Im Herztakt der Liebe … Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“; Präsentation Einstein/München am 24.2.18

Die japanische Pianistin Masako Ohta und Stefan Winter, Labelchef von Winter & Winter: Zwei Kreative, die ich mit einem ungewöhnlichen Zugang zu künstlerischen Stoffen verbinde … Nun ist ihr erstes gemeinsames „Poetry Album“ erschienen, mit der Liebe als DEM verbindenden Element aller Stücke. Die ist thematisch normalerweise dem Schlagerhimmel vorbehalten, doch bei dieser Klassik-Produktion bildet sie den Roten Faden im Repertoire, wie der Info-Text erläutert: „Hinter jedem Werk verbirgt sich eine – manchmal geheime, manchmal viel zu kurze, machmal lebenslange – Liaison. Das berühmteste Stück stammt aus der Feder Ludwig van Beethovens, aber möglicherweise heißt es in Wirklichkeit nicht »Für Elise«, sondern »Für Therese«. Im Alter von 40 Jahren verliebt sich Ludwig in die 19-jährige Therese Malfatti … Johann Sebastian Bachs »Prelude und Fugue C-Dur« ist seiner großen Liebe Anna Magdalena gewidmet. Komponisten schreiben musikalische Gedichte. Was geschieht zwischen Johannes Brahms, ein enger Freund und Helfer der Schumann Familie, und Clara, dessen Mann Robert Gesundung im Sanatorium sucht? Wie klingen Clara und Robert Schumanns und Johannes Brahms Kompositionen? Die Reise der Werke geht durch die Jahrhunderte. (…) 

Auf eine intensive Klangreise hatte mich Stefan Winter schon einmal, 1999, entführt, querfeldbeet durch das Argentinien des Tangos. Dabei setzte die Produktion einen für mich faszinierenden Schwerpunkt auf Authentizität statt auf Perfektion: Da sangen alte Männer ein wenig angetrunken in Kneipen, da stützte eine Geräuschkulisse das klagende Bandoneon, Tango in unterschiedlichsten Erscheinungsformen, an seinen Originalschauplätzen vorgestellt! Diese Form der Darstellung zog mich ganz tief in das musikalische Gesehen hinein … Nun bin ich natürlich sehr gespannt auf die aktuelle Produktion, noch dazu im Tandem mit Masako, die sowohl Mitglied bei unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen ist, wie auch bei musica femina münchen.

Masako Ohta spielt sich im Meta-Theater warm. Dezember 2016

Masako Ohta ist mir immer wieder als Pianistin in ungewöhnlichen Projekten aufgefallen und persönlich erstmals begegnet bei der Aufführung der „No Trilogie“ in Axel Tangerdings Meta Theater.

„Die aus Tokyo stammende japanische Pianistin Masako Ohta ist – sowohl solistisch als auch kammermusikalisch – im Bereich der klassischen und Neuen Musik sowie der Improvisation unterwegs. Ihr Klavierstudium absolvierte sie an der Toho Gakuen School (Universität) of Music Tokyo und an der Universität der Künste Berlin, außerdem Meisterkurse bei András Schiff, György Sebök und György Kurtag.

Sie beschäftigt sich intensiv mit Poesie, Klang und Musik aus Japan, Europa und anderen Kulturkreisen und kreiert interkulturelle und interdisziplinäre Projekte und Konzertreihen wie „Phantasiestücke“, „Kammermusik-GENund „Wurzeln & Flügel“. (…) Mit dem Motto „ganzheitliches Klavierspiel“ verbindet sie ihre Klavierlehre mit japanischer Kalligraphie.“ Mehr unter www.masako-ohta.de.

Masako Ohta in Grandsberg, Foto: © Winter & Winter

Die CD-Präsentation findet statt am:

Sa, 24. Februar 2018, um 20:00 Uhr, Einstein Kultur, in Halle 4, in München,  Eintritt: EUR 20.00 / erm.: EUR 15.00 > Kartenbestellung


Rezension aus dem Münchner Feuilleton, Februar 2018 – Nr. 71, von Klaus von Seckendorff

Masako Ohta: Poetin des Klaviers: Der freie Fluss


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Klangbegegnungen der Dritten Art mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München

Schon der Name des Ensembles NKM „Neues Kollektiv München“ deutete darauf hin, dass dessen Konzert „Interaktionen“ nicht mit altbewährter Melodik aufwarten, sondern mir ungewohnte musikalische Welten präsentieren würde. Blieb nur die Frage, ob sich diese Welten mir überhaupt erschließen würden?

"NKM - Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Textwissenschaftlern", Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

„NKM – Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Musikwissenschaftlern“ Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

Musikalische Laien wie ich assoziieren gemeinhin mit Begriffen wie „Neue Musik“, „Musik-Avantgarde“, „zeitgenössische Musik“ endlose Abfolgen undefinierbarer Geräusche, die ohne jeden Zusammenhang in den Raum katapultiert scheinen. Da andererseits konstant neue musikalische Schöpfungen dieser Art nicht nur entstehen, sondern auch Publikum, Fördermittel und Medieninteresse finden, durfte ich davon ausgehen, dass es sehr wohl auch in der zeitgenössischen Musik Klangerlebnisse zu entdecken gibt, aber würde das auch für mich, als musikalisch nicht vorgebildete Zuhörerin gelten?

Muffatwerk_NKM_Laura_Konietky_jourfixe-Blog

Muffatwerk (Ampere) vor Konzertbeginn, 30.11.16

Auch das auf der Bühne reichlich vorhandene Instrumentarium versprach mir Klang-Begegnungen der Dritten – sprich „unbekannten“ Art. Als „Greenhorn“, dem zeitgenössische Musik bislang fremd war, staunte ich nicht schlecht über eine ganze Reihe exotisch anmutender musikalischer Requisiten, wie Wassereimer, mit Saiten ausgestattete Tische etc., die ich zwar nicht einzuordnen wusste, deren Anblick mich aber zuversichtlich stimmte: Ihrem Einsatz zuzusehen, würde mich auf jeden Fall vor Leerlauf bewahren, falls mein Musikverständnis tatsächlich  im Niemandsland enden sollte

Laura Konietzky

Laura Konjetzky

Nachdem auch meine Vereinsfreundin von musica femina München, die Pianistin und Komponistin Laura Konjetzky als Gastmusikerin im Programm vertreten war, hatte ich ich mir ein Herz gefasst und war ins Muffatwerk gekommen, fest entschlossen, mich einfach dem hinzugeben, was mich dort erwarten würde. Das erwies sich als ausgezeichnete Idee, denn es verhalf mir zu äußerst anregenden zwei Stunden:

Besonders spannend gestaltete sich für mich der Einsatz von Computer-Software, der neue Formen der Darstellung und des künstlerischen Dialogs eröffnete, eine Technik, auf die ich in meinen eigenen Produktionen ebenfalls zurück greife – wenn auch in einem vollkommen anderen Kontext. Mit „Interaktionen“ – nomen est omen – standen hier Werke im Mittelpunkt, „die bewährte Kommunikationswege des Musizierens verlassen und innerhalb ganz neuer, digitaler Strukturen agieren, die von den Komponisten als spontane Interaktionen angelegt sind. (…)“ formulierte es die SZ in einer Vorankündigung.

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Welche Klangpassagen nun vorgegeben, verfremdet, eingespielt oder improvisiert waren, vermochte ich mit meinem ungeschulten Gehör nicht zu unterscheiden, fand mich aber unvermittelt in einem persönlichen Austausch mit den Klängen wieder, denen mein inneres Auge assoziativ Bilderwelten entgegen stellte, während ich neugierig auf den nächsten Ton, die nächste Verfremdung – gewissermaßen die nächste Herausforderung – wartete. Sehr beeindruckt hat mich dabei die Präzision mit der die Einsätze der Musiker_Innen in einander griffen. Und: Obgleich von keiner Melodik getragen, empfand ich zu meiner eigenen Verwunderung die Stücke als harmonisch in sich geschlossen. Auch überforderten sie mich nicht durch Überlängen oder solistische Selbstdarstellungen der Musiker_Innen, wie leider bei Jazz-Soli öfter einmal der Fall …

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, Ensemble-Mitglieder vom NKM, 30.11.16, Muffatwerk

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, 30.11.16, im Muffatwerk

Apropos „Jazz“: Auch dieser kam, auf faszinierende Art, gleich zu Konzertbeginn zum Einsatz: „Ein Bebop-Zitat als Reminiszenz an diesen hektischen Prestissimo-Jazz der Nachkriegszeit. Ähnliches mag auch an Bord der US-Kriegsschiffe am Bikini-Atoll  erklungen sein“ , so der erläuternde Text im Programm zu der Komposition „Bikini . Atoll“ (2009) von Gerhard E. Winkler, die an die damaligen Atombombentests erinnerte. Ohne Programm hätte ich zwar nicht erraten, welche Thematik dieser Komposition zugrunde liegt, der Intensität von Winklers Komposition tat das aber keinen Abbruch. Die Jazz-Fragmente wirkten auf mich wie eine geisterhafte Zeitmaschine, die mich zurück an jene Schwelle versetzte, die nach dem Zweiten Weltkrieg geradewegs in eine neue, Technik dominierte Dimension geführt hat, kompositorisch skizziert durch „Spaltungsphänomene und Live-Klang-Splitter, die das Stück phasenweise immer stärker kontaminieren und zum Schluss in rein technischem Geräusch untergehen lassen.“

Laura Konietzky (li) und Julia Schmölzel bei der UA ihrer Komposition "The Space Behind", 2016

Laura Konjetzky/Julia Schmölzel bespielen den Flügel von 2 Seiten

In ihrer Komposition „The Space Behind“, die an diesem Abend uraufgeführt wurde, nahmen die beiden Pianistinnen und Komponistinnen Laura Konjetzky und Julia Schölzel das Publikum mit auf Entdeckungstour in „verborgene, unbekannte Klangräume des Flügels, (…) die nur zu zweit mit einem Flügel betretbar“ aber weit entfernt vom herkömmlichen vierhändigen Piano-Spiel sind, denn nicht das Bedienen der Tasten stand im Vordergrund ihrer Darbietung. Vielmehr legten sie klanglich, von wechselnden Stellungen aus, vor allem das Innenleben des Flügels frei, durch Zupfen und Anschlagen, spannungsgeladenes Pausieren und wirkungsvolle Wiederholungen. Des öfteren habe ich diese Art des Pianospiels ansatzweise erlebt, aber noch nie im Duo und mit soviel Konsequenz. 2016_11_30_interaktionen_muffatwerk_laura_konietzky_julia_schoelzel_ua_the-space-behind_zweihaendiges_afinaleDass diese beiden Künstlerinnen harmonieren, war dabei weder zu übersehen noch zu überhören; schön, dass sie beschlossen haben, ihr erstes gemeinsames Werk nunmehr zu einer abendfüllenden Komposition zu erweitern!

Ebenfalls eine Uraufführung war das letzte Werk des Abends: „All We Need Is Money“ von Zoro Babel, in dem sich mir nun auch der Sinn der „saitenbespannten Tische“ eröffnete:

Auf Tischgitarren spielen, bis die Kreditkarte brennt,, bei der Uraufführung von Zoro Babels "All We Need is Money", links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Auf Tischgitarren spielen, „bis die Kreditkarte brennt“, bei der Uraufführung von Zoro Babels „All We Need is Money“, links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Es handelte sich um von Zoro Babel und David Fennessy gebaute, elektronische Tischgitarren, die zu Beginn des Stückes von den Musiker_Innen mit einer Kreditkarte groovig, das Thema ironisierend, bespielt wurden, bis nach und nach jede/r erneut auf sein eigentliches Instrument zurück griff.

Mugi Takai

Gastmusiker Mugi Takai

Mein Problem an diesem Abend stellte keinesfalls das zuvor befürchtete musikalische Unverständnis dar, sondern der dauernde Zwiespalt zwischen dem Bedürfnis, die Musiker_Innen beobachten zu wollen und der Notwendigkeit, sich durch Schließen der Augen mit jener Konzentration der Musik zu widmen, die diese erst so richtig auf mich wirken ließ. Beides gleichzeitig erwies sich als unmöglich …

Was Bauer nicht kennt, das isst er in der Regel nicht, und so wird zeitgenössische Musik wohl auch weiterhin ein Nischendasein innerhalb der Musikwelt fristen. Umso dankbarer bin ich, dass nicht zuletzt staatliche und städtische Institutionen – in diesem Fall das Kulturreferat München – ein Konzert wie dieses, jenseits aller kommerziellen Erwägungen, ermöglichen, ein Konzert für das ich keineswegs, wie zuvor immer angenommen, einer musikalischen Vorbildung bedurfte, um es zu schätzen. Mit dem Verstand erfasst habe ich an diesem Abend zwar kaum etwas, dafür aber umso mehr erspürt …

(Bei den kursiv geschriebenen Textpassagen handelt es sich, mit Ausnahme des SZ-Zitates, um Ausszüge aus dem Programm)


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