„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link
(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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„That’s It“ – Gedanken und Reminiszenzen zum Tod von SPD-Politiker Horst Ehmke

„Toni Netzle … ja das ist schon endlos lange her. In Tonis Simpel traf sich alle Welt und wurde dabei zu einer anderen Welt: Bunter, lockerer, toleranter …“
Es war ein damals schon unendlich müde klingender, zurück gezogen lebender HORST EHMKE, der mir 2012 obige Aussagen zu Toni Netzle und ihrem Alten Simpl ins Telefon diktierte. Lange diskutierten Artist-Studio-Chef Peter Lang und ich danach, ob wir das Material für unsere Produktion überhaupt verwenden sollten. Einerseits stellte dieses Telefon-Interview ein Zeitdokument dar, andererseits führte es mit schonungsloser Offenheit die Flüchtigkeit des Lebens vor.  Ausschlaggebend  waren für mich schließlich die Werte, die Horst Ehmke als Gütesiegel für das Lokal aufzählte: „Bunter, lockerer, toleranter …“ 

Horst Ehmke flippert mit Toni Netzle in deren historischem Alten Simpl, umm 1980

Diese Eigenschaften erschienen ihm im Rückblick als erwähnenswert am Alten Simpl, nicht die mondäne Aura, die ein solches Lokal umgibt. Die schien ihm nur Beigabe gewesen zu sein, denn mit keinem Wort erwähnte er die Prominenz aus Politik, Showbiz, Industrie und Wirtschaft, mit der er im kleinen Simpl-Büro so manches ausgeheckt, am Tresen gefeiert oder geflippert hatte, mit allen auf Augenhöhe, als einer von ihnen. Kein „names dropping“, wie bei so vielen anderen, hinter denen eine große Zeit liegt. Das hat mich berührt. Dass Ehmke vor allem den respektvollen Umgang geschätzt hat, den die Gäste im Alten Simpl miteinander pflegten, sagt einiges über den Menschen Horst Ehmke aus, der abschließend resümierte: Ohne Simpl wäre Toni nichts, aber auch der Simpl ohne seine Wirtin nichts gewesen. Mit einem kategorischen „That’s it!“ beendete er seine Überlegungen.

Horst Ehmke mit Toni Netzle in den 80er Jahren bei einem CSU-Ball

Letztes Jahr, im Zuge der Produktion einer neuer Folge unserer Simpl-Reihe, erhielt ich dann von Toni die Aufzeichnung eines Gesprächs, das sie in den 80er Jahren mit dem SPD-Politiker für UFA-Radio geführt und kürzlich wieder entdeckt hatte. Dieses Zeitdokument vom 13.02.1985 erschütterte mich, denn ein scheinbar vollkommen anderer Mann plauderte dort locker mit Toni über Gott, die Welt, politische Debattenkultur und natürlich Franz Josef Strauß. Ich hörte einen weltgewandten, schlagfertigen Mann sprechen, voller Elan und Esprit, weit entfernt von der verhaltenen Stimme, die mir drei Jahre vorher das Telefon-Interview gegeben hatte.

Dieses „That’s it“, mit dem 2012 Ehmke sein Statement beendet hatte, klang so endgültig und wehmütig, dass ich es für die Episode   „Große Politik am Simpl-Tresen“ übernommen habe. Für mich ist das kurze Gespräch mit Ehmke bis heute eines der Interviews geblieben, die sich mir am nachhaltigsten eingeprägt haben, obgleich es nur wenige Minuten dauerte.

„That’s it!“ Für Horst Ehmke gilt es nun auch jenseits aller Scheinwerfer.


Zum Ausschnitt aus dem Interview von Toni Netzle mit Horst Ehmke vom 13. Februar 1985 für UFA-Radio


Zum Verzeichnis aller bisherigen joufixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Zwischen „Europäischen Identitäten“ und nationaler Identität – Im Gespräch mit Dr. Roland Jerzewski, ESM

Anfang der 70er Jahre in den Dolomiten: Schülerinnen und Schüler Europäischer Schulen sind aus Brüssel, Luxemburg, Karlsruhe und Varese zu einem Ski-Urlaub angereist, indirekt gesponsert von Europäischen Forschungszentren und Institutionen, bei denen ihre Väter überproportional gut im Brot stehen, gemessen an den normalen Gehältern in den Herkunftsländern. Es ist schon später am Abend und man hat sich – nicht ganz erlaubterweise – in einem der Schlafräume zu einer kleinen Party zusammengefunden. Viel Kichern und Sprachengewirr, es wird geflirtet, sich gebalgt, Händchen gehalten, getan, was Teenager halt tun, nur in einem viel internationaleren Rahmen, den die Jugendlichen als vollkommen natürlich erleben, ebenso wie den reibungslosen Wechsel von einer Sprache in die andere. Europa lebt im Hier und Jetzt, bis es plötzlich ein zaghaftes Klopfen vernimmt, nicht an der Tür, sondern an einer der Wände. Nach und nach verstummen die Jungen und Mädchen, lauschen ein wenig ratlos, bis irgendjemand die Initiative ergreift und die Tür zu dem Raum öffnet, von dem aus man die Klopfzeichen vermutet. Überrascht blickt man in eine winzige Kammer mit nur einem Nachttisch und einem Stahlbett, auf dem zusammengekauert ein Junge sitzt, im selben Alter wie die Schülergruppe, aber ganz offensichtlich kein Hotelgast, sondern eine jugendliche Aushilfskraft. Bis heute habe ich diesen Jungen als irgendwie grau in Erinnerung und seine Kammer auch. Es bot sich uns, kurzum, das Bild einer grauen Realität, die uns fremd war, und auf die wir daher nur ebenso stumm wie hilflos zu blicken vermochten, bevor wir leise den Rückzug in den Schlafraum unserer Welt antraten. Uns allen war klar, dass sich dieser Junge aus Einsamkeit bemerkbar gemacht hatte, aber wir schlossen lieber rasch wieder die Tür zu seiner Wirklichkeit, weil sie uns überforderte.

Wir Europa-Schülerinnen und Schüler bekamen damals alle nur möglichen Rahmenbedingungen gestellt, um die Vision eines vereinten Europas schulisch zu leben, die Chance sie zu reflektieren bekamen wir jedoch nicht und bemerkten deshalb auch nicht die Glasglocke, unter der wir aufwuchsen, während sich irgendwo jenseits unzählige weitere Dienstbotenkammern befanden und mit den Jahren auch vermehrten. Die Fähigkeit, unsere Identität vor dem Background einer multikulturellen Erziehung nicht nur zu definieren, sondern auch in Bezug auf die Realitäten in anderen gesellschaftlichen Schichten und in anderen Ländern zu stellen, wurde uns nicht mit auf den Weg gegeben.

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Schüler_Innen der Europäischen Schule in München Neuperlach bei einer Veranstaltung; Quelle ESM 

Den Ansatz, den die Europäischen Schule München mit ihrem breit gefächerten Projekt „Europäische Identitäten“ – koordiniert von Dr. Roland Jerzewski – verfolgt, hätte ich mir daher für meine Schulzeit auch gewünscht. Während Europa gemeinhin als Auslauf-Modell wahrgenommen wird, findet im europäischen Mikrokosmos in Neuperlach tatsächlich ein europäisches Narrativ statt. mit der  Zielgebung: „Unsere lokale, regionale, nationale, europäische, aber auch weltanschauliche, ethnische, soziale, weibliche/männliche Identität auszuloten.“ Wie wünschenswert das ist, weiß ich nur zu gut aus meiner eigenen Lebenserfahrung als ehemalige Schülerin an der Europäischen Schule in Varese/Italien: Durch die internationale Struktur solcher Schulen fühlt man sich leicht mal  “ ‚zwischen den Stühlen‚ . Eine „nicht immer leicht definierbaren Identität könne Quelle von Zweifeln und Verunsicherung sein“,  so formuliert es die Projektdarstellung auf der Webseite der Schule. Und: „(…) gleichzeitig ist diese Polyvalenz aber auch eine große Chance in einer multipolaren, globalisierten Zukunft.“ Nicht zuletzt diesen Vorteil gilt es in der Wahrnehmung der Schüler_Innen nachhaltig herauszufiltern.

Dr. Roland Jerzweski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Dr. Roland Jerzewski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Das Projekt läuft dementsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab, alle mit dem Ziel, die Schüler nicht nur zum Ausleben ihrer eigenen Identität zu ermutigen, sondern sie auch zu reflektieren und zwar über die Workshops im Klassenzimmer und in Gemeinschaftsausstellungen hinaus. So finden regelmäßig Klassenfahrten ins europäische Ausland statt, bei denen interkulturelle Begegnungen das Programm bestimmen, wie eine Reise nach Toledo, mit Spurensuche im historischen Schmelztiegel der drei großen Religionen sowie Schülerbegegnungen in einem dortigen, von muslimischen Migranten geprägten Gymnasium. Zur Wahrnehmung unseres multikulturellen Europas schweift der Blick von Schüler- und Lehrerschaft aber nicht nur ins Ausland ab. Ebenso richtete das Projekt „Europäische Identitäten“ einen Fokus aber auf die unmittelbare Nachbarschaft, zum Beispiel auf die vielen muslimischen Schüler_Innen im Viertel und besuchte beispielsweise einen Fußballclub, der 25 Nationen umfasst, sich aber auf Deutsch als Clubsprache verständigt hat. Auch das jüdische Leben in Fürth, gestern und heute, war  Thema und Ausflugsziel der Projektreihe. Ganz oben auf der Agenda findet sich natürlich die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Europäischen Institutionen, ihrer Geschichte und ihren Aufgaben, vornehmlich derer in Brüssel, das alljährlich ein Reiseziel der Politik-Oberstufenkurse ist.

2014 im Europäischen Parlament in Brüssel

Im Europäischen Parlament in Brüssel, 2014

Im Zentrum dieser Bildungsreisen stehen aber nicht so sehr Simulationsspiele zum Brüsseler EU-Betrieb, sondern unmittelbare Begegnungen mit Abgeordneten und Experten, mit denen die Schüler auf Augenhöhe diskutieren, zu einem thematisch festgelegten Schwerpunkt. Die gesammelten Eindrücke werden alsdann im Rahmen von Seminaren erweitert und vertieft. „Ich habe noch nie Schülerinnen und Schüler erlebt, die von einer solchen Fahrt nicht als Vollblut-Europäer zurückgekehrt wären„, so Jerzewski.

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch "Wie man Baske wird" im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Einen wichtigen Beitrag zu den „Europäischen Identitäten“ leisten Autoren, Künstler, Wissenschaftler sowie Politker_Innen, die auf Initiative von Dr. Jerzewski und seinen Kolleg_Innen die Schule besucht haben, unter ihnen veritable Paradiesvögel unserer multikulturellen europäischen Gesellschaft, wie der spanisch-baskische Ibon Zubiaur, vormals Leiter des Instituto Cervantes München, inzwischen erfolgreicher Autor und Übersetzer in Berlin. An der Europäischen Schule begegnete ich ihm erstmals, als er, der spanische Baske, ausgerechnet über die Situation von Literaten in der DDR referierte, festgemacht an den Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner. Besonders spannend an seinem Vortrag fand ich, dass er dabei die literarische Fruchtbarkeit betonte, die sich häufig gerade in Ländern entwickelt, in denen die freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei, ein Aspekt, der auch die Schüler_Innen veranlasste, den Gast mit Fragen zu bestürmen. Das selbe Phänomen wiederholte sich ein Jahr später, als Zubiaur an der Schule seinen ersten Erzähl-Essay „Wie man Baske wird„, vorstellte, auf den ich bereits in meinem Beitrag „Streifzug“ im vergangenen Jahr eingegangen bin. Dafür, dass Wissen mit Lässigkeit und Tiefe gleichermaßen angegangen werden kann, ist Zubiaur ein Haut-überzognenes Beispiel erster Güte und damit Garant für einige Kultur-Phobiker weniger in den nachwachsenden Generationen.

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Auch Peter Schneidereiner der wichtigsten Vertreter der 68-er Literaten der Bundesrepublik und bis heute unverzichtbarer gesellschaftspolitischer Seismograph , war wiederholt Gast im Rahmen der Projektreihe. Ich erlebte ihn bei der Präsentation seiner Autobiografie „Die Lieben meiner Mutter“ als versierten Schriftsteller ebenso wie als Zeitzeugen, auf den auch das Fernsehen regelmäßig zurückgreift, wenn es gilt, Vorgänge aus der jüngeren Vergangenheit zu kommentieren.

Ganz nah an diese heran führte auch eine Veranstaltung mit Tilo Schabert, einem hochdekorierten Historiker, der als Erster Einblick in das Geheimarchiv des Elysée-Palastes zur deutschen Einheit erhielt und fesselnd über die Zweifel und Ängste zu berichten wusste, die Mitterand angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigung befallen hatten und wie er sich von ihnen zu lösen verstand und sich dann zu einem überzeugten Befürworter eines starken Deutschlands in der Mitte Europas wandelte.

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage "Genosse Rock'n Roll" über und mit Musiker Peter Lang

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage „Genosse Rock’n Roll“ im Rahmen von „Europäische Identitäten“

Einblicke in ein Künstlerschicksal im „real existierenden Sozialismus“ Ungarns in den 6oer Jahren vermittelte unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen mit „Genosse Rock’n Roll„, in der Musiker und Artist-Studio-Betreiber Peter Lang in Spracheinblendungen zu Bildcollagen seine Karriere Revue passieren lässt. Die begleitende Musik, gewissermaßen Soundtrack seiner Künstler-Vita, spielte er selbst live dazu ein. In einer Zigarettenpause der Aufführung sprach mich eine Schülerin an und berichtete, ihre Großmutter habe im Jugendpark in Budapest Peter Lang noch selbst auf der Bühne erlebt, was mir einen Eindruck davon vermittelte, wie bekannt Peter damals in Ungarn gewesen sein musste, als er mit seiner Band „Hungaria“ Erfolge feierte wie den Sieg in „Ungarn sucht den Superstar“, als Bohlen noch in denWindeln lag …

Die jourfixe-Collage "Chopin mit zwei Gitarren" 2010 an der ESM

Die jourfixe-Collage „Chopin mit zwei Gitarren“ 2010 an der ESM

Einen ungewollt lässigen künstlerischen Moment bescherte unser jourfixe-Team dem jugendlichen Publikum bei der Aufführung von „Chopin mit zwei Gitarren„. Gerade trug ich einen Zeitzeugenbericht über die letzten Momente in Chopins Leben vor, dramatische Spannung in der Stimme, ab und an ein Gitarrenakkord, als Jon Michael Winklers Handy im Furioso-Modus zu klingeln begann. Leider befand es sich in Jons Manteltasche hinter der Bühne; keine Chance, es auszuschalten. Während die Lehrer zu unserem Glück ganz automatisch davon ausgingen, dass sich das Corpus delicti unter den Schülern befinden müsse, hatten diese längst den Standort des Handys geortet und lachten sich krumm …

Ende letzten Jahres habe ich schließlich den Münchner Regisseur Rüdiger Nüchtern zu einer Filmmatinée an die ESM vermittelt, über die Dr. Jerzewski in Folge ausführlich selbst berichtete: „Im Rahmen des Identitätsprojekts wird die ESM immer stärker zur Filmakademie: Auftakt am Europatag 2012 mit Dominik Graf und seinem Klassiker „München – Geheimnisse einer Stadt“,

2015 – ebenfalls am Europatag – Uraufführung des an unserer Schule gedrehten FWU-Lehrfilms „Die Entstehung der Europäischen Union“  von und mit dem Dokumentarfilmer Johannes Rosenstein

und als Weihnachts-Premiere 2015 Rüdiger Nüchterns gerade als DVD neu aufgelegter Kultfilm „Nacht der Wölfe“, eine deutsch-türkische West-Side-Story der 80er Jahre.

Der Jugendbandenkrieg zwischen „Revengers“ (Rächern) und „Kenli Kartal“ (Weißer Adler), zwischen deutschen Rockern und türkischen Newcomern in München-Haidhausen kann kaum aktueller sein, thematisiert der Film doch mit der ebenso aggressiven wie sentimental-tragischen Konfrontation zweier rivalisierender Gruppen allegorisch ein Leitmotiv unseres Hier und Jetzt: Wandel durch Migration. Gestern waren es die anatolischen Gastarbeiter, heute sind es die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, also nach wie vor überwiegend Muslime.

Gaby dos Santos vor dem Filmplakat von Rüdiger Nüchterns "Nacht der Wölfe, ESM im Dezember 2015

Gaby dos Santos vor dem Plakat von Rüdiger Nüchterns „Nacht der Wölfe“, ESM im Dezember 2015

Die 200 ESM-Oberstufenschüler (der Film ist „besonders wertvoll“, aber erst ab 16!) müssen sich zunächst einmal auf eine Filmerzählung einlassen, die – obgleich rasant genug – analoges Kino bietet und nicht sekundensequenzgewohnte Sehnerven bedient. Aber die aufgebaute Spannung kommt durchaus rüber, wird verstanden und anschließend leidenschaftlich diskutiert, denn Regisseur und Hauptdarsteller stellen sich 35 Jahre nach den Dreharbeiten unseren Schülern zur Diskussion. Rüdiger Nüchtern erläutert sein damaliges Filmkonzept, bestätigt die Vermutung der Schüler, die Story sei keine platte Reality Show, sondern eine Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion, also „Dichtung und Wahrheit“. Aber nur so werde die Realität zur Kenntlichkeit entstellt, so oder ähnlich krass seien damals Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und „Zugereisten“ abgelaufen und die heutige Flüchtlingskrise lasse sich damit durchaus vergleichen. Seinerzeit haben wir Gastarbeiter gerufen und Menschen sind gekommen, jetzt kommen Menschen in Not, ohne dass wir sie ausdrücklich gerufen hätten.

35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms "Nacht der Wölfe" Podiumsdiskussion mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm sein damaliger Hauptdarsteller Ali Arkadas

Regisseur Rüdiger Nüchtern, 35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms „Nacht der Wölfe“, nach einer Vorführung der DVD-Neufassung mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm Hauptdarsteller Ali Arkadas

Interessanterweise konzentrieren sich die Schüler mit ihren Fragen aber auf Ali Arkadas, den türkischen Hauptdarsteller, der im Film tragisch ums Leben kommt, aber „in echt“ eine Ausbildung zum Lackierermeister absolviert und als er als Gastarbeiterkind keine Stelle findet, seinen eigenen Betrieb gründet, der bis heute funktioniert und floriert. Seine Antworten auf die Fragen nach der Botschaft des Korans und dem Bild der Frau sind ebenso einfach wie menschenfreundlich und führen gern bediente beidseitige Fremdheitsmuster ad absurdum. Dabei werden keineswegs alle Fragen geklärt oder Skepsis angesichts der neuen Herausforderungen unter den Teppich gekehrt. Aber: So neu und fremd wirkt das Thema „Migration und Flüchtlinge“ nach der Veranstaltung dann doch nicht mehr und das ist auch gut so, finden alle Beteiligten“.

Als ehemalige Europa-Schülerin und Kooperationspartnerin via jourfixe-muenchen bin ich – wie gesagt – des öfteren in den Genuss einer Veranstaltung aus der Reihe „Europäische Identitäten“ gekommen und so wurde ich während meines Gesprächs mit Roland Jerzewski ein wenig wehmütig, denn er, der Initiator und Leiter dieser Projektreihe tritt im Herbst in den Ruhestand.

Am 6.5. zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto: SPD-Bundesparteitag 2015, Foto: Olaf Kosinsky

Am 6.5.2016 zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto O. Kosinsky

Zuvor wartet er aber noch mit einem ganz besonderen Gast auf: Die SPD-Politikerin und Osteuropa-Expertin Gesine Schwan wird zu und mit den Schüler_Innen sprechen, ein weiterer Höhepunkt der „Europäischen Identitäten“, gerade jetzt, wo das Thema „Polen“ uns Generationen übergreifend beschäftigt.

Und danach? Hoffentlich übernimmt eine/r der Kolleg_Innen, die schon in den vergangenen Jahren dem Projekt ihre Unterstützung mit Rat und Tat haben zukommen lassen, das Ruder! Sicher stellt die Reihe nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar, was den aktuellen Diskurs zur Zukunft der EU anbelangt, aber, um im Bild zu bleiben, aus Tropfen bilden sich mitunter Ströme und gar Ozeane …

Roland_Jerzewski_2016_Portrait_-jourfixe-Blog

Dr. Roland Jerzewski, Projekt-Koordinator der ESM bis Herbst 2016

Jerzewski zieht ein skeptisches Fazit: „Wir wähnten uns schon auf den Weg in einen europäischen Bundesstaat, mit so vielfältigen Regionen wie Katalonien oder Schottland und sehen uns jetzt Sperrgittern gegenüber, vor allem seitens jener relativ neuen Mitgliedern der EU, von denen man sich positive neue Impulse erwartet hatte, als sie euphorisch unter das Schutzdach der europäischen Gemeinschaft gedrängt waren. Und nun führen sie unter anderem ins Feld, sie hätten selbst noch nie längerfristig ihre nationale Identität ausleben können. Das ist ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten geworden.“

Aber auch die Versäumnisse seitens der EU-Kernstaaten kamen bei unserer Unterhaltung zur Sprache: Jahrzehntelange Saturiertheit durch unsere Lebensverhältnisse hätten uns lethargisch und unempfindlich für die geschichtlich einmalige Leistung eines Vereinigten Europas werden lassen, so Jerzewski.

Hinzu kommen, denke ich, 70 Jahre Frieden in weiten Teilen Europas, die die Schrecken eines Krieges offensichtlich beunruhigend abstrakt haben werden lassen, trotz der Jugoslawien-Kriege und der Ukraine-Krise vor unserer europäischen Haustür …

In der Europäischen Schule München

In der Europäischen Schule München Quelle: ESM-Homeage

Die Jugend dürfe dem europäischen Gedanken nicht verloren gehen, warnt Jerzewski eindringlich am Ende unseres Interviews.

Wer die Jugend für sich gewinne, der gewinne auch die Zukunft und die dürfe nicht rückwärtsgewandten Populisten überlassen werden.


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten
Vita von Dr. Roland Jerzewski, Projektkoordinator an der ESM – Europäische Schule München


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Unkuratiert streiten … Die Jahresausstellung 2016 der MKG im Ägyptischen Museum

Vernissagen machen richtig Spaß, wenn die Exponate stilistische Vielfalt aufweisen und die Ausstellenden ohne prätentiöses Gehabe einfach Freude darüber ausstrahlen, sich und ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. Ein gutes Beispiel dafür bot die ungarische Malerin Elisabeth Sorger bei der Jahresausstellung 2016 der Münchner Künstlergenossenschaft:

Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG 2016

Malerin Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG-Jahresausst. 2016

Kunst war immer schon die Berufung, Informatik lange ihr Beruf. Seit Sorger jedoch 1999 ihr „heimisches Atelier“ verlassen hat, blickt sie bereits auf 43 nationale und internationale Ausstellungen zurück, die sie 2014 bis nach San Antonio/Texas in die „Greenhouse Gallery International of fine Art“ führte!

Aktuell gehört Elisabeth Sorger zu den ausgewählten Teilnehmer_Innen der diesjährigen Ausstellung der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868zu deren Vernissage Sorger ihren Landsmann und alten Freund Peter Lang (Artist Studio) und mich eingeladen hatte. Die Begriffe „königlich“ und „priviligiert“ hatten mich im Vorfeld der Veranstaltung fürchten lassen, das Umfeld könne sich als Ansammlung selbstzufriedener Münchner Traditionalisten entpuppen, deren Visionen und persönliche Errungenschaften sich in der großen Vergangenheit ihrer Vorgänger_Innen erschöpfen. Und hatte nicht der zeitweilige MKG Präsident Franz von Lenbach (1836 – 1904) der Gruppe einst sogar den Rücken gekehrt, um eine eigene Künstlerschaft um sich zu scharen, die er nach eben jener Allotria (= Halligalli)-Stimmung benannte, die die MKG vehement abgelehnt haben soll? „Bei uns gibts fei koa Allotria!“ So kolportieren es zumindest Allotrianer.

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Bis heute treffen sie sich wöchentlich im Münchner Künstlerhausvon Allotria-Stimmung  jedoch habe ich während meiner jourfixe-Zeit im Künstlerhaus nicht viel zu spüren bekommen. Im Gegenteil: Unter anderem machte ich mich unbeliebt, weil unser jourfixe-Team ab und zu die historische Kegelbahn als Künstler-Garderobe nutzte und somit eben jenen Raum entweihte, in dem der Prinzregent Luitpold mit Lenbach und seinen Allotrianern einst zu kegeln pflegte! Auch bei anderen Gelegenheiten, wie der Recherche zur Collage über den Alten Südlichen Friedhofwar ich in Kontakt zu Nachfahren illustrer Münchner gekommen, Begegnungen, die ich, als Münchnerin ohne jegliche Vergangenheit, meist als eher frostig empfand. Daher habe ich inzwischen eine zwiespältige Haltung zu Münchner Organisationen und Familien entwickelt, deren Wurzeln in der Gründerzeit oder gar noch davor liegen, vor allem was die Durchführung gemeinsamer künstlerischer Projekte anbelangt. Meiner Meinung nach erfordern kreative Prozesse Hingabe und kein Standesbewusstsein.

MKG-Praesident Nikos_W_Dettmer bei seiner Eröffnungsrede zur MKG Ausstellung 2016

MKG-Praesident Nikos Dettmer bei der Eröffnungsrede

Doch meine Bedenken bezüglich der MKG-Vernissage erwiesen sich schnell als unbegründet. Nach einer erfreulich kurzen und ebenso herzlichen Rede seitens MKG-Präsident Nikos W. Dettmer, überraschte mich die Festrede von Dr. Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses.

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Eine Ansprache, die, zusammengefasst, für kreative Reibung und künstlerischen Wildwuchs als Impulsgeber plädierte, so wie ich sie seit 1999 in den Mittelpunkt meines Konzepts für die Kulturplattform jourfixe-muenchen gestellt, aber nicht aus dem Mund eines Vertreters der Hochkultur erwartet habe. Besagte zwei Impulsgeber verhindern meiner Meinung nach unter anderem, dass künstlerische Endprodukte, seien es nun Bilder, Kompositionen, Literatur oder Bühnenstücke in nichts sagender Perfektion erstarren. Ein künstlerischer „Wurf“ aber bedarf leidenschaftlicher Risikobereitschaft und Kompromisslosigkeit. Kuratoren und Konsens stehen dem leicht auch mal im Weg, vor allem im Frühstadium künstlerischer Entwicklungen. Bravo und merci für Ihre Worte, Dr. Mühling!

"Lebenslinien" - grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

„Lebenslinien“ – grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

Nach den einführenden Reden begegnete uns der Grand Seigneur unter den aktuellen Allotrianern, der offensichtlich den Kolleginnen und Kollegen der MKG die Ehre erweisen wollte: Peter Grassinger, seines Zeichens auch Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses. Seinem unermüdlichen  Einsatz, wie auch dem seiner Frau Maja Grassinger ist zu verdanken, dass das Künstlerhaus der Stadt als kultureller Spielort erhalten bleibt.

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„Minotaurus“-Skulptur, Paul Martin Cambeis, MKG-Ausstellung 2016

Eine schöne Überraschung war es auch, Paul Martin Cambeis wieder zu treffen, dessen künstlerische Vielfalt mich immer neu überrascht. Kennengelernt habe ich ihn als Mitglied des Fastfood-Improtheaters sowie als Maler und Comic-Zeichner. In letzterer Funktion hat er mir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Aufführung der Collage „Cajun Tales“ gerettet, in dem er alle ursprünglich darin enthaltenen Comic-Zeichnungen durch eigene  ersetzte, nachdem uns zwei Wochen vor Termin die Rechte zur Projektion der alten Comic-Bilder entzogen worden waren. Inzwischen ist Martin Cambeis Vorstandsmitglied der MKG und mit – wieder eine neue Facette – gleich mehreren Skulpturen in der Ausstellung vertreten.

Außergewöhnlich ist auch die Location, in der neuerdings die MKG-Jahresausstellungen stattfinden: Das Ägyptische Museum, das nun wieder  einmal, neben Jahrtausende alten Werken, jene von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern beherbergt. Zu einem solchen Wett“Streit“ uralter und moderner sowie sehr unterschiedlicher Kunststile, bedarf es sicher keines Kurators …

Die Jahresausstellung der MKG 2016 ist noch bis Sonntag, 28. April zu sehen, täglich von 10 – 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr, montags geschlossen


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Sängerin Claudia Cane: Calling Us!

„I Am Calling You“ ,  beschwört Claudia Cane mit leiser, fast flüsternder Stimme im Refrain des Songs aus „Bagdad Café“:

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Claudia Cane während ihrer Performance von „I Am Calling You“ aus Bagdad Café im Artist Studio

Coming closer, sweet release
I am calling you
I know you hear me
I am calling you
I am calling you
I know you hear me
I am calling you

Sie wiederholt den Satz wieder und wieder; immer heiserer färbt Sehnsucht Canes Stimme ein, bis sie sich in einem Aufschrei entlädt und so zum Sprachrohr meiner eigenen, lebenslang gesammelten, Sehnsüchte wird. Denn: Eine Stimme, wie die der Cane bedient die komplette emotionale Skala  und projiziert sie ins Publikum, beschwört in der scheinbar ewigen Zeitspanne eines einzigen Songs kollektive Erinnerungen.

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Gaby dos Santos bei der Langen Nacht der Musik 2015

Wäre ich bei der Langen Nacht der Musik nicht von den vielen Vorbereitungsarbeiten bereits erschöpft gewesen, hätte ich das Teilen der Bühne mit dieser Künstlerin noch viel mehr genossen. Nicht nur, weil mir durch ihren Darbietungen neue Ideen für die Fertigstellung  von „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“ kamen, sondern weil Cane für mich genau die Mischung aus Intensität, Selbstvergessenheit und auch Bodenhaftung verkörpert, die aus Talent für mich erst spannende Kunst macht.Claudia_Cane_rot2Stimmumfang und Interpretationsfähigkeit lassen die Cane mühelos den Vergleich zu Janis Joplin bestehen, wobei sie keineswegs eine Kopie ihrer großen Schwester im Geiste darstellt, wie zum Beispiel die zahllosen, unsäglichen Elvis-Imitatoren. Vielmehr ist Cane, neben den emotionalen Qualitäten, gerade in ihrer Authentizität der Joplin so ähnlich und damit auch wieder entfernt:

Eine Cane’sches Powerpaket und keine Joplin’sche Karrikatur. Zugute dürfte dabei Cane auch kommen, was geschäftlich ein Nachteil, aber künstlerisch von Vorteil ist. Sie ist nicht in die Mangel der Musikvermarktung gelandet. Schlecht für Canes Geldbeutel, gut für uns Fans 😉

Claudia_Cane_Ingeborg_Schober_Poptragoedie_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Lange Nacht der Musik 2015

Wieder einmal wird mir bewusst, was für künstlerische Schätze sich im Fundus der Kleinkunst-Bühnen finden lassen, wenn man nur willens ist, sie zu heben … Weltruhm und Weltklasse gehen keineswegs zwingend Hand in Hand!

Das muss die weltberühmte Hardrock-Band ACDC ebenso gesehen haben, mit denen sie mehrfach auf Tour vor übervollen Stadien auftrat.

Sängerin Claudia Cane vor einer Projektion der Pop-Journalistin Ingeborg Schober, der die aktuelle jourfixe-Produktion gewidmet ist

Sängerin Claudia Cane vor einer Projektion der Pop-Journalistin Ingeborg Schober, der die aktuelle jourfixe-Produktion gewidmet ist

Und doch stagniert hier in Deutschland ihre Karriere, zumal Rock-Musik in München schon länger keine Lobby hat und vom Kultur-Establishment, gerne mit leichtem Naserümpfen, übergangen wird. Obgleich ich inzwischen ein alter Hase im Kulturbetrieb bin, ist mir wieder einmal unbegreiflich, dass solche Kunst weitgehend auf kleinen Kunst-Bühnen stattfindet!

Claudia Cane: „I am Calling You!“

Link zu weiteren Fotos der Langen Nacht im Artist Studio, alle Fotos: Klaus Stießberger

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfArchiv2014/15_05_09Trailer_Ingeborg_Schober.html

Link zur Fan-Seite von Claudia Cane

https://www.facebook.com/ClaudiaCaneBand

 

Link zum Artist Tonstudio von Peter Lang

http://www.artist-studio.de/

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Link zur Übersicht aller jourfixe-Blogs

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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Streifzug durch die 68er-Welt des Rock und Pop und weiter bis ins Baskenland

Die Pop-Journalistin Ingeborg Schober, deren Schicksal ich gerade in einer Collage nachempfinde, verbringt mit Udo Lindenberg einen beschwingten Abend im Bayerischen Hof. Danach setzt sie der Rockstar – ganz Kavalier – in ein Taxi. Kaum dass er zurück ins Hotel verschwunden ist, eröffnet Ingeborg dem verdutzen Fahrer, sie habe es sich anders überlegt, die Nacht sei so schön, dass sie lieber zu Fuß gehen wolle. In Wirklichkeit hatte sie einen Abend der Sonderklasse ohne eine müde Mark in der Tasche verbracht … Shit happens!

Austern_Gaby_dos_Santos_High_Society_jourfixe-Blog_Ingeborg Schober

DaSein zwischen Austern … eine gedankliche Assoziation

Ähnliche Situationen erlebe auch ich immer wieder, wie alle – meist Kunstschaffenden – die grenzüberschreitend in der Gesellschaft unterwegs sind, mal neugierig erkundend, mal torkelnd, mal oben und mal unten. „Kein Zahn im Maul, aber La Paloma pfeifen“ lautet ein Spruch, den ich mir in jungen Jahren im Münchner Milieu angeeignet habe. Warum denn auch nicht pfeifen, wenn man dazu willens und in der Lage ist? Wo auch immer. Das Leben an sich kennt ja keine Zulassungsbeschränkungen je nach materieller Lage, Herkunft, politischer oder spiritueller Orientierung. Die unsichtbaren Grenzen zieht sich die Gesellschaft schon ganz von alleine. Und erst dadurch wird eine Situation wie obige, statt als gegeben, als absurd empfunden und das (zeitweilige) Fehlen finanzieller Mittel als ein dringend zu verbergender Makel.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Identitaeten

Ingeborg Schober 2004, Ausschnitte der
Fotos von Stefan M. Prager

Unter der Diskrepanz, gerade in ihren letzten Jahren, zwischen den Live-Style-Möglichkeiten der Kreise in denen sie verkehrte und ihrer eigenen Realität, hat Ingeborg sehr gelitten, hat ein Leben als gescheitert empfunden, das doch von ihr so zielstrebig erforscht, intensiv ausgekostet und auch reflektiert worden ist, dass es alle Anerkennung verdient. Doch die letzten Worte, die sie kurz vor ihrem Tod an ihre „lieben Freunde und Kollegen“ richtet, sind Worte des Bedauerns und der Warnung über ungelebte Träume. Damit hinterlässt Ingeborg zwar eine wirkliche „Message“, wie es Sängerin Claudia Cane während unserer Proben formuliert hat, leider aber auch eine, die die eigenen Meriten übersieht.  Darauf hinweisen kann ich Ingeborg nun nicht mehr, wohl aber ihre Geschichte und ihr Werk in Klang, Ton und Bildern würdigen, mit all den Widersprüchen und Brüchen, die an einer Persönlichkeit das ausmachen, was bleiben wird. Ingeborgs letzte Botschaft hat dankenswerterweise Schauspielerin Krista Posch zu sprechen übernommen. Als ungelernte Sprecherin wäre ich nicht annähernd in der Lage gewesen, den Inhalt so zu vermitteln, wie Krista es getan hat. Ein Gänsehaut-Moment in unserem Porträt „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“. Noch verstärkt wird der durch den rauhen, gefühlsbetonten Gesang von Claudia Cane, die nicht umsonst schon mit ACDC auf der Bühne stand und als  landeseigene Ausgabe einer Janis Joplin gehandelt wird.

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Ingeborg_Schober_Tanz-der-Lemminge_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Elemente des Original Buchcovers von 1979

Tanz der Lemminge“ heißt der Titel von Ingeborgs erstem und inzwischen vergriffenem Buch, nach einem gleichnamigen Song der Underground-Kultband Amon Düül, deren Aufstieg Ingeborg begleitet und beschrieben hat, vor dem Hintergrund der weltweiten Jugendbewegung in den ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahren; die Geschichte des rauschhaften, kollektiven Aufbruchs in ein neues Lebensgefühl, gefolgt von einem Abgesang, der Ingeborg für den Rest ihres Lebens begleiten sollte. Gelesen habe ich das Buch in den Pausen des ökumenischen Kongresses „Heillos gespalten? Segensreich erneuert?, der letzte Woche an der Katholischen Akademie stattfand. Dadurch wanderte ich, gedanklich wie emotional, zwischen dem Aufschrei der 68er und dem großen theologischen Ringen um interkonfessionelle Einigkeit hin und her. Zu meinem Erstaunen merkte ich, dass sich aus der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Glaubens für mein aktuelles Projekt ganz neue Gedankengänge entwickelten. Trotzdem hatte ich meine liebe Mühe, den Ausführungen der Damen und Herren Professoren zu folgen. Mir wurde wieder einmal klar, wie viel mehr ich gerne wüsste und das natürlich bitte sofort!  Zu meinem Glück lernte ich bereits am ersten Abend den Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden Württemberg kennen, Herrn Dr. Haizmann, der mir solange geduldig Fragen beantwortete, bis mich mein schlechtes Gewissen verstummen ließ. Nach zwei Tagen drohte mein Hirn dennoch,  endgültig, auf „Tilt“ zu schalten, so dass ich mich wieder ausschließlich dem Ingeborg-Projekt zu wandte.

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Ingeborg Schober als Grundschülerin

Allmählich weckt die Auseinandersetzung mit Ingeborg und ihrer Generation viel Empathie in mir und die Expedition in die Untiefen von Ingeborgs Schicksal, ein ganz neues Bewusstsein für die Fragilität des Lebens. Da schaut ein kleines Mädchen beflissen von ihrem Buch auf, so rührend jung und ahnungslos, scheint einem direkt in die Augen zu blicken, während man selbst schon das letzte Kapitel ihres Lebens kennt – und um alle Enttäuschungen weiß, die ihrem Tod noch voran gehen werden. So sehr mich dieses Projekt anrührt, so schwer empfinde ich auch die Umsetzung. Nur ganz behutsam lassen sich die einzelnen Elemente an einander fügen, hauptsächlich in Baucharbeit, der Verstand ist einem bei solchen Unterfangen keine Hilfe. Nur kennt die Baucharbeit leider kein Zeitgefühl und der Terminplan drängt.

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Eingangstür zum Artist Studio auf der Rückseite des Künstlerhauses, in der Herzog-Max-Str.

Bereits kommenden Samstag zeigen wir bei der Langen Nacht der Musik 2015, im Artist Studio im Münchner Künstlerhaus, erste Ausschnitte. Dann erst werde ich erkennen, ob ich künstlerisch auf dem richtigen Weg bin oder bis zur Premiere Ende Juni im Gasteig ein da capo der Produktionsarbeit angesagt ist. Seltsamerweise gibt mir erst eine Aufführung vor Publikum, wenn ich meine Arbeit mit den Augen der Zuschauer neu betrachte, Aufschluss über die Qualität meiner Show.  Was das Publikum anbelangt, stand allerdings zeitweilig zu befürchten, dass der Zuschauertest in diesem Jahr weitgehend ausbleiben würde, da Maja Grassinger, Präsidentin des Künstlerhauses, es diesmal ablehnt, die Verbindungstür von Künstlerhaus zu Studio zu öffnen, wie im Vorjahr. Dadurch ist unser Veranstaltungsort nur schwer zu finden. Glücklicherweise hat der Geschäftsführer der Langen Nacht, Ralf Gabriel, für uns eine rettende Lösung gefunden, indem ein Aufbau vor dem BMW-Pavillon unmittelbar auf den Weg zum Studio und auf unsere Veranstaltung hinweisen wird. Mehr zur Veranstaltung, mit weiterführenden Links, findet sich  auf der „Kalenderseite“ unserer Homepage:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfprogramm.html

Eintritt mit Karten zur Langen Nacht der Musik, à € 15,-, können vor Ort im Studio erworben werden. Einlass ab 19.45 Uhr.

Ibon_Zubiaur_Wie_man_Baske_wird_Europaeische_Schule_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ibon Zubiaur präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ den Schülern der Europäischen Schule in München

Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, den ehemaligen Leiter des Instituto Cervantes in München, Ibon Zubiaur, kennen und schätzen zu lernen, als jemand, dessen Esprit sich wohltuend von so mancher gewollten Intelektuellen-Pose im Kultur-Zirkus abhebt. Wohl aber auch deshalb hat er selbigem vor einiger Zeit den Rücken gekehrt, inklusive der damit verbundenen, gut dotierten Festanstellung, um in Berlin als freier Übersetzer und Autor zu arbeiten. Dass ihn Dr. Roland Jerzewski, im Rahmen der groß angelegten Veranstaltungsreihe Europäische Identitäten,

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

erneut an die Europäische Schule in München eingeladen hat, ergibt Sinn, denn Zubiaur vertritt gegenüber den Schülern Kultur in einer Form,  zu der sie einen Draht finden können. Das ist wichtig, denn es hält uns potentielles Kulturpublikum bei der Stange, statt es, wie allzu oft der Fall, schon in jungen Jahren durch Verkopftes zu vergraulen. Hier aber verhieß allein schon der Titel seines neuen Buches gedanklich viel Erquickliches: „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“. Entsprechend entwickelte sich auch der  Vortrag zu einer typischen, für mich ziemlich unwiderstehlichen Zubiaur-Performance, die lässig Wortwitz mit pointierten Ausführungen und Geist verband. Da mir aber nun einmal, wenn mich etwas begeistert, der sachliche Abstand leicht etwas abhanden kommt, lasse ich jetzt lieber Dr. Jerzewski, übrigens seit letztem Jahr mit Gattin Martine auch jourfixe-Mitglied, zu Wort kommen:

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

(…) „Kaum ist der Abschlussapplaus verklungen, da beginnt der spanische Referent auch schon vor neuem Publikum – u.a. mit Gaby dos Santos von der Kulturplattform „jourfixe-muenchen“ und der deutsch-polnischen Übersetzerin Nina Kozlowski – mit der Vorstellung seines ersten auf Deutsch verfassten Buches „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“ und hier ist Zubiaur nunwirklich ganz in seinem Element als Baske, Europäer und Weltbürger. Nationen sind für ihn willkürliche Erfindungen, ganz gleich, ob es sich um die deutsche, spanische oder baskische handelt. Allerdings sei das baskische „nation-building“ ziemlich spät und notgedrungen ziemlich künstlich erfolgt. Das heutige Baskisch sei im Wesentlichen eine philologische Erfindung des 19. Jahrhunderts bzw. der Rebaskisierung der nachfranquistischen Ära. Die in seinem Essay-Band aufgeführten Beispiele sind ebenso beredt wie hanebüchen. Aber: Der 1971 geborene Ibon hat eine baskische Paradeerziehung durchlaufen mit Spanisch als 1. Fremdsprache und spricht bis heute eine Sprache,die im Baskenland nur eine Minderheit beherrscht. Früh ist er also über seine baskische Privatschule in Getxo bei Bilbao in eine Zweisprachigkeit hineingewachsen, die ihn für weitere Sprachen sensibilisierte und zum Übersetzer prädestinierte. Auf Englisch lernte er die Weltliteratur kennen, auf Deutsch lehrt, übersetzt und schreibt er seit fast anderthalb Jahrzehnten, ohne indes seine iberisch-baskische Herkunft zu verleugnen. Identität – ethnische, gesellschaftliche, sexuelle, religiöse – ist fürZubiaur ein „lockeres Band“. Jahrelang sei er mit der Frage konfrontiert worden, ob er sich als Spanier oder als Baske fühle. „Bis heute aber sehne ich mich nach einer gesellschaftlichen Stimmung, in der nicht die Frage zählt, als was ich mich fühle, sondern eher, wie ich mich fühle. Allzu oft aber lautete die Frage bloß: Was bist du? Und mehr als einmal (…) habe ich geantwortet: Athletic-Fan.“ Und genau hier sieht Ibon Zubiaur eine Lösung: Sein Lieblingsverein, der Erstliga-Fußballklub Athletic Bilbao, arbeitet nur mit Spielern aus der Region, aber nicht mit dem nebulösen Kriterium baskischer Abstammung, sondern mit dem nachvollziehbaren von Herkunft und Ansässigkeit. So versammelt derErstligist eine bunte Truppe von Spitzenspielern, auch solchen aus Angola oder Venezuela, die früh genug in baskische Gefilde gelangt sind. Dergestalt überwindet man ausgerechnet im Fußball ein politisches Problem spielerisch. (Roland Jerzewski) 

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Evangelische Kirchen-Eintrittsstelle München, in der Herzog-Wilhelm-Straße 24,Tel. 089/51 26 59 60

Abschließen möchte ich mit einer Einladungskarte, die ich in der evangelischen Kirchen-Eintrittstelle entdeckt habe. Dort waren mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich zu einer Stadtführung (ebenfalls im Rahmen der Recherchen zu unserem Protestantismus-Projekt) geladen, „Protestantische Stätten in München“. Dort lag ein Kärtchen in Regenbogenfarben aus, auf dessen Rückseite fand sich der Spruch:

und jonatan schloss mit david einen bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes herz.“ (1. Samuel 18,3)

Auf den Bibelspruch, auf den ich bereits vor einiger Zeit im Sonntagsblatt aufmerksam geworden war,  folgte der Satz:

„Lesbisch, schwul, bi, hetero oder trans- Gott hat die Welt und seine Geschöpfe ganz schön bunt gemacht! Und alle gehören dazu. Herzlich willkommen in der Evangelischen Kirche!“

Da bin ich doch froh, einer Kirche anzugehören, die schätzungsweise keine Botschafter nach Hause schickt, weil diese bekennend schwul sind, wie kürzlich im Vatikan der Fall.

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Gaudi & Gaudí: Osterblues mit Promis und Presse

„Größtmögliche Präsenz entwickeln, zeigen und bewahren!“ so lautet das A & O in der Kunst-/Kultur und Medienbranche. In diesem Sinne war die Veranstaltung im PresseClub vergangene Woche, mit der biografischen Collage zum 85. Geburtstag der Münchner Künstlerin und Ex-Wirtin des Alten Simpl, Toni Netzle, ein voller PR-Erfolg für die Jubilarin. Unter dem Titel „Toni, die Legende“ hat sie es bis in die BUNTE geschafft, inklusive der von mir organisatorisch und künstlerisch gestalteten Matinee. In die Society-News von MARIE WALDBURG, unter der Rubrik „Was ich wichtig fand“. So weit, so schön, so gut – so haarscharf daneben für mich …!

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Marie Waldburg skizziert sehr anschaulich Atmosphäre und Wirtin in der Collage „Nicht immer Simpl“. Foto: Bunte

Society-Kolumnistin Marie Waldburg, die selbst mit einem O-Ton in meiner Collage vertreten ist, greift in der aktuellen Ausgabe der Bunten (Donnerstag, 01.4.15) nicht nur die Bedeutung des Alten Simpls unter Toni Netzle nochmals auf, sondern beschreibt auch recht detailliert die Matinee selbst.

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Toni mit Christian und Marina Wolff posieren im Foyer

Waldburg listet auf,  wer sich so alles unter den Gästen befunden hat und widmet einige Sätze Christian Wolff und seiner Frau Marina, unter Erwähnung seiner Laudatio.

Unerwähnt bleibt nur Gaby dos Santos, ihres Zeichens immerhin alleinige Organisatorin der Matinee sowie Autorin und Produzentin der dabei aufgeführten „Simpl“-Collage.  „Aua!“ Wohlbemerkt: Wäre dieser Artikel, wie alle anderen aktuellen Pressestimmen, eine allgemeine Würdigung Toni Netzles und ihres Simpls gewesen, dann hätte ich mich über diesen prominent platzierten Beitrag ebenso wenn nicht noch mehr gefreut, wie über die vielen anderen Veröffentlichungen zur Person „Toni Netzle“. Schließlich war das ja Sinn und Zweck meines wochenlangen Engagements: Toni sollte den „größtmöglichen Bahnhof“ zu ihrem 85. Geburtstag erhalten!

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Ilona_Gruebel_Erich_Neureuther_Gabriele_Weißhaeuptl_Stadtrat_Walter_Zoeller_Anita_Bauer_DureAber  mich in einem Artikel, der sich auf die Veranstaltung selbst bezieht, als Initiatorin überhaupt nicht erwähnt zu sehen, sorgt bei mir derzeit für Blues-Stimmung. Gerade die in der sogenannten (vogel)freien Szene tätigen KünstlerInnen wie ich, ohne Budget für flächendeckende Werbemittel, sind auf Presse-Resonanz angewiesen.  Eine Erwähnung in der Bunten wäre meiner Meinung nach also angemessen gewesen. Zwar bin ich nicht prominent, aber dennoch die maßgebliche Kraft dieser Veranstaltung gewesen.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Kuenstlermaske_mit_TraeneIn meinen derzeitigen Frust mischt sich auch noch ein schlechtes Gewissen Toni gegenüber, weil ich mich bezüglich der Waldburg-Kolumne nicht ungetrübt wie sonst mit ihr freuen kann. Zu viele, sehr einsame Stunden künstlerischer Arbeit und Herzblut sind in diese Collage geflossen; viel Raubbau habe ich wieder einmal an mir selbst begehen und mein Innerstes umstülpen müssen, um schöpferisch etwas zu leisten. Vor meinem Inneren Auge musste ich Klang, Text und Bild zeitgleich heraufbeschwören, um sie zu einem neuen Ganzen zu verweben, tagelang, wochenlang, unter immensen Druck einem erlösenden „The End“ nachjagen, das, statt näher zu kommen, sich immer weiter zu entfernen schien.

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Gaby dos Santos während der Matinee für Toni Netzle, am 19.3.15 im PresseClub München

„Ach Gaby“, meinte Angelica Fuss, Geschäftsführerin im PresseClub, am Vortag zu mir, „Du wirst sicher wieder bis in die Nacht an der Collage feilen„. Sie sollte recht behalten. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, um 23 Uhr den Computer abzuschalten und bis Mitternacht auch meinen Geist. Es galt ja, den Herausforderungen der bevorstehenden Matinee einigermaßen fit entgegen zu treten. Soweit der Plan, den ich übrigens immer bei solchen Anlässen fasse, um ihn dann mit schöner Regelmäßigkeit scheitern zu sehen. Diesmal kapitulierte sogar die vorsorglich eingenommene Schlaftablette angesichts meines Endspurt-Adrenalins. Als ich endlich den Rechner herunter fuhr, zeigte er 4 Uhr morgens an. Entsprechend zog auch  diese Veranstaltung wieder wie ein unwirklicher Film an mir vorüber. Und danach lag ich, ebenfalls wie üblich, drei Tage flach. Kein Außenstehender wird je wirklich nachvollziehen können, wie sehr man bei jeder Produktion aufs Neue Raubbau an sich selbst betreibt, bis zu dieser völligen Erschöpfung, die von der Umwelt häufig in Richtung „künstlerisch-hysterische Hypochondrie“ umgedeutet wird.

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Für Reporter-Legende Dagobert Lindlau konnte ich beinahe keinen Platz mehr finden

Den letzten Rest Energie raubt einen regelmäßig die Veranstaltung selbst. Da kann man noch soviel Veranstaltungserfahrung gesammelt haben; irgendein unerwartetes Problem stellt sich immer ein. Diesmal unterlief mir ein Faux Pas bzgl. der Reservierungen: Da mir die bei Empfängen übliche Diskriminierung durch namentliche Reservierungen für sogenannte „wichtige“ Gäste und „freie“ Restplätze-Wahl für das „Fuß“Volk zuwider ist, reserviere ich nur für die Gäste, die aktiv zur Entstehung der Produktion beigetragen haben, in diesem Fall vor allem für meine „O-Tön-Partner“, sowie für die LaudatorInnen und für Behinderte. Aber auch das nur bis ca. 10 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. In diesem Fall waren jedoch fast alle meine O-Töne prominent und erschienen kurz vor knapp. Angelica Fuss klärte mich später auf, dass Promis dies absichtlich so handhaben, um sich nicht allzu lange dem Ansturm von Presse und Neugierigen auszusetzen. Jedenfalls hatte ich meine liebe Not, überhaupt noch Sitzmöglichkeiten für die Spätankömmlinge aufzutun, wobei die Breitners, übrigens sehr angenehme, bodenständige Menschen, sich über einen Platz in Ausgangsnähe durchaus angetan zeigten. Spekulationen zu folge erlaubte ihnen diese Lage, sich gleich nach Ende der Vorstellung der Presse zu entziehen.

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Dennoch erntete ich Tadel seitens einiger Gäste, wie ich denn dazu käme Paul Breitner derart weit hinten zu platzieren …

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Toni mit Christian Bruhn, Komponist und GEMA-Präsident, dahinter Peter Grassinger, Ehrenpräsident Münchner Künstlerhaus, neben ihm Naomi Isaacs

Ebenfalls zum zweiten Mal als Zuschauer war auch der Erfolgskomponist und Präsident der GEMA, Christian Bruhn, erschienen, der mir kürzlich noch ein Interview für die Collage gegeben hatte, obwohl, wie er betonte, er die Livemusik bei der Uraufführung 2012 als „fürchterlich“ empfunden habe. Stimmt, die war damals ziemlich in die Hose gegangen, einfach weil kaum Zeit für Proben geblieben war, nachdem wir als freies Ensemble alle Arbeitsschritte einer Produktion und Aufführung in Personalunion stemmen mussten und müssen. Daher – und weil diesmal überhaupt kein Budget für Musiker-Gagen vorhanden war – beschränkte ich mich beim Überarbeiten der Collage darauf, nur meine  Wenigkeit zum Nulltarif schuften zu lassen und konnte daher Bruhn versichern, dass es diesmal keine Livemusik geben werde. Das muss er missverstanden haben, denn als zum Bildvorspann Jon Michael Winklers wunderschön nostalgisches „Amato“ als Ton-Einspielung erklang, protestierte Bruhn lauthals in den Zuschauerraum hinein: „Sie hatten doch gesagt:’Keine Musik!‘

Einen Moment lang bereute ich, Bruhn nicht schon während unseres Vorgesprächs zum O-Ton-Interview Kontra gegeben zu haben. Gegen Kritik an sich gibt es ja nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Gerade unter Kollegen kann sie sehr hilfreich sein, wenn sie respektvoll eingebracht wird. Den abschätzigen Blick von oben herab, noch dazu seitens eines soviel erfolgreicheren Kollegen, empfinde ich jedoch als ebenso überflüssig wie unangemessen, zumal sich Bruhn & Co. sehr umschauen würden, wenn sie auch nur eine Produktion unter den Umständen stemmen müssten, unter denen die Freie Szene routinemäßig ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht. Mir fordert ein solches Stehvermögen jedenfalls Hochachtung ab. Nicht zuletzt deshalb hatte ich nur aus Rücksicht zu Toni seinerzeit Christian Bruhn gegenüber meinen Mund gehalten. Ist es vielleicht die Angst, den errungenen Erfolg zu verlieren und wieder auf dem Boden kleinkünstlerischer Realität aufzuschlagen, der so manchen etablierten Künstler derart arrogant gegenüber weniger erfolgreichen oder talentierten KollegInnen auftreten lässt?

Toni_Netzle_Michaela_May_Christian_Wolff_Christian_Bruhn_Naomi_Isaacs_Tatjana_Lukina_Mir_Ralph_Siegel_Nicht_immer_Simpl_Collage_jourfixe-muenchen_Gaby_dos_Santos_PresseClub-MuenchenDanach kehrte glücklicherweise Ruhe ein und während der Show herrschte „Emotion pur“. Man verging gemeinsam vor Rührung, verlor sich gemeinsam in nostalgischen Simpl-Reminiszenzen und lachte gemeinsam. Die Hohe Kunst der Toni Netzle, Menschen unterschiedlichster Couleur zusammen zu führen, kam hier wieder einmal zum Tragen und meiner Collage außerordentlich zugute. Ein Publikum das derart „mitgeht“, hat man selten zu Gast! Entsprechend endete die Vorstellung in einem sehr warmen Applaus, mit einer zu Tränen gerührten Toni; für beides bin ich aufrichtig dankbar. Ebenso für die halbe Stunde, die sich Ralf Gabriel, Geschäftsführer der Kultur-GmbH aus seiner übervollen Agenda schälte, um zumindest kurz seine Aufwartung zu machen, obwohl einen Tag später seine Münchner Stiftungswoche startete. Dankbar bin ich auch für das Angebot einer Cutterin, meine Collage in ihrer Firma für „mau“ in eine „Simpl“-DVD zu konvertieren, nach der zahlreiche Gäste nach der Vorstellung gefragt hatten.

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Reprise der Collage „Nicht immer Simpl – Toni Netzle“, MI, 6. Mai, 18.30 Uhr, Hanns Seidel Stiftung, Lazarettstr. 33, Eintritt frei

Besonders erfreulich und eine schöne Bestätigung ist für Toni und mich, dass eine der anwesenden Gäste, die Moderatorin und Regisseurin Christine Weissbarth uns vom Fleck weg ein Anschluss-Engagement an die renommierte Hanns Seidel Stiftung verschafft hat, das sie selbst moderieren wird. Details in der Info-Broschüre:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Bilder2014/Toni_Netzle_2015_Simpl_Collage_Gaby_dos_Santos.pdf

Man sollte also wirklich nicht zulassen, dass Erschöpfung und Frust einem dauerhaft den Blick verhängen! In den über zwanzig Jahren, die ich nun als Kunst- und Kulturschaffende unterwegs bin, habe ich viel Schönes, Berührendes und Anregendes erleben dürfen, doch geprägt haben mich leider vor allem die unvermeidlichen Rückschläge und Härten des Metiers, obgleich mich ja niemand gezwungen hat, diesen Weg einzuschlagen, der mein(e) Beruf(ung) wurde.

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Toni Netzle fotografiert von Werner Bauer

Zurück zur Matinee:  Als ich bemerkte, dass sich ein junger Journalist im Türrahmen eingefunden hatte und fleißig Notizen machte, freute ich mich sehr. Ein weiterer „Toni“-Artikel stand in Aussicht und erschien dann auch pünktlich in der Wochenend-Ausgabe der AZ, gab aber nicht wirklich Anlass zu wilder Freude: „Gaudi ist ihr wichtiger als Geld“ lautete sinngemäß (da mir von Toni nur telefonisch wiedergegeben) der Eyecatcher im Titel. Tonis typisch trockener Kommentar: „Ich kenne nur einen Gaudí (Antoni) und der hat in Barcelona gebaut.“

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Keine „Gaudi“ in Toni Netzles Vokabular, nur Architekt Gaudí!

„Gaudi“ steht in Bayern für jene Art „kracherter“, schenkelklopfender Heiterkeit, der man in bei Fasching, Oktoberfest und mitunter auf weißblauen Volksbühnen begegnet, Anlässe, die Toni allesamt ein Gräuel sind, seit jeher. Vielleicht auch, weil diese Formen des Entertainments stets mit reichlich bayerischem Bier heruntergespült werden wollen. Doch Toni trinkt – ebenfalls seit jeher – leider nur Tee ..!

Auf bundesweite Bühnenebene übertragen, ist Gaudi eine baiuwarische Begleiterscheinung von Comedy, die Antithese zum Kabarett.

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Einleitende Bildprojektion zum Auftritt von Wolfgang Neuss im Alten Simpl

Einer der führenden Kabarettisten der 50er bis 70er Jahre war Wolfgang Neuss, ein ganz, ganz böser Bube des damaligen Politkabaretts, im allerbesten Sinne. Dass dieser Star tatsächlich im Alten Simpl aufgetreten ist, ist auf die Hingabe Tonis der Kunst gegenüber zurückführen, die bezeichnend für ihre Lebenseinstellung ist, und in der ich mich stark wiederfinde. Daher habe ich diese Episode in die Collage integriert. Da Ruhm vergänglich ist, habe ich der ersten Bildprojektion einen erläuternden Untertitel hinzugefügt, aus Rücksicht auf die Jüngeren im Publikum …

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Ausschnitt einer weiteren Bildprojektion zum Auftritt von Wolfang Neuss im Simpl, Foto Heinz Gebhardt

Hier ein Skript-Auszug, aus dem sich ableiten lässt, dass das Engagement von Neuss in den Simpl mit einem Bedürfnis nach „Gaudi“ so gar nichts zu tun hatte:

Ton-Einblendung Toni Netzle  (liest aus ihren Memoiren über einen Simpl-Abend mit Wolfgang Neuss): (…) Sein Programm war so frech, so böse, so wahr, dass einem der Atem stockte. Das war einer der Abende, in denen ich glücklich wie ein kleines Kind in einer Ecke saß, fast heulend vor Freude. So wollte ich meinen SIMPL immer haben. Das war die Erfüllung meiner Träume. An die materielle Seite dachte ich in solchen Momenten überhaupt nicht, denn ein finanzieller Erfolg war das natürlich nicht. Im Gegenteil, es hat mich wahnsinnig viel Geld gekostet, aber was macht das schon? Die ganze Stadt sprach über diesen Abend. Die Zeitungen waren voll, über einen Kabarettabend, den ich mir wirklich nicht habe leisten können. Gott sei Dank habe ich mir solche finanziellen Desaster öfter gegönnt. Es musste einfach sein. Da gab es keinen anderen Weg. Auch das gehörte zu meinem Leben.“

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Bei aller Einsicht darüber, dass Schlagzeilen Aufmerksamkeit erregen müssen, ein Titel wie „Gaudi wichtiger als Geld“ schmerzt, ganz besonders als Headline über ihrem Zeitungsportrait, denn er erzeugt eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was die Persönlichkeit von Toni ausmachte und ausmacht.

Toni Netzle ist eine Grande Dame der Münchner Künstlerszene, die die Kunst beherrscht, hörbar und direkt dennoch ganz leise Töne anzuschlagen. Obgleich sie aus einer der großen alten Münchner Familien stammt, steht sie für Antoni Gaudí und so gar nicht für bayerische Gaudi – vielleicht auch gerade deshalb …

Was meinen Oster-Blues anbelangt: Offensichtlich stimmt bei mir die Balance zwischen Arbeitsaufwand und künstlerischer wie finanzieller Genugtuung nicht mehr wirklich. Gerade tüftle ich für meine nächsten Jahre, nach Beendigung der noch fest anliegenden Projekte, neue Spielwiesen aus, mit mehr Auslauf für die narzisstische Komponente meiner Persönlichkeit und mit weniger Möglichkeiten mir die positiven Sichtweisen zu verstellen. Ja, es wird langsam aber sicher Zeit für ganz neue Herausforderungen!

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Zum Verzeichnis aller Blogs, unter denen der vorherige detailliert auf Toni Netzle, den Alten Simpl und die Simpl-Collage eingeht, findet sich unter nachstehendem Link:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Alle Fotos der Veranstaltung stammen von Johannes Schwepfinger/Vorstandsmitglied im PresseClub München,

ein Portrait-Foto von Toni Netzle stammt von Werner Bauer (s. Untertitel)

bei den anderen Abbildungen handelt es sich um eigene Bildcollagen.

 

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