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„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link
(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs – Portrait zum 85. Geburtstag von Marcus Woelfle

Man glaubt es kaum, wenn man ihn in seiner wesentlich jüngeren Ausstrahlung auf der Bühne erlebt, aber am 14. Oktober 2016 feiert Dusko Goykovich seinen 85.Geburtstag. Er ist nicht nur einer der international erfolgreichsten Musiker seiner Wahlheimat München, er ist auch einer der vielseitigsten und hat längst einen festen Platz in der Jazzgeschichte. Zum einen ist er ein bedeutender Pionier in der Verbindung von Jazz mit balkanischen Musikelementen und damit ein Vorreiter der Emanzipation des europäischen Jazz. Zum anderen verlief ein wichtiger Teil seiner Laufbahn in Amerika bzw. an der Seite von Amerikanern wie Woody Herman oder Kenny Clarke. Geprägt wurde er auch vor allem von amerikanischen Trompetern und kaum einer kann so authentisch amerikanisch klingen wie er.

Der Zwiespalt zwischen dezidiert europäischem Jazz und amerikanischer Tradition, wie wir ihn in der letzten Zeit so oft erleben, in Duskos Musik ist er überwunden. Für mich ist Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs, denn es gibt mindestens fünf Sparten mit dem Anfangsbuchstaben B, die er bestens beherrscht.

Zunächst einmal ist er berühmt für seelenvolle Balladen, die ihn zu einem Geistesverwandten von Miles Davis machen.

Das zweite B steht für Bebop, denn er ist ein Trompeter, der mit Feuer und Finesse in der Tradition von Dizzy Gillespie, Clifford Brown und Lee Morgan spielt.

Das dritte B steht für Bigband, denn er hat Zeit seines Lebens immer wieder bedeutende Bigbands bereichert oder geleitet.

Als viertes B ist das balkanische Element zu nennen.

Das fünfte B wurde vor allem in den letzten Jahren (etwa seit „Samba do Mar“, 2003) immer offenbarer. Er schwimmt in der brasilianischen Bossa wie ein Fisch im Wasser.

Wer will, kann als sechstes B den Blues hinzufügen; man assoziiert es nicht gleich mit ihm, aber Meilensteine wie „Woody’s Whistle“ (von Dusko 1965 für Woody Herman geschrieben, mit Duskos langjährigen Tenor-Weggefährten Sal Nistico als Solisten), gehören zu den zündenden Blues-Klassikern der Jazzgeschichte.

Seit man ihn nicht mehr einfach als jugoslawischen Trompeter bezeichnen kann, gilt er als Serbe. Es ist ein bisschen verzwickter. Dusko Goykovich erblickte 1931 im bosnischen Jajce das Licht der Welt. Über seine Herkunft hat er einmal erklärt: „Ich bin in Belgrad aufgewachsen, mein Vater war Montenegriner, meine Mutter stammte aus Serbien. Vor diesem Krieg haben wir in Kroatien ein Haus gebaut. Jetzt wurden dort alle Serben rausgehauen, und wir können nicht mehr hinfahren. Es hat nichts genützt, daß ich mit Politik nichts zu tun habe. Für die bin ich Serbe.“

Zu Beginn seiner Laufbahn standen die politischen Zeichen für Jazz ungünstig. Jazz spielen oder auch nur zu hören, war vor der Öffnung Jugoslawiens zum Westen verboten. Er tat es trotzdem und als es erlaubt war, glänzte er mit 19 schon als Mitglied der Bigband von Radio Belgrad. Mit nur sieben Dollar in der Tasche und seiner Trompete unter dem Arm setzte sich Dusko Goykovich 1956 nach Deutschland ab, lebte buchstäblich eine Zeitlang im Frankfurter Jazzkeller und wurde bei uns zu einer Sensation. Das Mitglied der Frankfurt-All Stars und der Orchester von Max Greger und Kurt Edelhagen lernte in kurzer Zeit nicht nur die deutsche Jazz-Elite kennen, sondern jammte auch mit amerikanischen Gästen wie Dizzy Gillespie oder Miles Davis, zwei seiner wichtigsten Vorbildern.

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn, Quelle

1958 kam er als Mitglied der Newport-Youth Band um die Welt und erstmals nach Amerika. Mit diesem Jugendorchester hatte er sogar die Gelegenheit Louis Armstrong und Sidney Bechet zu begleiten. Zurück in Deutschland, um wertvolle Erfahrungen reicher, konnte man ihn mit führenden amerikanischen Musikern wie z. B. Oscar Pettiford hören, dem Bassisten der frühen Jazzmoderne schlechthin, aber auch mit Legenden des Deutschen Jazz wie Albert Mangelsdorff und Inge Brandenburg – meist Rundfunkmitschnitte, die erst Jahrzehnte später veröffentlicht werden. Er gehörte also schon zu den, wie man neudeutsch sagt, „angesagten“ Musikern, als er 1961 in die Staaten zog, um – man staune – noch zwei Jahre in Berklee Jazz zu studieren. Dieses Studium nahm er so ernst, daß er selbst Angebote von Count Basie, Stan Kenton und Benny Goodman ausschlug. Danach aber bereicherte er die Orchester von Herb Pomeroy, Maynard Ferguson und Woody Herman. Trotz Anerkennung in den Staaten zog es Dusko Goykovich nach Europa zurück.

Seit 1968 lebt er in München, dessen Jazz-Szene unendlich viel seinen Impulsen verdankt. Bereits seine erste Platte, die er frisch aus Amerika zurück, 1966 einspielte, unter anderem mit Mal Waldron am Klavier war ein Bekenntnis zu seinen Roots: „Swinging Macedonia“. Da gelang ihm die große Synthese, als er südosteuropäischen Geist in Jazz-Form goß. Auf seinem Album “Simple As It Is”, das 1970 im legendären Münchner Jazzclub Domicile eingespielt wurde, sagt er zu seinen Stücken, „sie kommen daher, woher ich komme, aus Serbien, aus Mazedonien. In der Form, in der Behandlung sind sie Jazz, verwenden dessen Techniken.“

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Berühmt ist der große Lyriker der Trompete für sein Balladenspiel. Dazu meint er: „Das Balladenspiel ist nicht so einfach. Es hat sehr lange gedauert, bis ich das herausgefunden habe. Die ganzen Elemente: wie man bläst, wie weit man vom Mikrophon weg sein muß, welchen Sound man will und wie man das mit dem Hintergrund vereinigt, mit der Begleitung. Dafür braucht man große Konzentration. Man darf nicht nur Noten spielen, sondern muß wissen, in welchem Moment welche Note wie klingen soll. Wenn ich Balladen spiele, dann schwitze ich unheimlich, weil ich da jeden Ton überlegen muss. Bei schnellen Stücken, bei Bebop hat man keine Zeit, jede Note zu überlegen, aber bei langsamen Stücken, da zeigt sich, wie gut du bist.“

Man sollte Dusko – um es dem Anlass entsprechend mit Geburtstagsthemen zu demonstrieren, nicht nur in Standards wie „A Child Is Born“ hören (das er vorbildlich 1971 im Trio mit Tete Montoliu aufgenomen hat), sondern auch mit eigenen Balladen, unter denen sich poetischen Kleinode finden wie „In The Sign Of Libra“, mit dem der im Sternzeichen Waage Geborene sich selbst portraitiert hat. Obwohl die überwiegende Zahl seiner Alben, darunter so bekannte wie “Samba Do Mar” oder „Soul Connection“ (mit dem er 1993 bewegend von Miles Davis Abschied nahm), Combo-Aufnahmen sind, hat sich Dusko Goykovich im Laufe seiner Jahre immer auch der Bigbandmusik gewidmet, zunächst als Sideman, dann als Bandleader, Komponist und Arrangeur. So war er nach seinen Erfahrungen bei Ferguson und Herman ab 1966 Solist der Kenny Clarke – Francy Boland Big Band, des wichtigsten Orchesters, den der Jazz damals in Europa hatte, mit seiner Mischung aus amerikanischen Jazzgrößen und Musikern aus allen Ecken Europas genau der richtige Platz für Goykovich.

In den zahlreichen großorchestralen Klangkörpern, die seither mit seinem eigenen Namen verbunden sind, z.B. einer All Star Big Band, mit der er 2004 „A Handful Of Soul“ vorlegte oder der Bigband RTS, mit der er 2014 „Latin Haze“ aufnahm, springt der Funken seines Enthusiasmus auf eine wißbegierige Schar jüngerer Musiker über, die von seinen Erfahrungen profitieren. 1971 gründete er die „Munich Big Band“, 1987 bis 1993 leitete er das Landesjugend-Jazzorchester Bayern. Als „Eckpfeiler internationalen Bigband-Geschehens“ hat Thomas Fitterling einmal Dusko Goykovich zu Recht genannt.

Danach begann etwas, was man als Comeback bezeichnet hat. Zwei im Grunde gegenteilige Zeit-Tendenzen haben seither das an seiner Musik gefördert. Einerseits eine allgemeine Akzeptanz und Beliebtheit von Jazz mit nichtamerikanischen folkloristischen Wurzeln. Andererseits eine Strömung zu Gunsten der Tradition der klassischen Moderne im Jazz. Trompeter wie Miles Davis, Clifford Brown, Chet Baker, Dizzy Gillespie sind Kultfiguren der Jazzhörer und wenn jemand auf eigenständige Weise ihre Tradition fortführt, ja sogar (fast) noch zu ihrer Generation gehört, dann ist es Dusko Goykovich. Nun, Comeback ist das falsche Wort. Goykovich war, abgesehen von einer längeren, schweren Krankheit, nie weg von der Szene. Seit er aber in den 90er Jahren angefangen hat, für das Münchner Plattenlabel Enja regelmäßig, etwa alle zwei Jahre Alben zu veröffentlichen, wurde er international wieder sichtbarer. Oder sagen wir lieber allgegenwärtig. Nehmen wir das Album „5ive Horns & Rhythm“ von 2010 (Anspieltipp die „Samba Tzigane“ mit ihrer Verbindung zwischen Gipsy-Melodik und brasilianischer Rhythmik, wie sie natürlicher nicht sein kann). Acht Musiker aus ebenso vielen Ländern, nämlich Australien, Bosnien, Deutschland, Frankreich, Italien, Mazendoien, Serbien und den USA trugen zu Duskos Album bei und man kann ohne Übertreibung sagen, dass er selbst zur Szene fast all dieser Länder gezählt werden kann.

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich, rund 70 Jahre personifizierte Jazzhistorie ist regelmäßig live zu erleben, aber auch in der radioJazznacht vom 15. Auf den 16. Oktober 2016, auf Bayern 2, wo er dem Verfasser dieser Zeilen Rede und Antwort steht.

Samstag
15. auf SO, 16.10.
00.05 – 02.00 Uhr
radioJazznacht mit Marcus Woelfle


Studiogast:
  Dusko Goykovich   zum 85. Geburtstag

Bayern 2 Radio

Details zur radioJazznacht

 

Autor dieses Portraits ist „Jazzman“ Marcus A. Woelfle, der für den jourfixe-Blog die Jazzbeiträge schreibt, zuletzt ein Portrait des Jazz-Fotografen Sepp Werkmeister

Website von Dusko Goykovich

Quelle Titel-Foto


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