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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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ELLA FITZGERALD – Von der Obdachlosen zur Millionärin – Zum 100. Geburtstag der „First Lady of Swing“ ein Portrait von Marcus A. Woelfle

„Eines Abends machte ich einen Bummel durch Harlem und geriet zufällig in den Savoy Ballroom“, so erinnerte sich Mary Lou Williams, in den 30er Jahren die First Lady des Jazz. “Als ich ein paar Runden getanzt hatte, hörte ich plötzlich eine Stimme, die mir kalte Schauer über den Rücken jagte. Ich hatte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Ich rannte fast zum Podium, um rauszukriegen, wem diese Stimme gehört – und entdeckte ein reizend aussehendes dunkelhäutiges Mädchen, das ganz bescheiden dastand und das Allerletzte sang. Man sagte mir, ihr Name sei Ella Fitzgerald und Chick Webb habe sie bei einem Amateurwettbewerb im Apollo entdeckt. Ella hat Chick nie vergessen, dass er ihr eine Chance gegeben hat, als die anderen ihr die kalte Schulter zeigten – jene anderen, die sie dann später, als der Erfolg kam, haben wollten.

Chick Webb

Die Chance, bei Webb zu singen, erhielt das 17jährige Waisenmädchen, das ursprünglich Tänzerin werden wollte, 1935, doch auch der begnadete Schlagzeuger hatte zunächst seine Zweifel. Was sollte dieser Teenager, der wesentlich jünger aussah, mit der fast noch kindlichen Stimme singen? Die üblichen Liebeslieder würde man ihr wohl doch nicht abnehmen! Eher aus Verlegenheit fand der erfahrene Bandleader die Erfolgsformel für die bereits 1937 laut Umfrage beliebteste Sängerin: Er sammelte für Ella ein Repertoire lustiger Songs, die oft wie ihr erster großer Hit „A-Tisket, A-Tasket“ im Gewand swingender Kinderlieder daherkamen oder zumindest zu ihrer unschuldig und rein klingenden Stimme passten.

Das Image des witzigen und zugleich bescheidenen Mädchens hat Ella Fitzgerald nie abgelegt. Noch im Alter bekannte sich die „First Lady Of Swing“ zum Lampenfieber und gab ihrem Publikum darum alles. wie in jenen Anfangstagen, als ihr Stil, heute zeitloser Inbegriff des Jazzgesanges, noch eine Novität war. Das war nicht der majestätische Blues einer Bessie Smith oder die zarte Melancholie einer Mildred Bailey, sondern zunächst einmal scheinbar naiv überschäumende Lebensfreude, gepaart mit untrüglichem rhythmischen Gespür und einer angenehm natürlichen Stimme. Als 1939 Chick Webb dreißigjährig starb, übernahm Ella Fitzgerald die Leitung seines Orchesters für die nächsten drei Jahre, eine Leistung, welche ihre Kräfte sicher überforderte. Als sie aufgab, konnte sie sich gänzlich ihrer Karriere als Sängerin widmen. Intonationssicherheit und Klarheit ihrer warmen Stimme konnte sie in den folgenden Jahren noch enorm steigern. Ihre Plattenfirma Decca, an die sie für einen Hungerlohn vertraglich für 20 Jahre (!) gebunden war, präsentierte sie mehr als Song-Interpretin, denn als Jazzsängerin im engeren Sinne – und das wurde die Basis ihrer enormen Popularität beim allgemeinen Publikum der amerikanischen Unterhaltungsmusik.

Zu Beginn der Bebop-Ära wurde Ella von Dizzy Gillespie [rechts im Bild] in die Geheimnisse des Bop-Gesangs eingeführt. Dabei half ihr der Bassist Ray Brown, mit dem sie einige Jahre verheiratet war. Singen war für sie Ausdruck reiner Freude. Lieder, die von negativen Gefühlen, den Schattenseiten des Lebens und den Qualen unerfüllter Liebe erzählten, also jenes Repertoire das die Domäne Billie Holidays war, lagen ihr weniger. Solche Songs sang sie mit zurückhaltendem Ausdruck. Es dauerte auch lange bis sie mit Blues auf Du und Du war. Daher entwickelte sie in den 40er Jahren den Scat-Gesang zur ihr gemäßen Ausdrucksform. Hier ging es um das rein Spielerisch-Musikalische. Ungebunden von einem verständlichen Text konnte sie da wie ein Instrumentalist improvisieren. So wurde sie zur Ahnherrin aller großen Scatterinnen, von Sarah Vaughan bis Betty Carter.

Von 1948 an war ihr Geschick untrennbar mit Norman Granz verbunden, der sie mit „Jazz At The Philharmonic“ auf Tourneen schickte und im Laufe der Jahrzehnte auf seinen diversen Labels (darunter Verve und Pablo) verewigte.

[Ella in einer für Norman Granz typischen Jam Session mit den Großen ihrer Zeit: Ella Fitzgerald – scat vocals; Lester Young „Prez“ – tenor sax; Harry Edison „Sweets“ – trumpet; Flip Phillips – tenor sax; Bill Harris – trombone; Hank Jones – piano; Ray Brown – bass; Buddy Rich – drums; Musik und Film wurden getrennt aufgenommen, doch mindert das die Freude nicht …]

Mit den Tourneen, die ihr Manager Norman Granz organisierte, wurde Ella Fitzgerald in den 50er Jahren, von Stockholm bis Tokyo, zum Liebling eines Publikums, das sich nie satt hören konnte an ihren Paradenummern, darunter „How High The Moon“, darunter „I Can’t Give You Anything But Love“, mit den Parodien von Satchmo und der bereits von Marilyn Monroe imitierten Rose Murphy.

Ab 1956 konnte Granz Ella Fitzgerald auch für seine Plattenfirmen (anfangs Verve, später Pablo) unter Vertrag nehmen und ein ambitioniertes Projekt verwirklichen, das Maßstäbe setzen sollte: die bislang unerreichte Reihe der „Great American Songbooks“ von Gershwin, Porter & Co. In diesem Genre trat die „First Lady Of Song“ als interpretierende Persönlichkeit ganz zurück. Durch diese noble Zurückhaltung entstanden Interpretationen von beeindruckender Objektivität. Kongeniale Partner standen ihr von nun an immer zur Verfügung: Ellington bzw. Basie als großorchestrale „Begleiter“, Louis Armstrong für Duette oder der Gitarrist Joe Pass für intime Dialoge.

1957 meinte Ella Fitzgerald, auf ihre Karriere zurückblickend: „Immer wenn ich depressiv werde, denke ich, wie glücklich ich eigentlich bin, dass mir Gott etwas gab, um die Leute glücklich zu machen.“

Ellas Radius, Einfluss und Popularität gingen natürlich, wie bei Ihrem Vorbild Louis Armstrong, weit über den Jazz hinaus. Sie ist eine Genre-übergreifende Erscheinung und als solche ein Rollenmodell in vielen Sparten. Ihre Platten hatten bis Mitte der 50er Jahre sogar überwiegend kommerziellen Charakter und bis in die 70er Jahre oft noch. Das lag zwar weitgehend an den Wünschen der Plattenfirmen, für die sie alle erdenkliche Arten von Schlagerchen und anderen musikalischen Eintagsfliegen aufnahm und teilweise zu Hits machte. Auch da geschah immer wieder ein kleines Wunder – Ella war sich nicht zu schade. In ihrem Wunsch, beim Singen Spaß zu haben und den Menschen damit etwas zu geben, trat sie hinter die Schmonzette zurück und bot sie überzeugend dar. Ja, auch das ist eine Kunst! Das unterscheidet sie von einigen „reinen“ Jazzsängerinnen, denen man geradezu Stirnrunzeln anhören kann, wenn sie Kitsch singen müssen.

Die optimistische Heiterkeit in Ella Fitzgeralds Musik ist keine Folge von Naivität, was selbst Autoren glauben, die es besser wissen müssten. Sie ist auch nicht der Ausdruck der Zufriedenheit eines vom Rampenlicht verwöhnten Menschen. Ella Fitzgerald hat bittere Kelche geleert, sie hat allerdings ihre Verwundungen nicht als Musik verpackt weitergereicht, ja sich auch sonst nicht darüber ausgelassen. Sie hat sich auf das Schönste in ihrem Leben konzentriert: den Gesang.

Ella um 1940

Sie habe „a very interesting young life“ gehabt, bekannte Ella einmal, ohne je alles zu verraten. Viele Ereignisse aus ihrer Kindheit liegen im Dunklen, über viele kursieren widersprüchliche Aussagen. Schon zu Beginn ihrer Laufbahn bei Chick Webb wurden romanhaft verklärende Geschichten in Umlauf gebracht, die das ganze Ausmaß an Desastern in ihrem bisherigen Leben verschleiern sollten, z. B. das heute noch zu lesende Märchen von der Adoption durch Chick Webb. Er hat sie auch nicht wirklich entdeckt. Als sie Webb erstmals vorgestellt wurde, sah sie so unattraktiv, abgerissen und verwahrlost aus, dass er zunächst nicht daran dachte, sie auch nur anzuhören.

Bis zu ihrem Auftritt bei einem Talentwettbewerb im Harlemer Apollo Theatre 1934, aber auch noch einige Zeit danach, muss das Leben für sie ein harter Kampf gewesen sein. Sie wuchs unter sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Am 25. April 1917 in Newport News im Staate Virginia geboren, kannte sie ihren Vater nur als Kleinkind. Als ihre Mutter 1932 starb, lebte das Mädchen beim Stiefvater. Sie wurde von ihm „schlecht behandelt“. Ihr Biograph Stuart Nicholson erwägt die Möglichkeit eines Kindesmissbrauchs, denn bald darauf lebten nicht nur sie, sondern auch ihre Halbschwester eine Zeit lang bei einer Tante. Sie trug früh zur Ernährung der Familie bei und schlug sich als Heranwachsende, die vorzeitig aus Geldgründen den Schulbesuch abbrach, mit allen erdenklichen Jobs durch. Darunter waren schon für Fünfzehnjährige so bedenkliche Tätigkeiten wie der Verkauf verbotener Lotterielose und das Schmierestehen für Prostituierte vor einem Bordell.

1934 entfloh Ella Fitzgerald einem Heim, dessen Härte sie nicht ertrug. Bis zu ihrer Entdeckung musste sie zusehen, wo sie unterkam. Der Waisen fehlten elterliche Zuwendung und ein echtes Zuhause. Wichtige Bezugspersonen waren in den frühen Jahren selbst Kinder, ihre Halbschwester und ihre Cousine, die in späteren Jahren auf Tourneen ihre rechte Hand war und ihr so ein Stück Geborgenheit vermittelte. Als das Mädchen 1935 zu Webb kam, war sie längere Zeit (mit weiß Gott welchen Erfahrungen) obdachlos gewesen und lernte erst als Bandmitglied wieder den Gebrauch von Wasser und Seife.

Es erstaunt nicht, dass sie später so fleißig war und so eifrig tourte. Das Arbeiten und das ständige unterwegs sein hatte sie früh gelernt, diese Unbehauste, die in ihrer Kindheit und Jugend keine Sicherheit kannte. Ebenso ist verständlich, dass sie sich später in Bezug auf ihr Privatleben bedeckt hielt, obwohl die psychischen Folgen ihrer Jugend zum Tragen kamen, darunter eine gewisse Bindungsunfähigkeit und einseitige Konzentration auf die Musikkarriere. Es heißt, sie habe Probleme mit Männern gehabt. Dennoch versuchte sie, die ihre Familie verloren hatte und wegen einer schon mit 19 oder 20 vorgenommenen Abtreibung keine Kinder bekommen konnte, eine Familie zu gründen und adoptierte mit Ray Brown in zweiter Ehe das Kind ihrer Halbschwester, Ray Jr. Trotz des Kindes, das freilich gut versorgt wurde, tourte sie fast das ganze Jahr. Dieses permanente, geschäftige Reisen war vielleicht auch eine Art Flucht vor der aufreibenden Begegnung mit den Wunden der Kindheit.

Unter dem Vorzeichen ihrer ersten Erfahrungen erscheint ihre Laufbahn von der Obdachlosen zur Multimillionärin wie ein kleines Wunder: Wie schafft es ein armes schwarzes Waisenkind, das nicht dem herrschenden Schönheitsidealen entsprach, zum Weltstar zu werden, und dies in einer Zeit, die nicht nur vom Rassismus geprägt war, sondern in der es für Sängerinnen wichtig war, ein Sexsymbol zu sein? Zunächst einmal durch ihr Credo: „Nicht woher du kommst, zählt, sondern wohin du gehst.“

War auch die Armut von Geburt an für lange Zeit Begleiterin in ihrem Leben gewesen, war das beim Rassismus interessanterweise nicht der Fall. Ihr Vorbild Louis Armstrong etwa war in einem Umfeld aufgewachsen, wo sonntags Jagd auf Schwarze gemacht wurde, in einer Zeit als Leute aus Hunger Erde aßen. Ganz andere Erfahrungen machte Ella im aufblühenden New York, das vergleichsweise viele Möglichkeiten bot und viele Hoffnungen weckte. Sie wohnte in der Arbeitervorstadt Yonkers, wo viele Zuwanderer, allen voran Italiener lebten, die ebenso arm waren wie die Schwarzen. Rassenzugehörigkeit spielte in ihrem Umfeld keine Rolle. Laut einer Version starb ihre Mutter bei der Rettung eines italienischen Jungen. Ihr Stiefvater war Portugiese.

In Yonkers hatte jeder Platz für seine Träume und man glaubte, sie verwirklichen zu können. So wollte Ella Fitzgerald schon als Kind berühmt werden. Der Kontakt unter den Menschen unterschiedlicher Hautfarbe war sehr gut. Kein Wunder, dass neben Satchmo und den Mills Brothers auch weiße Einflüsse prägend für Ella waren, darunter Bing Crosby und allen voran Connee Boswell, eine Sängerin, die sich wiederum von schwarzem Gesang inspirieren ließ. So erklärt sich auch, dass typische schwarze Musikformen wie Blues, den sie vor allem von Mamie-Smith-Platten kannte, sie zunächst einmal nur am Rande prägten. Sie war übrigens schon 11, als sie erstmals „Nigger“ genannt wurde, von einem Jungen, der bezeichnenderweise neu in der Schule war. Sie konterte resolut, indem sie ihn umstieß.

Wie so viele große Jazzsängerinnen sang die kleine Ella in der Kirche, doch dem Tanz galt die größere Leidenschaft. Mit Freunden veranstalte sie auf der Straße Tanzvorführungen und – Wettbewerbe. Als 1934 beim Talentwettbewerb im Apollo so viele hervorragende Tänzer antraten, sang Ella kurzentschlossen „Judy“ und „The Object Of My Affection“ im Stile Connee Boswells. Bei diesem Wettbewerb wurde sie begleitet von Benny Carters Orchester.

Den Wettbewerb im Apollo gewann Ella, doch der in Aussicht gestellte Preis, ein Engagement, wurde ihr wegen ihrer verwilderten Erscheinung verweigert. Erst ein späteres Vorsingen im Harlem Opera House brachte ihr einen Preis: Sie durfte sieben Tage bei Tiny Bradshaw singen. Spätestens da muss ihr Entschluss gefallen sein, sich vom Tanzen auf das Singen zu verlegen. Doch in etwa so wie Sarah Vaughan vom Klavierspielen geprägt blieb – Ellas Klavierstunden waren aus Armut abgebrochen worden – war „Lady Time“ auf ihre Weise immer auch Tänzerin, in der rhythmischen Souveränität, in ihren mutwilligen Intervallsprüngen, in der Beschwingtheit, Beweglichkeit und Gelöstheit ihres Gesanges. Und vergessen wir es nicht: Sie hatte ihren Durchbruch als Sängerin eines Tanzorchesters.

Der weitere Verlauf von Ella Fitzgeralds Karriere ist Gegenstand meiner „Jazztimes“  Sendungen auf BR-Klassik > am 27. April, 25.Mai und 22. Juni, jew. 23.05 Uhr

Ella Fitzgerald hat sehr bestimmt und ohne Rückgriff auf Rollen- und Rassenklischees Karriere gemacht. Sie verschaffte sich den gebührenden Respekt, begab sich nicht, wie manche Kolleginnen, in die Abhängigkeit ausbeuterischer „Kerle“, sondern wählte sich souverän ihre Liebhaber. Ihr Erfolg ist nicht nur die Verkörperung des amerikanischen Traumes, sie könnte auch von der feministischen Bewegung als frühes Beispiel der Emanzipation auf den Schild gehoben werden.



Dieser Gast-Beitrag stammt von Marcus A. Woelfle, Kulturjournalist (u.a. Bayererischer Rundfunk) und Jazz-Geiger sowie langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, für deren Blog er bereits weitere Jazz-Portraits geschrieben hat:

Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen 


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