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„Vergiss das Theater und sieh auf das Nô!“ Zur Aufführung der Nô-Trilogie im Meta Theater von Axel Tangerding

„Vergiß das Theater und sieh auf das Nô“, lautete das Motto des Abends, doch – fernöstliche Weisheit hin oder her – an diesem Ort begegnete mir „Theater“ auf so unmittelbare Weise, dass es mir unvergesslich blieb … Ähnlich erging es seinerzeit wohl dem italienischen Regisseur Andrea Paciotto, der sich in der Festschrift „Take A Risk“ erinnert: „We were welcomed into his home and into his theatre, elegant and essential, privileged observers of the work and of the life. The border between the two levels did not exist at all, the theatre merged into the life and vice versa, one nurturing the other. (…)“ An anderer Stelle äußert er, dass jedes Heim ein Herz habe, den Eigenschaften der Bewohner entsprechend … In der Tat schuf Architekt Axel Tangerding ein faszinierend eigenwilliges Heim rund um sein Meta Theater: Im Bauhausstil errichtet und mit viel Holz und weiten Glasfassaden ausgestattet, empfand ich das Gebäude als großzügig Raum spendend, im reellen ebenso, wie im ideellen, kreativen Sinn.

Masako Ohta spielt vor Programmbeginn privat auf dem Flügel

Masako Ohta übt vor Programmbeginn am Flügel

Nach Betreten des Hauses stand ich sofort inmitten jener einzigartigen Mischung aus Alltags- und Theaterleben, die Axel Tangerdings italienischer Kollege so treffend beschrieben hatte: Rechts befand sich ein Küchenbereich, in dem gerade die Getränke für die Gäste bereit gestellt wurden, und an den sich links der Zuschauerbereich anschloss, der über breite Stufen, in einer Art Arena, hinunter bis zum Bühnenbereich führte. Dieser bestand aus einem schlichten, beheizbaren Fußboden, wie mir Axel erläuterte, der vor einer großen weißen Wand endete. Seitlich davon saß die japanische Pianistin Masako Ohta am Flügel und spielte versunken vor sich hin.

Masako Ohta performed mit Stäbchen

Musikalische Performance mit Stäbchen

Mit ihr war ich zufällig kurz zuvor über Facebook in Kontakt getreten und freute mich nun über unser Kennenlernen in ganz realem Theater-Ambiente und über die Gelegenheit, mich ein wenig in das vielseitige Spiel dieser Künstlerin einzuhören, die im Verlauf des Abends unter anderem asiatische Stäbchen einsetzen würde, mit denen sie zunächst das Klavier bediente, um sich dann dieser effektvoll einzeln zu entledigen, ohne dabei die Musik zu unterbrechen.

Jetzt aber, gut eine Stunde vor Programmbeginn, herrschte  jene konzentrierte Geschäftigkeit, die ich im Vorfeld von Veranstaltungen so liebe, weil sie sich ganz im Hier und Jetzt abspielt: Nur der vorbereitende Moment zählt, geprägt von der unausweichlichen Spannung vor dem nächsten Da Capo im Wechselspiel von Bühne und Zuschauerraum. Dessen Ausgang bleibt, auch nach jahrelanger Bühnen-Routine, stets unberechenbar. Daher erlebe ich persönlich auch jeden Auftritt, als handle es sich um mein Bühnendebüt. Sicher habe ich mit der Zeit eine gute Portion Lampenfieber abschütteln können, dank einer gewissen Routine und dem erfolgreichen Coaching von Naomi Isaacs. Die existentiellen Fragen im Vorfeld einer Aufführung beschäftigen mich jedoch, gleichlautend, bis heute: Was wird mir diese Vorstellung  bescheren, menschlich, geschäftlich, künstlerisch? Und wie werde ich mich in den Stunden nach dem Schlussapplaus fühlen? Beseelt? Oder wird mich wieder jene bedrückende Leere erfüllen, die sich so dramatisch anfühlt, obwohl sie, biochemisch betrachtet, nur einem Abbau von Hormonen geschuldet ist?Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen-ev-de

„Die Stille schluckt den Schlussapplaus“ lautete, in Form eines bitteren Chansons, das Fazit meines Herzensfreundes und langjährigen künstlerischen Wegbegleiters, Jon Michael Winkler, mit dem er  sich vom Bühnenbetrieb verabschiedete. 2013 war das, nachdem ihn die Arbeit an unserer städtischen Auftrags-Collage zum Thema „450 Jahre Alter Südlicher Friedhof“ endgültig ausgebrannt hatte. Bei dieser Jubiläumsveranstaltung waren übrigens auch Axel Tangerding und ich uns zuletzt begegnet, wie wir nun bei der Begrüßung in seinem Theater feststellten. Den lange schon geplanten Gegenbesuch zu einer von Axels thematisch stets besonderen Veranstaltungen hatte ich bislang nicht auf die Reihe bekommen, vor allem, weil sich das Meta-Theater außerhalb Münchens, in Moosach bei Grafing, befindet.

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Von Grafing aus hatte mich ein Regionalbus eine Viertelstunde lang querfeldein durch bayerische Ländlichkeit chauffiert, bevor er mich an einer Haltestelle im Nirgendwo absetzte. Auf der Straße keine Menschenseele, dafür hübsche kleine Häuschen und ein Gewässer, Bach oder Teich, das mit der Dunkelheit verschmolz … Es ging eine kurze Wegstrecke bergauf, vorbei an Weihnachtslichtern, bis zu einem Gebäude mit der Hausnummer 8, an das sich ein Feld und der Anfang eines Walds anschlossen. Vergeblich hielt ich nach einer Leuchtreklame Ausschau oder irgend einem anderen Hinweis darauf, dass sich hier ein Theater befand, wie es, der Hausnummer entsprechend, der Fall sein musste. Lediglich zwei Plakate rechts und links von einer Haustür, die die -Trilogie ankündigten, wiesen darauf hin, dass ich am Ziel angelangt war. In der Tür steckte ein Schlüssel, so dass ich das Gebäude problemlos betreten konnte.

Schnell stellte ich fest, dass sich die etwas umständliche Anfahrt zum Theater gelohnt hatte, denn von Anfang an empfand ich diese Spielstätte als ausgesprochenes Erlebnis, womit ich mich in die Schlange all derer einreihte, die Axels Theaterarbeit über die Jahre beeindruckt hat:

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, von Donnerstag, 15. Dezember .2016

Das Foto (SZ,  15.12.16) zeigt Tangerding mit Dieter Dorn in der Akademie der Schönen Künste

Am Tag nach meinem Theaterbesuch zeichneten in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste die Kulturlegenden Michael Krüger und Dieter Dorn Axel Tangerding mit der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung aus, ein weiterer hochkarätiger Preis, nachdem ihm u.a. bereits 2002, vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, das Verdienstkreuz am Bande der BRD verliehen worden war, sowie 2012 der Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

Two working spotlights on a club stage in clots of a smoke

Chapeau! Mir hatten seinerzeit drei Jahre Betrieb meiner im Vergleich unaufwändigen WerkstattBühne (1996 – 1999/Gabelsbergerstr.) so zugesetzt, dass ich bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit die Theaterleitung an den Nagel gehängt hatte, aufgerieben durch den Opportunismus und das kulturelle Unverständnis des eigentlichen Pächters, die Allüren so mancher Künstler und die ständigen finanziellen Engpässe. Das Rampenlicht, das auf Außenstehende so verlockend wirkt, strahlt immer nur flüchtig, so dass man es vor lauter Stress oft nicht einmal richtig wahrnimmt. Arbeit rund um die Uhr für „mau“, inklusive übrigens einer Menge administrativer und so gar nicht künstlerisch-kreativ anmutender Aufgaben, prägen jenen Alltag hinter den Kulissen, den ich gerne mit einem Rodeo-Ritt vergleiche: Früher oder später schmeißt es jede/n oder zumindest fast jede/n… Die Kunst – im doppelten Wortsinn – besteht darin, sich überhaupt eine Weile zu halten und nur einer verschwindend kleinen Gruppe gelingt dies längerfristig mit ihrer Bühne.

Zu diesen wenigen zählt Axel Tangerding. Bei Gründung seines Theaters, 1979, brachte er offensichtlich einen sehr, sehr langen Atem mit, der ihm bis heute nicht ausgegangen ist. Als ich ihm zu seinem Lebenswerk gratulierte, merkte er sinngemäß an: „Nicht auf die Erfolge kommt es an, sondern auf die Rückschläge!“ Ein Teil seines Erfolges lässt sich wohl auf  die Vorzüge eines eigenen, dazu auch noch selbst gestalteten Hauses zurückführen, sowie auf  ein eigenes Konzept, mit dem es ihm nach wie vor gelingt, reichlich Zuschauer_Innen anzuziehen, sogar regelmäßig Münchner Kulturpublikum in die bayerische Pampa zu locken. Das konzeptionelle Anliegen des Hauses findet sich klar formuliert auf dessen Homepage wieder:

"Take A Risk" - akutalisierte Festschrift von 2016, mit vielen Fotos, € 10,- inkl. Versand ISBN 978-3-00-034948-5

„Take A Risk“ – Festschrift -aktualisierte Version von Dez. 2016, Preis € 10,- inklusive Versand-Kosten ISBN 978-3-00-034948-5

Mit seinen Produktionen hat das Meta Theater einen Stil entwickelt, der durch äußerst präzises Zusammenspiel von konzentrierter Bewegungssprache, experimenteller Musik, Sprachpoesie und Lichtraum gekennzeichnet ist. Begegnung im Spannungsfeld eigener und fremder Kulturen findet durch Vermittlung zwischen experimentellen Formen und außereuropäischen Traditionen statt. (…)

Die Produktionen des Hauses münden oft in internationale Tourneen. Im Gegenzug gastieren Künstler_Innen aus aller Welt in diesem entlegenen Theater-Idyll. Untergebracht werden sie weitestgehend im Haus selbst, was sicher die Probenarbeit intensiviert. Entsprechend findet, wer in der Festschrift „Take A Risk“ blättert, dort nicht nur Beiträge einheimischer Kultur- oder Polit-Prominenz, sondern auch einen weltweiten Querschnitt von Vertreter_Innen unterschiedlichster Theaterformen: Axel Tangerding spricht in diesem Zusammenhang in einem BR-Interview von „glokal“. Seine Bühne bezeichnet er auch als „Theaterlabor“, in dem er seit jeher mit sehr reduzierten Formen des Theaters experimentiert.

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei der Einführung zur NO-Trilogie

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei seiner Einführung zur NO-Trilogie

Diesem Anliegen kommt das japanische Nô-Theater entgegen. Zwar handelt es sich bei „Nô“ um eine 600 Jahre alte Theatertradition, aber: “ (…) Im Kern ist für mich Nô-Theater Avantgarde, das ist die Reduzierung, die wir ja auch im Westen suchen, in der Kunst (…) Im Westen wurde dies erfunden aus einem eher intellektuellen Ansatz (…) In Japan ist es eben aus einer langen Tradition gewachsen“ , so Tangerding im BR-Interview. Er vergleicht Nô-Theater mit einem Eisberg: „Sie sehen nur die Spitze, aber in den kleinen Bewegungen an der Spitze können Sie die Masse erahnen, die unter Wasser dümpelt und sich träge dahin bewegt. Und so ist es beim Nô-Spieler auch: Mit minimalen Bewegungen, Gesten, bringt er eine Fülle auf die Bühne, die aber nicht gezeigt wird. (…)“

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Akira Matsui in „Takasago“

Obgleich es Sonntag und somit bereits der dritte Aufführungsabend der Nô-Trilogie war, füllte sich das Theater, ein Umstand, von dem so manche Münchner Bühne, an so manchem Abend, nur träumen kann … Allerdings bekommt man auch nicht jeden Tag Einblicke in diese exotische Theaterform geboten, noch dazu mit einem Nô-Meister, wie Akira Matsui, dem 1998  von der japanischen Regierung der Titel „wichtiges immaterielles Kulturgut“ verliehen wurde! Akira Matsui möchte in seinen Darbietungen “… den Stil des Nô unversehrt lassen, doch ich will Nô in einer anderen Form aufführen, so wie es noch nie zuvor gemacht wurde, ich will Nô konfrontieren mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten.”  

Akira Matsui, John Oglevee und Ki in "Takasago - Die Zwillingskiefern"

Akira Matsui, John Oglevee und Kinuyo Kama in „Takasago – Die Zwillingskiefern“

Matsui will die Wandlungsfähigkeit des Nô zeigen, vom traditionellen bis hin zu einem zeitgenössischen Stil. Die Handlungen des Nô-Theaters sind mannigfaltig, eine davon ist das „Göttliche Thema“. (…). Der Held oder Heldin ist Kami (Gott oder Göttin im Shinto), ein Buddha oder eine andere himmlische Gestalt, was am Anfang des Dramas aber noch nicht bekannt ist. Am Ende enthüllt der Held seine Identität und segnet die anderen Handelnden, das Land und die Betrachter. (…)  Mehr > Wikipedia. Entsprechend entpuppte sich in dem Nô-Klassiker Takasago“ – die Zwillingskiefer, der die Trilogie eröffnete, ein altes Ehepaar als Geister der Zwillingskiefern Takasago and Sumioe, Sinnbild für eheliche Verbundenheit. Vor der Projektion einer typischen Nô-Kulisse tanzte Akira Matsui zu Gesängen und Trommel (Kotsuzumi/Chorus) von John Oglevee sowie der Nô-Flöte von Kinuyo Kama.2016_12_11_no_trilogie_kinuyo_kama_no-floete_meta-theater_axel_tangerding

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Akira Matsui/Marion Niederländer in Samuel Becketts „Rockaby“

Darauf folgte der Einakter „Rockaby“, den Samuel Beckett dem Nô-Theater gewidmet hat, und der vom  Sterben einer alten Frau und dem Schaukelstuhl ihrer Mutter handelt. Den Tanz begleitete Marion Niederländer mit Text-Rezitationen, deren gewollt monotoner Vortrag, mit ständigen Wiederholungen, die Performance von Akira Matsui noch intensivierte.

NO-Meister Akira Matsui während einer Szene im Meta-Theater, 11.12.16

Akira Matsui in „Yuki-Onna“

Den Abschluss bildete Matsuis „Yuki-Onna“, (Die Schneefrau), begleitet von Kinuyo Kama (Flöte) und Masako Ohta am Flügel, eine zeitgenössische Variante des Nō-Theaters.

Langanhaltender Schluss-Applaus

Schluss-Applaus, von links: Marion Niederländer, Masako Ohta, Akira Matsui, Kinuyo Kama und John Oglevee

Vor Antritt meiner Expedition in Axel Tangerdings Theaterwelt hatte mich natürlich sehr die Frage beschäftigt, wie ich anschließend zurück nach München kommen sollte, denn der letzte Bus zur S-Bahn fuhr bereits um 21 Uhr. Axel beruhigte mich. Notfalls würde er selbst seine „auf der Strecke“ gebliebenen Gäste zur S-Bahn fahren; dies sei aber in all den Jahren noch nie erforderlich gewesen, da sich im Publikum immer motorisierte Münchner Gäste fänden. Und tatsächlich trieb er in kürzester Zeit eine Mitfahrgelegenheit auf, die mich nicht nur direttissima bis Haidhausen und fast vor meine Haustür brachte, sondern auch noch anregende Gespräche mit den Autobesitzern, dem Regisseur Martin Kindervater und seiner Frau Franziska mit lieferte.

Nun bin ich gespannt, was das Publikum, zu dem ich mich jetzt auch zähle, in der neuen Saison in Axel Tangerdings kulturellem Hotspot erwartet. Wer sich ebenfalls für das Programm des Meta Theaters interessiert, findet hier den Link zur Newsletter-Anmeldung.


Ende 2016 ist die Broschüre TAKE A RISK, über das Meta Theater,  in aktualisierter und erweiterter Fassung erschienen.

Preis: € 10,- inklusive Versand-Kosten  SOWIE  ISBN 978-3-00-034948-5  sind unverändert geblieben. Baldige Bestellung direkt beim Meta-Theater empfiehlt sich, da bereits die ersten 100 Exemplare bei der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung in der Akademie der Schönen Künste unmittelbar verkauft wurden.

Erstmalig herausgebracht wurde die Festschrift „Take A Risk“ 2011 anlässlich von „30 Jahre Meta Theater“. 


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„Alles wird anders, aber nichts ändert sich“: Jazz-Reminiszenzen mit einem Gastbeitrag von Jörn Pfennig

Dieses Jahr besuchte ich, nach längerer Abstinenz, wieder einmal das Jazzfest München. Für mich war es in vielerlei Hinsicht eine Heimkehr – zu den Zeiten, als ich mich der Jazz-Szene eng verbunden betrachtete. Nicht zuletzt war ich ja mit Edir dos Santos verheiratet, der viele Jahre Schlagzeuger in den Formationen des Jazz-Geigers Hannes Beckmann war. Zudem hat mich ein Großer der Münchner und internationalen Jazzszene überhaupt erst mit Jazz „angefixt“ …

Dass ich Kunst- und Kulturschaffende werden würde, wusste ich schon als Kind, mein konkreter Einstieg erfolgte jedoch über die Jazzszene, nach einem kleinen Umweg über  Münchens Bar- und Kneipenlandschaft. Nach einer behüteten Jugend in Norditalien, trieb mich damals Nachholbedarf an „wildem Leben“ um, als ich 1979 in München aufschlug. Geplant war ein Studium der Theaterwissenschaften, aus dem sich jedoch ein Intensivkurs in „Kneipologie“ entwickelte. In dieser Zeit begegnete mir Joe Haider, seines Zeichens begnadeter Jazzpianist und einer DER zentralen Figuren der Münchner Jazzszene in den 60er und 70er Jahren. Wir becherten das eine ums andere Mal in schönster Eintracht und legten damit einen hochprozentigen Paarlauf hin, der für mein weiteres Leben Weichen stellen sollte, denn damals interessierte mich Joe und Joe stand für Jazz, und so begann ich mich mit dieser Musik und ihrer Münchner Szene näher zu befassen. Beides war mir bis dato weitgehend fremd geblieben, da ich aus der „Generation Rock“ stamme, der Musik, die in den 60er und 70er Jahren den Jazz immer mehr zurück gedrängt hatte, zumal „Modern Jazz“ ja nun auch nicht gerade die „auf erstes Hinhören“ eingängigste aller Musikformen ist.

jourfixe-Blogbeitrag von Marcus Woelfle "Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen" https://jourfixeblog.wordpress.com/…/sepp-werkmeister-doye…/

Joe Haider, der große Jazzpianist, 1970 im Münchner Domicile; Foto: Sepp Werkmeister

Dank meinem Faible für Joe Haider jedoch nahm ich mir die Zeit, auch ein zweites und drittes Mal „hinzuhören“ und schließlich eröffnete sich mir eine neue Art von Musikerlebnis: Die konzentrierte und differenzierte Einlassung auf Klangreisen, deren Wendungen niemand vorhersagen kann, weder auf, noch vor der Bühne. Ich lernte den improvisierten Dialog der Instrumente schätzen, der sich bei Jazz-Konzerten unter den Musiker_Innen entwickelt und ihnen ein spitzbübisches Lächeln auf ihre Gesichter zaubert; ich entdeckte die Faszination gelungener Übergänge von freien Solo-Improvisationen zurück in das Zusammenspiel der Band. Im Grunde lernte ich damals bewusster „Musik hören“, eine Fähigkeit, die mir bis heute bei meinen Produktionen zugute kommt, ebenso wie die Tatsache, dass ich zwar „besser hören“ gelernt habe, dies aber zwangsläufig noch immer aus der Warte des Publikums tue, um das es ja letztendlich bei jeder Veranstaltung geht – oder, meiner Meinung nach, zumindest gehen sollte.

Die Zeit meiner Ankunft in München fiel mit dem Sterben der Münchner Kleinkunst-Szene zusammen, mit fatalen Folgen für die Künstler_Innen. Ohne Spielort keine Gigs und ohne Gigs wiederum lassen sich kein Ensemble und erst recht keine Band dauerhaft zusammen halten. Die Jazzszene traf es besonders hart: Die glamouröse Oberflächlichkeit der 80er Jahren ließ die Jazzszene, mit ihrem Anspruch an die  Zuhörerschaft, immer mehr zur kulturellen Randerscheinung schrumpfen. Schließlich ergriffen eine Reihe Münchner Jazzmusiker_Innen die Initiative zu einer Jazzmusikerinitiative, die die Situation des Jazz in München verbessern sollte. Über  das musikalische Handwerk hinaus zeichneten und zeichnen diese Jazz-Aktivist_Innen konzeptionelle, administrative und verbale Fähigkeiten aus, womit ich das virtuelle Wort nun an den Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig übergebe, der die Anfänge der Münchner Jazzinitiative mitgestaltet  und aufschlussreich zu Papier gebracht hat:

Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig, Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Jörn Pfennig, Jazzmusiker, Autor und Lyriker Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Es war wohl eher die Stunde eins oder anderthalb, in der ich zu dem stieß, was sich da im Jazzclub Unterfahrt zusammenbraute, -traute, -staute. Noch namenlos, ungeordnet, liebenswürdig, aber mit grandioser Entschlossenheit, es nun endlich einmal aufzunehmen mit den Verwaltern jener exorbitanten Summen, die eine einohrig hochkulturell ausgerichtete Politik auf ein Segment ohnehin nicht darbender Bürger kübelt, während Musiker und Veranstalter, die sich der Subkultur/Abteilung Jazz verschrieben haben, ständig über den Rand der Existenz in einen feindselig gurgelnden Abgrund schauen. Das schrie nach gerechterer Verteilung, und das tat es denn auch bei den ersten Versammlungen, in denen – makellos basisdemokratisch – jeder zu Wort kam, der es nur lauthals genug vortrug. Doch eh wir’s uns versahen, hatte uns eine göttlich ordnende Hand eine Sitzungsleitung geschenkt, welche die Wortmeldungen bis ins zehnte Glied akkurat vermerkte. Das Chaos ging zurück, die Organisierung schritt fort – vorerst allerdings gut verträglich.
Um eine Initiative zu gründen, braucht es nichts als den beherzten Beschluss der Beteiligten, dass man von nun eine solche sei. Und natürlich einen Namen, der dem Außenstehenden möglichst besagt, worum es dieser Neugründung geht. JazzmusikerInitiative-München – auch einfachere Geister, als dies gemeinhin der Selbsteinschätzung von Jazzmusikern entspricht, hätten wohl zu dieser Bezeichnung gefunden, aber die Wucht des Schlichten entwickelt ja gerade auf politischem Terrain ihre besondere Kraft. Und dort wollten wir hin. Schon gab es einen Termin beim Kulturreferat, zu dem aus basisdemokratischen Gründen jeder mitkommen konnte, der sich davon einen Sinn versprach. Dieses traf immerhin auf neun Personen zu, und so herrschte beim Vorbringen unserer Anliegen haufenweise Sinn und recht wenig Platz. Da wir aber nicht nur Anliegen vorzutragen hatten, sondern auch eine preiswerte Idee, wurde aus dem Termin beim Referat ein Termin beim Referenten, dem wir besagte Idee dann sinnvollerweise bloß noch zu viert referierten.
In immer geordneteren Sitzungen hatten wir uns unterdessen nicht nur das einleuchtende Kürzel J.l.M herbeidiskutiert, sondern auch ein Projekt, mit dem wir sowohl uns, als auch dem Kulturreferat und dem Rest der Welt Gutes tun konnten: Ein Festival der Münchner Jazzmusiker, also unserer selbst, wollten wir auf die Beine stellen, aber – und das war das Schlaue daran – unter schmerzhaftem Verzicht eben dieser Unsererselbst auf ein Honorar. So zu Märtyrern geworden, musste uns der Kulturreferent Gnade erweisen, was er denn auch tat. Irgendwann, irgendwie war es dann da: das Organisationstriumvirat Hannes Beckmann-Rudi Martini– Jörn Pfennig. Keiner weiß genau, wie es dazu kam. Vermutlich waren es aber ganz natürliche Gründe wie überbordendes Engagement, unbezähmbarer Fleiß und eine fast schon gottlose Kühnheit. Verlockende Summen, die mancher Misstrauische für die Motivation verantwortlich wähnte, waren jedenfalls nicht in Sicht. Da der unterzeichnende Chronist ein Drittel des denkwürdigen Trios darstellte, könnte er mit Fug und Recht noch manch anderer falschen Vermutung den Garaus machen. Beispielsweise der, dass hinter der ungeheuren Effizienz dieses Teams eine ebenso ungeheure Harmonie steckte. Um dieses zurecht zu rücken, gleichzeitig der Gefahr des Anekdotischen auszuweichen und es dabei dann auch zu belassen, sei hier nur folgende Grundkonstellation grob skizziert:

Kandidat Martini läuft in den Morgenstunden zwischen neun und zehn zur Bestform auf.

Kandidat Beckmann erlebt dagegen seinen mental-kreativen Schub nachts zwischen drei und vier.

Folglich sind beide Kandidaten telekommunikativ inkompatibel und bedürfen eines Mittlers. Kandidat Pfennig bangt nun morgens viel zu frühen und nachts viel zu späten Telefonaten entgegen, die aber alle sein müssen, denn schließlich gilt es, ein Festival auf die Beine zu stellen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Als am Mittwoch, den 19. September 1990 um 18 Uhr der Kulturreferent der Landeshauptstadt München das erste J.l.M.-Jazzfest eröffnete, waren für insgesamt 5 Tage insgesamt 32 Konzerte mit insgesamt mehr als 200 Musikern organisiert. Ein wunderbares, altgedientes Zirkuszelt stand auf dem Olympiagelände inklusive Versorgungstrakt in Sachen Essen und Trinken. Alles war vorhanden, was ein brausendes Fest brauchte, bloß kein Publikum – zumindest nicht in einer Anzahl, die komfortabel gewesen wäre für die ersten auftretenden Künstler. Das Gefühl war mulmig, die Parolen waren durchhaltend und der wiederholte Hinweis auf die bekannten Eigenarten des Münchner Publikums klang hilflos. Aber siehe da: allmählich füllte sich das Zelt tatsächlich bis zur Rammelvollheit, und der Stimmungszeiger landete im roten Bereich der Euphorie.
So sollte es Gottseidank dann auch bleiben. Wir erlebten aber darüber hinaus noch einen herrlichen Schub in Richtung gemeinsam erlebter Katastrophen, die einander ja näher bringen sollen. Am übernächsten Tag nämlich fing es derartig an zu unwettern, dass dem würzigen Kürzel J.l.M. alsbald die galgenhumorige Interpretation „Jazz im Morast“ zugedacht war. Da jedoch nicht nur der Regen strömte, sondern auch das Publikum, da im Zelt nicht nur der Sumpf dampfte sondern auch der Jazz, wurde es ein unvergessliches Fest.
Unvergesslich? Na ja, möglicherweise fand der eine oder andere Musikant die nachfolgenden Jazzfeste doch wesentlich erinnerungswürdiger – da gab’s dann nämlich schon eine ordentliche Gage. (Soweit der Bericht von Jörn Pfennig)

1993, nach unserer Hochzeit in Rio, schlossen Edir und ich uns J.I.M. an. Die Vereinstreffen, die damals einmal im Monat im Jazzclub Unterfahrt abgehalten wurden, beeindruckten mich. Zum ersten Mal begriff ich, dass das „Kunst schaffen“, neben der kreativen, auch eine starke kulturpolitische Komponente beinhaltet, sobald man auf Fördermittel angewiesen ist … Fasziniert lauschte ich daher den Argumentationen der Wortführer_Innen, die vom Wesen her unterschiedlicher kaum hätten sein können:

Foto von Hannes Beckmann (+ 2016) für eines der Jazzfeste

Hannes Beckmann (+ 2016) um 2000, im Programm des Jazzfests München

Der ideenreiche, aus dem Bauch agierende Jazzgeiger Hannes Beckmann, der stets dazu neigte, alles an sich reißen zu wollen, der empfindsame und erfolgreiche PR-Stratege Rudi Martini, der rhetorisch brilliante Analytiker Jörn Pfennig, der strukturierte Wolfgang Schmid, damals Erster Vorsitzender des Vereins und viele, viele mehr.

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Bassist Wolfgang Schmid (u.a. KICK, PASSPORT/Doldinger)

Weibliche Aktivistinnen waren – und sind es leider bis heute – in dieser Szene unterrepräsentiert. Neben Jazz-Sängerin und Gesangscoach Naomi Isaacs nahm an den JIM-Treffen hauptsächlich Sängerin Jenny Evans teil, damals bereits mitten in jener Metamorphose, aus der sie als eine von Deutschlands „Leading Jazz-Ladies“ hervorgehen sollte.

Selbst beteiligte ich mich nicht an den Diskussionen, zu neu war mir die Materie. Dafür lernte ich aber  umso mehr über kulturpolitisches Taktieren, Revier-Kämpfe und das Spannungsfeld zwischen der visionären und der konkreten Planungsphase künstlerischer Projekte. Noch mehr lernte ich über das Wesen von Künstlervereinen, deren Vorteile und Tücken; Erfahrungswerte, die in Folge in die Satzung der von mir initiierten Kulturplattform jourfixe-muenchen e.V. eingeflossen sind …

Mit der Zeit habe ich mich künstlerisch in eine andere Richtung entwickelt, aber die Erinnerung an meine überbordende  Jugend und an die ersten Berührungen mit der Künstlerwelt, bleiben mit der Jazzszene eng verbunden. Schon das Intro eines Jazz-Standards genügt mir, um mich zurück in diese swingende Phase meines Lebens zu beamen, die sich mir im Rückblick voller nostalgischer Anklänge zeigt, ganz so,  wie in dem alten Schlager „Those Were The Days my friend …“, nur eben halt gescattet statt geträllert.

Am Ende einer langen Jazznacht mit der finnischen Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts) und meiner Freundin Petra Windisch de Lates. Petra gehört zusammen mit Michael Wüst und Andy Lutter zum Organisationsteam der Jazzmusiker Initiative München, der wir nun schon zum 27. Mal ein solches Jazzfest verdanken

Jazzfest München 2016, Carl-Orff-Saal/Gasteig: Gaby dos Santos, Petra Windisch de Lates (JIM Vorstand) und Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts)

So erging es mir auch kürzlich wieder, als ich das Jazzfest besuchte:

Joe Haider spielte auf dem Jazzfest 2016

Joe Haider, Jazzfest 2016

Das diesjährige Motto lautete „Legendary“ und präsentierte als ersten Programmpunkt des Abends Joe Haider, meinen indirekten Jazz-Mentor von einst . Über zwanzig Jahre hatte ich ihn weder persönlich getroffen noch auf der Bühne erlebt. Nun dominierte er als Grandseigneur den Carl-Orff-Saal und erinnerte mich zunächst nur vage an meinen Kompagnon aus den frühen 80er Jahren. Doch im Verlauf seiner Moderationen offenbarte sich wieder sein spezieller, mir noch immer vertrauter Schalk. Während ich mich in den Sound dieses spannenden Ensembles – Bläser zu Streich-Quartett – versenkte, spürte ich, dass sich diesbezüglich ein Kreis in meinem Leben geschlossen hatte, und dass es nun an der Zeit ist, den Jazz wieder stärker in mein Leben einzubeziehen, gemeinsam mit all den jazzenden Weggefährt_Innen aus den 80er und 90er Jahren, die mir – noch – geblieben sind …  Eine Art Fazit lieferte mir an diesem Abend Jörn Pfennig, den ich ebenfalls zu lange schon nicht mehr gesprochen hatte, mit einem russischen Zitat:

„Alles wird anders, aber nichts ändert sich.“


Fotos: J.I.M./Künstlerfotos aus den Programmen diverser Jazzfeste / Foto Joe Haider jung: Sepp Werkmeister / Schnappschuss Jazzfest 2016: Gaby dos Santos


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„Und ich gehe heute noch“ – Vom Ausstieg ins Leben der Künstlerin Naomi Isaacs

An einem Sonntag Mittag 1984 saß Sekretärin Naomi Isaacs  im Biergarten des Wirtshaus Am Gehrenberg. Sie erinnert sich – sinngemäß: „Ich saß unter Kastanienbäumen und genoss eine Stimmung, die der an schönen Sommertagen glich, mit Vogelgezwitscher und dem Lärmen spielender Kinder, während die Erwachsenen ihren Kaffee tranken. Es war einer dieser seltenen, absolut klaren Tage, an denen man von der Terrasse aus den ganzen Bodensee überblicken konnte.“ Die Weite des Ausblicks inspirierte Naomi zu einer Vision grenzenloser Möglichkeiten: „Wenn ich jetzt aufstehe und anfange zu gehen, einfach so, zu Fuß, dann könnte ich bis an den Bodensee kommen und dann den See mit der Fähre überqueren und weiter gehen, immer weiter, denn wer sollte mich aufhalten können? Im selben Moment ist ein Teil von mir aufgestanden und los gegangen und dieser Teil geht heute noch …“

Das Wirthsaus am Gehrenberg über dem Bodensee, Quelle: Südkurier

Das Wirthsaus am Gehrenberg über dem Bodensee, Quelle: Südkurier

Bereits ein Jahr zuvor hatte es in Naomi zu rumoren begonnen. Anlass war der 40. Geburtstag, der, wie so oft an runden Geburtstagen, eine innerliche Bestandsaufnahme heraufbeschwor. Beim Aufwachen hatte sie überlegt: „Gestern war Dienstag, heute ist Mittwoch – fühl ich mich jetzt anders? Ja,“ entschied sie, „zu alt, um mir mit vierzig noch von jemanden sagen zu lassen, wo es lang geht und viel zu jung zum sterben.

Naomi Isaacs mit ihrem damaligen Mann in den 80er Jahren

Naomi Isaacs mit ihrem damaligen Mann in den 80er Jahren

Seit Jahren trafen sie und ihr damaliger Ehemann sich regelmäßig mit einer Gruppe Freunden zum Essen. Eines Abends stellte Naomi fest, dass sie sich für kein einziges der vielen Gerichte auf der Speisekarte erwärmen konnte. „‚Steak wäre klasse, aber nee, zuviel zum Kauen, Scampi wäre schön, aber der ganze Reis mit Sauce zu viel …‘ Alles, was ich mir auf der Karte anschaute, war  irgendwie nicht so wie ich es haben w0llte. Innerlich ahnte ich, dass es hier um mehr ging, als nicht zu wissen, was ich bestellen wollte. Die Wahrheit war, dass ich keinen Hunger mehr hatte und das auf vielen Ebenen. Ich merkte: ‚Something is rearing its ugly head‘.

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Wer kennt es nicht, dieses leise Unbehagen, das einen im Lauf des Lebens beschleicht und ganz leise aber unentwegt zu fragen scheint: „Na, wo sind sie denn geblieben, die vielen Träume und Pläne, mit denen man sich das Leben bunt pflastern wollte? Wann ist sie verloren gegangen, diese Leichtigkeit mit der man die Gegenwart ausgelebt hast, ohne dabei auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Zukunft abgesichert genug sei. Wo ist der jugendliche Tatendrang geblieben? So vieles scheint ausgesperrt, hinter einem Riegel, den man seinem Dasein irgendwann unmerklich selbst vorgeschoben hat …

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Naomi beschreibt diesen Vorgang auf der biografischen Seite ihrer Homepage so: „Allmählich  wandelten sich unsere Interessen und wir hörten auf, die Clubs zu besuchen. Ich arbeitete als ‚Tippse‘ in einem großen Konzern. Über die nächsten 15 Jahre und viele Firmen stieg ich auf zur Abteilungssekretärin.

Naomi Susan Isaacs 1987

Naomi Susan Isaacs 1987

Als Naomi 1984 am Gehrenberg beschloss, ihrer Vision Taten folgen zu lassen, hatten sich ihr Mann und sie bereits auseinander gelebt und im Guten getrennt.

Wovor sich Naomi damals am meisten fürchtete, war etwas, das sie als „Hauptbeschäftigung aller alleinstehenden Damen mittleren Alters“ bezeichnet: „Es sich abends daheim gemütlich zu machen“, begleitet von Fragestellungen ohne tieferen Sinn, wie „Was koche ich für mich, welches Deckchen lege ich heute auf? Das wäre für mich, wie langsames Sterben.“

Türkenstraße_Muenchen_Allotria-Jazz-Club_Gerry_Hayes_Naomi_Isaacs_jourfixe-BlogWas also tun, mit den Abenden? Glücklicherweise gab es noch den Allotria-Jazzclub von Gerry Hayes in der Türkenstraße. Naomi war positiv überrascht: „Die Gesichter waren zwar neu, aber die Atmosphäre dort, der Geruch in der Kneipe, nach Bier und Zigaretten, waren noch genau so, wie ich sie von früher kannte. Und der Klang von Jazz fuhr mir wieder voll unter die Haut.“ Der Allotria-Club sollte nicht Naomis einziges Jazzdomizil bleiben …

Um 1990 in der "alten" Untefahrt mit Wirtin Liesl

Um 1990 in der „alten“ Untefahrt mit Wirtin Liesl

Es gab da ja auch noch die Unterfahrt, bis heute einer der international renommiertesten Jazzclubs, „die zu meinem „zweiten Wohnzimmer“ wurde. Ich half in der Küche und an der Kasse, stieg bei den Jamsessions ein …„, so Naomi.

Naomi Isaacs mit Jenny Evans, Jazz-Sängerin, Schauspielerin und damals Chefin des Musik-Lokals "Jenny's Place", Foto um 1990

Naomi Isaacs mit Jenny Evans,  damals Chefin des Musik-Lokals „Jenny’s Place“, Foto um 1990

Dann eröffnete die Jazzsängerin und Schauspielerin Jenny Evans ihre coole Musik-Kneipe „Jenny’s Place“, die bis 3 Uhr offen blieb und für die Nachtreiber unter der Jazz-Klientel gesellte sich schließlich auch noch Wolfi Kornemanns legendäres „Nachtcafé“ hinzu, in dem man bis 6 Uhr früh essen und trinken und die halbe Nacht Jazz-Bands live hören konnte. Nachtcafe_Muenchen_Wolfi_Kornemann_Naomi_Isaacs_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogDie Jazz-Szene Münchens präsentierte sich also Mitte der 80er Jahre als Segen und Fluch für eine Aussteigerin in Spe wie Naomi. Die Nächte wurden lang, länger, schließlich endlos. „Kurz duschen und gleich in die Firma„, fasst Naomi rückblickend diese Zeit zusammen.“Irgendwann hat mein Chef gesagt: ‚Pass auf Naomi, Du wirst dich bald zwischen Arbeit und Musik entscheiden müssen‘ und meinte das als Drohung.“ Sein Kosmos lag so weit weg von Naomis, dass er nicht im entferntesten damit rechnete, dass sich Naomi von ihrer bürgerlichen Existenz innerlich verabschiedet und auf Münchner Bühnen bereits Blut geleckt hatte …

Liederbuehne_Robinson_jourfixe-Blog_Naomi_Isaacs

Mit Folk-Repertoire in der Liederbühne Robinson, 80er Jahre

Auftritt 1960

Auftritt 1960

In der Liederbühne Robinson hatte sie, im Duo mit Gitarrist Gotte Gottschalk, ihr Repertoire an Folksongs aus Jugendzeiten reaktiviert, „einfach um zu sehen, ob ich auf der Bühne noch was kann.“ Sie konnte – und zwar so überzeugend, dass sie Bernhard Fricke, Chef von „David gegen Goliath“, einige Zeit später zur Gründungsfeier seiner Partei auf die Bühne des Zirkus Krone engagierte.

Als Frickes Anruf kam, saß Naomi noch in ihrem Büro. Als der Politiker ihr eröffnete, wie viel Mühe es ihn gekostet habe, sie zu finden und ob sie Zeit habe, noch am gleichen Abend im Zirkus Krone zu singen, glaubte sie zunächst an einen Scherz. Es war keiner und so trat sie, gemeinsam mit Gitarrist Geoff Goodmann und Bassist Chris Lachotta als Schluss-Act auf: „Nach Werner Schneider und Eisi Gulp und vielen weiteren großen Namen kamen zum Schluss wir und sangen ein paar American Folk-Songs. Fricke ging es darum, dass ich Leute zum Mitsingen animiere.

Innenansicht des Zirkus-Krone-Baus in München

Innenansicht des Zirkus-Krone-Baus in München

Ein kluger Schachzug von Fricke; ich wette, die Stimmung war zum Schluss bombastisch, da Naomi mit so ungefähr jeder Publikums-Situation umzugehen versteht. Selbst habe ich gerne und wiederholt Naomi bei jourfixe-Veranstaltungen in ähnlichen Momenten eingesetzt. Typisch Naomi also auch, sich von einer solchen Location nicht einschüchtern zu lassen. Sie berichtet im Gegenteil über diesen Auftritt als: „… sehr gemütlich, groß aber alles wirkte durch die kreisförmige Anordnung sehr nah. Und danach gings in Jenny’s Place zum Feiern.

Naomi_Isaacs_Auftritt_80erJahre

Erste Auftritte als Jazz-Sängerin

Dieser Auftritt wirkte motivierend. In der Bühnenwelt Fuß fassen zu können, schien nicht mehr utopisch und fest stand nunmehr für Naomi auch: „Ich konnte nicht länger im Büro bleiben. Es gab dort nichts neues mehr für mich zu lernen, beziehungsweise, was es zu lernen gegeben hätte, hat mich nicht interessiert. Auch hatte ich inzwischen zuviel Eigenständigkeit entwickelt, um von meinem Chef weiterhin tagtäglich Anweisungen entgegen zu nehmen.“ Ein Eklat stand zu erwarten und stellte sich auch bald darauf ein:

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Naomi Isaacs: Wendepunkt im Leben Ende der 80er Jahre

Wir hatten alle im Büro Postkarten, Zeichnungen und lustige Sprüche an den Wänden hängen; ich hatte mich für einige Cartoons von Mordillo entschieden. Eines Tages kam ich ins Büro und die Hälfte meiner Blätter hat gefehlt. Als ich mich nach deren Verbleib erkundigte, kam mein Chef hinzu. ‚Hast du meine Zeichnungen gesehen?‘- ‚Ja, die hab ich runter genommen, weil ich die nicht mehr sehen konnte.‚“ Naomis Antwort fiel ebenso treffend aus, wie sie ungewöhnlich für eine Sekretärin ihrem Chef gegenüber war: “ ‚Du Werner, Du bist mein Chef, und wenn Du mir sagst ich soll die Bilder runter tun, dann muss ich das. Aber was du getan hast, ist Diebstahl.‘ Er wurde kreidebleich, ging in sein Büro und kam zurück mit ein paar Bildern, die er dort im Papierkorb entsorgt hatte.“ Kurz darauf reichte Naomi ihre längst überfällige Kündigung ein.

Naomis fulminanter Auftritt am 70. Geburtstag in der Unterfahrt

Naomi Isaacs fulminanter Auftritt am 70. Geburtstag in der Unterfahrt, 20. Januar 2013

Ich habe Kraft geschöpft aus der Angst vor dem, was mir blüht, wenn ich es nicht mache, erklärt Naomi Isaacs rückblickend. „Nochmal zwanzig Jahre diesen Mist weitermachen und am Ende ein Strauß Blumen und ein Handshake, man feiert mich flüchtig beim Abschied und danach bin ich abgehakt ..?“ Sie fragte sich, was sie denn tatsächlich mit ihrem weiteren Leben anfangen wollte und formulierte damals für sich: „Eigentlich will ich Sängerin werden.

Um 1990

Um 1990

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Zitat von Anais Nin

„Ich habe mich davor gefürchtet, mich mit 65 im Spiegel anzuschauen und mir selbst sagen zu müssen: ‚Und Du hast es nicht einmal versucht!‘

Diese Angst wog bei Naomi stärker, als das Bedürfnis nach relativer Sicherheit, das viele Menschen vor einer so drastischen Kursänderung in der Mitte ihres Lebens abhält.

Mit der Kündigung zum 1. April 1986 trat Naomi Susan Isaacs mit 43 Jahren ihre Laufbahn als Sängerin an. Im Rückblick schreibt sie auf ihrer Homepage: (…) Ich kündigte  meinen Job als Sekretärin und schenkte mir ein Sabbatjahr, um mich ganz der Musik zu widmen und herauszufinden, ob diese Musikwelt mich haben wollte.“ (…)

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Um 1990

Die Musikszene hieß sie zunächst keineswegs unisono „herzlich willkommen im Club!“ Im Gegenteil. Neuankömmlingen, vor allem bürgerlichen Quereinsteigern/Innen gegenüber mauert die Kunst- und Kulturszene gerne, nach dem Motto: „Da könnte ja jeder kommen!“ Zudem stellt sich die Musikszene bis heute häufig als eine Art Macho-County dar. Und nun erschien da aus dem Nichts diese Frau Anfang 40, die künstlerisch noch wenig vorzuweisen hatte, außer dem unbedingten Wunsch, in die Münchner Jazz-Szene einzusteigen. Ausgerechnet! Dazu muss man wissen, dass  durch die swingende Szene unserer Stadt eine sprichwörtliche „Jazz-Polizei“ patrouilliert, die meint, ihre Auffassung darüber, wie sich der Jazz zu präsentieren habe, behüten zu müssen wie einen heiligen Gral. Eine Naomi passte da nicht unbedingt jedem ins Schema.

Darüber hinaus sei allen Anwärterinnen und Anwärtern auf einen Einstieg in das Bohème-Leben versichert:

Naomi auf einer Feier in den 90er Jahren

Naomi auf einer Feier in den 90er Jahren

Bei aller Farbigkeit geht es hier tatsächlich so brotlos zu, wie immer kolportiert wird. Naomi berichtet selbst offen darüber, dass sie einige Zeit lang buchstäblich „aus der Tonne gelebt“ habe. Sie schildert es ohne Selbstmitleid, zu recht, denn dafür sollte besser kein Platz sein, wenn es einen in diese Art von Leben zieht. Naomi setzte aber auch sehr schnell Weichen für den Aufwärtstrend:

90er Jahre: Daheim beim Gesangsunterricht

90er Jahre: Daheim beim Gesangsunterricht

Sie suchte sich Untermieter und sie begann, Gesang zu unterrichten. Beinahe aus dem Stand machte sich Naomi als Gesangslehrerin einen Namen in der Szene und auch mit ihrer Gesangskarriere ging es aufwärts. Sie schreibt auf der biografischen Seite ihrer Homepage:

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Als Coach bei einem Workshop um 1990

Am Ende des ersten Jahres hatte ich eine Italientournee absolviert und eine kleine Schar von Schülern um mich gesammelt. Durch sie entdeckte ich meine Leidenschaft für das Unterrichten. Während der folgenden Jahre besuchte ich kontinuierlich Jazzworkshops im In- und Ausland und ergänzte meine Musikkenntnisse mit Workshops und Ausbildungen in Kinesiologie, Familienstellen nach Bert Hellinger, NLP (Neurolinguistisches Programmieren), ESP und vieles mehr. 

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Naomi Isaacs coached Sängerin Andrea Pancur, längst selbst eine etablierte Größe der interantionalen Klezmerszene, hier bei Dreharbeiten zur BR-Reihe „Lebenslinien“

1990 gründete ich das New Vocal Center, ein Zentrum für Unterricht und Workshops „mit, um und für die Stimme“. Neben dem Unterricht organisierte ich Workshops und durfte einige berühmte Jazz- und Bluessänger willkommen heißen. Es kamen Mark Murphy, Jay Clayton, Theo Bleckmann, Angela Brown und viele mehr, die das Leben des New Vocal Center bereichert haben. Bald nahm meine eigene Reisetätigkeit solche Ausmaße an, dass ich 1998 das New Vocal Center ruhen lassen musste, um mich auf meine eigene Karriere zu konzentrieren.

bio_Naomi_Susan_Isaacs_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosNaomis Sabbatjahr von 1987 dauert bis heute an. Inzwischen hat die Münchner Kulturszene längst „Ja“ zu Naomi gesagt. Aber der Weg dahin war steinig und nur begehbar für jemanden mit der Konsequenz, Ausdauer und unkonventionellen Lebenshaltung, die Naomi charakterisieren. Sie hält selbst auf ihrer Homepage fest: „Das Musikerleben kann auch manchmal etwas einsam sein und die Reiserei ist nicht immer so glamourös, wie ihr Ruf. Ich habe auf dem Boden in kalten, feuchten Speichern geschlafen, ohne eine richtige Waschgelegenheit, meilenweit entfernt von einer Tasse Kaffee oder einem Stück Brot. Ich musste mir anhören, dass Künstler „einfache Behausungen“ bevorzugen, weil sie sich in einem richtigen Hotel deplatziert fühlen würden. Ich habe im Auto auf öffentlichen Parkplätzen geschlafen und Hoteleinrichtungen gesucht, um mich morgens zu waschen … Andererseits wurde ich eingeladen, privat zu wohnen und habe enorme Gastfreundschaft und Großzügigkeit erlebt – und dabei ein paar Freunde fürs Leben gefunden.“

Längst etabliert und hochangesehen: Naomi Isaacs Ende der 90er Jahre

Längst etabliert und hochangesehen: Naomi Isaacs Ende der 90er Jahre

Ende der 90er Jahre hatte sich Naomi endgültig in der Münchner Künstlerszene etabliert und zeitgleich mit mir die Idee, ein Künstlertreff zu eröffnen. Während ich mit dem Jour Fixe im Nachtcafé begann, startete sie ihren Kultursalon im Café des Theater Drehleier. Zwar unterschieden sich unsere Veranstaltungen konzeptionell deutlich: Ich präsentierte kleine Show-Blöcke, Naomi eine Talkshow und beide waren wir gut besucht. Auf Grund der Prominenz des Nachtcafé lag ich, was die Medienresonnanz anbelangte, im Vorteil. Aaaaber: Von der persönlichen Akzeptanz her punktete eindeutig Naomi, so dass sich zu ihrem einjährigen Jubiläum das „who-is-who“ der Künstlerszene einfand, allen voran die Kabarett-Größe Helmut Ruge. Auch der damalige Kulturreferent, spätere Kulturstaatsminister und Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin fand sich unter den Jubiläumsgästen, ganz privat und unübersehbar turtelnd mit seiner zukünftigen Frau, der Autorin Natalie Weidenfeld. Und am Klavier sass kein geringerer als der Grand-Seigneur des Jazz-Pianos, Joe Kienemann!

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Naomi Isaacs, ca. 2001, Bildcollage: Gaby dos Santos

Dieser Abend entwickelte sich zu dem, was ich mir immer erträumt, jedoch in diesem Ausmaß nie ganz erreicht hatte, allen meinen Anstrengungen zum Trotz oder vielleicht gerade deshalb: Ein rauschendes Bohème-Fest!

Eigentlich gehört Neid nicht zu meinen Schwächen, mit ganz wenigen Ausnahmen und diese Jubiläumsveranstaltung war eine solche! Noch am nächsten Mittag spürte ich das böse Stechen akuten Neids im Bauch! Eigentlich sass ich gemütlich auf der Terasse im Nachtcafé und verspeiste ein gutes Stück Rostbeaf aus der Nobelküche, während Star-Trompeter Dusko Goykovich seine täglichen Musikübungen im Lokal absolvierte. Mir hätte wirklich froh zumute sein können, doch der fiese Neid bohrte und bohrte in mir. Irgendwann hatte ich genug von diesem unrühmlichen Zustand, rief Naomi an und gratulierte ihr – und zwar ehrlich!

Naomi und ich 2014, Foto: Aniela Adams

Naomi und ich 2014, Foto: Aniela Adams

Danach ging es mir besser, und ich war wieder in der Lage, meine im Nachtcafé gesammelten Lorbeeren zu zählen, statt einer Kollegin die ihren zu missgönnen! Ich beschloss, mich fortan in die Riege der Naomi-Fans einzureihen und so meine Magenschleimhäute zu schonen. Ein guter Entschluss, denn mit den Jahren ist Naomi mir eine meiner wenigen vertrauten Menschen und neuerdings auch Haidhausener Nachbarin geworden. Ich liebe es, mit ihr in der Küche plaudernd und philosophierend die Zeit zu vergessen. Zudem gehört Naomi seit Jahren zum kleinen, eingeschworenen Kreis der Vereinsmitglieder des jourfixe-muenchen e. V. und ist mir mehr als einmal mit Rat und Tat helfend beiseite gestanden. Darüber hinaus hat sie mich vor einigen Jahren, auf einem ihrer Workshops, nachhaltig von meinem bis dato fürchterlichen und von allen Teamkollegen gefürchteten Lampenfieber befreit … oooo

Naomi Susan Isaacs Nachtcafé Blues[1]

Ich wechsele ich gerne öfter mal die Pferde,“ sagt Naomi heute noch und überrascht uns, ihre Fans, Freunde und Weggefährten immer wieder neu. So schenkte sie sich und uns zu ihrem 70. Geburtstag Postkarte aus Bali – ein Kinderbuch für Erwachsene“.

Das Buch kostet € 39,- und ist erhältlich bei „Buch in der Au“ und „Kunst- und Textwerk GmbH“, Lesecafé

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist typisch für Naomi: Projekten Raum lassen, sich zu entwickeln und der Entwicklung schrittweise folgen. „Ich hatte nie wirklich vor, ein Buch zu schreiben. Es ergab sich ‚Kapitel für Kapitel‘ aus meinem Leben und meinen Begegnungen.“ Ursprünglich sollte sie für ihren musikalischen Partner Christopher Varner das Konzept für ein Musikprojekt mit Kindern schreiben. Zwölf Kinder, zwölf Begegnungen, zwölf Abenteuer – Wie sie ihre Stärken entdecken, an sich glauben lernen und ihren Weg im Leben finden“,  so der Klappentext des Buches, haben sich aus der Kernidee entwickelt, zusammengefasst in einem hinreißend von Samar Ertsey illustrierten Märchenbuch , das sie sowohl auf der Frankfurter wie auch auf der Leipziger Buchmesse vorstellte.

Naomi Isaacs 2014 auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie ihr Buch "Postkarte aus Bali" präsentierte

2014 auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie ihr Buch „Postkarte aus Bali“ präsentierte

Seit Naomis Abgang aus dem „Acht-bis-siebzehn-Uhr-Alltag“ sind nunmehr fast dreißig Jahre vergangen, in denen Naomi ihre Entscheidung nie bereut hat. „Das Leben ist ein einziges Abenteuer„, befindet sie. „Ich bin dankbar für alles, was ich bisher lernen, erfahren und weitergeben durfte.

1995 Scapeland, Trio für freie Jazz-Improvisationen, mit Erik Z. Eriksson und Georg Janker - Comeback 2015!

1995 SCAPELANDS ( freie Improvisation) mit Erik Z. Eriksson,  Georg Janker Comeback im Herbst 2015!

“ Unter ihrem Namen sind bislang 5 CD’s erschienen; Workshops und Konzerte führen sie in die ganze Welt, zuletzt wieder einmal in die USA sowie nach Fernost. Hinter diesem scheinbar so beneidenswerten Lebensstil verbergen sich jedoch eine Menge Pragmatismus und Disziplin. So hat die berühmte „Tonne“ nicht nur einige Jahre Naomi ernährt, sondern auch die Rente mitfinanziert, die ihr heute finanzielle Unabhängigkeit bietet; eine Errungenschaft, die  Naomi aber nicht in ihrem Tatendrang bremst.

 

Naomi Isaacs gibt einen Workshop

Naomi Isaacs gibt einen Workshop

 An ihrem Geburtstag Anfang 2018 wurde ein neues Projekt aus der Taufe gehoben,
das Institute of Charismology, dessen Gründungsmitglied und Initiatorin sie ist.
 
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Naomi_Isaacs_Portrait_jourfixe-BlogMehr zu Naomi Isaacs und ihre aktuellen Termine findet sich auf ihrer Homepage, die unter Naomis Leitsatz „Celebrating People“ steht: naomisusanisaacs.com

R.HH.Biswurm, in APPLAUS„… keine andere Sängerin, die zum Umfeld der sogenannten Münchner Szene zu rechnen ist, verspritzt derartig viel Individualität, wie es Naomi Isaacs vermag.“

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Naomi_Isaacs_jourfixe-Blog_Shop

Naomi Isaacs entdeckt in Zürich einen Shop gleichen Namens …

Die Hannoversche Zeitung schreibt:

 „Eine Sängerin von entwaffnender Ehrlichkeit und Authentizität, die die Zuhörer in ihren Bann zieht. Nicht nur eine Grundstimmung durchzieht den Abend, es sind so viele, sie könnten ein ganzes Leben füllen …“

Das Titelfoto von Naomi Isaacs stammt von Werner Bauer

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Standard
Allgemein

Gaudi & Gaudí: Osterblues mit Promis und Presse

„Größtmögliche Präsenz entwickeln, zeigen und bewahren!“ so lautet das A & O in der Kunst-/Kultur und Medienbranche. In diesem Sinne war die Veranstaltung im PresseClub vergangene Woche, mit der biografischen Collage zum 85. Geburtstag der Münchner Künstlerin und Ex-Wirtin des Alten Simpl, Toni Netzle, ein voller PR-Erfolg für die Jubilarin. Unter dem Titel „Toni, die Legende“ hat sie es bis in die BUNTE geschafft, inklusive der von mir organisatorisch und künstlerisch gestalteten Matinee. In die Society-News von MARIE WALDBURG, unter der Rubrik „Was ich wichtig fand“. So weit, so schön, so gut – so haarscharf daneben für mich …!

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Marie Waldburg skizziert sehr anschaulich Atmosphäre und Wirtin in der Collage „Nicht immer Simpl“. Foto: Bunte

Society-Kolumnistin Marie Waldburg, die selbst mit einem O-Ton in meiner Collage vertreten ist, greift in der aktuellen Ausgabe der Bunten (Donnerstag, 01.4.15) nicht nur die Bedeutung des Alten Simpls unter Toni Netzle nochmals auf, sondern beschreibt auch recht detailliert die Matinee selbst.

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Toni mit Christian und Marina Wolff posieren im Foyer

Waldburg listet auf,  wer sich so alles unter den Gästen befunden hat und widmet einige Sätze Christian Wolff und seiner Frau Marina, unter Erwähnung seiner Laudatio.

Unerwähnt bleibt nur Gaby dos Santos, ihres Zeichens immerhin alleinige Organisatorin der Matinee sowie Autorin und Produzentin der dabei aufgeführten „Simpl“-Collage.  „Aua!“ Wohlbemerkt: Wäre dieser Artikel, wie alle anderen aktuellen Pressestimmen, eine allgemeine Würdigung Toni Netzles und ihres Simpls gewesen, dann hätte ich mich über diesen prominent platzierten Beitrag ebenso wenn nicht noch mehr gefreut, wie über die vielen anderen Veröffentlichungen zur Person „Toni Netzle“. Schließlich war das ja Sinn und Zweck meines wochenlangen Engagements: Toni sollte den „größtmöglichen Bahnhof“ zu ihrem 85. Geburtstag erhalten!

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Ilona_Gruebel_Erich_Neureuther_Gabriele_Weißhaeuptl_Stadtrat_Walter_Zoeller_Anita_Bauer_DureAber  mich in einem Artikel, der sich auf die Veranstaltung selbst bezieht, als Initiatorin überhaupt nicht erwähnt zu sehen, sorgt bei mir derzeit für Blues-Stimmung. Gerade die in der sogenannten (vogel)freien Szene tätigen KünstlerInnen wie ich, ohne Budget für flächendeckende Werbemittel, sind auf Presse-Resonanz angewiesen.  Eine Erwähnung in der Bunten wäre meiner Meinung nach also angemessen gewesen. Zwar bin ich nicht prominent, aber dennoch die maßgebliche Kraft dieser Veranstaltung gewesen.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Kuenstlermaske_mit_TraeneIn meinen derzeitigen Frust mischt sich auch noch ein schlechtes Gewissen Toni gegenüber, weil ich mich bezüglich der Waldburg-Kolumne nicht ungetrübt wie sonst mit ihr freuen kann. Zu viele, sehr einsame Stunden künstlerischer Arbeit und Herzblut sind in diese Collage geflossen; viel Raubbau habe ich wieder einmal an mir selbst begehen und mein Innerstes umstülpen müssen, um schöpferisch etwas zu leisten. Vor meinem Inneren Auge musste ich Klang, Text und Bild zeitgleich heraufbeschwören, um sie zu einem neuen Ganzen zu verweben, tagelang, wochenlang, unter immensen Druck einem erlösenden „The End“ nachjagen, das, statt näher zu kommen, sich immer weiter zu entfernen schien.

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Gaby dos Santos während der Matinee für Toni Netzle, am 19.3.15 im PresseClub München

„Ach Gaby“, meinte Angelica Fuss, Geschäftsführerin im PresseClub, am Vortag zu mir, „Du wirst sicher wieder bis in die Nacht an der Collage feilen„. Sie sollte recht behalten. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, um 23 Uhr den Computer abzuschalten und bis Mitternacht auch meinen Geist. Es galt ja, den Herausforderungen der bevorstehenden Matinee einigermaßen fit entgegen zu treten. Soweit der Plan, den ich übrigens immer bei solchen Anlässen fasse, um ihn dann mit schöner Regelmäßigkeit scheitern zu sehen. Diesmal kapitulierte sogar die vorsorglich eingenommene Schlaftablette angesichts meines Endspurt-Adrenalins. Als ich endlich den Rechner herunter fuhr, zeigte er 4 Uhr morgens an. Entsprechend zog auch  diese Veranstaltung wieder wie ein unwirklicher Film an mir vorüber. Und danach lag ich, ebenfalls wie üblich, drei Tage flach. Kein Außenstehender wird je wirklich nachvollziehen können, wie sehr man bei jeder Produktion aufs Neue Raubbau an sich selbst betreibt, bis zu dieser völligen Erschöpfung, die von der Umwelt häufig in Richtung „künstlerisch-hysterische Hypochondrie“ umgedeutet wird.

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Für Reporter-Legende Dagobert Lindlau konnte ich beinahe keinen Platz mehr finden

Den letzten Rest Energie raubt einen regelmäßig die Veranstaltung selbst. Da kann man noch soviel Veranstaltungserfahrung gesammelt haben; irgendein unerwartetes Problem stellt sich immer ein. Diesmal unterlief mir ein Faux Pas bzgl. der Reservierungen: Da mir die bei Empfängen übliche Diskriminierung durch namentliche Reservierungen für sogenannte „wichtige“ Gäste und „freie“ Restplätze-Wahl für das „Fuß“Volk zuwider ist, reserviere ich nur für die Gäste, die aktiv zur Entstehung der Produktion beigetragen haben, in diesem Fall vor allem für meine „O-Tön-Partner“, sowie für die LaudatorInnen und für Behinderte. Aber auch das nur bis ca. 10 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. In diesem Fall waren jedoch fast alle meine O-Töne prominent und erschienen kurz vor knapp. Angelica Fuss klärte mich später auf, dass Promis dies absichtlich so handhaben, um sich nicht allzu lange dem Ansturm von Presse und Neugierigen auszusetzen. Jedenfalls hatte ich meine liebe Not, überhaupt noch Sitzmöglichkeiten für die Spätankömmlinge aufzutun, wobei die Breitners, übrigens sehr angenehme, bodenständige Menschen, sich über einen Platz in Ausgangsnähe durchaus angetan zeigten. Spekulationen zu folge erlaubte ihnen diese Lage, sich gleich nach Ende der Vorstellung der Presse zu entziehen.

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Dennoch erntete ich Tadel seitens einiger Gäste, wie ich denn dazu käme Paul Breitner derart weit hinten zu platzieren …

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Toni mit Christian Bruhn, Komponist und GEMA-Präsident, dahinter Peter Grassinger, Ehrenpräsident Münchner Künstlerhaus, neben ihm Naomi Isaacs

Ebenfalls zum zweiten Mal als Zuschauer war auch der Erfolgskomponist und Präsident der GEMA, Christian Bruhn, erschienen, der mir kürzlich noch ein Interview für die Collage gegeben hatte, obwohl, wie er betonte, er die Livemusik bei der Uraufführung 2012 als „fürchterlich“ empfunden habe. Stimmt, die war damals ziemlich in die Hose gegangen, einfach weil kaum Zeit für Proben geblieben war, nachdem wir als freies Ensemble alle Arbeitsschritte einer Produktion und Aufführung in Personalunion stemmen mussten und müssen. Daher – und weil diesmal überhaupt kein Budget für Musiker-Gagen vorhanden war – beschränkte ich mich beim Überarbeiten der Collage darauf, nur meine  Wenigkeit zum Nulltarif schuften zu lassen und konnte daher Bruhn versichern, dass es diesmal keine Livemusik geben werde. Das muss er missverstanden haben, denn als zum Bildvorspann Jon Michael Winklers wunderschön nostalgisches „Amato“ als Ton-Einspielung erklang, protestierte Bruhn lauthals in den Zuschauerraum hinein: „Sie hatten doch gesagt:’Keine Musik!‘

Einen Moment lang bereute ich, Bruhn nicht schon während unseres Vorgesprächs zum O-Ton-Interview Kontra gegeben zu haben. Gegen Kritik an sich gibt es ja nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Gerade unter Kollegen kann sie sehr hilfreich sein, wenn sie respektvoll eingebracht wird. Den abschätzigen Blick von oben herab, noch dazu seitens eines soviel erfolgreicheren Kollegen, empfinde ich jedoch als ebenso überflüssig wie unangemessen, zumal sich Bruhn & Co. sehr umschauen würden, wenn sie auch nur eine Produktion unter den Umständen stemmen müssten, unter denen die Freie Szene routinemäßig ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht. Mir fordert ein solches Stehvermögen jedenfalls Hochachtung ab. Nicht zuletzt deshalb hatte ich nur aus Rücksicht zu Toni seinerzeit Christian Bruhn gegenüber meinen Mund gehalten. Ist es vielleicht die Angst, den errungenen Erfolg zu verlieren und wieder auf dem Boden kleinkünstlerischer Realität aufzuschlagen, der so manchen etablierten Künstler derart arrogant gegenüber weniger erfolgreichen oder talentierten KollegInnen auftreten lässt?

Toni_Netzle_Michaela_May_Christian_Wolff_Christian_Bruhn_Naomi_Isaacs_Tatjana_Lukina_Mir_Ralph_Siegel_Nicht_immer_Simpl_Collage_jourfixe-muenchen_Gaby_dos_Santos_PresseClub-MuenchenDanach kehrte glücklicherweise Ruhe ein und während der Show herrschte „Emotion pur“. Man verging gemeinsam vor Rührung, verlor sich gemeinsam in nostalgischen Simpl-Reminiszenzen und lachte gemeinsam. Die Hohe Kunst der Toni Netzle, Menschen unterschiedlichster Couleur zusammen zu führen, kam hier wieder einmal zum Tragen und meiner Collage außerordentlich zugute. Ein Publikum das derart „mitgeht“, hat man selten zu Gast! Entsprechend endete die Vorstellung in einem sehr warmen Applaus, mit einer zu Tränen gerührten Toni; für beides bin ich aufrichtig dankbar. Ebenso für die halbe Stunde, die sich Ralf Gabriel, Geschäftsführer der Kultur-GmbH aus seiner übervollen Agenda schälte, um zumindest kurz seine Aufwartung zu machen, obwohl einen Tag später seine Münchner Stiftungswoche startete. Dankbar bin ich auch für das Angebot einer Cutterin, meine Collage in ihrer Firma für „mau“ in eine „Simpl“-DVD zu konvertieren, nach der zahlreiche Gäste nach der Vorstellung gefragt hatten.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogHanns_Seidel_Stiftung_Nicht_immer_Simpl_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe_Collage

Reprise der Collage „Nicht immer Simpl – Toni Netzle“, MI, 6. Mai, 18.30 Uhr, Hanns Seidel Stiftung, Lazarettstr. 33, Eintritt frei

Besonders erfreulich und eine schöne Bestätigung ist für Toni und mich, dass eine der anwesenden Gäste, die Moderatorin und Regisseurin Christine Weissbarth uns vom Fleck weg ein Anschluss-Engagement an die renommierte Hanns Seidel Stiftung verschafft hat, das sie selbst moderieren wird. Details in der Info-Broschüre:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Bilder2014/Toni_Netzle_2015_Simpl_Collage_Gaby_dos_Santos.pdf

Man sollte also wirklich nicht zulassen, dass Erschöpfung und Frust einem dauerhaft den Blick verhängen! In den über zwanzig Jahren, die ich nun als Kunst- und Kulturschaffende unterwegs bin, habe ich viel Schönes, Berührendes und Anregendes erleben dürfen, doch geprägt haben mich leider vor allem die unvermeidlichen Rückschläge und Härten des Metiers, obgleich mich ja niemand gezwungen hat, diesen Weg einzuschlagen, der mein(e) Beruf(ung) wurde.

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Toni Netzle fotografiert von Werner Bauer

Zurück zur Matinee:  Als ich bemerkte, dass sich ein junger Journalist im Türrahmen eingefunden hatte und fleißig Notizen machte, freute ich mich sehr. Ein weiterer „Toni“-Artikel stand in Aussicht und erschien dann auch pünktlich in der Wochenend-Ausgabe der AZ, gab aber nicht wirklich Anlass zu wilder Freude: „Gaudi ist ihr wichtiger als Geld“ lautete sinngemäß (da mir von Toni nur telefonisch wiedergegeben) der Eyecatcher im Titel. Tonis typisch trockener Kommentar: „Ich kenne nur einen Gaudí (Antoni) und der hat in Barcelona gebaut.“

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Keine „Gaudi“ in Toni Netzles Vokabular, nur Architekt Gaudí!

„Gaudi“ steht in Bayern für jene Art „kracherter“, schenkelklopfender Heiterkeit, der man in bei Fasching, Oktoberfest und mitunter auf weißblauen Volksbühnen begegnet, Anlässe, die Toni allesamt ein Gräuel sind, seit jeher. Vielleicht auch, weil diese Formen des Entertainments stets mit reichlich bayerischem Bier heruntergespült werden wollen. Doch Toni trinkt – ebenfalls seit jeher – leider nur Tee ..!

Auf bundesweite Bühnenebene übertragen, ist Gaudi eine baiuwarische Begleiterscheinung von Comedy, die Antithese zum Kabarett.

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Einleitende Bildprojektion zum Auftritt von Wolfgang Neuss im Alten Simpl

Einer der führenden Kabarettisten der 50er bis 70er Jahre war Wolfgang Neuss, ein ganz, ganz böser Bube des damaligen Politkabaretts, im allerbesten Sinne. Dass dieser Star tatsächlich im Alten Simpl aufgetreten ist, ist auf die Hingabe Tonis der Kunst gegenüber zurückführen, die bezeichnend für ihre Lebenseinstellung ist, und in der ich mich stark wiederfinde. Daher habe ich diese Episode in die Collage integriert. Da Ruhm vergänglich ist, habe ich der ersten Bildprojektion einen erläuternden Untertitel hinzugefügt, aus Rücksicht auf die Jüngeren im Publikum …

Toni_Netzle_ Gaby_dos_Santos_Wolfgang_Neuss_Das_juengste_Geruecht_jourfixe-Blog

Ausschnitt einer weiteren Bildprojektion zum Auftritt von Wolfang Neuss im Simpl, Foto Heinz Gebhardt

Hier ein Skript-Auszug, aus dem sich ableiten lässt, dass das Engagement von Neuss in den Simpl mit einem Bedürfnis nach „Gaudi“ so gar nichts zu tun hatte:

Ton-Einblendung Toni Netzle  (liest aus ihren Memoiren über einen Simpl-Abend mit Wolfgang Neuss): (…) Sein Programm war so frech, so böse, so wahr, dass einem der Atem stockte. Das war einer der Abende, in denen ich glücklich wie ein kleines Kind in einer Ecke saß, fast heulend vor Freude. So wollte ich meinen SIMPL immer haben. Das war die Erfüllung meiner Träume. An die materielle Seite dachte ich in solchen Momenten überhaupt nicht, denn ein finanzieller Erfolg war das natürlich nicht. Im Gegenteil, es hat mich wahnsinnig viel Geld gekostet, aber was macht das schon? Die ganze Stadt sprach über diesen Abend. Die Zeitungen waren voll, über einen Kabarettabend, den ich mir wirklich nicht habe leisten können. Gott sei Dank habe ich mir solche finanziellen Desaster öfter gegönnt. Es musste einfach sein. Da gab es keinen anderen Weg. Auch das gehörte zu meinem Leben.“

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Toni Netzle heute vor einer der vielen Schlagzeilen aus ihrer erfolgreichen Zeit als Simpl-Wirtin

Bei aller Einsicht darüber, dass Schlagzeilen Aufmerksamkeit erregen müssen, ein Titel wie „Gaudi wichtiger als Geld“ schmerzt, ganz besonders als Headline über ihrem Zeitungsportrait, denn er erzeugt eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was die Persönlichkeit von Toni ausmachte und ausmacht.

Toni Netzle ist eine Grande Dame der Münchner Künstlerszene, die die Kunst beherrscht, hörbar und direkt dennoch ganz leise Töne anzuschlagen. Obgleich sie aus einer der großen alten Münchner Familien stammt, steht sie für Antoni Gaudí und so gar nicht für bayerische Gaudi – vielleicht auch gerade deshalb …

Was meinen Oster-Blues anbelangt: Offensichtlich stimmt bei mir die Balance zwischen Arbeitsaufwand und künstlerischer wie finanzieller Genugtuung nicht mehr wirklich. Gerade tüftle ich für meine nächsten Jahre, nach Beendigung der noch fest anliegenden Projekte, neue Spielwiesen aus, mit mehr Auslauf für die narzisstische Komponente meiner Persönlichkeit und mit weniger Möglichkeiten mir die positiven Sichtweisen zu verstellen. Ja, es wird langsam aber sicher Zeit für ganz neue Herausforderungen!

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Zum Verzeichnis aller Blogs, unter denen der vorherige detailliert auf Toni Netzle, den Alten Simpl und die Simpl-Collage eingeht, findet sich unter nachstehendem Link:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Alle Fotos der Veranstaltung stammen von Johannes Schwepfinger/Vorstandsmitglied im PresseClub München,

ein Portrait-Foto von Toni Netzle stammt von Werner Bauer (s. Untertitel)

bei den anderen Abbildungen handelt es sich um eigene Bildcollagen.

 

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Was für ein Herbst!

Was für ein Herbst-Kaleidoskop: Schwarzwald-Expeditionen, eine Veranstaltung mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, unser neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter hautnah im PresseClub, ein Engagement an die Evangelische Akademie in Tutzing, eine Demo gegen den Rest der Welt, Chorprobe im Herkulessaal, Vortrag zur Sterbehilfe im Bayerischen Landtag, russischer Tanzabend im Gasteig, Gedenkmarsch der Rosa Liste, Tortenschlacht mit Naomi Isaacs, eigene Aufführungen und und und … Wenn man dann bedenkt, dass ich diesen Herbst mit einer psychosomatischen Reha eingeleitet habe, dann wundert nichts mehr.

Bei dem leidenschaftlich selbst gewählten Lebensstil kann mir keine psychosomatische Klinik auf der ganzen Welt weiterhelfen. Was ich mir dort erträumt hatte, war wohl eine Art Doping-System ohne Nebenwirkungen, um noch mehr aus dieser vielseitigen, schillernden, spannenden Welt in meinem Leben mitnehmen zu können. Da hilft nur eines, was ich mir eh angewöhnt habe: Notbremse ziehen, wenn es mal wieder zu bunt wird!

Gaby dos Santos

Ergotherapeutische Seidentücher, original von mir  in zahllosen Ergotherapie-Stunden produziert, wobei sich dankenswerterweise die Farben stets selbst schattierten, mit schönen Effekten, die mich jedoch bezweifeln lassen, ob wohl wirklich viel eigenes „Dos-Santos-Ich“ in diese Tücher ein-geflossen ist? Die Alternative wäre Körbe flechten gewesen.

Gleichgeschaltet im therapeutischen Hamsterrad fand ich mich jedenfalls in meiner Reha wieder, beraubt aller meiner Möglichkeiten, mir einen eigenständigen, ausgefüllten Alltag zu gestalten. Und das ist mir so gar nicht bekommen. Überhaupt: Unsere Psyche ist unser geistiger Fingerabdruck und daher nicht ohne weiters verallgemeinbar, was in krassem Widerspruch zu dieser Zeit der klammen Kassen steht, in der Massenabfertigung auch im medizinischen Bereich gefragt ist. Jedenfalls hieß es auf Kur „Gruppe, Gruppe“, bis zum Abwinken. Einzig die Gruppentherapie unter Leitung des türkischen Facharztes für Psychosomatik, Dr. Mehmet Tokus, erwies sich als  Highlight-Erfahrung, obwohl auch „Gruppe“:

In obiger Runde lernte ich den persischen Dichter und Sufi-Mystiker RUMI (1202 -1273) sowie mich selbst ein wenig besser kennen. Ein weiteres Merkmal jeder Gruppentherapie, neben der Stuhllanordnung, ist die bereit stehende Kleenex-Box, die hier allerdings schon verräumt und daher auf dieser Abbildung nur angedeutet ist.

Gruppentherapie: Selten so intensiv und in so geistreichem Umfeld geheult – So lässt sich meine Initiation in die Welt der Gruppentherapie zusammenfassen. Durch unseren türkischen Therapeuten und die in dieser Gruppe vorwiegend türkischen Mitpatienten, wehte ein mediterraner Hauch durch den Therapie-Raum. Die Seele wurde anhand der Befindlichkeit einzelner Gruppenmitglieder individuell beleuchtet, auf ebenso einfühlsame wie taktisch kluge Weise. Spannend wurde es immer, wenn sich Dr. Tokus mit halb geschlossenen Augen zurücklehnte, die Gruppe einige Minuten lang in ein beredtes Schweigen fallen ließ, um dann, mit einer durchdacht formulierten Nachfrage, eine Situation aus der Schwebe psychologisch auf DEN EINEN Punkt zu bringen, an dem alle Anwesenden auch ein Stück von sich selbst wiederfanden.  Veranschaulicht wurde das Ganze anhand von Zitaten aus der Welt der Psychoanalyse, aber auch anhand orientalischer Mystik, beispielsweise Zitate von Rumi (s.Foto). Grundsätzlich verkörperte Dr. Tokus für mich etwas von jenem Geist, der den Orient hatte blühen lassen, als Europa sich noch im finstersten Mittelalter befand. Zudem leitete er als „Moderator“, wie er sich bezeichnete, eine Gruppe, in der eine südländisch emotionale und sehr empathische Stimmung herrschte, in der ich mich geborgen fühlte.

Gaby_dos_Santos_schwarzwaelder_LieblingskuhDas euphorische Umarmen von Baumstämmen hingegen, wie von einer anderen Therapeutin angeregt, wäre weniger „meines“ gewesen. Zu barfußtanzend, mal abgesehen davon, dass meine Arme (ausprobieren tue ich alles mal) sich als zu kurz für Baumstämme erwiesen und ich meine Naturverbundenheit eher anhand von Monologen mit Tieren, z. B. mit der erstaunten Kuh links bekunde. (Original-Momentaufnahme)

Schwarzwald_Gaby_dos_SantosAb Woche Drei meiner Seelenrevision am psychosomatischen Fließband erreichte meine Stimmung einen absoluten Tiefpunkt, so dass ich beschloss, die geographische Lage meiner kleinen Reha-Klinik auszunutzen. Statt weiter bei schönstem Sonnenschein in der Lehrküche Vollkornbrote zu produzieren, die ich daheim unter Garantie nie backen würde oder stundenlang in einer Turnhalle Federbälle als sporttherapeuthische Maßnahme zu schlagen, seilte ich mich in die Idylle des Schwarzwalds ab.

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Es folgten 10 wunderbare letzte Tage Wanderurlaub, gesponsert von der DRK, für die ich sehr dankbar bin. Alleine auf Wanderschaft, konnte ich endlich wieder meinen Rhythmus selbst bestimmen, überraschende Eindrücke und auch Erfolgserlebnisse sammeln, als ich unbeirrt auf meinen kurzen Beinen einen Haufen Kilos über 800 Höhenmeter und als schwierig eingestufte Routen bergauf schleppte. Dabei bedachte ich besonders schöne Stellen stets mit einer ausgiebigen Zigarettenpause. Schließlich besagte eines von Dr. Tokus orientalischen Zitaten: Das Bargeld ist die Gegenwart …

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Die Plotzsägmühle bei Bad Herrenalb ist bis heute aktiv

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Die wechselvolle Chronik der Ploetzsägmühle im Schwarzwald

Die Plötzsägmühle in der guten alten Zeit

Die Plötzsägmühle in der guten alten Zeit

Politik inmitten Schwarzwälder Idylle

Politik inmitten Schwarzwälder Idylle

Holzbrücke über die Alb

Holzbrücke über die Alb

Die Alb

Die Alb

100 Millionen Jahre haben diese Felsbrocken auf dem Buckel

100 Millionen Jahre alte Felsbrocken

 

 

 

 

Gaby_dos_Santos_jourfixe-muenchen

Back in town, wie schön! Ich hatte mein Leben zurück! Statt „Macht Schokolade glücklich?“ (Angeblich „ja“, wenn man sie als kleines Stück minutenlang auf der Zunge zergehen lässt) erwartete mich nun ein Seminar im Gasteig zum Thema „Europa fördert KULTUR“- aber wie?„, veranstaltet vom Kulturreferat in Kooperation mit dem „Cultural Contact Point“, respektive der für Deutschland zuständigen Anlaufstelle in Bonn. Vormittags wurden all die Punkte aufgezählt, die für die EU-Jury maßgeblich sind, um Fördermittel in einer Höhe auszuschütten, von der hier vor Ort unsereins nur träumen kann. Aber diese Kriterien wollen ja erstmal in ein künstlerisches Konzept eingebunden und mindestens zwei Partner in zwei weiteren EU-Ländern gefunden werden. Nachmittags hieß es dann – wieder einmal – eine Gruppe! bilden und gemeinsam ein fiktives Thema fördergerecht aufzubereiten. Meine Gruppe folgte dem augenzwinkernden Vorschlag des Schauspielers und Regisseurs Jochen Strodthoff: Museumsluft einfangen und an einem anderen, EU-kompatiblen Ort künstlerisch wieder ausschütten. Wie riecht der Schweiß der Besucher im Angesicht der Mona Lisa? Kunst ganz nah am Menschen – oder so … Interessierten Kolleginnen und Kollegen wenden sich an die Hotline Tel. 0228/201 35-0 oder nutzen nachstehenden Link: http://www.creative-europe-desk.de

Demo gegen alles am Rindermarkt

Demo gegen ALLES am Rindermarkt

Meine alte Bekannte Zehra Spindler hatte auf Facebook zur Demo gegen Monsanto aufgerufen. Naomi Isaacs, Cornelia Prössl und ich hielten dies für eine wichtige Aktion und fanden uns am Rindermarkt ein. Ein wenig spannungsgeladen erschien mir die Stimmung schon, als sich der Treffpunkt allmählich füllte. Es fanden sich viele „wir“ ein, die „wir“ aus den 68er/70 und frühen 80er Jahren, ergraut aber doch immer noch voll Elan dabei und mehr oder weniger in unveränderter Kampfaufmachung. Was dann doch dem einen oder anderen in der Menge einen leicht mumifizierten Anstrich verlieh.

Neue globale Verschwörungstheorien in Buchform werden uns Demonstranten am Sendlinger Tor verlesen

Neue globale Verschwörungstheorien in Buchform werden uns Demonstranten am Sendlinger Tor verlesen

Irgendwie schien es um respektive gegen die ganze Welt zu gehen. Wie wir später erfuhren, hatten sich aus organsiatorischen Gründen alle nur möglichen und unmöglichen Splittergruppen zusammen geschlossen. Schade, denn so verwässerte sich jegliches Anliegen und die Aktion glitt ins Fragliche ab, als die Gelegenheit genutzt wurde, um das neueste Druckwerk in Sachen „Globale Verschwörungstheorien“ ausgiebigst anzupreisen, nachdem man – immerhin – bis Sendlinger Tor über die gesperrte Hauptstraße marschiert war, angeführt von brasilianischen Blechrhythmen. Nachdem sich für uns die Veranstaltung immer mehr ihres Sinnes entleerte, zogen wir weiter zum Damenkränzchen mit absolut glücklich machendem Schokoladenkuchen, in welchem wir unsere Weltverbesserungsambitionen für diesen Tag begruben …

Allround-Küsntlerin Naomi Isaachs und ich bei der Tortenschlacht fotografiert von Aniela Adam, www.die-fotografin-iin-muenchen.de

Allround-Küsntlerin Naomi Isaacs und ich bei der Tortenschlacht, fotografiert von Aniela Adams, http://www.die-fotografin-in-muenchen.de

Florian Pronold, Landesvorsitzende der BayernSPD, Bundesumwelt- und Baustaatssekretär zu Gast im PresseClub

Florian Pronold, Landesvorsitzende der BayernSPD, Bundesumwelt- und Baustaatssekretär, zu Gast im PresseClub

Mein Engagement als politisch denkende Bürgerin erhielt bald darauf einen erheblichen Dämpfer – Dachte ich doch, inzwischen über diverse TV-/Print – und Internet-Beiträge alles nur Wissenswerte über TTIP in Erfahrung gebracht zu haben und dann kommt Florian Pronold in den PresseClub und plädiert für ein Überdenken der totalen Ablehnung von TTIP! Hierzu hat die Bayern-SPD auch eine ausführliche, via-Livestream übertragene Debatte ins Netz gestellt und inzwischen ergänzt. Nachstehend der Link

http://bayernspd.de/ttip-debatte/

An dieser Stelle gestehe ich: Momentan habe die politische Bürgerin Gaby dos Santos gar nicht die Zeit, diesen Beitrag durchzuarbeiten, merke mal wieder, wie schwer es arbeitenden Menschen fällt, sich wirklich so umfassend zu informieren, wie es die Themen erfordern würden. Und wann bitte die tägliche Flut an Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt erschöpfend prüfen? Andererseits verleitet Facebook allzu oft zu vorschneller Parteinahme. Damit möchte ich jetzt nicht sagen, dass ich bzgl. TTIP die Seiten wechsle, sondern meine Meinung zurückstelle, bis ich die Zeit finden werde, alles in Ruhe durchzusehen.

Chorprobe im Herkulessaal mit gefühlvollen Smartphone-Anklängen

Chorprobe im Herkulessaal mit gefühlvollen Smartphone-Anklängen

In der selben Woche lud der Chor der Bayerischen Philharmonie zur Generalprobe in den Herkulessaal der Münchner Residenz, zu Haydn’s „Die Schöpfung“, unter der engagierten Leitung von Mark Mast. Spannend an dieser Produktion war die Einbindung des Barockorchesters L’arpa festante, welches Originalinstrumente aus der Zeit einsetzt, wodurch klangtreue Aufführungen nachempfunden werden können. Während des Konzerts beschäftigte mich allerdings noch eine Frage der zwischenmenschlichen Art: Der Bariton–Solo-Engel war, sobald nicht singend, coram publico nonstop mit seinem Smartphone zu Gange und lächelte dabei wie ein Honigkuchen-Pferd in sich hinein. Amors Pfeile aus der virtuellen Welt? Wäre auch ein Aspekt der Schöpfung  ;–)) Mehr zur Bayerischen Philharmonie, die heuer 20. Jubiläum feiert unter http://www.bayerische-philharmonie.de/Startseite

 

Der alljährliche Gedenkmarsch für die homosexuellen NS-Opfer am 20.10. endete vor dem LeTrans

Der alljährliche Gedenkmarsch für die homosexuellen NS-Opfer am 20.10. endete vor dem LeTrans, der Münchner Begegnungsstätte für Lesben und Transsexuelle

Die homosexuellen Häftlinge kennzeichnete ein rosa Winkel. Um dem Lager-Inferno zu entkommen, willigten eine ganze Reihe Schwuler in eine "freiwillige" Kastration ein

Die homosexuellen Häftlinge kennzeichnete ein rosa Winkel. Um dem Lager-Inferno zu entkommen, willigten eine ganze Reihe Schwuler in eine „freiwillige“ Kastration ein

20. Oktober 1938: Mit dem Übergriff auf die Gäste der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“  am Oberanger, Ecke Dultstraße, erwies sich „die Hauptstadt der Bewegung“ auch als Vorreiterin der Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit.

Organisiert von der Rosa Liste,  dem Forum Homosexualität, u.a., versammeln sich jedes Jahr an dieser Stelle vorwiegend Schwule und Lesben, zu einem kleinen Marsch mit Lichtern. Und „klein“ war hier für meinen Geschmack ein Störfaktor. Ich finde, dass noch immer zu wenig der noch kleineren Minderheiten innerhalb der unter den Nazis verfolgten Minderheiten gedacht wird. Auch von den betroffenen Gruppen selbst. Etwa 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer habe ich gezählt. Für all das Leid, das hinter diesem Gedenktag steht, noch immer zu wenig.  Zu wenig für all die Schwulen, welche, wie Stadtrat Thomas Niederbühl, Vorsitzender der ROSA LISTE,  in seiner berührenden Rede treffend sagte, kein anderes Verbrechen begangen hatten, als zu lieben. In seiner Ansprache wies er auch auf die erfreuliche Tatsache hin, dass im nächsten Jahr genau an diesem Ort ein Denkmal aufgestellt wird. Außer ihm sprachen Rita Braatz (LETRA) und der Historiker Albert Knoll, Vorstandsvorsitzender des forum homosexualität münchen, Lesben und Schwule in Geschichte und Kultur. Knoll forderte nicht nur zum Gedenken auf, sondern äußerte auch die Hoffnung, dass schon bald ein würdiger Erinnerungsort nah am Ort des Ereignisses entstehen soll. Interessierte können beispielsweise mit Unterstützung des forum über Lebensläufe betroffener Schwuler forschen und sie aufschreiben. (Zitat Homepage „forum homosexxualität münchen“) http://www.forummuenchen.org/

Das Foto zeigt von li.; Frau Dr. Bosselli, Geschäftsführerin des Forums Kirche und SPD, die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Prof. Dr. Manzeschke, die SPD-Landtagsabgeordnete Diana Stachowitz, Bürgermeisterin a. D. Gertraud Burkert nach der Veranstaltung im Bayerischen Landtag

Von li.; Frau Dr. Bosselli, Geschäftsführerin des Forums Kirche und SPD, Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Prof. Dr. Manzeschke, SPD-MDL Diana Stachowitz, Bürgermeisterin a. D. und Münchner Ehrenbürgerin Gertraud Burkert, nach der Veranstaltung am 21.10.14 im Bayerischen Landtag

Im „Forum Kirche und SPD“ folgte am nächsten Abend die Auftaktveranstaltung der Reihe “Sterbehilfe-Palliativmedizin-Hospiz”. Prof- Dr. theol. habil. Arne Manzeschke, LMU München, referierte über „Veränderungen im Gesundheitswesen, unter dem Aspekt „des Umgangs unserer Gesellschaft mit Tod und Sterben“. Mit seinem Vortrag warf Manzeschke vor allem Fragen auf, was ich angesichts des Thema für absolut richtig hielt. Ebenso bestürzt wie nachdenklich stimmten mich die Wortmeldungen einer Reihe von Gästen, die über sehr persönliche Erfahrungen berichteten.  Diese handelten von äußerst qualvollen Sterbeprozessen. Diese Schilderungen ergänzte Stadtdekanin Barbara Kittelberger mit einen sehr leidenschaftlichen Einwurf: Während ihrer Klinikseelsorge habe sie nichts erlebt, was eine Verklärung des Sterbens rechtfertige. „Man stirbt sehr alleine, so alleine, wie man gekommen ist.“ Angesichts solcher Äußerungen fällt es schwer, Forderungen wie der unseres EKD-Vorsitzenden 100%ig beizupflichten, welcher „schmerzfreies Sterben bei liebevoller Betreuung“ propagiert. Ein frommer Wunsch, der aber – noch? – keineswegs der Realität entspricht. Weder von den Möglichkeiten der Schmerztherapie her, noch angesichts des Pflegenotstands. Aber sicher sollte ein Ausbau der Palliativ-Medizin energisch voran getrieben werden. Persönlich halte ich dennoch nichts von einer Legalisierung der Sterbehilfe. Ich denke, den Ärzten ist schon heute ein gewisser Spielraum gegeben, abhängig von deren Gewissen, welches sich ja auch schlecht staatlich reglementieren lassen würde – oder? Diese Frage wird unsere Gesellschaft jedenfalls noch lange begleiten, und ich bin dem Forum Kirche und SPD dankbar, dass es dieses Thema unter verschiedenen Aspekten auch 2015 weiter beleuchten wird. 

Ein weiteres Schwerpunktthema 2015 wird der interreligiöse Dialog sein, für mich, in Hinblick

Ein Stück neuere bayerische Geschichte dargestellt in Kurzbeiträgen und herausgegeben von Franz Maget, Vorsitzender des Forums Kirche und SPD

Ein Stück neuere bayerische Geschichte dargestellt in Kurzbeiträgen und herausgegeben von Franz Maget, Vorsitzender des Forums Kirche und SPD

auf meine geplante Collage zum Reformationsjahr, ebenfalls ein dankbares Thema.

Mehr Informationen zum Forum Kirche und SPD,  über http://sonntags-blog.de/termine/

Peter Lang alias "Genosse Rock'n Roll" 2014, Foto: Werner Bauer

Peter Lang alias „Genosse Rock’n Roll“ 2014, Foto: Werner Bauer

Mein Freund, Sponsor und Kooperationspartner Peter Lang blickt auf eine erfolgreiche Musikerjugend in Ungarn zurück, als Mitbegründer der ungarischen Kultbands OMEGA und HUNGARIA. Mit letzterer gewann er 1968 „Ungar sucht den Superstar“, zu einer Zeit also, als Dieter Bohlen quasi noch in Windeln lag. Entsprechend angesehen ist Peter bis heute in den ungarischen Kreisen Münchens.

  
Daher erhielten wir über das ungarische Online-Magazins Ungarn-Panorama
die Einladung zu einer Veranstaltung mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, zu der die deutsch-ungarische Gesellschaft in die Hanns Seidel Stiftung geladen hatte.

Unter den Gästen fand sich übrigens auch, ganz ungewohnt mit Schlips und Kravatte, Musiker und Produzent Leslie Mandoki, zu meiner Überraschung ein guter alter Bekannter und ehemaliger Kooperationspartner von Peter.

In der Hanns Seidel Stiftung, als Gastgeberin einer Veranstaltung mit Viktor Orbán, die Präsidentin der deutsch-ungarischen Gesellschaft in München, Elisabeth Schosser

In der Hanns Seidel Stiftung, als Gastgeberin einer Veranstaltung mit Viktor Orbán, die Präsidentin der deutsch-ungarischen Gesellschaft in München, Elisabeth Schosser – Foto: Ungarn Panorama

Viktor Orbán kam in Begleitung von Edmund Stoiber, welcher auch die Begrüßungsrede hielt. Kern seiner Rede war ein Appell, Ungarn mit differenzierteren Augen zu betrachten. In diesem Punkt sprach er mir aus der Seele, nicht nur in Bezug auf Ungarn, sondern ganz grundsätzlich: Meiner Meinung nach sollten wir uns ein wenig damit zurückhalten, anderen Ländern öfter mal unsere Auffassung von „political correctness“ aufdrücken zu wollen. Zu Recht wies Viktor Orbán gestern darauf hin, dass jedes Land seine eigene (kulturelle) Geschichte habe und damit andere Verhältnisse, auf die mit unterschiedlichen, nicht eins zu eins übertragbaren Wegen reagiert werden müsse.

Peter Lang mit ca. 6 Jahren

Peter Lang mit ca. 6 Jahren

Was weiß denn ich, ein aus den komfortablen westdeutschen Verhältnissen hervorgegangenes SPD-Mitglied, wie meine politische Einstellung aussähe, wenn man meine Familie unter einem kommunistischen Regime enteignet hätte, mit fatalen Folgen für die Großeltern, wie bei Peter Lang z. B. der Fall? Wenn ich jahrzehntelang durch eine Diktatur in eingeschränkt gewesen wäre? Und würde ich mir weiterhin die Vision einer gesellschaftlichen Chancengleichheit leisten wollen, wenn mich nicht das engmaschige deutsche Sozialnetz sichern würde, ich vielmehr um meine nackte Existenz fürchten oder gar kämpfen müsste? Oder aber Millionen gescheffelt hätte?

Wie auch immer. Man kommt nicht umhin, der Orbán-Regierung zuzugestehen, dass das Land unter ihrer Führung einen Aufschwung erlebt und mit einer entsprechenden absoluten Wahlstimmen-Mehrheit für ihre Fides-Partei quittiert worden ist.

Viktor_Orban_Hanns_Seidel_Stiftung_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogEntsprechend groß daher  das Selbstbewusstsein, mit dem Orbán den aktuellen Zustand seines Landes darstellte. Seine Erfolgsbilanz würde ihn Auslandskritik mit entsprechender Gelassenheit hinnehmen lassen, gab er auf eine Frage zur Antwort. Gerne und gekonnt kokettierte er mit jenem Hang zur Provokation, der regelmäßig für heftiges Rauschen im ausländischen Blätterwald sorgt. Auch diesmal entsprach er seinem Image, wenn er wieder einmal  eine Ausführung mit „„Ich provoziere Sie jetzt mal …“ begann, um dann in charmantestem Plauderton eine politische Ansicht in überspitzter Form in den Raum zu stellen – und amüsierten bis begeisterten Applaus zu ernten.  Zeitweise habe ich mich, als Teil des Publikums, von ihm regelrecht vorgeführt gefühlt. Dabei redete Orbán weitgehend frei und zeigte sich besonders in der anschließenden Fragestunde als  schlagfertiger Interview-Partner.

Wer diesen Mann als populistischen Simpel disqualifiziert, wird ihm nicht nur nicht gerecht, sondern liefert ihm meiner Meinung nach eine willkommene Breitseite, sich weiter vor seinen Anhängern zu profilieren, als eine Art ungarischer David gegen die Goliaths EU, Auslandspresse und darüber hinaus. In einer Zeit, in der sich Politik immer mehr zu einer Frage von PR-Strategien entwickelt, spielen unangemessene bis unqualifizierte Pressestimmen einem rhetorischen Fechtmeister wie Orbán nur in die Hände, denn dieser Mann weiß offensichtlich die Mechanismen einer breiten Konsensbildung klug für sich zu nutzen.

Und das stimmt mich so nachdenklich. Politiker wollen gewählt werden. Allzu oft um jeden Preis. Auch hierzulande könnte ich Volksvertreter benennen, die sich öffentlichkeitswirksamst als Stammtisch nahe Hardliner präsentieren. Trifft man sie dann in kleinem Rahmen, z. B. im PresseClub, ist man überrascht festzustellen, wie charmant, geistreich und auch tolerant dem politischen Gegner gegenüber sie in Wirklichkeit sind. Also drängt sich die Frage auf, welche Art von politischem Verhalten sich Volkes Geist heranzüchtet? Mehr demokratische Reife wäre von uns allen gefragt.

Die Tatsache, dass ein charismatischer Politiker und/oder eine Partei es schaffen, breite Mehrheiten zu gewinnen, ist leider keineswegs Garant für eine dauerhaft wünschenswerte Politik. Dass sich ein Silberstreif am Horizont schnell in eine Götterdämmerung verwandeln kann, lehrt uns die Geschichte. Aber ebenso, niemals vorschnelle und indifferenzierten Urteile zu fällen. Vielem von dem, was Orbán in seiner Rede äußerte, kann ich weder von meinen politischen noch von meinen ethischen Überzeugungen her zustimmen, doch solange die EU-Regeln eingehalten bleiben, die nicht zuletzt der Wahrung unserer gemeinsamen europäischen Werte dienen, kann ich mich dem Anliegen Edmund Stoibers nach einer möglichst differenzierten Betrachtungsweise  Ungarn gegenüber nur anschließen.

Peter_Lang_Genosse_Rock_n_Roll_Praesentation_PresseClub_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixeBlog

Peter Lang während der Präsentation von „Genosse Rock’n Roll“ im abgedunkelten PresseClub, Foto: Elisabeth Sorger

Apropos Ungarn: Wie der Ungar Peter Lang seine Jugend- und erste Musikerzeit in seiner Heimat erlebte, erzählt die multimediale Collage „Genosse Rock’n Roll„, die wir letzten Donnerstag im PresseClub in einer komprimierten Version vorab vorgestellt haben, aus Anlass von Peter Langs 70. Geburtstag…

<< Peter Lang während der Präsentation von „Genosse Rock’n Roll“ im abgedunkelten PresseClub, Foto: Elisabeth Sorger, selbst Ungarin und sehr berührt von Peter Langs Reminiszenzen, die sie in ihre Jugendzeit zurück versetzten.

Im Rahmen der Tagung "ERSTER WELTKRIEG - EINE EUROPÄISCHE ERFAHRUNG" zeige ich am 5.12. unsere Collage zum 1. Weltkrieg

Die Evangelische Akademie in Tutzing: Im Rahmen der Tagung „ERSTER WELTKRIEG – EINE EUROPÄISCHE ERFAHRUNG“ zeige ich am 5.12. unsere Collage zum 1. Weltkrieg

Zuvor hatte mich eine kurzfristige Anfrage der Evangelischen Akademie in Tutzing an den Starnberger See geführt. An diesem idyllischen Ort werde ich am 5. Dezember eine leicht erweiterte und nunmehr komplett bebilderte Fassung der Collage zum 1. Weltkrieg zeigen, die Jon Michael Winkler und ich im Sommer für den Ökumenischen Gedenkgottesdienst in Haidhausen produziert hatten.
Der EKD-Vorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strom mit Friedrich Kardinal Wetter beim Gedenkgottesdienst im Sommer, Foto: K. Stiessberger

Der EKD-Vorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strom mit Friedrich Kardinal Wetter beim Gedenkgottesdienst im Sommer, Foto: K. Stiessberger

Damals nahm übrigens auch der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm teil, der am gleichen Tag, an dem ich die Evangelische Akademie besuchte, zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde. Doppelte Freude herrschte also bei mir, denn Bedford-Strohms Elan hat mich zu einem aktiven Mitglied meiner eigenen Gemeinde werden lassen und seine Posts auf FB verfolge ich mit Interesse, wünschend, dass alle Amtsträger, ob Kirche oder sonstige, soviel Transparenz an den Tag legen würden …

Dieter_Reiter_PresseClub_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Dieter Reiter besucht erstmals den PresseClub München in seinem neuen Amt als Münchner OB

„Es macht schon Spaß, Bürgermeister zu sein“, lautete ein Statement von OB Dieter Reiter im Rückblick auf seine ersten 100 Tage im Amt. Man könne dann die Wege beschreiten, die man für sinnvoll halte. Zugleich betonte Reiter aber auch, ein Teamworker zu sein und sich gerne mit seinem Mitarbeiterstab zu besprechen, vor allem wenn er mit seinem Latein am Ende sei. (Ganz neue Töne im Rathaus!) Juristische Einwände seien dabei für ihn nicht prinzipiell hinderlich. So habe er sich in Bezug auf die Bayernkaserne nur seinem Gewissen und dem Artikel 1) des Grundgesetzes verpflichtet gefühlt. Im übrigen werde eine menschenwürdige, vernünftige und integrative Flüchtlingspolitik auch weiterhin ganz oben auf seiner Agenda stehen. Als vordringliches Thema kam auch die zweite Stammstrecke zur Sprache. Langsam sei seine Geduld am Ende, äußerte der OB, schließlich werde das Projekt ja auch nicht billiger. Sollte er vom Freistaat bis Ende des kommenden Quartals keine verbindlichen Zusagen erhalten, so wolle er sich mit dem Stadtrat bzgl. möglicher Alternativ-Lösungen auf rein städtischer Ebene besprechen, möglicherweise mit einem Zurückziehen der anteiligen Finanzierungsmittel.

Reiter bezeichnete sich selbst als „elenden Pragmatiker„. Das lässt sich durchaus auch als Umschreibung für „Macher“ auslegen. Und so hat er bei dem für uns Bürger so wichtigen Berufsstand der ErzieherInnen gleich mal bessere Verdienstmöglichkeiten ge“macht“, in Höhe von € 200,- pro Monat. Nach der Veranstaltung im PresseClub hat sich mein Eindruck verfestigt, für den richtigen Mann Wahlkampf betrieben zu haben. Ich denke, dass unter seiner Führung ein neuer Stil Einzug hält, jenseits allen irritierend staatstragenden Gehabes. Vielmehr erlebte ich unseren neuen OB als angenehm schnörkellos in der Diktion und so auf den Punkt, dass ich diesen ganzen Absatz praktisch aus dem Gedächtnis formulieren konnte. Wie angenehm bei einem Politiker, der auch betont, wie wichtig ihm die Wortkomponente „Bürger“ im „Bürgermeister“ sei, und dass er daher die Bürgersprechstunde, die er wider so manche Warnung bereits eingerichtet hat,  weiter etablieren wolle. Seine langjährigen Erfahrungen als Verwaltungsfachmann werden ihm ebenfalls beim Regieren unserer Stadt sehr zugute kommen. Aus dieser ehemaligen Funktion heraus klärte er viele von uns auch darüber auf, dass München inzwischen so gut wie schuldenfrei sei. Gute Aussichten also insgesamt für meine Wahl-Heimatstadt 😉

Peter_Lang_Genosse_Rock_n_Roll_Europaeische_Schule_Muenchen_Gaby_dos_Santos_Blaesser

Vorschau: Diesen Donnerstag, den 20. November, um 20 Uhr, findet die eigentliche Aufführung von „Genosse Rock’n Roll“ statt, in der Europa Halle der Europäischen Schule, Elise-Aulinger-Str. 21, München-Neuperlach, im Rahmen der ambitionierten Reihe „Europäische Identitäten“.

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

Koordinator ist Dr. Roland Jerzewski, dem wir diesen Auftritt verdanken, für den die Schule erstmals ihre Pforten der Öffentlichkeit zu einer Abendveranstaltung öffnet. Dies rührt mich ganz besonders, da ich selber meine gesamte Schulzeit auf einer Europäischen Schule verbracht habe, der in Varese/Italien. Jeder Auftritt an der Europäischen Schule in München fühlt sich für mich daher ein wenig ein „back to the roots“ an.

Mehr über die Collage

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Genosse_Rock_n_Roll_Collage.htm

Eigentlich enthält dieser Blog mehrere Blogs, die ich jedoch zeitnah nicht schreiben konnte und dürfte daher als Lektüre bis Mitte Dezember reichen ;-))  da ich mich nach dem Auftritt am Donnerstag wieder einmal in Kreativ-Klausur begeben werde.


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

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Thomas Hoffmann publi4all münchen buchveröffentlichen
Allgemein

Ein Buch veröffentlichen, aber wie? Thomas Hoffmann weiß Rat

In Camus „La peste“ findet sich die Figur eines Buchhalters, der seinem grauen Dasein durch das Schreiben eines Buches eine einzigartige Wendung geben möchte. Und so brütet er Jahr für Jahr über dem perfekten ersten Satz, weil er diesen für so imminent wichtig als Einstieg in seinen Roman erachtet. Daher kommt er niemals über diesen Anfang hinaus, bis die Pest ihn dahinrafft … Dies entspricht sicherlich nicht dem durchschnittlichen Ende literarischer Ambitionen, aber – Hand auf’s Herz – hat nicht jede(r) von uns  bereits einmal davon geträumt (außer denen, die wöchentlich Lotto spielen) sich durch das Schreiben eines Buches in ein besseres Leben zu katapultieren, nämlich in den Olymp der mit Preisen und Geld gesegneten Bestseller-Autoren? Oder wenigstens nach den Lorbeeren eines in Druckerschwärze veröffentlichten Eigenwerkes geschielt?

Gaby dos Santos, Autorin Produzentin jourfixeblog

Ein Buch, ein einziger Sieg über leeres Papier!!!

Ein einziger Sieg über  leeres Papier  könnte viel ändern ! Dass diese Idee so abwegig gar nicht ist, darf ich neuerdings alljährlich  feststellen, wenn ich den Namen eines meiner ältesten Freunde wieder einmal auf der Stern-Bestsellerliste entdecke. Ein gemachter Mann heute, früher auch „nur“ einer von uns Hamsterrad tretenden Kulturschaffenden  …

Wenn das nur so einfach wäre, mit der Metamorphose zum Literatentum. Neben dem Kampf mit der Blanko-Seite, die auf Worte wartet,  gilt es ja noch zahlreiche andere Hürden auf dem Weg zum Buch zu überwinden! Daher gebe ich meine virtuelle Feder an dieser Stelle an unseren Kooperationspartner Thomas Hoffmann weiter, Fachmann für diese Art von Wünschen …

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GASTBEITRAG VON THOMAS HOFFMANN

Ein Buch veröffentlichen: das ist die richtige Idee für Viele. Wenn Sie Spezialist sind, bietet es sich an, ein Buch veröffentlichen. Wenn Sie regelmäßig Vorträge oder Workshops halten oder andere öffentliche Auftritte haben, sollten Sie unbedingt ein Buch veröffentlichen!

Nach der Gründung von publi4all im Jahr 2011 entwickelte und vermarktete ich zunächst nur eBooks. Und ich brachte meinen Autoren das Bloggen und die Nutzung von Facebook, Twitter & Co. bei.

Ich will ein Buch veröffentlichen – keinesfalls ein eBook!

Ich traf aber immer wieder Menschen, die mir erzählten, sie hätten ein Buch geschrieben und es sei so schwierig, einen Verlag zu finden. „Genau“, antwortete ich, „Verlage sind nicht interessiert an Autoren, die sie nicht kennen. Die sind denen viel zu riskant.“ Und häufig machten diese Menschen dann mit mir ihr Buch als eBook.

Naomi Susan München singing4all Coach postkarte aus bali

Bildmotiv aus „Postkarte aus Bali“

„Man wolle aber kein eBook, man wolle ein gedrucktes Buch veröffentlichen!“ Dieses Argument hör(t)e ich auch immer wieder. Und am deutlichsten sagte es mir Naomi Isaacs, mit der Bemerkung, sie lehne ein eBook als Umsetzung ihres Manuskripts ab.

Dieses Manuskript hatte sie schon vor langem geschrieben und wollte es jetzt endlich veröffentlichen. Sofern es sich dazu eignete. Ich war sofort begeistert. Es ist eine Art Sittengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Märchen für Erwachsene, welches das Leben einiger Kinder erzählt, die unter märchenhaften Umständen in einem Dorf der Fünfziger Jahre aufwachsen.

Naomi Susan München singing4all Coach postkarte aus bali

Aus diesem fabelhaften Manuskript entstand das kostbare Buch Postkarte aus Bali – Ein Kinderbuch für Erwachsene. Es ist reich bebildert mit Vierfarbtafeln und Schwarzweiß-Zeichnungen von Samar Ertsey. Wenn man es in der Hand hält und mit geschlossenen Augen Samteinband und Goldschnitt abtastet, wenn man beim Geruch von Druckerschwärze und Papier von der eigenen Kindheit träumt, kann man sich wahrlich nicht vorstellen, das Buch anders zu lesen, als gedruckt.

Wenn Sie ein Buch veröffentlichen: bewerben Sie es!

Und dennoch ist ein eBook auch in einem solchen Fall ein probates Mittel, das gedruckte Buch bekannt zu machen. In dem Fall kann das eBook für den künftigen Leser ein digitaler Aperitiv vor dem analogen Dinner sein. Und das Bloggen zu dem entsprechenden Themenkreis ist eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg von eBooks und Büchern in einem gesättigten Markt.

Wenn Sie ein Buch veröffentlichen, ist eine kluge und andauernde Vermarktung durch den Autor über mehrere Kanäle für den Erfolg zentral. Dabei hat der verlagsunabhängige Autor einige Vorteile; Der größte ist sicher, dass er sich nicht der Illusion hingibt, der Verlag werde es schon richten.

Selfpublishingday würzburg Bücher veröffentlichen

Über die Finessen einer geschickten Buchvermarktung und grundlegende Regeln für den „Autor als Unternehmer“ referierte ich beim ersten SelfPublishingDay am 12. April in Würzburg. Und außerdem erfahren Sie immer wieder Neues zum Self Publishing in meinem Blog publi4all.


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Allgemein

Streifzug München: SPD-Wahlkampf, Begegnung mit Autor Peter Schneider, Kirchenkabarett und eine Weltenbummlerin am Start

Am 7. Februar fand mein Debüt als SPD-Wahlkämpferin statt: Am Rosenheimer Platz zusammen mit

http://anne-huebner.de/

unsere Stadtratskandidatin sowie Günter Wolf Flyer ans Volk bringen. Das Positive daran: Man bekommt zu den WählerInnen unmittelbaren Kontakt und einen ziemlich konkreten Eindruck dessen, was die Bürger wirklich bewegt. Und das lautet zur Zeit ziemlich oft „Politik-Verdrossenheit“. Mein gebetsmühlenartig vorgebrachtes Credo, dass der politische Ist-Zustand gerade mehr Engagement seitens der BürgerInn erfordere, überzeugte potentielle Wahl-AbstinenzlerInnen nicht wirklich. Vielleicht wäre es gut, wenn auch mehr BundestagspolitikerInnen sich mal wahlkämpfend auf Deutschlands Strassen tummeln würden. Weniger Elfenbein-Turm wäre da garantiert. Angenehme Nebenerscheinung ganz anderer Natur: Ich konnte beim Flyer verteilen tüchtig an“smilen“, wen und wann ich wollte … und noch dazu für eine gute Sache. 😉

Und traf dabei prompt meine neuen jourfixe-Vereinsfreunde Martine und Roland Jerzewski. Roland unterrichtet an der Europäischen Schule in München und engagiert sich dort auch kulturpolitisch. Kennen und schätzen gelernt haben wir uns bereits 2010, anlässlich eines Engagements an der Europäischen Schule 2010 mit Jons Collage zu Frederic Chopin, im Rahmen eines Projektes zu „20 Jahre Mauerfall“. Daran knüpft Rolands neues Projekt „Europäische Identitäten“ an. Zitat von der Homepage der Europäischen Schule in München:

„Eines der Leitmotive der Europäischen Schule ist die Multikulturalität, wie sie ständig und intensiv schulintern gelebt und erlebt wird. Diese europäische Kulturvielfalt basiert nicht nur auf den verschiedenen Nationen, Sprachen und Kulturen, sondern findet innerhalb vieler Familien ihren eigenen Ausdruck. Unsere häufig aus diesem Umfeld stammenden Schüler sind von Haus aus interkulturell und zwei- oder mehrsprachig. Für diese Kinder und Jugendlichen kann die Situation „zwischen den Stühlen“ mit einer nicht immer leicht definierbaren Identität eine Quelle von Zweifeln und Verunsicherung sein; gleichzeitig ist diese Polyvalenz aber auch eine große Chance in einer multipolaren, globalisierten Zukunft.“  

HS_Literaturveranstaltung_Peter_Schneider 013

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

Nachdem ich selbst meine  Schulzeit auf einer Europäischen Schule in Varese/Italien verbracht habe, kann ich dem nur zustimmen. Mehr von dieser Veranstaltungsreihe durfte ich bald selbst in der Europäischen Schule erleben: Eine literarische Matinée mit Erfolgsautor Peter Schneider, der seinen Auftritt mit einem Plädoyer für ein vereintes Europa der kulturellen Vielfalt einleitete. Auf Grund meiner Biografie plädiere ich ebenfalls für ein gemeinsames Europa, aber ein auf kommerziellen Interessen reduziertes Europa, sondern eines der gegenseitigen Hilfestellung, nicht aus falschem Gutmenschetum heraus, sondern weil letztlich das Wohlergehen jeden einzelnen Staates zum Wachstum der gesamten Union beitragen wird. (Man denke nur an die aufblühende deutsche Wirtschaft  in der westlichen Welt der 50er und 60er Jahre …) Bei der Gelegenheit lud Peter Schneider die Münchner Schüler ein, an der Konferenz „Europa streitet“ am 2. Mai in Berlin teilzunehmen, für die er sich gerade, in Koop. unter anderem mit Joschka Fischer, stark macht, und an der ich hoffe, auch teilzunehmen.

v. li.: Roland Jerzweski, Peter Schneider, Schuldirektor Rudolph Ensing

v. li.: Roland Jerzweski, Peter Schneider, Schuldirektor Rudolph Ensing

Seine Lesung eröffnete Schneider mit der Präsentation seines neuesten Buches, für mich als Lektüre sicherlich ein „muss“, denn es beruht auf Schneiders tatsächlicher Familiengeschichte. „Die Lieben meiner Mutter“ – erzählt von dem in den 40er Jahren ungewöhnlich mutigen Bekenntnis einer verheirateten Frau zu einem „amour fou“.  Abschließend las Schneider noch aus seinem 2001 erschienen Buch „Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen“. Dieses Werk schlägt auf begrüßenswerte Weise in die gleiche Kerbe, wie das weise jüdische Sprichwort „Wer nur eine Seele rettet, rettet die ganze Welt“ und erinnert an die stillen Helden in Deutschland, die, unter Einsatz des Lebens, einen Beitrag zur Rettung Verfolgter leisteten. Für dieses Buch wurde Schneider von der Presse teilweise heftig kritisiert. Sinngemäß: Er wolle das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte beschönigen.

Peter Schneiders neues Buch: Die Lieben meiner Mutter

Peter Schneiders neues Buch: Die Lieben meiner Mutter

Diese Reaktion – leider – wundert mich nicht wirklich. Sie ist symptomatisch, was die Aufarbeitung unserer Vergangenheit anbelangt und könnte auf Dauer auch kontraproduktiv wirken. Gefordert ist, nicht zuletzt auch in Hinblick auf die kommenden Generationen, eine differenzierte Auseinandersetzung, im Sinne möglichst intensiver Lernerfahrungen, statt einem „Mea-Culpa-Masochismus“ in Endlosschleife, der nichts bewirkt und höchstens abstumpft. In diesem speziellen Fall, wie auch der Autor selbst erläuterte, ging es u. a. ja gerade darum aufzuzeigen, dass es durchaus möglich war, zu helfen, im Rahmen der eigenen, entsprechend beschränkten, Mittel. Ob ich persönlich selbst soviel Zivilcourage hätte? Hoffentlich muss ich das niemals herausfinden. Mehr

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/aktuelles/aktuelles-detail/article/mutterherz-und-liebesschmerz.html

„Jede (kriegerische) Situation von Fall zu Fall persönlich neu und differenziert überdenken“ lautete sinngemäß  der Rat einer Münchner Pfarrerin zu meiner Frage, ob denn absoluter Pazifismus wirklich immer den Frieden bewahren könne und welche Haltung der christliche Glaube gebiete. Das eigene Gewissen sei stets aufs Neue gefragt. Meines bezweifelt, dass Pazifismus ausnahmslos sinnvoll ist – man denke nur an Chamberlain und seine gescheiterte Appeasement-Politik – In jedem Fall aber sollte Krieg nur das ultimative Mittel sein, und wir in Deutschland haben die Pflicht und Chance zugleich, auf Grund unserer Geschichte besonders zurückhaltend zu reagieren. Das Befürworten unseres Bundespräsidenten, nota bene noch dazu eines Geistlichen, einer künftig verstärkten militärischen Präsenz unserer Truppen weltweit, empfinde ich als plumpe Anbiederung auf weltpolitischem Parkett, anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz 2014. Wir, mit der historischen Chance auf militärische Zurückhaltung, sollten diese auch nutzen! Wobei ich keineswegs Anti-Bundeswehr eingestellt bin, im Gegenteil, im Zuge meines „Lili-Marleen“-Projektes viele SoldatInnen als sehr engagierte und tiefgründige Mitmenschen kennen und schätzen gelernt habe und welche die Bereitschaft zeigen, für uns alle gegebenenfalls ihr Leben zu riskieren.

Was die Sicherheitskonferenz an sich anbelangt: Es gibt so viele attraktive Orte rund um München, wo auch die Politik regelmäßig „klausurt“. Könnte man nicht bitte die gesamte Sicherheitskonferenz dahin ausquartieren? Alle Jahre wieder Chaos in der Stadt, verursacht durch eine Veranstaltung, die die MünchnerInnen nicht wirklich schätzen … Sicherheitskonferenz goes Schloss Elmau oder so?

Samstag Abend hallten ungewöhnliche Sprüche durch die Markus-Kirche: Die PfarrerInnen des Kirchenkabaretts „Das Weißblaue Beffchen“ beleuchteten Kirchenalltag, Gemeinde und Pfarrwesen auf ungewöhnliche, deftige Weise. Es durfte gelacht werden und es wurde gelacht, wenn der Tod in einer EKD-Version des Brandner-Kaspers von einem auf Seelsorge trainierten Geistlichen überlistet wird, wenn der betont lässig daher kommende Jugendpfarrer Bier kippend sein Leid klagt und das Publikum zu einem Gangam-Style mit interkofessionellem Gestus animiert wird. Ein paar schräge Töne im Gesang vielleicht, aber wirklich gekonnt die darstellerische Leistung des Ensembles, von denen ich einen erst kürzlich hatte predigen gehört. Ein Genuss, nicht nur für KirchgängerInnen, der nur leider durch meinen müde gewordenen Enkel zur Pause bei mir zu einem verfrühten Abgang führte. Aber: Ich komm wieder, keine Frage!

http://www.kirchenkabarett.de/

Verabschiedet habe ich dieser Tage dann noch meine Freundin, jourfixe-Kollegin und Gesamtkunstwerk Naomi Isaacs (Autorin, Sängerin, Coach, Lebenskünstlerin). Zwar wird sie uns keine „Postkarte aus Bali“ schicken, so der Titel ihres bemerkenswerten Märchenbuchs für Erwachsene, aber sicher den einen oder anderen Post aus Leipzig, Singapur und Thailand. Schön, dass sie danach fest zu Markus Woelfle und mir ins Viertel zieht! Bon voyage derweil, Naomi. Wir halten Stellung in Haidhausen!

Soweit für heute. Ich werde mich ab sofort in die Vorbereitungen zur Langen Nacht der Musik am 15. Mai vertiefen und Ihnen/Euch zu gegebener Zeit mehr davon berichten.

* Alle Fotos dieser Seite stammen von Carolin Neudeck, Europäische Schule München

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