den Kontakt zu Kindern aus unterschiedlichsten Ländern, mit denen dem Fotograf einige der intensivsten Aufnahmen seiner Serie gelang.

Nicht um Brotzeit sondern um Haute Cusine drehte sich hingegen das Shooting in Johann Lafers Table d’Or, zu dem der bekannte TV-Koch Dirk in vollem Ornat empfing …

Dirk Schiff mit Sternekoch Johann Lafers, in dessen Gourmet-Tempel „Table d’or“

Auf das sicherlich ungewöhnlichste Fotoshooting begleitete ich Dirk Schiff selbst: Es führte uns in die Berge Südtirols, wo der legendäre Bergsteiger Reinhold Messner eines seiner Bergmuseen betreibt. Erwartet hatten wir eine Hochburg voller Messner-Devotionalien; statt dessen empfing uns zwar tatsächlich eine Burg auf felsigem Terrain (Verbotschild für Highheels inklusive!), allerdings ausgestaltet zu einem märchenhaft anmutendem Panoptikum, voller Erinnerungen an Messners Touren über die Bergmassive dieser Welt:

Foto-Audienz bei einem ganz Großen: In Reinhold Messners Bergmuseum, Bozen, Juni 2017, Foto Dirk Schiff

Eine Grotte mit Souveniers aus den Anden, in Lichtspiele getaucht, ein Turmzimmer mit sakralen Gegenständen aus dem Himalaya, beseelt mittels einer Klang-Installation. An den ungewöhnlichsten Stellen, auf Glastüren, am Gemäuer, in Steinboden eingelassen, verteilten sich philosophische Zitate von „A“ wie Aristoteles, bis „Y“ wie Neil Young. Eine schmaler Steg führte zum Rundgang über die Burgmauern und bot einen umwerfenden Blick über Bozen. Die ausrangierten Sessel einer Schwebebahn luden zur Pause ein und Buddhas bevölkerten das Gelände ebenso, wie historische Elemente aus dem Mittelalter und moderne Skulpturen.

Selfies kann Dirk auch besser als ich; hier vor einem monumentalen Berggemälde mit Messner in dessen Museum bei Bozen, Juni 2017

Reinhold Messner selbst erwies sich als beinahe scheu, ganz das Gegenteil des Bildes, das er bei öffentlichen Auftritten vermittelt. Mich schüchtert soviel Zurückhaltung ja ein, nicht so Dirk, dem es – ich weiß nicht wie – gelang, in kürzester Zeit diesen Mann fotografisch genau als den Menschen einzufangen, der sein Leben zu großem inneren Reichtum verdichtet und für die Nachwelt zusammengetragen hat. 

Albrecht von Weech

Überhaupt bot sich Dirk Schiff, im Rahmen seiner Fotoshootings, ein Programm absoluter Kontraste. Dennoch ist es ihm gelungen, auch bei den extravagantesten Modellen, zum Kern ihrer Persönlichkeit durchzudringen, wie zum Beispiel bei Albrecht von Weech, Conférencier, Chansonnier und aktuell jourfixe-Künstler im Historical Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

„Mich hat beeindruckt, welche Geschichte hinter den Gesichtern von Menschen steckt, …“   so Dirk Schiff. Er berichtet weiter: „Für das Projekt wurden Flüchtlinge, Prominente und Personen wie Sie und ich fotografiert.“ In der Tat finden sich in der Ausstellung Publizisten wie Walter Kohl neben ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen wie Serena (s. Foto ganz oben), Weltstars wie Mario Adorf neben Schwabinger Ikonen, wie die ehemalige Prominentenwirtin des Alten Simpls, Toni Netzle, der Posterkönig Wolfgang Roucka oder der Stadtschreiber von Minga, W. A. Riegerhof (Hallo, KIR München), bekannte TV-Gesichter, wie Telenovela-Star Louisa von Spies oder Florian Stadler, „Influencer“, wie Jeanette Graf und Journalisten, wie Robert Pölzer, BUNTE-Chefredakteur .

W. A. Riegerhof, Stadtschreiber von Minga (u.a. Hallo, KIR München)

Für mich persönlich jedoch bewirkte  „We Are All The Same“, dass ich dank des Shootings nicht nur ein wunderschönes Foto von mir bekommen habe, das ich seitdem als Profil-Foto auf allen Social-Medias nutze, sondern auch, dass ich Dirk und seine bezaubernde Familie während dieser Zusammenarbeit kennen und schätzen gelernt habe, eine sicher nachhaltige Verbindung, auch über dieses Projekt hinaus …

Dirk und ich diskutieren Einstellungen beim Fotoshootings zu „We Are All The Same“, März 2017, Foto: Anne Schiff

Ausgestellt werden die Bilder im Hotel Le Méridien Munich. Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.

Die Vernissage findet „mit großem Bahnhof“ am Mittwoch, den 4. Oktober 2017 statt, als Resonanz auf die vielen bekannten Persönlichkeiten, die es Dirk Schiff gelungen ist, für dieses Projekt ins Boot zu holen, wohl wissend, dass klingende Namen für verstärktes öffentliches Interesse sorgen und dabei die Aufmerksamkeit auf sein Kernanliegen bündeln würden:

Modou, Flüchtling aus Senegal

Eine Lanze für all die Menschen zu brechen, die unserer Hife bedürfen, durch Empathie, Respekt und vor allem auch ganz konkret durch Spenden! Entsprechend werden zur Vernissage auch VertreterInnen weiterer Hilfsorganisationen erwartet: Allen voran Jutta Speidel, die sich für Dirks Projekt als Modell zur Verfügung gestellt hat und selbst, mit ihrem Verein „Horizont e.V.“, alleinerziehenden Müttern in prekärer Lage beisteht. Desweiteren Petra Windisch de Lates, Gründerin und Leiterin, seit nunmehr fast !28 Jahren, der Deutschen Lebensbrücke e.V.

Angesagt zur Vernissage hat sich auch ein neues jourfixe-Mitglied, das sich mit dem Anliegen dieser Benefiz-Veranstaltung ganz besonders identifizieren dürfte: Der syrische Schriftsteller Foud Yazij. In seiner Heimat zählte er zu den bekanntesten Autoren, bis er sich zu einem der Wortführer des Arabischen Frühlings in Homs aufschwang und fliehen musste. Danke eines Stipendiums des PEN-Clubs Deutschland lebt er aktuell in München, wo er an einem neuen Buch arbeitet, in dem er seine Sicht auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre in Syrien, in Romanform, darstellen wird.

„(…) Straßenlaternen flüstern leise – Auf vertraute Art und Weise – Unsere Geschichten, denn in jedem Stück Asphalt von dir – Steckt was von mir (…)“ 

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So lautet eine Zeile aus dem Song der jungen Liedermacherin Julia Kautz, die als musikalisches Highlight bei der Vernissage auftritt:  Auch sie ist eine „Zugereiste“, die mit dieser Liebeserklärung an ihre Wahl-Heimatstadt München derzeit im aktuellen Werbespot der Stadtwerke München zu hören ist, der auf Hochrotation im Kino, TV, Internet und Radio läuft. Mit ihrem Lied schließt sich an diesem Abend thematisch ein Kreis, denn so unterschiedlich wir wirken und handeln mögen, in unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten sind wir uns alle gleich …


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Im Schatten der Laterne – Nachlese zur Aufführung des „Lili Marleen“-Historicals in der Hanns-Seidel-Stiftung München

Am Ende war das Publikum eingeladen, selbst „Lili Marleen“ zu singen, an der Gitarre begleitet von Artur Kolbe, Referatsleiter bei der Hanns-Seidel-Stiftung und Gastgeber des Abends, von dem auch die Idee stammte.

Artur Kolbe, Referatsleiter bei der HSS und Gastgeber des Abends; Foto: Julia Forbes

Zugegebenermaßen: Im Vorfeld stand ich diesem Vorhaben ziemlich skeptisch gegenüber – Publikumsreaktionen sind schwer einzuschätzen – und Toni Netzle befand, in der ihr eigenen, drastischen Art, das Lied im Publikum zu singen, sei ein „Sakrileg“. Mir hingegen bescherte es wider Erwarten einen hoch emotionalen Moment, den ich als Echo des Publikums auf das empfand, was wir zuvor hatten Revue passieren lassen: Die Geschichte des Liedes von „Lili Marleen“, ihrer Soldat_Innen und der an ihrem Erfolg beteiligten Künstler_Innen.

Toni Netzle und ich während der Präsentation; Foto: Julia Forbes

Einigen Gästen standen beim Singen Tränen in den Augen,  verbanden sich doch für sie, wie sie mir teilweise später erzählten, mit diesem Lied ganz persönliche und auch tragische Erinnerungen. Andere Zuschauer_Innen hingegen sahen in diesem Augenblick das Gespenst des Nationalsozialismus erneut heraufbeschworen, zu eng schien ihnen das Lied mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verwoben …

Vor der HSS: Filmemacherin Iovanka Gaspar, die die beeindruckende Dokumentation „Dui Rroma“  über die Begegnung zweier ziganer Generationen vor dem Hintergrund des Holocaust gedreht hat; neben ihr unsere Sinteza-Freundin Ramona Röder, Foto: Edith Grube

Einige unserer Gäste mit ziganem Hintergrund erinnerte „Lili Marleen“ nicht nur an das Leid, dass ihren Familien im Dritten Reich widerfahren war, sondern auch an die traumatische Zeit der Balkan Kriege vor zwanzig Jahren, denn dieses Lied ist weitaus mehr, als nur Relikt aus nationalsozialistischen Schreckenszeiten. Zwar trat es 1941, über den Wehrmacht-Sender Radio Belgrad, seinen internationalen Siegeszug an, der Text des Lieds  jedoch fügte sich in keiner Weise in die Diktion der Nazi-Propaganda ein:

(…) Alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang
Und sollte mir ein Leid gescheh’n
Wer wird bei der Laterne stehen
Mit dir, Lili Marleen?

Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund
Küßt mich wie im Traume, dein verliebter Mund

Eine so deutliche Anspielung auf den Soldatentod konnte einem Regime mit dauerhaftem Bedarf an Kanonenfutter nicht gefallen, insbesondere, weil in dem Lied auch noch die Sinnlosigkeit eines solchen Endes angesprochen wird: „(…) mich vergaß sie lang …“.  Goebbels befand, dem Lied „hafte Leichengeruch an“, konnte aber nichts gegen dessen Erfolg ausrichten! Der große Zuspruch, vor allem unter den Soldaten, erklärt sich unter anderem dadurch, das der Text von einem der ihren, einem Gardefüsilier, zwischen 1915 und 1935 geschrieben worden war, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, dem Autor und Grafiker Hans Leip.

„Lili Marleen“ Originalaufnahme des Orchesters Seidler-Winkler, gesungen von Lale Andersen

In dessen Worten, ergänzt durch die eingängige Musik von Norbert Schultze sowie den Zapfenstreich des Orchesters Seidler-Winkler, fanden im Zweiten Weltkrieg insbesondere die Soldaten sich selbst wieder und ein Stück Heimat in der Fremde –

Bis heute besteht diese Identifikation, wie zu Anfang und Ende meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“ dargestellt und im anschließenden Vortrag von Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D.,  erläutert. Ohlert berichtete über seine Begegnung mit „Lili Marleen“ im Kosovo, wo das Lied inzwischen als Zapfenstreich diente, ausgestrahlt vom Bundeswehrsender Radio Andernach,  in der Originalfassung mit Lale Andersen, während Kollegin Marlene Dietrich, mit ihrer englischen Coverversion, die amerikanischen Soldaten ins Bett schickte.

Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. während seines Vortrags, daneben ein Foto aus seinem Vortrag

Wie sehr das Lied bis heute die Soldat_Innen anspricht, schildert auch Hauptmann Cordula Hochstrate,  in einer O-Ton-Einblendung der Produktion: „… dass man damit konfrontiert ist, auch zu sterben.  Ich glaube, das ist das, was alle Soldaten verbindet,  was auch der Text mit vermittelt, dass es gerade eben auch nicht gut ausgeht in dem Lied. (…)  Jeder (von uns) der das Lied hört, hat seine Vorstellung davon, wie die Kaserne aussieht, wie er selber davor steht und wie er sein Mädchen oder (lacht) ich dann eben meinen Jungen in den Arm nehme und ich seh mich vor der Laterne …“

Solange diese Laterne nicht verlischt, wird das Lied auch weiterhin Kriegsschauplätze in aller Welt beschallen. Nur spielt sich das inzwischen weit entfernt von unserem Alltagsleben ab. Eine wenig zielführende Verdrängung von Tatsachen, wenn die Laterne eines Tages verlöschen soll. Insofern fand ich es schade, dass die Soldat_Innen der Bundeswehr, die an diesem Abend zu Gast waren, in Zivil erschienen, vermutlich der momentanen politischen Stimmung geschuldet. Camouflage einmal anders herum? Dabei ging es diesmal eben nicht um die große Politik selbst, sondern um diejenigen, die im Ernstfall dafür gerade stehen müssen, verewigt in einem Lied, das bis heute die Menschen in Uniform anspricht, deren Sehnsucht und Schicksal.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Das Lied von Lili Marleen“

Die Geschichte dieses Liedes enttarnt auch die Sinnlosigkeit des Krieges. In einem Feature des Hessischen Rundfunks „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith und Sabine Milewski, berichtet 2000 Komponist Norbert Schultze: „Ich bekam sehr viele Briefe von der Front. … Und zu diesen vielen Briefen gehörten vor allem solche aus Afrika … von der Afrikafront … Dass die gesagt haben: „Wir spielen abends Lili Marleen, und drüben, da lassen wir die Lautsprecher extra so, dass die drüben mithören können. Und es hat sich herausgestellt, dass wir eine Art Waffenruhe machen, damit wir in Ruhe unser Lied hören können. Das ist eine gegenseitige Vereinbarung, ohne, dass darüber gesprochen wird. Aber sie wird eingehalten. Und wir wissen genau: Nach dem letzten Ton von ‚Lili Marleen‘ geht die Ballerei wieder los. … „

Vor diesem Hintergrund  finde ich es inzwischen sehr, sehr gut, dass „Lili Marleen“ nach der Show vom Publikum gesungen wurde! Bleibt nur zu hoffen, dass das Lied nicht verstummen und seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten möge, bis die Laterne verlischt …


Die Titelcollage zeigt, zwischen Schauspielerin und Autorin Toni Netzle und HSS-Referatsleiter Artur Kolbe, die Betreuerin und Moderatorin der dortigen Filmseminare, Christine Weissbarth.


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Lili Marleen untot im Simpl       Mythos Lili Marleen


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„Mythos Lili Marleen – Ein Lied an allen Fronten“

Das Bild zeigt ein Pärchen auf dem Rückweg, zwischen Laterne und Kasernentor, verloren in einem verwunschenen Wald – einer zerbombten Kulisse aus dem Ersten Weltkrieg … Damals, 1915, nahm nämlich die Geschichte des kleinen Liedchens von der Lili Marleen ihren Anfang und trat eine lange, tragische Reise an, die an die Kriegschauplätze dieser Welt dieser Welt führte .. bis heute.

Dessen Etappen begleitet das Historical „Mythos Lili Marleen“ von Gaby dos Santos, eine Lesung zu historischen Bild-, Klang und Ton-Einblendungen, in denen zahlreiche Zeitzeuginnen wie Sängerin Lale Andersen und Komponist Norbert Schultze zu Wort kommen, unter Verwendung des Hörfunk-Features „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith / Sabine Milewski (Hessischer Rundfunk/2000).

Wer aber war sie eigentlich, diese Lili Marleen und wie gelang es ihr, die Schicksale unterschiedlichster Künstler und Künstlerinnen bis heute zu verknüpfen? Und im Dritten Reich sogar Goebbels zu trotzen. Der mochte das Lied überhaupt nicht, befand, es hafte ihm Leichengeruch an. Zu Recht: Die Urfassung des Textes schrieb der Grafiker und Autor Hans Leip als junger Soldat 1915, wenige Tage bevor er an die Front musste. Die letzten Strophen fügte er nachträglich hinzu, noch unter dem Eindruck der Schreckensbilder, denen er im Krieg begegnet war. Sogar eine kleine Melodie schrieb der vielseitige Künstler, die im Historical zu hören ist.

Li: Rudolf Zink sen., Komponist der Urfassung von „Lili Marleen“, re: Cover von Leips „Kleiner Hafenorgel“, aus der der Text stammt

Der Text fand Eingang in sein Buchband „Die kleine Hafenorgel“, dessen Texte, darunter besagte „Lili Marleen“ gleich von mehreren Komponisten vertont wurden. Einer von ihnen, Norbert Schultze, schaffte mit seiner Version der „Lili“ den großen Durchbruch und spendete damit Freund und Feind via Radio Belgrad täglich ein paar Minuten Frieden. Gleichzeitig stand Schultze auf der Gehaltsliste von Goebbels, da er sich auf das Vertonen schmissiger Propaganda-Texte verstand; ein Makel, der nach dem Krieg an ihm haften blieb.

Auch Lale Andersen, die unvergessene Interpretin, blieb unter die Laterne gebannt – ein Leben lang – und ihr jüngster Sohn, Michael Wilke, gleich mit. Mit ihm war ich befreundet, ganz privat und schon lange bevor ich meine Bühnenarbeit begann. Michael verstarb vor kurzem. Ihm ist diese Reprise gewidmet … So schließen sich schicksalhaft Kreise, denn über ihn habe ich Toni Netzle kennengelernt, 2010, während der Uraufführung meines „Lili-Marleen-Historicals im Gasteig.

Gasteig-Premiere 2010: V.li: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten Rudolf Zink) Dorli Diehl (Tochter des Simpl-Wirts, 1935-1943, Theo Prosel), Brigitt Salvatori-Galland (Witwe von Komponist Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Lale Andersen), Toni Netzle halbverdeckt (Simpl-Wirtin 1960 – 1992), Gaby dos Santos, Mathias Deinert (Lale Andersen Archiv)

Gemeinsam mit der prominenten Münchner Schauspielerin, Autorin und ehemaligen Simpl-Wirtin Toni Netzle ging Gaby dos Santos (Buch/Produktion) im Mai 2017 mit ihrem Lili-Marleen-Historical in Reprise, aus Anlass des Todes von Lale Andersens Sohn Michael Wilke. Gezeigt wurde die Produktion im Rahmen der Filmseminar-Reihe der Hanns-Seidel-Stiftung, moderiert von Christine Weissbarth.

Im Anschluss referierte Oberstleutnant a.D. Wolfgang Ohlert über die Bedeutung des Liedes bis heute, für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, das leider immer noch gesungen wird – an den Kriegschauplätzen dieser Welt …

Dazu mehr in Kürze in einer Nachlese

Mehr auch im jourfixe-Blogbeitrag „Lili Marleen untot im Simpl“


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„That’s It“ – Gedanken und Reminiszenzen zum Tod von SPD-Politiker Horst Ehmke

„Toni Netzle … ja das ist schon endlos lange her. In Tonis Simpel traf sich alle Welt und wurde dabei zu einer anderen Welt: Bunter, lockerer, toleranter …“
Es war ein damals schon unendlich müde klingender, zurück gezogen lebender HORST EHMKE, der mir 2012 obige Aussagen zu Toni Netzle und ihrem Alten Simpl ins Telefon diktierte. Lange diskutierten Artist-Studio-Chef Peter Lang und ich danach, ob wir das Material für unsere Produktion überhaupt verwenden sollten. Einerseits stellte dieses Telefon-Interview ein Zeitdokument dar, andererseits führte es mit schonungsloser Offenheit die Flüchtigkeit des Lebens vor.  Ausschlaggebend  waren für mich schließlich die Werte, die Horst Ehmke als Gütesiegel für das Lokal aufzählte: „Bunter, lockerer, toleranter …“ 

Horst Ehmke flippert mit Toni Netzle in deren historischem Alten Simpl, umm 1980

Diese Eigenschaften erschienen ihm im Rückblick als erwähnenswert am Alten Simpl, nicht die mondäne Aura, die ein solches Lokal umgibt. Die schien ihm nur Beigabe gewesen zu sein, denn mit keinem Wort erwähnte er die Prominenz aus Politik, Showbiz, Industrie und Wirtschaft, mit der er im kleinen Simpl-Büro so manches ausgeheckt, am Tresen gefeiert oder geflippert hatte, mit allen auf Augenhöhe, als einer von ihnen. Kein „names dropping“, wie bei so vielen anderen, hinter denen eine große Zeit liegt. Das hat mich berührt. Dass Ehmke vor allem den respektvollen Umgang geschätzt hat, den die Gäste im Alten Simpl miteinander pflegten, sagt einiges über den Menschen Horst Ehmke aus, der abschließend resümierte: Ohne Simpl wäre Toni nichts, aber auch der Simpl ohne seine Wirtin nichts gewesen. Mit einem kategorischen „That’s it!“ beendete er seine Überlegungen.

Horst Ehmke mit Toni Netzle in den 80er Jahren bei einem CSU-Ball

Letztes Jahr, im Zuge der Produktion einer neuer Folge unserer Simpl-Reihe, erhielt ich dann von Toni die Aufzeichnung eines Gesprächs, das sie in den 80er Jahren mit dem SPD-Politiker für UFA-Radio geführt und kürzlich wieder entdeckt hatte. Dieses Zeitdokument vom 13.02.1985 erschütterte mich, denn ein scheinbar vollkommen anderer Mann plauderte dort locker mit Toni über Gott, die Welt, politische Debattenkultur und natürlich Franz Josef Strauß. Ich hörte einen weltgewandten, schlagfertigen Mann sprechen, voller Elan und Esprit, weit entfernt von der verhaltenen Stimme, die mir drei Jahre vorher das Telefon-Interview gegeben hatte.

Dieses „That’s it“, mit dem 2012 Ehmke sein Statement beendet hatte, klang so endgültig und wehmütig, dass ich es für die Episode   „Große Politik am Simpl-Tresen“ übernommen habe. Für mich ist das kurze Gespräch mit Ehmke bis heute eines der Interviews geblieben, die sich mir am nachhaltigsten eingeprägt haben, obgleich es nur wenige Minuten dauerte.

„That’s it!“ Für Horst Ehmke gilt es nun auch jenseits aller Scheinwerfer.


Zum Ausschnitt aus dem Interview von Toni Netzle mit Horst Ehmke vom 13. Februar 1985 für UFA-Radio


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„Burli“ – Regisseur Bernd Fischerauer präsentiert einen beeindruckenden Roman vor prominentem Publikum

Es verbirgt sich einiges aus Bernd Fischerauers persönlicher Biografie in der Titelfigur seines Debüt-Romans „Burli“, den der bekannte Regisseur und Drehbuchautor vergangene Woche in Till Hoffmanns Schwabinger Lustspielhaus vorstellte.

Das Lustspielhaus erwies sich als atmosphärisch kongeniale Spielstätte für das Klassentreffen der Münchner TV- und Filmfamilie

Bernd Fischerauer, Jahrgang 1943, wuchs wie sein „Burli“, im Graz der Nachkriegsjahre und des Wirtschaftswunders auf, als sich noch so mancher brauner Filz unter sorgfältig ausgekämmten Teppichfransen verbarg. Die gradlinige, gleichermaßen unschuldige wie schelmische „Ich“-Perspektive des jugendlichen Erzählers entlarvt jedoch die kleinen und großen Lebenslügen der Erwachsenen. Besonders berührt hat mich dabei die liebevolle Darstellung der Gefühls- und Gedankenwelt eines typischen Teenagers, dem die Ungeheuerlichkeiten des Lebens – sein Vater wird unter anderem als Kriegsverbrecher gesucht – nicht weniger aber auch keinesfalls mehr bedeuten, als erste erotische Abenteuer und seine erste große Liebe! Intensiv hat sich der Autor dabei in diesen frühen Lebensabschnitt zurück empfunden und ihn literarisch neu belebt: „Burli“ erlebt und reflektiert die Ereignisse mit instinktivem Gespür für die Handlungsweisen und Motivationen der Menschen in seinem Umfeld, ohne dass dahinter jemals ein erhobener Zeigefinger des Autors spürbar würde.

Gebannt bin ich seinen detailliert skizzierten Momentaufnahmen gefolgt, aus denen sich mosaikartig Handlungsstrang und Rückblenden entwickeln, vor der Kulisse einer nur scheinbar idyllischen Gutbürgerlichkeit, die mit Ritualen sorgsam bewahrt wird, wie das „Abendbrot um Punkt Sieben“ – das viele Leser_Innen sicher selbst noch erinnern. Dazu lautet ein für Burli typischer Kommentar: „Als ob ein Butterbrot kalt werden könnte (…)“ Auch drakonischen Strafen seitens seiner Eltern sieht er sich immer wieder ausgesetzt, wie dem berüchtigten „Scheitelknien“, was bedeutet, stundenlang auf der Kante eines Brennholzscheites knien zu müssen. Entsprechend fühlt sich „Burli“ bei Abwesenheit seiner Eltern stets befreit. Das geschieht im Verlauf der Geschichte immer öfter, denn da ist ... die Sache mit der Vergangenheit seines Vaters, die sich Adolf, von allen „Burli“ genannt, nach und nach erschließt. Da gibt es geheimnisvolle Fremde, die plötzlich an der Tür klingeln, (…) Erwachsene, die immer ein Geheimnis mehr haben, als Burli durchschaut, aber auch (…) seinen Onkel Hubert, den Antifaschisten und Kinobetreiber. Am Ende kommt es zu einem großen Showdown. (Zitate aus dem Klappentext des Romans) Doch zu guter Letzt erweist sich der ganze Sturm, der durch das Leben des „Burli“ und seines Umfelds fegt, als ein Sturm im Wasserglas, denn 1957 werden auch die durch das Dritte Reich „Schwerbelasteten“ amnestiert. „Es gibt nach 1957 keine ehemaligen Nazis mehr in Österreich!“ so Dieter Stiefel, ein österreichischer Experte für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Genau das macht den Roman von Bernd Fischerauer in meinen Augen umso wichtiger. Über die NS-Vergangenheit in Österreich und deren Aufarbeitung nach dem Krieg, ist mir bislang nur wenig bekannt gewesen, ganz zu schweigen von einem Roman zu diesem Thema. Ein entsprechend großes Anliegen muss Bernd Fischerauer die Präsentation seines Werkes gewesen sein. Und auch ein drängendes, denn Bernd Fischerauer ist seit einiger Zeit schwer erkrankt. Daher wusste er auch nicht, ob er selbst einer Lesung gewachsen sein würde. Diesen Part übernahm für ihn in Wien niemand geringerer als der Burgschauspieler Peter Simonischeck, der derzeit weltweit als „Toni Erdmann“ im gleichnamigen Film gefeiert wird.

In München und Salzburg las der Schauspieler Johannes Silberschneider (rechts im Bild) und wurde der Qualität des Buches mit seinem Vortrag mehr als gerecht. Leider habe ich während der gesamten Lesung die Augen geschlossen gehalten, um mich ganz auf die Sprache des Autors zu konzentrieren und dabei Mimik und Gestik des Darstellers verpasst, wie mir Toni Netzle später berichtete …

Einen Roman muss man so schreiben, dass Bilder entstehen„, äußert Bernd Fischerauer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ich finde, dass ihm das wirklich gelungen ist, ebenso wie der Spagat, bei allem Detailreichtum in den Schilderungen, Spannung und Wortwitz nicht zu vernachlässigen. Das durfte ich bei meiner anschließenden Lektüre des Romans immer wieder feststellen. „Burli“ hat mich gepackt, und nur ungerne habe ich mich von dieser ebenso derb wie pointiert formulierenden Teenager-Figur verabschiedet. Deren Abenteuer auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen hätte ich gerne noch länger verfolgt; auch wegen des angenehm unsentimentalen Stils des Buches, in dem es auch endet: Eine Amnestie – und Schwamm über die Vergangenheit …

Bernd Fischerauer hat bei seiner Buchpräsentation am Eingang des Saals alle Gäste persönlich begrüßt und es sich später nicht nehmen lassen, jedes Buch – und es wurden viele – zu signieren, wofür die zahlreich erschienenen und mehrheitlich prominenten Gäste aus der Münchner TV- und Filmfamilie geduldig anstanden. Auf obigem Foto, zweite von links, ist die Schauspielerin Kathrin Ackermann zu sehen und ganz rechts Kommissar a.D. Horst Schickl, alias Wilfried Klaus aus der TV-Serie SOKO 5113.

Zur Matinée erschienen war Bernd Fischerauer mit seiner Frau, der Schauspielerin Rita Russek,(auf obigem Foto links), bekannt u.a. aus der Krimiserie Wilsberg. Bei seinem Anblick bin ich ein wenig erschrocken, hatte ich ihn doch vor einem Jahr in der Hanns-Seidel-Stiftung kennen gelernt, wo er die Aufführung einer der Simpl-Collagen von Toni Netzle und mir besucht hatte. Schmal ist er inzwischen geworden, die Behandlungen haben Spuren hinterlassen, aber er wirkte gut aufgelegt. Kein Wunder, stand doch eine Menschenmenge schon einige Zeit vor Einlass in der Occamstraße Schlange!

Uschi Glas und Toni Netzle

Uschi Glas und Toni Netzle

 Großes Hallo auch im Publikum; man kannte sich weitestgehend persönlich und ansonsten zumindest vom Sehen oder aus der Presse.Toni erläuterte mir später, dass gut zwei Drittel des Publikums ehemalige Gäste von ihr gewesen wären. Lange unterhielt sie sich mit Uschi Glas und wirbelte ansonsten fast die ganze Zeit vor und nach der Vorstellung durch das Publikum: Hier ein Küsschen vom Münchner Tatort-Kommissar Miroslav Nemec, dort ein Plausch mit TV-Star Peter Fricke, ein herzliches Wiedersehen mit dem Komponisten Eberhard Schoener, den ich auch gerne kennen gelernt hätte, da ich seine Arbeit schätze und mich seine Ausstrahlung „in echt“ ziemlich beeindruckte. Auch freute ich mich, den Regisseur Erich Neureuther, erwartungsgemäß bei einem solchen „Klassentreffen“, zu begegnen. Ihn kenne ich inzwischen recht gut, da er mir als Zeitzeuge für meine Produktion zum 450 Jubiläum des Alten Südfriedhofs ein ausführliches Interview zu seiner Familiensaga gegeben hat, die noch viel bewegter ist, als die über „Die Glückliche Familie“, mit Maria Schell, Maria Furtwängler,  Siegfried Rauch und Susanna Wellenbrinck, für die er seinerzeit reichlich TV-Lorbeeren erntete.
Bernd Fischerauer signiert mein Buch-Exemplar

Bernd Fischerauer signiert mein Buch

Die Liste der Promi-Gäste ließe sich noch endlos fortsetzen, war aber für mich nicht das Besondere an dieser Veranstaltung. Abgesehen von der Lesung beeindruckte mich vielmehr, dass sich hier, jenseits aller Roten Teppiche, einfach Menschen versammelt hatten, um die Arbeit eines Kollegen, Freundes und Wegbegleiters von Herzen zu würdigen. Dem schloss sich auch die „BUNTE“ an.Tanja May und Celia Tremper widmeten Autor, Buch und Lesung die Titelstory der Woche, inklusive eines Abdrucks des Buch-Covers, obgleich Berlinale & Co. sicher genug anderen Stoff geboten hätten. Celia Trempers Sohn Terence hatte bereits bei der Veranstaltung eine ganze Reihe Pressefotos dazu geschossen. Aber „Boulevard“ ist und bleibt von Amts wegen eben „Boulevard“ und so wurde als Titelbild das große Portrait-Foto einer ernst blickenden Rita Russek gewählt und daneben ein kleineres von ihr und Bernd.„Rita Russek – Große Angst um ihren Mann“ lautet dazu die Schlagzeile. Darunter heißt es: „Star-Regisseur Bernd Fischerauer ist schwer erkrankt. Bewundernswert, wie seine Frau ihm jetzt beisteht. Er ist die Liebe ihres Lebens„.

Melancholische Stimmung im Lustspielhaus nach der Veranstaltung

Bleibt zu hoffen, dass diese vielfältige und hochkarätig besetzte Aufmerksamkeit nicht davon ablenkt, dass mit „Burli“ ein wertvoller neuer Beitrag auf dem Buchmarkt erschienen ist, dem in Kürze übrigens das nächste Buch folgen wird, Offensichtlich kann Bernd Fischerauer, ganz wie zeitweise sein „Burli“ im Roman, nicht mehr vom Schreiben lassen …

Im SZ-Interview von Eva-Elisabeth Fischer Bekenntnisse eines Apolitischen, 9.2.17, „über seinen ersten Roman „Burli“, politische Altlasten und die Lügen nach der Stunde Null in Österreich„, räumt der Regisseur und Drehbuchautor ein: „Ich hatte immer den großen Wunsch und andererseits auch den großen Bammel davor, mich an Prosa zu wagen. (…) Du kennst so viel gute Bücher, warum sollst Du jetzt auch noch ein schlechtes schreiben?‘ „

Das „Warum“ beantwortet Konstantin Wecker in einer Würdigung zum Buch: Bernd Fischerauer weiß zu bewegen, zu verzaubern, zu erschrecken und zu berühren …“


Bernd Fischerauer / Burli / Roman ISBN: 978-3-7117-2046-7 /

288 Seiten, gebunden / €24,00 inkl. MwSt. / Picus Verlag /

auch als Ebook erhältlich


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