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Geburtstag auf Wolke 7: Fotostrecke, Kommentare und weiterführende Links zur Künstlerfeier an meinem 60. Geburtstag, 4. Juni 2018, bei Terry Swartzberg in München

Runde Geburtstage verleiten mich regelmäßig zum Kassensturz: Wo genau stehe ich an diesem Stichtag, in Bezug auf meine Pläne, Ziele, Überzeugungen und auf meine Gefühlswelt? Und wer steht an meiner Seite, beziehungsweise mir zur Seite? Nehme ich den aktuellen, sechzigsten Geburtstag zum Maßstab, fällt meine biografische Zwischenbilanz um so vieles besser aus, als mir selbst bislang bewusst war. Von der Zuneigung meiner Gäste fühlte ich mich regelrecht eingelullt, von vielen liebevollen Gesten, Zuwendungen, Worten und künstlerischen Darbietungen. Dass die Gästeliste sich fast ausschließlich aus künstlerischen WegbegleiterInnen und engen KooperationspartnerInnen unterschiedlichstem Datums zusammensetzte, spielte dabei für mich keine Rolle, denn in meinem Leben verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer, beziehungsweise kultureller Arbeitswelt und Privatleben seit Jahrzehnten fließend.

Glücklich – Gaby dos Santos am 60. Geburtstag. Links im Hintergrund Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung

Die prägnantesten Momentaufnahmen, festgehalten von mehreren Gästen, habe ich in nachstehender Fotostrecke zusammengestellt, kommentierjt und verlinkt, weil diese nicht nur eine schöne Erinnerung für mich – und hoffentlich für meine Gäste – darstellen, sondern auch widerspiegeln, wofür die Kulturplattform jourfixe-muenchen steht. Nachfolgendes Gruppenfoto zeigt zwar nicht alle der geladenen !80 Gästen, aber einen guten Querschnitt:

Kurz vor Beginn der Künstler-Session: HINTEN von links: Manuela Rosenkind (Illustratorin, Autorin „Mia Meilenstein„), Harry Rosenkind (Musik-Promoter, Schlagzeuger der Kultrockband „Sahara“), Elisabeth Sorger (Malerin, Sprecherin der MKG-Münchner Künstlergenossenschaft), Reiner Mauthe, Catherine Houdayer (Modeexpertin), Jörn Pfennig (Lyriker, Bestseller mit „Grundlos zärtlich“), ganz an der Wand Arno Baum (Musik-Booker, Bassist der Progressive-Rockband PROGNOSTIC) und ansatzweise zu sehen Piaistin Masako Ohta; MITTLERE REIHE im Sessel: Ulrike Keil (Musikwissenschaftlerin, Pressechefin von Musikerlebnis/Tonicale, musica femina münchen) mit Ehemann, Michaila Kühnemann (Film- und Radiomacherin RADIO MÜNCHEN, Kabarettistin, Liedermacherin), Peter Lang (Inhaber Artist Studio München, als Musiker Mitbegründer der ungarischen Kultbands Hungaria und Omega), Claudia Cane (Rockröhre), VORNE, neben mir, Christine Weissbarth (Schauspielerin, Moderatorin und Referentin bei der Hanns-Seidel-Stiftung) sowie, halbverdeckt, Cecilia Gagliardi (Sängerin, Gitarristin, Theater im Roßstall/Germering)

Die  Kulturplattform jourfixe-muenchen steht seit fast zwanzig Jahren für kulturelle und künstlerische Vielfalt, mit dem Ziel gegenseitiger Inspiration und der Bildung von Synergien. Diese Vielfalt spiegelte sich in der Geburtstagsfeier wieder: Die Künstler- und Kulturschaffenden des jourfixe sind unterschiedlichster Couleur, doch bilden Know How, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kunstformen, Freude an künstlerischen Synergien und multidisziplinären Projekten einen kittenden, gemeinsamen Nenner. Als Mitglied kann man sich bei uns nicht bewerben; statt dessen spreche ich gezielt Kunst- und Kulturschaffende an, die ich mir als Bereicherung unseres künstlerischen Pools erhoffe, zur Entwicklung gemeinsamer Projekte und gegenseitigen Unterstützung.

Gastgeber Terry Swartzberg, Journalist, PR-Fachmann und Vorsitzender von „Stolpersteine für München e.V.“ stellte mir für meine Geburtstagsfeier sein historisches Häuschen am Nockerberg zur Verfügung und ermöglichte so einen unvergesslichen Abend! Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

Apropos gegenseitige Unterstützung: Eben mal sein ganzes Haus für die Feier zu meinem 60. Geburtstag zur Verfügung stellen – das macht ihm so schnell keiner nach und entspricht seinem Wesen: Für den Kosmopoliten Terry Swartzberg sind Aufgeschlossenheit, soziales Engagement (u.a. in seinen PR-Kampagnen) und phantasievoll gestaltete Lebensfreude zwei Seiten einer Medaille. Nach rund 25 Jahren als Korrespondent für die International Herald Tribune, gilt sein großes Engagement seit einigen Jahren dem Verein Stolpersteine für München e.V., dem er vorsteht und mit dem er aktuell ein großes Sommerfest vorbereitet, am Mittwoch, 20. Juni 2018, um 20 Uhr, bei freiem Eintritt im Jüdischen Museum München, mehr unter jourfixe-News. Und einmal mehr ist einfach jede/r herzlich willkommen! Ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt.

„Gabys gute Geister“ nannte meine Freundin Edith Grube Reiner Mauthe, Marianne Niederkofler, Sigi Blässer und Jon Michael Winkler; Letzterer ist nicht nur mein enger Vertrauter sondern auch Erster Vorsitzender des jourfixe-Vereins. Für mich bedeuten die vier Menschen auf obigem Foto weit mehr als Mainzelmännchen! Mit ihnen ist in Teilen mein Leben verwoben. Fest steht aber auch, dass  ohne deren Hilfe diese Geburtstagsfeier gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Der untere Bildteil zeigt einen Ausschnitt des üppigen Büffets: Alle Gäste waren gebeten worden, Speisen und Getränke anstelle von Geschenken mitzubringen. Foto: Stey

 

Geburtstagskind Gaby dos Santos führt Prof. Thomas Pekny, Intendant Komödie im Bayerischen Hof, durch Terry Swartzbergs historisches Domizil am Nockerberg, Foto: Oliver Stey

 

Theaterwelten: Angelica und Lili Fell, Geschäftsführung der inklusiven FBM-Freien Bühne München mit Thomas Pekny, Chef der Komödie im Bayerischen Hof; Foto: Dirk Schiff

 

Kommt Moses nicht zum Berg … Nachdem es im Winter wegen einer Endlosschlange nicht möglich gewesen war, das Rockmuseum im Olyimpiaturm zu erreichen, kam dessen Betreiber, Herbert Hauke eben zu uns. Neben ihm seine Frau Gabi, Tourbegleiterin und Assistentin von Sissi Perlinger; Foto: Schiff

 

Foto links: Die finnische Sängerin Tuija Komi im Gespräch mit musica-femina-Grafikerin Irmgard Voigt; Foto rechts: Claudia Strauch (Strauch Media) im Gespräch mit Behar Heinemann, links und  Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München)

 

Foto links: Das Sänger-Ehepaar Maya und Charles Logan; Rechts schneide ich eine der Geburtstagstorten an, die mir Gäste gebacken haben, assistiert von Gabi Hauke, dahinter jourfixe-Gründungsmitglied Angelika Grimm (Sozialpädagogin); Foto: Elisabeth Sorger

 

V.l. Alexander Diepold (Madhouse), hat gerade in München den alljährlichen Gedenktag für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma durchgesetzt, daneben Eva Giesel, Litag Theaterverlag, rechts Uta Horstmann, Bundesverdienskreuzträgerin für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma, auf den Stufen Esthera und Artur Silber (Musik-Manager DownTown Studios,PR–Agentur Silberpfeil, Schlagzeuger, u.a. PROGNOSTIC)

 

Unter den Nazis wurden ihre Ethnien unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt, doch hier ist Differenzierung angesagt: Von links: Oliver Stey, aus einer Zirkus- und Schausteller-Dynastie, der das größte Privatarchiv dazu führt, die schillernde Behar Heinemann, eine, wie sie es selbst formuliert „stolze Rom“ (Autorin und Kulturmanagerin) sowie der Sinto Alexander Diepold (Madhouse-Chef), dem München seit diesem Jahr einen festen Gedenktag für die verfolgten Sinti & Roma verdankt; Fotos: Dirk Schiff

 

Fotografin Anne Schiff – Mit ihr und ihrer Familie erlebe ich immer wieder kuschelige private Stunden; Rechts Stephanie Bachhuber (Bayer. Staatsoper) Am Vortrag meines Geburtstags feierten wir den 20. Jahrestag unserer Freundschaft! Fotos: Dirk Schiff

 

Geniales Geschenk von Naomi Isaacs (Institute for Charismology): Ein Kaleidoskop – zeitlose Freude! Links von ihr Reiner Mauthe, rechts Sänger Charles B. Logan, an der improvisierten Bar; Rechtes Bild: Ulrich Floßdorf, Traumatherapeuth etc. bei Alexander Diepolds Familienberatungsstelle Madhouse; Foto: Stey

 

Die finnische Sängerin Tuija Komi kam auf Krücken! Und verstand sich mit Gastgeber Terry Swartzberg offensichtlich prima. Für mich ist sie ein veritabler Sonnenschein, kann aber auch „traurig“ und sang später bei der Session à capella ein melancholisches finnisches Gänsehaut-Lied; Fotos: Dirk Schiff

 

Von links: Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München), Kriminalautorin Sabine Vöhringer („Die Montez Juwelen„) Michaila Kühnemann, Radio München, Moderatorin, Filmemacherin, Kabarettistin, Musikerin, Foto/Ausschnitte von Oliver Stey

 

Blick von Terry Swarzbergs Terrasse in den Innenhof. Von vorne links: Dr. Ulrich Schäfert, Leiter Kunstpastoral der Erzdiözese,, Grafikerin/Illustratorin Elena Buono, Heidi und Peter Lang, Artist Studio und Kulturjournalistin Heidi Weidner; ganz re. Sängerin Tuija Komi; Foto: Oliver Stey

 

Totale des Innenhofs – Im Vordergrund zu sehen ist Regisseur Rüdiger Nüchtern, ganz hinten wird es Italienisch: An der Wand die Grafikerin und Illustratorin Elena Buono und vor Ihr die Sängerin und Kabarettistin Cecilia Gagliardi, die einer römischen Künstlerdynastie entstammt; Foto: Dirk Schiff

Links neben Musikerin Cecilia Gagliardi (Theater im Roßstall/Germerin) die japanische Pianistin Masako Ohta, bei der ich mich fragte, wie sie aus einem Keyboard in Schoß-Format derart perlende Klänge zu zaubern vermochte. Rechts Sängerin Linda Jo Rizzo, die kürzlich das Hippodrom zum Kochen brachte. Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

Höhepunkt der Feier waren sicherlich die Geburtstagsständchen der MusikerInnen unter den Gästen sowie ein eigens zu meinem Geburtstag getextetes Gedicht SIXTY SEXY GABY des Lyrikers Jörn Pfennig! Große Freude! …

Lyriker Jörn Pfennig, zwei Ausschnitte von Fotos von Dirk Schiff

Vorbemerkung:

Eines Deutschen Dichters Scheitern
ist für ihn und die Welt ein wahrer Graus.
Doch manchmal kann es beide auch erheitern –
probieren wir’s doch einfach mal aus:

Das Gedicht:

Der Deutsche Dichter muss ja nicht denken –
von dieser Pflicht hat sein Volk ihn befreit
um sie dem Deutschen Denker zu schenken
der sich immer schon sehr
aber seither noch mehr
schier unglaublicher Bedeutung erfreut.
(… mehr)

Stimmungsbild während der temperamentvollen Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans; rechts außen Hausherr Terry Swartzberg, neben ihm Jazz-Sänger Thomas de Lates, Foto: Oliver Stey

 

Zwei Momente der Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans: Ein peppiges Lied à capella und aus eigener Feder über die Vorzüge reifer Frauen; Jennys Auftritt berührte mich sehr, denn oft war ich früher in ihrem Jazz-Lokal Jenny’s Place zu Gast gewesen und hätte mir nie träumen lassen, sie einmal als Geburtstagsgast zu begrüßen … Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

 

Csaba Gal, Leiter des Künstlerkreises Kaleidoskop und Cecilia Gagliardi (‚Theater im Roßstall/Germering) singen „Bella Ciao“, das „House Of Rising Sun“ Italiens, Foto: Dirk Schiff

 

Mitwirkende an der Künstlersession: Jazz-Sänger Thomas de Lates und zwei der Musiker der Progressive-Rockband PROGNOSTIC: Keyborder Martin Stellmacher und Sänger Charles B. Logan

 

Vertraute aus wilden Zeiten: Journalistin Daniela Schwan (rechts neben mir). Links zu sehen ist Kabarettistin Karin Engelhard. Dahinter Klaus Onnich, Kurator MVG-Museums – Foto: Dirk Schiff

 

Ein schönes Portrait-Foto von Kulturjournalistin Daniela Schwan; Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

 

Mit meinem alten Freund aus wilden Datscha-Zeiten, Zarko Mrdjanov, Gitarrist von Massel Tov, meiner Schwägerin Sigi und Heidi Lang vom Artist Studio, Foto: Dirk Schiff

 

Elisabeth Sorger, Malerin und Sprecherin der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft, Martin Hubensteiner, Ausstellungsmacher der LV1871, Gaby dos Santos und Christine Weissbarth, Referentin/Moderatorin der Hanns-Seidel-Stiftung, Foto: Dirk Schiff

 

In der Mitte Claudia Weigel, (Parlamentarische Beraterin Hochschul- und Kulturpolitik, Fauenpolitik für die BayernSPD Landtagsfraktion), links Autorin Gunna Wendt, nach deren Biografie über Franziska zu Reventlow wir zur Zeit, gemeinsam mit Musikerin Michaela Dietl, eine Collage zum 100. Todestag produzieren

 

Renate Lettenbauer und Lising Pagenstecher, wie ich Mitglieder von musica femina münchen    und Rockröhre Claudia Cane, die später Janis Joplins „Mercedes Benz“ sang; Foto: Dirk Schiff

 

Meine Freundin Edith Grube, Tochter und Nichte der KZ-Überlebenden Werner und Ernst Grube; Aktivistin (Stolpersteine für München e.V.) und Verwaltungssupervisor bei Madhouse, mit ihrem Mann Robert; Links: Harry Rosenkind (Musikpromoter und Schlagzeuger der Kult-Rockband „Sahara„)

 

Meine Collage über Textdichter Bruno Balz brachte mich mit diesen beiden Herren zusammen: Mein Bühnenpartner Lutz Bembenneck (li) und der „Experte“ für die Talkrunde nach der Aufführung, Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau und Vorstand des Forums Homosexualität München,

 

Unsere beiden jourfixe-Fotografen einmal selbst vor der Linse von Oliver Stey: Links: Dirk Schiff/ portraitiert.de und rechts Bernd Sannwald, ein As in abstraktv wirkender Detail-Fotografie

 

Dieses Portrait von Naomi Isaacs fand Dirk Schiff (portraitiert.de) so ansprechend, dass er spontan beschloss, es in seine neue Herbst-Ausstellung „Münchner und Zuagroste“ einzubeziehen. Wie bereits seine erfolgreiche Ausstellung im Vorjahr mit Uschi Glas, „We are all the same“, findet die Vernissage im Hotel Le Méridien statt, diesmal zugunsten von Jutta Speidels HORIZONT e.V.

 

Es ist spät geworden … Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung im Gespräch mit Jon Michael Winkler;; Foto: Stey

 

Ein glückliches Geburtstagskind sagt: „Danke!“


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

 

 

 

 

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„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem außergewöhnlichen Tag, den die Landeshauptstadt München, nach 75 Jahren, erstmals dem Gedenken an die deportierten und zum größten Teil ermordeten Sinti, Reisenden, RomaJenischen, Gaukler & Komödianten widmete. Siehe dazu auch den jourfixe-Blogbeitrag „Porajmos“: „Das Verschlingen“.

Sinteza Ramona Röder im Herbst 2016 bei Eröffnung der Ausstellung über die Verfolgung der Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler & Komödianten in der NS-Zeit – Ramonas Vater wurde ein Opfer der Experimente an Zigeunerkindern von NS-Arzt Josef Mengele. Ramonas Kommentar: „Der Mengele war so ein schöner Mann! Wie konnte er nur?“ Foto: Stey

Wie schon im Herbst 2016, bei der Eröffnung der ersten Münchner Ausstellung, die der Verfolgung der Sinti und Roma gewidmet war, herrschte auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine sehr familiäre Atmosphäre, was leider auch daran lag, dass sich seitens der Münchner „Mehrheitsgesellschaft“ weniger BürgerInnen vor Ort einfanden, als erhofft, ein Umstand, der sicher auch der Uhrzeit geschuldet war, tagsüber, mitten in der Arbeitswoche … sowie dem eisigen Wind.

Vertrauter Umgang: Ganz links. Dipl. Sozialarbeiterin Uta Horstmann, die für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt; sitzend Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender im Verband deutscher Sinti & Roma, li. dahinter Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern deutscher Sinti und Roma, daneben der KZ-Überlebende Peter Höllenreiner, re. Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren von Madhouse – Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma und Initiator dieser erstmaligen Münchner Gedenkreihe, neben ihm Archivar Oliver Stey (Angehöriger der „Gaukler & Komödianten“)

Mitglieder der Familie Höllenreiner, die ich schon beim Gedenkgottesdienst getroffen hatte, den Angelika (hinten) als Sängerin mitgestaltet hatte; Foto: O. Stey

Das „Hallo“ dafür war umso lebhafter. Man kennt einander, ist oft, zumindest über drei Ecken, mit einander verwandt und beklagt gemeinsam zahlreiche Familienmitglieder unter den Opfern des Holocaust.

Mit Initator Alexander Diepold , selbst ein Sinto und Gründer/Leiter von Madhouse München, Foto: Roberto Paskowski

 

 

Auch für mich fanden an diesem Nachmittag viele Wiedersehen statt, mit FreundInnen und lieben Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zum Bestandteil meines engeren Umfelds geworden sind.

An diesem Dienstag waren wir auch im Bibbern vereint, da sich der Platz als äußerst zugig erwies. Mir taten vor allem die Musiker leid: Violinist Sandro Roy und Gitarrist Walter Abt spielten auf einer Bühne, die zwar überdacht, seitlich und hinten aber nicht geschützt war!  Ich tippte auf Fingerübungen „in ganz klamm“. 😦 Das tat jedoch dem Wohlklang keinen Abbruch.  Profi-Künstler entfalten auch unter widrigen Umständen ihr Können!

Mit Gitarrist Walter Abt und Violinist Sandro Roy mochte man an diesem Tag mit Sicherheit nicht tauschen! Es zog gnadenlos von allen Seite, doch das Duo hielt sich souverän.

Das Ausmass der Deportationswelle, die die Münchner Sinti und Roma Gemeinde im März 1943 überrollte, wurde bei der Gedenkfeier dadurch veranschaulicht, dass die Namen der Opfer, ergänzt durch die Daten zu Festnahme,  dem Ziel der Deportation und – in den meisten Fällen – auch dem Tag der Ermordung, verlesen wurden.

Marco, ein Mitglied der Familie Höllenreiner verliest die Namen und Daten zu den Deportationen in seiner Familie, die besonders massiv betroffen war. Im Hintergrund Alexander Adler, ein junger Sinto, der sich als Mediator in Schulen engagiert

Die Liste der „ziganen“ Münchner NS-Opfer nahm gefühlt kein Ende, und ich fragte mich, warum nur, bis zur Anerkennung des erlittenen Leids der Sinti und Roma während des Krieges und auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten, soviel Zeit hatte vergehen müssen?

Im obigen Video  von Gerhard Hallermayer (gh-film) finden sich die Reden von OB Reiter, Erich Schneeberger und Alexander Diepold

Eine junge Sinteza verliest Namen ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen, ein Sinto hört bewegt zu; Foto: Oliver Stey

Die Ausgrenzung von Holocaust-Opfern nach dem Krieg griff auch Madhouse-Chef Alexander Diepold in seiner Rede auf, aus der ich ausschnittsweise zitiere:

Alexander Diepold bei seiner Rede; Foto Roberto Paskowski

„75 Jahre hat es gedauert, dass auch der Minderheit der Sinti und Roma in der Weise erinnert wird, dass sie hier, am Platz der Opfer der Nationalsozialisten geehrt und gewürdigt werden. (…) Vor einigen Jahren waren hier die Opfergruppen einzeln benannt, nicht aber Sinti und Roma. (…) Dieser Platz, an dem das Ewige Licht brennt und nicht mehr ausgeht, ist nun der Ort, an dem allen, wirklich ALLEN Opfern des Holocaust gedacht wird. (…) Das Licht steht dafür, dass Menschlichkeit, auch unter der Unterdrückung, nicht ausgelöscht werden kann.“ (Die ganze Rede im obigen Video)

Die Ansprache von OB Dieter Reiter, wurde seitens der Münchner Sinti & Roma durchweg sehr positiv aufgenommen; Foto: R. Paskowski

Dieser Gedenktag kam – ebenso wie der Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern im Februar 2018 – wie Oberbürgermeister Dieter Reiter es in seiner Rede formulierte – „nicht zu früh, aber besser heute als nie“. Stimmt! Schließlich gibt es immer noch genug zu tun, nicht nur in Hinblick auf die historische Aufarbeitung des „Porajmos“  (deutsch: „das Verschlingen“), dem Holocaust der Sinti und Roma, sondern auch in Hinblick auf die weiterhin bestehenden Defizite bzgl. einer kompletten Gleichstellung dieser Volksgruppe innerhalb unserer Mehrheitsgesellschaft in München, in Bayern, in Deutschland und europaweit!

Alexander Diepold, Initator der Gedenkwoche, im Interview; Foto: Behar Heinemann

Entsprechend schloss Alexander Diepold seine Ansprache mit den Worten: Wir hoffen, dass ein solcher Gedenktag und ein entsprechendes Rahmenprogramm auf die Sensibilisierung politischer Handlungsträger sowie zur Überwindung antiziganistischer Wahrnehmung in der Verwaltung beitragen kann. (…)“  – „… und ebenso in weiten Teilen der Bevölkerung,“ möchte ich hinzufügen. Wie viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich noch vonnöten ist, stelle ich in meinem eigenen Umfeld immer wieder fest … Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von “Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. (…)  Oft gar nicht als solche wahrgenommen werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen und oft sind sie es selbst, die noch immer ihre Identität verschleiern, aus – leider durchaus begründeter – Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen. (mehr in meinem jourfixe-Blogbeitrag 25.7.17).

Solidarisch: CSU-Stadtrat Marian Offman (re), Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, mit dem bayerischen Landesvorsitzenden deutscher Sinti & Roma, E. Schneeberger

Daher bemühe ich mich, durch Berichterstattung über die Social-Media-Seiten meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie im jourfixe-Blog ein wenig zu einer den Tatsachen entsprechenden Wahrnehmung beizutragen. Was für mich als journalistisches Interesse im Herbst 2016 begann, ist mir inzwischen zu einer persönliches Herzensangelegenheit geworden!

Behar Heinemann, eine „stolze Rom“, wie sie sich selbst bezeichnet,  führt die Klischees einer „Zigeunerin“ ad absurdum: Attraktiv, gebildet, weitläufig vernetzt, arbeitet sie als Fotografin, Coach und Autorin, u.a. der vielbeachteten Biographie „Romani Rose, ein Leben für die Menschenrechte

Als unser aller Aufwärm-Station, bis zur Abendveranstaltung im Rathaus, diente dann der „Pub“ im Münchner Ratskeller, nicht wirklich zur Freude des Personals, das sich wenig fröhlich zeigte, angesichts der großen, bunten Menschengruppe, die sich unvermittelt eingefunden hatte.

„Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation, Sinteza Ramona Röder, Patrick Treuvelot, Edith Grube/Kuratorin Madhouse, Sonja Günther-Mamudova, Münchner Ratskeller, Foto: Stey

Meine Freundin Ramona meinte, es läge daran, dass man sie als Sinti identifiziert habe. Beweisen ließ sich Ramonas Vermutung nicht, jedoch zeigte die Äußerung, wie sehr Ramona die Vorurteile sensibilisiert haben, denen sie ihr ganzes Leben lang als Sinteza ausgesetzt war …

Soziologin „Die starken Frauen der Sinti“ und preisgekrönte Filmemacherin Duii Roma„, Iovanca Gaspar, mit Ehemann Josef, beide Madhouse-Mitarbeiter

Jedenfalls setzte ich mich mit der Soziologin und Filmemacherin (Duii Roma), Iovanca Gaspar, an einen Tisch, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Adrian Gaspar (s. Foto u.), der für den Dokumentarfilm seiner Mutter einen bemerkenswerten Soundtrack vertont und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs uraufgeführt hat. Adrian lebt und arbeitet vorwiegend in der Wiener Szene, leitet aber seit Januar in München die Impro-Musikreihe BRIDGEBEAT Jam, jeweils am letzten Mittwoch im Monat, im Kulturzentrum 2411.

Ein Roma-Pianist und ein Sinti-Geiger = zwei ausgezeichnete Musiker, beim kollegialen Plausch im Münchner Ratskeller: Adrian Gaspar, ein Macher der Wiener Musikszene (li) und der bereits international gefeierte Sandro Roy (re)

Die letzte Station der Gedenkfeierlichkeiten führte ins Münchner Rathaus, zu einem dieser hochoffiziellen Empfänge. Erstmals in der bundesrepublikanischen Chronik Münchens hatten sich dazu zahlreiche RepräsentantInnen der hiesigen Sinti- und Roma-Gemeinde im großen Sitzungssaal, der Schaltzentrale unserer Stadt eingefunden und teilweise ganz selbstverständlich in der ersten Reihe niedergelassen, die protokollarisch normalerweise, neben den Veranstaltern und unmittelbar Mitwirkenden, den Honoratioren der Stadt vorbehalten ist.

Gaby dos Santos, dahinter Ramona Röder, Romani Rose

Mir gefiel dieser ungewohnte Ausbruch aus den ehernen Regularien des Protokolls -mitten hinein in die zwischenmenschliche Parität. Doch standen auch genug leere Stühle zur Verfügung, da von städtischen FunktionsträgerInnen an diesem Abend eher wenige zu sehen waren, abgesehen von  der unermüdlichen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie einigen wenigen anderen, die durch ihre Anwesenheit Solidarität bekundeten,

Romani Rose im Gespräch mit Ilse Snopkowski, Foto: O. Stey

wie Ilse Ruth Snopkowski, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, für die ich 2011/2012 die Büroleitung und Organisation der 25. Jüdischen Kulturtage übernommen hatte. Als krank extra entschuldigt hatten sich der Grünen-Stadtrat Florian Roth sowie Claudia Stamm – Vorsitzende der Partei mut. Beide Politiker unterstützen die Interessen der Münchner Sinti und Roma schon seit einiger Zeit.

Bei der Rede von Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender der deutschen Sinti & Roma: V. l. Dr. Andreas Häusler/Stadtarchiv, 3. vor dem Gang: Zeitzeuge Peter Höllenreiner, Romani Rose/Vorsitzender des deutschen Zentralrats der Sinti & Roma, Christine Strobl/SPD/2. Bürgermeisterin. Nach dem Mittelgang, v.li.: Polizeipräsident Hubertus Andrä, daneben Charlotte Knobloch/Vorsitzende der IKG München, neben ihr zwei Damen aus der Sinti-Gemeinde, eine davon, rechts außen, ist die Großmutter eines der Opfer des OEZ-Anschlags

Doch Sitzordnung hin oder her, befand man sich, mit dem Rathaus als Veranstaltungsort, im städtischen „LaLa-Land“ des Protokolls, das  – für mich – oft schwer nachvollziehbaren Hierarchien und Regeln folgt.

Behar Heinemann u. Marcella Reinhard/Regionalverband dt. Sinti & Roma in Augsburg (Bildmitte) im Gespräch mit Polizeipräsident Andrä; Foto: Stey

So begrüßte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD),  neben dem Bundesvorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose  und dem bayerischen  Landesvorsitzenden, Erich Schneeberger, die protokollarischen V.I.P.s und die Redner des Abends, wie der Münchner Polizeipräsident, Hubertus Andrä, außerdem die zwei anwesenden Stadträte, darunter mein SPD-Parteigenosse Christian Vorländer.

Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl  (SPD) bei ihrer Begrüßungsrede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Behar Heinemann

Nur Alexander Diepold, Initiator, in Kooperation mit u.a. der Landeshauptstadt München sowie dem Stadtarchiv UND Schlüsselfigur von Gedenktag und Themenwoche, blieb unerwähnt!? War möglicherweise einfach versäumt worden, seinen Namen unserer Bürgermeisterin in die Rede zu schreiben? Kann vorkommen, würde aber auch gewisse Schwachpunkte eines „Protokolls“ belegen, das, in den Spähren des „Honorigen“ konzipiert, Gefahr läuft, die eigentlichen ProtagonistInnen einer Veranstaltung zeitweilig zur Staffage geraten zu lassen. Selbst seit Jahrzehnten Veranstalterin, tat mir Alexander Diepold in diesem Moment menschlich sehr leid, da ich, auf Grund eigener Erfahrungen ahnte, wie viel Kraft und noch mehr Zeit er in die Verwirklichung dieses Anlasses gesteckt haben musste.

Romani Rose, Bundesvorsitzender Zentralrat deutscher Sinti & Roma

Dass in Folge auch der Bundesvorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der von mir stets verehrte Romani Rose, Alexander Diepold und dessen Verdienste ebenfalls mit keinem Wort erwähnte, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sind ihm doch das Engagement und die Verdienste Alexander Diepolds bekannt? Aber, wie gesagt, bleibt das Protokoll für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Erich Schneeberger; Foto: R. Paskowski

Glücklicherweise erwähnte danach zumindest der bayerische Landesvorsitzende deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, Alexander Diepold namentlich und sprach ihm seinen Dank aus! Außerdem begrüßte er in seiner Ansprache – vermutlich ein protokollarischer Routine geschuldeter Lapsus, „die hohe Geistlichkeit“, die tatsächlich aber komplett fehlte. Was für ein Manko, angesichts der unrühmlichen historischen Rolle einer zumindest unterlassenen Hilfeleistung, die die Kirche bei der Verfolgung der „Zigeuner“ im Dritten Reich spielte! > Siehe dazu Romani Roses Schilderungen im ZDF/bei Markus Lanz/12.09.14, Passage ab ca. Minute 6.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hielt im Rathaus eine ungeschönte Rede zur Rolle der Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma

Als Respekt einflößend, weil ebenso ungeschönt wie zukunftsweisend, empfand ich hingegen die Rede des Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: (…) „Die Deportation von Münchner Kindern, Frauen und Männern heute vor 75 Jahren war ein Verbrechen. Es war ein Verbrechen aus rassistischen Gründen, begangen durch Angehörige und unter Mitwirkung der Münchner Polizei. Daran gibt es nichts zu deuteln. (…) Es ist mir eine Ehre, vor den Überlebenden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen, die nicht müde wurden, auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen, ein Grußwort sprechen zu dürfen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Die Münchner Polizei ist sich ihrer Verantwortung vor der Vergangenheit bewusst. Wir schließen unsere Augen nicht vor der Schuld, die Münchner Polizeibeamte im
Nationalsozialismus auf sich geladen haben. (…) Die Diskriminierung der Sinti und Roma hat eine lange europäische Geschichte. Vorbehalte sind teilweise tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert.

Die Rolle der (Münchner) Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma war auch Thema einer gesonderten Veranstaltung im Polizeipräsidium; Foto: Oliver Stey

Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet. Für die Münchner Polizei geht es bei Ermittlungen um Taten und Täter, ohne Ansehen der jeweiligen Person, aber niemals um Abstammung oder Herkunft. Wir verstehen uns als Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und treten für die Sicherheit aller hier lebenden Menschen ein. (…) Die Vergangenheit sei  für die Gegenwart unerlässlich und würde an die jungen Polizeibeamten weitergegeben, als Hüter unserer demokratischen Gesellschaftsform. Solche Reden, in denen, statt irgendwelcher Floskeln, persönliche Empfindungen und Reflexionen spürbar werden, werten offizielle Empfänge für mich immer wieder auf, weil DER MENSCH hinter den WürdenträgerInnen, in berührenden Momentaufnahmen, wieder sichtbar wird …

Zu solchen besonderen Momenten – wie hätte es anders sein können – zählte auch die Rede von Peter Höllenreiner, der als Kind die medizinischen Versuche und Höllen verschiedener NS-Konzentrationslager überlebt hat. „Ich bin ein verfolgter DEUTSCHER.“  So bezeichnete sich der Münchner Sinto und Zeitzeuge selbst bei seiner Gänsehaut-Rede, die immer wieder – unter dem Druck seiner Gefühle – ins Stocken geriet.

Der Münchner Sinto und Zeitzeuge Peter Höllenreiner mit Alexander Diepold (Madhouse) während seiner Rede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Edith Grube

Peter Höllenreiner, Alexander Diepold; Foto: Roberto Paskowski, 13.3.2018

Die Rede von Peter Höllenreiner machte mehr als betroffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählte. Nur wenige Tage vor seinem 4ten Geburtstag wurde er mit seiner Familie und weiteren Sinti von München in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Insgesamt waren es über 140 Münchner Sinti und Roma die man als „Zigeuner“ diffamierte und verfolgte. Viele der Deportierten wurden ermordet. So verlor die Familie Höllenreiner allein 36 Familienmitglieder,“ erinnert Aktivistin Edith Grube in der Beschreibung zu ihrem Facebook-Foto weiter oben.

Die Rede von Zeitzeuge Peter Höllenreiner ist eine einzige Anklage, nicht zuletzt auch der Umgang der Bundesrepublik mit der „ziganen“ Minderheit in den Jahrzehnten nach dem Krieg. „Eine große Enttäuschung“, so Peter Höllenreiner.

Der Junge aus Auschwitz, E-Book, Paperback, ISBN: 9783745053517 von Maria Anna Willer

„Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hat, kommt Peter Höllenreiner 1945 als Sechsjähriger zurück in seine Geburtsstadt München. Seine Schulzeit beginnt und die Welt begegnet ihm, als ob nichts gewesen wäre. ‚Hintere, in die letzte Bank!‘, heißt es in der Schule. Die Ausgrenzung geht weiter. Peter Höllenreiner und seine Familie waren der nationalsozialistischen Verfolgung als sogenannte „Zigeuner“ ausgesetzt gewesen. Trotz Demokratie, neuer Regierungsform und der Erklärung von Menschenrechten – die alten Vorurteile blieben weiterhin: „Zick zack Zigeunerpack!“ Eine Lehrstelle hätte er als Sinto nie bekommen. Seine Kinder bekamen später auch keine. Die Ausgrenzung zog sich weiter durch die nächsten Generationen. Und immer wieder stand er als Sinto unter Generalverdacht. Er habe das Schlechte mit der Mutterbrust eingesogen, unterstellt ihm ein Richter. Doch Peter (….) schafft es, nach den traumatischen Kinderjahren ein erfolgreiches Leben zu führen – trotzdem er ohne Schulabschluss und Berufsausbildung ist. Er hat eine Gabe und weiß sie zu nutzen: Er kann Altes von Neuem unterscheiden. Er handelt mit Antiquitäten, später mit Schmuck. Er pachtet ein Geschäft in der Theatinerstraße. Inkongnito natürlich, als Sinto hätte er ein Geschäft in dieser Lage nie bekommen. ‚Wir mussten uns immer beweisen.‘ Seine Vergangenheit streift er ab, so gut es geht. Auch seine Tätowierung am linken Unterarm.“ 

(Quellen der o.g. Zitate: Klappentext der Biografie (kursiv) und meine zeitnahen Posts, 13.3., direkt aus dem Rathaus)

Der Junge aus Auschwitz, Edition Kindle,

Erst 2015 Jahren besucht Peter Höllenreiner erstmals wieder Auschwitz und erlebt er dort, nach eigenem Bekunden,einen der Höhepunkte seines Lebens: Papst Franziskus trifft holocaustüberlebenden Sinto Peter Höllenreiner beim stillen Gebet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau 

Aus meinem Post 13.3.: Lange war es ihm gelungen, seine Erinnerungen zu verdrängen. Nun holen sie ihn immer stärker ein. ‚Jetzt habe ich jede Nacht Alpträume.‘ Sichtlich schwer fällt ihm auch, von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Immer wieder bricht ihm die Stimme … Ich ertrage es kaum noch, ihm zuzuhören. Abschließend wünscht er sich, die aktuellen Fortschritte im Umgang mit „seinen Menschen“ hätte er in seiner Jugend erleben dürfen und fügt in seiner Rede, an den Polizeipräsidenten gewandt, hinzu: „Ich wünsche mir, dass das jetzt begonnene Gespräch weitergeführt wird. Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden“ (…) „Wir möchten uns nie mehr verstecken müssen!“

Zu Recht „Stehende Ovationen“ für Peter Höllenreiner nach seiner Rede im Rathaus; Foto Erich Neubauer

Nach seiner Rede gab es Standig Ovations für Peter Höllenreiner. In meinem Facebook-Post notierte ich: Musikalischer Ausklang mit Sandro und seinem Trio. Zum dahin schmelzen. Begeisterter Applaus und würdiger Abschluss dieses Tages ganz im Zeichen des Gedenkens an die Deportation und Ermordung der Münchner Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler und Komödianten. Und hoffnungsvoller Auftakt zu einem neuen festen Termin in der jährlichen Münchner Kulturagenda.

Bürgermeisterin Christine Strobl u. Peter Höllenreiner, Foto: Stey

Bürgermeisterin Christine Strobl schließt die Veranstaltung, wohltuend abseits aller protokollarischen Diktate, mit der für sie typischen Münchner Herzlichkeit und dem Fazit, dass sie selten eine so berührende Veranstaltung erlebt habe, nicht zuletzt wegen der Rede Peter Höllenreiners. Sie dankt ihm mit der Feststellung, dass sie beide die Münchnerische Färbung in der Aussprache verbinde. Liebenswert.😊Und quot erat demonstrandum: Wir ALLE sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, in dem die Sinti schon seit Jahrhunderten unter uns leben! Und augenscheinlich allmählich auch immer mehr mit uns! Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich fast schon wieder versöhnt mit den protokollarischen Gegebenheiten solcher Veranstaltungen   Fast. .. (Ende meiner Posts vom 13.3.18)

… denn auf die vielen emotionalen Höhepunkten folgte … ein abruptes Ende der Veranstaltung! Seit Beginn meiner Kulturarbeit 1994 habe ich unzählige städtische und staatliche Empfänge erlebt, aber noch nie, dass nicht zumindest ein Getränk im Anschluss an eine Veranstaltung gereicht worden wäre, zumal eine ganze Reihe von Gästen extra angereist und schon seit dem Nachmittag vor Ort in München gewesen waren.

Am Ende, ganz jenseits des Protokolls, begrüßt Christine Strobl „Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation Neben ihm der wunderbar einfühlsame Psychologe Aldo Rivera der Münchner Beratungsstelle Madhouse; Foto: Stey

Journalist Erich Neumann schreibt dazu auf My Heimat.deObwohl sogar eine Delegation aus Spanien und Serbien vor Ort war, zeigte sich die Weltstadt mit Herz nicht gerade von ihrer besten Gastgeberseite, als mit dem offiziellen Ende auch keine Möglichkeit zu einem weiteren Austausch mehr bestand und ein abruptes Auseinanderdriften der Teilnehmer wenig schönen Ausklang bedeutete, obwohl ein kleiner Stehempfang dies ebenso abgefangen hätte, als es dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Mein Fazit: In den vergangenen beiden Jahren hat sich mehr in Bezug auf die Aufarbeitung des „Porajmos“ und die Gleichstellung der Sinti & Roma in München getan, als in den 73 Jahren zuvor. Einen ersten Meilenstein setzte 1980 ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, der eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisierte. Abgesehen von der überfälligen Unterzeichnung des Staatsvertrages, hat sich nun in München vor allem Alexander Diepold Siebenmeilen-Stiefel übergestreift:

Vor einem Jahr noch, am  berichtete Viktoria Spinrad in der Süddeutschen Zeitung, unter dem Titel Soll das alles sein?“:  Sie sind von den Nazis verfolgt worden, bis heute fühlen sich viele von ihnen diskriminiert: Die Sinti und Roma in München wollen stärker gehört werden. Bei einer Veranstaltung im Eine-Welt-Haus fordern sie unter anderem einen Gedenktag und ein würdiges Mahnmal (…)

Dieser feste Münchner Gedenktag, alljährlich am 13.März, ist nun eingeführt! Chapeau allen, die mit unermüdlichem Engagement dazu beigetragen haben, ihn für uns Münchnerinnen und Münchner zu verwirklichen, seitens der Stadt ebenso wie seitens der Sinti- und Roma-AktivistInnen!


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Gedenkgottesdienst für die in der NS–Zeit ermordeten Sinti & Roma
Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
Verbitterung aus ziganen Kreisen
nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Der „eingebettete“ Video-Clip stammt – mit herzlichem Dank – von Gerhard Hallermayer, GH-Film HD, YouTube Kanal


Ein ausführlicher und ergänzender Artikel von Erich Neumann zu dieser Veranstaltung findet sich unter www.myheimat.de


Auf der Homepage des BR findet sich eine ausführliche Übersicht mit zahlreichen Illustrationen Zur Geschichte der Sinti und Roma: Der lange Weg von Indien nach Deutschland“ 


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Nicht die Bequemen verteidigen die Demokratie …“ Eindrücke zur Verleihung des Georg–Elser–Preises 2017 an Ernst Grube, Link zur Dankesrede, Videoclips, Fotos

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Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4. und Nachtrag zum Blogbeitrag 20.4.

Nach Absage bzw. „Vertagung“ der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik!“ nun, via SZ-Artikel vom 21.4.17,  geht es nun um die Gründe, die zur Absage einer Veranstaltung geführt haben, bei welcher der Dialog und das gemeinsame palästinensisch-israelische Ringen um Frieden im Vordergrund gestanden wäre. Mit der Evangelischen Akademie in Tutzing als stimmigem Veranstaltungsort:

Diese Gründe, die diesmal der Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn, der SZ gegenüber ausführt, erscheinen mir wie eine vertraute, gute alte Platte mit Sprung: Unter den Organisator_Innen der geplanten Tagung befand sich eine Person, die der Boykottkampagne „BDS“ („Boykott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel nahe steht , mit dem Ziel, die Regierung zu einer Kursänderung in Bezug auf Palästina zu bewegen. Allerdings wäre das Thema „BDS“ in keiner Weise Gegenstand der Tagung gewesen, so dass für mich diese Absage – wieder einmal – unverständlich ist. Es stimmt mich bedenklich, mitzuerleben, dass hier in München und Umgebung Israel kritische Haltungen/Äußerungen dazu führen können, dass Menschen ausgegrenzt und Veranstaltungen abgesagt werden, wobei  Charlotte Knobloch und ihr Umfeld in der IKG München eine entscheidende Rolle spielen.
„Israel kritisch“ wird dabei automatisch mit „Israel feindlich“ gleichgesetzt und das wiederum mit „Antisemitismus“. Eine Argumentationskette, die ich für konstruiert halte. Können denn nicht Kritik und daraus abgeleitete Maßnahmen, gerade auch aus dem Wunsch heraus erfolgen, endlich den Frieden in Israel und damit auch nachhaltig dessen Existenz zu sichern? Abgesehen davon, dass sich durchaus auch israelische Staatsbürger_Innen und jüdische Mitbürger_Innen für BDS-Sanktionen aussprechen. Und sind nicht Boykott-Maßnahmen  (meiner Ansicht nach „leider“) weltweit als politisches Druckmittel verbreitet und akzeptiert?

Was die Wahl politischer Mittel anbelangt, muss um diese in einer demokratischen Gesellschaft gestritten werden dürfen, aber bitte in angemessener Form und ohne Repressalien für Andersdenkende! Genau das Gegenteil davon habe ich jedoch in letzter Zeit immer wieder erlebt, wenn es um Themen ging, zu denen die Vertreter_Innen der IKG München um Charlotte Knobloch herum ein Meinungsmonopol für sich beanspruchen. Was mich an deren Anspruch schockiert, ist nicht der – nachvollziehbare – Wunsch, eigene Vorstellungen durchzusetzen, sondern die Wahl der Mittel dazu, durch die der Ruf von Kontrahent_Innen massiv in Frage gestellt, wenn nicht gar nachhaltig beschädigt wird. (Details dazu in den unten aufgelisteten Blogbeiträgen)

Da werden Fluten von Mails an Entscheidungsträger_Innen versandt oder Beiträge in anonymen! Blogs lanciert, in denen in aggressivem Ton die Absage von nicht genehmen Veranstaltungen gefordert und immer wieder auch erreicht wird. So wie diesmal in Tutzing.

Auf der Strecke bleiben engagierte Mitbürger_Innen, anregende Veranstaltungen und auf Dauer auch ein gutes Stück Meinungsfreiheit. Leider blicken wir Bürger_Innen ja nicht bis in die Hinterzimmer unserer Entscheidungsträger_Innen, können also nicht genau benennen, welcher Druck von wem, wann, auf was ausgeübt wird. Dass aber Druck ausgeübt wird, zeigt sich spätestens, wenn wieder einmal, wie jetzt, eine Veranstaltung abgesagt bzw. auf Nimmerwiedersehen verschoben wird.


Im SZ-Artikel finden sich Details zur Absage, sowie der Link zu einem weiteren SZ-Bericht, der ähnliche Vorgänge in der Schwabinger Erlöserkirche im September letzten Jahres beschreibt, als dort ein Benefiz-Konzert abgesagt wude


Details zu meinen o.g. zusammengefassten Beobachtungen finden sich in meinen nachstehenden jourfixe-Blogbeiträgen:
April 2017: Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“
Juli 2016: Stolpersteine auch in München
Frühjahr 2016: Verliehen aber nicht vergeben – Zur Aberkennung des Anita-Augspurgpreises 2015
Herbst 2016: Terry Swartzbergs Steine des Anstosses


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Bayerns Justitia hinter Gittern – Hintergründe und Details zur Kunstperformance des „Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“

Diesmal kannte ich das Gesicht hinter den Schlagzeilen – Es ging um den Mord an der milionenschweren Parkhaus-Besitzerin Charlotte Böhringer: Einst war sie mir persönlich begegnet, in einer dieser frühmorgendlichen Absturzkneipen am Viktualienmarkt, in denen, jenseits aller gesellschaftlichen Schranken, Halbwelt, Bohème und Schickeria sich jene Theke teilen, die noch ein paar Stunden Aufschub vor der Ernüchterung bietet. Ganz offensichtlich war Charlotte Böhringer, ebenso wie ich zu jener Zeit, nicht zum ersten Mal in dieser Milieu-Kneipe zu Gast. Wer hier und zu solcher Uhrzeit des öfteren abstürzt, führt kein geerdetes Leben und hat ein Alkoholproblem. Umso mehr erstaunte mich später, dass sich die Polizei so schnell auf Böhringers Neffen als ihren Mörder festlegte. Allein der Umgang, dem sich das Opfer während ihrer Alkohol-Touren ausgesetzt hatte, verwies auch auf andere denkbare Tatumstände hin, zumal ich selbst Böhringer abwechselnd als sehr schutzbedürftig und dann wieder sehr aggressiv erlebt hatte …

Auf Grund meiner persönlichen Bekanntschaft verfolgte ich den Verlauf des Prozesses besonders aufmerksam und das Urteil „Lebenslänglich unter Anerkennung der besonderen Schwere der Tat“ stimmte mich betroffen, denn es stützte sich ausschließlich auf Indizien, was für mich immer eine problematische Form der Wahrheitsfindung darstellt, erst recht angesichts des ur-demokratischen Anspruchs unserer Gerichtsbarkeit: „Im Zweifel für den Angeklagten“ zu entscheiden. Dem aber widerspricht meiner Meinung nach das Urteil im Fall Böhringer in besonderem Maße, da es trotz einer ganzen Reihe von Ungereimtheiten gefällt wurde. Für mein Empfinden werfen diese zu viele Zweifel auf – Die Bürgerinitiative Pro Bence sieht das ähnlich und hat auf ihrer Homepage eine ganze Reihe von Kritikpunkten zusammen getragen, siehe auch nachstehende Grafik:

Indizienring, Lügendektektortest, Tathergang

Quelle: Homepage der Bürgerinitiative PRO BENCE /  www.probence.de

Hältst Du ihn denn für unschuldig?“, fragte mich heute meine Tochter, als ich ihr bei unserem täglichen Telefonat vom Fall Böhringer/Benedikt Toth erzählte. Neben den vielen kriminalistischen Ungereimtheiten spricht für mich noch ein anderer Punkt für Benedikt Toth, nämlich die vielen treuen Freund_Innen, die von seiner Unschuld überzeugt sind. Ein übler Charakter, der seine Tante um des Erbes willen erschlägt, versammelt meiner Meinung nach nicht eine derart treue Clique über Jahre hinter sich.

Diese Solidarität hielt Daniela Agostini in ihrem Dokumentarfilm von 2010 fest: „Anklage Mord: Ein Freund vor Gericht„. Im Pressedossier des Bayerischen Rundfunks heißt es da: „Ein junger Mann wird des Mordes angeklagt. Seine Freunde und seine Verlobte halten diesen Vorwurf für ein absurdes Versehen. 

Eine kleine Gruppe junger Menschen, alle studiert und in ordentlichen Berufen, hält fest zu ihrem unter Mordanklage stehenden Freund. Unter ihnen ist auch Frauke, Bences Verlobte. Keiner von ihnen mag an die Schuld des Freundes glauben. Sie kennen ihn seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Einen Mord, und noch dazu so brutal, traut ihm keiner zu. Wie hätte er sie so täuschen, sein wahres Gesicht verbergen können? Wie könnte jemand, der keiner Fliege ein Haar krümmt, einer, der immer zuvorkommend, höflich und bescheiden war, so eine Tat begehen? Und das in der Anklage festgehaltene Motiv „Habgier“ kann Frauke und die Freunde erst recht nicht überzeugen. Am Ende, da sind sie sicher, wird ihr Freund den Gerichtssaal als freier Mann verlassen …“

30.1.2017 Bei der Kunstaktion "Justice In Jail" auf dem Münchner Marienplatz wird auch an Bence Toth erinnert ...

30.1.2017 Bei einer Kunstaktion auf dem Münchner Marienplatz wird auch an Benedikt Toth erinnert

Den Film habe ich seinerzeit gesehen. Er hat mich tief bewegt, und ich habe mit den Protagonist_Innen mitgebangt, obwohl ich den Ausgang des Prozesses ja schon vorher kannte: Am Ende wurde der Freund, der Geliebte, der Sohn, eben nicht frei gesprochen! Der Mutter von Bence habe ich heute in die Augen geschaut. Während der ganzen Aktion kämpfte sie mit den Tränen, vor allem, als sie das weiß-blaue Poster mit dem Namen ihres Sohnes am Käfig fixierte.  Ihr zur Seite steht die Bürgerinitiative Pro Bence mit dem Anliegen, laut Website: „(…) eine breite, kritische und aufgeklärte Öffentlichkeit über den Fall Bence Toth zu informieren.

Dabei bilden die neutralen Vertreter der Presse als „vierte Gewalt“ eine wesentliche Zielgruppe. Waren wir bisher davon überzeugt, auf dem formalen juristischen Weg – unter der Voraussetzung, bei den Verantwortlichen auf unvoreingenommenes Gehör und das Streben nach Wahrheit zu stoßen – zum Erfolg zu kommen, zwingen uns die Umstände und der aktuelle Zeitdruck nun zu diesem Schritt. Wir hoffen, auf diesem Wege eine ähnliche Reaktion zu erzeugen, die auch Harry Wörz und Gustl Mollath zur Rehabilitation geholfen hat. (…)

Justizopfer Gustl Mollath am 30.1.2017 auf dem Marienplatz

Justizopfer Gustl Mollath, Münchner Marienplatz, 30.1.17

Gustl Mollath, der selbst zu Unrecht acht Jahre lang in die Psychiatrie gesperrt worden war, appellierte bei der Kundgebung an das Engagement von uns Bürger_Innen und zitierte Plato (sinngem.):“ Das größte Unrecht ist eine (nur) scheinbare Gerechtigkeit.“  Eine Erfahrung, die er selbst hatte erleiden müssen. Erst großer öffentlicher Druck und eine nicht länger zu übersehende Fülle an Beweismaterial zu seinen Gunsten, zwangen die Justiz zum Einlenken. Und er ist kein Einzelfall.

Ilona Haselbauer beschrieb in einem Gedicht ihr jahrelanges Martyrium in der Psychiatrie

Ilona Haselbauer (li. Terry Swartzberg) schildert, wie sie als Opfer eines  Fehlurteils in der Psychiatrie litt

Viele Jahre saß Ilona Haselbauer auf Grund eines Fehlurteils in der Psychiatrie. Diese Erfahrung hat sie in einem Gedicht verarbeitet, das sie heute mitten in den Touristen-Auftrieb zum Glockenspiel am Marienplatz vortrug. Erschütternd!

Terry Swartzberg, Kopf der Kunstaktion "Justice in jail"

Terry Swartzberg, Kopf der Aktion „Justice in jail“

Erst einmal gar nicht erkannt habe ich den Kopf der heutigen Kampagne, Terry Swartzberg, PR-Berater, Journalist und Aktivist. Vergeblich hatte ich nach einer seiner bunten Kippas Ausschau gehalten, ohne die er seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Haus geht. Dass er seine traditionelle jüdische Kopfbedeckung heute unter einer richterlichen Perücke verbergen würde, konnte ich nicht wissen und erkannte ihn daher erst nach einigen Minuten. Wie immer, schien mir auch seine heutige Aktion Medien gerecht durchdacht. Viele Bildmotive, für viele große Kameras – in die sich, wie so oft bei solchen Events, eine kleine Handy-Kamera einreihte: meine  😉

Musiker Matthi Birkmeyer / Bürgerinitiative Pro Bence , Gustl Mollath, Terry Swartzberg (als bayerische Gerichtsbarkeit), Justizia Eva Martin bei der Kunstaktion "Justice in Jail", veranstaltet am 30.1.2017, auf dem Münchner Marienplatz vom Bündnis "Gerechte Justiz in Bayern"

V. li.: Musiker Matthi Birkmeyer / Bürgerinitiative Pro Bence , Gustl Mollath, Terry Swartzberg (als bayerische Gerichtsbarkeit) mit Justitia Eva Martin, bei der Kunstaktion „Justice in Jail“, veranstaltet am 30.1.2017, auf dem Marienplatz, vom „Bündnis für gerechte Justiz in Bayern“

Angehörige befestigen Plakate mit Namen von Fehl/Verurteilten am Käfig, in den kurze Zeit später die Gerichtsbarkeit - alias Terry Swartzberg - die Justitia - alias Eva Martin - symbolisch zerren wird. Eine Klamotte mit Symbolik

Angehörige befestigen Plakate mit Namen von verurteilten Angehörigen an dem Käfig, in den die Gerichtsbarkeit (Terry Swartzberg), die Justitia (Eva Martin) symbolisch zerren wird. Eine Klamotte voller Symbolik!

Justitia sitzt im Käfig ...

Justitia sitzt im Käfig …

„Ich habe meine Tante nicht umgebracht“, sagt Toth und presst die gespreizten Finger fest auf den Tisch. „Ich sehe ein, dass die Ermittler nach dem Mord unter Druck standen. Es kann ja nicht sein, dass mitten in München ein Kapitalverbrechen diesen Umfangs unaufgeklärt bleibt. Ich weiß auch, dass überall Fehler gemacht werden. Aber in meinem Fall handelt es sich nicht um einen Justiz-Irrtum, sondern um volle Absicht – weil sie keinen Blöderen gefunden haben.“ (…)  vermut Benedikt Toth in seinem Interview mit John Schneider, 13.04.2015, AZ, im Böhringer-Mord: Benedikt Toth: „Ich bin kein Mörder“.

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Bildausschnitt des Plakates, das Aktivisten des „Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“ heute auf dem Münchner Marienplatz entrollten

Erschwerend kommt hinzu, wie sich auch im Fall Mollath gezeigt hat, dass in der Justiz oft der (unrealistische) Anspruch einer richterlichen Unfehlbarkeit vorherrscht, allen Fakten und vor allem der Wahrheit zuwider. Die belegte Rate an Justizirrtümern ist nicht unbeträchtlich und die Hindernisse, die der Wahrheitsfindung mitunter in den Weg gelegt werden, bedingt durch politisches, finanzielles und sonstiges Kalkül, sind traurige Realität, wie sich u.a. am NSU-Skandal ebenso zeigt, wie bei den verschleppten Ermittlungen im Fall des Oktoberfest-Attentats. Über letzteres habe ich bereits in meinem jourfixe-Blogbeitrag „Herr und Frau Müller heißen anders“ berichtet.

2017_01_30_buendnis_gerechte_justiz_bayern_marienplatz_muenchenDiese Häufung von Unregelmäßigkeiten in der bayerischen Justiz bietet, wie mir Terry Swartzberg heute darlegte, hinsichtlich eines Wiederaufnahme-Verfahrens im Fall von Benedikt Toth eine kleine Chance, die Unfehlbarkeit des Systems  in Frage zu stellen. Daher gründete Swartzberg das „Bündnis für gerechte Justiz in Bayern“, das heute via einer Kunstaktion sein Anliegen öffentlich inszenierte. Keine Frage, bei den heute angemahnten Vorgängen handelt es sich um „rechtskräftige Urteile“, ob dabei aber mehr das Recht oder mehr die Kraft, im Sinne gerichtlicher Willkür überwiegt hat, bleibt mehr als zweifelhaft und sollte zumindest gerichtlich dringend überdacht werden.

In nachstehendem Video-Cartoon, mit dem zur heutigen Kundgebung geladen worden war, finden sich nochmals die einzelnen Namen/Vorfälle dargestellt …


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Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

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Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter http://www.stolpersteine-muenchen.de – ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


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