Die runden Ecken der Balalaika – 25 Jahre MIR – Zentrum für russische Kultur in München!

Blut und Klang im Doppelpack … Ausgerechnet die Tartaren sollen im 13. Jahrhundert die Domra als Musikinstrument nach Russland eingeführt haben. domra_jourfixe-blogDort avancierte sie schnell zum bevorzugten Instrument fahrender Spielleute, die ein ganze Land mit diesem der Laute verwandten Instrument verzauberten. Dermaßen verzauberten, das es das Volk an Sonntagen eher zum Open Air auf den Marktplatz zog, als in die Messe. Die Reihen der Gläubigen bei den sonntäglichen Gottesdiensten sollen sich unaufhaltsam gelichtet haben. Schließlich beschwerte sich die Kirche bei der Obrigkeit im Namen des Herren. Darauf erging ein Erlass, alle Domras zu konfiszieren und alle runden Saiteninstrumente künftig zu verbieten. Nur wollte das Volk sich diese Art von Klang-Genuss auf Dauer nicht verbieten lassen. Dies war die Geburtsstunde der – nicht länger runden – sondern nunmehr dreieckigen Balalaika.

Maria Belanovskaya, Domra-Spielerin aus St. Petersburg auf unserem Zimmer im Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Maria Belanovskaya übt auf ihrer Domra, Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Diese faszinierende Geschichte erzählte mir die Domra-Spielerin Maria (Mascha) Belanovskaya, meine Zimmergenossin beim russischen Festival in Coburg. Sie selbst gilt als eine der besten russischen Domra-Spielerinnen, wie mir MIR-Präsidentin Tatjana Lukina später verriet. Dass dieses Instrument inzwischen wieder Kernbestandteil der russischen Volksmusik ist, verdanken wir  Wassili Wassiljewitsch Andrejew, der  die Domra um 1896 auf der Basis von alten Zeichnungen und Instrumentenfragmenten rekonstruierte. Doch war dieses traditionelle Instrument für Mascha keineswegs erste Wahl. „Ich wollte Klavier spielen“, gestand sie mir. „Und ich war begabt!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. Doch die Mutter drängte sie, wohlmeinend, sich an der Domra ausbilden zu lassen. Damals bestand noch der Eiserne Vorhang und die Chancen auf internationale Tourneen, auch in den Westen, schienen mit diesem traditionellen russischen Instrument aussichtsreicher, als mit dem Klavier, das weltweit beherrscht wird. Die gleiche Mascha, die mir eben noch mit blitzenden Augen die Entstehungsgeschichte ihres Instruments geschildert hatte, wirkte plötzlich traurig, als sie fragte: „Aber heute? Wer braucht denn schon heute noch eine Domra-Spielerin?“

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

In Deutschland lebt die St. Petersburger Künstlerin erst seit Ende letzten Jahres, ist hier frisch verheiratet, spricht jedoch bereits hervorragend Deutsch. – Und erwies sich im Verlauf unseres langen Pyjama-Talks ganz unerwartet als Bindeglied zu einer entscheidenden Phase in meinem Leben: Mascha berichtete nämlich, dass ihr geschiedener Mann, der Balalaika-Spieler Alexander Kutschin, mit dem sie bis heute im Trio arbeitet, 1991 für kurze Zeit in einer russischen Datscha in München aufgetreten sei. „In der Paradiesstraße 8“, ergänzte sie, worauf es bei mir „klick“ machte. Zu jener Zeit hatte ich um die Ecke im Lehel gewohnt und mich in die Atmosphäre dieses Lokals verliebt, das in seiner Anfangszeit viele kleine und auch größere Besonderheiten „made in Russia“ auszeichnete: So fanden sich fast dreißig verschiedene Vodka-Sorten auf der Getränkekarte, und das geleerte Glas durfte man in eine eigens dazu eingerichtete Ecke schleudern, was sich nicht nur als idealer Blitzableiter bei aggressiven Befindlichkeiten erwies, sondern auch zu so manchen Exzessen verführte. Die schummrige Atmosphäre des Lokals und die sentimentale Stimmung, in die mich russische Klänge seit jeher versetzen, sollte für mich zur Kulisse einer Reihe von Begegnungen und Erlebnissen werden, die die Weichen für meinen weiteren Werdegang stellten … Rückblickend bezeichne ich diese Zeit als meine „russische Phase“ , begleitet natürlich vom entsprechenden Soundtrack an russischer Livemusik.

Natalia Lupina in "Herr Ober bitte!"

Natalia Lupina in
„Herr Ober bitte!“

Deren nostalgischer Schmelz wurde in dieser Datscha anfangs von der rauchigen Stimme der Sängerin und Schauspielerin Natalia Lapina dargeboten, einem ebenso liebenswürdigen wie verführerisch-kapriziösem Geschöpf … Wenn sie bei uns im Lehel unterwegs war, stach sie mit ihrem Aussehen sofort ins Auge. Blond, kurvig, in einem ganz eigenwilligen Stil gekleidet … Damals lag bereits eine heftige Affäre mit einem internationalen Tennisstar (nein, nicht Boris) hinter ihr, sie hatte die Rolle der Geliebten in Gerhard Polts „Herr Ober, bitte!“ ergattert, verdrehte jedem den Kopf und zeigte sich zugleich von ihrer warmherzigsten Seite, als ich mich einmal um Rat an sie wandte. Schon bald versuchte jedoch der Besitzer des Lokals das Trio zu übervorteilen; das Arbeitsverhältnis endete vor Gericht und ich verlor die drei aus den Augen. Mascha berichtete mir nun in Coburg, dass Natalia inzwischen in den USA lebe, sich aber die Erwartungen an das Leben für sie wohl nicht erfüllt hätten.

Natalia Lapina stellt für mich, mit den vielen verschiedenen,  oft  kontrastierenden doch stets schillernden Facetten ihrer Persönlichkeit eine Russin par exellence dar.

Die Statue des Dichters Fjodor Tjutschew im Münchner Dichtergarten schmückt das Herbstprogramm von MIR

Die Statue von Fjodor Tjutschew (Münchner Dichtergarten) auf dem MIR Herbstprogramm

Auf das ganze Land übertragen, formuliert es der große russische Dichter Fjodor Tjutschew so:

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen, Gewöhnlich Maß misst es nicht aus: 

Man muss ihm sein Besond’res lassen – Das heißt, dass man an Russland glaubt.

Diese so anrührend treffende Beschreibung wählte die Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina zum Motto jenes Vereins, den sie im selben Jahr meiner Datscha-Abenteuer ins Leben rief: MIR (Russisch für „Frieden“) – Verein für kulturelle Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, gegründet 1991.

Tatjana Lukina Präsidentin MIR

Tatjana Lukina
Präsidentin MIR

Nur wer selbst mit Kulturarbeit in Berührung gekommen ist, kann ermessen, was es heißt, eine kulturelle Institution über einen so langen Zeitraum mit immer neuen Inhalten zu füllen und am Leben zu halten. Verdientermaßen erhielt sie dafür

  • 2006 die Puschkin-Medaille für Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung sowie der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker.
  • 2011 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Und Tatjana Lukinas Arbeit scheint mir nie wichtiger gewesen zu sein, als heute, denn sie vermag kulturell Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland leider wieder auf eine neue Eiszeit zuzusteuern scheint. Als gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1958, stimmt mich das besonders traurig, noch zu präsent ist mir das Schreckensszenario meiner Kindheit, das da lautete: „wenn der Russe kommt …“.

Die Gründung von MIR fiel mit dem Fall der Sowjetunion zusammen, auf die eine kurze Phase politischen Tauwetters folgte. Der bedrohliche Russe meiner Kindheit schien endgültig Makulatur. Um die Jahrtausendwende setzte sogar ein kurzer Putin-Hype in Deutschland ein, schließlich wirkte er drahtig, beherrschte eine asiatische Kampfsportart und sprach sogar fließend Deutsch … Nun fällt Volkes Meinung ja gerne von einem Extrem ins andere und so ist zwischenzeitlich wieder viel Porzellan zertrümmert worden, international, quer durch alle politischen Lager und insbesondere seinerzeit seitens der Bush-Administration. Inzwischen genügt es hierzulande, lediglich für eine ausgewogenere Berichterstattung in puncto Russland/Putin zu plädieren, um einen halben Shit Storm im Netz auszulösen. Um so härter muss es für Tatjana Lukina sein, in solcherart Stimmungslage unbeirrt russische Kultur auf hohem Niveau zu präsentieren …

Tatjana Lukina bei einer Anmoderation im "Riesensaal" von Schloß Ehremburg im Rahmen des Festival russischer Kultur am 3./4.9.2016, Coburg

Tatjana Lukina, Gründerin und Präsdidentin von MIR, bei einer Anmoderation im „Riesensaal“ von Schloß Ehrenburg, im Rahmen des Festivals russischer Kultur am 3./4.9.2016 in Coburg

Leider fühlen sich viele Menschen im Moment, so scheint es mir, auf Grund ihrer Ablehnung gegenüber der Politik Putins auch zu einer Ablehnung Russlands insgesamt genötigt.  Dabei wird leicht übersehen, dass ganz Europa historisch verwoben ist, so auch, beispielsweise, die russische Geschichte mit der bayerischen. So hat MIR im Jahr seines 25. Jubiläums konsequenterweise eine kulturhistorische Spurensuche ausgerufen:

Schirmherr des Festivals: Der Coburger Oberbürgermeister Norbert Tessner (SPD)

Schirmherr des Festivals: Der Coburger OB Norbert Tessner (SPD)

Bereits Anfang September lud MIR zu einem Kulturwochenende nach Coburg. Anlass war der 140. Geburtstag von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876 – 1936), der späteren Großfürstin Victoria Fjodorowna von Rußland. Diese Dame blickt auf eine  Vita zurück, die bezüglich ihrer Dramatik Caroline von Monaco und den gesamten Grimaldi-Clan – damals wie heute – blass aussehen lässt. Victoria, eine der zahllosen Enkel_Innen von Europas Queen Victoria, verlor schon früh ihr Herz an den russischen Großfürsten Kyril Romanov, ein Cousin. Auf Grund dieser familiären Verhältnisse verbot sich laut dem orthodoxen Glaubenskodex eine Ehe. Stattdessen heiratete sie in das Haus Hessen ein. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor. Diese Ehe jedoch nicht glücklich.

Victoria Melita mit ihrem ersten Mann, Großherzog Ludwig von Hessen

Victoria Melita mit ihrem 1. Mann Großherzog Ludwig von Hessen

Als Victoria ihren Mann schließlich in Flagranti mit einem Kammerdiener ertappte, trennte sie sich von ihm, ein für damalige Zeiten unerhörter Schritt. Dennoch blieb ihr zunächst eine Scheidung verwehrt, maßgeblich seitens ihrer mächtigen englischen Großmutter, der eine Scheidung in der Familie als „no go“ galt. Erst nach deren Ableben erfüllte sich für Viktoria ihr Herzenswunsch und sie wurde Kyrils Frau Vicoria Fjodorowna, Großfürstin von Russland und später Zarin im Exil. „Prinzessin Ducky, eine Europäerin mit drei Schicksalen“ lautete der Titel der ihr gewidmeten literarisch-musikalischen Lesung, der der Oberbürgermeister, Norbert Tessner (SPD), beiwohnte, der auch die Schirmherrschaft des Festivals, das bereits zum dritten Mal in in Coburg stattfand, übernommen hatte.

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für ihren Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für den Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Um Schicksalsschläge und die Dramatik großer Gefühle ging es auch in den weiteren Programmpunkten. Einer davon war die weltberühmte Liaison des jungen Rainer Maria Rilke mit der älteren Russin Lou Andreas Salome, die in einer Collage aus historischen Dokumenten und Briefen von Schauspielerin Karin Wirz und ihrem Partner intensiv nachempfunden wurde. Für mich noch spannender, weil mir das Thema dank der Biografie von Gunna Wendt: Lou Andreas Salome und Rilke, „Eine amour fou“ bereits vertraut war. »War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist« schrieb diese starke Frauenpersönlichkeit an ihren Geliebten. Als aus ähnlich hartem Holz geschnitzt erwies sich auch die St. Petersburger Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitskaja. Ihretwegen drehte sich Walzerkönig Johann Strauß Sohn, normalerweise ein notorischer Frauenheld, regelrecht im Karree  und schrieb ihr 100 Liebesbriefe.

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Dieser weiteren Romanze hauchten Anna Sutyagina und Artur Galiandin an diesem Abend Leben ein.

Der bedingungslosen Hingabe, mit der Ehefrauen ihren Männern zu Weltruhm verhalfen und dabei selbst weitgehend im Schatten blieben, widmete sich die Lesung aus dem Buch „Am Anfang war die Frau“ von Tatjana Kuschtewskaja, wobei mich während der Lesung die Frage beschäftigte, inwieweit diese Bedingungslosigkeit der Tatsache geschuldet war, dass sich Frauen damals nur über ihren Ehegatten definieren konnten und ihnen daher gar keine andere Wahl geblieben war.

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Nicht zufällig trugen Frauen früher die Titel des Gatten mit im Namen.  In ihrer Reihe biografischer Miniaturen kommt Tatjana Kuschtewskaja auch auf die unglückliche Liebe von Antonina Iwanowna Miljukowa zu sprechen, die eine aussichtslose Leidenschaft zu dem großen Pyotr Iljitsch Tschaikowski hegte. Zwar mündete ihre Liebe 1877 in eine Ehe, doch war auf Betreiben des Komponisten von Anfang an vereinbart, dass beide lediglich „in geschwisterlicher Verbundenheit“ zusammenleben würden. Dennoch verließ Tschaikowski bereits nach drei Monaten das eheliche Heim. Tschaikowski, dem sich auch die abschließende Soirée „Tschaikowski und der Kini“ widmete, war aller Wahrscheinlichkeit nach schwul und daher zu einem Doppelleben gezwungen, das sein nach außen hin so erfolgreiches Leben dramatisch überschattete, bis zu seinem unerwarteten und Geheimnis umwitterten Tod. Hierzu fasst Wikipedia zusammen:

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowski starb überraschend im Herbst 1893, im Alter von 53 Jahren in St. Petersburg. Wenige Tage zuvor hatte er noch seine Pathétique dirigiert. Die Todesursache konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. (…) Die eine besagt, er habe sich mit der damals in St. Petersburg grassierenden Cholera, infinziert, als er ein Glas unabgekochten Wassers (…) trank.  (…)  Nach der anderen These hat sich Tschaikowski mit Arsen vergiftet (…) Angeblich war er von einem „Ehrengericht“, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, an der er selbst studiert hatte, mit dem Hinweis auf seine Homosexualität aufgefordert worden, sich das Leben zu nehmen. 

Auf beide Thesen ging Artur Galiandin in der Soiree ein; eine von vielen historischen Randnotizen, die mir während des Kultur-Wochenendes in Coburg begegneten und sehr berührten, sind es doch solche Details, die Geschichte wieder nachvollziehbar in Form lebendiger Geschichten machen. Nicht mehr und nicht weniger strebt auch unser Team bei der Produktion von jourfixe-Collagen an, mit einem Konzept, das dem von MIR-Präsidentin Tatjana Lukina sehr nah kommt. Sie wolle Wissen vermitteln, dies aber auf eine unterhaltsame Art und vor allem dabei im Publikum auch Emotionen wecken, erklärte sie mir. Gerade letzteres Anliegen teile ich und finde es bei MIR-Veranstaltungen immer wieder wunderbar umgesetzt, nicht zuletzt auf Grund der Musik-Beiträge, die fester Bestandteil von Lukinas Programmen sind, zu denen sie auch stets selbst das Skript formuliert; ein zusätzlicher kreativer Kraftakt, den Lukina auch dank eines festen Ensembles aus versierten Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig stemmt. Dank dieser festen Konstante wirkte die breit aufgestellte Themenpalette des Festivals wohltuend „wie aus einem Guss“ und sorgte auch jenseits der Veranstaltungen für eine familiäre Bindung zwischen dem künstlerischen Ensemble und dem mitgereisten Teil des Publikums, weitgehend MIR-Stammpublikum, wie mir schien. Grundsätzlich erlebe ich das Umfeld von MIR wie eine große Familie, die sich in regelmäßigen Abständen, vor und auf der Bühne, der russischen Kunst und Kultur widmet.

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen:

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen: v. li.: Anna Sutyagina, Frits Kamp, Maria Belanovskaya, Vladimir Panteleev, Ekaterina Medvedeva, Arthur Medvedev, Alexej Kudryashov, Michael Tschernov und Cornelia Pollak

Flair „für mau“ bot der Veranstaltungsort selbst, das prächtige Schloss Ehrenburg in der Coburger Altstadt. Oft verströmt das Interieur von Schlössern tote Pracht. Nicht so die Räumlichkeiten dieses Schlosses, in dem ich mir am Sonntag Vormittag in der Künstlergarderobe einen improvisierten Arbeitsplatz geschaffen hatte.

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art ...

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art …

Vom Aufenthaltsraum aus, in dem barockes Weiß, Silbergrau und Gold dominierten, führten verschachtelte Gänge in immer neue Räume, ausgekleidet in farblich wechselnden Seiden-Tapeten, ausgestattet mit großformatigen Portraitbildern in Öl, die von anderen Zeiten erzählten, deren Sitten und Moden.

Schauspielerin Cornelia Pollak vor illustrer Kulisse

Schauspielerin Cornelia Pollak

Die Werke, unter denen Bassbariton Frits Kamp auch einen Rembrandt vermutete, wie mir meine improvisierte Schlossführerin, Schauspielerin Cornelia Pollak berichtete, zeigten hochwohlgeborene Familien, die einst hier wohnten, lebten und natürlich auch ausgiebig – sonst wären einige von ihnen nicht Protagonist_Innen eines russischen Festivals – liebten …

Schloss Ehrenburg

Schloss Ehrenburg

Später setzte ich meinen Rundgang alleine fort, wann hat man schon ein ganzes Schloss für sich, von dem Gefühl begleitet, die früheren Bewohner_Innen seien nur eben einmal ausgeritten und bald wieder zurück.

Auch als Kulisse für die Vorstellungen erwies sich der Ort als kongenial, besonders bei Auftritten von  Sopranistin Tatjana Furtas, deren Roben sich optisch perfekt in das Gesamtbild einfügten.

Arthur Medvedev, Tatjana Furtas, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva

Arthur Medvedev, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva Tatjana Furtas

Lichtregie führten die Tages- und Abendzeiten, die den Festsaal in wechselnde aber stets intensive Stimmungen tauchten. Neben den Darbietungen selbst faszinierte mich auch die Atmosphäre Backstage, zwischen den Veranstaltungen. Meine Eindrücke habe ich vor Ort festgehalten: Glockenhelle Sopranstimmen, vereinzelte Klavier-Klänge aus dem Festsaal, von anderswo her vernehme ich Fragmente russischer Volksmusik, russische Sprachfetzen mischen sich unter deutsche Konversation, hier geht jemand noch seinen Text durch, dort wird gebügelt, die typische Backstage-Szenerie in Barock-Version, heimelig in das schummerige Licht eines verregneten Mittags getaucht. Das ist meine – Künstler – Welt, hier fühle ich mich ganz bei mir …

Das "Stille Örtchen" anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett ...

Das „Stille Örtchen“ anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett …

Entsprechend melancholisch war mir während der Heimfahrt zumute, zumal die beständige Abfolge von Programmen während der beiden Festival-Tage eine Art poetischen Sog entwickelt hatten, den ich nun jäh vermisste. Nach zwei hauptsächlich in den Gemächern eines Schlosses, mit Geschichten aus vergangenen Zeiten und klassischer Musik verbrachten Tagen, kam ich mir vor, als würde ich nach einer durchzechten Nacht in das grelle Licht der Realität zurück kehren. Gnädigerweise zeigte sich der Himmel allerdings wolkenverhangen und der Vorplatz des Schlosses hatte sich in eine Budenlandschaft mit kulinarischen Angeboten von A bis Z verwandelt, was mir den Weg zurück in die Sachlichkeit des Alltags erleichterte. Während der Bus sich ein letztes Mal einen Weg durch die Altstadtgassen bahnt, fühle ich mich, abgesehen von einer leisen Melancholie, glücklich und erfüllt.

Das Coburger Festival endete mit einem berühmten Zitat von Tschaikowski:

Musik beginnt dort, wo Worte enden …

Ein Seele und Geist bereicherndes Wechselspiel, das an diesem September-Wochenende, 24./25.9.2016, im Münchner Kulturzentrum Gasteig fortgesetzt wird:

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Wieder hat Tatjana Lukina mit ihrem Ensemble und einigen Gästen aus Kunst und Kultur ein opulentes Programm für zwei Festival-Tage vorbereitet, zur Feier des 25. Jubiläums bei freiem Eintritt! Auch hinsichtlich dieses Programmes bleibt MIR sich treu; erzählt in der Veranstaltung: „Ein Schwiegersohn für den Zaren“ von der Romanze von Maximilian Herzog von Leuchtenberg (1817-1852) – Sohn von Napoleons Stiefsohn, Eugène de Beauharnais und Enkel des ersten bayerischen Königs Maximilian I. – und der Tochter des Zaren Nikolaus I., Großfürstin Maria Romanowa (1819-1876). Mit ihrer Heirat 1839 gründeten sie die einzige bayerisch-russische Dynastie (…)

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Ebenfalls in München unterschrieb ein Russe zum ersten Mal mit einem Pseudonym: Lenin! Über seinen zweijährigen Aufenthalt in unserer Stadt berichtet die Lesung: „Wladimir Uljanows (Lenin) Exil in München“. Weitere Veranstaltungen sind so unterschiedlichen russischen Persönlichkeiten gewidmet, wie Väterchen Timofej, bekannt, bis zu seinem Tod 2004, als DER Eremit von München oder Alexander Schmorell (seit 2012 Hl. Alexander von München). Über sein Leben und Sterben berichtet  der Dokumentarfilm  „Widerstand der Weißen Rose„. An der Diskussion nach dem Film nimmt u. a. der Biograf von Schmorell, Dr. Igor Chramow (Orenburg) teil. Regie: Sergej Lintsow und Roman Saulskij, Direktor Alexej Egorytschew (Filmgesellschaft „Sozwezdije Kino“, Produzent Wadim Aslanjan, 2015).

Samstag, 24.9. 16.00 Uhr Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

MIR präsentiert: SA, 24.9. 16 Uhr, Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig
Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

Selbstverständlich stehen auch Portaits russischer Frauen wieder im Mittelpunkt: Besonders schöne, wie UFA-Star Olga Tschechowa, besonders Geheimnis umwitterte, wie Anna Anderson-Manahan, die als angebliche Zarentochter Anastasja weltweit für Aufsehen sorgte oder besonders begabte, wie Malerin Marianne von Werefkin in dem Dokumentarfilm „Ich lebe nur durch das Auge“ von Stella Tinbergen, mit Lena Stolze in der Hauptrolle … Alle Programmpunkte finden sich im virtuellen MIR-Flyer

Russische Spuren in Bayern

Am Ende meiner Ausführungen zu 25 Jahren MIR und den damit verbundenen aktuellen Festivitäten, gestatte ich mir aus dem Grußwort des damaligen Generalkonsuls der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, zu zitieren, geschrieben 2010, für die Festschrift zum 20jährigen MIR-Bestehen:

Mich als Generalkonsul der Ukraine in München freut es sehr anzumerken, dass viele kulturelle Veranstaltungen und Gedenkabende der Ukraine gewidmet waren. (…) Viele haben noch in Erinnerung: Gogol-Tage in München, die unter der Schirmherrschaft der ukrainischen und russischen Generalkonsule durchgeführt wurden und dem 200 Geburtstag des Schriftstellers gewidmet waren. Mein besonderer Dank gilt für die Aufführungen der ukrainischen Theater(Stücke), die dank Ihren Bemühungen auf den angesehenen Theaterbühnen Münchens vorgestellt werden konnten. Heute setzen Sie Ihre mühsame Arbeit zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen fort. Die neuen Ideen, Veranstaltungen und Publikationen gewährleisten eine lebendige Verbindung zwischen den Ländern, Zeiten und Kulturen.

Hier findet sich auf den Punkt gebracht, was Kultur leisten kann und das Team von MIR, allen voran Tatjana Lukina, über ein Vierteljahrhundert geleistet hat und hoffentlich noch lange leisten wird,  wenn es sich mit Veranstaltungsreihen und Publikationen wie „Russische Spuren in Bayern“ und „Das russische München“ (beide von MIR), auf die Spuren dessen begibt, was uns verbindet und uns hier in München am vielfältigen Erbe der Kulturnation Russland teilhaben lässt.

Samstag, 24.09.
Sonntag, 25.09.
„Das russische Bayern“


Festival des russischen Kulturzentrums MIR
aus Anlass des 25. Jubiläums

Vortragssaal der Bibliothek/Gasteig

Details s. auch     jourfixe–News

Programm

Eintritt frei!

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Das russische München“
ISBN: 978-3-98-05300-9-5

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 22,-

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Russische Spuren in Bayern“
ISBN: 3-9805300-2-7

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 20,-

Fotos: Raissa Konovalova, Elena Weich/MIR und Gaby dos Santos

Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998)

Ein Zeitzeugengespräch mit dem Komponisten Vladimir Genin, geführt und niedergeschrieben sowie durch Hörbeispiele ergänzt von Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen Redaktion und Text-Gestaltung: Gaby dos Santos

Tatjana_Lukina_MIR_Leiterin_mit_Arthur_Galiandin

Anmoderation der Swiridow-Gala: Tatjana Lukina, Arthur_Galiandin

„Georgi Swiridow? Nie gehört ..!“ Mit dieser Wissenslücke steht man hier in Deutschland alles andere als alleine da. Auch mir ging es kürzlich so! Auf Einladung von Tatjana Lukina, Gründerin und Präsidentin des russischen Kulturzentrums in München MIR, saß ich mit meiner Kollegin und Freundin Gaby dos Santos im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Gebannt lauschten wir den Werken, die auf der Gala zu Ehren des 100. Geburtstags von Swiridow geboten wurden, ein Künstler, der mir bis dato vollkommen unbekannt gewesen war.

Die Ränge und Reihen waren zum großen Teil von Russisch sprechenden ZuhörerInnen besetzt, was die außerordentliche Popularität des Komponisten in seiner Heimat unterstrich.

Die Büste Swiridows vor seinem Grab auf dem Nowodewitschi Friedhof

Die Büste Swiridows vor seinem Grab

Dort gilt er als ein ganz Großer; anlässlich seines Todes bezeichnete Russlands damaliger Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin ihn als „wahren russischen Musiker“  …  Und die zu Gehör gebrachten Werke schlossen in der Tat bei mir eine Bildungslücke: Ich erlebte Swiridow als einen großartigen Komponisten, der auch hierzulande einen größeren Bekanntheitsgrad verdient hätte! Auffällig war dabei seine stilistische Bandbreite:

Shostakovich-Briefmarke, Russland 2000

Shostakovich-Briefmarke Russland 2000

Der Einfluss seines wenige Jahre älteren Lehrers Dimitri Schostakowitsch (z.B. 1940 in seiner Kammersymphonie ), von dem sich Swiridow aber bald löste, um sich der Quelle der russischen Musik zuzuwenden, dem Volkslied sowie – in seiner letzten Schaffensperiode – der geistlichen Chormusik der russisch-orthodoxen Tradition. Dieser Zuwendung verdankt seine Musik die eingängige Melodik, die ihm von der „modernistischen“ Seite als „Anpassung“ zum Vorwurf gemacht wurde. Seine russischen Hörer aber haben es ihm gedankt und seine Musik begleitete sie mitunter bis in den Alltag hinein: Sobald sie die Nachrichten einschalteten, erklangen zur Einleitung – und passend zur sowjetischen Selbstdarstellung der Epoche – die packend-treibenden Klänge seiner Ouvertüre „Zeit, vorwärts!“, die auch zur Namensgeberin dieses abwechslungsreichen und liebevoll gestalteten Gala-Konzerts wurde.

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete Eigenkomposition, begleitet von hilipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete eigene Komposition, begleitet von Philipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Einen besonderen Höhepunkt stellte für uns dabei ein Wortbeitrag dar. Mit federndem Schritt hatte der auf Anhieb sympathisch und agil wirkende Komponist Vladimir Genin die Bühne betreten und trug mit wachen, lachenden Augen, die durch seine Brille hervorblitzten, Ausschnitte aus zwei Briefen vor, die Georgi Swiridow an ihn geschrieben hatte. Gaby und ich waren sofort elektrisiert und tief berührt von deren Inhalt. Wir wollten mehr erfahren und entschlossen uns spontan, Genin zu einem Gespräch ins Artist Studio München, unserem Lieblingsort für solche Begegnungen, einzuladen.

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio, Dez. 2015

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio München, Dezember 2015

Jon Michael Winkler (JMW):  Ich muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt der Gala nicht einmal Swiridows Namen kannte, obwohl ich von jeher die Musik russischer Komponisten liebe. Und mit dieser Unkenntnis stehe ich hierzulande sicher nicht alleine da. In russischen Kreisen hingegen genießt er offensichtlich eine sehr hohe Wertschätzung, ja immense Beliebtheit. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen West und Ost?

Vladimir Genin (VG): Wissen Sie, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wehte der Wind immer von Westen nach Osten. So haben wir in Russland immer die Bücher gelesen und die Filme angeschaut, die im Westen berühmt wurden. Umgekehrt aber gelangte wenig von der russischen Kultur in den Westen. Viele der dort entstanden großen Werke wurden im Westen kaum wahrgenommen und nicht richtig eingeschätzt. Daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Der wichtigere Grund im Fall Georgi Swiridows dürfte allerdings sein, dass er als zu „offiziös“ abgestempelt wurde und dass er zudem für einen modernen Komponisten als „zu traditionell“ galt. Beim Volk beliebt und zugleich Tonschöpfer ernster zeitgenössischer Musik zu sein, ist – oder scheint zumindest – unvereinbar.

Jon_Michael_Winkler_musikal_Ltg_Kulturplattform_jourfixe-muenchen_Swiridow_Artist_Studio_Dezember_2015_jourfixe-Blog_Portrait3JMW: Das gilt auch für Komponisten in Deutschland. Die Kriterien für „ernste Musik“ des Wertungsausschusses bei der GEMA lauten, vereinfacht gesagt: Ein im heutigen Sinn „ernstes“ Werk darf keine sangbare Melodik aufweisen, keinen durchgehenden Rhythmus und keine harmonischen Zusammenklänge. Außerdem muss die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Aufführung nach der Uraufführung äußerst gering ausfallen, eine Wahrscheinlichkeit, die nach den ersten drei Kriterien natürlich sehr hoch ist…

VG: (lacht): Ja, das trifft zu! Selbst Carl Orffs „Carmina Burana“ fällt unter die Rubrik „Unterhaltungsmusik“, wenn sie z.B. bei den beliebten Konzerten am Odeonsplatz gespielt wird…

JMW: Und Mozart könnte seine Werke heute nicht mehr als E-Musik anmelden… Aber Spaß beiseite!…

Hat die Diskrepanz hinsichtlich des Bekanntheitsgrades Swiridows in Russland und hierzulande möglicherweise auch politische Hintergründe? Im Klima des „Kalten Krieges“ wurde hier ja misstrauisch beäugt, wer nicht als Dissident oder „Opfer des Systems“ galt, sondern erfolgreich seiner Berufung nachging und darüber hinaus offizielle Ämter bekleidete, wie Swiridow – Als Vorstandsmitglied des Komponistenverbandes der UdSSR und Erster Sekretär der Komponistenunion der Russischen Föderation – konnte er im Westen leicht für einen linientreuen Genossen oder zumindest opportunistischen Mitläufer gehalten werden.

VG: Das ist bei Swiridow allerdings ein komplexes Thema. Er war sicher kein Mitläufer der Partei, ja nicht einmal Parteimitglied, aber er bekleidete von ihr verliehene, hohe Ämter, wie die von Ihnen genannten. Und sicher trat er für ein starkes Russland ein, wie auch sein Umgang mit patriotischen, als „dubios“ gewerteten Künstlern zeigt.

Autor Walentin Rasputin1976

Autor Walentin Rasputin 1976

Er war z.B. befreundet mit dem Schriftsteller Walentin Rasputin , der in seiner Anfangszeit gewiss ein großer Schriftsteller war, der schonungslos über das harte, ja grausame Leben der Bauern auf dem Land schrieb, später aber immer nationalistischere Töne anschlug, bis er schließlich ganz verstummte. Zu dieser Zeit freundete sich Swiridow mit ihm an, doch konnte ich nicht offen mit ihm über diesen Umgang streiten. Dazu war seine Stellung zu hoch und der Altersunterschied zu groß. Ich hätte ihn auch nicht vom Gegenteil überzeugen können…

JMW: Könnte man denn sagen, dass es sich bei Swiridow um einen „romantisch verklärten“ Patriotismus handelte, der auch vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts eigen war, als die sogenannten „Nationalstile“ in Westeuropa wie in Russland aufkamen? Die Berliner Zeitung schrieb anlässlich seines Todes ja, dass Teile Swiridows Musik „mächtig“ seien, weshalb sich die sonst einander feindlich gesonnenen Kräfte der Gesellschaft an seinem Sarg vereinten. Ist seine Musik also Klang gewordene Heimatliebe?

VG: Es war viel mehr als Heimatliebe! – Swiridow hat geweint über Russland, über das, was daraus geworden war. Das hat er zwar nicht öffentlich gesagt, aber man kann das aus vielen seiner  Werke heraushören:

Der russische Dichter Sergej Jessenin

Dichter Sergej Jessenin

In Vertonungen von Texten des unter Stalin verbotenen Dichters Sergej Jessenin oder das „Poem zum Gedenken an Sergej Jessenin“ (1956), über die Auslöschung des bäuerlichen Lebens nach der Revolution oder von Gedichten Alexander Blocks, die zwar keinen expliziten Protest darstellen, aber als Lieder so dramatisch sind, dass sie mit dem „sozialistischen Realismus“ eigentlich nicht vereinbar sind.

Es gibt außerdem eine kleine Kantate Es schneit (1965) nach Texten des vom Regime kritisch beäugten Boris Pasternak, in der ein Kinderchor ein berühmtes philosophisches Gedicht vorträgt. Der durch diesen Kunstgriff entstehende, surrealistisch anmutende Effekt verstärkt die an sich selbst gerichteten Worte und wird so zur Aufforderung an jeden Künstler:

     „…Versäum nicht, ruh nicht, Dichter!
Und halt dem Schlafe stand,
Der Ewigkeit verpflichtet,
Und von der Zeit gebannt.“

Doch damit nicht genug! Zuvor erklingt ein in der Sowjetunion wegen seines Inhalts NIE veröffentlichtes Gedicht Pasternaks, das Swiridow wohl aus einer ausländischen Ausgabe hatte, in dem es um das Leid und den qualvollen Tod der Insassen in Stalins Lagern geht. Dass es sich um diese Lager handelt, wird zwar nicht explizit gesagt, aber aus dem Kontext heraus ist es eindeutig:

Душа – Seele:

Swiridow vertonte das Gedicht von Boris Pasternak "Seele"

Georgi Swiridow – Foto – vertonte u. a. das Gedicht „Seele“ von Boris Pasternak

VG: Es ist völlig unglaublich, dass dieses Werk veröffentlicht, aufgeführt und auf Schallplatte gepresst wurde!

JMW: Das passt gar nicht zu der teilweisen Darstellung Swiridows als opportunistischen Mitläufer, wie sie 1998 als Nachruf im SPIEGEL veröffentlicht worden war und aufgrund dessen Sie bei Ihrem Auftritt in Gasteig mit leidenschaftlicher Schärfe eine Gegendarstellung vortrugen. Wie man allein am Beispiel dieser Kantate sehen kann, hat Swiridow angesichts des sowjetischen Machtapparats eine Menge gewagt! – Und die Partei hat wirklich nichts dagegen unternommen?…

G. Swiridow

Komponist Georgi Swiridow

VG: Nein, gar nichts! Und es bleibt auch ein Rätsel, wie er damit durchgekommen ist. Das sogenannte „Tauwetter“ („Ottepel“) unter Nikita Chruschtschow war mit dessen Sturz 1964 schon wieder vorbei gewesen. War es wegen seiner übrigen Verdienste – denn niemand anderes entsprach dem Bild des „Volkskomponisten“ besser als er – die ihn zu einer sakrosanten Person gemacht haben? Hat man ihm diese Vertonung quasi als „Ausrutscher“ stillschweigend verziehen? Oder lag es schlicht und einfach am Unverständnis oder der Schlamperei der Zensoren, die nicht verstanden hatten, worum es in diesem Text wirklich ging? Diese Frage wird sich vermutlich nicht mehr mit Sicherheit klären lassen …

Aber auch in seinem Pathetischen Oratorium über die Oktoberrevolution, nach Texten von Wladimir Majakowski, das als Auftragswerk unmittelbar nach dem tragischen Verlust seines Sohnes entstand, gibt es eine kaum verhüllte Provokation. Der emotional berührendste Part als Höhepunkt des Werks ist nicht das Gespräch mit dem Genossen Lenin, sondern der bewegende Abschied auf immer, den ein General der Weißen Armee, also ein Gegner der Revolution, von seiner geliebten Heimat Russland nimmt. Ich fragte ihn einmal, ob er das absichtlich so gestaltet hätte und er bejahte. Außerdem vertraute er mir an, dass er die Revolution als ein „sich Berauschen von Wahnsinnigen“ empfunden habe. So muss man diese suggestive und mitreißende Musik hören!…“

Jon Michael Winkler

Jon Michael Winkler

JMW: Ja, ein wahrhaft pathetisches Klanggemälde der historischen Ereignisse! Und durch meinen Aufenthalt in Polen vor 30 Jahren und meinen Erfahrungen mit dem kulturellen Leben und dem unglaublich aufmerksamen Publikum dort bin ich überzeugt, dass die Zuhörer in der ehemaligen Sowjetunion solche Zwischentöne auch hörten und verstanden. Musik, Literatur und Kunst waren im Ostblock mehr als ein dekoratives Beiwerk. Sie waren so unverzichtbar wie das tägliche Brot: Nahrung für die Seele eben!

Vladimir Genin

Vladimir Genin

VG: Ja, Kultur war für uns kein Luxus, sondern ein Mittel, das uns half, dort, wo kein offener Protest möglich war, Mensch zu bleiben. Und so hatte Jurij, wie ihn seine Freunde nannten, trotz unterschwelliger Ablehnung gegen die „Apparatschiks“ doch die hohen Ämter in den Komponistenverbänden angenommen, wohl in der Hoffnung die Situation in seinem Umfeld verbessern zu können.  Doch war das nicht wirklich seine Welt. Weder war er ein Funktionär noch ein Organisator. Swiridow wollte sich seiner Musik widmen und das aus ganzem Herzen. In einem seiner Briefe an mich schrieb er später (1983) von der „Generation unserer „Wunderknaben“, die inzwischen aufgewachsen, geschäftig und aggressiv geworden seien, doch keine geistige Kraft besäßen und diese durch fades Handwerk ersetzen würden. „In den Werken dieser Epigonen, die sich wahrscheinlich gerade in unserem Lande die entscheidenden Positionen gekrallt haben, spürt man überall einen Mangel an Geist…“, so Swiridow. Aus diesen Worten kann man entnehmen, dass die vielfache Behauptung, er sei gegen die Avantgarde gewesen und hätte sie unterdrückt, nicht wahr ist, denn er spricht in seinem Brief ja ausdrücklich von „Epigonen“…

JMW: Das alles passt auch ganz und gar nicht zum Vorwurf in dem bereits erwähnten SPIEGEL-Artikel, laut dem ihn der Komponist Edison Denissow jener „Mafia“ zurechnete, deren Angehörige nur für sich, für höhere Honorare und ihre eigene Popularität gearbeitet hätten. Dieser Behauptung bin ich nachgegangen und fand heraus, dass sich Denissow wohl auf einen Vorfall bezog, mit dem Swiridow gar nichts zu tun hatte, weil er zu der Zeit schon nicht mehr dem Vorstand angehörte.

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Vielmehr hatte 1979 ein anderes Vorstandsmitglied, Generalsekretär Tichon Chrennikow  eigenmächtig sieben KomponistInnen scharf wegen „avantgardistischer Tendenzen“ kritisiert, unter anderem jenen Denissow sowie die später in die BRD emigrierten Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin . Ein weiterer Komponist dieser Gruppe, Dimitri Smirnov, sprach gar von einer „schwarzen Liste“, die zu einer Unterbindung der Aufführungen ihrer Werke geführt hätte, doch belegt eine musikhistorische Untersuchung, dass die Rede Chrennikovs keineswegs zu einem Konzertboykott geführt hat. Alle sieben Komponisten wurden bei Konzerten in der Sowjetunion weiterhin aufgeführt. Die Bezeichnung „Chrennikows Sieben“ wurde eher im Westen genutzt, um zu Zeiten des kalten Krieges die „Interpretationshoheit über die sowjetische Kunst“ zu erlangen und Konzerte und Notenausgaben zu bewerben.

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

VG: Diese Komponisten wurden aber tatsächlich unterdrückt! Ihre Werke wurden nur sehr selten aufgeführt, wenn überhaupt und dann nicht in Moskau. Außerdem bekamen sie keine Kompositionsaufträge vom Kultusministerium. Ein fantastischer Komponist, Andrej Wolkonski , wurde aus dem Komponistenverband ausgeschlossen. Alfred Schnittke musste sich jahrelang von seinen Arbeiten für Kino und Theater über Wasser halten. Ich erinnere mich an ein vom Moskauer Komponistenverband veranstaltetes Konzert, bei dem – nach einer kurzfristigen Entscheidung – überraschenderweise Werke von Schnittke gespielt wurden. Der Publikumsandrang war so groß, dass die Eingangstüren aus den Angeln gerissen wurden. Swiridow hat mir gegenüber immer sein großes Interesse an Schnittkes Arbeit bekundet – und ich habe nie erlebt, dass er schlecht über ihn oder einen anderen Avantgardisten gesprochen hätte.

JMW: Schnittke, der übrigens im selben Jahr wie Swiridow starb, war ja im Westen hoch angesehen.

Ñîâåòñêèé êîìïîçèòîð Àëüôðåä Øíèòêå çà ðîÿëåì.

Alfred Schnittke, russischer Komponist 1937 – 1998

VG: Aber, natürlich! Er war schließlich offen gegen das Regime und wurde von ihm unterdrückt, weshalb er 1990 auch nach Hamburg auswanderte. Er entsprach im Westen damit dem Bild des „guten“ weil verfolgten Sowjetkünstlers; Swiridow, aufgrund seines Erfolgs und seiner hohen Ämter, entsprach hingegen dem des „bösen“. Dieses Bild stimmt aber einfach nicht.

JMW: Dieses Bild muss dringend korrigiert werden! Selbst ein ansonsten so seriöses Nachrichtenmagazin wie der SPIEGEL hat Swiridow zu Unrecht, wie wir Ihrer Darstellung entnehmen können,  als „angepassten Komponisten“ deklassiert, der dem „amtlich verordneten Wohlklang“ als „parteigenehmen Reglement“ folgte und als „Sohn eines Postbeamten“ aus Kursk sich mit seinem Schaffen deshalb niemals im Westen habe durchsetzen können. – Ich glaube, dass solche Verzerrungen dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland – und im Westen allgemein – so wenig über Swiridows Leben und Werk wissen.

VG: Ja, aber auch der Neid und die Intrigen der russischen Kollegen im Moskauer Komponistenverband haben da eine große Rolle gespielt, und ich vermute, dass hinter diesem Artikel,  angesichts seiner Schreibweise, auch ein Kollege von damals stecken könnte. – Ich selbst habe das am eigenen Leib erlebt, als mich Swiridow bei der Organisation eines Chorfestivals zu seiner rechten Hand ernannte, da er für solche Aufgaben völlig ungeeignet war. Dabei verfügte er im Komponistenverband bereits über einen offiziellen Assistenten, der zudem der Sohn des stellvertretenden sowjetischen Kultusministers war. Das führte zu vielen Irritationen und Eifersucht bei den Kollegen, die sich wunderten, wie ich als junger Mann zu solch einer Stellung gekommen war. Selbst solche, die ich für Freunde hielt, begannen Unwahrheiten über mich zu verbreiten.

Theater_Wladimir_Andrej_Bogolubsky_Vladimir_Genin_Swiridow_jourfixe-BlogRichtig schlimm wurde es, als ich ein Auftragswerk der Stadt Wladimir, das Mysterienspiel Die Klage um Andrei Bogolubsky (1987) schrieb. Es entstand am Vorabend von Glasnost und Perestroika zur 1000-Jahrfeier des Bekenntnisses Russlands zum Christentum und es war zu der Zeit völlig offen, ob das Jubiläum staatlich gefeiert und damit das Verbot der Aufführung „religiöser“ Werke aufgehoben würde. Doch das geschah tatsächlich! Und mein Stück wurde ein großer Erfolg – allein in Wladimir wurde es 60 Mal gespielt, bei der Firma „Melodia“ in einer Auflage von 20 000 Stück auf Schallplatte gepresst – eine für die damaligen Verhältnisse große Zahl.

Plakat der USA-Tournee von 1989

Plakat der USA-Tournee von 1989

Sogar eine Amerikatournee von Seattle bis San Francisco fand 1989 mit diesem Werk statt. Besonders die auf Chorwerke spezialisierten Kollegen neideten mir das ungemein und sprachen hinter vorgehaltener Hand von „Fehlern“ in meinem Werk, aber keiner sagte mir offen seine Meinung. Sogar in den Sitzungsprotokollen des Moskauer Komponistenverbands wurden Aussagen über mich festgehalten, die nicht den Tatsachen entsprachen. Sollte ich das weiter aushalten, um mir alle paar Jahre bei einem vom Verband veranstalteten Konzert den Applaus auf der Bühne abholen zu können? Nein, ab 1991 entschied ich, mich nur noch so oft wie nötig beim Komponistenverband sehen zu lassen, was selten geschah und in der Folge auch zum allmählichen „Einschlafen“ meiner Freundschaft mit Swiridow führte.

JMW: Mit der Ernennung zu seiner rechten Hand für das Chorfestival hatte er Ihnen also einen Bärendienst erwiesen…. Hat er andere junge Komponisten oder auch Sie auf andere Weise gefördert?

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

VG: Nein, er hat sich zwar für die „neue“ Generation interessiert – und für ihn war ich deren Verkörperung – er hat aber weder mich, noch jemand anderen im herkömmlichen Sinn „gefördert“. Er hat lediglich viel mit mir gesprochen, sah meine Partituren durch, hörte sich Aufnahmen an, für die er mir meistens Lob aussprach. Er ging dabei nicht so sehr ins Detail, der Gesamteindruck war ihm das Wichtigste. – Einmal hatte auch ich Gelegenheit den großen Kollegen zu unterstützen. Seine Augenkrankheit, eine Lichtempfindlichkeit, wegen der er getönte Brillen trug, hatte sich verschlechtert, darum bat er mich ihm zu helfen und nach seinen Anweisungen seine Kantate „Kursker Lieder“ für eine kleinere Besetzung umzuschreiben. Bei dieser Arbeit lernte ich seine Denkweise noch viel besser kennen.

JMW: Wie kam es eigentlich zu Ihrer Bekanntschaft?

VG: Durch meinen damaligen Professor im Musikstudium. Er hatte mir damals die Aufgabe erteilt, ein Werk von Swiridow zu analysieren. Ich war zunächst nicht begeistert davon, aber als ich daran arbeitete, erkannte ich die Tiefe und Kunstfertigkeit seiner Musik und dementsprechend motiviert schrieb ich darüber. Ich wusste ja nicht, dass mein Professor die Arbeit an Swiridow zum Lesen weiterleiten würde. Darauf folgte eine Einladung an mich auf seine Datscha in der Nähe von Moskau, wo viele bekannte russische Künstler und Wissenschaftler lebten. Auf der einstündigen Autofahrt schärfte mir mein Professor ein, Swiridow ja nicht zu widersprechen und auf keinen Fall mit ihm zu diskutieren, denn er wusste, wie aufbrausend und stur Swiridow sein konnte.

JMW: Und haben Sie sich daran gehalten?

VG: Nein, das konnte ich nicht! Als er über einen Zeitungsartikel sprach, war ich anderer Meinung und eröffnete mit der, spätestens seit der öffentlichen Verdammung Dr. Schiwagos , in Russland eigentlich fatalen Floskel: „Also, ich habe das zwar nicht gelesen, aber…“. Schon war die Diskussion in vollem Gang. Mein Professor wollte eingreifen, aber das verbat sich Swiridow. Er schickte ihn in die Küche, um seiner Frau bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen, damit er ungestört mit mir reden konnte. Das tat er übrigens immer wieder. (Lacht.)

JMW: Da hatten sich wohl zwei Feuerköpfe getroffen! Das passt auch sehr gut zu dem Brief den er Ihnen nach Ihrer ersten Begegnung schrieb und den Sie bei der Gala ihm zu Ehren vorgetragen haben:

Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

Komponist Georgi Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

„Ich bin dem Schicksal sehr dankbar für die Gelegenheit, durch die Begegnung mit Ihnen das intensive Leben der neuen Generation empfinden zu dürfen. Behalten Sie dieses Feuer – das wertvollste auf der Welt, weil das Leben ohne es verlischt, verfault… Ich habe viel in meinem Leben gesehen und lernte dieses Feuer zu schätzen. Aber seien Sie geduldig – keiner wird von den Leuten sofort verstanden. Man muss viel sagen, bevor die Leute anfangen zuzuhören, geschweige denn anfangen zu verstehen.“

VG: Den Brief hat er mir erst nach mehreren Begegnungen geschrieben, aber der Anfang davon war natürlich dieser Tag.

JMW: Bleibt zum Abschluss unseres Gesprächs noch der andere Brief, den sie als sein Vermächtnis bezeichnet haben; ein Vermächtnis, das an Sie und Ihre Freunde und damit ganz allgemein an die Generation nach ihm gerichtet ist. Swiridow schreibt darin unter anderem:

Georgi Swiridow

Georgi Swiridow

„Ihre Aufgabe ist groß und schwierig: Vieles aufzuklären und den wahren Maßstab der Werte wiederzufinden – den Maßstab, der verloren gegangen ist... (Unter den geistlosen und opportunistischen „Epigonen“) … Meine Aufgabe an Sie und Ihre Freunde ist es, zu suchen. Sonst wird unsere Musik nicht mehr zum Ausdruck der Essenz menschlichen Lebens, der Essenz, die verborgen ist und erst durch die Kunst offenbart wird.“

JMW: In wie weit hat Sie dieses Vermächtnis inspiriert? Was genau meinte er mit dem verlorenen Maßstab und der verborgenen Essenz?

VG: Der Maßstab war sicher musikalisch wie menschlich gemeint.

"Nur der Ewigkeit verpflichtet" - Komponist Swiridow in jüngeren Jahren

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Komponist Georgi Swiridow

Es ging Swiridow um den wahren und bleibenden Wert, wie wir ihn in der Musik der großen Komponisten verehren.

Und er selbst schien „riesig“, in seiner Ausstrahlung, seinem Charisma. Er hatte zwar nicht die Stimme dazu, aber niemand hat vom Ausdruck her seine Lieder besser vorgetragen als er selbst, wie eine private Aufnahme mit meinem Freund, dem Pianisten Michail Arkadiev es zeigt. So wie er da singt, das ist reine Essenz, ohne jedes Theater!

Schon vor meiner Begegnung mit Swiridow hatte ich immer Menschen gesucht, die so eine Sicht vertreten. Auch meinen Professoren beim Studium ging es um diesen Ausdruck, um eine Musik, die etwas über den Menschen aussagt.

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Swiridow aber wirkte in dieser Hinsicht wie ein gewaltiges Schiff und die anderen um ihn herum nur wie kleine Boote. Er hatte zwar seine Fehler, er war unpraktisch, manchmal stur und aufbrausend, doch letztlich war er ein grandioser Mensch. Aber „vergöttert“ habe ich ihn nie! Mit der Zeit habe ich immer mehr das Wesentliche in seiner Musik entdeckt, zwar auch in seinen präzisen handwerklichen Fähigkeiten und seiner ganz speziellen Sparsamkeit in der Wahl der Mittel, aber noch vielmehr in der spirituell-geistigen Essenz dahinter.

JMW: Ich habe gelesen, dass er über 34 Jahre an seinen geistlichen Chorwerken gearbeitet hat, die sicher als Ausdruck dieser geistig-spirituellen Essenz zu verstehen sind; viele davon entstanden erst in den 80er und 90er Jahren. Obwohl es die Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche zu jener Zeit schon nicht mehr gab, wurden viele dieser Werke erst nach seinem Tod herausgegeben. Sie erzählten, dass zudem in seiner Wohnung noch stapelweise unveröffentlichte Werke in seinen Schränken lagerten und angesichts dessen frage ich mich, wie es um das musikalische Erbe Swiridows steht? Wird seine Musik heute noch gespielt und wird sie auch in Zukunft gespielt werden?

VG: Ja, sie wird noch gespielt und auch gespielt werden, denn es gibt wohl kaum einen besseren Ausdruck dessen, was man die „russische Seele“ nennt. Wenn Sie Filme von typisch russischen Landschaften sehen, sind diese zu 50 Prozent mit Musik von Swiridow unterlegt – dafür gibt es einfach nichts besseres. Allerdings läuft sie gerade deswegen auch immer Gefahr, von allen Seiten missbraucht zu werden, von den Anhängern der alten Brigaden wie von den neuen Nationalisten. Im Ausland gestaltet sich die Lage für Aufführungen schon schwieriger, da sein Name dort wenig bekannt ist und daher weniger „zahlendes Publikum“ zieht; das gilt natürlich auch für die Veröffentlichung von Noten und Tonträgern. –

Swiridow in jüngeren Jahren am Piano

Swiridow in mittleren Jahren am Piano

Verstanden aber wird Swiridows Musik nur von denen werden, die ihre Essenz begreifen – und da gibt es nicht so viele in unserer schnelllebigen und auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Zeit. Die innere Einstellung zum wahren Wert der Kunst, des Geistigen müsste sich dazu erst einmal ändern und meist geschieht das nur durch dramatische äußere Umstände…

„Russische Seele“ – Plakat zu einem gleichnamigen Konzert 2015

JMW:  Abschließen möchte ich mit einem Zitat, dass mir in den von Ihnen gesendeten Unterlagen ins Auge gestochen ist. Für mich trifft es sehr gut die Essenz der „russischen Seele“ in der Kunst, der Musik und in Georgi Swiridows Werk. Es stammt von der amerikanischen Autorin Suzanne Massie, die in ihrem Buch „Land des Feuervogels“ schreibt:

„Das Vermögen, die Schönheit der spirituellen Welt und die Fähigkeit, diese Schönheit durch Verehrung auszudrücken, war eine besondere Gabe Russlands. Durch die Jahrhunderte haben die Russen, selbst in ihrer weltlichen Kunst, ihre Sicht erhalten, dass Kunst vor allem ein göttliches Geschenk ist, dessen grundlegender Zweck es ist, Gott zu dienen und die Menschheit zu erheben.“

 


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„Ich bin ganz Verlangen, ganz Gefühlsausbruch …“ zum 100. Todesjahr von Alexander Skrjabin

Das Bekenntnis des Komponisten Alexander Skrjabin zu großer Emotionalität, die sich im Titel der Gedenkveranstaltung wiederspiegelt, hatte mich schon im Vorfeld neugierig auf den Konzert-Abend in der Münchner Seidlvilla gestimmt. Geladen hatte MIR_ev das russische Kulturzentrum MIR, anlässlich des 100. Todesjahres des Komponisten. Selbst Künstlerin, darüber hinaus mit einer Affinität zu dem, was gemeinhin als „russische Seele“ bezeichnet wird, finde ich viel von meinem eigenen Naturell in diesem Zitat wieder und glaube, dass uns Künstler oft ein drangvolles Seelenleben antreibt, sich im künstlerischen Schaffen ein Ventil zu suchen.

Tatjana Lukina, Leiterin des russischen Kulturzentrums MIR in der Seidlvilla vor einem Portrait Skrjabins

Tatjana Lukina, Leiterin von MIR, in der Seidlvilla vor einem Portrait Skrjabins

Dazu bedarf es nicht unbedingt eines tatsächlichen tragischen Lebenslaufes; Künstlernaturen neigen generell zu einem Dasein zwischen Brandbeschleuniger und Brennglas. Das gilt umso mehr für jemanden mit einer Vita wie der Alexander Skrjabins: Kurz, emotional überbordend und vor allem schmerzhaft, da er, wie es MIR-Chefin Tatjana Lukina formuliert, „sein ganzes Leben sehr intensiv mit dem Tod konfrontiert war“.

Alexandere Skrjabin mit Tatjana Schloezer und Sohn Julian um 1915

Alexandere Skrjabin mit Tatjana Schloezer und Sohn Julian um 1915

Seine Mutter starb, als er ein Jahr alt war, zwei von vier Kindern aus erster Ehe starben noch zu Lebzeiten des Komponisten. Schwierig gestaltete sich auch sein Liebesleben: Seine erste Ehe scheiterte, Ehefrau Wera verweigerte jedoch die Scheidung, so dass er mit seiner neuen Gefährtin, Tatjana Schloezer, eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein beginnen musste, ein für damalige Verhältnisse nicht gerade gesellschaftlich übliches Arrangement …

„Einmal beunruhige ich mich, ein andermal bin ich auf der Höhe der Seligkeit, in Minuten falle ich in Schwermut,“  zitiert ihn Stefan Zednik in Deutschlandradio Kultur.  Er war ein Getriebener, was ihn vermutlich auch zu dem werden ließ, was Zednik einleitend alsRevolutionär einer neuen Tontechnik“ , so der Beitragstitel, beschreibt und als „… absoluter Exzentriker in der Welt der Klaviermusik. Seine Werke zählen nicht nur zu dem pianistisch anspruchsvollen, sie begeistern auch heute noch durch ihre Emotionalität, ihre Radikalität, ihre Wucht.“Alexander_Skrjabin_MIR_russisches_Kulturzentrum_Muenchen_Seidlvilla_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Folgerichtig erwartete mich in der Seidlvilla ein konzertantes Wechselbad an Gefühlen und Klangerlebnissen.  Die Musik zu Beginn des Abends entstammte Skrjabins früher Schaffensphase, sehnsuchtsvolle Klänge, die mich an Chopin erinnerten, was an Skrjabins Frühwerk gelegentlich kritisiert wird. Entschieden dagegen hält der kanadische Pianist Glenn Gould: „… ist es dem edlen Frédéric auch nur ein einziges Mal gelungen, eine groß angelegte Form mit solchem Elan zu meistern, wie ihn Skrjabin in dieser Sonate (Nr. 3) zeigt?“ 

Alexander_Skrjabin_Medvedev_Philipp_von_Morgen_Jekaterina_Medvedeva_MIR_russisches_Kulturzentrum_Muenchen_Seidlvilla_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosEin mit Artur Medvedev (Violine), Philipp von Morgen (Violoncello) und Jekaterina Medvedeva (Klavier), erstklassig besetztes Trio aus dem Künstler-Pool von MIR, führte in Skrjabins Frühwerk ein.

Bemerkendwert an Skrjabins Werk finde ich dessen rasante stilistische Weiterentwicklung, geprägt durch die anbrechende Ära von Industrialisierung und Urbanisierung im Zeitraffer. Erinnerten mich eben noch die Klänge an die romantisch verklärten Salons eines Frédéric Chopin, so fühlte ich mich beim nächsten Stück schon in die „Symphonie einer Großstadt“ katapultiert … In einem Beitrag auf Anthro-Wiki heißt es: „Sein Spätwerk zeigt eine stilistische Entwicklung auf, die – trotz seines kurzen Lebens – eine Einreihung Skrjabins in die wichtigen Neuerer der Musik der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts rechtfertigt.“

Alexander Skjabin mit Tatjana Schloezer um 1900

Alexander Skjabin mit Tatjana Schloezer um 1900

Tatsächlich fällt es mir schwer, angesichts der kurzen Lebenszeit Skrjabins, der Weihnachen 1872 geboren wurde und Ostern 1915 starb, von einem „Spätwerk“ reden  zu wollen, deutlich „anders“ aber klingen seine „späteren“ Musikstücke auf jeden Fall, selbst für mich als Laie.

Alexander_Skrjabin_Alexej_Kudryashov_Tatjana_Lukina_MIR_russisches_Kulturzentrum_Muenchen_Seidlvilla_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos_soloIn Skrjabins neuere Klangwelt entführte uns in der Seidlvilla als erster der aus Moskau eingeflogene Pianist Alexey Kudrayshow. Er ist unter anderem  Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaft und Künste und Preisträger des Skrjabin-Stipendiums. Wie schön, einen Tastenmeister dieses Kalibers nicht in einer Philharmonie, sondern in der relativen Intimität der Seidlvilla erleben zu dürfen 😉

Über Skrjabins vielleicht berühmtestes Werk Poème de l’extase,  aus seiner späteren Schaffensphase, schreibt der amerikanische Autor Henry Miller: „Es war wie ein Eisbad. Kokain und Regenbögen. Wochenlang ging ich umher wie in Trance“.

"Poème de l'extase" - Skrjabins vielleicht erfolgreichste Komposition

„Poème de l’extase“ – Skrjabins vielleicht erfolgreichste Komposition, Thema zahlloser Schallplatten-Produktionen

Dem Werk liegt ein Textfragment zugrunde, das Skrjabin eine Weile bei Aufführung seiner gleichnamigen Komposition austeilen ließ. Dem Symbolismus nahestehend, schildert es (das Gedicht; Quelle: Wikipedia) Auseinandersetzungen des für Freiheit und Liebe eintretenden, schöpferischen Geistes mit Schreckensgestalten, dann – zunehmend in direkter Rede – die Rolle des „Ich“, durch welches die gesamte Menschheit in Ekstase erlöst wird. Anfang und Schluss lauten in deutscher Übersetzung:

Skrjabin von Alexander Jakowlevitsch Golowin

Skrjabin-Gemälde von Alexander J. Golowin

Der Geist,
Vom Lebensdurst beflügelt,
Schwingt sich auf zum kühnen Flug
[…]
Und es hallte das Weltall
Vom freudigen Rufe
Ich bin !

Hörprobe „Poème de l’extase“ – Berliner Philharmoniker/Petrenko

Nachdem Skrjabin mit Schriften der Theosophie in Berührung gekommen war, reifte in ihm der Gedanke, ein Gesamtkunstwerk ungesehenen Ausmaßes zu schaffen, das in Indien unter einer Halbkugel mit 2.000 Mitwirkenden unter Einbeziehung sämtlicher Künste und Sinneseindrücke so lange immer wieder aufgeführt werden sollte, bis die gesamte Menschheit das so genannte Mysterium erlebt hätte und in kollektive Ekstase versetzt worden wäre, was, wie Skrjabin glaubte, die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsstufe gehoben hätte, mit ihm selbst als der messianischen Figur in ihrer Mitte. (Quelle: Anthro-Wiki)

Alexander Skrjabins letzte Ruhestätte liegt auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau, inmitten vieler weiterer prominenter Moskauer Bürger und Künstler

Alexander Skrjabins Grab liegt auf dem Nowodewitschi-Friedhof  in Moskau. Hier sind viele prominente Bürger und Künstler begraben.

„Ich bin ein Nichts, ein Spiel, bin Freiheit, bin das Leben. Ich bin eine Grenze, ein Gipfel. Ich bin Gott.“ (Zitat Skrjabin)

Im Frühjahr 1915 durchkreuzte eine Blutvergiftung, die Skrjabin sich wegen eines Abszesses auf der Oberlippe zuzog, alle seine Pläne in Indien. Er starb mit noch nicht einmal 43 Jahren …

Hingabe Pervez Mody

Hingebungsvolles Spiel: Pervez Mody in der Seidlvilla

Zum 100. Todesjahr bestritt in der Seidlvilla nun ein indischer Klavier-Virtuose, Pervez Mody, bravourös den gesamten zweiten Teil des Konzertes und schlug eine Brücke zwischen Gedenkabend und der letzten Schaffensphase des russischen Komponisten.

Ein sprühender Virtuose und ausdrucksstarker Künstler mit breitem Repertoire, der mit seinen Aufnahmen  zu den ersten Skrjabin-Interpreten unserer Zeit eingereiht wird,“ urteilt das Label Thorofon über Mody, der aus Mumbai stammt, in Moskau und Karlsruhe studierte und mittlererweile in Deutschland lebt.

Alexander_Skrjabin_Pervez_Mody_Tatjana_Lukina_MIR_russisches_Kulturzentrum_Muenchen_Seidlvilla_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos2Wie nah ihm die Musik Skrjabins ist, ließ sich schon an seiner Anmoderation erkennen, in der er betonte, wie viel ihm daran gelegen sei, in seiner Darbietung das spezielle Klangbild des Komponisten einzufangen. Entsprechend spielte er voller Hingabe und nahm den Applaus zwischen den Stücken – so mein Eindruck – eher widerwillig entgegen, vermutlich, weil ihn diese Unterbrechungen immer wieder aus seinem Pas de Deux mit Skrjabins Musik heraus rissen …

arthurgSehr informativ waren die biografischen Zwischenmoderationen, mit denen Schauspieler Arthur Galiandin charmant durch das Programm führte. Erfreulicherweise beschränkten sich die Texte auf die wesentlichen Eckpunkte in der Vita des Komponisten, ohne – wie leider so oft der Fall bei Kulturveranstaltungen – die Zuhörer mit einem zuviel an Details zu überfrachten.

Die Akteure des Abends: Philipp von Morgen, Tatjana Lukina (MIR), Artur Medvedev, Alexej Kudryashov, Jekaterina Medvedeva, Pervez Mody, (von links) - Seidlvilla, 22.10.2015

Die Akteure des Abends: Philipp von Morgen, Tatjana Lukina (MIR), Artur Medvedev, Alexej Kudryashov, Jekaterina Medvedeva, Pervez Mody, (von links) – Seidlvilla, 22.10.2015

Diese Veranstaltung hat mir einmal mehr Augen geführt, dass es immer wieder neue Preziosen in der Welt von Kunst und Kultur aufzusammeln gibt, selbst wenn man wie ich schon fast ein halbes Leben damit befasst ist.  Man muss sich als Zuschauer/In nur trauen, sich auch auf bis dato unbekannte Künstler und deren Werke einzulassen, die im riesigen Künstler-Universum nur darauf warten, von jeder und jedem von uns entdeckt zu werden.


 Vorschau: M0, 30. November , 19.00 Uhr, Carl-Orff-Saal, Gasteig Zeit, vorwärts! – Der Komponist Georgij Swiridow (1915-1996)

Grab-Büste von Swiridow auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof

Grab-Büste von Georgij Swiridow auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof

Gala-Konzert zum 100. Geburtstag von Georgij Swiridow, einem der größten Komponisten Russlands des 20. Jahrhunderts und Schüler von Dmitri Schostakowitsch.

Swiridow war dem russischen Volkslied besonders eng verbunden. Seine Kompositionen, zu denen Orchesterwerke, Kammer- und Klaviermusik, Chöre und Lieder gehören, haben ihre Wurzeln in der russischen Musik des 19. Jahrhunderts und genießen in Russland große Popularität. Allein schon seine Orchestersuite „Der Schneesturm“ nach Alexander Puschkins gleichnamiger Novelle, macht Swiridow für die russische Kultur unentbehrlich.

Ein kurzes Segment seiner Filmmusik zu dem Film „Zeit, vorwärts!“ (Время, вперёд!) begleitet die Russen seit einem halben Jahrhundert, Abend für Abend, als Erkennungsmelodie der bekannten TV-Nachrichtensendung Wremja (Zeit).


Das MIR-Herbstprogramm als pdf


 

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Gaudi & Gaudí: Osterblues mit Promis und Presse

„Größtmögliche Präsenz entwickeln, zeigen und bewahren!“ so lautet das A & O in der Kunst-/Kultur und Medienbranche. In diesem Sinne war die Veranstaltung im PresseClub vergangene Woche, mit der biografischen Collage zum 85. Geburtstag der Münchner Künstlerin und Ex-Wirtin des Alten Simpl, Toni Netzle, ein voller PR-Erfolg für die Jubilarin. Unter dem Titel „Toni, die Legende“ hat sie es bis in die BUNTE geschafft, inklusive der von mir organisatorisch und künstlerisch gestalteten Matinee. In die Society-News von MARIE WALDBURG, unter der Rubrik „Was ich wichtig fand“. So weit, so schön, so gut – so haarscharf daneben für mich …!

Gaby_dos_Santos_Marie_Waldburg_Bunte_Society_jourfixe-Blog_Collage_Nicht_immer_Simpl

Marie Waldburg skizziert sehr anschaulich Atmosphäre und Wirtin in der Collage „Nicht immer Simpl“. Foto: Bunte

Society-Kolumnistin Marie Waldburg, die selbst mit einem O-Ton in meiner Collage vertreten ist, greift in der aktuellen Ausgabe der Bunten (Donnerstag, 01.4.15) nicht nur die Bedeutung des Alten Simpls unter Toni Netzle nochmals auf, sondern beschreibt auch recht detailliert die Matinee selbst.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Christian Wolff_Marina_Wolff_jPresseClub_Toni_Netzle_Collage_Nicht_immer_Simpl_Alter_Simpl.JPG

Toni mit Christian und Marina Wolff posieren im Foyer

Waldburg listet auf,  wer sich so alles unter den Gästen befunden hat und widmet einige Sätze Christian Wolff und seiner Frau Marina, unter Erwähnung seiner Laudatio.

Unerwähnt bleibt nur Gaby dos Santos, ihres Zeichens immerhin alleinige Organisatorin der Matinee sowie Autorin und Produzentin der dabei aufgeführten „Simpl“-Collage.  „Aua!“ Wohlbemerkt: Wäre dieser Artikel, wie alle anderen aktuellen Pressestimmen, eine allgemeine Würdigung Toni Netzles und ihres Simpls gewesen, dann hätte ich mich über diesen prominent platzierten Beitrag ebenso wenn nicht noch mehr gefreut, wie über die vielen anderen Veröffentlichungen zur Person „Toni Netzle“. Schließlich war das ja Sinn und Zweck meines wochenlangen Engagements: Toni sollte den „größtmöglichen Bahnhof“ zu ihrem 85. Geburtstag erhalten!

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Ilona_Gruebel_Erich_Neureuther_Gabriele_Weißhaeuptl_Stadtrat_Walter_Zoeller_Anita_Bauer_DureAber  mich in einem Artikel, der sich auf die Veranstaltung selbst bezieht, als Initiatorin überhaupt nicht erwähnt zu sehen, sorgt bei mir derzeit für Blues-Stimmung. Gerade die in der sogenannten (vogel)freien Szene tätigen KünstlerInnen wie ich, ohne Budget für flächendeckende Werbemittel, sind auf Presse-Resonanz angewiesen.  Eine Erwähnung in der Bunten wäre meiner Meinung nach also angemessen gewesen. Zwar bin ich nicht prominent, aber dennoch die maßgebliche Kraft dieser Veranstaltung gewesen.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Kuenstlermaske_mit_TraeneIn meinen derzeitigen Frust mischt sich auch noch ein schlechtes Gewissen Toni gegenüber, weil ich mich bezüglich der Waldburg-Kolumne nicht ungetrübt wie sonst mit ihr freuen kann. Zu viele, sehr einsame Stunden künstlerischer Arbeit und Herzblut sind in diese Collage geflossen; viel Raubbau habe ich wieder einmal an mir selbst begehen und mein Innerstes umstülpen müssen, um schöpferisch etwas zu leisten. Vor meinem Inneren Auge musste ich Klang, Text und Bild zeitgleich heraufbeschwören, um sie zu einem neuen Ganzen zu verweben, tagelang, wochenlang, unter immensen Druck einem erlösenden „The End“ nachjagen, das, statt näher zu kommen, sich immer weiter zu entfernen schien.

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Gaby dos Santos während der Matinee für Toni Netzle, am 19.3.15 im PresseClub München

„Ach Gaby“, meinte Angelica Fuss, Geschäftsführerin im PresseClub, am Vortag zu mir, „Du wirst sicher wieder bis in die Nacht an der Collage feilen„. Sie sollte recht behalten. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, um 23 Uhr den Computer abzuschalten und bis Mitternacht auch meinen Geist. Es galt ja, den Herausforderungen der bevorstehenden Matinee einigermaßen fit entgegen zu treten. Soweit der Plan, den ich übrigens immer bei solchen Anlässen fasse, um ihn dann mit schöner Regelmäßigkeit scheitern zu sehen. Diesmal kapitulierte sogar die vorsorglich eingenommene Schlaftablette angesichts meines Endspurt-Adrenalins. Als ich endlich den Rechner herunter fuhr, zeigte er 4 Uhr morgens an. Entsprechend zog auch  diese Veranstaltung wieder wie ein unwirklicher Film an mir vorüber. Und danach lag ich, ebenfalls wie üblich, drei Tage flach. Kein Außenstehender wird je wirklich nachvollziehen können, wie sehr man bei jeder Produktion aufs Neue Raubbau an sich selbst betreibt, bis zu dieser völligen Erschöpfung, die von der Umwelt häufig in Richtung „künstlerisch-hysterische Hypochondrie“ umgedeutet wird.

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Für Reporter-Legende Dagobert Lindlau konnte ich beinahe keinen Platz mehr finden

Den letzten Rest Energie raubt einen regelmäßig die Veranstaltung selbst. Da kann man noch soviel Veranstaltungserfahrung gesammelt haben; irgendein unerwartetes Problem stellt sich immer ein. Diesmal unterlief mir ein Faux Pas bzgl. der Reservierungen: Da mir die bei Empfängen übliche Diskriminierung durch namentliche Reservierungen für sogenannte „wichtige“ Gäste und „freie“ Restplätze-Wahl für das „Fuß“Volk zuwider ist, reserviere ich nur für die Gäste, die aktiv zur Entstehung der Produktion beigetragen haben, in diesem Fall vor allem für meine „O-Tön-Partner“, sowie für die LaudatorInnen und für Behinderte. Aber auch das nur bis ca. 10 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. In diesem Fall waren jedoch fast alle meine O-Töne prominent und erschienen kurz vor knapp. Angelica Fuss klärte mich später auf, dass Promis dies absichtlich so handhaben, um sich nicht allzu lange dem Ansturm von Presse und Neugierigen auszusetzen. Jedenfalls hatte ich meine liebe Not, überhaupt noch Sitzmöglichkeiten für die Spätankömmlinge aufzutun, wobei die Breitners, übrigens sehr angenehme, bodenständige Menschen, sich über einen Platz in Ausgangsnähe durchaus angetan zeigten. Spekulationen zu folge erlaubte ihnen diese Lage, sich gleich nach Ende der Vorstellung der Presse zu entziehen.

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Dennoch erntete ich Tadel seitens einiger Gäste, wie ich denn dazu käme Paul Breitner derart weit hinten zu platzieren …

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Toni mit Christian Bruhn, Komponist und GEMA-Präsident, dahinter Peter Grassinger, Ehrenpräsident Münchner Künstlerhaus, neben ihm Naomi Isaacs

Ebenfalls zum zweiten Mal als Zuschauer war auch der Erfolgskomponist und Präsident der GEMA, Christian Bruhn, erschienen, der mir kürzlich noch ein Interview für die Collage gegeben hatte, obwohl, wie er betonte, er die Livemusik bei der Uraufführung 2012 als „fürchterlich“ empfunden habe. Stimmt, die war damals ziemlich in die Hose gegangen, einfach weil kaum Zeit für Proben geblieben war, nachdem wir als freies Ensemble alle Arbeitsschritte einer Produktion und Aufführung in Personalunion stemmen mussten und müssen. Daher – und weil diesmal überhaupt kein Budget für Musiker-Gagen vorhanden war – beschränkte ich mich beim Überarbeiten der Collage darauf, nur meine  Wenigkeit zum Nulltarif schuften zu lassen und konnte daher Bruhn versichern, dass es diesmal keine Livemusik geben werde. Das muss er missverstanden haben, denn als zum Bildvorspann Jon Michael Winklers wunderschön nostalgisches „Amato“ als Ton-Einspielung erklang, protestierte Bruhn lauthals in den Zuschauerraum hinein: „Sie hatten doch gesagt:’Keine Musik!‘

Einen Moment lang bereute ich, Bruhn nicht schon während unseres Vorgesprächs zum O-Ton-Interview Kontra gegeben zu haben. Gegen Kritik an sich gibt es ja nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Gerade unter Kollegen kann sie sehr hilfreich sein, wenn sie respektvoll eingebracht wird. Den abschätzigen Blick von oben herab, noch dazu seitens eines soviel erfolgreicheren Kollegen, empfinde ich jedoch als ebenso überflüssig wie unangemessen, zumal sich Bruhn & Co. sehr umschauen würden, wenn sie auch nur eine Produktion unter den Umständen stemmen müssten, unter denen die Freie Szene routinemäßig ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht. Mir fordert ein solches Stehvermögen jedenfalls Hochachtung ab. Nicht zuletzt deshalb hatte ich nur aus Rücksicht zu Toni seinerzeit Christian Bruhn gegenüber meinen Mund gehalten. Ist es vielleicht die Angst, den errungenen Erfolg zu verlieren und wieder auf dem Boden kleinkünstlerischer Realität aufzuschlagen, der so manchen etablierten Künstler derart arrogant gegenüber weniger erfolgreichen oder talentierten KollegInnen auftreten lässt?

Toni_Netzle_Michaela_May_Christian_Wolff_Christian_Bruhn_Naomi_Isaacs_Tatjana_Lukina_Mir_Ralph_Siegel_Nicht_immer_Simpl_Collage_jourfixe-muenchen_Gaby_dos_Santos_PresseClub-MuenchenDanach kehrte glücklicherweise Ruhe ein und während der Show herrschte „Emotion pur“. Man verging gemeinsam vor Rührung, verlor sich gemeinsam in nostalgischen Simpl-Reminiszenzen und lachte gemeinsam. Die Hohe Kunst der Toni Netzle, Menschen unterschiedlichster Couleur zusammen zu führen, kam hier wieder einmal zum Tragen und meiner Collage außerordentlich zugute. Ein Publikum das derart „mitgeht“, hat man selten zu Gast! Entsprechend endete die Vorstellung in einem sehr warmen Applaus, mit einer zu Tränen gerührten Toni; für beides bin ich aufrichtig dankbar. Ebenso für die halbe Stunde, die sich Ralf Gabriel, Geschäftsführer der Kultur-GmbH aus seiner übervollen Agenda schälte, um zumindest kurz seine Aufwartung zu machen, obwohl einen Tag später seine Münchner Stiftungswoche startete. Dankbar bin ich auch für das Angebot einer Cutterin, meine Collage in ihrer Firma für „mau“ in eine „Simpl“-DVD zu konvertieren, nach der zahlreiche Gäste nach der Vorstellung gefragt hatten.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogHanns_Seidel_Stiftung_Nicht_immer_Simpl_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe_Collage

Reprise der Collage „Nicht immer Simpl – Toni Netzle“, MI, 6. Mai, 18.30 Uhr, Hanns Seidel Stiftung, Lazarettstr. 33, Eintritt frei

Besonders erfreulich und eine schöne Bestätigung ist für Toni und mich, dass eine der anwesenden Gäste, die Moderatorin und Regisseurin Christine Weissbarth uns vom Fleck weg ein Anschluss-Engagement an die renommierte Hanns Seidel Stiftung verschafft hat, das sie selbst moderieren wird. Details in der Info-Broschüre:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Bilder2014/Toni_Netzle_2015_Simpl_Collage_Gaby_dos_Santos.pdf

Man sollte also wirklich nicht zulassen, dass Erschöpfung und Frust einem dauerhaft den Blick verhängen! In den über zwanzig Jahren, die ich nun als Kunst- und Kulturschaffende unterwegs bin, habe ich viel Schönes, Berührendes und Anregendes erleben dürfen, doch geprägt haben mich leider vor allem die unvermeidlichen Rückschläge und Härten des Metiers, obgleich mich ja niemand gezwungen hat, diesen Weg einzuschlagen, der mein(e) Beruf(ung) wurde.

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Toni Netzle fotografiert von Werner Bauer

Zurück zur Matinee:  Als ich bemerkte, dass sich ein junger Journalist im Türrahmen eingefunden hatte und fleißig Notizen machte, freute ich mich sehr. Ein weiterer „Toni“-Artikel stand in Aussicht und erschien dann auch pünktlich in der Wochenend-Ausgabe der AZ, gab aber nicht wirklich Anlass zu wilder Freude: „Gaudi ist ihr wichtiger als Geld“ lautete sinngemäß (da mir von Toni nur telefonisch wiedergegeben) der Eyecatcher im Titel. Tonis typisch trockener Kommentar: „Ich kenne nur einen Gaudí (Antoni) und der hat in Barcelona gebaut.“

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Keine „Gaudi“ in Toni Netzles Vokabular, nur Architekt Gaudí!

„Gaudi“ steht in Bayern für jene Art „kracherter“, schenkelklopfender Heiterkeit, der man in bei Fasching, Oktoberfest und mitunter auf weißblauen Volksbühnen begegnet, Anlässe, die Toni allesamt ein Gräuel sind, seit jeher. Vielleicht auch, weil diese Formen des Entertainments stets mit reichlich bayerischem Bier heruntergespült werden wollen. Doch Toni trinkt – ebenfalls seit jeher – leider nur Tee ..!

Auf bundesweite Bühnenebene übertragen, ist Gaudi eine baiuwarische Begleiterscheinung von Comedy, die Antithese zum Kabarett.

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Einleitende Bildprojektion zum Auftritt von Wolfgang Neuss im Alten Simpl

Einer der führenden Kabarettisten der 50er bis 70er Jahre war Wolfgang Neuss, ein ganz, ganz böser Bube des damaligen Politkabaretts, im allerbesten Sinne. Dass dieser Star tatsächlich im Alten Simpl aufgetreten ist, ist auf die Hingabe Tonis der Kunst gegenüber zurückführen, die bezeichnend für ihre Lebenseinstellung ist, und in der ich mich stark wiederfinde. Daher habe ich diese Episode in die Collage integriert. Da Ruhm vergänglich ist, habe ich der ersten Bildprojektion einen erläuternden Untertitel hinzugefügt, aus Rücksicht auf die Jüngeren im Publikum …

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Ausschnitt einer weiteren Bildprojektion zum Auftritt von Wolfang Neuss im Simpl, Foto Heinz Gebhardt

Hier ein Skript-Auszug, aus dem sich ableiten lässt, dass das Engagement von Neuss in den Simpl mit einem Bedürfnis nach „Gaudi“ so gar nichts zu tun hatte:

Ton-Einblendung Toni Netzle  (liest aus ihren Memoiren über einen Simpl-Abend mit Wolfgang Neuss): (…) Sein Programm war so frech, so böse, so wahr, dass einem der Atem stockte. Das war einer der Abende, in denen ich glücklich wie ein kleines Kind in einer Ecke saß, fast heulend vor Freude. So wollte ich meinen SIMPL immer haben. Das war die Erfüllung meiner Träume. An die materielle Seite dachte ich in solchen Momenten überhaupt nicht, denn ein finanzieller Erfolg war das natürlich nicht. Im Gegenteil, es hat mich wahnsinnig viel Geld gekostet, aber was macht das schon? Die ganze Stadt sprach über diesen Abend. Die Zeitungen waren voll, über einen Kabarettabend, den ich mir wirklich nicht habe leisten können. Gott sei Dank habe ich mir solche finanziellen Desaster öfter gegönnt. Es musste einfach sein. Da gab es keinen anderen Weg. Auch das gehörte zu meinem Leben.“

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Bei aller Einsicht darüber, dass Schlagzeilen Aufmerksamkeit erregen müssen, ein Titel wie „Gaudi wichtiger als Geld“ schmerzt, ganz besonders als Headline über ihrem Zeitungsportrait, denn er erzeugt eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was die Persönlichkeit von Toni ausmachte und ausmacht.

Toni Netzle ist eine Grande Dame der Münchner Künstlerszene, die die Kunst beherrscht, hörbar und direkt dennoch ganz leise Töne anzuschlagen. Obgleich sie aus einer der großen alten Münchner Familien stammt, steht sie für Antoni Gaudí und so gar nicht für bayerische Gaudi – vielleicht auch gerade deshalb …

Was meinen Oster-Blues anbelangt: Offensichtlich stimmt bei mir die Balance zwischen Arbeitsaufwand und künstlerischer wie finanzieller Genugtuung nicht mehr wirklich. Gerade tüftle ich für meine nächsten Jahre, nach Beendigung der noch fest anliegenden Projekte, neue Spielwiesen aus, mit mehr Auslauf für die narzisstische Komponente meiner Persönlichkeit und mit weniger Möglichkeiten mir die positiven Sichtweisen zu verstellen. Ja, es wird langsam aber sicher Zeit für ganz neue Herausforderungen!

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Zum Verzeichnis aller Blogs, unter denen der vorherige detailliert auf Toni Netzle, den Alten Simpl und die Simpl-Collage eingeht, findet sich unter nachstehendem Link:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Alle Fotos der Veranstaltung stammen von Johannes Schwepfinger/Vorstandsmitglied im PresseClub München,

ein Portrait-Foto von Toni Netzle stammt von Werner Bauer (s. Untertitel)

bei den anderen Abbildungen handelt es sich um eigene Bildcollagen.

 

Standard

Gedanken zum geDENKEN … Bilder des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am 31.7. in St. Johann-Baptist

Seit Ende Juli ist die Gedenkzeit definitiv über uns herein gebrochen und hat dem Komponisten Jon Michael Winkler und mir u. a. den Auftrag zu einer jourfixe-Collage eingebracht – und ja, wie die Bilder und das Feedback zeigen, war es ein berührender ökumenischer Gottesdienst. Für mich jedoch mit einem dicken fetten „ABER“ verbunden …

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Bild-Montage aus der jourfixe-Collage „100 Jahre nach Kriegsausbruch“

Wo stehen wir denn eigentlich geistig und moralisch 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie weit klopfen wir heutzutage Meldungen auf mögliche propagandistische Inhalte ab? Wie weit hinterfragen wir politische Handlungen bzgl. möglicher verborgener Interessen? Wie weit sind unsere eigenen politischen Stellungnahmen noch tolerant, gemäßigt in der Diktion und zuverlässig recherchiert? Oder neigen wir wieder einmal zum propagandistisch gesteuerten Blick durch Zeitgeist-Brillen, wie vor 100 Jahren?

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Noch während ich an meiner Collage zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, zog draußen auf der Rosenheimer Straße ein Pulk Demonstranten vorbei und skandierte „Wir werden siegen“. In diesem Falle gegen Israel. Ohne in irgendeiner Form parteiisch sein zu wollen – mir geht ebenso das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung sehr, sehr nahe – erinnerten mich  diese Rufe auf bedrückende Weise mit der Siegeszuversicht von 1914. „Wir werden siegen! Das ist bei solch kraftvollen Willen zum Sieg gar nicht anders möglich.“ schreibt ein deutscher Soldat im August 1914 an seine Familie. Im September 1914 ist er tot.

„Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Russ!“ wurde damals als Losung verbreitet. Und vieles mehr, denn dem eigentlichen Krieg mit seinen tatsächlichen tödlichen Wunden eilte ein propagandistischer Kampf voraus, gesteuert von den Interessen und/oder Ängsten einiger weniger Männer.

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Weiteres Bild aus der Collage von Gaby dos Santos und Jon M. Winkler (Musik) zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs

In seinem Buch „Europa 1914“ äußert der Publizist Emil Ludwig rückblickend: „Europa Anfang August 1914. Lüge und Leichtsinn, Leidenschaft und Furcht von 30 Diplomaten, Fürsten und Generälen werden friedliche Millionen vier Jahre lang in Mörder, Räuber und Brandstifter aus Staatsräson verwandelt werden, um am Ende den Erdteil verroht, verseucht, verarmt zurückzulassen.“

Und heutzutage? Hocken wir nicht wieder auf einem Pulverfass? Vielleicht, weil der letzte Krieg schon zu lange zurück liegt, um die heutige Generation in dem Ausmaß abzuschrecken, wie unsere Eltern und Großeltern? Kommt ein neuer Kalter oder gar Heißer Krieg auf uns zu? Weil EU und NATO Russland – übrigens entgegen der Absprachen in Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung – immer mehr „auf den Pelz rücken“? Ich bin gewiss kein Fan von selbstherrlich regierenden Alpha-Männchen, egal welcher Couleur oder Nationalität. Dass sich aber gerade die USA so scheinheilig empört, weil Putin sich durch die Krim strategisch gegen eine mögliche Nato-Ausbreitung in der Ukraine abgesichert hat, leuchtet mir  ein. Und egal wie ich emotional zu diesem Schritt stehe, die USA, die sich seit jeher mit allen legalen und durchaus auch grenzwertigen bis illegalen Mitteln ihren Einfluss-Bereich weltweit vergrößert und gefestigt hat, sollte von ihren verbalen Provokationen Abstand nehmen. Allen voran Mr. Yes-We-Can-Lichtgestalt und Friedensnobelpreis-Träger! Zumal die Art der Diktion für einen Frieden sichernden Dialog alles andere als hilfreich ist. Deeskalation sieht anders aus, ein ziviler weltpolitischer Umgang auch!

Collage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden

Bildcollage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden (Quelle: jourfixe-Collage zum 31.7.2014)

Und Putin – ohne schlüssige Beweise – für den Absturz der malaysischen Passagiermaschine persönlich verantwortlich zu machen, ist anti-russische Propaganda auf niedrigstem Niveau. Wie kommt eine für den unverzichtbaren investigativen Journalismus einst so gelobte Zeitung wie der „Spiegel“ zu einem Titelblatt, wie dem von dieser Woche, welches die Bilder toter Passagiere direkt mit Putin in Verbindung bringt, noch dazu bevor die Untersuchungen überhaupt abgeschlossen sind? Erinnert mich sehr an Saddam Husseins angebliche Giftwaffen, Grund für einen Krieg, der die ganze Gegend destabilisiert hat und an dessen Spätfolgen (z.B. ISIS) die Welt noch heute zu leiden hat. Und doch scheint mir die EU auf bedauernswerte Weise wieder am Rockzipfel der USA zu hängen, und ich frage mich, wieso eigentlich in diesem Ausmaß?

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der jourfixe-Produktion zum 31.7.)

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der Produktion zum 31.7.)

Und welchen Sinn hat dieses ganze Hin und Her der Sanktionen? Sie treffen die Bevölkerung und nicht die Machthabenden bei deren Muskelspielchen.  Außerdem bin ich darüber entsetzt, wie Joachim Gauck, ehemals mein Wunschpräsident, als Präsident eines Volkes mit unserer Vergangenheit UND seiner als ehemaliger Pfarrer, sich für eine weitreichendere militärische Beteiligung Deutschlands im internationalen Kräftemessen aussprechen kann. Natürlich geht es manchmal darum, sich und Schwächere zu schützen. „Feindesliebe“ allein löst daher leider bei weitem (noch) nicht alle Probleme der Menschheit, Gaucks Reden jedoch sprengen für meinen Geschmack allzu oft die Grenzen der Verhältnismäßigkeit im Sinne einer Erweiterung der Rolle Deutschlands im globalen Machtpoker. Dabei hatte Deutschland nach dem Krieg die einzigartige Chance einer ausschließlich defensiven Rolle. Ob sich diese wirklich auf Dauer hätte halten lassen, weiß ich nicht. Aber dass sie zu leichtfertig Schröders und Fischers Alpha-Denken geopfert wurde, steht für mich fest. Die Büchse der Pandora steht nun auch für unser Volk weit offen.

009Christus

Die zerstörte Christus-Figur von Neuve-Chapelle wacht heute über einem Grabmal des unbekannten Soldaten in Portugal

„Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat keine Macht über den Tag des Todes, und keiner bleibt verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen nicht. (Prediger 8,8)

So nachzulesen bereits in der Bibel und so geschehen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. 1914 stellte Österreich Serbien ein in weiten Teilen unakzeptables Ultimatum, um durch einen Krieg den Erhalt der K&K-Monarchie zu sichern. Wilhelm II., politisch ansonsten isoliert und von Großmachtsträumen beflügelt, stellte sich Österreich zur Seite, in einem Krieg, der nicht nur Millionen Menschen das Leben kosten sollte, sondern auch das Ende von drei Kaisereichen bedeutete.

„… Keiner bleibt verschont im Krieg“, zum bitteren Ende hin nicht einmal mehr die Mächtigen, wenn es auch zunächst das (Fuß)Volk ist, welches geopfert wird.

011Grab5

In meiner Weltkriegs-Collage äußere ich an einer Stelle: „Heute ehren wir die Toten, die wir gestern opferten!“ Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir keine Grundsteine für neue Gedenkstätten legen! Bitte lasst uns Nachrichten hinterfragen, Facebook-Äußerungen überdenken … Und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass es hier nicht um Entschlüsse auf Papier und verbale Auseinandersetzungen geht, sondern um Mitmenschen – seit dem 20. Jahrhundert. weltweit.

Hier in unserem bunten München bin ich seit Jahren durch Zusammenarbeit wie auch Freundschaften mit ukrainischen MitbürgerInnen wie mit russischen verbunden, mit MitbürgerInnen jüdischen wie moslemischen Glaubens, mit Bundeswehr-Angehörigen wie mit kompromisslosen Pazifisten, stehe mit einer Vielzahl von Konsulaten und internationalen Kulturinitiativen in bestem Einvernehmen. Ich empfinde mich als ihnen allen verbunden, wohl wissend, dass es für viele Konflikte so leicht keine salomonischen Lösungen wird geben können und es sich leicht (ver)urteilt aus der Perspektive Außenstehender. Viele Konflikte jedoch sind durch eine lange Historie und tiefe Emotionen beschwert. Hier braucht es Dialoge, nicht Hetzschriften und Parolen, auf der großen Weltbühne ebenso, wie unter uns BürgerInnen; Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen, gepaart mit gesunder Vorsicht gegenüber den Interessen derer, die man hierzulande  „Großkopfert“ nennt, Bei uns herrscht zwar Meinungsfreiheit, damit aber auch Propaganda-Freiheit …

Abschließend der Ausschnitt eines Postings von Konstantin Wecker: „Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Medien es geradezu darauf anlegen, die Situation weiter eskalieren zu lassen? Mit immer wieder auch gerne unbewiesenen Behauptungen und peinlich einseitiger Propaganda?
Wissen diese JournalistInnen eigentlich was sie tun?
WIR WOLLEN KEINEN KRIEG !
Und die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!
Nur zur Erinnerung:
„Nach Kriegsende sollte man die Kriegsliteraten einfangen und von den Kriegsinvaliden auspeitschen lassen“, schrieb Karl Kraus.
Man sollte dies den Kriegsliteraten täglich vor Augen halten.“
(Konstantin Wecker)

In der Regel sollen in meinen Beiträgen positive Aspekte im Vordergrund stehen und so will ich diesen Blog wenigstens positiv mit einigen Bildeindrücken aus dem Ökumenischen Gedenkgottesdienst ausklingen lassen.

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes - Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist - Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes – Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist – Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Quelle: MIR)

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten (Quelle: MIR)

Während des Gottesdienstes wurden Namen und Biografien gefallender Soldaten in den Landessprachen verlesen. Von links:
Toni Netzle (München-Haidhausen), Dimitra (Griechenland), Anne Marie de Jonghe (Flandern), Conny Prössl, Isabelle Gregorian (Frankreich) Tatjana Lukina (Russland), Vida Cvetic (Serbien)

Diese Momentaufnahmen wurden netterweise von Tatjana Lukina. der Leiterin des russischen Kulturzentrums MIR in München, zur Verfügung gestellt:

http://www.mir-ev.de/

Da ich durch diese Produktion in der letzten Zeit sehr eingespannt war, warten noch einige spannende Blog-Beiträge auf Sie. Ein Blick ab und an auf diese Seite lohnt also wieder 😉


http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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