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„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ – Werkschau von Meier/Miserre, Bildhauer und Spion, bis 29. April 2018, im Hotel Le Méridien München

Was für ein Plot, den sich hier das Leben hat einfallen lassen:

Horst Meier, alias Erwin Miserre und seinerzeit DDR-Agent, entdeckt während seiner Mission im Brüssel der NATO, das Brüssel der Kunst. Meier, der schon in der DDR als Kulturjournalist tätig gewesen war, taucht daraufhin, trotz seiner Legende als Elektro-Installateur, tief in die Brüsseler Kunstszene ein. Dabei lernt er einen ihrer wichtigsten Vertreter kennen, den Bildhauer Olivier Strebelle, dessen monumentale Plastiken sich nicht nur in Brüssel finden, sondern  weltweit.

Academie Royale des Beaux Arts in Brüssel

Kurzerhand schreibt sich Meier/Miserre an der Königlichen  Akademie der Künste in Brüssel ein und wird in Folge Schüler und Assistent von Olivier Strebelle. In diese Zeit, Ende der 60er Jahre, “ (…) fiel das künstlerische Erwachen Horst Meiers.

Cover des Buches von Günther Rothe: „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“

Und obwohl er Strebelle so bewunderte, hielt er sich nicht lange mit epigonalen Verbeugungen auf, sondern entwickelte seine ganz eigene und unverwechselbare Formensprache.“ So nachzulesen im Buch/Katalog „Meier/Misserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“, in einem der Vita Horst Meiers gewidmeten Kapitel des Autors Gerald Grundmann. Darin beschreibt Grundmann auch Meiers Skulpturen:

„Deren wesentliches Merkmal sind fließende, organisch wirkende Körper, die sich zwar äußerlich als elegante Einheiten gebärden, aber im Inneren aus präzise gefügten Teilen bestehen, die wie Schlüssel und Schloss ineinanderpassen und keinen Millimeter Spielraum dulden. So hüllen sie Präzision in Ästhetik, Härte in Weichheit, Komplexität in Schlichtheit und stehen sinnbildlich für eine zutiefst menschliche Vielschichtigkeit. (…) 

„Zugriff“ – Skulptur von Horst Meier mit autobiografischem Bezug?

Im Gegensatz zu vielen KünstlerKollegInnen blieb Meier/Miserre viel Zeit, „(…) seine oft komplexen Modelle zu gestalten, weil die Tätigkeit für die HVA nur den kleineren Teil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Er observierte nicht nächtelang Menschen oder wartete in Autos auf deren Ankunft. Nur einmal pro Woche, jeden Mittwoch ab 22 Uhr, war er für das Hauptquartier über Kurzwelle zu erreichen und erfuhr, wen er treffen und was er wohin bringen sollte. So lebte er im Grunde hauptberuflich als Künstler (…)“ rekapituliert Grundmann Meiers Leben in Brüssel. “ (…) In seinem Herzen hatte die Kunst die erste Stelle erobert, und er war nicht länger nur ihr staunender Besucher, sondern ein aktiver Teil ihrer Welt geworden. (…)“

Horst Meier 1972 als Erwin Miserre im belgischen Ostende; Foto: Buch

1976 jedoch gerät sein Leben, zwischen Brotjob als Agent und künstlerischem Dasein, aus der Balance. Enttarnung droht, und aus Sicherheitsgründen beordert man ihn zurück in die DDR. Da er der Stasi als „verbrannt“ gilt, schickt man ihn mit bereits 51 Jahren und einer auskömmlichen Rente in den Ruhestand. Dieser Umstand erlaubt ihm die nahtlose Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit. Gleichwohl schmerzt ihn die Trennung von Brüssel und vor allem von seinem zwischenzeitlich zum Freund gewordenen Mentor Olivier Strebelle, dem er die Gründe seiner Umsiedelung nicht erläutern darf.

Den Freundeskreis in seiner neuen alten Heimat hält Horst Meier begrenzt. Dazu zählt ab den 1980er Jahren auch der Leipziger Musiker und Maler Günther Rothe, der zudem eine kleine Kunstgießerei betreibt, eine Nebentätigkeit, die die beiden Männer zusammenführt. Seit Meiers Tod 2016 verwaltet Rothe auch den Nachlass des Bildhauers und widmet ihm besagtes Buch „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit„, in dem er Werk und Vita des Freundes detailliert in Texten unterschiedlicher Autoren präsentiert sowie anhand von Fotografien des Künstlers und seiner Werke. Im Vorwort zu diesem Buch erinnert Rothe:

Kurator Günther Rothe eröffnet die Ausstellung „Meier/Miserre“ im Hotel Le Méridien München, im Januar 2018

Als ich ihn 1982 in seinem Atelier in Freudenberg bei Berlin zum ersten Mal traf und seine Modelle und Plastiken betrachten und berühren durfte, war ich unmittelbar ergriffen von ihrer außergewöhnlichen visuellen Sprache, ihrer Sinnlichkeit und Ästhetik. Horst Meier und ich haben uns auf Anhieb verstanden und deshalb in den kommenden Jahren – zwar sporadisch, aber immer wieder gern – zusammengearbeitet. Erst seine schwere Erkrankung, die ihn zunehmend von der Welt und ihren Menschen entfernte, hinderte uns daran. Umso mehr war es mir eine Ehre und Verpflichtung als er mir die Verwaltung seines künstlerischen Erbes und die Ausführung der gusstechnischen Arbeit zur Fertigstellung seiner im Modell vorhandenen Plastiken antrug. In diesem Katalog sowie in weiteren Publikationen und Ausstellungen werden sie daher erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (…)

An diesen Vorsatz hat sich Rothe gehalten und das Werk des Freundes aus jenem Dornröschenschlaf geweckt, in dem es sein Schöpfer, selbst noch nach der Wende, bewahrt hatte. Der Publizist Martin Tschechne, der mit einem Beitrag in Rothes Buch vertreten und Namensgeber des Buchtitels ist, hält diesen Umstand für das Werk künstlerisch von Vorteil: „Kein Markt und keine öffentliche Kritik hatten die Gelegenheit, darauf Einfluss zu nehmen, es zu verwässern, zu korrumpieren, es zu zerreden und seine Intensität zu relativieren.

Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen. mit Influencerin und Moderatorin Alexandra Polzin nach der Vernissage im Le Méridien München, 29.1.2018;

Jedoch ein Leben lang, konsequent und mit künstlerischer Hingabe „nur für die Schublade“ zu arbeiten, beinhaltet auch den Verzicht auf jene öffentliche Anerkennung, die für Kunstschaffende doch der eigentliche, unverzichtbare Lohn ihrer Arbeit bedeutet? Jedenfalls zumeist. Persönlich sind mir in meinen über zwei Jahrzehnten vor und auf der Bühne sowie im Kunstbetrieb allgemein, noch nie zuvor KünstlerInnen begegnet, die auf Publikum freiwillig verzichtet hätten. Und selbst würde ich mir auch nicht die fortgesetzte Plünderung meines Innenlebens zu künstlerischen Zwecken zumuten wollen, ohne nach wenigstens einem klitzekleinen Bisschen Applaus zu schielen … Chapeau vor Horst Meiers einmaligem Mangel an künstlerischer Eitelkeit!

Inzwischen jedoch erregen Werk und Vita von Horst Meier – Künstler und Spion“ – Süddeutsche Zeitung – erhebliches mediales Interesse und eine von Günther Rothe kuratierte Ausstellung befindet sich seit 2017 „on tour“, aktuell im Hotel Le Méridien Munich. Dort fügen sich die Skulpturen auf erstaunliche Weise in das Ambiente des Hotels ein, so dass man die Exponate auf ersten Blick gar nicht einer Wanderausstellung zuordnet, sondern sie für Teil der Raumausstattung hält! So zumindest empfand ich es, zumal ich im Vorfeld auch keine Zeit gehabt hatte, mich mit dem Hintergrund dieser Vernissage auseinander zu setzen.

Die Gäste strömen zur Vernissage von „Meier/Miserre“ im Präsentationssaal des Hotel Le Méridien München. Rechts im Bild: Kurator Günther Rothe

Nachdem bereits im Oktober 2017 unser jourfixe-Mitglied Dirk Schiff hier sehr erfolgreich seine Benefiz-Ausstellung We Are All The Same, mit Uschi Glas als Ehrengast, präsentiert hatte, reizte es mich, einmal privat an einem der Kunst-Events dieses Hotels teilzunehmen, in Begleitung des Kunstfotografen und seinerseits jourfixe-Mitglieds Bernd Sannwald, der mir, noch unter dem Eindruck des Erlebten, ein begeistertes Feedback mailte:

PR-Dame Michaela Rosien und Fotograf Bernd Sannwald; Foto Marian Wilhelm

Herr Rothe stellte engagiert und mit leuchtenden Augen  (neben einem Video über die Guss-Herstellung) Meier/Miserres Skulpturen vor, die allerhöchsten Ansprüchen genügen und eine Augenweide sondergleichen sind; aus vielen Einzelstücken zusammen gesetzte Meisterwerke eines Künstlers, der ebenso geheimnisvoll wie genial war (…) schwärmte Sannwald. Und weiter:

Das Publikum folgt der Einführung von Kurator Günther Rothe mit atemloser Spannung: Diese Vernissage eröffnet nicht mit verbalen Elfenbeintürmen aus der Welt der Schönen Künste, sondern mit der Schilderung eines Daseins im noch nie dagewesenen Spannungsfeld zwischen Kunst und Geheimdienst!

„Für mich gestalteten sich dieser Abend, die Begegnung mit Herrn Rothe, dessen Begeisterung, Meier/Miserres Werke und Geschichte, zutiefst erfüllend, umwerfend, voller Staunen und Bewunderung! Kurz: Gigantisch! ! Ein absolutes Muss für Kunstinteressierte!

Einige der noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien München ausgestellten Skulpturen von Horst Meier, fotografiert während der detaillierten Führung von Kurator Günther Rothe, Januar 2018

Dabei sind die Skulpturen auf verschiedenste Weise anziehend: Die filigrane Arbeit, die unterschiedlichen Materialien und Oberflächen, die Formen, die mich zum Teil an Arbeiten von Otto Freundlich erinnern –

Millimeterarbeit: Fotograf Bernd Sannwald kommt beim Zusammensetzen einer Skulptur von Horst Meier  ganz schön ins Schwitzen. Kurator Günther Rothe assistiert …

… Und dann durfte ich noch eine Skulptur zusammen setzen. Die Einzelstücke, wie Schmeichler in die Hand nehmen und dann zusammen fügen, was gar nicht so einfach war. Dank von Herzen!

Kurzum und ins Neu-Deutsche übertragen: Bernd Sannwald hat die Kunst von Horst Meier „angefixt“. Inzwischen selbst Besitzer einer „Meier“-Skulptur, steht er zudem weiterhin mit Günther Rothe in Kontakt. Als Fotograf selbst im Reich der visuellen Kunst unterwegs, entdeckte sein Auge an jenem Abend noch wesentlich mehr Details an den Skulpturen als ich es vermochte. Mir vermittelte jedoch Günther Rothes anschließende Führung durch die Ausstellung einiges mehr an Verständnis, nicht nur für die Besonderheiten der Skulpturen, sondern auch für die aufwändigen Techniken des Gießens, die den Werken zugrunde liegen und auf die auch im Buch „Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ in einem separaten Kapitel eingegangen wird.

Alexandra Polzin, Suzanne Landsfried und Hoteldirektor Frank Beiler, Le Méridien, vor einer goldfarbenen Skulptur von Horst Meier; Foto: Marian Wilhelm

Aber nun möchte nicht ausgerechnet ich diejenige sein, die ein hochspannendes künstlerisches Vermächtnis virtuell doch noch zerredet, sondern Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und Leser aus München, einen Besuch der öffentlichen Ausstellung im Foyer und ersten Stock des Hotel Le Méridien Munich, noch bis 29.4.2018 empfehlen, denn, wie Kurator Günther Rothe so wunderbar treffend am Ende seines Vorworts schreibt:

Noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien zu besichtigen: Skulptur von Horst Meier

In ihrer Gesamtheit bilden die Plastiken ein unverkennbar zusammengehöriges Oeuvre und zeigen doch, jede für sich, ihre ganz eigenen Qualitäten, die unsere Phantasie beflügeln und ihre Geheimnisse unserer Entdeckung überlassen. Denn …

… die Bedeutung eines Kunstwerks liegt nicht im Willen seines Schöpfers – oder im Sachverstand von Gelehrten -, sondern in der Vorstellungskraft seiner Betrachter.“


Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.


„Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ > 2016, im Verlag Michael Imhof erschienen, ISBN-10: 3731904179 – ISBN-13: 978-3731904175


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Nur ein Klassentreffen der Mächtigen? Stimmen und Gedanken zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015

Arnie Schwarzenegger kommt auch …“ hatte letzte Woche bei der Pressekonferenz sinngemäß Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, angekündigt. „Aha – und was will er da reden?“ fragte sich die Zuhörerschaft im Presseclub. „Hasta la vista, baby“ rief einer der anwesenden Journalisten, was mit allgemeinem Gelächter quittiert wurde. Makabre Fußnote eigentlich, angesichts der derzeit angespannten weltpolitischen Lage.

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Oliver Rolofs, der Pressesprecher sowie der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, präsentieren die MSC 2015. Ganz rechts Peter Schmalz, stellvertretender Vorsitzender PresseClub München

Entsprechend werden die „zentralen Themen der 51. Münchner Sicherheitskonferenz (…) der Zerfall der internationalen Ordnung, die Zukunft der europäischen Sicherheitsarchitektur angesichts der Ukraine-Krise, die dramatische Situation der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt und die sich verschärfende Lage im Nahen und Mittleren Osten sein …“  hieß es im Presse-Info.

„Vom 6. bis 8. Februar wird München zur Hochsicherheitszone: Über 400 hochkarätige Regierungsmitglieder, darunter 20 Präsidenten und Regierungschefs, 60 Verteidigungsminister ringen um den äußerst bedrohten Frieden. ‚Wenn man jemals eine Begründung für das Veranstalten der Sicherheitskonferenz hätte suchen müssen, in diesem Jahr braucht es keine Begründung. Diese Konferenz ist notweniger denn je!‘ so Ischinger (…)“, postete anschließend der Münchner Autor Dr. Werner Siegert.

Andere MitbürgerInnen verbinden mit dieser jährlichen Veranstaltung allerdings keineswegs friedensbildende Maßnahmen sondern eine Art „Klassentreffen der Mächtigen“. So postet heute Konstantin Wecker auf Facebook: „Liebe Freunde, auf der sogenannten Sicherheitskonferenz (SIKO) in München geht es – entgegen der Selbstdarstellung der Veranstalter – weder um Sicherheit noch um Frieden auf dem Globus.

Die SIKO ist eine Versammlung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Machteliten vor allem aus den NATO- und EU-Staaten, die sich über Strategien zur Aufrechterhaltung ihrer globalen Vorherrschaft und über gemeinsame Militärinterventionen verständigen. 

Aktiv_gegen_Muenchner_Sicherheitskonferenz_Konstantin_Wecker_jourfixe-blog_Gaby_dos_SantosVor allem aber ist die SIKO ein medienwirksames Propaganda-Forum zur Rechtfertigung der NATO, ihrer Milliarden-Rüstungsausgaben und ihrer auf Lügen aufgebauten völkerrechtswidrigen Kriegseinsätze, die der Bevölkerung als „humanitäre Interventionen“ verkauft werden.

Je mehr sich die Krisen des neoliberalen Kapitalismus häufen, desto brutaler werden die Profitinteressen von Konzernen, Banken und der Rüstungsindustrie durchgesetzt – ökonomisch mit dem geplanten Transatlantischen Freihandelsabkommen EU/USA (TTIP) – und nicht zuletzt auch mit militärischer Gewalt.

Kommt zur Demonstration in München, am Samstag, 7. Februar 2015 um 13 Uhr, Marienplatz. Ich werde – als bekennender Pazifist – mit meinen Freunden Jo Barnikel, Werner Schneyder und Heinz Ratz von Strom &Wasser jedenfalls dabei sein und demonstrieren und ab 15 Uhr – so lang es uns die Kälte erlaubt -auch musizieren.

Soweit der heutige Post von Konstantin Wecker, der mich enttäuscht hat, gerade weil Konstantin Wecker für mich eine moralische Instanz darstellt, denn er ist seinen Überzeugungen stets treu geblieben, selbst dann noch, als die Bürgerproteste zeitweise „out“ und in einen allgemeinen Dornröschenschlaf gefallen waren, in den Jahren vor TTIP, Pegida, Monsanto & Co. Weckers Stimme blieb eine der wenigen in unserer Gesellschaft, die unverdrossen eine bessere Welt anmahnte und anmahnt, die Missstände anprangert und uns für den Moment eines Posts oder eines Songs aus dem Phlegma des alltäglichen Trottes reißt. Wer aber seine Stimme erhebt, wissend, dass sie vielfach Gehör finden wird, trägt meiner Meinung nach auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit: Zu sachlich differenzierter und fairer Argumentation. Diese habe ich im heutigen Post vermisst und erst recht im weiteren Verlauf des Beitrags, der sich auf der Startseite nachstehender Homepage befindet und aus dem Weckers Post zitiert:

http://sicherheitskonferenz.de/de/Aufruf-SiKo-Proteste-2015

Hier findet sich auch nachfolgendes Statement: Wir erklären den selbsternannten „Weltherrschern“, die zur SIKO nach München kommen und den Regierungschefs beim G7-Gipfel im Juni 2015 in Elmau: Ihr seid hier und überall auf der Welt unerwünscht.“

Oh-Ha! Diese Stilistik der Schlagwörter gefällt mir nicht, da ich sie als unsachlich empfinde und somit als wenig hilfreich, gerade wenn es darum gehen soll, den aufgeführten und ja tatsächlich auch vorhandenen weltweiten Missständen etwas entgegen zu setzen.  Abgesehen davon, dass besagte „selbsternannte ‚Weltherrscher‘ “ seinerzeit doch wohl von der Mehrheit ihrer Bürger gewählt worden sind?Im Übrigen werden auch VertreterInnen von Amnesty International und Green Peace sowie auch wieder VertreterInnen der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V. an der Konferenz teilnehmen. Letztere Initiative verteilte im Vorfeld der Pressekonferenz ihre Projektzeitung, in der sie sich durchaus kritisch zur Sicherheitskonferenz äußert, aber:

Unser Weg heißt Gewaltfreiheit und Dialog. Wir geben Impulse und suchen das Gespräch mit den Veranstaltern, Förderern und Teilnehmern der Sicherheitskonferenz sowie der interessierten Öffentlichkeit. (…)
Unsere Organisation: Die Projektgruppe wird finanziell gefördert durch die Pax-Christi Bistumsstelle der Erzdiözese München und Freising und arbeitet bei Einzelveranstaltungen mit der Petra-Kelly-Stiftung zusammen. Ferner kooperieren wir mit der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik und dem Regionalforum ZFD Südbayern und arbeiten im Trägerkreis der Internationalen Münchner Friedenskonferenz mit.
Wir und die Anderen: Die verschiedenen Aktionsformen der Münchner Friedensbewegung – Demonstrationen, Friedenskonferenz, Friedensgebet, Dialog – sehen wir als sich ergänzende Säulen, die die kritische Auseinandersetzung mit der derzeitigen Sicherheitskonferenz tragen. (Quelle: Wir über uns/Projektzeitung „Gewaltfrei MSK verändern“ Nr. 10 – Februar 2015)
Hierzu siehe auch:

http://friedenskonferenz.info/

 

In der Projektzeitung findet sich ein Beitrag von Ruth Aigner (auch Beobachterin bei der diesjährigen MSC), den ich für so informativ halte, dass ich ihn an dieser Stelle in großen Teilen wiedergeben möchte:

Titel: „Bedrohliche, internationale Unsicherheit“ – Chance zur Veränderung!?“ Gespräch der Projektgruppe mit Botschafter Ischinger am 12. Januar 2015″
Text: „Eine beeindruckende Mischung aus vorsichtiger Vertrautheit und professioneller Diplomatie lag in der Luft, als Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, und die Projektgruppe ‚Münchner Sicherheitskonferenz verändern‘ e.V. am 12. Januar 2015 bereits zum 10. Mal zu einem Gespräch zusammenkamen.

Es wurde ein bewegter Austausch über Grundasatz- und organisatorische Fragen sowie über aktuellste politische Herausforderungen. Auch die Konferenzbeobachter von 2014 brachten ihre kritischen Hinweise nachdrücklich ein. (…) als ein zentrales Anliegen der Gruppe bleibe: Um den unmenschlichen Kreislauf der Kriegs-Drohungs-Spirale zu entkommen, müssten Themen wie Abrüstung, das Verbot von Waffengebrauch, -produktion und -lieferungen und das Aufzeigen alternativer Konfliktbearbeitungsformen ein zentrales Thema auf jedem internationalen, sicherheitspolitischen Forum wie dem der MSK sein! Der Konferenzleiter stimmte der Aussage prinzipiell durchaus zu und kündigte an, dass in der OSZE-Expertengruppe gerade die Frage der Rüstungsreduzierung eine zentrale Rolle spielen solle. Auch eine Öffnung der MSK gegenüber Vertretern alternativer Sicherheitskonzepte solle schrittweise stattfinden, versprach Ischinger und nannte renommierte NGOs, die zur MSK 2015 eingeladen werden (z.B. Amnesty International, Human Rights Watch, Greenpeace …). Gleichzeitig aber erinnerte er auch deutlich an den Konferenzrahmen und das Kernthema der ‚militärischen Sicherheit‘, verbunden mit den spezifischen Erwartungen der Gäste. Als gute Möglichkeit über dieses Hauptthema und -publikum hinaus zu kommen sehe er die vielen Side-Events – z.B. auch das, welches MSKv und das forum ZFD zur Flüchtlingssituation im Libanon gestalten! Hoffen lässt jedenfalls sein Angebot, sich mit der Projektgruppe MSKv wieder zu einem intensiveren Dialog zu treffen, wenn die Agenda der OSZE-Expertengruppe ausgereifter sei (…)“ 

Den Inhalt dieses Beitrags finde ich spannend und auch vielversprechend. Leider habe ich bislang den Ansprechpartner dieser Projektgruppe noch nicht erreicht, werde das Thema aber weiter verfolgen.

Munich_Security_Report2015_Wolfgang_Ischinger_MSC_Muenchner_ Sicherheitskonferenz_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Wolfgang Ischinger präsentiert im PresseClub den neuen „Munich Security Report“, der ab sofort alljährlich die MSC begleiten wird und als Download allgemein zugänglich ist

Gesprächsbereitschaft auch gegenüber den Demonstranten äußerte Wolfgang Ischinger ebenfalls bei der Pressekonferenz letzte Woche. Ich finde, man sollte ihn unbedingt einmal beim Wort nehmen! Darüber hinaus begleitet ab sofort eine jährliche Broschüre, der Munich Security Report (MSR) die Konferenz. In dieser finden sich Berichte und Einschätzungen zu den jeweils aktuellen sicherheitspolitischen Fragen. Dieser Report ist auch als Download erhältlich.

 

General_Johann_Berger_Bundeswehr_Lili-Marleen-Reihe2010_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Bundeswehr General Johann Berger stellte sich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Reihe“ zu einer Diskussion zur Verfügung, die nie stattfand …

Mit der schlichten Bekundung: „Ich bin Pazifist“ macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach in unserer komplexen Welt – und betreibt ein Stück weit selbstgerechtes „Gutmenschentum“ auf Kosten derer, die uns diese Pose, zum Teil unter Einsatz ihres Lebens, überhaupt ermöglichen; die Soldaten und Soldatinnen, von denen ich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Produktion“ eine ganze Reihe kennen gelernt habe und zwar nicht als tumbe Tötungsmaschinen, sondern als engagierte und durchaus nachdenkliche junge Männer und Frauen. Um einen Dialog zwischen uns ZivilistInnen/PazifistInnen und der Bundeswehr, im Rahmen meiner damaligen Veranstaltungsreihe zu eröffnen, lud ich auch den Bundeswehr-General Johann Berger zu einem Vortrag über „internationale Sicherheitspolitik“ ein. Leider fand sich aber kein einziger Gast ein, der seine anti-militärische Haltung als Gegengewicht in die Waagschale geworfen hätte! In einem späteren Gespräch führte eine Freundin dann das ebenso bekannte wie abgenutzte Motto an: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Schön wäre das ja – und ich wäre auch gern Astronaut geworden 😉 , doch durchführbar wird es erst dann sein, wenn auch die letzten „Schwerter zu Pflugscharen“ geworden sind … Und bis dahin – so meine Meinung – sollte man nicht jede militärische Sicherheitsmassnahme gleich in Bausch und Bogen verteufeln, sondern von Fall zu Fall genau hinschauen, was, wann und wofür militärisch vorgegangen wird und dann Fall bezogen, wo nötig, die Stimme erheben. Aber bitte nicht das eigentliche Anliegen durch Worthülsen wider das gesammelte Unrecht der ganzen Welt verwässern!

Wolfgang_Ischinger_MSC_Charlotte_Knobloch_Israelitische_Kultusgemeinde_Muenchen_Peter_Schmalz_PresseClub_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, zwischen Wolfgang Ischinger und Peter Schmalz auf der Pressekonferenz zur MSC 2015

Zurück zur Sicherheitskonferenz: Natürlich nutzen die Teilnehmer das Podium um sich dort im Sinne ihrer Anliegen zu profilieren. Das ist hier nicht anders als bei vielen salbungsvollen Reden im Verlauf von Preisverleihungen, Kulturempfängen und sonstiger Konferenzen. Dennoch lässt sich zwischen den Zeilen lesen, vorausgesetzt, man ist willens und zeitlich in der Lage (wieder dieses Zeitproblem!) sich die einzelnen Beiträge zu Gemüte zu führen. Im Anschluss ließen sich dann auch konkrete und damit wirkungsvolle Kundgebungen abhalten. Bei erster Durchsicht einiger auf der Homepage der MSC veröffentlichten Statements von Ursula von der Leyen und Nato-General Stoltenberg bin ich auf Punkte gestoßen, denen ich z. B. nicht zustimme. Wer sich ebenfalls selbst ein Bild machen möchte: Ein Blick auf die aufwändig gestaltete Homepage mit O-Tönen, Manuskripten einzelner Reden, Live-Streams und Hintergrund-Informationen lohnt in jedem Fall:

Unbestritten bleibt für mich, dass jeder Einsatz von Gewalt, auch wenn er aus humanitären Gründen noch so unvermeidbar ist, immer das schreckliche Zeichen menschlichen und diplomatischen Versagens darstellt. Mit diesem Zwiespalt müssen wir leider leben – noch. Und uns weiter schrittweise einen Weg in eine bessere Welt bahnen, jeder auf seine Weise, mit gegenseitiger Offenheit und Toleranz gegenüber anderweitigen Bemühungen. Wie wollen wir sonst den globalen Frieden erreichen, wenn wir schon an der Gesprächs- und Streitkultur scheitern.

Abschließen möchte ich meinen heutigen Beitrag mit einem Zitat des verstorbenen Vorstandmitglieds der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V., Sepp Rottmayr, ebenfalls veröffentlicht in der aktuellen Projektzeitung. Es sind Worte, die mir in ihrer schlichten Wahrheit sehr nahe gehen, auch wenn ich bezweifle, dass sich die Sicherheitskonferenz in allzu naher Zeit den Begriff „Sicherheit“ durch den Begriff „Frieden“ wird ersetzen lassen wollen. Dazu fühlen sich noch zu viele Menschen zu un-sicher  …

„Ein Rüstungsbasar ist sie (die MSC) sicher heute nicht mehr. Eine Konferenz für militärisch ausgerichtete Sicherheitspolitik, so wie man Sicherheit in der Politik heute noch weitgehend versteht, ist sie bestimmt. Eine Friedenskonferenz aber – das muss sie erst werden, da muss sie sich verändern. Das ist nicht leicht. Aber, und jetzt passt mein Schlusswort das nicht von mir stammt, sondern von Herman Hesse:

‚Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden …‘ (Sepp Rottmayr)

 

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Die Fotos von der Pressekonferenz wurden mir freundlicherweise von Herrn Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama“ überlassen.

 

Ein Verzeichnis weiterer Blog-Beiträge findet sich unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

 

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Gedanken zum geDENKEN … Bilder des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am 31.7. in St. Johann-Baptist

Seit Ende Juli ist die Gedenkzeit definitiv über uns herein gebrochen und hat dem Komponisten Jon Michael Winkler und mir u. a. den Auftrag zu einer jourfixe-Collage eingebracht – und ja, wie die Bilder und das Feedback zeigen, war es ein berührender ökumenischer Gottesdienst. Für mich jedoch mit einem dicken fetten „ABER“ verbunden …

010Grablaub

Bild-Montage aus der jourfixe-Collage „100 Jahre nach Kriegsausbruch“

Wo stehen wir denn eigentlich geistig und moralisch 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie weit klopfen wir heutzutage Meldungen auf mögliche propagandistische Inhalte ab? Wie weit hinterfragen wir politische Handlungen bzgl. möglicher verborgener Interessen? Wie weit sind unsere eigenen politischen Stellungnahmen noch tolerant, gemäßigt in der Diktion und zuverlässig recherchiert? Oder neigen wir wieder einmal zum propagandistisch gesteuerten Blick durch Zeitgeist-Brillen, wie vor 100 Jahren?

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Noch während ich an meiner Collage zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, zog draußen auf der Rosenheimer Straße ein Pulk Demonstranten vorbei und skandierte „Wir werden siegen“. In diesem Falle gegen Israel. Ohne in irgendeiner Form parteiisch sein zu wollen – mir geht ebenso das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung sehr, sehr nahe – erinnerten mich  diese Rufe auf bedrückende Weise mit der Siegeszuversicht von 1914. „Wir werden siegen! Das ist bei solch kraftvollen Willen zum Sieg gar nicht anders möglich.“ schreibt ein deutscher Soldat im August 1914 an seine Familie. Im September 1914 ist er tot.

„Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Russ!“ wurde damals als Losung verbreitet. Und vieles mehr, denn dem eigentlichen Krieg mit seinen tatsächlichen tödlichen Wunden eilte ein propagandistischer Kampf voraus, gesteuert von den Interessen und/oder Ängsten einiger weniger Männer.

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Weiteres Bild aus der Collage von Gaby dos Santos und Jon M. Winkler (Musik) zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs

In seinem Buch „Europa 1914“ äußert der Publizist Emil Ludwig rückblickend: „Europa Anfang August 1914. Lüge und Leichtsinn, Leidenschaft und Furcht von 30 Diplomaten, Fürsten und Generälen werden friedliche Millionen vier Jahre lang in Mörder, Räuber und Brandstifter aus Staatsräson verwandelt werden, um am Ende den Erdteil verroht, verseucht, verarmt zurückzulassen.“

Und heutzutage? Hocken wir nicht wieder auf einem Pulverfass? Vielleicht, weil der letzte Krieg schon zu lange zurück liegt, um die heutige Generation in dem Ausmaß abzuschrecken, wie unsere Eltern und Großeltern? Kommt ein neuer Kalter oder gar Heißer Krieg auf uns zu? Weil EU und NATO Russland – übrigens entgegen der Absprachen in Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung – immer mehr „auf den Pelz rücken“? Ich bin gewiss kein Fan von selbstherrlich regierenden Alpha-Männchen, egal welcher Couleur oder Nationalität. Dass sich aber gerade die USA so scheinheilig empört, weil Putin sich durch die Krim strategisch gegen eine mögliche Nato-Ausbreitung in der Ukraine abgesichert hat, leuchtet mir  ein. Und egal wie ich emotional zu diesem Schritt stehe, die USA, die sich seit jeher mit allen legalen und durchaus auch grenzwertigen bis illegalen Mitteln ihren Einfluss-Bereich weltweit vergrößert und gefestigt hat, sollte von ihren verbalen Provokationen Abstand nehmen. Allen voran Mr. Yes-We-Can-Lichtgestalt und Friedensnobelpreis-Träger! Zumal die Art der Diktion für einen Frieden sichernden Dialog alles andere als hilfreich ist. Deeskalation sieht anders aus, ein ziviler weltpolitischer Umgang auch!

Collage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden

Bildcollage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden (Quelle: jourfixe-Collage zum 31.7.2014)

Und Putin – ohne schlüssige Beweise – für den Absturz der malaysischen Passagiermaschine persönlich verantwortlich zu machen, ist anti-russische Propaganda auf niedrigstem Niveau. Wie kommt eine für den unverzichtbaren investigativen Journalismus einst so gelobte Zeitung wie der „Spiegel“ zu einem Titelblatt, wie dem von dieser Woche, welches die Bilder toter Passagiere direkt mit Putin in Verbindung bringt, noch dazu bevor die Untersuchungen überhaupt abgeschlossen sind? Erinnert mich sehr an Saddam Husseins angebliche Giftwaffen, Grund für einen Krieg, der die ganze Gegend destabilisiert hat und an dessen Spätfolgen (z.B. ISIS) die Welt noch heute zu leiden hat. Und doch scheint mir die EU auf bedauernswerte Weise wieder am Rockzipfel der USA zu hängen, und ich frage mich, wieso eigentlich in diesem Ausmaß?

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der jourfixe-Produktion zum 31.7.)

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der Produktion zum 31.7.)

Und welchen Sinn hat dieses ganze Hin und Her der Sanktionen? Sie treffen die Bevölkerung und nicht die Machthabenden bei deren Muskelspielchen.  Außerdem bin ich darüber entsetzt, wie Joachim Gauck, ehemals mein Wunschpräsident, als Präsident eines Volkes mit unserer Vergangenheit UND seiner als ehemaliger Pfarrer, sich für eine weitreichendere militärische Beteiligung Deutschlands im internationalen Kräftemessen aussprechen kann. Natürlich geht es manchmal darum, sich und Schwächere zu schützen. „Feindesliebe“ allein löst daher leider bei weitem (noch) nicht alle Probleme der Menschheit, Gaucks Reden jedoch sprengen für meinen Geschmack allzu oft die Grenzen der Verhältnismäßigkeit im Sinne einer Erweiterung der Rolle Deutschlands im globalen Machtpoker. Dabei hatte Deutschland nach dem Krieg die einzigartige Chance einer ausschließlich defensiven Rolle. Ob sich diese wirklich auf Dauer hätte halten lassen, weiß ich nicht. Aber dass sie zu leichtfertig Schröders und Fischers Alpha-Denken geopfert wurde, steht für mich fest. Die Büchse der Pandora steht nun auch für unser Volk weit offen.

009Christus

Die zerstörte Christus-Figur von Neuve-Chapelle wacht heute über einem Grabmal des unbekannten Soldaten in Portugal

„Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat keine Macht über den Tag des Todes, und keiner bleibt verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen nicht. (Prediger 8,8)

So nachzulesen bereits in der Bibel und so geschehen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. 1914 stellte Österreich Serbien ein in weiten Teilen unakzeptables Ultimatum, um durch einen Krieg den Erhalt der K&K-Monarchie zu sichern. Wilhelm II., politisch ansonsten isoliert und von Großmachtsträumen beflügelt, stellte sich Österreich zur Seite, in einem Krieg, der nicht nur Millionen Menschen das Leben kosten sollte, sondern auch das Ende von drei Kaisereichen bedeutete.

„… Keiner bleibt verschont im Krieg“, zum bitteren Ende hin nicht einmal mehr die Mächtigen, wenn es auch zunächst das (Fuß)Volk ist, welches geopfert wird.

011Grab5

In meiner Weltkriegs-Collage äußere ich an einer Stelle: „Heute ehren wir die Toten, die wir gestern opferten!“ Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir keine Grundsteine für neue Gedenkstätten legen! Bitte lasst uns Nachrichten hinterfragen, Facebook-Äußerungen überdenken … Und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass es hier nicht um Entschlüsse auf Papier und verbale Auseinandersetzungen geht, sondern um Mitmenschen – seit dem 20. Jahrhundert. weltweit.

Hier in unserem bunten München bin ich seit Jahren durch Zusammenarbeit wie auch Freundschaften mit ukrainischen MitbürgerInnen wie mit russischen verbunden, mit MitbürgerInnen jüdischen wie moslemischen Glaubens, mit Bundeswehr-Angehörigen wie mit kompromisslosen Pazifisten, stehe mit einer Vielzahl von Konsulaten und internationalen Kulturinitiativen in bestem Einvernehmen. Ich empfinde mich als ihnen allen verbunden, wohl wissend, dass es für viele Konflikte so leicht keine salomonischen Lösungen wird geben können und es sich leicht (ver)urteilt aus der Perspektive Außenstehender. Viele Konflikte jedoch sind durch eine lange Historie und tiefe Emotionen beschwert. Hier braucht es Dialoge, nicht Hetzschriften und Parolen, auf der großen Weltbühne ebenso, wie unter uns BürgerInnen; Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen, gepaart mit gesunder Vorsicht gegenüber den Interessen derer, die man hierzulande  „Großkopfert“ nennt, Bei uns herrscht zwar Meinungsfreiheit, damit aber auch Propaganda-Freiheit …

Abschließend der Ausschnitt eines Postings von Konstantin Wecker: „Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Medien es geradezu darauf anlegen, die Situation weiter eskalieren zu lassen? Mit immer wieder auch gerne unbewiesenen Behauptungen und peinlich einseitiger Propaganda?
Wissen diese JournalistInnen eigentlich was sie tun?
WIR WOLLEN KEINEN KRIEG !
Und die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!
Nur zur Erinnerung:
„Nach Kriegsende sollte man die Kriegsliteraten einfangen und von den Kriegsinvaliden auspeitschen lassen“, schrieb Karl Kraus.
Man sollte dies den Kriegsliteraten täglich vor Augen halten.“
(Konstantin Wecker)

In der Regel sollen in meinen Beiträgen positive Aspekte im Vordergrund stehen und so will ich diesen Blog wenigstens positiv mit einigen Bildeindrücken aus dem Ökumenischen Gedenkgottesdienst ausklingen lassen.

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes - Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist - Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes – Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist – Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Quelle: MIR)

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten (Quelle: MIR)

Während des Gottesdienstes wurden Namen und Biografien gefallender Soldaten in den Landessprachen verlesen. Von links:
Toni Netzle (München-Haidhausen), Dimitra (Griechenland), Anne Marie de Jonghe (Flandern), Conny Prössl, Isabelle Gregorian (Frankreich) Tatjana Lukina (Russland), Vida Cvetic (Serbien)

Diese Momentaufnahmen wurden netterweise von Tatjana Lukina. der Leiterin des russischen Kulturzentrums MIR in München, zur Verfügung gestellt:

http://www.mir-ev.de/

Da ich durch diese Produktion in der letzten Zeit sehr eingespannt war, warten noch einige spannende Blog-Beiträge auf Sie. Ein Blick ab und an auf diese Seite lohnt also wieder 😉


http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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