Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard

Gottes verstoßene Kinder? – Über die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität, Gastbeitrag von Jon Michael Winkler >Teil 1: Die Bibel unterm Regenbogen

„Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Sprüche Salomos, 11,24-12,1)

Jon Michael Winkler, Komponist, Musiker und  Autor,  Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen

Vergleichsweise leben wir als schwule und lesbische BürgerInnen der westlichen Welt auf den „Inseln der Glückseligen“. Und es gibt viele Stimmen, die meinen, dass wir als Homosexuelle nun doch alles erreicht hätten und es eigentlich keine Gründe mehr gäbe, uns zu beklagen oder öffentliche Diskussionen zum Thema „queerer“ Gleichberechtigung zu führen. Das halte ich für einen Irrtum, denn eigentlich fangen wir erst damit an, die jahrhundertelange Geschichte der Ächtung und Verfolgung aufzuarbeiten, gesellschaftlich und im eigenen Innern. Was ist da schon ein halbes Jahrhundert öffentlich artikulierter Emanzipationsversuche im Vergleich zu fast 2000 Jahren der Unterdrückung? Immerhin ist die „freie Wahl der sexuellen Orientierung“ immer noch kein Bestandteil der Menschenrechtscharta und in über 70 Ländern der Erde werden Menschen dafür strafrechtlich verfolgt und sogar umgebracht. Wie könnten wir, die wir hier das Privileg haben, offen über das Thema zu sprechen, also darüber schweigen? Machten wir uns da nicht mitschuldig am Verbrechen an unseren Brüdern und Schwestern?

Verbrennung von Templern wegen angeblicher Sodomie; Anonym – Bibliothèque Municipale, Besançon, France. Erich Lessing/Art Resource, NY.

2011 scheiterte der letzte Vorstoß der Aufnahme dieser Rechte in die Charta am Widerstand religiös-fundamentalistischer Staaten, muslimisch wie christlich, hauptsächlich aus dem arabischen und afrikanischen Raum. Und daraus wird ersichtlich, dass das Urteil über Homosexualität oder richtiger gesagt, das Vorurteil im Bereich des Religiösen wurzelt, d.h. in der homophoben Interpretation der sog. „heiligen Schriften“, die sich über Jahrhunderte auch in der Gesetzgebung und damit auch im Verhalten der ihr untergeordneten Völker niedergeschlagen hat. Auch in unseren Breitengraden ist, trotz aller rechtlichen Errungenschaften zu Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz, der Begriff der „Homosexualität“ immer noch dazu geeignet bei vielen diffuse Emotionen auszulösen. Diese verstärken sich noch, wenn er mit dem der „Spiritualität“ (auch als Synonym für „Religion“) in Verbindung gebracht wird. Spüren Sie doch einmal kurz in sich selbst hinein, wie Sie selbst das empfinden.

Erste Nennung der Worte „Monosexual“, „Homosexual“ und „Heterosexual“ in einem Brief vom 6. Mai 1868, aus Hannover

Nach wie vor haftet für viele dem Begriff der Homosexualität etwas „Schmutziges“ an, das mit den „reinen Gefilden“ der Spiritualität nicht vereinbar scheint. Doch ist diese Beurteilung auch berechtigt und wie ist es dazu gekommen? Und wenn sie es nicht ist, was ist dagegen zu tun? Diesen Fragen ging ich am Dienstag, 15.11.2016 in meinem essayistischen Vortrag im Münchner SUB  nach: „Gottes verstoßene Kinder? – Sind Homosexualität und Spiritualität wirklich unvereinbar?“. Essay heißt ja nichts anderes als Versuch und als solchen verstand ich auch meinen Vortrag. Es war ein erster Versuch meinerseits mich der Gestaltung dieser komplexen Fragestellung anzunähern, die Stofffülle auf ein verdauliches Maß zu komprimieren.

Jon Michael Winkler, Author dieses Essays, vor seinem Vortrag im Münchner SUB  mit Gaby dos Santos, die den Abend moderierte

Dabei war ich sehr gespannt, wie groß das Interesse am Thema überhaupt sein würde und wer zur Veranstaltung käme. Da ich die Fragestellung auf dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte abhandeln wollte und damit zwangsläufig die betreffenden Textstellen des Alten und des Neuen Testaments beleuchten musste, hatten Gaby dos Santos und ich Vertreter der katholischen und evangelischen Amtskirchen eingeladen: Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ–Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und Wolfgang Scheel, evangelischer Pfarrer der bayrischen Landeskirche, Mitglied im lesbisch–schwulen Konvent und im Redaktionsteam der Zeitschrift „Werkstatt Schwule Theologie„, sowie einen politischen Vertreter, Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe. Eine echte Herausforderung für mich als Nicht-Theologen…

Am Anfang der Betrachtungen stand der Versuch einer annähernden Definition der zentralen Begriffe der Homosexualität und der Spiritualität. Offen gesagt ist Begriff „Homosexualität“ aus verschiedenen Gründen ein völlig irreführendes Wort, für die Außenstehenden wie die Bezeichneten selbst. Dieses von Karl Maria Kertbeny 1868 geschaffene griechisch-römische Kunstwort betont in seinem Wortstamm eben nur das Sexuelle. Das emotionale und intellektuelle Innenleben eines „homosexuellen“ Menschen wird darin nicht abgebildet, als wäre es für den Unterschied zum sog. „Normalen“ nicht relevant oder gar inexistent.

Karl Maria Kertbeny, Lithographie von Eduard Kaiser, 1856

Dabei ist das Ausschlaggebende ja gerade nicht das von der Norm abweichende sexuelle Begehren, von dem der Heranwachsende oft selbst noch gar nichts weiß. Es ist sein Anderssein, das er meist von Kindesbeinen als unfreiwilliges Außenseitertum erlebt. Die Welt um ihn herum, Familie, Mitschüler, Lehrer, scheinen ihm oft fremd, weil er anders empfindet als sie. Durch seine besondere Sensibilität entwickle er oft ein hohes Maß an Reflexion und Skepsis, Dinge zu hinterfragen und nicht als gegeben zu nehmen. Da er aber sowohl die von der Mehrheit stillschweigend akzeptierte Sicht des „Mainstreams“ kennt, als auch seine eigene Perspektive, die mehr als die scheinbar festgeschriebenen Geschlechterrollen in Frage stellt, wird er zum Grenzgänger zwischen zwei Welten. Sein Blick reicht weiter und kann, sofern seine „Veranlagung“ nicht als „Makel“, sondern als „Begabung“ verstanden wird, auch die restliche Gesellschaft bereichern.

Das behaupten etliche Autoren zum Thema, wie z.B. Toby Johnson in seinem preisgekrönten Buch „Gay Spirituality“, wenn er vom Homosexuellen als „weird wall walker“ spricht und auf die besondere Achtung homosexueller Schamanen in primären Stammeskulturen aufmerksam macht. Auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung gesteht in seiner ansonsten ambivalenten Bewertung gleichgeschlechtlich Liebenden eine besondere Begabung für Spiritualität zu. Das erklärte auch den überdurchschnittlich hohen Anteil an schwulen Männern im katholischen Klerus – aber nicht nur dort, auch in buddhistischen Klöstern Japans und Chinas oder auch unter werdenden Mullahs islamischer Universitäten ist der Prozentsatz außerordentlich hoch.

Der alte und der junge Mönch zu Besuch beim reichen Mann (Ende der Ching Periode)

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über „Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Die bisherigen Begegnungen homosexueller Menschen mit den Amtskirchen und ihren Gemeinden war bis vor einigen Jahren allerdings nicht unbedingt von Sympathie und Offenheit geprägt. Kein Wunder also, dass sie sich hier nicht angenommen und geborgen gefühlt haben. Viele haben auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und rundheraus alles abgelehnt, was mit dem Thema „Religion“ zu tun hat. Andere sind aufgrund ihres Glaubensbedürfnisses geblieben, dazu gezwungen ihre Neigungen zu verbergen und ein geradezu „schizophrenes“ Doppelleben zu führen. Der Rest suchte Zuflucht bei anderen Weltreligionen oder -anschauungen und fanden sich nicht selten mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert, wegen derer sie die Heimat ihres früheren Bekenntnisses verlassen hatten und fühlten sich damit noch heimatloser.

Ich hatte für meinen Vortrag deshalb auch ganz bewusst den Begriff der „Spiritualität“ statt dem der „Religiosität“ verwendet. Spiritualität ist schlichtweg der weitere Begriff und verhält sich zur Religion, wie der Begriff der Ethik zu dem der Moral. Religion und Moral sind meist starr definierte, tradierte Normen und Werte einer Gesellschaft, wo hin gegen Ethik und Spiritualität eine Frage des individuellen Gewissens wie der persönlichen Erfahrung sind. Spiritualität kann ganz wie ihre begriffliche Vorgängerin, die „Frömmigkeit“, einem religiösen Bekenntnis entspringen.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Sie kann aber auch völlig losgelöst von jeglicher Religion sein – sie radikal infrage und sich sogar gegen sie stellen. Maßstab kann hier nur das eigene Gewissen sein oder wie der indische Denker und Lehrer Jiddu Krishnamurti es in seinem Buch „Vollkommene Freiheit“ formulierte: „Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe. Das ist die absolute, unbedingte Wahrheit, sie ist das Leben selbst.“

Papst Franziskus 2015

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Dalai Lama – Foto: Christopher Michel

Und auch der Dalai Lama als Oberhaupt der tibetischen Buddhisten hat entsprechende Worte gefunden: „Alle großen Weltreligionen, mit ihrer Betonung der Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Vergebung können innere Werte fördern. Die Realität unserer heutigen Welt ist jedoch, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, unsere Ethik auf Religionen zu gründen…Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen, …einer Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich und brauchbar ist… In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden… Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.“

Diese Haltung als Basis eines über die Grenzen von Religion und Weltanschauung hinausgehenden Dialogs auf Augenhöhe kann ich dabei nur begrüßen und halte ihn für äußerst friedensstiftend. Wohin das wortwörtliche Festhalten an einer „heiligen Schrift“ und die Bekämpfung „Andersgläubiger“ führt können wir tagtäglich in betrübenden Nachrichten sehen. Dies kann keinesfalls der zukünftige Umgang der Menschheit mit dem Thema Religion sein oder wie Hermann Hesse in „Narziss und Goldmund“ so treffend formulierte: „Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.“

Die „Unbestechlichkeit des Selbst“, das Vertrauen auf das sich selbst prüfende Gewissen als letzte Instanz und die intellektuelle Redlichkeit werden sicherlich die Instanzen sein, mit dem wir uns dem Thema „Spiritualität“ zu nähern haben. Zusammen mit dem Verständnis der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Psychologie und speziell mit der von C.G.Jung entwickelten Tiefenpsychologie, in der wohl als erster der Zusammenhang zwischen traditionellen, spirituellen Entwicklungswegen und moderner Psychotherapie erkannt und formuliert wurden.

Sascha Schneider, Winnetous Himmelfahrt, 1904, Buchcover zu Winnetou III von Karl May

So gesehen steht am Anfang der Religionsgeschichte der Schamane oder Zauberer als Prototyp und Archetyp des Propheten, Priesters und Therapeuten. Das zentrale, ihn bezeichnende Motiv ist die Fähigkeit zur Verwandlung. In Tierfelle gehüllt kam er in Kontakt mit jenen überweltlichen Mächten, die über einen erfolgreichen Ausgang der Jagd entschieden und einen fortdauernd reichen Wildbestand sicherten. Doch es gibt noch eine ganz andere Art der Verwandlung von männlichen Schamanen, nämlich den Geschlechtswechsel oder die sog. „Transvestition“, das Tragen der typischen Frauenkleidung als äußerliches Merkmal der inneren Metamorphose, die vom Betroffenen als so real empfunden wird, dass er mitunter die Verbindung mit einem sog. „Geistergatten“ eingeht. Durch diese Affinität zum Weiblichen genießen diese Schamanen in den ursprünglich matrizentrischen Gesellschaften eine besondere Achtung. Ist die Transvestition total, übernimmt er auch die soziale und sexuelle Geschlechtsrolle und gibt männliche Tätigkeiten auf, gilt fortan in seiner Gruppe als Frau. Nicht selten geht er eine Ehe mit einem anderen Mann ein, sehr oft mit einem führenden Clanmitglied. Sein Prestige ist wahrscheinlich das höchste für einen Schamanen erreichbare schlechthin… (nach Gisela Bleibtreu-Ehrenberg)

Sexuell agieren transvestitische Schamanen dabei als – passive – Homosexuelle. Das heißt, sie übernehmen im Sexualverkehr die später als unterlegen betrachtete Stellung der Frau, in dem sie sich anal penetrieren lassen. Mit dem Niedergang dieser Gesellschaften und dem Aufstieg des Patriarchats, setzte mit der Geringschätzung der Frau und des weiblichen Prinzips auch seine Verachtung, Ächtung und zunehmende Verfolgung ein. Auch in den biblischen Überlieferungen taucht dieses Urbild in verzerrter Form als verachteter männlicher Tempelprostituierter wieder auf.

Grabrelief eines Hohepriesters des Kybele-Kults (Lavinium 200 n.Chr.)

Dies als kurze Vorbemerkung zu meinen Betrachtungen zum Alten Testament, von dem der deutsche Philosoph Erich Fromm sagt, dass es der „Triumphgesang der siegreichen Männerreligion, ein Siegeslied der Vernichtung der matriarchalischen Reste in Religion und Gesellschaft“ sei und die „die wichtigste literarische Grundlage dieser Gefühlseinstellung in der europäischen und amerikanischen Kultur wurde“. Es gibt nur wenige Stellen, die sich im Alten Testament explizit auf Homosexualität beziehen. In der heutigen Begrifflichkeit, gar als „schwuler Lebensstil“ existierte sie zu jener Zeit auch nicht. Namensgebend für homosexuelles Verhalten wird die Geschichte von Sodom und Gomorrha im 1. Buch Mose, Kapitel 19. Im heutigen sprachlichen Gebrauch auf den Geschlechtsverkehr mit Tieren verengt, bezeichnete die Sodomie ursprünglich jeden geschlechtlichen Umgang, der nicht der Fortpflanzung diente. Im christlichen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein meinte man damit vor allem den Analverkehr zwischen Männern, daneben die „Bestialität“ mit Tieren, aber auch den Geschlechtsverkehr mit andersgläubigen Frauen.

Zerstörung Sodoms, Mosaik der Kathedrale Monreale in Palermo, 12. Jhdt.

Schlüsselszene der Sodom-Geschichte ist die versuchte Massenvergewaltigung der zwei Gäste Lots, Engel in Gestalt von zwei fremden Männern, die unter konservativen Exegeten zur Verdammung der Homosexualität führte, da ihr allein – oder zumindest vorzugsweise ihr – das Strafgericht über Sodom und der Untergang ihrer Bewohner geschuldet sei. Das ist aber unlogisch, weil die Zerstörung schon vor dem Besuch der Engel beschlossen war. Beachtet man außerdem andere Textstellen zu Sodom und Gomorrha im Alten Testament, kann man bei Jesaja, Jeremiah und Hesekiel eindeutig nachlesen, dass der Grund für die Zerstörung nicht Homosexualität war, sondern hemmungslose Hingabe an allgemeine Schlechtigkeit und Bosheit, vor allem die Missachtung des in der lebensfeindlichen Umgebung überlebenswichtigen Gastrechts führte in den Augen der frühen Kirchenlehrer zur Bestrafung, nicht der versuchte Übergriff auf die Engel.

Der finnische Historiker Martti Nissinen wies durch die Auswertung altorientalischer Quellen außerdem nach, dass Massenvergewaltigung von Männern durch – wohlgemerkt – heterosexuelle Männer im Altertum ein verbreitetes Mittel zur sexuellen Erniedrigung von Feinden war. Die Evangelische Kirche in Deutschland vertritt den gleichen Standpunkt und lässt die Geschichten um Sodom und Gomorrha in Stellungnahmen zur Homosexualität seit 1992 außer Betracht, weil es dort „um Demütigungen und um einen Gewaltakt geht“.

Erste Seite des Leviticus, Warschauer Ausgabe 1860 (Ausschnitt)

Die nächsten Passagen, die in der abendländischen Geschichte einen fatalen Einfluss auf das Leben homosexueller Männer hatte, sind die zwei Abschnitte aus dem 3. Buch Mose, dem sog. „Leviticus“, Kapitel 18, 22 und 20,13: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie man beim Weibe liegt; solches ist eine Gräuel“ und die daraus folgende Sanktion: „Und wenn jemand bei einem Manne liegt, wie man beim Weibe liegt, so haben beide eine Gräueltat verübt; mit dem Tode sollen sie bestraft werden, ihr Blut soll über sie kommen.“ Um diese Aussagen richtig bewerten zu können, müssen wir ihren Kontext beachten: Der Leviticus ist eine Sammlung von Anweisungen, die die „rituelle Reinheit“ im Kult der Israeliten betreffen. Diese Reinheitsvorschriften spielten eine bedeutende, ja identitätsstiftende Rolle für die israelitische Gemeinde, mit der sie sich scharf von anderen Kulten und deren Angehörigen abgrenzte, speziell von den kanaanäischen Nachbarn mit denen sie über Jahrhunderte in engster Nachbarschaft lebten.

Betrachtet man weitere Verbote in unmittelbarer Nähe zu dem des Analverkehrs , findet man Merkmale, die zum orgiastischen Fruchtbarkeitskult der Kanaanäer und seiner Anhänger gehörten: Kreisrunder Haarschnitt, Tätowierungen, Wahrsagerei, Zauberei und Geschlechtsverkehr während der Menstruation. All dies war Jahwe ein „Gräuel“. – Das hebräische Wort dafür ist „to’ebah“, das dem ähnlich klingenden Wort „Tabu“ nahe kommt. Dabei handelte es sich nicht um den Begriff der Sünde oder eines moralischen Versagens, sondern um den „ritueller Unreinheit“ und das Gebot ihres Ausschlusses aus dem Umfeld des Kults – sagte daher nichts über gleichgeschlechtliche Liebe im gelebten Alltag jenseits des Kults.

Dies unterstreicht auch die folgende Stelle im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, 23. Kapitel: „Es soll keine Hure sein unter den Töchtern Israels und kein Hurer unter den Söhnen Israels. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen aus irgend einem Gelübde; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, beides ein Gräuel.“ Der Begriff „Hure“ ist hier eine ungenaue Übersetzung, denn so wie das ähnlich klingende kanaanäische Wort „Quadishtu“ ähnelt, ist eine „quadesha“ eine weibliche Tempelprostituierte. Die männliche Entsprechung, in englischen Versionen ungenau als „Sodomit“ und im Deutschen als „Hurer“ übersetzt, wird „qadesh“ genannt und hat als Wortwurzel das hebräische Wort „quadash“, „heilig sein“.

Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis Erleuchtung

Auffällig ist auch, dass in keinem der alttestamentarischen Bücher ein einziger Fall der Ausführung der Todesstrafe nach Leviticus 20:13 erwähnt wird. Neben einigen Erklärungsversuchen ist die plausibelste Begründung, dass der Passus zur damaligen Zeit noch gar nicht im Tanach, dem biblischen Kerntext enthalten war. Er wurde erst im 6. vorchristlichen Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des babylonischen Talmuds während des Exils der Judäer hinzugefügt oder sogar noch später. Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis ErleuchtungAuch die judenfreundlichen Perser kannten strikte kultische Reinheitsgebote und trotz aller Bemühungen sich von fremden Kulten abzuschotten, gerieten wohl aufgrund vieler metaphysischer Gemeinsamkeiten zwischen der parsischen und jüdischen Religion auch dieses Gebote aus dem zoroastrischen Zendavesta in den Leviticus: „Wer ist ein Dämon?“Ahura Mazda antwortete: Der Mann, der mit einem Mann liegt, wie mit einer Frau oder der Mann, der wie eine Frau mit einem Mann liegt, der ist ein Dämon.“ Ein Indiz dafür ist, dass nur in diesen beiden Schriften beide Männer sich strafwürdig gemacht hatten und nicht der freiwillig Passive allein, wie in den umgebenden Kulturen. An anderer Stelle der parsischen Schriften wird auch die Erlaubnis gegeben Männer, die beim Analverkehr auf frischer Tat ertappt werden, sofort zu töten. Damit verfolgte man die Absicht die früheren Praktiken homosexueller Schamanen wie der späteren Tempelprostituierten und damit den alten Kult der großen Mutter, dem sie angehörten, mit Stumpf und Stil auszurotten.

Inwiefern die Bestimmungen des Leviticus oder des Deuteronomiums überhaupt noch von Bedeutung für die christliche Tradition sein kann oder soll, ist vor allem bei konservativen Kirchenvertretern und Theologen immer noch Ursache heftiger Diskussionen. Obwohl schon der Apostel Paulus immer wieder betonte, dass mit Jesu Tod das alte Gesetz „vollbracht“ und dadurch aufgehoben sei. In den Galaterbriefen 2 und 3 schreibt er :„Christus hat uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes“ und „Ich stoße die Gnade Gottes nicht um; wenn es eine Gerechtigkeit gäbe durch das Gesetz, dann wäre Christus umsonst gestorben.“ Ausgerechnet den Passus über homosexuellen Geschlechtsverkehr als für weiterhin gültig und andere Bestimmungen für nichtig zu erklären, ist reine Willkür. Eine Lesart, die den Inhalten der Bibel gerecht wird, ist es jedenfalls nicht.

David und Jonathan „La Somme le Roy“, illustrierte französische Handschrift, 13. Jhdt.

Denn es gibt darüber hinaus auch positiv bewertete, gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen im Alten Testament, deren homoerotische Untertöne nicht geleugnet, wenn sie auch nicht unbedingt als Beweis für ein homosexuelles Verhältnis gedeutet werden können. Die berühmteste Geschichte aus dem 10. Jhdt. vor unserer Zeit dazu, ist die von David und Jonathan, die zusammen mit dessen Vater, König Saul eigentlich eine Dreiecksgeschichte ist. Der bedeutsamste Hinweis auf das homoerotische Element in der Liebe zwischen David und Jonathan findet sich am Ende der Erzählung. Als David die Botschaft von Jonathans Tod überbracht wird, zerreißt er seine Kleider und dichtet er ein Klagelied auf den verlorenen Gefährten: “Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan: wie warst du mir so hold! Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe!…“

Vertreter einer konservativen Sicht deuten das Verhältnis als „platonische“ Freundschaft in einem religiös-politischen Bund, sprechen dem Küssen mit Verweisen auf anderen Stellen des Alten Testaments jegliche sexuelle Konnotation ab. Ebenso dem Entkleiden Jonathans und der Übergabe seines Rocks, Mantels, Schwerts, Bogens und sogar des Gürtels an David, die lediglich als Abtretung des Thronanspruchs durch die Übergabe der Insignien der Macht und Würde gesehen werden. Dass sich nur Andeutungen einer körperlichen Intimität vorweisen lassen, ist keineswegs ein Beweis dafür, dass es keinen sexuellen Umgang gegeben hätte. Auch in anderen traditionellen Liebesgeschichten wird auf die Darstellung des konkreten Aktes verzichtet, weil er im Verständnis der Leserschaft stillschweigend vorausgesetzt werden kann.

Dafür spricht auch die Analyse der hebräischen Originaltextes: Als Jonathan nach Davids Sieg über Goliath und seiner Rede an seinen Vater David lieb gewinnt wie sein „eigenes Herz“, steht dort im hebräischen Original, dass sich die „nephesh“ Jonathans mit der Davids verbindet. Diese Bezeichnung im Gegensatz zur denen anderer seelischer Bereiche steht eindeutig für die vitale, sog. „Triebseele“, welche auch der Sitz erotischen Begehrens ist. Besonders die Übergabe des Gürtels, der sich in räumlicher Nähe zu den Genitalien befindet und kein Insignium königlicher Macht ist, unterstreicht dies.

Auch Sauls Wutausbruch seinem Sohn Jonathan gegenüber, kann durch diese Sicht eine sehr plausible neue Bedeutung gewinnen: „Du Sohn einer entarteten Mutter! Ich weiß wohl, dass du dem Sohne Isais anhängst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach!“ – Der Vorwurf ist, wie wir es auch heute noch von Vätern schwuler Söhne erleben, Ausdruck unverhohlener Homophobie, die die Verleugnung der eigenen weiblichen Seite beinhaltet, wie der eigenen, latent homoerotisch gefärbten Zuneigung zu David, der ihm „wohl gefiel“, den er „lieb gewann“ und den er deshalb an seinem Hof behalten hatte. So reagiert er wie viele Väter schwuler Söhne und gibt der Mutter die Schuld an dessen „Veranlagung“. Der Bund zwischen David und Jonathan wird im 1. Buch Samuel explizit dreimal bekräftigt und wenn es auch ein Bund vor Gott mit politischen Folgen ist, so liegt doch sein Ursprung in der tiefen Zuneigung der beiden Männer zueinander und nicht umgekehrt, wie es die dritte Bekräftigung dramatisch beschwört: „Und sie küssen einander und weinen aneinander überlaut…“ Der Geschichtsprofessor John Boswell macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das althebräische Wort „ahaba“ für „Liebe“ speziell für einen solchen Freundesbund vor Gott verwendet wurde.

Die Märtyrer und Heiligen St. Sergius und St. Bacchus, Ikone 7. Jhdt.

Höchstwahrscheinlich war dies auch die Ursache, dass die christlichen Zeremonien beim Schließen eheähnlicher Bünde zwischen Freunden des gleichen Geschlechts Jahrhunderte vor den kirchlichen Riten zur Heirat von Mann und Frau existierten. Letztere hatten bis zum Ende des Mittelalters in den Händen von Lehensherren und der weltlichen Gerichtsbarkeit gelegen. Die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist also keineswegs etwas, was kirchlichen Traditionen entgegensteht.

Auch eine weitere berühmte Liebesgeschichte enthält Worte, die heute bei traditionellen Hochzeitszeremonien gern zitiert werden: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und jenes antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“

Philip Hermogenes Calderon (1833-1898): Ruth, Naomi und Boas

Die Moabiterin Ruth richtet sie an ihre verwitwete judäische Schwiegermutter, welche sie auffordert in ihrer Heimat zu bleiben. Doch die ebenfalls verwitwete Ruth besteht darauf sie nach Bethlehem zu begleiten. In Juda gelingt es Ruth, durch ihre Arbeit als Ährenleserin bei einem entfernten Verwandten Naomis, die beiden zu versorgen – und heiratet den Verwandten auf Naomis Anraten schließlich. Von der judäischen Gemeinde anerkannt bringt sie ein Kind zur Welt, das von allen als Sohn Naomis bezeichnet wird: Obed, den Großvater König Davids, der auch von den Evangelisten Matthäus und Lukas als direkter Vorfahr Jesu aufgeführt wird.

Das Buch Ruth aus dem 10. vorchristlichen Jahrhundert sticht aus dem Kanon alttestamentarischer Bücher auch deshalb so hervor, da es die Ereignisse aus weiblicher Perspektive beschreibt. Die emotionale Bindung der Frauen aneinander steht dabei im Vordergrund. Das belegt auch die, in einer patriarchalischen Gesellschaft äußerst provokative Aussage, dass „Naomi Ruth teurer war als sieben Söhne“. Bei genauerer Analyse aber fehlen unterschwellige erotische Anspielungen nicht. Als Naomi ihre Schwiegertöchter auffordert nach Moab zurückzukehren und sie zum Abschied küsst, da „hängt“ sich Ruth an sie. Dies ist aber dasselbe Wort, dass in der Paradiesgeschichte verwendet wird, als Adam und Eva sich vereinen, um ein Fleisch zu werden. Explizite, sexuelle Handlungen werden aber auch hier nicht beschrieben. Den biblischen Autoren scheint lesbische Sexualität auch völlig unbekannt gewesen sein, zumal etwas als Sexualität nur galt, wenn dabei Sperma abgeben wurde. Einig sind sich die meisten Bibelforscher aber darin, dass sexuelle Handlungen zwischen Frauen für die Israeliten nicht strafwürdig gewesen seien. Diese Haltung wird sich auch bis in die Neuzeit immer wieder finden.

Fragment des Codex Boernarianus, 9. Jhdt., Brief an die Römer 1:15

Womit wir beim neuen Testament angelangt wären. Eine explizite Äußerung Jesu zum Thema Homosexualität werden wir in den Evangelien nicht finden, wohl aber Andeutungen, auf die ich später eingehen werde. Zunächst aber möchte ich die wenigen, betreffenden Stellen in den Briefen Paulus beleuchten. – Im ersten Brief des Paulus an die Römer lesen wir im ersten Kapitel: „Aus diesem Grund hat Gott sie auch dahingegeben an schändliche Lüste…auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie sie es verdient haben) an sich selbst empfangen.“ Diese Stelle im neuen Testament wird und wurde von konservativen Interpreten gerne als eine Legitimation zur allgemeinen Verdammung von Homosexualität herangezogen. Das mag auf den ersten Blick auch ziemlich überzeugend scheinen, doch heißt es: „Aus diesem Grund hat Gott…“, d.h. man muss zum richtigen Verständnis auch die Sätze davor betrachten: „Sie haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und den Vögeln und den vierfüßigen und den kriechenden Tieren. Darum hat sie Gott auch dahingegeben… …zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst…“ Es geht also wieder um Götzenverehrung und den damit verbundenen sexuelle Riten in heidnischen Kulten, also die Tempelprostitution. Diese waren den frisch bekehrten Heidenchristen im religiös pluralistischen Vielvölkergemisch des Alten Roms natürlich präsent und Paulus musste den ehemaligen Heiden also erst beibringen, dass diese im christlichen Kult nichts zu suchen hatten.

Bronzestatue des kanaanitischen, ammonitischen und phönizischen Gottes Moloch aus dem Film Cabiria von Giovanni Pastrone im „Museo nazionale del Cinema“ (Turin)

Zum anderen gab es in der Gemeinde Roms, an die sich die Epistel ja explizit richtete, viele sog. Judenchristen, die stolz darauf waren sich noch an das mosaische Gesetz mit seinen Reinheitsgeboten aus dem Leviticus zu halten. Paulus wollte ihre Sympathie gewinnen, indem er gegen die Vorurteile seitens der Heidenchristen vorging und deren Toleranz forderte, zum anderen tadelte er sie genau für die Überheblichkeit, die sie aus ihrer Treue zur jüdischen Tradition bezogen. Im 14. Kapitel wird es dann vollends klar, warum er das Thema der „Reinheit“ aufgegriffen hat, als er sagt: „Ich weiß und bin es fest überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selber unrein ist; doch wird es so für den, der es so ansieht.“ Der ganze Diskurs diente also dem Zweck, dass die Gemeinde in Rom, bestehend aus Juden- und Heidenchristen nicht zersplitterte und in zwei unversöhnliche Lager zerfiel. Den gleichgeschlechtlichen Akt wählte er als Beispiel, um seine Haltung zu illustrieren. Er war deshalb ein geeignetes Thema, weil er den jüdischstämmigen Gemeindemitgliedern allbekannt war, aber offensichtlich kein so großer Zankapfel wie die Beschneidung oder die Speisevorschriften. Es war auch nicht dazu angetan, die Heidenchristen zu beleidigen, die die Eigenheiten der Judenchristen in diesen Dingen und Paulus eigenen Standpunkt als „Apostel der Heiden“ dazu kannten.

Missionsreisen des Apostel Paulus, Karte des Abraham Ortelius, 1598

Die zwei weiteren Stellen, die in einem Zug abgehandelt werden sollen, finden sich im im ersten Brief an die Korinther, im sechsten und im ersten Brief an Timotheus, im ersten Kapitel, wobei die Autorschaft Paulus bei letzterem insbesondere von der deutschen Bibelwissenschaft in Frage gestellt wird. Beide Textstellen sind dunkel und nicht eindeutig, weil es darin Begriffe gibt, deren Bedeutung nicht gesichert ist und durch verschiedene Übersetzer unterschiedlich gedeutet wurden, die griechischen Begriffe „arsenokoitai“ und „malakoi“.
Letzteres im Deutschen als „Weichling“ übersetzt, was dem originalen Wortsinn von „malakos“, nämlich „sanft“ entgegen kommt. Es wurde insbesondere benutzt, um die, im Patriarchat verächtlich betrachteten, angeblich minderen, weiblichen Qualitäten zu bezeichnen, die auf einen Mann angewandt, eine entehrende Beleidigung darstellten. Das noch weniger eindeutig bestimmbare Wort „arsenokoites“, wird im Englischen schlicht als „homosexuals“ und auf Deutsch als „Männerschänder“ übersetzt. Dabei kann man nur spekulieren, dass es sich um eine nicht genauer definierte sexuelle Praxis unter Männern gehandelt hat, bei der auch betrügerische, finanzielle Absichten eine Rolle gespielt zu haben scheinen. Nach David Helminiak könnte es sich dabei um eine bestimmte Formen der Prostitution, sexuellen Missbrauch von Jungen und/oder Handel mit ihnen als Lustsklaven gedreht haben, wie er im ersten nachchristlichen Jahrhundert im römischen Reich gang und gäbe war. John Boswell weist außerdem darauf hin, dass das wenig gebräuchliche Wort leicht mit dem gebräuchlicheren, nur in einem Buchstaben abweichenden „arrenokoites“ verwechselt worden sein könnte, welches Männer mit einer natürlichen Neigung zum eigenen Geschlecht bezeichnete. „Arsenokoites“ hingegen wurden seiner Auffassung nach nur männliche Tempelprostituierte genannt und nur diese hätte Paulus in seinem Brief gemeint, was den Tenor dieser Betrachtungen zu den Episteln abrunden würde.

Moderne Bibelverkündung: Ein „Truth Truck„, 2009, Ohio

Auch wenn Jesus sich scheinbar nicht direkt zur gleichgeschlechtlichen Liebe geäußert hat, so gibt es in der Bergpredigt. Matthäus 5:22 doch einen versteckten Hinweis. „…wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig“. Was aber bedeutet „Racha“? Erst nach dem Fund einiger Papyri in Ägypten konnte der deutsche Experte in altaramäischen Dialekten, Friedrich Schultheiß, 1922 die Bedeutung des aramäischen Lehnworts ermitteln: In der Vulgärsprache der griechischen Siedler wurde es als abwertender Begriff, vergleichbar dem heutigen Schimpfwort „Tunte“ benutzt. Jesus verbat seinen Jüngern und Anhängern nicht nur die physische, sondern auch die verbale Gewalt. Verbale Attacken waren und sind im vorderen Orient immer noch häufig das Vorspiel zu brutalem Blutvergießen, besonders dann, wenn die „Ehre der Männlichkeit“ eines Kontrahenten beleidigt wird. Daher sollte jeder, der behauptet Jesu Spuren zu folgen, auch tunlichst jede Form von „gay bashing“ unterlassen!

Rembrandt, Die Taufe des Eunuchen, 1626, Museum Catharijneconvent, Utrecht

Es ist ja geradezu ein Markenzeichen Jesu, dass er sich – gegen die Gepflogenheit seiner Zeit – für ausgestoßene Randgruppen einsetzt. Verachteten Zöllnern und Prostituierten, ausgegrenzten Leprakranken, religiös abweichenden Samaritern und auch den verabscheuten Eunuchen (mit denen in dieser Umschreibung auch Homo-sexuelle gemeint sein können) wendet er sich zu und verspricht ihnen einen bevorzugten Platz im Königreich Gottes.

Selbst einem Besatzer, einem römischen Zenturion hilft er, wie wir es im unmittelbaren Anschluss an die Bergpredigt bei Matthäus und Lukas lesen können und heilt den „Knecht“, der ihm wert war. Bei Matthäus steht dort aber nicht „Knecht“ – „doulos“ wie bei Lukas, sondern „pais“, ein Begriff der einen Jungen bezeichnet. „Pais“ findet sich nicht umsonst als Wortwurzel im Begriff „Päderastie“ wieder und da ein Zenturion in der Fremdenlegion nicht heiraten durfte, war solch ein Verhältnis in Militärkreisen sehr üblich.
Jesus kommt der Bitte ohne Zögern nach, doch der Zenturion lehnt den „Hausbesuch“ mit den bekannten Worten ab: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du unter mein Dach tretest; aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht geheilt werden.“

Jesus heilt den Knecht des Zenturio, Gemälde von Paolo Veronese, 16. Jhdt

Und ergänzt, dass er darauf vertraut, dass so, wie seine Soldaten seine Befehle ausführen, auch Jesu Wort aus der Ferne seine heilende Wirkung tun wird.Jesus machte auch keine Anstalten die vermeintliche „Krankheit“ des Zenturions und seines Knechts, sprich ihre Homosexualität, „auszutreiben“. Nein, er heilte den Knecht, der zur selben Stunde wieder gesund wurde und sprach sich darüber hinaus lobend vor den Versammelten über den Zenturion aus: „Wahrlich ich sage euch, bei niemand in Israel habe ich solchen Glauben gefunden.“
Doch wie hielt Jesus selbst es mit der Liebe? Tatsächlich spricht er in besonders hohem Maß nur im Johannesevangelium von ihr. Ja, nur hier erfahren wir, dass er Gott oder gar ein anderes menschliches Wesen liebte. An fünf Stellen ist hier die Rede vom „Jünger, den Jesus liebte“, der dadurch aus der restlichen Schar der Jünger hervorgehoben wird. War Jesus selbst homophil oder gar homosexuell? Darüber schweigen sich die Evangelien als einzige Quelle über sein Leben aus. Auszuschließen ist es nicht, aber auch nicht unbedingt anzunehmen. Auf keinen Fall aber war Jesus homophob, wie der Umgang mit seinem Lieblingsjünger beim letzten Abendmahl zeigt, der „zu Tische in dem Schoß Jesu lag“ und sich „an seine Brust lehnte“. Diese intime körperliche Nähe unterscheidet eindeutig diese besondere Liebe Jesu von der, die er für die anderen Jünger empfand.

Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Johannesminne), Bodenseegebiet, um 1310

Dies wird auch von den folgenden Stellen unterstrichen, in denen vom „Jünger, den Jesus liebte“ die Rede ist: Bei der Kreuzigung bleibt er als einziger Jünger mit den drei Marien auf Golgatha. „Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.“ In jener Zeit war es der Brauch, dass beim Tod eines Familienmitglieds die „angeheiratete“ Familie eine verwitwete Schwiegertochter bzw. -mutter bei sich aufnahmen. Und wie würden wir heute die Verhältnisse interpretieren, hätte Jesus seine Worte an Maria Magdalena statt an seinen Lieblingsjünger gerichtet? Dieser ist noch vor Petrus bei der Gruft. Er erkennt den auferstandenen Jesus am See Tiberias vor allen andern Jüngern. Und obwohl ihm im Gegensatz zu Petrus kein besonderes Amt verliehen wird, so fragt Jesus ihn nicht wie diesen nach seiner Liebe zu ihm, denn „der Jünger, den Jesus liebte“ ist sich dessen Liebe gewiss und folgt ihm aus eigenen Stücken. Als Petrus ihn bei seiner Nachfolge hinter sich entdeckt, spricht er zu Jesus: „Herr, was soll aber dieser?“ Jesus antwortet ihm: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach.“
Interessant ist hier, dass auf Petrus Nachfrage und die Spekulation der übrigen Jünger über die Unsterblichkeit des Lieblingsjüngers, zweimal der gleiche Satz gesagt wird: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ – Das klingt in Anbetracht der unter diesen Umständen besonders hervortretenden Bevorzugung des Lieblingsjüngers fast schon trotzig, nach dem Motto „was gehen dich meine privaten Angelegenheiten an?“ Kein Wunder, dass auch die anderen Jünger über die Ursache seiner besonderen Bevorzugung zu spekulieren beginnen.

Ich will hier der „intellektuellen Redlichkeit“ die Ehre gebend nicht das Spekulieren beginnen. Eines aber kann ich aber zum Abschluss meiner Betrachtungen zu den, die Homosexualität betreffenden Passagen der Bibel mit Sicherheit sagen und schließe mich darin der Sicht des Autors und Theologen Theodore W. Jennings an. Er postuliert, dass eine homophobe Deutung der Bibel, wie sie sich die letzten Jahrhunderte als christliche Tradition etabliert hat, die Bedeutung besonders exponierter Textstellen sträflich verzerrt. In seinem Buch „Plato oder Paulus?“ schreibt er: „Dieser unnatürliche Bund von Christenheit und Homophobie muss aufgelöst werden, wenn die Christenheit sich nicht weiterhin des wahren Verbrechens Sodoms schuldig machen will: des Missbrauchs der Verletzlichen. Zu viele Menschenleben sind durch diese unheilige Allianz schon zerstört oder irreparabel geschädigt worden. Es gab eine Zeit, bevor sich die Homophobie ins Christentum eingeschlichen hatte. Es ist schon lange höchste Zeit, dass wir in eine neue Ära eintreten, die Ära der Posthomophobie.“ 

Nicolas Beatrizet,* 1515 in Thionville  † 1565  in Rom – Der Raub des Ganymed, Kupferstich nach einem Motiv von Michelangelo, 16. Jhdt.

Darüber herrschte auch bei allen Diskutanten im Münchner SUB Einigkeit. Die evangelische Kirche hat diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten gewaltige Schritte getan, sowohl lesbische und schwule Gläubige als auch Geistliche sind, mit Ausnahme einiger evangelikaler Vertreter, in Kirche und Gemeinde voll akzeptiert und integriert. Es gibt inzwischen entsprechende Bibelkreise, Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und sogar einen lesbisch-schwulen Konvent, der offen für die sexuelle Gleichbehandlung eintritt. In der katholischen Kirche vollzieht sich der Emanzipationsprozess noch immer sehr langsam. Seit Jahrzehnten würde die Homosexualität in den eigenen Reihen zwar geduldet, aber nur so lange sie nicht öffentlich gemacht würde, wie Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe aufgrund seines Berufsverbots als Religionslehrers schmerzlich erfahren musste … Es bleibt zu hoffen, dass den Worten Papst Franziskus nun auch Taten folgen, die über seine Amtszeit hinaus nachhaltige Wirkung zeigen. Wie die praktische Umsetzung des von ihm geäußerten Integrationswunsches, dass sich Lesben und Schwule im Schoß der Kirche rundherum angenommen und akzeptiert fühlen können, aussehen könnte, ist dabei offen. Diese Frage wird nach Meinung einiger der hier zitierten schwulenfreundlichen Interpreten der Bibel aber entscheidend für die weitere Entwicklung und die zukünftige Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche sein.


(Bruder Robert Lentz OFM über seine Ikone von Harvey Milk)

Ende von Teil 1; Fortsetzung folgt… Ein Gastbeitrag von  Jon Michael Winkler


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträgen mit jew. Link

Standard

Rosa Winkel – Zum Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer, Blog-Beitrag mit einer Rede des Historikers Albert Knoll sowie Präsentation der gleichnamigen Themenreihe

Die Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1934 wurde für viele schwule Männer in Bayern und vor allem in München zu einem Schock, der ihr Leben verändern sollte. Damals fand die erste massive Razzia gegen Schwule statt, die im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt wurde. Sie wurde der Auftakt zu einer jahrelangen massiven Drangsalierung und Bedrohung, der Auftakt zu Denunziation unter Kollegen und Nachbarn, der Auftakt zur Inhaftierung in Gefängnissen und Konzentrationslagern, der Auftakt zu medizinischen Versuchen, Kastrationen und schließlich Morden, die in vielen Fällen ungesühnt bleiben sollten. München war auch in dieser Hinsicht eine unrühmliche „Hauptstadt der Bewegung“.

SA Chef Ernst Röhm Ernst Röhm mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuzarmbinde im August 1933 bei einer SS-Veranstaltung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz Von Bundesarchiv, Bild 102-15282A / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12685396

SA Chef Ernst Röhm im August 1933; Quelle

Bereits am 3. Juli 1934, vier Tage nach der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm, fasste der Münchner Gauleiter Adolf Wagner den Plan zu einem brutalen Vorgehen gegen männliche Homosexuelle in München und ganz Bayern.

Im Wortlaut hieß es: „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden. Zur gründlichen Säuberung und Befreiung unseres Volkskörpers von dieser Pest ist nun für die allernächste Zeit ein schlagartiges Vorgehen in ganz Bayern beabsichtigt.“

Wagner gab vor, die Jugend schützen zu wollen. In Wahrheit wollte er sich auf Kosten einer Opfergruppe, die ohnehin schon mit wenig Rückhalt aus der Bevölkerung rechnen konnte, weder von der Familie, noch von Arbeitskollegen, Nachbarn oder der Kirche, wollte er sich auf Kosten eines schwachen Gegners profilieren. Lesbische Frauen waren zwar nicht durch den § 175 RStG unmittelbar bedroht, sie waren aber gleichwohl der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt.

Allein in München waren mehr als 50 Polizei­beamte im Einsatz. Die Razzia erstreckte sich auf Parkanlagen, den Engli­schen Garten und auf Bedürfnisanstalten. Vier Gefangenentransportwagen fuhren vor die beiden noch bestehenden Schwulenloka­le „Schwarzfischer“, der sich hier an der Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger befand und den „Arndthof“ und sämtliche Besucher, es waren fast 100, wurden abtransportiert. Das Ergebnis dieser bayernweiten Razzia: mehrere hundert Personen wurden vorläufig festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt, davon allein in München 145. Sofort nach dem Eintreffen bei der Polizeidirektion wurden die Festgenommenen verhört, womöglich gefoltert. Am nächsten Vormittag wurden viele wieder entlassen. Jedoch 39 Männer aus München und 9 weitere aus Nürnberg, die bereits in der Rosa Liste gespeichert waren, wurden in das KZ Dachau gebracht.

Die Razzia traf vor allem Schwule aus der Unterschicht, Arbeiter und auch Strichjungen, für die der öffentliche Raum der Kneipen und Klappen die einzige Möglichkeit des Kennenlernens war. Der Gauleiter war verstimmt, denn er wollte mit seiner Aktion vor allem Intellektuelle und das gehobene Bürgertum treffen. Doch damit war die Razzia noch nicht beendet. Bereits Monate vorher suchte die Sittenpolizei aus der Kartei von ca. 5000 Personen – der berüchtigten Rosa Liste – zahlreiche Opfer heraus, die sie als „Gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ markierte. Sie alle waren bereits einmal nach § 175 verurteilt worden.

Bildtafel zum § 175 aus der Multimedia-Collage "Kann denn Liebe Sünde sein? - Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Bruno Balz – eines von unzähligen Opfern des „Schwulenparagraphen 175“ Bildtafel  aus der Multimedia-Collage „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Am 21. Oktober morgens um sechs Uhr wurden deren Wohnungen durchsucht. So stürmte die Polizei die Wohnung von Franz Kopriva in der Seidlstraße nahe dem Münchner Hauptbahnhof ohne Vorankündigung und ging äußerst rabiat vor. Sie traf ein schwules Liebespaar an. Der jüngere versuchte sich noch zu verstecken. Es war zwecklos. Die Beamten stöberten den 18-jährigen unter dem Bett auf. Sein Partner war der 34-jährige Franz Kopriva. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und kam 1930 aus Österreich nach München. Hier fand er Arbeit. An bekannten Treffpunkten lernte er junge Männer kennen. Seit 1931 wurde er immer wieder zu geringen Haftstrafen verurteilt. Verhängnisvoll war, dass er nun in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als Wiederholungstäter eingetragen war. Robert und Franz wurden sofort festgenommen. Franz, der ältere, galt als der Verführer und sollte schwer bestraft werden: Er wurde nach Dachau gebracht und wie seine Leidensgenossen isoliert in einer Baracke untergebracht. Sie war auch in der Nacht hell erleuchtet und scharf bewacht, so daß kein Kontakt zwischen den Häftlingen möglich war. Die SS im Konzentrationslager glaubte mit Essensentzug und besonders schwerer Arbeit Homosexuelle zu Heterosexuellen umerziehen zu können.
Was hier vor 82 Jahren begann, war der Auftakt zur offenen Hatz auf Schwule. 1935 wurde der § 175 verschärft. Sexualität musste sich dem Staatsziel der Bevölkerungsvermehrung unterwerfen. Von nun an galten Homosexuelle als Staatsfeinde. Ihre Todesrate in den Konzentrationslagern stieg in den 1940er Jahren auf über 50%. 

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion "Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Kann denn Liebe Sünde sein?–  Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber“

Die mit dem Leben davongekommen sind, warteten vergeblich auf eine Entschädigung oder auf ein Wort der Entschuldigung. Die Verfolgung von erwachsenen Männern, die einvernehmliche sexuelle Kontakte hatten, ging weiter und endete erst nach weiteren 20 Jahren. 

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Soweit im Wortlaut die Rede, die Albert Knoll am 20. Oktober 2009 am Münchner Oberanger hielt, an genau jener Stelle, an der 75 Jahre zuvor in der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ die Verfolgung der Münchner Schwulen begonnen hatte. Knoll ist Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München, Archivar der Gedenkstätte Dachau und widmet sich seit Jahren der historischen Aufarbeitung der Ausgrenzung und Verfolgung (Münchner) homosexueller Männer. Entsprechend beendete er damals seine Rede mit einem Appell: „Die Stadt München hat eine Verpflichtung, ihre Bürger an diese „vergessene Opfergruppe“ zu erinnern. Sie sollte sie in das „offizielle Gedächtnis“ einbinden und ihr ein würdiges Angedenken gestalten, wenn möglich an einem authentischen Ort wie diesem.“

Die Stadt reagierte. Bereits im letzten Herbst sollte am Oberanger eine Gedenkstätte eingeweiht werden: Mahnmal und Erinnerung an die Menschen verachtenden Vorgänge, die an diesem Ort 1934 eine noch grausamere Dimension gegenüber schwulen Mitbürgern annahmen. Die Einweihung wurde in Folge auf 2016 verschoben, für unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen Anlass, in diesem Herbst unter dem Titel „Rosa Winkel“ eine begleitende Themenreihe zu konzipieren. Inzwischen steht die Themenreihe fest, das Einweihungsdatum des Mahnmal jedoch nicht (mehr). Es wurde auf noch unbestimmte Zeit verschoben. Natürlich habe ich keinen Einblick in die Gründe, die die Landeshauptstadt veranlasst haben, diese Einweihung ein weiteres Mal kurzfristig zu vertagen. Allerdings hoffe ich darauf, dass sie in allernächster Zeit nachgeholt werden möge, denn die Zeiten stehen politisch derart auf „Sturm“, wie ich es mir vor einigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen.

Noch 2004 empfand ich eine Vita, wie die des schwulen Textdichters „Bruno Balz“, der von den Nazis sowohl verfolgt, wie auch als Hitschreiber instrumentalisiert wurde, als eine Art tragisches historisches Kuriosum. Entsprechend inszenierte ich es damals gemeinsam mit Sängerin Andrea Giani als Kapitel aus einer  – glücklicherweise – vergangenen Zeit. Auch noch 2012, als ich gemeinsam mit dem Historiker Christian Sepp (Autor der Biografie über Sophie Charlotte, Sisis unglücklicher Schwester) die Produktion um eine Reihe historischer Fakten und Musiken ergänzte, ordnete ich sie für mich unter „Episode aus der NS-Historie“ ein.

In diesem Herbst nun wird die „Bruno-Balz“-Collage im Münchner NS-Dokumentationszentrum erneut in Reprise gehen, mit dem Schweizer Schauspieler Andreas Michael Roth als Sprecher sowie Peter John Farrowski als Interpret der unvergessenen Chansons von Bruno Balz, vorwiegend in Vertonungen von Michael Jary. Schon 2012 hatte ich mich bewusst dafür entschieden, die wunderbare Stimme von Andrea Giani durch eine männliche Stimme zu ersetzen, um so die Doppelbödigkeit der Balz’schen Liedtexte erfahrbar zu machen, auf die mich Jürgen Draeger, Lebensgefährte und Nachlassverwalter von Bruno Balz (www.bruno-balz.com) wiederholt aufmerksam gemacht hatte. So textete Balz, kaum aus Gestapo-Haft entlassen, für den Zarah-Leander-Blockbuster „Die große Liebe“ munter: „Mein Wahlspruch heißt: Erlaubt ist, was gefällt: Mein Leben für die Liebe, jawohl! Mein ganzes Glück ist Liebe, jawohl! Ich kann nun mal nicht anders, ich muss nun mal so sein, ein Herz wie mein Herz ist nicht gern allein – Und Nächte ohne Liebe, oh nein!“ 

In Zusammenhang mit meinen Recherchen zu der „Bruno-Balz-Collage“ habe ich immer schon den nahtlosen Übergang von einer toleranten Weimarer Republik in die Enge der NS-Diktatur als erschreckend empfunden. Inzwischen, 2016, bei nochmaliger Durchsicht meiner Produktion, macht mir dieser damals so rasant vollzogene Bruch freiheitlicher Werte richtiggehend Angst. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages in unserer Gesellschaft erschreckende Parallelen zum „Marsch ins Dritte Reich“ feststellen würde. Dabei können wir für uns noch nicht einmal jene katastrophalen wirtschaftlichen Zustände reklamieren, die u.a. Deutschland damals in die NS-Diktatur trieben. Wer hier und heute jammert, tut dies im historischen Vergleich auf äußerst hohem Niveau. Für viele BürgerInnen scheint ein (historisch mitverursachter) Flüchtlingsstrom auszureichen, alle Unsäglichkeiten unserer jüngeren Vergangenheit ganz schnell unter einen Tisch zu kehren, der längst dem Stammtisch „böser Volkes Stimmen“ wieder gefährlich nahe kommt. Und die richten sich immer und zuallererst gegen jene Minderheiten, die sich in puncto Herkunft und/oder Lebensentwurf von der Masse unterscheiden.

Dagegen gilt es für mich anzugehen, unter anderem ganz konkret beim alljährlichen Gedenkmarsch für die verfolgten Münchner Schwulen, veranstaltet vom  Forum Homosexualität München und gefördert durch das Kulturreferat München,

am Donnerstag Abend, 20.Oktober 2016, um 19 Uhr, am historischen Treffpunkt Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger

Auch die „Rosa Liste“ München ruft zu diesem Marsch auf. Diese kommunal-politische Gruppierung hat in unserer Stadt erfolgreich seit den 90er Jahren die negativ besetzte historische Bedeutung des Begriffs „Rosa Liste“ durch reale politische Mitgestaltung neu definiert, allen voran dank des Engagements von Stadtrat Thomas Niederbühl (s. auch den Blog-Beitrag Ganz normal anders?). Dabei frage ich mich, ob nicht gerade wir heterosexuell lebenden Mitbürgerinnen und Mitbürger uns nicht auch verstärkt an dieser Gedenkveranstaltung beteiligen und damit ein Zeichen der Solidarität setzen sollten? Gerade jetzt!!!

(Titelbild: Albert Knoll, Gedenkmarsch 2015, rechts im Bild)


Nachstehend eine Übersicht der weiteren Veranstaltungsbeiträge:

Freitag, 21.10., 19 Uhr, NS–Dokumentationszentrum , Brienner Straße 34, Platzres. Tel. Tel. 233-67000, Eintritt frei,  Künstlerportrait:  „Kann den Liebe Sünde sein?“ –Bruno Balz
Als Schwuler verfolgt, als Hitlers Hitschreiber instrumentalisiert … Mitwirkende:
Toni Netzle (Einführung), Peter John Farrowski (Gesang)
Andreas Michael Roth (Regie, Textvortrag)
Gaby dos Santos (Produktion, Textvortrag; Bildcollagen) Im Anschluss Podiumsdiskussion moderiert von Albert Knoll
Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München
und Archivar der Gedenkstätte Dachau.

DI, 15.11., 19.30 Uhr, SUB – Schwules Kommunikations- u. Kulturzentrum München,  Müllerstr. 14, Tel. 8563464-00, Eintritt frei
„Gottes verstoßene Kinder?“
Essayistischer Vortrag von
  Jon Michael Winkler, der die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität in der abendländischen Kulturgeschichte hinterfragt
Podiumsgäste der anschließenden Diskussion:
Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe
Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising, 

Außerdem angefragt: Vertreter_Innen der evangelischen Kirche; Details folgen 


  Download (PDF) der Themenreihe „Rosa Winkel“

Die Themenreihe wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung:

 

 

 

 

 


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link  

 

Standard

Was für ein Herbst!

Was für ein Herbst-Kaleidoskop: Schwarzwald-Expeditionen, eine Veranstaltung mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, unser neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter hautnah im PresseClub, ein Engagement an die Evangelische Akademie in Tutzing, eine Demo gegen den Rest der Welt, Chorprobe im Herkulessaal, Vortrag zur Sterbehilfe im Bayerischen Landtag, russischer Tanzabend im Gasteig, Gedenkmarsch der Rosa Liste, Tortenschlacht mit Naomi Isaacs, eigene Aufführungen und und und … Wenn man dann bedenkt, dass ich diesen Herbst mit einer psychosomatischen Reha eingeleitet habe, dann wundert nichts mehr.

Bei dem leidenschaftlich selbst gewählten Lebensstil kann mir keine psychosomatische Klinik auf der ganzen Welt weiterhelfen. Was ich mir dort erträumt hatte, war wohl eine Art Doping-System ohne Nebenwirkungen, um noch mehr aus dieser vielseitigen, schillernden, spannenden Welt in meinem Leben mitnehmen zu können. Da hilft nur eines, was ich mir eh angewöhnt habe: Notbremse ziehen, wenn es mal wieder zu bunt wird!

Gaby dos Santos

Ergotherapeutische Seidentücher, original von mir  in zahllosen Ergotherapie-Stunden produziert, wobei sich dankenswerterweise die Farben stets selbst schattierten, mit schönen Effekten, die mich jedoch bezweifeln lassen, ob wohl wirklich viel eigenes „Dos-Santos-Ich“ in diese Tücher ein-geflossen ist? Die Alternative wäre Körbe flechten gewesen.

Gleichgeschaltet im therapeutischen Hamsterrad fand ich mich jedenfalls in meiner Reha wieder, beraubt aller meiner Möglichkeiten, mir einen eigenständigen, ausgefüllten Alltag zu gestalten. Und das ist mir so gar nicht bekommen. Überhaupt: Unsere Psyche ist unser geistiger Fingerabdruck und daher nicht ohne weiters verallgemeinbar, was in krassem Widerspruch zu dieser Zeit der klammen Kassen steht, in der Massenabfertigung auch im medizinischen Bereich gefragt ist. Jedenfalls hieß es auf Kur „Gruppe, Gruppe“, bis zum Abwinken. Einzig die Gruppentherapie unter Leitung des türkischen Facharztes für Psychosomatik, Dr. Mehmet Tokus, erwies sich als  Highlight-Erfahrung, obwohl auch „Gruppe“:

In obiger Runde lernte ich den persischen Dichter und Sufi-Mystiker RUMI (1202 -1273) sowie mich selbst ein wenig besser kennen. Ein weiteres Merkmal jeder Gruppentherapie, neben der Stuhllanordnung, ist die bereit stehende Kleenex-Box, die hier allerdings schon verräumt und daher auf dieser Abbildung nur angedeutet ist.

Gruppentherapie: Selten so intensiv und in so geistreichem Umfeld geheult – So lässt sich meine Initiation in die Welt der Gruppentherapie zusammenfassen. Durch unseren türkischen Therapeuten und die in dieser Gruppe vorwiegend türkischen Mitpatienten, wehte ein mediterraner Hauch durch den Therapie-Raum. Die Seele wurde anhand der Befindlichkeit einzelner Gruppenmitglieder individuell beleuchtet, auf ebenso einfühlsame wie taktisch kluge Weise. Spannend wurde es immer, wenn sich Dr. Tokus mit halb geschlossenen Augen zurücklehnte, die Gruppe einige Minuten lang in ein beredtes Schweigen fallen ließ, um dann, mit einer durchdacht formulierten Nachfrage, eine Situation aus der Schwebe psychologisch auf DEN EINEN Punkt zu bringen, an dem alle Anwesenden auch ein Stück von sich selbst wiederfanden.  Veranschaulicht wurde das Ganze anhand von Zitaten aus der Welt der Psychoanalyse, aber auch anhand orientalischer Mystik, beispielsweise Zitate von Rumi (s.Foto). Grundsätzlich verkörperte Dr. Tokus für mich etwas von jenem Geist, der den Orient hatte blühen lassen, als Europa sich noch im finstersten Mittelalter befand. Zudem leitete er als „Moderator“, wie er sich bezeichnete, eine Gruppe, in der eine südländisch emotionale und sehr empathische Stimmung herrschte, in der ich mich geborgen fühlte.

Gaby_dos_Santos_schwarzwaelder_LieblingskuhDas euphorische Umarmen von Baumstämmen hingegen, wie von einer anderen Therapeutin angeregt, wäre weniger „meines“ gewesen. Zu barfußtanzend, mal abgesehen davon, dass meine Arme (ausprobieren tue ich alles mal) sich als zu kurz für Baumstämme erwiesen und ich meine Naturverbundenheit eher anhand von Monologen mit Tieren, z. B. mit der erstaunten Kuh links bekunde. (Original-Momentaufnahme)

Schwarzwald_Gaby_dos_SantosAb Woche Drei meiner Seelenrevision am psychosomatischen Fließband erreichte meine Stimmung einen absoluten Tiefpunkt, so dass ich beschloss, die geographische Lage meiner kleinen Reha-Klinik auszunutzen. Statt weiter bei schönstem Sonnenschein in der Lehrküche Vollkornbrote zu produzieren, die ich daheim unter Garantie nie backen würde oder stundenlang in einer Turnhalle Federbälle als sporttherapeuthische Maßnahme zu schlagen, seilte ich mich in die Idylle des Schwarzwalds ab.

Schwarzwald_Stimmungsbild_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Es folgten 10 wunderbare letzte Tage Wanderurlaub, gesponsert von der DRK, für die ich sehr dankbar bin. Alleine auf Wanderschaft, konnte ich endlich wieder meinen Rhythmus selbst bestimmen, überraschende Eindrücke und auch Erfolgserlebnisse sammeln, als ich unbeirrt auf meinen kurzen Beinen einen Haufen Kilos über 800 Höhenmeter und als schwierig eingestufte Routen bergauf schleppte. Dabei bedachte ich besonders schöne Stellen stets mit einer ausgiebigen Zigarettenpause. Schließlich besagte eines von Dr. Tokus orientalischen Zitaten: Das Bargeld ist die Gegenwart …

Historische_Plotzsaegmuehle_Schwarzwald_Gaby_dos_Santos

Die Plotzsägmühle bei Bad Herrenalb ist bis heute aktiv

Historie_der_Ploetzsaegmuehle_im_Schwarzwald_Bad_Herrenalb_Gaby_dos_Santos

Die wechselvolle Chronik der Ploetzsägmühle im Schwarzwald

Die Plötzsägmühle in der guten alten Zeit

Die Plötzsägmühle in der guten alten Zeit

Politik inmitten Schwarzwälder Idylle

Politik inmitten Schwarzwälder Idylle

Holzbrücke über die Alb

Holzbrücke über die Alb

Die Alb

Die Alb

100 Millionen Jahre haben diese Felsbrocken auf dem Buckel

100 Millionen Jahre alte Felsbrocken

 

 

 

 

Gaby_dos_Santos_jourfixe-muenchen

Back in town, wie schön! Ich hatte mein Leben zurück! Statt „Macht Schokolade glücklich?“ (Angeblich „ja“, wenn man sie als kleines Stück minutenlang auf der Zunge zergehen lässt) erwartete mich nun ein Seminar im Gasteig zum Thema „Europa fördert KULTUR“- aber wie?„, veranstaltet vom Kulturreferat in Kooperation mit dem „Cultural Contact Point“, respektive der für Deutschland zuständigen Anlaufstelle in Bonn. Vormittags wurden all die Punkte aufgezählt, die für die EU-Jury maßgeblich sind, um Fördermittel in einer Höhe auszuschütten, von der hier vor Ort unsereins nur träumen kann. Aber diese Kriterien wollen ja erstmal in ein künstlerisches Konzept eingebunden und mindestens zwei Partner in zwei weiteren EU-Ländern gefunden werden. Nachmittags hieß es dann – wieder einmal – eine Gruppe! bilden und gemeinsam ein fiktives Thema fördergerecht aufzubereiten. Meine Gruppe folgte dem augenzwinkernden Vorschlag des Schauspielers und Regisseurs Jochen Strodthoff: Museumsluft einfangen und an einem anderen, EU-kompatiblen Ort künstlerisch wieder ausschütten. Wie riecht der Schweiß der Besucher im Angesicht der Mona Lisa? Kunst ganz nah am Menschen – oder so … Interessierten Kolleginnen und Kollegen wenden sich an die Hotline Tel. 0228/201 35-0 oder nutzen nachstehenden Link: http://www.creative-europe-desk.de

Demo gegen alles am Rindermarkt

Demo gegen ALLES am Rindermarkt

Meine alte Bekannte Zehra Spindler hatte auf Facebook zur Demo gegen Monsanto aufgerufen. Naomi Isaacs, Cornelia Prössl und ich hielten dies für eine wichtige Aktion und fanden uns am Rindermarkt ein. Ein wenig spannungsgeladen erschien mir die Stimmung schon, als sich der Treffpunkt allmählich füllte. Es fanden sich viele „wir“ ein, die „wir“ aus den 68er/70 und frühen 80er Jahren, ergraut aber doch immer noch voll Elan dabei und mehr oder weniger in unveränderter Kampfaufmachung. Was dann doch dem einen oder anderen in der Menge einen leicht mumifizierten Anstrich verlieh.

Neue globale Verschwörungstheorien in Buchform werden uns Demonstranten am Sendlinger Tor verlesen

Neue globale Verschwörungstheorien in Buchform werden uns Demonstranten am Sendlinger Tor verlesen

Irgendwie schien es um respektive gegen die ganze Welt zu gehen. Wie wir später erfuhren, hatten sich aus organsiatorischen Gründen alle nur möglichen und unmöglichen Splittergruppen zusammen geschlossen. Schade, denn so verwässerte sich jegliches Anliegen und die Aktion glitt ins Fragliche ab, als die Gelegenheit genutzt wurde, um das neueste Druckwerk in Sachen „Globale Verschwörungstheorien“ ausgiebigst anzupreisen, nachdem man – immerhin – bis Sendlinger Tor über die gesperrte Hauptstraße marschiert war, angeführt von brasilianischen Blechrhythmen. Nachdem sich für uns die Veranstaltung immer mehr ihres Sinnes entleerte, zogen wir weiter zum Damenkränzchen mit absolut glücklich machendem Schokoladenkuchen, in welchem wir unsere Weltverbesserungsambitionen für diesen Tag begruben …

Allround-Küsntlerin Naomi Isaachs und ich bei der Tortenschlacht fotografiert von Aniela Adam, www.die-fotografin-iin-muenchen.de

Allround-Küsntlerin Naomi Isaacs und ich bei der Tortenschlacht, fotografiert von Aniela Adams, http://www.die-fotografin-in-muenchen.de

Florian Pronold, Landesvorsitzende der BayernSPD, Bundesumwelt- und Baustaatssekretär zu Gast im PresseClub

Florian Pronold, Landesvorsitzende der BayernSPD, Bundesumwelt- und Baustaatssekretär, zu Gast im PresseClub

Mein Engagement als politisch denkende Bürgerin erhielt bald darauf einen erheblichen Dämpfer – Dachte ich doch, inzwischen über diverse TV-/Print – und Internet-Beiträge alles nur Wissenswerte über TTIP in Erfahrung gebracht zu haben und dann kommt Florian Pronold in den PresseClub und plädiert für ein Überdenken der totalen Ablehnung von TTIP! Hierzu hat die Bayern-SPD auch eine ausführliche, via-Livestream übertragene Debatte ins Netz gestellt und inzwischen ergänzt. Nachstehend der Link

http://bayernspd.de/ttip-debatte/

An dieser Stelle gestehe ich: Momentan habe die politische Bürgerin Gaby dos Santos gar nicht die Zeit, diesen Beitrag durchzuarbeiten, merke mal wieder, wie schwer es arbeitenden Menschen fällt, sich wirklich so umfassend zu informieren, wie es die Themen erfordern würden. Und wann bitte die tägliche Flut an Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt erschöpfend prüfen? Andererseits verleitet Facebook allzu oft zu vorschneller Parteinahme. Damit möchte ich jetzt nicht sagen, dass ich bzgl. TTIP die Seiten wechsle, sondern meine Meinung zurückstelle, bis ich die Zeit finden werde, alles in Ruhe durchzusehen.

Chorprobe im Herkulessaal mit gefühlvollen Smartphone-Anklängen

Chorprobe im Herkulessaal mit gefühlvollen Smartphone-Anklängen

In der selben Woche lud der Chor der Bayerischen Philharmonie zur Generalprobe in den Herkulessaal der Münchner Residenz, zu Haydn’s „Die Schöpfung“, unter der engagierten Leitung von Mark Mast. Spannend an dieser Produktion war die Einbindung des Barockorchesters L’arpa festante, welches Originalinstrumente aus der Zeit einsetzt, wodurch klangtreue Aufführungen nachempfunden werden können. Während des Konzerts beschäftigte mich allerdings noch eine Frage der zwischenmenschlichen Art: Der Bariton–Solo-Engel war, sobald nicht singend, coram publico nonstop mit seinem Smartphone zu Gange und lächelte dabei wie ein Honigkuchen-Pferd in sich hinein. Amors Pfeile aus der virtuellen Welt? Wäre auch ein Aspekt der Schöpfung  ;–)) Mehr zur Bayerischen Philharmonie, die heuer 20. Jubiläum feiert unter http://www.bayerische-philharmonie.de/Startseite

 

Der alljährliche Gedenkmarsch für die homosexuellen NS-Opfer am 20.10. endete vor dem LeTrans

Der alljährliche Gedenkmarsch für die homosexuellen NS-Opfer am 20.10. endete vor dem LeTrans, der Münchner Begegnungsstätte für Lesben und Transsexuelle

Die homosexuellen Häftlinge kennzeichnete ein rosa Winkel. Um dem Lager-Inferno zu entkommen, willigten eine ganze Reihe Schwuler in eine "freiwillige" Kastration ein

Die homosexuellen Häftlinge kennzeichnete ein rosa Winkel. Um dem Lager-Inferno zu entkommen, willigten eine ganze Reihe Schwuler in eine „freiwillige“ Kastration ein

20. Oktober 1938: Mit dem Übergriff auf die Gäste der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“  am Oberanger, Ecke Dultstraße, erwies sich „die Hauptstadt der Bewegung“ auch als Vorreiterin der Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit.

Organisiert von der Rosa Liste,  dem Forum Homosexualität, u.a., versammeln sich jedes Jahr an dieser Stelle vorwiegend Schwule und Lesben, zu einem kleinen Marsch mit Lichtern. Und „klein“ war hier für meinen Geschmack ein Störfaktor. Ich finde, dass noch immer zu wenig der noch kleineren Minderheiten innerhalb der unter den Nazis verfolgten Minderheiten gedacht wird. Auch von den betroffenen Gruppen selbst. Etwa 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer habe ich gezählt. Für all das Leid, das hinter diesem Gedenktag steht, noch immer zu wenig.  Zu wenig für all die Schwulen, welche, wie Stadtrat Thomas Niederbühl, Vorsitzender der ROSA LISTE,  in seiner berührenden Rede treffend sagte, kein anderes Verbrechen begangen hatten, als zu lieben. In seiner Ansprache wies er auch auf die erfreuliche Tatsache hin, dass im nächsten Jahr genau an diesem Ort ein Denkmal aufgestellt wird. Außer ihm sprachen Rita Braatz (LETRA) und der Historiker Albert Knoll, Vorstandsvorsitzender des forum homosexualität münchen, Lesben und Schwule in Geschichte und Kultur. Knoll forderte nicht nur zum Gedenken auf, sondern äußerte auch die Hoffnung, dass schon bald ein würdiger Erinnerungsort nah am Ort des Ereignisses entstehen soll. Interessierte können beispielsweise mit Unterstützung des forum über Lebensläufe betroffener Schwuler forschen und sie aufschreiben. (Zitat Homepage „forum homosexxualität münchen“) http://www.forummuenchen.org/

Das Foto zeigt von li.; Frau Dr. Bosselli, Geschäftsführerin des Forums Kirche und SPD, die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Prof. Dr. Manzeschke, die SPD-Landtagsabgeordnete Diana Stachowitz, Bürgermeisterin a. D. Gertraud Burkert nach der Veranstaltung im Bayerischen Landtag

Von li.; Frau Dr. Bosselli, Geschäftsführerin des Forums Kirche und SPD, Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Prof. Dr. Manzeschke, SPD-MDL Diana Stachowitz, Bürgermeisterin a. D. und Münchner Ehrenbürgerin Gertraud Burkert, nach der Veranstaltung am 21.10.14 im Bayerischen Landtag

Im „Forum Kirche und SPD“ folgte am nächsten Abend die Auftaktveranstaltung der Reihe “Sterbehilfe-Palliativmedizin-Hospiz”. Prof- Dr. theol. habil. Arne Manzeschke, LMU München, referierte über „Veränderungen im Gesundheitswesen, unter dem Aspekt „des Umgangs unserer Gesellschaft mit Tod und Sterben“. Mit seinem Vortrag warf Manzeschke vor allem Fragen auf, was ich angesichts des Thema für absolut richtig hielt. Ebenso bestürzt wie nachdenklich stimmten mich die Wortmeldungen einer Reihe von Gästen, die über sehr persönliche Erfahrungen berichteten.  Diese handelten von äußerst qualvollen Sterbeprozessen. Diese Schilderungen ergänzte Stadtdekanin Barbara Kittelberger mit einen sehr leidenschaftlichen Einwurf: Während ihrer Klinikseelsorge habe sie nichts erlebt, was eine Verklärung des Sterbens rechtfertige. „Man stirbt sehr alleine, so alleine, wie man gekommen ist.“ Angesichts solcher Äußerungen fällt es schwer, Forderungen wie der unseres EKD-Vorsitzenden 100%ig beizupflichten, welcher „schmerzfreies Sterben bei liebevoller Betreuung“ propagiert. Ein frommer Wunsch, der aber – noch? – keineswegs der Realität entspricht. Weder von den Möglichkeiten der Schmerztherapie her, noch angesichts des Pflegenotstands. Aber sicher sollte ein Ausbau der Palliativ-Medizin energisch voran getrieben werden. Persönlich halte ich dennoch nichts von einer Legalisierung der Sterbehilfe. Ich denke, den Ärzten ist schon heute ein gewisser Spielraum gegeben, abhängig von deren Gewissen, welches sich ja auch schlecht staatlich reglementieren lassen würde – oder? Diese Frage wird unsere Gesellschaft jedenfalls noch lange begleiten, und ich bin dem Forum Kirche und SPD dankbar, dass es dieses Thema unter verschiedenen Aspekten auch 2015 weiter beleuchten wird. 

Ein weiteres Schwerpunktthema 2015 wird der interreligiöse Dialog sein, für mich, in Hinblick

Ein Stück neuere bayerische Geschichte dargestellt in Kurzbeiträgen und herausgegeben von Franz Maget, Vorsitzender des Forums Kirche und SPD

Ein Stück neuere bayerische Geschichte dargestellt in Kurzbeiträgen und herausgegeben von Franz Maget, Vorsitzender des Forums Kirche und SPD

auf meine geplante Collage zum Reformationsjahr, ebenfalls ein dankbares Thema.

Mehr Informationen zum Forum Kirche und SPD,  über http://sonntags-blog.de/termine/

Peter Lang alias "Genosse Rock'n Roll" 2014, Foto: Werner Bauer

Peter Lang alias „Genosse Rock’n Roll“ 2014, Foto: Werner Bauer

Mein Freund, Sponsor und Kooperationspartner Peter Lang blickt auf eine erfolgreiche Musikerjugend in Ungarn zurück, als Mitbegründer der ungarischen Kultbands OMEGA und HUNGARIA. Mit letzterer gewann er 1968 „Ungar sucht den Superstar“, zu einer Zeit also, als Dieter Bohlen quasi noch in Windeln lag. Entsprechend angesehen ist Peter bis heute in den ungarischen Kreisen Münchens.

  
Daher erhielten wir über das ungarische Online-Magazins Ungarn-Panorama
die Einladung zu einer Veranstaltung mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, zu der die deutsch-ungarische Gesellschaft in die Hanns Seidel Stiftung geladen hatte.

Unter den Gästen fand sich übrigens auch, ganz ungewohnt mit Schlips und Kravatte, Musiker und Produzent Leslie Mandoki, zu meiner Überraschung ein guter alter Bekannter und ehemaliger Kooperationspartner von Peter.

In der Hanns Seidel Stiftung, als Gastgeberin einer Veranstaltung mit Viktor Orbán, die Präsidentin der deutsch-ungarischen Gesellschaft in München, Elisabeth Schosser

In der Hanns Seidel Stiftung, als Gastgeberin einer Veranstaltung mit Viktor Orbán, die Präsidentin der deutsch-ungarischen Gesellschaft in München, Elisabeth Schosser – Foto: Ungarn Panorama

Viktor Orbán kam in Begleitung von Edmund Stoiber, welcher auch die Begrüßungsrede hielt. Kern seiner Rede war ein Appell, Ungarn mit differenzierteren Augen zu betrachten. In diesem Punkt sprach er mir aus der Seele, nicht nur in Bezug auf Ungarn, sondern ganz grundsätzlich: Meiner Meinung nach sollten wir uns ein wenig damit zurückhalten, anderen Ländern öfter mal unsere Auffassung von „political correctness“ aufdrücken zu wollen. Zu Recht wies Viktor Orbán gestern darauf hin, dass jedes Land seine eigene (kulturelle) Geschichte habe und damit andere Verhältnisse, auf die mit unterschiedlichen, nicht eins zu eins übertragbaren Wegen reagiert werden müsse.

Peter Lang mit ca. 6 Jahren

Peter Lang mit ca. 6 Jahren

Was weiß denn ich, ein aus den komfortablen westdeutschen Verhältnissen hervorgegangenes SPD-Mitglied, wie meine politische Einstellung aussähe, wenn man meine Familie unter einem kommunistischen Regime enteignet hätte, mit fatalen Folgen für die Großeltern, wie bei Peter Lang z. B. der Fall? Wenn ich jahrzehntelang durch eine Diktatur in eingeschränkt gewesen wäre? Und würde ich mir weiterhin die Vision einer gesellschaftlichen Chancengleichheit leisten wollen, wenn mich nicht das engmaschige deutsche Sozialnetz sichern würde, ich vielmehr um meine nackte Existenz fürchten oder gar kämpfen müsste? Oder aber Millionen gescheffelt hätte?

Wie auch immer. Man kommt nicht umhin, der Orbán-Regierung zuzugestehen, dass das Land unter ihrer Führung einen Aufschwung erlebt und mit einer entsprechenden absoluten Wahlstimmen-Mehrheit für ihre Fides-Partei quittiert worden ist.

Viktor_Orban_Hanns_Seidel_Stiftung_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogEntsprechend groß daher  das Selbstbewusstsein, mit dem Orbán den aktuellen Zustand seines Landes darstellte. Seine Erfolgsbilanz würde ihn Auslandskritik mit entsprechender Gelassenheit hinnehmen lassen, gab er auf eine Frage zur Antwort. Gerne und gekonnt kokettierte er mit jenem Hang zur Provokation, der regelmäßig für heftiges Rauschen im ausländischen Blätterwald sorgt. Auch diesmal entsprach er seinem Image, wenn er wieder einmal  eine Ausführung mit „„Ich provoziere Sie jetzt mal …“ begann, um dann in charmantestem Plauderton eine politische Ansicht in überspitzter Form in den Raum zu stellen – und amüsierten bis begeisterten Applaus zu ernten.  Zeitweise habe ich mich, als Teil des Publikums, von ihm regelrecht vorgeführt gefühlt. Dabei redete Orbán weitgehend frei und zeigte sich besonders in der anschließenden Fragestunde als  schlagfertiger Interview-Partner.

Wer diesen Mann als populistischen Simpel disqualifiziert, wird ihm nicht nur nicht gerecht, sondern liefert ihm meiner Meinung nach eine willkommene Breitseite, sich weiter vor seinen Anhängern zu profilieren, als eine Art ungarischer David gegen die Goliaths EU, Auslandspresse und darüber hinaus. In einer Zeit, in der sich Politik immer mehr zu einer Frage von PR-Strategien entwickelt, spielen unangemessene bis unqualifizierte Pressestimmen einem rhetorischen Fechtmeister wie Orbán nur in die Hände, denn dieser Mann weiß offensichtlich die Mechanismen einer breiten Konsensbildung klug für sich zu nutzen.

Und das stimmt mich so nachdenklich. Politiker wollen gewählt werden. Allzu oft um jeden Preis. Auch hierzulande könnte ich Volksvertreter benennen, die sich öffentlichkeitswirksamst als Stammtisch nahe Hardliner präsentieren. Trifft man sie dann in kleinem Rahmen, z. B. im PresseClub, ist man überrascht festzustellen, wie charmant, geistreich und auch tolerant dem politischen Gegner gegenüber sie in Wirklichkeit sind. Also drängt sich die Frage auf, welche Art von politischem Verhalten sich Volkes Geist heranzüchtet? Mehr demokratische Reife wäre von uns allen gefragt.

Die Tatsache, dass ein charismatischer Politiker und/oder eine Partei es schaffen, breite Mehrheiten zu gewinnen, ist leider keineswegs Garant für eine dauerhaft wünschenswerte Politik. Dass sich ein Silberstreif am Horizont schnell in eine Götterdämmerung verwandeln kann, lehrt uns die Geschichte. Aber ebenso, niemals vorschnelle und indifferenzierten Urteile zu fällen. Vielem von dem, was Orbán in seiner Rede äußerte, kann ich weder von meinen politischen noch von meinen ethischen Überzeugungen her zustimmen, doch solange die EU-Regeln eingehalten bleiben, die nicht zuletzt der Wahrung unserer gemeinsamen europäischen Werte dienen, kann ich mich dem Anliegen Edmund Stoibers nach einer möglichst differenzierten Betrachtungsweise  Ungarn gegenüber nur anschließen.

Peter_Lang_Genosse_Rock_n_Roll_Praesentation_PresseClub_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixeBlog

Peter Lang während der Präsentation von „Genosse Rock’n Roll“ im abgedunkelten PresseClub, Foto: Elisabeth Sorger

Apropos Ungarn: Wie der Ungar Peter Lang seine Jugend- und erste Musikerzeit in seiner Heimat erlebte, erzählt die multimediale Collage „Genosse Rock’n Roll„, die wir letzten Donnerstag im PresseClub in einer komprimierten Version vorab vorgestellt haben, aus Anlass von Peter Langs 70. Geburtstag…

<< Peter Lang während der Präsentation von „Genosse Rock’n Roll“ im abgedunkelten PresseClub, Foto: Elisabeth Sorger, selbst Ungarin und sehr berührt von Peter Langs Reminiszenzen, die sie in ihre Jugendzeit zurück versetzten.

Im Rahmen der Tagung "ERSTER WELTKRIEG - EINE EUROPÄISCHE ERFAHRUNG" zeige ich am 5.12. unsere Collage zum 1. Weltkrieg

Die Evangelische Akademie in Tutzing: Im Rahmen der Tagung „ERSTER WELTKRIEG – EINE EUROPÄISCHE ERFAHRUNG“ zeige ich am 5.12. unsere Collage zum 1. Weltkrieg

Zuvor hatte mich eine kurzfristige Anfrage der Evangelischen Akademie in Tutzing an den Starnberger See geführt. An diesem idyllischen Ort werde ich am 5. Dezember eine leicht erweiterte und nunmehr komplett bebilderte Fassung der Collage zum 1. Weltkrieg zeigen, die Jon Michael Winkler und ich im Sommer für den Ökumenischen Gedenkgottesdienst in Haidhausen produziert hatten.
Der EKD-Vorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strom mit Friedrich Kardinal Wetter beim Gedenkgottesdienst im Sommer, Foto: K. Stiessberger

Der EKD-Vorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strom mit Friedrich Kardinal Wetter beim Gedenkgottesdienst im Sommer, Foto: K. Stiessberger

Damals nahm übrigens auch der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm teil, der am gleichen Tag, an dem ich die Evangelische Akademie besuchte, zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde. Doppelte Freude herrschte also bei mir, denn Bedford-Strohms Elan hat mich zu einem aktiven Mitglied meiner eigenen Gemeinde werden lassen und seine Posts auf FB verfolge ich mit Interesse, wünschend, dass alle Amtsträger, ob Kirche oder sonstige, soviel Transparenz an den Tag legen würden …

Dieter_Reiter_PresseClub_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Dieter Reiter besucht erstmals den PresseClub München in seinem neuen Amt als Münchner OB

„Es macht schon Spaß, Bürgermeister zu sein“, lautete ein Statement von OB Dieter Reiter im Rückblick auf seine ersten 100 Tage im Amt. Man könne dann die Wege beschreiten, die man für sinnvoll halte. Zugleich betonte Reiter aber auch, ein Teamworker zu sein und sich gerne mit seinem Mitarbeiterstab zu besprechen, vor allem wenn er mit seinem Latein am Ende sei. (Ganz neue Töne im Rathaus!) Juristische Einwände seien dabei für ihn nicht prinzipiell hinderlich. So habe er sich in Bezug auf die Bayernkaserne nur seinem Gewissen und dem Artikel 1) des Grundgesetzes verpflichtet gefühlt. Im übrigen werde eine menschenwürdige, vernünftige und integrative Flüchtlingspolitik auch weiterhin ganz oben auf seiner Agenda stehen. Als vordringliches Thema kam auch die zweite Stammstrecke zur Sprache. Langsam sei seine Geduld am Ende, äußerte der OB, schließlich werde das Projekt ja auch nicht billiger. Sollte er vom Freistaat bis Ende des kommenden Quartals keine verbindlichen Zusagen erhalten, so wolle er sich mit dem Stadtrat bzgl. möglicher Alternativ-Lösungen auf rein städtischer Ebene besprechen, möglicherweise mit einem Zurückziehen der anteiligen Finanzierungsmittel.

Reiter bezeichnete sich selbst als „elenden Pragmatiker„. Das lässt sich durchaus auch als Umschreibung für „Macher“ auslegen. Und so hat er bei dem für uns Bürger so wichtigen Berufsstand der ErzieherInnen gleich mal bessere Verdienstmöglichkeiten ge“macht“, in Höhe von € 200,- pro Monat. Nach der Veranstaltung im PresseClub hat sich mein Eindruck verfestigt, für den richtigen Mann Wahlkampf betrieben zu haben. Ich denke, dass unter seiner Führung ein neuer Stil Einzug hält, jenseits allen irritierend staatstragenden Gehabes. Vielmehr erlebte ich unseren neuen OB als angenehm schnörkellos in der Diktion und so auf den Punkt, dass ich diesen ganzen Absatz praktisch aus dem Gedächtnis formulieren konnte. Wie angenehm bei einem Politiker, der auch betont, wie wichtig ihm die Wortkomponente „Bürger“ im „Bürgermeister“ sei, und dass er daher die Bürgersprechstunde, die er wider so manche Warnung bereits eingerichtet hat,  weiter etablieren wolle. Seine langjährigen Erfahrungen als Verwaltungsfachmann werden ihm ebenfalls beim Regieren unserer Stadt sehr zugute kommen. Aus dieser ehemaligen Funktion heraus klärte er viele von uns auch darüber auf, dass München inzwischen so gut wie schuldenfrei sei. Gute Aussichten also insgesamt für meine Wahl-Heimatstadt 😉

Peter_Lang_Genosse_Rock_n_Roll_Europaeische_Schule_Muenchen_Gaby_dos_Santos_Blaesser

Vorschau: Diesen Donnerstag, den 20. November, um 20 Uhr, findet die eigentliche Aufführung von „Genosse Rock’n Roll“ statt, in der Europa Halle der Europäischen Schule, Elise-Aulinger-Str. 21, München-Neuperlach, im Rahmen der ambitionierten Reihe „Europäische Identitäten“.

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

Koordinator ist Dr. Roland Jerzewski, dem wir diesen Auftritt verdanken, für den die Schule erstmals ihre Pforten der Öffentlichkeit zu einer Abendveranstaltung öffnet. Dies rührt mich ganz besonders, da ich selber meine gesamte Schulzeit auf einer Europäischen Schule verbracht habe, der in Varese/Italien. Jeder Auftritt an der Europäischen Schule in München fühlt sich für mich daher ein wenig ein „back to the roots“ an.

Mehr über die Collage

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Genosse_Rock_n_Roll_Collage.htm

Eigentlich enthält dieser Blog mehrere Blogs, die ich jedoch zeitnah nicht schreiben konnte und dürfte daher als Lektüre bis Mitte Dezember reichen ;-))  da ich mich nach dem Auftritt am Donnerstag wieder einmal in Kreativ-Klausur begeben werde.


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

Standard