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„Auch Heilige liegen am Boden“ Zum „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München“ eine Pressenkonferenz – Zu Gast: Avi Primor, von 1993 – 1999 Israelischer Botschafter in Deutschland

Nach seiner Meinung zu den Stolpersteinen befragt, fand Avi Primor auf der Pressekonferenz der neuen Initiative  BÜRGERBEGEHREN für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München deutliche Worte: Er verneige sich vor dieser Form des Gedenkens. In Israel sei es von Bedeutung, wie Deutschland sich heute darstelle und inzwischen könnten andere europäische Länder in Bezug auf das „Wiedergutmachen“ von Deutschland lernen. Im übrigen gehe es nicht darum, israelische Bräuche nach Deutschland zu bringen, sondern darum, dass sich Gedenken in Landessitte vollziehe. Und führte als Beispiel die in steinernen Sarkophagen in den Boden eingelassenen Heiligen unserer Kathedralen an. „Auch Heilige liegen in Deutschland am Boden …“

Avi Primor, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999, zu Gast auf der Pressekonferenz des Vereins „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V.„, mit den Vorstandsmitgliedern, v.l. RALPH DEJA, Berater und Aktivist für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, DOROTHEE PIERMONT, ehem. Mitglied im Europäischen Parlament (vorm. b. Die Grünen), HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker und DAGMAR FÖST-REICH, Dipl. Kauffrau

„Durch das Lesen der Inschriften der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen,“ heißt es auf der Homepage des Zentralrats der Juden auf die Frage

UNTERSTÜTZT DER ZENTRALRAT DER JUDEN DIE VERLEGUNG VON STOLPERSTEINEN?

Und weiter: Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, und das Präsidium des Zentralrats, halten die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. > MEHR

Wartet auf seine Verlegung: Ein Stolperstein für Hans Scholl, Gallionsfigur der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, gezeigt bei der PK

Damit bezieht der Zentralrat eine gegensätzliche Position zu Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in deren Augen durch Stolpersteine die Opfer des Holocaust erneut mit Stiefeln getreten würden. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Interventionen bleibt in München, anders als in unzähligen Städten bundes- und europaweit, das Verlegen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt, nach zwei entsprechenden Stadtratsbeschlüssen, 2005 und 2015.

Stattdessen schlägt München einen kostspieligen Sonderweg ein. Statt Stolpersteinen (120 €, Fläche 10×10 cm) sollen Stelen (1.000 €, 6×6 cm) oder Tafeln an Hauswänden (500 €, 16×16 cm) an die Opfer erinnern. Stelen machen u.a. wegen ihrer tiefen Verankerung im Boden ein aufwendiges Genehmigungsverfahren und Tafeln die Zustimmung jedes einzelnen Miteigentümers eines Gebäudes erforderlich. Es ist daher abzusehen, dass nur wenige Stelen und Tafeln installiert werden. So wird aber das ungeheure Ausmaß der Massenvernichtung von Menschen nicht erkennbar, führt der neu gegründete Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V. auf seiner Homepage an und beginnt ab nächster Woche mit dem Sammeln der für ein Bürgerbegehren erforderlichen Mindestzahl von 35.000 Unterschriften. Bei diesem Verein handelt es sich um eine überparteiliche Gruppierung, die, mit dem demokratischen Instrument eines Bürgerbegehrens, das Thema „Stolpersteine auch in München“ erneut vor den Stadtrat bringen möchte.

Juni 2017, alles bereit zur Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße; Quelle: Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60453194

Für eine Aufhebung dieses Verbotes setzt sich seit vielen Jahren bereits unermüdlich die Initiative Stolpersteine auch für Münchenein, unter Vorsitz von Terry Swartzberg und hat zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Verlegungen auf privatem Grund durchgeführt. Eine weitere und bislang größte Verlegung von Stolpersteinen ist für Montag, den 11. November 2018 angesetzt, mit 34 weiteren Stolpersteinen an 11 unterschiedlichen Verlegungsorten! Ein Meilenstein, doch ist die Verlegung von Stolpersteinen auf privatem Grund meiner Meinung nach nur als  Interimslösung geeignet, denn, wie der Münchner Drehbuchautor Peter Probst, nach einer Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer aus seiner Verwandschaft anmerkte: Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. (…) Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann (…)

Juni 2017: Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen verwehrt.

Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen. Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. (…) MEHR

Umso mehr freut mich, dass sich jetzt in München eine weitere Initiative anschickt, das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund, diesmal mit politischen Mitteln, zu kippen und hoffe auf eine Bündelung von Kräften seitens beider Münchner Stolperstein-Initiativen, die dringend benötigt wird, angesichts einer äußerst engagierten Opposition.

Dem Sammeln von Unterschriften für das Bürgerbegehren sehe ich deshalb auch aus statistischer Neugier gerne entgegen, da mich brennend interessiert, ob es sich bei den Stolperstein-Gegner_Innen um tatsächlich eine Mehrheit innerhalb unserer Stadtgesellschaft handelt, wie teilweise kolportiert, oder vielmehr um die persönliche Einstellung einzelner, aber umso einflussreicher Bürgerinnen und Bürger … So äußert der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude am Ende eines Interviews 2017 in der ZEIT: Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger. MEHR

Eine derart einseitige Darstellung und Entscheidungsfindung seitens des vormals Ersten Vertreters unserer Stadt, in mehreren Passagen des Interviews, empfinde ich, als jemand, die die Vorgänge um die Stolpersteine ausgiebig recherchiert und verfolgt hat, schon bedenklich! Und unfair gegenüber uns Stolperstein-Befürwortern! Gedenken an sich ist doch ein sehr individueller, emotionaler und daher subjektiver Vorgang, dessen Wahrnehmung sich entsprechend schwer auf sachlicher Ebene erfassen oder gar bewerten lässt.

AVI PRIMOR, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999 zwischen HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker, RALPH DEJA, Berater und aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie Dorothee Piermont, ehemaliges Mitglied im Europäischen Parlament für DIE GRÜNEN, alle drei Vorstandsmitglieder des „Bürgerbegehrens“

Somit bleibt für mich auch unverständlich, dass gerade München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, heute den Nachkommen von Holocaust-Opfern verwehrt, sich für eine Form des Gedenkens zu entscheiden, die sie sich wünschen, und die in anderen Städten und Ländern Gang und Gebe ist, nämlich die der Stolpersteine, als ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig konzipiert.

Bildhauer Gunter Demnig ist nicht nur der Schöpfer der Stolpersteine – Ein Kunstprojekt für Europa, vielmehr reist er auch persönlich zur Verlegung an, hier im August 2018, in Pitten; Quelle: Wikipedia

Zumal die Genehmigung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, IN KEINEM FALL bedeuten würde, dass diese gegen den Willen von Nachkommen und ohne eingehende vorherige Prüfung seitens einer zeitgeschichtlich kompetenten Kommission erteilt würde.

Längst ist die Debatte zu einem Politikum geworden, zu dessen Leidtragenden leicht die Betroffenen werden können, wie im Fall von Peter Jordan. Seine Eltern hat er zuletzt als 15jähriger gesehen und im Holocaust verloren. Nachdem in Berlin, in den späten 1990er Jahren, erstmals Stolpersteine verlegt worden waren, die zwar erst im Nachhinein, dann aber problemlos vom Senat genehmigt wurden, folgte Peter Jordan in München diesem Beispiel und verlegte in der Mauerkircher Straße, dem letzten Domizil seiner Eltern Fritz und Paula Jordan, Stolpersteine. Die Stadt jedoch ließ diese postwendend, da nicht genehmigt, wieder herausreißen, was bei mir die Frage nach Pietät aufwirft: Muss denn etwas unbedingt ausgeführt werden, nur weil einem die Macht dazu gegeben ist? Erst im Sommer dieses Jahres wurden für die ermordeten Eltern des mittlererweile 96jährigen Peter Jordan, seitens der Landeshauptstadt München, Stelen aufgestellt.

26. Juli 2018: Eine Stele für seine ermordete Mutter! Dass er diesen Moment noch erleben durfte … Der 96jährige Peter Jordan war extra aus London angereist.

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kommentiert postwendend nach der Pressekonferenz Martin Bernstein, Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung, in der Ausgabe vom 04.09.2018, unter dem Titel Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch.  Als „falsch“ empfinde ich vielmehr, dass in München, was die Gedenkkultur anbelangt, nicht nur Verbote noch immer Persönlichkeitsrechte beschneiden, sondern dass darüber hinaus oft verunglimpft wird, wer dagegen hält! Solche Mittel der Auseinandersetzung zeugen nicht von Demokratieverständnis, ein Bürgerbegehren anzustreben hingegen schon!


Das Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in München e.V.

wird telefonisch betreut von Vorstandsmitglied Dorothee Piermont. Unter Tel. (089) 33 03 78 04 beantwortet sie gerne Frage zu Punkten, die möglicherweise aus der, weil brandneuen, Homepage http://www.buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de noch nicht hervorgehen.

Natürlich können Anliegen auch via Email übermittelt werden: info@buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de


Wir bitten um Ihre Mithilfe, vor allem um Ihre Unterschrift
Wenn Sie uns weiter unterstützen und spenden wollen, bitte auf das Konto:

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Wir sind gemeinnützig und stellen Spendenbescheinigungen aus. (O-Ton der Homepage)


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

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Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie mit 16 Jahren das Leben! Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von Rosa Mittereder und Tochter Erna Wilhelmine – Klartext von Drehbuch/Autor Peter Probst

Sie sank dahin, ein Hauch von Gold, violetten hingemäht, gedenkt in einem Gedicht die Auschwitz Überlebende und Künstlerin Rachel Knobler ihrer mit sieben Jahren von den Nazis ermordeten Schwester … Ein solcher Hauch goldenen Gedenkens legte sich am 27. Juni 2017 über eine (weitere) Reihe Münchner Hauseingänge, aus denen man einst Mitbürger_Innen auf eine Reise – meist ohne Wiederkehr – in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt hatte.  Nun aber fanden wieder zwei Namen zurück in ihre Heimatstadt …

Rosi und Erna Mittermeyer: Auf individuellen Gedenksteinen im Geiste zurückgekehrt in die Münchner Römerstraße, unter großer Anteilnahme von Freund_Innen der Nachkommen und Anwohner_Innen:  Li. im Vordergrund: Regisseurin Doris Dörrie (Foto: Peter Probst/Amelie Fried)

„Gedenken auf den Spuren der Ermordeten“ titelte dazu die Süddeutsche Zeitung und zitierte den umtriebigen Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine für München„, Terry Schwarzberg:„(…). „Ein Tag der Trauer, weil es um das Gedenken an unschuldig ermordeten Menschen geht, aber auch ein Tag der Freude.“ Diese hat Gunter Demnig ausgelöst, auf dessen Idee diese Art der Erinnerungskultur beruht. Da die Stadt München keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund duldet, können sie nur auf privatem Gelände verlegt werden. Vor dem Hauseingang in der Ickstattstraße zum Beispiel, oder bei den Anwesen Herzog-Heinrich-Straße 5 und Römerstraße 7, wo Demnig am Dienstag weitere acht Stolpersteine zum Gedenken an die einstigen Bewohner in den Boden einließ.“ (Ende Zitat SZ)

Die beiden letzten Steine wurden diesmal in der Schwabinger Römerstraße verlegt, womit sich ein Traum für Peter Probst erfüllte. Er postete: Ich bin sehr glücklich, dass die Steine endlich fast da liegen, wo sie hingehören. 10 Zentimeter vom öffentlichen Raum entfernt. Und traurig für die Angehörigen, die die Verlegung gestern nicht (mehr) miterleben konnten. 

„Stolperstein-Schöpfer“ Gunter Demnig waltet einmal mehr seines Amtes und schafft Platz für die Stolpersteine von Rosi und Erna

Die Zeremonie begann gewohnt archaisch, mit dem ohrenbetäubenden Lärm des Preßlufthammers, mit dem der Schöpfer und Vater aller Stolpersteine, Bildhauer Gunter Demnig, Raum für seine goldenen Gedenk-Miniaturen schaffte. Die wenigen, aber umso präziser eingesetzten Handgriffe verrieten, wie viel Gewandtheit sich Demnig inzwischen bei seinen Verlegungen angeeignet hat. Geräuschkulisse und Staub, gepaart mit kleinen Menschenansammlungen, die das Geschehen gebannt verfolgen, unterbrechen zumindest für einen Moment auch den Alltag unbeteiligter Passanten. Nicht wenige bleiben stehen, erkundigen sich und erhalten von den Mitgliedern des Münchner Vereins „Stolpersteine für München“ Auskunft sowie Info-Material. Wessen Schicksal jeweils gedacht wird, erschließt sich allen Anwesenden aus den kurzen Ansprachen, die jede Stolperstein-Verlegung begleiten.

Für eine eben solche übergebe ich an dieser Stelle das – virtuelle – Wort an Peter Probst, um dessen Angehörige es bei der Verlegung in der Schwabinger Römerstraße 7 es diesmal ging.

Drehbuch/Autor Peter Probst hielt eine bewegende Ansprache, die aber auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Rechts neben ihm der PR-Fachmann, Netzwerker und Vorstand von „Stolpersteine auch in München“, Terry Schwartzberg

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Familienangehörige, ich möchte mich zuallererst ganz herzlich bedanken. Bei Gunther Demnig, dem Schöpfer des weltweit größten dezentralen, mittlerweile in zwanzieuropäischen Ländern verwirklichten Kunstwerks „Stolpersteine“. Die Bedeutung seines Beitrags zur Erinnerungskultur für die Nachkommen von NS-Opfern, aber auch für die junge Generation ist kaum zu ermessen. Ich danke weiter der unermüdlichen Münchner Stolpersteine-Initiative, die sich von schwer nachvollziehbaren Entscheidungen der Politik und Kultusgemeinde, aber auch persönlichen Angriffen nicht entmutigen lässt und sich weiter für ein würdiges und allen Bürgern zugängliches Gedenken einsetzt. Mit ganz herzlicher Dank aber gilt heute den Eigentümern des Anwesens Römerstraße 7, im Besonderen Frau Billon dank deren Initiative der heutige Tag erst möglich wurde.

Am 16.7.1923 heiratet die aus Mittelfranken stammende Jüdin Rosa Loewi den katholischen Münchner Rechtsanwalt Franz Mittereder. Vor allem für Franz’ Vater, den Oberpostrat Alois Mittereder, ist die Heirat ein Skandal. Seine Tochter Josephine – meine Großmutter – hat ihn als so bigott wie brutal beschrieben, als Mann, der tagsüber ganz vorne in der Fronleichnamsprozession mitmarschierte und nachts seine Frau verprügelte.

Dass Alois nur einen Monat nach der Eheschließung seines Sohnes stirbt, ist wohl eher eine Erleichterung für das frischvermählte Paar. Übrigens auch für meinen Vater, der als uneheliches Kind – als „Kind der Schande“ – vom Großvater aus dem Familienverbund ausgeschlossen wird.

Sie unterbrechen mit ihrem leuchtenden Gold den Alltagslauf der Passanten. Dazu sind sie konzipiert und werden auch regelmäßig seitens Anwohnern und Mitgliedern des „Stolperstein“-Vereins gereinigt.

Am 20.4.1925 bekommen die Mittereders ein Kind, sie nennen es Erna Wilhelmine. Schon ein Jahr später (am 19.4.1926) stirbt Franz gerade einmal 41jährig, und das Mädchen ist Halbwaise. Rosa Mittereder und ihre Tochter leben bis zum November 1941 in der Maxvorstadt und in Schwabing, ab dem 10.7.1930 in der Römerstraße 7. Ab Mitte 1940 ist Erna offiziell in der Bauerstraße 20 gemeldet. Sie hat im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe (dem sogenannten Antonienheim) einen Kurs in Hauswirtschaft absolviert und hilft der 75jährigen Jüdin Flora Böhm im Haushalt. Als diese im Frühjahr 1941 ins Altenheim der Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße zieht, kehrt Erna zu ihrer Mutter zurück.

Am 20.11.1941 müssen Rosa und Erna Mittereder die Römerstraße 7 unter Zwang verlassen. Offiziell geht es zum „Arbeitseinsatz im Osten“ nach Riga. Da das Ghetto Riga jedoch völlig überfüllt ist, wird der Zug mit etwa 1000 Münchner Juden unterwegs nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Im nahe der Stadt gelegenen Fort IX kommt es auf Befehl des Chefs des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A, Karl Jäger, zu einer Massenexekution. Nach fünf Tagen lebt kein einziger der tausend Münchner Juden mehr, auch nicht Rosa und Erna Mittereder.

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Die Kennkarte von Erna Mittereder, ausgestellt im März 1939. Wie bei allen Bürgerinnen jüdischer Abstammung findet sich der Name „Sara“ beigefügt. Das Dokument wäre bis 1944 gültig gewesen, lange nach Ernas Tod … Quelle: Peter Probst

Über das Schicksal von Rosa und Erna wurde in unserer Familie fast nie gesprochen. Mein Vater handelte das Thema Krieg, trotz seiner mutigen, antifaschistischen Biographie, möglichst mit einigen, wenig aussagekräftigen, Anekdoten ab. So hielt ich Rosa und Erna lange für entfernte Verwandte und begann viel zu spät nachzufragen. Mein Vater hätte mir allerdings auch wenig erzählen können. Er erfuhr erst mit über 80 Jahren durch meine Recherche, dass seine Tante und Kusine nicht, wie von ihm vermutet, nach Auschwitz deportiert worden waren.

Eine für unser Bild der beiden zentrale Geschichte allerdings hat er mir hinterlassen. Danach hatte im November 1941 nur Rosa Mittereder den Befehl erhalten, sich mit 50 Kilo Gepäck zur Verschickung in den Osten bereit zu machen. Ihre Tochter war nach der Rassenlehre der Nazis nur „Halbjüdin“ und sollte vorerst verschont bleiben. In der Wohnung in der Römerstraße kam es dann zu einer dramatischen Szene. Die Gestapo traf ein, um Rosa abzuholen. Erna sollte der Obhut Kreszentia Gnams, einer Kusine meiner Großmutter übergeben werden. Doch plötzlich weigerte sich das 16jährige Mädchen, seine Mutter alleine gehen zu lassen. Es klammerte sich so lange an ihr fest, bis die Polizisten die Geduld verloren. „Dann kommst du halt auch mit, du Judenfratz“, diesen Satz hat mein Vater mehrfach wörtlich zitiert.

Die Mittereders schickten noch ein Familienmitglied, das eine etwas höhere Parteifunktion innehatte, zum Deportationsbahnhof Milbertshofen, um den Irrtum aufzuklären – vergeblich. Inzwischen stand auch Ernas Name auf der Liste und wurde nicht mehr gelöscht – die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben …

Ich stelle mir vor, dass vor den Stolpersteinen Schüler stehenbleiben und sagen: „Schau mal, diese Erna war genauso alt wie ich, als die Nazis sie abgeholt haben“, und dass das bei dem einen oder anderen der Auslöser dafür ist, sich näher mit der Geschichte der beiden und der Juden in unserer Stadt zu beschäftigen. Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. Die Verlegung der Stolpersteine für Rosa und Erna Mittereder auf dem privaten Grund des Anwesens Römerstraße 7 ist für uns Nachkommen ein großes Glück und ein gewisser Trost. Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann …“

Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen, seitens der zuständigen Hausgemeinschaft am Färbergraben wie auch der Landeshauptstadt München verwehrt. Links Aktivist, Autor und Journalist Johann Türk (Foto: Edith Grube)

Seine Rede beendete Peter Probst mit Worten, die meiner Meinung nach berechtigter nicht hätten sein können: „Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen.

Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. Und glauben Sie uns, jüdische Familien und auch solche mitjüdischen Verwandten blicken auch in der Bundesrepublik Deutschland auf eine lange Folge von Demütigungen zurück.“

Amelie Frieds Mutter schilderte, dass in Ulm die Stadt selbst, anhand von PR-Maßnahmen und Shuttle-Bussen alles unternehme, um Stolpersteinverlegungen  zu unterstützen. Ihren Ausführungen folgen u.a: im Hintergrund Politikerin Claudia Stamm (mut-bayern.de), im roten Kleid Aktivistin Edith Grube, re. mit Strohhut, Aktivist Dr. Thomas (Tom) Nowottny, Er hatte für das individuelle Recht auf die Verlegung von Stolpersteinen gegen die Landeshauptstadt geklagt. Verdeckt: Bestseller-Autor/Biograf Christian Sepp („Sophie Charlotte“)

Peter Probst fügt seiner Rede hinzu: Helfen Sie uns auch deswegen dabei, die Aufhebung des Verlegungsverbots in München durchzusetzen. Was heute in der Römerstraße 7 dank der Offenheit und des historischen Bewusstseins der Eigentümer und Bewohner gelungen ist, muss Schule machen. Denn München ist eine in vieler Hinsicht reiche Stadt – definitiv arm, ja armselig aber ist sie beim Thema Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund. Ich danke Ihnen!

(Ende der Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst)

Der Tod gehört zum Leben und das Gedenken an die Verstorbenen also mitten unter uns, gerade wenn es darum geht, deren mahnendes Schicksal sichtbar in Erinnerung zu halten, jedes einzelne, kostbare und doch vorzeitig ausgelöschte Menschenleben für sich …

Zuletzt wurde, wie immer ein Kaddish, ein jüdisches Totengebet zu Ehren der Ermordeten gesprochen. Ein lebensbejahendes, von vielen Anwesenden, u.a. Janne Weinzierl, Reiner und Judith Bernstein, Riva Neust u.v.m. mitgesungenes „Shalom“-Lied auf Hebräisch schloss sich dem kontemplativen Moment an und erinnerte einmal mehr daran, dass der Tod zum Leben gehört und somit unbedingt mitten unter uns, entlang der Straßen unseres Alltags!

Zur demokratisch unschön ausgetragenen Stolperstein-Debatte in München habe ich bereits in der Vergangenheit zwei jourfixe-Blogbeiträge veröffentlicht >>>

Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“ (Nov. 2015)

Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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