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Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

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Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

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Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

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Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

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Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

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Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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„Und ich gehe heute noch“ – Vom Ausstieg ins Leben der Künstlerin Naomi Isaacs

An einem Sonntag Mittag 1984 saß Sekretärin Naomi Isaacs  im Biergarten des Wirtshaus Am Gehrenberg. Sie erinnert sich – sinngemäß: „Ich saß unter Kastanienbäumen und genoss eine Stimmung, die der an schönen Sommertagen glich, mit Vogelgezwitscher und dem Lärmen spielender Kinder, während die Erwachsenen ihren Kaffee tranken. Es war einer dieser seltenen, absolut klaren Tage, an denen man von der Terrasse aus den ganzen Bodensee überblicken konnte.“ Die Weite des Ausblicks inspirierte Naomi zu einer Vision grenzenloser Möglichkeiten: „Wenn ich jetzt aufstehe und anfange zu gehen, einfach so, zu Fuß, dann könnte ich bis an den Bodensee kommen und dann den See mit der Fähre überqueren und weiter gehen, immer weiter, denn wer sollte mich aufhalten können? Im selben Moment ist ein Teil von mir aufgestanden und los gegangen und dieser Teil geht heute noch …“

Das Wirthsaus am Gehrenberg über dem Bodensee, Quelle: Südkurier

Das Wirthsaus am Gehrenberg über dem Bodensee, Quelle: Südkurier

Bereits ein Jahr zuvor hatte es in Naomi zu rumoren begonnen. Anlass war der 40. Geburtstag, der, wie so oft an runden Geburtstagen, eine innerliche Bestandsaufnahme heraufbeschwor. Beim Aufwachen hatte sie überlegt: „Gestern war Dienstag, heute ist Mittwoch – fühl ich mich jetzt anders? Ja,“ entschied sie, „zu alt, um mir mit vierzig noch von jemanden sagen zu lassen, wo es lang geht und viel zu jung zum sterben.

Naomi Isaacs mit ihrem damaligen Mann in den 80er Jahren

Naomi Isaacs mit ihrem damaligen Mann in den 80er Jahren

Seit Jahren trafen sie und ihr damaliger Ehemann sich regelmäßig mit einer Gruppe Freunden zum Essen. Eines Abends stellte Naomi fest, dass sie sich für kein einziges der vielen Gerichte auf der Speisekarte erwärmen konnte. „‚Steak wäre klasse, aber nee, zuviel zum Kauen, Scampi wäre schön, aber der ganze Reis mit Sauce zu viel …‘ Alles, was ich mir auf der Karte anschaute, war  irgendwie nicht so wie ich es haben w0llte. Innerlich ahnte ich, dass es hier um mehr ging, als nicht zu wissen, was ich bestellen wollte. Die Wahrheit war, dass ich keinen Hunger mehr hatte und das auf vielen Ebenen. Ich merkte: ‚Something is rearing its ugly head‘.

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Wer kennt es nicht, dieses leise Unbehagen, das einen im Lauf des Lebens beschleicht und ganz leise aber unentwegt zu fragen scheint: „Na, wo sind sie denn geblieben, die vielen Träume und Pläne, mit denen man sich das Leben bunt pflastern wollte? Wann ist sie verloren gegangen, diese Leichtigkeit mit der man die Gegenwart ausgelebt hast, ohne dabei auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Zukunft abgesichert genug sei. Wo ist der jugendliche Tatendrang geblieben? So vieles scheint ausgesperrt, hinter einem Riegel, den man seinem Dasein irgendwann unmerklich selbst vorgeschoben hat …

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Naomi beschreibt diesen Vorgang auf der biografischen Seite ihrer Homepage so: „Allmählich  wandelten sich unsere Interessen und wir hörten auf, die Clubs zu besuchen. Ich arbeitete als ‚Tippse‘ in einem großen Konzern. Über die nächsten 15 Jahre und viele Firmen stieg ich auf zur Abteilungssekretärin.

Naomi Susan Isaacs 1987

Naomi Susan Isaacs 1987

Als Naomi 1984 am Gehrenberg beschloss, ihrer Vision Taten folgen zu lassen, hatten sich ihr Mann und sie bereits auseinander gelebt und im Guten getrennt.

Wovor sich Naomi damals am meisten fürchtete, war etwas, das sie als „Hauptbeschäftigung aller alleinstehenden Damen mittleren Alters“ bezeichnet: „Es sich abends daheim gemütlich zu machen“, begleitet von Fragestellungen ohne tieferen Sinn, wie „Was koche ich für mich, welches Deckchen lege ich heute auf? Das wäre für mich, wie langsames Sterben.“

Türkenstraße_Muenchen_Allotria-Jazz-Club_Gerry_Hayes_Naomi_Isaacs_jourfixe-BlogWas also tun, mit den Abenden? Glücklicherweise gab es noch den Allotria-Jazzclub von Gerry Hayes in der Türkenstraße. Naomi war positiv überrascht: „Die Gesichter waren zwar neu, aber die Atmosphäre dort, der Geruch in der Kneipe, nach Bier und Zigaretten, waren noch genau so, wie ich sie von früher kannte. Und der Klang von Jazz fuhr mir wieder voll unter die Haut.“ Der Allotria-Club sollte nicht Naomis einziges Jazzdomizil bleiben …

Um 1990 in der "alten" Untefahrt mit Wirtin Liesl

Um 1990 in der „alten“ Untefahrt mit Wirtin Liesl

Es gab da ja auch noch die Unterfahrt, bis heute einer der international renommiertesten Jazzclubs, „die zu meinem „zweiten Wohnzimmer“ wurde. Ich half in der Küche und an der Kasse, stieg bei den Jamsessions ein …„, so Naomi.

Naomi Isaacs mit Jenny Evans, Jazz-Sängerin, Schauspielerin und damals Chefin des Musik-Lokals "Jenny's Place", Foto um 1990

Naomi Isaacs mit Jenny Evans,  damals Chefin des Musik-Lokals „Jenny’s Place“, Foto um 1990

Dann eröffnete die Jazzsängerin und Schauspielerin Jenny Evans ihre coole Musik-Kneipe „Jenny’s Place“, die bis 3 Uhr offen blieb und für die Nachtreiber unter der Jazz-Klientel gesellte sich schließlich auch noch Wolfi Kornemanns legendäres „Nachtcafé“ hinzu, in dem man bis 6 Uhr früh essen und trinken und die halbe Nacht Jazz-Bands live hören konnte. Nachtcafe_Muenchen_Wolfi_Kornemann_Naomi_Isaacs_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogDie Jazz-Szene Münchens präsentierte sich also Mitte der 80er Jahre als Segen und Fluch für eine Aussteigerin in Spe wie Naomi. Die Nächte wurden lang, länger, schließlich endlos. „Kurz duschen und gleich in die Firma„, fasst Naomi rückblickend diese Zeit zusammen.“Irgendwann hat mein Chef gesagt: ‚Pass auf Naomi, Du wirst dich bald zwischen Arbeit und Musik entscheiden müssen‘ und meinte das als Drohung.“ Sein Kosmos lag so weit weg von Naomis, dass er nicht im entferntesten damit rechnete, dass sich Naomi von ihrer bürgerlichen Existenz innerlich verabschiedet und auf Münchner Bühnen bereits Blut geleckt hatte …

Liederbuehne_Robinson_jourfixe-Blog_Naomi_Isaacs

Mit Folk-Repertoire in der Liederbühne Robinson, 80er Jahre

Auftritt 1960

Auftritt 1960

In der Liederbühne Robinson hatte sie, im Duo mit Gitarrist Gotte Gottschalk, ihr Repertoire an Folksongs aus Jugendzeiten reaktiviert, „einfach um zu sehen, ob ich auf der Bühne noch was kann.“ Sie konnte – und zwar so überzeugend, dass sie Bernhard Fricke, Chef von „David gegen Goliath“, einige Zeit später zur Gründungsfeier seiner Partei auf die Bühne des Zirkus Krone engagierte.

Als Frickes Anruf kam, saß Naomi noch in ihrem Büro. Als der Politiker ihr eröffnete, wie viel Mühe es ihn gekostet habe, sie zu finden und ob sie Zeit habe, noch am gleichen Abend im Zirkus Krone zu singen, glaubte sie zunächst an einen Scherz. Es war keiner und so trat sie, gemeinsam mit Gitarrist Geoff Goodmann und Bassist Chris Lachotta als Schluss-Act auf: „Nach Werner Schneider und Eisi Gulp und vielen weiteren großen Namen kamen zum Schluss wir und sangen ein paar American Folk-Songs. Fricke ging es darum, dass ich Leute zum Mitsingen animiere.

Innenansicht des Zirkus-Krone-Baus in München

Innenansicht des Zirkus-Krone-Baus in München

Ein kluger Schachzug von Fricke; ich wette, die Stimmung war zum Schluss bombastisch, da Naomi mit so ungefähr jeder Publikums-Situation umzugehen versteht. Selbst habe ich gerne und wiederholt Naomi bei jourfixe-Veranstaltungen in ähnlichen Momenten eingesetzt. Typisch Naomi also auch, sich von einer solchen Location nicht einschüchtern zu lassen. Sie berichtet im Gegenteil über diesen Auftritt als: „… sehr gemütlich, groß aber alles wirkte durch die kreisförmige Anordnung sehr nah. Und danach gings in Jenny’s Place zum Feiern.

Naomi_Isaacs_Auftritt_80erJahre

Erste Auftritte als Jazz-Sängerin

Dieser Auftritt wirkte motivierend. In der Bühnenwelt Fuß fassen zu können, schien nicht mehr utopisch und fest stand nunmehr für Naomi auch: „Ich konnte nicht länger im Büro bleiben. Es gab dort nichts neues mehr für mich zu lernen, beziehungsweise, was es zu lernen gegeben hätte, hat mich nicht interessiert. Auch hatte ich inzwischen zuviel Eigenständigkeit entwickelt, um von meinem Chef weiterhin tagtäglich Anweisungen entgegen zu nehmen.“ Ein Eklat stand zu erwarten und stellte sich auch bald darauf ein:

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Naomi Isaacs: Wendepunkt im Leben Ende der 80er Jahre

Wir hatten alle im Büro Postkarten, Zeichnungen und lustige Sprüche an den Wänden hängen; ich hatte mich für einige Cartoons von Mordillo entschieden. Eines Tages kam ich ins Büro und die Hälfte meiner Blätter hat gefehlt. Als ich mich nach deren Verbleib erkundigte, kam mein Chef hinzu. ‚Hast du meine Zeichnungen gesehen?‘- ‚Ja, die hab ich runter genommen, weil ich die nicht mehr sehen konnte.‚“ Naomis Antwort fiel ebenso treffend aus, wie sie ungewöhnlich für eine Sekretärin ihrem Chef gegenüber war: “ ‚Du Werner, Du bist mein Chef, und wenn Du mir sagst ich soll die Bilder runter tun, dann muss ich das. Aber was du getan hast, ist Diebstahl.‘ Er wurde kreidebleich, ging in sein Büro und kam zurück mit ein paar Bildern, die er dort im Papierkorb entsorgt hatte.“ Kurz darauf reichte Naomi ihre längst überfällige Kündigung ein.

Naomis fulminanter Auftritt am 70. Geburtstag in der Unterfahrt

Naomi Isaacs fulminanter Auftritt am 70. Geburtstag in der Unterfahrt, 20. Januar 2013

Ich habe Kraft geschöpft aus der Angst vor dem, was mir blüht, wenn ich es nicht mache, erklärt Naomi Isaacs rückblickend. „Nochmal zwanzig Jahre diesen Mist weitermachen und am Ende ein Strauß Blumen und ein Handshake, man feiert mich flüchtig beim Abschied und danach bin ich abgehakt ..?“ Sie fragte sich, was sie denn tatsächlich mit ihrem weiteren Leben anfangen wollte und formulierte damals für sich: „Eigentlich will ich Sängerin werden.

Um 1990

Um 1990

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Zitat von Anais Nin

„Ich habe mich davor gefürchtet, mich mit 65 im Spiegel anzuschauen und mir selbst sagen zu müssen: ‚Und Du hast es nicht einmal versucht!‘

Diese Angst wog bei Naomi stärker, als das Bedürfnis nach relativer Sicherheit, das viele Menschen vor einer so drastischen Kursänderung in der Mitte ihres Lebens abhält.

Mit der Kündigung zum 1. April 1986 trat Naomi Susan Isaacs mit 43 Jahren ihre Laufbahn als Sängerin an. Im Rückblick schreibt sie auf ihrer Homepage: (…) Ich kündigte  meinen Job als Sekretärin und schenkte mir ein Sabbatjahr, um mich ganz der Musik zu widmen und herauszufinden, ob diese Musikwelt mich haben wollte.“ (…)

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Um 1990

Die Musikszene hieß sie zunächst keineswegs unisono „herzlich willkommen im Club!“ Im Gegenteil. Neuankömmlingen, vor allem bürgerlichen Quereinsteigern/Innen gegenüber mauert die Kunst- und Kulturszene gerne, nach dem Motto: „Da könnte ja jeder kommen!“ Zudem stellt sich die Musikszene bis heute häufig als eine Art Macho-County dar. Und nun erschien da aus dem Nichts diese Frau Anfang 40, die künstlerisch noch wenig vorzuweisen hatte, außer dem unbedingten Wunsch, in die Münchner Jazz-Szene einzusteigen. Ausgerechnet! Dazu muss man wissen, dass  durch die swingende Szene unserer Stadt eine sprichwörtliche „Jazz-Polizei“ patrouilliert, die meint, ihre Auffassung darüber, wie sich der Jazz zu präsentieren habe, behüten zu müssen wie einen heiligen Gral. Eine Naomi passte da nicht unbedingt jedem ins Schema.

Darüber hinaus sei allen Anwärterinnen und Anwärtern auf einen Einstieg in das Bohème-Leben versichert:

Naomi auf einer Feier in den 90er Jahren

Naomi auf einer Feier in den 90er Jahren

Bei aller Farbigkeit geht es hier tatsächlich so brotlos zu, wie immer kolportiert wird. Naomi berichtet selbst offen darüber, dass sie einige Zeit lang buchstäblich „aus der Tonne gelebt“ habe. Sie schildert es ohne Selbstmitleid, zu recht, denn dafür sollte besser kein Platz sein, wenn es einen in diese Art von Leben zieht. Naomi setzte aber auch sehr schnell Weichen für den Aufwärtstrend:

90er Jahre: Daheim beim Gesangsunterricht

90er Jahre: Daheim beim Gesangsunterricht

Sie suchte sich Untermieter und sie begann, Gesang zu unterrichten. Beinahe aus dem Stand machte sich Naomi als Gesangslehrerin einen Namen in der Szene und auch mit ihrer Gesangskarriere ging es aufwärts. Sie schreibt auf der biografischen Seite ihrer Homepage:

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Als Coach bei einem Workshop um 1990

Am Ende des ersten Jahres hatte ich eine Italientournee absolviert und eine kleine Schar von Schülern um mich gesammelt. Durch sie entdeckte ich meine Leidenschaft für das Unterrichten. Während der folgenden Jahre besuchte ich kontinuierlich Jazzworkshops im In- und Ausland und ergänzte meine Musikkenntnisse mit Workshops und Ausbildungen in Kinesiologie, Familienstellen nach Bert Hellinger, NLP (Neurolinguistisches Programmieren), ESP und vieles mehr. 

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Naomi Isaacs coached Sängerin Andrea Pancur, längst selbst eine etablierte Größe der interantionalen Klezmerszene, hier bei Dreharbeiten zur BR-Reihe „Lebenslinien“

1990 gründete ich das New Vocal Center, ein Zentrum für Unterricht und Workshops „mit, um und für die Stimme“. Neben dem Unterricht organisierte ich Workshops und durfte einige berühmte Jazz- und Bluessänger willkommen heißen. Es kamen Mark Murphy, Jay Clayton, Theo Bleckmann, Angela Brown und viele mehr, die das Leben des New Vocal Center bereichert haben. Bald nahm meine eigene Reisetätigkeit solche Ausmaße an, dass ich 1998 das New Vocal Center ruhen lassen musste, um mich auf meine eigene Karriere zu konzentrieren.

bio_Naomi_Susan_Isaacs_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosNaomis Sabbatjahr von 1987 dauert bis heute an. Inzwischen hat die Münchner Kulturszene längst „Ja“ zu Naomi gesagt. Aber der Weg dahin war steinig und nur begehbar für jemanden mit der Konsequenz, Ausdauer und unkonventionellen Lebenshaltung, die Naomi charakterisieren. Sie hält selbst auf ihrer Homepage fest: „Das Musikerleben kann auch manchmal etwas einsam sein und die Reiserei ist nicht immer so glamourös, wie ihr Ruf. Ich habe auf dem Boden in kalten, feuchten Speichern geschlafen, ohne eine richtige Waschgelegenheit, meilenweit entfernt von einer Tasse Kaffee oder einem Stück Brot. Ich musste mir anhören, dass Künstler „einfache Behausungen“ bevorzugen, weil sie sich in einem richtigen Hotel deplatziert fühlen würden. Ich habe im Auto auf öffentlichen Parkplätzen geschlafen und Hoteleinrichtungen gesucht, um mich morgens zu waschen … Andererseits wurde ich eingeladen, privat zu wohnen und habe enorme Gastfreundschaft und Großzügigkeit erlebt – und dabei ein paar Freunde fürs Leben gefunden.“

Längst etabliert und hochangesehen: Naomi Isaacs Ende der 90er Jahre

Längst etabliert und hochangesehen: Naomi Isaacs Ende der 90er Jahre

Ende der 90er Jahre hatte sich Naomi endgültig in der Münchner Künstlerszene etabliert und zeitgleich mit mir die Idee, ein Künstlertreff zu eröffnen. Während ich mit dem Jour Fixe im Nachtcafé begann, startete sie ihren Kultursalon im Café des Theater Drehleier. Zwar unterschieden sich unsere Veranstaltungen konzeptionell deutlich: Ich präsentierte kleine Show-Blöcke, Naomi eine Talkshow und beide waren wir gut besucht. Auf Grund der Prominenz des Nachtcafé lag ich, was die Medienresonnanz anbelangte, im Vorteil. Aaaaber: Von der persönlichen Akzeptanz her punktete eindeutig Naomi, so dass sich zu ihrem einjährigen Jubiläum das „who-is-who“ der Künstlerszene einfand, allen voran die Kabarett-Größe Helmut Ruge. Auch der damalige Kulturreferent, spätere Kulturstaatsminister und Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin fand sich unter den Jubiläumsgästen, ganz privat und unübersehbar turtelnd mit seiner zukünftigen Frau, der Autorin Natalie Weidenfeld. Und am Klavier sass kein geringerer als der Grand-Seigneur des Jazz-Pianos, Joe Kienemann!

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Naomi Isaacs, ca. 2001, Bildcollage: Gaby dos Santos

Dieser Abend entwickelte sich zu dem, was ich mir immer erträumt, jedoch in diesem Ausmaß nie ganz erreicht hatte, allen meinen Anstrengungen zum Trotz oder vielleicht gerade deshalb: Ein rauschendes Bohème-Fest!

Eigentlich gehört Neid nicht zu meinen Schwächen, mit ganz wenigen Ausnahmen und diese Jubiläumsveranstaltung war eine solche! Noch am nächsten Mittag spürte ich das böse Stechen akuten Neids im Bauch! Eigentlich sass ich gemütlich auf der Terasse im Nachtcafé und verspeiste ein gutes Stück Rostbeaf aus der Nobelküche, während Star-Trompeter Dusko Goykovich seine täglichen Musikübungen im Lokal absolvierte. Mir hätte wirklich froh zumute sein können, doch der fiese Neid bohrte und bohrte in mir. Irgendwann hatte ich genug von diesem unrühmlichen Zustand, rief Naomi an und gratulierte ihr – und zwar ehrlich!

Naomi und ich 2014, Foto: Aniela Adams

Naomi und ich 2014, Foto: Aniela Adams

Danach ging es mir besser, und ich war wieder in der Lage, meine im Nachtcafé gesammelten Lorbeeren zu zählen, statt einer Kollegin die ihren zu missgönnen! Ich beschloss, mich fortan in die Riege der Naomi-Fans einzureihen und so meine Magenschleimhäute zu schonen. Ein guter Entschluss, denn mit den Jahren ist Naomi mir eine meiner wenigen vertrauten Menschen und neuerdings auch Haidhausener Nachbarin geworden. Ich liebe es, mit ihr in der Küche plaudernd und philosophierend die Zeit zu vergessen. Zudem gehört Naomi seit Jahren zum kleinen, eingeschworenen Kreis der Vereinsmitglieder des jourfixe-muenchen e. V. und ist mir mehr als einmal mit Rat und Tat helfend beiseite gestanden. Darüber hinaus hat sie mich vor einigen Jahren, auf einem ihrer Workshops, nachhaltig von meinem bis dato fürchterlichen und von allen Teamkollegen gefürchteten Lampenfieber befreit … oooo

Naomi Susan Isaacs Nachtcafé Blues[1]

Ich wechsele ich gerne öfter mal die Pferde,“ sagt Naomi heute noch und überrascht uns, ihre Fans, Freunde und Weggefährten immer wieder neu. So schenkte sie sich und uns zu ihrem 70. Geburtstag Postkarte aus Bali – ein Kinderbuch für Erwachsene“.

Das Buch kostet € 39,- und ist erhältlich bei „Buch in der Au“ und „Kunst- und Textwerk GmbH“, Lesecafé

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist typisch für Naomi: Projekten Raum lassen, sich zu entwickeln und der Entwicklung schrittweise folgen. „Ich hatte nie wirklich vor, ein Buch zu schreiben. Es ergab sich ‚Kapitel für Kapitel‘ aus meinem Leben und meinen Begegnungen.“ Ursprünglich sollte sie für ihren musikalischen Partner Christopher Varner das Konzept für ein Musikprojekt mit Kindern schreiben. Zwölf Kinder, zwölf Begegnungen, zwölf Abenteuer – Wie sie ihre Stärken entdecken, an sich glauben lernen und ihren Weg im Leben finden“,  so der Klappentext des Buches, haben sich aus der Kernidee entwickelt, zusammengefasst in einem hinreißend von Samar Ertsey illustrierten Märchenbuch , das sie sowohl auf der Frankfurter wie auch auf der Leipziger Buchmesse vorstellte.

Naomi Isaacs 2014 auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie ihr Buch "Postkarte aus Bali" präsentierte

2014 auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie ihr Buch „Postkarte aus Bali“ präsentierte

Seit Naomis Abgang aus dem „Acht-bis-siebzehn-Uhr-Alltag“ sind nunmehr fast dreißig Jahre vergangen, in denen Naomi ihre Entscheidung nie bereut hat. „Das Leben ist ein einziges Abenteuer„, befindet sie. „Ich bin dankbar für alles, was ich bisher lernen, erfahren und weitergeben durfte.

1995 Scapeland, Trio für freie Jazz-Improvisationen, mit Erik Z. Eriksson und Georg Janker - Comeback 2015!

1995 SCAPELANDS ( freie Improvisation) mit Erik Z. Eriksson,  Georg Janker Comeback im Herbst 2015!

“ Unter ihrem Namen sind bislang 5 CD’s erschienen; Workshops und Konzerte führen sie in die ganze Welt, zuletzt wieder einmal in die USA sowie nach Fernost. Hinter diesem scheinbar so beneidenswerten Lebensstil verbergen sich jedoch eine Menge Pragmatismus und Disziplin. So hat die berühmte „Tonne“ nicht nur einige Jahre Naomi ernährt, sondern auch die Rente mitfinanziert, die ihr heute finanzielle Unabhängigkeit bietet; eine Errungenschaft, die  Naomi aber nicht in ihrem Tatendrang bremst.

 

Naomi Isaacs gibt einen Workshop

Naomi Isaacs gibt einen Workshop

 
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Naomi_Isaacs_Portrait_jourfixe-BlogMehr zu Naomi Isaacs und ihre aktuellen Termine findet sich auf ihrer Homepage, die unter Naomis Leitsatz „Celebrating People“ steht: naomisusanisaacs.com

R.HH.Biswurm, in APPLAUS„… keine andere Sängerin, die zum Umfeld der sogenannten Münchner Szene zu rechnen ist, verspritzt derartig viel Individualität, wie es Naomi Isaacs vermag.“

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Naomi_Isaacs_jourfixe-Blog_Shop

Naomi Isaacs entdeckt in Zürich einen Shop gleichen Namens …

Die Hannoversche Zeitung schreibt:

 „Eine Sängerin von entwaffnender Ehrlichkeit und Authentizität, die die Zuhörer in ihren Bann zieht. Nicht nur eine Grundstimmung durchzieht den Abend, es sind so viele, sie könnten ein ganzes Leben füllen …“

Das Titelfoto von Naomi Isaacs stammt von Werner Bauer

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8. Januar 1994 bis 8. Januar 2014: Auf Brettern, die die Welt bedeuten?

Gaby dos Santos

Gaby dos Santos

Seit ich am 8. Januar 1994 das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbetrieb eröffnet habe, bin ich auf jenen Brettern aktiv, die unsereins die Welt  bedeuten (sollen) –  inklusive aller nur erdenklichen masochistischen Höhenflüge.  Die „Bretter“ meiner MitstreiterInnen und mir tragen seit 1999 die Bezeichnung „Kulturplattform jourfixe-muenchen“ und blicken auf eine Vielzahl von Begegnungen, Veranstaltungen und Kooperationen zurück. Von letzteren haben manche bis heute Bestand, wie zum z. B. die Kooperationen mit dem Artist Studio im Künstlerhaus oder der Kultur-GmbH (Lange Nacht der Musik/Museen, Münchner Stiftungsfrühling u.v.m.). Andere Kooperationen sind mit der Zeit im Sand verlaufen und wieder andere haben mit dem unserer Branche gebührenden Theaterdonner ein dramatisches Ende gefunden …

Foto: Werner Bauer

Foto: Werner Bauer

Zeit also für einen Blick zurück – zur Bestandsaufnahme dessen, was diese Welt, in welcher „unsere Bretter“ stehen, eigentlich beinhaltet, lokal, allgemein, künstlerisch, kulturpolitisch und vor allem  menschlich betrachtet … Daher stellen wir für ein Jahr unserer reellen Kulturplattform jourfixe-muenchen eine virtuelle Plattform an die Seite, den jourfixe-Blog. Eingerichtet wird er anlässlich unseres Jubiläumsjahres 2014 und ausgewertet ein Jahr später, am Donnerstag, 8.1.2015 im Münchner PresseClub am Marienplatz.

Jon M. Winkler

Jon M. Winkler

Unser Blog soll dem Erfahrungsaustausch unter Kunst und Kulturschaffenden dienen, als Kulturforum, für Tipps und gerne auch für Aufgeregtheiten rund um Kunst und Kultur, unter dem Motto:

„Von Schein und Sein und Schöner Scheitern unter Künstlern …“

Meine Fragestellung zum Auftakt: „Wie sehen Sie, wie seht Ihr das mit den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten?“

Ich hoffe und freue mich auf zahlreiche Beiträge,

Ihre Gaby dos Santos im Januar 2014

HOMEPAGE: http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/

 
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