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Jürgen Draeger – Aus dem Füllhorn eines Künstlers und Kultur-Chronisten

Dass Jürgen Draeger schon mit 19 Jahren, menschlich wie künstlerisch, den erfolgreichen Textdichter Bruno Balz nachhaltig beeindruckte, wundert mich nicht: Der Schauspieler, Maler und Kultur-Chronist Jürgen Draeger zählt zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten, die mir je begegnet sind. Mitunter höre und sehe ich Jahre nichts von ihm. Lebt jedoch der Kontakt wieder auf, so kann ich davon ausgehen, dass er einmal mehr Überraschendes für mich in petto haben wird, denn diesem Mann gehen Ideen, weitreichende Pläne und künstlerische Inspirationen nie aus!

Der künstlerisch vielseitige Jürgen Draeger, 2013, in seinem Berliner Atelier; Quelle: Wikipedia

Da ich bis Ende der 70er Jahre im Ausland gelebt habe, klärte mich erst meine Freundin, die ehemalige Prominentenwirtin in Münchens Alten Simpl,  Toni Netzle, über meinen „Zeitzeugen“ auf, in der für sie typischen, baiuwarisch-trockenen Art: Jürgen Draeger? Ja der ist doch selbst eine DIVA!“

Jürgen Draeger bei der Uraufführung der Bruno-Balz-Collage, Allotria Keller, Münchner Künstlerhaus, 2004

In der Tat beeindruckt die Vielfalt der Lebensstationen Jürgen Draegers: Sein erster Bühnenerfolg wurde am Schillertheater Berlin eine Rolle in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Mit einer Hauptrolle in Jürgen Rolands Film „Polizeirevier Davidswache“ wurde Draeger 1964 über Nacht zum Idol der jungen Generation. (…) Für den Film „Roma“ engagierte ihn Federico Fellini 1971 als Kostüm- und Dekorzeichner. Draeger studierte 1975 auf Oskar Kokoschkas Sommerakademie in Salzburg die Technik von Radierungen und Kupferstichen. Für eine Reportage über den Maler Marc Chagall wurde Draeger vom Magazin Stern als Fotograf verpflichtet. Ebenso fotografierte er Porträts für das Zeit-Magazin. (…) In den 1970er-Jahren lebte der Künstler vor allem in München.  (Quelle: Wikipedia)

Von Jürgen Draeger – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0: Pastell auf handgeschöpften Büttenpapier 51,5 x 76,5 cm, März 1982 „Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau als Madame Lysiane“ in dem letzten Rainer Werner Fassbinder Film „QUERELLE“ nach dem gleichnamigen Roman von Jean Genet. Das Bildnis ist während einer Drehpause im CCC-Filmstudio Berlin in der Dekoration des Oscar-Preisträgers Rolf Zehetbauer („Cabaret„) entstanden. Das Kostüm stammt von Babara Baum.“

Auf Wunsch des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder begleitete Jürgen Draeger zeichnerisch 1982 die Verfilmung des „Skandal-Romans“ Querelle von Jean Genet im Berliner Filmstudio. (…)  Am 14. März 1988 verstarb sein Lebensgefährte Bruno Balz in BadWiessee.

Die Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical Kann denn Liebe Sünde sein?“ zeigt u.a.  Jürgen Draeger mit Bruno Balz auf einer gemeinsamen Schiffsreise

Jürgen Draeger überführt seinen Freund zurück in die Heimatstadt Berlin. Nach einer Karenzzeit von 10 Jahren, die sich Bruno Balz ausbedungen hatte, beginnt Draeger, vom wechselvollen und auch tragischen Schicksal des Menschen Bruno Balz hinter der Glamourfassade des  UFA-Texters Zeugnis abzulegen.

20 Jahre nach dem Tod des Textdichters Bruno Balz, veröffentlicht die Stadt Berlin folgende Pressemitteilung: Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen nimmt teil an der Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren des Textdichters Bruno Balz durch Kulturstaatssekretär André Schmitz am morgigen Mittwoch, dem 21.5.2008, um 16.00 Uhr, an dem Haus Fasanenstr. 60, 10719 Berlin. Die Würdigung werden der Komponist und Aufsichtsratsvorsitzende der GEMA, Prof. Christian Bruhn und der Schauspieler und Maler Jürgen Draeger vornehmen.

Auf Grundlage der Gedenktafel für Bruno Balz eine Bildcollage aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“

Jürgen Draeger sitzt auf einem mit rotem Samt bezogenen Sofa, das einst Zarah Leander gehörte, in seiner Wohnung in Berlin-Mitte am Monbijouxpark, 220 Quadratmeter groß. (…) So nachzulesen im Beitrag von Björn Stephan im SZ-Magazin (April 2018). Das erinnert mich an meine erste Begegnung mit Jürgen Draeger, 2004. Damals traute ich mich kaum, am Ende jener dunkelroten Polster Platz zu nehmen, auf denen Jahrzehnte zuvor  die legendäre Zarah zu ruhen pflegte 😉 Nach Berlin geführt hatte mich die Recherche zu meinem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz„. Geplant war lediglich ein Zeitzeugen-Interview mit Jürgen Draeger, als Grundlage für ein Musikportrait.

Textdichter Bruno Balz versorgte erfolgreich das „Who is Who“ der UFA mit Durchhaltesongs; Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? „

Beim Abhören des Gespräch-Mitschnitts, der nur als Gedächtnisstütze hätte dienen sollen, stellte ich fest, wie sehr Jürgen Draegers Schilderungen fesselten! So sehr, dass ich sie nicht nur in das Skript abtippte, sondern auch gleich, in Form von O-Ton-Einblendungen, in die Produktion integrierte. Nicht immer weisen diese Tondateien Runfunk-Qualität auf, da sie aber spontan entstanden, bilden sie auf wahrhaftige Weise ein bis dahin beinahe unbekanntes Kapitel deutscher Kulturgeschichte ab: Der Überlebenskampf eines homosexuellen Künstlers, sowohl im Dritten Reich, als auch noch in der Adenauer-Ära, in der Homosexualität, laut Paragraph 175, weiterhin unter Strafe stand! 

Verwoben mit Bildcollagen aus dem umfassenden Bild- und Dokumente-Material, das Jürgen Draeger mir zur Verfügung stellte, entstand ein farbiger Multimedia-Teil, den ich mit Textvortrag und vor allem mit zahlreichen Livesongs aus dem umfassenden Repertoire von Bruno Balz kombinierte.

Während meines vierstündigen Interviews hatte mich Jürgen Draeger weit hinter die Gute-Laune-Fassade weltberühmter UFA-Songs wie „Sing, Nachtigall sing„, „Waldemar“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“ blicken lassen. Der Lebensrealität ihres Schöpfers gegenüber gestellt, eröffnete sich mir die ungeahnte Doppelbödigkeit der Balz’schen Texte, durch die sich der Autor stets seine Freiräume bewahrt hatte. Um diesen Umstand besser zu veranschaulichen, interpretiert in meiner Bühnenfassung inzwischen ein Mann, der Münchner Chansonnier Albrecht von Weech die unsterblichen Lieder. Mit Komponist und Musikproduzent Thomas Erich Killinger am Piano, habe ich das Konzept eines männlichen Lied-Interpreten für die Balz-Songs zuletzt 2016, im NS-Dokumentationszentrum in München, im Vorfeld der Eröffnung des Denkmals für die im Dritten Reich verfolgten Münchner Homosexuellen, umgesetzt. (Siehe hierzu auch den jourfixe-Blogbeitrag  „Rosa Winkel“ )

Meine Balz-Biografie wurde in den letzten Jahren in verschiedenen Bühnen, im Kulturzentrum Gasteig, in der VHS und schließlich auch im NS-Dokumentationszentrum in München aufgeführt. Tatsächlich aber gehört sie, mit all ihren Bilddokumenten, Texten sowie Draegers O-Tönen endlich einmal in Berlin erzählt, der Heimatstadt von Balz und Draeger. Und auch meine Geburtsstadt – und lebenslanger Sehnsuchtsort … Zurück in diese Stadt geführt hat mich letztlich immer wieder Bruno Balz, erstmals, nach Jahrzehnten der Abwesenheit, 2004 und zuletzt Anfang dieses Jahres, auf der Suche nach einer angemessenen Bühne für „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

Das „Delphi“-Theater in Berlin: Unscheinbare Aussenfassade, überwältigendes Innenleben …

Mit dem „Delphi-Theater“, einem ehemaligen Stummfilmkino aus den 20er Jahren wäre der ideale Spielort eigentlich auch schon gefunden. Berlin beschwört per se an allen Ecken  seine Vergangenheit als Mekka internationaler Kunst und Kultur herauf. Doch noch mehr Patina strahlt, in seiner Geschlossenheit, das Ambiente des Delphi aus, nicht zufällig kürzlich auch Drehort von Babylon Berlin! Zugleich vermittelt die wuchtige Gewölbestruktur ein Gefühl steinerner Dominanz, ideal für die Thematik meiner Biografie. Einer dortigen Aufführung im Weg steht bislang vor allem die noch ungeklärte Finanzierung, um die ich mich erst werde kümmern können, wenn meine aktuelle Produktion zum 100. Todestag der „barfüßigen“ Gräfin Franziska zu Reventlow Ende Juli abgeschlossen ist.

Inzwischen gibt es auch bezüglich Jürgen Draeger – wie könnte es anders sein 😉 – viel Neues zu vermelden. Im Oktober letzten Jahres hat er geheiratet. Sein Mann Pietro kümmert sich inzwischen als „Graue Eminenz“ um das Allround-Management des Künstlers.

Im Artist Studio von Peter Lang (links), UG, im Münchner Künstlerhaus, daneben Robert Eckert/Isarflimmern TV, Gaby dos Santos und ganz rechts Pietro Draeger

Letzten Freitag habe ich Pietro Draeger persönlich  im Artist Studio München kennengelernt, anlässlich eines Treffens gemeinsam mit Robert Eckert, Geschäftsführer von Isarflimmern TV und dabei erfahren, dass Jürgen Draeger derzeit eine autobiografische Werkschau auf !Kuba vorbereitet. Dazu hat das Ehepaar Draeger in letzter Zeit die Karibik-Insel häufiger besucht und steht in regem Austausch mit dem kubanischen Botschafter in Berlin und seinem deutschen Amtskollegen in Havanna.

Auch ein filmisches Portrait über Jürgen Draeger ist derzeit im Gespräch, und ich hoffe sehr, dass es verwirklicht wird, soviel Spannendes wie dieser Mann aus seinem „Jahrhundertleben“ (Zitat Süddeutsche Zeitung) als Künstler und Zeitzeuge zu berichten hat, und das, über die Geschichte seiner Lebensfreundschaft mit Bruno Balz hinaus, unbedingt dokumentiert gehört!

Was nicht bedeuten soll, dass Bruno Balz jemals jemanden ganz aus seinem Bann entlässt: Seit Januar 2013 arbeitet Jürgen Draeger an seinem neuen Bilderzyklus „Sünde sein“, einer Hommage an den Textdichter Bruno Balz …  (Quelle: Wikipedia)


Weiterführende Links:

 ATELIER DRAEGER im Rathenau-Saal   

Jürgen Draeger auf Wikipedia  –  SZ-Portrait 2018

Das Bruno Balz Archiv             www.bruno-balz.com

Kann denn Liebe Sünde sein? “ >  jourfixe-Historical von Gaby dos Santos, erzählt in O-Tönen von Jürgen Draeger


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MASSEL TOV: Eine Band, fünf virtuose Solisten und ein fulminantes Potpurri osteuropäischer Musiken

Masel tov (מזל טוב) ist jiddisch bzw. hebräisch und bedeutet frei übersetzt Viel Glück oder Viel Erfolg. Der hat die gleichnamige Band durch eine bemerkenswerte musikalische Laufbahn begleitet, die in meiner damaligen Kleinkunstbühne Wirtshaus zum Isartal begann.

Das „Wirtshaus zum Isartal“ in München, 1994 als Kleinkunstbühne von Gaby dos Santos (Bildcollage) eingeführt

Aus diesem Grund liegt mir bis heute diese Band persönlich am Herzen. Deren Debüt allerdings gestaltete sich für mich alles andere als reibungslos, denn ich hielt sie versehentlich für ein Duo, bestehend aus einem Gitarristen, an dessen Namen ich mich nicht mehr  erinnere und der Sängerin Andrea Pancur, damals – und für viele Jahre in Folge – die treibende Kraft dieses Ensembles. Anlass für das Engagement war meine jiddische Trilogie „Lachen und Weinen – Beinahe ein Fest!“ und für den Abend hatte ich bereits die Klezmer-Jazzband „Nunu“ engagiert und somit plötzlich eine Band zuviel! Aber schon damals entfachte Massel Tov aus dem Stand ein Klangfeuerwerk, dem sich niemand zu entziehen vermochte, auch ich nicht, schnöder Mammon hin oder her. Bald darauf überwarf sich der Front-Gitarrist mit der Band.

Zarko Mrdjanov, nicht nur virtuoser Gitarrist, sondern auch versierter Conférencier mit kabarettistischen Anleihen

Daraufhin vermittelte ich an Massel Tov meinen serbischen Freund Zarko Mrdjanov, den ich Jahre zuvor, während Vodka durchtränkter Nächte, in einer „Russischen Datscha“ im Lehel kennengelernt hatte, als versierten Gitarristen, zudem ausgestattet mit schelmischer Beobachtungsgabe – Qualitäten, die ihn noch heute, als Gitarristen und nicht zuletzt Conférencier der Band auszeichnen!

Die blickt auf eine nunmehr 18jährige Erfolgschronik zurück, die das Ensemble on tour durch ganz Europa und weiter bis nach Israel führte, letzteres sogar auf Einladung des Israelischen Staates, eine seltene Ehre für eine nicht jüdische Klezmerband! Ein Höhepunkt der Band-Karriere war sicher der Auftritt vor Klezmer-Legende Giora Feidman höchst persönlich, für den jemand privat Massel Tov als personifiziertes Geburtstagsgeschenk engagiert hatte!
Entsprechend breitgefächert ist inzwischen die Referenzliste. Nach der Trennung von Leadsängerin und Band-Gründerin Andrea Pancur hat sich das Kernensemble akribisch ein neues musikalisches Konzept erarbeitet.

Mit Leidenschaft und Hingabe … Die Ensemble-Mitglieder Florian Ewald (vorne), Tatjana Mischenko und Steffen Müller während eines Auftritts des Massel Tov Quintetts

Als Quintett legt Massel Tov seinen Schwerpunkt nunmehr
  • auf 3–stimmigen Gesang
  • auf das Ausarbeiten solistischer Höhepunkte der einzelnen Bandmitglieder
  • auf ein themenorientiertes Programmangebot, welches sich konkreter darstellen/bewerben und in Veranstaltungsreihen/Festivalprogramme einfügen läßt (…) Quelle: www.masseltov.com

Über ihr großes Repertoire an Klezmer und jüdischer Musik hinaus, wendet sich das Quintett in seinem neuen Programm auch der Musik anderer Volksgruppen Osteuropas zu, die in Beziehung zum Klezmer steht oder ihn unmittelbar beeinflusst hat, wie z.B. die der Bulgaren, Rumänen oder auch der Roma. In einer gelungenen Mischung legt Massel-Tov auf wunderbare Weise die musikalische Wechselwirkung zwischen diesen verschiedenen und doch ähnlichen Klangwelten offen. Das führt die Musiker über die traditionelle Spielweisen reiner Klezmerbands hinaus. Auch auf die Spuren jüdischer Emigranten „vom Schtetl in die Neue Welt“ begibt sich die Band, mit einigen Preziosen aus dem Repertoire des „Jiddisch Swing“ Amerikas.

Durch solcherart Vielfalt, gepaart mit fantasievollen Arrangements, innig empfunden und virtuos intoniert, begeistert und überrascht mich Massel Tov auch nach fast zwei Jahrzehnten noch immer und immer wieder neu, nicht zuletzt auf Grund der ausgeprägten Persönlichkeit der einzelnen MusikerInnen, die ich daher auch im Musikteil eigener Produktionen eingesetzt habe.

Titelbild „Kein Applaus für Podmanitzki“: Zarko Mrdjanov, Andrea Pancur, Florian Ewald vor dem Münchner Künstlerhaus; Foto Werner Bauer

So begleiteten Pancur, Ewald und Mrdjanov musikalisch meine Adaption der Satire „Kein Applaus für Podmanitzki“ bei der Uraufführung 2006, im Programm der Jüdischen Kulturtage. Flötistin Tatjana Mischenko wiederum verzauberte 2013 im Musikteil meines Historicals „450 Jahre Alter Südlicher Friedhof„, unter anderem im direkten Duett-Vergleich mit dem Gesang von Vögeln (als Toneinspielung) …

Tatjana Mischenko und Steffen Müller 2017 beim „Dance Mob“ von Terry Swartzberg

Bassist Steffen Müller gehört zu den Musikern, die, neben konzertanten Auftritten, auch immer wieder die unmittelbarste Begegnung mit dem Publikum suchen, die es gibt: Die als Straßenmusiker in spannenden Formationen.

Vervollständigt wird das Quintett durch Harald Starken, der seit 2011 bei Massel Tov als Perkussionist den Takt angibt.

Jeder ein herausragender Solist, sind sie gemeinsam: Massel Tov


MASSEL TOV im März in München:

SO. 04.03.18. Einl.: 10 Uhr. Beginn: 11 Uhr.
Frühschoppen mit Massel Tov – Fraunhofer Wirtshaus Fraunhoferstr. 9

DI, 06.03.2018 Beginn: 20:00 Uhr, Konzert mit Massel Tov 
„KLEZMER TRIFFT BALKAN“
Ars Musica im Stemmerhof, Plinganserstr. 6,
Vorverkauf: reservierung@ars-musica-muenchen.de


„MASSEL TOV fünf“ – Die aktuelle CD 
€ 18,- zzgl. € 1,45 Versandkosten  –  ab sofort zu bestellen im   Massel–Tov–Shop
Produziert im   Artist Studio von  Peter Lang


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„Der Turm rockt!“ – Zur Entstehung des Rockmuseums im Olympiaturm und zum Jubiläumsprogramm am SO, 25.2.18: Führungen ab 11 Uhr, Claudia Cane & Band, 15 Uhr

50 Jahre Olympiaturm und der Turm rockt! Das hätten sich die Erbauer des Münchner Olympiaturms seinerzeit so nicht träumen lassen: Dass sich eines Tages „ihr Turm“, das höchste Gebäude Münchens, zur Anlaufstelle für Rockmusik-Fans aus aller Welt entwickeln würde!

Dank einer visionären Initiative, im Alleingang von Herbert und Gabi Hauke sowie Arno Frank Eser gestemmt, eröffnete 2004 das Rockmuseum Munich im ersten Stock des Olympiaturms. Die BesucherInnen erwarten dort faszinierende Exponate aus der internationalen Rockszene: “ (…) signierte Schallplatten, Poster, Bühnen-Outfits, Fotos, Dokumente, Instrumente, Tickets und vieles mehr. Darüber hinaus viele Events wie Konzerte, Lesungen und spezielle Foto-Ausstellungen. Seit kurzem gibt es sogar eine App, die all das zeigt, was aus Platzmangel auf dem Olympiaturm nicht live zeigt werden kann,“ erläutern die Betreiber. Für ihr Museum hatten sie Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, Klinken putzen müssen. Ein ehemaliger städtischer Vertreter der Münchner Kulturszene beschied Hauke und Eser damals (sinngem.) München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige …

Längst freut sich auch die Landeshauptstadt München über diese weitere, originelle Adresse in ihrer Museenlandschaft und erwähnt sie ganz selbstverständlich auf ihrem offiziellen Internetportal: „Bei der Eröffnung war reichlich Rock-Prominenz vertreten: Uriah Heep, Drummer Pete York, Leslie Mandoki oder der Isarindianer Willy Michl. ( mehr …)

Tja, … und eine gewisse Gaby dos Santos mischte sich damals auch unter das Eröffnungspublikum 😉 Als Begleiterin der Musikjournalistin Ingeborg Schober. Zu der Zeit ahnte niemand, dass Schober dort, im Duo mit ihrem Gitarristen Bernhard Weber, einige der letzten Auftritte ihres Lebens bestreiten würde; Lesungen aus ihren zahlreichen Musikbiografien, zu Jim Morrison oder Janis Joplin sowie aus ihrer letzten Veröffentlichung Poptragödien, in denen sie tragische Momentaufnahmen im Leben internationaler Popstars skizziert. Damals hatte ihr eigenes Leben bereits eine tragische Wendung genommen, vor allem finanziell. Daher organisierten mein Freund Henning Halfpap, damals beim  jourfixe-muenchen für IT- und Technik zuständig, und ich kostenlos Equipment aus dem Artist Studio München und fuhren via Lift – gefühlt – jedes Teil einzeln  in den ersten Stock zur Lesung. Der Aufwand lohnte: Die intime Atmosphäre auf Tuchfühlung mit Exponaten unserer Jugendidole, von denen uns Ingeborg Schober mit der ihr eigenen, rauchigen Stimme erzählte, dazu der Rundumblick über das nächtlich beleuchtete München …

Janis Joplin, dahinter Claudia Cane und im Vordergrund Ingeborg Schober, vereint in einer Bildcollage aus „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“, für die mir auch Herbert Hauke einen O-Ton beisteuerte

2015 interviewte ich dann Rockmuseum-Chef Herbert Hauke zum 5. Todestag von Ingeborg Schober, zu dem ich ein gerade ein Portrait vorbereitete: Ingeborg Schober – eine Poptragödie. In selbiger Produktion übernahm unser jourfixe-Mitglied – und Deutschlands Antwort auf Janis Joplin – Claudia Cane, den Gesangspart. Ende Februar 2018 schließen sich nun wieder einmal Kreise:

Am 25.2.18, 15 Uhr, rocken Claudia Cane & Band dem Oly-Turm ein Geburtstagsständchen

Zum 50. Geburtstag des Münchner Olympiaturms, am So, 25.2.2018, neben launigen Führungen der Museumsgründer durch die kleine, feine Ausstellung, um 11:00 Uhr, um 14:00 Uhr und um 16:00 Uhr, spielen Claudia Cane und Band um 15:00 Uhr im Rockmuseum auf„weil Rock nur lebt, wenn er rockt,“ so die Veranstalter.

Sollte Ingeborg Schober, die die Idee eines Rockmuseums in München von Anfang an unterstützt hatte, am Sonntag von Wolke Sieben aus zusehen, wird ihr das bunte Treiben im ersten Stock des „Oly-Turms“ gefallen, dessen bin ich mir ganz sicher …

Yeahhh …

Das Rockmuseum Munich auf Facebook     sowie auf der Homepage unter >>>  www.rockmuseum.de


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„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link
(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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„That’s It“ – Gedanken und Reminiszenzen zum Tod von SPD-Politiker Horst Ehmke

„Toni Netzle … ja das ist schon endlos lange her. In Tonis Simpel traf sich alle Welt und wurde dabei zu einer anderen Welt: Bunter, lockerer, toleranter …“
Es war ein damals schon unendlich müde klingender, zurück gezogen lebender HORST EHMKE, der mir 2012 obige Aussagen zu Toni Netzle und ihrem Alten Simpl ins Telefon diktierte. Lange diskutierten Artist-Studio-Chef Peter Lang und ich danach, ob wir das Material für unsere Produktion überhaupt verwenden sollten. Einerseits stellte dieses Telefon-Interview ein Zeitdokument dar, andererseits führte es mit schonungsloser Offenheit die Flüchtigkeit des Lebens vor.  Ausschlaggebend  waren für mich schließlich die Werte, die Horst Ehmke als Gütesiegel für das Lokal aufzählte: „Bunter, lockerer, toleranter …“ 

Horst Ehmke flippert mit Toni Netzle in deren historischem Alten Simpl, umm 1980

Diese Eigenschaften erschienen ihm im Rückblick als erwähnenswert am Alten Simpl, nicht die mondäne Aura, die ein solches Lokal umgibt. Die schien ihm nur Beigabe gewesen zu sein, denn mit keinem Wort erwähnte er die Prominenz aus Politik, Showbiz, Industrie und Wirtschaft, mit der er im kleinen Simpl-Büro so manches ausgeheckt, am Tresen gefeiert oder geflippert hatte, mit allen auf Augenhöhe, als einer von ihnen. Kein „names dropping“, wie bei so vielen anderen, hinter denen eine große Zeit liegt. Das hat mich berührt. Dass Ehmke vor allem den respektvollen Umgang geschätzt hat, den die Gäste im Alten Simpl miteinander pflegten, sagt einiges über den Menschen Horst Ehmke aus, der abschließend resümierte: Ohne Simpl wäre Toni nichts, aber auch der Simpl ohne seine Wirtin nichts gewesen. Mit einem kategorischen „That’s it!“ beendete er seine Überlegungen.

Horst Ehmke mit Toni Netzle in den 80er Jahren bei einem CSU-Ball

Letztes Jahr, im Zuge der Produktion einer neuer Folge unserer Simpl-Reihe, erhielt ich dann von Toni die Aufzeichnung eines Gesprächs, das sie in den 80er Jahren mit dem SPD-Politiker für UFA-Radio geführt und kürzlich wieder entdeckt hatte. Dieses Zeitdokument vom 13.02.1985 erschütterte mich, denn ein scheinbar vollkommen anderer Mann plauderte dort locker mit Toni über Gott, die Welt, politische Debattenkultur und natürlich Franz Josef Strauß. Ich hörte einen weltgewandten, schlagfertigen Mann sprechen, voller Elan und Esprit, weit entfernt von der verhaltenen Stimme, die mir drei Jahre vorher das Telefon-Interview gegeben hatte.

Dieses „That’s it“, mit dem 2012 Ehmke sein Statement beendet hatte, klang so endgültig und wehmütig, dass ich es für die Episode   „Große Politik am Simpl-Tresen“ übernommen habe. Für mich ist das kurze Gespräch mit Ehmke bis heute eines der Interviews geblieben, die sich mir am nachhaltigsten eingeprägt haben, obgleich es nur wenige Minuten dauerte.

„That’s it!“ Für Horst Ehmke gilt es nun auch jenseits aller Scheinwerfer.


Zum Ausschnitt aus dem Interview von Toni Netzle mit Horst Ehmke vom 13. Februar 1985 für UFA-Radio


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Zwischen „Europäischen Identitäten“ und nationaler Identität – Im Gespräch mit Dr. Roland Jerzewski, ESM

Anfang der 70er Jahre in den Dolomiten: Schülerinnen und Schüler Europäischer Schulen sind aus Brüssel, Luxemburg, Karlsruhe und Varese zu einem Ski-Urlaub angereist, indirekt gesponsert von Europäischen Forschungszentren und Institutionen, bei denen ihre Väter überproportional gut im Brot stehen, gemessen an den normalen Gehältern in den Herkunftsländern. Es ist schon später am Abend und man hat sich – nicht ganz erlaubterweise – in einem der Schlafräume zu einer kleinen Party zusammengefunden. Viel Kichern und Sprachengewirr, es wird geflirtet, sich gebalgt, Händchen gehalten, getan, was Teenager halt tun, nur in einem viel internationaleren Rahmen, den die Jugendlichen als vollkommen natürlich erleben, ebenso wie den reibungslosen Wechsel von einer Sprache in die andere. Europa lebt im Hier und Jetzt, bis es plötzlich ein zaghaftes Klopfen vernimmt, nicht an der Tür, sondern an einer der Wände. Nach und nach verstummen die Jungen und Mädchen, lauschen ein wenig ratlos, bis irgendjemand die Initiative ergreift und die Tür zu dem Raum öffnet, von dem aus man die Klopfzeichen vermutet. Überrascht blickt man in eine winzige Kammer mit nur einem Nachttisch und einem Stahlbett, auf dem zusammengekauert ein Junge sitzt, im selben Alter wie die Schülergruppe, aber ganz offensichtlich kein Hotelgast, sondern eine jugendliche Aushilfskraft. Bis heute habe ich diesen Jungen als irgendwie grau in Erinnerung und seine Kammer auch. Es bot sich uns, kurzum, das Bild einer grauen Realität, die uns fremd war, und auf die wir daher nur ebenso stumm wie hilflos zu blicken vermochten, bevor wir leise den Rückzug in den Schlafraum unserer Welt antraten. Uns allen war klar, dass sich dieser Junge aus Einsamkeit bemerkbar gemacht hatte, aber wir schlossen lieber rasch wieder die Tür zu seiner Wirklichkeit, weil sie uns überforderte.

Wir Europa-Schülerinnen und Schüler bekamen damals alle nur möglichen Rahmenbedingungen gestellt, um die Vision eines vereinten Europas schulisch zu leben, die Chance sie zu reflektieren bekamen wir jedoch nicht und bemerkten deshalb auch nicht die Glasglocke, unter der wir aufwuchsen, während sich irgendwo jenseits unzählige weitere Dienstbotenkammern befanden und mit den Jahren auch vermehrten. Die Fähigkeit, unsere Identität vor dem Background einer multikulturellen Erziehung nicht nur zu definieren, sondern auch in Bezug auf die Realitäten in anderen gesellschaftlichen Schichten und in anderen Ländern zu stellen, wurde uns nicht mit auf den Weg gegeben.

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Schüler_Innen der Europäischen Schule in München Neuperlach bei einer Veranstaltung; Quelle ESM 

Den Ansatz, den die Europäischen Schule München mit ihrem breit gefächerten Projekt „Europäische Identitäten“ – koordiniert von Dr. Roland Jerzewski – verfolgt, hätte ich mir daher für meine Schulzeit auch gewünscht. Während Europa gemeinhin als Auslauf-Modell wahrgenommen wird, findet im europäischen Mikrokosmos in Neuperlach tatsächlich ein europäisches Narrativ statt. mit der  Zielgebung: „Unsere lokale, regionale, nationale, europäische, aber auch weltanschauliche, ethnische, soziale, weibliche/männliche Identität auszuloten.“ Wie wünschenswert das ist, weiß ich nur zu gut aus meiner eigenen Lebenserfahrung als ehemalige Schülerin an der Europäischen Schule in Varese/Italien: Durch die internationale Struktur solcher Schulen fühlt man sich leicht mal  “ ‚zwischen den Stühlen‚ . Eine „nicht immer leicht definierbaren Identität könne Quelle von Zweifeln und Verunsicherung sein“,  so formuliert es die Projektdarstellung auf der Webseite der Schule. Und: „(…) gleichzeitig ist diese Polyvalenz aber auch eine große Chance in einer multipolaren, globalisierten Zukunft.“ Nicht zuletzt diesen Vorteil gilt es in der Wahrnehmung der Schüler_Innen nachhaltig herauszufiltern.

Dr. Roland Jerzweski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Dr. Roland Jerzewski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Das Projekt läuft dementsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab, alle mit dem Ziel, die Schüler nicht nur zum Ausleben ihrer eigenen Identität zu ermutigen, sondern sie auch zu reflektieren und zwar über die Workshops im Klassenzimmer und in Gemeinschaftsausstellungen hinaus. So finden regelmäßig Klassenfahrten ins europäische Ausland statt, bei denen interkulturelle Begegnungen das Programm bestimmen, wie eine Reise nach Toledo, mit Spurensuche im historischen Schmelztiegel der drei großen Religionen sowie Schülerbegegnungen in einem dortigen, von muslimischen Migranten geprägten Gymnasium. Zur Wahrnehmung unseres multikulturellen Europas schweift der Blick von Schüler- und Lehrerschaft aber nicht nur ins Ausland ab. Ebenso richtete das Projekt „Europäische Identitäten“ einen Fokus aber auf die unmittelbare Nachbarschaft, zum Beispiel auf die vielen muslimischen Schüler_Innen im Viertel und besuchte beispielsweise einen Fußballclub, der 25 Nationen umfasst, sich aber auf Deutsch als Clubsprache verständigt hat. Auch das jüdische Leben in Fürth, gestern und heute, war  Thema und Ausflugsziel der Projektreihe. Ganz oben auf der Agenda findet sich natürlich die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Europäischen Institutionen, ihrer Geschichte und ihren Aufgaben, vornehmlich derer in Brüssel, das alljährlich ein Reiseziel der Politik-Oberstufenkurse ist.

2014 im Europäischen Parlament in Brüssel

Im Europäischen Parlament in Brüssel, 2014

Im Zentrum dieser Bildungsreisen stehen aber nicht so sehr Simulationsspiele zum Brüsseler EU-Betrieb, sondern unmittelbare Begegnungen mit Abgeordneten und Experten, mit denen die Schüler auf Augenhöhe diskutieren, zu einem thematisch festgelegten Schwerpunkt. Die gesammelten Eindrücke werden alsdann im Rahmen von Seminaren erweitert und vertieft. „Ich habe noch nie Schülerinnen und Schüler erlebt, die von einer solchen Fahrt nicht als Vollblut-Europäer zurückgekehrt wären„, so Jerzewski.

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch "Wie man Baske wird" im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Einen wichtigen Beitrag zu den „Europäischen Identitäten“ leisten Autoren, Künstler, Wissenschaftler sowie Politker_Innen, die auf Initiative von Dr. Jerzewski und seinen Kolleg_Innen die Schule besucht haben, unter ihnen veritable Paradiesvögel unserer multikulturellen europäischen Gesellschaft, wie der spanisch-baskische Ibon Zubiaur, vormals Leiter des Instituto Cervantes München, inzwischen erfolgreicher Autor und Übersetzer in Berlin. An der Europäischen Schule begegnete ich ihm erstmals, als er, der spanische Baske, ausgerechnet über die Situation von Literaten in der DDR referierte, festgemacht an den Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner. Besonders spannend an seinem Vortrag fand ich, dass er dabei die literarische Fruchtbarkeit betonte, die sich häufig gerade in Ländern entwickelt, in denen die freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei, ein Aspekt, der auch die Schüler_Innen veranlasste, den Gast mit Fragen zu bestürmen. Das selbe Phänomen wiederholte sich ein Jahr später, als Zubiaur an der Schule seinen ersten Erzähl-Essay „Wie man Baske wird„, vorstellte, auf den ich bereits in meinem Beitrag „Streifzug“ im vergangenen Jahr eingegangen bin. Dafür, dass Wissen mit Lässigkeit und Tiefe gleichermaßen angegangen werden kann, ist Zubiaur ein Haut-überzognenes Beispiel erster Güte und damit Garant für einige Kultur-Phobiker weniger in den nachwachsenden Generationen.

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Auch Peter Schneidereiner der wichtigsten Vertreter der 68-er Literaten der Bundesrepublik und bis heute unverzichtbarer gesellschaftspolitischer Seismograph , war wiederholt Gast im Rahmen der Projektreihe. Ich erlebte ihn bei der Präsentation seiner Autobiografie „Die Lieben meiner Mutter“ als versierten Schriftsteller ebenso wie als Zeitzeugen, auf den auch das Fernsehen regelmäßig zurückgreift, wenn es gilt, Vorgänge aus der jüngeren Vergangenheit zu kommentieren.

Ganz nah an diese heran führte auch eine Veranstaltung mit Tilo Schabert, einem hochdekorierten Historiker, der als Erster Einblick in das Geheimarchiv des Elysée-Palastes zur deutschen Einheit erhielt und fesselnd über die Zweifel und Ängste zu berichten wusste, die Mitterand angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigung befallen hatten und wie er sich von ihnen zu lösen verstand und sich dann zu einem überzeugten Befürworter eines starken Deutschlands in der Mitte Europas wandelte.

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage "Genosse Rock'n Roll" über und mit Musiker Peter Lang

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage „Genosse Rock’n Roll“ im Rahmen von „Europäische Identitäten“

Einblicke in ein Künstlerschicksal im „real existierenden Sozialismus“ Ungarns in den 6oer Jahren vermittelte unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen mit „Genosse Rock’n Roll„, in der Musiker und Artist-Studio-Betreiber Peter Lang in Spracheinblendungen zu Bildcollagen seine Karriere Revue passieren lässt. Die begleitende Musik, gewissermaßen Soundtrack seiner Künstler-Vita, spielte er selbst live dazu ein. In einer Zigarettenpause der Aufführung sprach mich eine Schülerin an und berichtete, ihre Großmutter habe im Jugendpark in Budapest Peter Lang noch selbst auf der Bühne erlebt, was mir einen Eindruck davon vermittelte, wie bekannt Peter damals in Ungarn gewesen sein musste, als er mit seiner Band „Hungaria“ Erfolge feierte wie den Sieg in „Ungarn sucht den Superstar“, als Bohlen noch in denWindeln lag …

Die jourfixe-Collage "Chopin mit zwei Gitarren" 2010 an der ESM

Die jourfixe-Collage „Chopin mit zwei Gitarren“ 2010 an der ESM

Einen ungewollt lässigen künstlerischen Moment bescherte unser jourfixe-Team dem jugendlichen Publikum bei der Aufführung von „Chopin mit zwei Gitarren„. Gerade trug ich einen Zeitzeugenbericht über die letzten Momente in Chopins Leben vor, dramatische Spannung in der Stimme, ab und an ein Gitarrenakkord, als Jon Michael Winklers Handy im Furioso-Modus zu klingeln begann. Leider befand es sich in Jons Manteltasche hinter der Bühne; keine Chance, es auszuschalten. Während die Lehrer zu unserem Glück ganz automatisch davon ausgingen, dass sich das Corpus delicti unter den Schülern befinden müsse, hatten diese längst den Standort des Handys geortet und lachten sich krumm …

Ende letzten Jahres habe ich schließlich den Münchner Regisseur Rüdiger Nüchtern zu einer Filmmatinée an die ESM vermittelt, über die Dr. Jerzewski in Folge ausführlich selbst berichtete: „Im Rahmen des Identitätsprojekts wird die ESM immer stärker zur Filmakademie: Auftakt am Europatag 2012 mit Dominik Graf und seinem Klassiker „München – Geheimnisse einer Stadt“,

2015 – ebenfalls am Europatag – Uraufführung des an unserer Schule gedrehten FWU-Lehrfilms „Die Entstehung der Europäischen Union“  von und mit dem Dokumentarfilmer Johannes Rosenstein

und als Weihnachts-Premiere 2015 Rüdiger Nüchterns gerade als DVD neu aufgelegter Kultfilm „Nacht der Wölfe“, eine deutsch-türkische West-Side-Story der 80er Jahre.

Der Jugendbandenkrieg zwischen „Revengers“ (Rächern) und „Kenli Kartal“ (Weißer Adler), zwischen deutschen Rockern und türkischen Newcomern in München-Haidhausen kann kaum aktueller sein, thematisiert der Film doch mit der ebenso aggressiven wie sentimental-tragischen Konfrontation zweier rivalisierender Gruppen allegorisch ein Leitmotiv unseres Hier und Jetzt: Wandel durch Migration. Gestern waren es die anatolischen Gastarbeiter, heute sind es die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, also nach wie vor überwiegend Muslime.

Gaby dos Santos vor dem Filmplakat von Rüdiger Nüchterns "Nacht der Wölfe, ESM im Dezember 2015

Gaby dos Santos vor dem Plakat von Rüdiger Nüchterns „Nacht der Wölfe“, ESM im Dezember 2015

Die 200 ESM-Oberstufenschüler (der Film ist „besonders wertvoll“, aber erst ab 16!) müssen sich zunächst einmal auf eine Filmerzählung einlassen, die – obgleich rasant genug – analoges Kino bietet und nicht sekundensequenzgewohnte Sehnerven bedient. Aber die aufgebaute Spannung kommt durchaus rüber, wird verstanden und anschließend leidenschaftlich diskutiert, denn Regisseur und Hauptdarsteller stellen sich 35 Jahre nach den Dreharbeiten unseren Schülern zur Diskussion. Rüdiger Nüchtern erläutert sein damaliges Filmkonzept, bestätigt die Vermutung der Schüler, die Story sei keine platte Reality Show, sondern eine Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion, also „Dichtung und Wahrheit“. Aber nur so werde die Realität zur Kenntlichkeit entstellt, so oder ähnlich krass seien damals Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und „Zugereisten“ abgelaufen und die heutige Flüchtlingskrise lasse sich damit durchaus vergleichen. Seinerzeit haben wir Gastarbeiter gerufen und Menschen sind gekommen, jetzt kommen Menschen in Not, ohne dass wir sie ausdrücklich gerufen hätten.

35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms "Nacht der Wölfe" Podiumsdiskussion mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm sein damaliger Hauptdarsteller Ali Arkadas

Regisseur Rüdiger Nüchtern, 35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms „Nacht der Wölfe“, nach einer Vorführung der DVD-Neufassung mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm Hauptdarsteller Ali Arkadas

Interessanterweise konzentrieren sich die Schüler mit ihren Fragen aber auf Ali Arkadas, den türkischen Hauptdarsteller, der im Film tragisch ums Leben kommt, aber „in echt“ eine Ausbildung zum Lackierermeister absolviert und als er als Gastarbeiterkind keine Stelle findet, seinen eigenen Betrieb gründet, der bis heute funktioniert und floriert. Seine Antworten auf die Fragen nach der Botschaft des Korans und dem Bild der Frau sind ebenso einfach wie menschenfreundlich und führen gern bediente beidseitige Fremdheitsmuster ad absurdum. Dabei werden keineswegs alle Fragen geklärt oder Skepsis angesichts der neuen Herausforderungen unter den Teppich gekehrt. Aber: So neu und fremd wirkt das Thema „Migration und Flüchtlinge“ nach der Veranstaltung dann doch nicht mehr und das ist auch gut so, finden alle Beteiligten“.

Als ehemalige Europa-Schülerin und Kooperationspartnerin via jourfixe-muenchen bin ich – wie gesagt – des öfteren in den Genuss einer Veranstaltung aus der Reihe „Europäische Identitäten“ gekommen und so wurde ich während meines Gesprächs mit Roland Jerzewski ein wenig wehmütig, denn er, der Initiator und Leiter dieser Projektreihe tritt im Herbst in den Ruhestand.

Am 6.5. zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto: SPD-Bundesparteitag 2015, Foto: Olaf Kosinsky

Am 6.5.2016 zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto O. Kosinsky

Zuvor wartet er aber noch mit einem ganz besonderen Gast auf: Die SPD-Politikerin und Osteuropa-Expertin Gesine Schwan wird zu und mit den Schüler_Innen sprechen, ein weiterer Höhepunkt der „Europäischen Identitäten“, gerade jetzt, wo das Thema „Polen“ uns Generationen übergreifend beschäftigt.

Und danach? Hoffentlich übernimmt eine/r der Kolleg_Innen, die schon in den vergangenen Jahren dem Projekt ihre Unterstützung mit Rat und Tat haben zukommen lassen, das Ruder! Sicher stellt die Reihe nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar, was den aktuellen Diskurs zur Zukunft der EU anbelangt, aber, um im Bild zu bleiben, aus Tropfen bilden sich mitunter Ströme und gar Ozeane …

Roland_Jerzewski_2016_Portrait_-jourfixe-Blog

Dr. Roland Jerzewski, Projekt-Koordinator der ESM bis Herbst 2016

Jerzewski zieht ein skeptisches Fazit: „Wir wähnten uns schon auf den Weg in einen europäischen Bundesstaat, mit so vielfältigen Regionen wie Katalonien oder Schottland und sehen uns jetzt Sperrgittern gegenüber, vor allem seitens jener relativ neuen Mitgliedern der EU, von denen man sich positive neue Impulse erwartet hatte, als sie euphorisch unter das Schutzdach der europäischen Gemeinschaft gedrängt waren. Und nun führen sie unter anderem ins Feld, sie hätten selbst noch nie längerfristig ihre nationale Identität ausleben können. Das ist ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten geworden.“

Aber auch die Versäumnisse seitens der EU-Kernstaaten kamen bei unserer Unterhaltung zur Sprache: Jahrzehntelange Saturiertheit durch unsere Lebensverhältnisse hätten uns lethargisch und unempfindlich für die geschichtlich einmalige Leistung eines Vereinigten Europas werden lassen, so Jerzewski.

Hinzu kommen, denke ich, 70 Jahre Frieden in weiten Teilen Europas, die die Schrecken eines Krieges offensichtlich beunruhigend abstrakt haben werden lassen, trotz der Jugoslawien-Kriege und der Ukraine-Krise vor unserer europäischen Haustür …

In der Europäischen Schule München

In der Europäischen Schule München Quelle: ESM-Homeage

Die Jugend dürfe dem europäischen Gedanken nicht verloren gehen, warnt Jerzewski eindringlich am Ende unseres Interviews.

Wer die Jugend für sich gewinne, der gewinne auch die Zukunft und die dürfe nicht rückwärtsgewandten Populisten überlassen werden.


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten
Vita von Dr. Roland Jerzewski, Projektkoordinator an der ESM – Europäische Schule München


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Unkuratiert streiten … Die Jahresausstellung 2016 der MKG im Ägyptischen Museum

Vernissagen machen richtig Spaß, wenn die Exponate stilistische Vielfalt aufweisen und die Ausstellenden ohne prätentiöses Gehabe einfach Freude darüber ausstrahlen, sich und ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. Ein gutes Beispiel dafür bot die ungarische Malerin Elisabeth Sorger bei der Jahresausstellung 2016 der Münchner Künstlergenossenschaft:

Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG 2016

Malerin Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG-Jahresausst. 2016

Kunst war immer schon die Berufung, Informatik lange ihr Beruf. Seit Sorger jedoch 1999 ihr „heimisches Atelier“ verlassen hat, blickt sie bereits auf 43 nationale und internationale Ausstellungen zurück, die sie 2014 bis nach San Antonio/Texas in die „Greenhouse Gallery International of fine Art“ führte!

Aktuell gehört Elisabeth Sorger zu den ausgewählten Teilnehmer_Innen der diesjährigen Ausstellung der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868zu deren Vernissage Sorger ihren Landsmann und alten Freund Peter Lang (Artist Studio) und mich eingeladen hatte. Die Begriffe „königlich“ und „priviligiert“ hatten mich im Vorfeld der Veranstaltung fürchten lassen, das Umfeld könne sich als Ansammlung selbstzufriedener Münchner Traditionalisten entpuppen, deren Visionen und persönliche Errungenschaften sich in der großen Vergangenheit ihrer Vorgänger_Innen erschöpfen. Und hatte nicht der zeitweilige MKG Präsident Franz von Lenbach (1836 – 1904) der Gruppe einst sogar den Rücken gekehrt, um eine eigene Künstlerschaft um sich zu scharen, die er nach eben jener Allotria (= Halligalli)-Stimmung benannte, die die MKG vehement abgelehnt haben soll? „Bei uns gibts fei koa Allotria!“ So kolportieren es zumindest Allotrianer.

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Bis heute treffen sie sich wöchentlich im Münchner Künstlerhausvon Allotria-Stimmung  jedoch habe ich während meiner jourfixe-Zeit im Künstlerhaus nicht viel zu spüren bekommen. Im Gegenteil: Unter anderem machte ich mich unbeliebt, weil unser jourfixe-Team ab und zu die historische Kegelbahn als Künstler-Garderobe nutzte und somit eben jenen Raum entweihte, in dem der Prinzregent Luitpold mit Lenbach und seinen Allotrianern einst zu kegeln pflegte! Auch bei anderen Gelegenheiten, wie der Recherche zur Collage über den Alten Südlichen Friedhofwar ich in Kontakt zu Nachfahren illustrer Münchner gekommen, Begegnungen, die ich, als Münchnerin ohne jegliche Vergangenheit, meist als eher frostig empfand. Daher habe ich inzwischen eine zwiespältige Haltung zu Münchner Organisationen und Familien entwickelt, deren Wurzeln in der Gründerzeit oder gar noch davor liegen, vor allem was die Durchführung gemeinsamer künstlerischer Projekte anbelangt. Meiner Meinung nach erfordern kreative Prozesse Hingabe und kein Standesbewusstsein.

MKG-Praesident Nikos_W_Dettmer bei seiner Eröffnungsrede zur MKG Ausstellung 2016

MKG-Praesident Nikos Dettmer bei der Eröffnungsrede

Doch meine Bedenken bezüglich der MKG-Vernissage erwiesen sich schnell als unbegründet. Nach einer erfreulich kurzen und ebenso herzlichen Rede seitens MKG-Präsident Nikos W. Dettmer, überraschte mich die Festrede von Dr. Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses.

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Eine Ansprache, die, zusammengefasst, für kreative Reibung und künstlerischen Wildwuchs als Impulsgeber plädierte, so wie ich sie seit 1999 in den Mittelpunkt meines Konzepts für die Kulturplattform jourfixe-muenchen gestellt, aber nicht aus dem Mund eines Vertreters der Hochkultur erwartet habe. Besagte zwei Impulsgeber verhindern meiner Meinung nach unter anderem, dass künstlerische Endprodukte, seien es nun Bilder, Kompositionen, Literatur oder Bühnenstücke in nichts sagender Perfektion erstarren. Ein künstlerischer „Wurf“ aber bedarf leidenschaftlicher Risikobereitschaft und Kompromisslosigkeit. Kuratoren und Konsens stehen dem leicht auch mal im Weg, vor allem im Frühstadium künstlerischer Entwicklungen. Bravo und merci für Ihre Worte, Dr. Mühling!

"Lebenslinien" - grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

„Lebenslinien“ – grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

Nach den einführenden Reden begegnete uns der Grand Seigneur unter den aktuellen Allotrianern, der offensichtlich den Kolleginnen und Kollegen der MKG die Ehre erweisen wollte: Peter Grassinger, seines Zeichens auch Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses. Seinem unermüdlichen  Einsatz, wie auch dem seiner Frau Maja Grassinger ist zu verdanken, dass das Künstlerhaus der Stadt als kultureller Spielort erhalten bleibt.

Minotaurus_Martin_Cambeis_MKG_Ausstellung-2016_jourfixe-Blog

„Minotaurus“-Skulptur, Paul Martin Cambeis, MKG-Ausstellung 2016

Eine schöne Überraschung war es auch, Paul Martin Cambeis wieder zu treffen, dessen künstlerische Vielfalt mich immer neu überrascht. Kennengelernt habe ich ihn als Mitglied des Fastfood-Improtheaters sowie als Maler und Comic-Zeichner. In letzterer Funktion hat er mir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Aufführung der Collage „Cajun Tales“ gerettet, in dem er alle ursprünglich darin enthaltenen Comic-Zeichnungen durch eigene  ersetzte, nachdem uns zwei Wochen vor Termin die Rechte zur Projektion der alten Comic-Bilder entzogen worden waren. Inzwischen ist Martin Cambeis Vorstandsmitglied der MKG und mit – wieder eine neue Facette – gleich mehreren Skulpturen in der Ausstellung vertreten.

Außergewöhnlich ist auch die Location, in der neuerdings die MKG-Jahresausstellungen stattfinden: Das Ägyptische Museum, das nun wieder  einmal, neben Jahrtausende alten Werken, jene von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern beherbergt. Zu einem solchen Wett“Streit“ uralter und moderner sowie sehr unterschiedlicher Kunststile, bedarf es sicher keines Kurators …

Die Jahresausstellung der MKG 2016 ist noch bis Sonntag, 28. April zu sehen, täglich von 10 – 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr, montags geschlossen


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