Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait-Reihe

Katrin Schweiger ist Komponistin, Sängerin, Multiinstrumentalistin und Dirigentin und damit in zumindest zwei Disziplinen als Frau immer noch eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt: Sie ist studierte (Film)Komponistin UND Dirigentin und damit gleich in zwei musikalischen Domänen tätig, in denen Frauen sich immer noch durch verkrustete Strukturen kämpfen müssen, die ihnen in der Vergangenheit höchstens ein Plätzchen am Klavier einräumte, zur allabendlichen Musikberieselung der Familie … (Siehe dazu auch „Die feminine Saite„). Bis heute tun sich Frauen schwer, sich gegen männliche Seilschaften durchzusetzen und einen Platz am Dirgitent_Innenpult zu ergattern und/oder einen Kompositionsauftrag. Noch immer fallen die Honorare für Frauen in der Musik niedriger aus, als die gleich qualifizierter Kollegen, noch immer kämpfen sie um selbstverständliche Akzeptanz und Gleichstellung. Diese Umstände auszumerzen, ist Kernanliegen des Vereins mfm musica femina münchen, zu dem auch Katrin Schweiger gehört, ebenso wie die Tonkünstlerin Michaela Dietl. Diese engagierte Schweiger 2016 als Dirigentin für ihr Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango, zuletzt im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Nach dieser überaus erfolgreichen Zusammenarbeit 2016, steht Schweiger auch bei der diesjährigen Dietl-Uraufführung, der „Sinfonia Fantasia“ am Dirigentinnenpult.

Mit einer Komposition aus eigener Feder, „Schwebend“, ist Katrin Schweiger am Sonntag, 9. Juli 2017, um 19:00 Uhr beim REGENBOGENKONZERT im Alten Rathaussaal vertreten.

Auftreten werden ein Streichquartett bestehend aus vier Musikern der Münchner Philharmoniker und das Rainbow Sound Orchestra Munich (RSO-M), dirigiert von Mary Ellen  Kitchens, ebenfalls eine mfm-Kollegin.

Das Kammermusikkonzert findet im Rahmen des Christopher Street Day (CSD München), unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Dieter Reiter statt, in Kooperation mit der Münchner Regenbogen Stiftung >>> Tickets und Details

Katrin Schweiger und Oliver Thedieck

Katrin Schweigers musikalische Vielseitigkeit und Offenheit gegenüber allen Spielarten, spiegelt sich im ihrem Programm Deutscher und Bayerischer Popmusik wieder, zu sehen und zu hören am Freitag, 14. 7. Juli, um 20:00 Uhr, Kulturetage Messestadt Ost 

Katrin Schweiger spielt in diesem Song-Programm Klavier, begleitet von Gitarrist Oliver Thedieck, der es wie kein anderer versteht auf die vielfältigen Stimmungen einzugehen, jeder Stilistik gerecht zu werden und dabei nie seine eigene Handschrift zu verlieren. 
In Duo-Besetzung zaubern sie dennoch einen kraftvollen Sound auf die Bühne, der mitten ins Herz geht und so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Als studierte Filmmusik-Komponistin liebt Katrin Schweiger es dabei, verschiedene Stilistiken zu mischen, und so lassen sich ihre Songs alle der Popmusik zuordnen, 
doch zugleich finden sich darunter auch Einflüsse von Rock-, Jazz- und Filmmusik wieder.


Weitere jourfixe-Blogbeiträge zu mfm-Musikerinnen:

Klangbegegnungen der Dritten Art   www.laurakonjetzky.com


Jeder Handgriff ein Gebet                  www.michaela-dietl.de

Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Kollegen Jon M. Winkler

Vom Gschdanzl zum Requiem

Michaela Dietl, Portrait & Interview


Die feminine Saite   www.musica-femina-muenchen.de

Zur Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik


Beim Titelbild handelt es sich um eine Collage, der das Bildmotiv der Homepage von musica femina münchen zugrunde liegt


Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

Standard

Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

Standard

Klangbegegnungen der Dritten Art mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München

Schon der Name des Ensembles NKM „Neues Kollektiv München“ deutete darauf hin, dass dessen Konzert „Interaktionen“ nicht mit altbewährter Melodik aufwarten, sondern mir ungewohnte musikalische Welten präsentieren würde. Blieb nur die Frage, ob sich diese Welten mir überhaupt erschließen würden?

"NKM - Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Textwissenschaftlern", Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

„NKM – Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Musikwissenschaftlern“ Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

Musikalische Laien wie ich assoziieren gemeinhin mit Begriffen wie „Neue Musik“, „Musik-Avantgarde“, „zeitgenössische Musik“ endlose Abfolgen undefinierbarer Geräusche, die ohne jeden Zusammenhang in den Raum katapultiert scheinen. Da andererseits konstant neue musikalische Schöpfungen dieser Art nicht nur entstehen, sondern auch Publikum, Fördermittel und Medieninteresse finden, durfte ich davon ausgehen, dass es sehr wohl auch in der zeitgenössischen Musik Klangerlebnisse zu entdecken gibt, aber würde das auch für mich, als musikalisch nicht vorgebildete Zuhörerin gelten?

Muffatwerk_NKM_Laura_Konietky_jourfixe-Blog

Muffatwerk (Ampere) vor Konzertbeginn, 30.11.16

Auch das auf der Bühne reichlich vorhandene Instrumentarium versprach mir Klang-Begegnungen der Dritten – sprich „unbekannten“ Art. Als „Greenhorn“, dem zeitgenössische Musik bislang fremd war, staunte ich nicht schlecht über eine ganze Reihe exotisch anmutender musikalischer Requisiten, wie Wassereimer, mit Saiten ausgestattete Tische etc., die ich zwar nicht einzuordnen wusste, deren Anblick mich aber zuversichtlich stimmte: Ihrem Einsatz zuzusehen, würde mich auf jeden Fall vor Leerlauf bewahren, falls mein Musikverständnis tatsächlich  im Niemandsland enden sollte

Laura Konietzky

Laura Konjetzky

Nachdem auch meine Vereinsfreundin von musica femina München, die Pianistin und Komponistin Laura Konjetzky als Gastmusikerin im Programm vertreten war, hatte ich ich mir ein Herz gefasst und war ins Muffatwerk gekommen, fest entschlossen, mich einfach dem hinzugeben, was mich dort erwarten würde. Das erwies sich als ausgezeichnete Idee, denn es verhalf mir zu äußerst anregenden zwei Stunden:

Besonders spannend gestaltete sich für mich der Einsatz von Computer-Software, der neue Formen der Darstellung und des künstlerischen Dialogs eröffnete, eine Technik, auf die ich in meinen eigenen Produktionen ebenfalls zurück greife – wenn auch in einem vollkommen anderen Kontext. Mit „Interaktionen“ – nomen est omen – standen hier Werke im Mittelpunkt, „die bewährte Kommunikationswege des Musizierens verlassen und innerhalb ganz neuer, digitaler Strukturen agieren, die von den Komponisten als spontane Interaktionen angelegt sind. (…)“ formulierte es die SZ in einer Vorankündigung.

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Welche Klangpassagen nun vorgegeben, verfremdet, eingespielt oder improvisiert waren, vermochte ich mit meinem ungeschulten Gehör nicht zu unterscheiden, fand mich aber unvermittelt in einem persönlichen Austausch mit den Klängen wieder, denen mein inneres Auge assoziativ Bilderwelten entgegen stellte, während ich neugierig auf den nächsten Ton, die nächste Verfremdung – gewissermaßen die nächste Herausforderung – wartete. Sehr beeindruckt hat mich dabei die Präzision mit der die Einsätze der Musiker_Innen in einander griffen. Und: Obgleich von keiner Melodik getragen, empfand ich zu meiner eigenen Verwunderung die Stücke als harmonisch in sich geschlossen. Auch überforderten sie mich nicht durch Überlängen oder solistische Selbstdarstellungen der Musiker_Innen, wie leider bei Jazz-Soli öfter einmal der Fall …

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, Ensemble-Mitglieder vom NKM, 30.11.16, Muffatwerk

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, 30.11.16, im Muffatwerk

Apropos „Jazz“: Auch dieser kam, auf faszinierende Art, gleich zu Konzertbeginn zum Einsatz: „Ein Bebop-Zitat als Reminiszenz an diesen hektischen Prestissimo-Jazz der Nachkriegszeit. Ähnliches mag auch an Bord der US-Kriegsschiffe am Bikini-Atoll  erklungen sein“ , so der erläuternde Text im Programm zu der Komposition „Bikini . Atoll“ (2009) von Gerhard E. Winkler, die an die damaligen Atombombentests erinnerte. Ohne Programm hätte ich zwar nicht erraten, welche Thematik dieser Komposition zugrunde liegt, der Intensität von Winklers Komposition tat das aber keinen Abbruch. Die Jazz-Fragmente wirkten auf mich wie eine geisterhafte Zeitmaschine, die mich zurück an jene Schwelle versetzte, die nach dem Zweiten Weltkrieg geradewegs in eine neue, Technik dominierte Dimension geführt hat, kompositorisch skizziert durch „Spaltungsphänomene und Live-Klang-Splitter, die das Stück phasenweise immer stärker kontaminieren und zum Schluss in rein technischem Geräusch untergehen lassen.“

Laura Konietzky (li) und Julia Schmölzel bei der UA ihrer Komposition "The Space Behind", 2016

Laura Konjetzky/Julia Schmölzel bespielen den Flügel von 2 Seiten

In ihrer Komposition „The Space Behind“, die an diesem Abend uraufgeführt wurde, nahmen die beiden Pianistinnen und Komponistinnen Laura Konjetzky und Julia Schölzel das Publikum mit auf Entdeckungstour in „verborgene, unbekannte Klangräume des Flügels, (…) die nur zu zweit mit einem Flügel betretbar“ aber weit entfernt vom herkömmlichen vierhändigen Piano-Spiel sind, denn nicht das Bedienen der Tasten stand im Vordergrund ihrer Darbietung. Vielmehr legten sie klanglich, von wechselnden Stellungen aus, vor allem das Innenleben des Flügels frei, durch Zupfen und Anschlagen, spannungsgeladenes Pausieren und wirkungsvolle Wiederholungen. Des öfteren habe ich diese Art des Pianospiels ansatzweise erlebt, aber noch nie im Duo und mit soviel Konsequenz. 2016_11_30_interaktionen_muffatwerk_laura_konietzky_julia_schoelzel_ua_the-space-behind_zweihaendiges_afinaleDass diese beiden Künstlerinnen harmonieren, war dabei weder zu übersehen noch zu überhören; schön, dass sie beschlossen haben, ihr erstes gemeinsames Werk nunmehr zu einer abendfüllenden Komposition zu erweitern!

Ebenfalls eine Uraufführung war das letzte Werk des Abends: „All We Need Is Money“ von Zoro Babel, in dem sich mir nun auch der Sinn der „saitenbespannten Tische“ eröffnete:

Auf Tischgitarren spielen, bis die Kreditkarte brennt,, bei der Uraufführung von Zoro Babels "All We Need is Money", links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Auf Tischgitarren spielen, „bis die Kreditkarte brennt“, bei der Uraufführung von Zoro Babels „All We Need is Money“, links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Es handelte sich um von Zoro Babel und David Fennessy gebaute, elektronische Tischgitarren, die zu Beginn des Stückes von den Musiker_Innen mit einer Kreditkarte groovig, das Thema ironisierend, bespielt wurden, bis nach und nach jede/r erneut auf sein eigentliches Instrument zurück griff.

Mugi Takai

Gastmusiker Mugi Takai

Mein Problem an diesem Abend stellte keinesfalls das zuvor befürchtete musikalische Unverständnis dar, sondern der dauernde Zwiespalt zwischen dem Bedürfnis, die Musiker_Innen beobachten zu wollen und der Notwendigkeit, sich durch Schließen der Augen mit jener Konzentration der Musik zu widmen, die diese erst so richtig auf mich wirken ließ. Beides gleichzeitig erwies sich als unmöglich …

Was Bauer nicht kennt, das isst er in der Regel nicht, und so wird zeitgenössische Musik wohl auch weiterhin ein Nischendasein innerhalb der Musikwelt fristen. Umso dankbarer bin ich, dass nicht zuletzt staatliche und städtische Institutionen – in diesem Fall das Kulturreferat München – ein Konzert wie dieses, jenseits aller kommerziellen Erwägungen, ermöglichen, ein Konzert für das ich keineswegs, wie zuvor immer angenommen, einer musikalischen Vorbildung bedurfte, um es zu schätzen. Mit dem Verstand erfasst habe ich an diesem Abend zwar kaum etwas, dafür aber umso mehr erspürt …

(Bei den kursiv geschriebenen Textpassagen handelt es sich, mit Ausnahme des SZ-Zitates, um Ausszüge aus dem Programm)


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

 

Standard

Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

Jorma-Panula_Dirigent_2009

Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

mfm-Konferenz2016_PodiumsteilnehmerInnen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

3–teiliger Veranstaltungsblock, am Sonntag, 31.1. und Montag, 1.2.2016

„Frauen in der Musik – damals und heute“ 

SO, 31.1.
10 Uhr – 16.30 Uhr
Und sie komponieren, dirigieren doch! – Konferenz
Zu Übersicht und Vita aller  KonferenzteilnehmerInnen
Agnesstr. 27 (LMU München)
MO, 01.2.
15 Uhr
Written By Mrs. Bach – Dokumentarfilm
Details zur Veranstaltung           Trailer
Seidlvilla
MO, 01.2.
19 Uhr
20 Uhr
La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von Francesca Caccini
Einführender Vortrag
konzertante Auffürung der Barock–Oper
Details   zu Veranstaltung und Oper
Herkulessaal der Residenz

 


Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

 

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger


Zum Verzeichnis aller Blog-Beiträge mit den entsprechenden Links

Standard
Stadtarchiv München Gaby dos Santos jourfixe-Blog

Frau Zoff und Gatte Bert … Sommerliche Einblicke in das Stadtarchiv München sowie Vorschau mit Veranstaltungshinweisen zu meinem Griechenland-Blog

1922 ehelichte eine Sängerin namens Marianne Zoff einen Herrn Bertholt Brecht und auf der Heiratsurkunde, die ich gestern betrachten durfte, hatte ein gewisser Lion Feuchtwanger als Trauzeuge unterschrieben … Viel renommiertes Kulturholz für eine Trauung …Dennoch erlangte der Spruch „nomen est omen“ fünf Jahre später bedauerliche Gültigkeit, belegt durch eine Scheidungsurkunde, in der beide Parteien gleichermaßen für schuldig befunden wurden, da Frau Brecht, geborene Zoff, mit einem Herrn Theo Lingen Ehebruch begangen hatte und ihr Angetrauter wiederum mit einer Helene Weigel

Dass staubtrockene Unterlagen eines Tages spannende Geschichten erzählen können, wurde mir bei der liebevoll detaillierten Führung durch die normalerweise dem Publikum verschlossenen Räumlichkeiten des Stadtarchives einmal mehr bewusst. Hier lagern, würde man sie an einander fügen, ca. 20 km Akten, davon über 2.000 noch aus dem Mittelalter. Lange Zeit war strittig, ob München oder Köln sich des größten Stadtarchivs Deutschlands rühmen dürfen. Durch den Einsturz des Kölner Archivs hat sich diese Frage auf bedauerliche Weise inzwischen erledigt.

Gerüstet mit den obligaten weißen Baumwollhandschuhen, um die Exponate zu schonen, schlug unser Führer unter anderem ein Steuerbuch Ende von ca. 1375 auf, angelegt also, so ging mir kurz durch den Kopf, nachdem München schon von der ersten Pestwelle heimgesucht worden war. Auf der ersten Seite befand sich der Wortlaut eines Schwurs, den jeder Steuereintreiber zu leisten hatte, illustriert durch ein sorgsam gestaltetes Bildchen. Steuern zahlte nur, wer die Bürgerrechte besaß. Veranlagt wurde man auf Grund der eigenen Angaben, allerdings lies das enge Zusammenleben nicht viel Raum für Schummeleien, von karibischen oder alpenländischen Schlupflöchern mal ganz zu schweigen. Ein Bürger zum Beispiel hatte 18 irgendwas (dargestellt in lateinischen Ziffern) bezahlt, hinter anderen Namen befand sich der Eintrag „nihil“ – „nichts“, also wohl der Steuerpflicht entbunden, weil zu arm. Klerus und Adel zahlten sowieso nicht, ebenso wenig Ortsfremde. Aufbewahrt werden hier alle Unterlagen bis – derzeitiger Stand – 1808. Alles spätere liegt noch – historisch gänzlich unverklärt –  😉  beim Finanzamt.

Aufschlussreich auch eine Urkunde datiert spätes Mittelalter, frühe Neuzeit, in der ein Bürger Wasserrechte zugesprochen bekommt. Die Urkunde ist, neben dem damals üblichen Siegel, mit einem Stift versehen, dessen Länge festlegt, welcher Wasseranteil dem Bürger zugesprochen wird. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass es damals durchaus schon Haushalte mit eigenem Wasserzugang gab. Zu diesem Vorgang lagern zwei Dokumente im Stadtarchiv. Das erste gehörte seit jeher zum städtischen Dokumentenbestand. Das zweite, ausgestellt seinerzeit für den Bürger, hat das Stadtarchiv über Ebay ersteigern können. Lediglich die Adressierungen – einmal an die Stadt, einmal an den Bürger gerichtet  – unterscheiden sich; ansonsten hat der Schreiber fein säuberlich den Wortlaut in doppelter Ausfertigung niederschreiben müssen. Dagegen muten selbst die umständlichen Schreibmaschinen-Durchschläge aus der Prä-Computer-Steinzeit noch praktisch an.

Dann holte der Archivar ein Dokument hervor, das die Geburt einer gewissen Elisabeth Wellano am 12. Dezember 1892 bekundete. Elisabeth wer? Es handelt sich um die Geburtsurkunde eines Münchner Kindls, das später als   Liesl Karlstadt berühmt werden sollte …

Auch der Nachlass des Münchner Urgesteins „Weiß Ferdl“ wird hier verwahrt, zusammen mit anderen illustren Persönlichkeiten, mit Enteignungsurkunden, den gesammelten Akten zum Oktoberfest oder, exemplarisch, die Schulakten ganzer Jahrgänge, etc.

Das älteste gestern vorgeführte Exponat war von ca. 830, eine Bibelseite aus dem Neuen Testament, das später, wie viele sehr sehr alte Pergament-Schriften, als Bucheinband zweckentfremdet worden und schließlich in den Besitz der Historischen Gesellschaft von Oberbayern gelangt war. Diesem, zu Gründungszeiten um 1835, noch sehr elitär aufgezogene Verein, verdankt das Stadtarchiv zahlreiche Exponate, und ihr Vorsitzender, Dr. Michael Stephan, ist zugleich der Leiter des Münchner Stadtarchivs. Ein Blick auf deren Homepage und Veranstaltungsprogramm lohnt sich für alle, die Heimat/Geschichte fasziniert:

http://www.hv-oberbayern.de/

Persönlich stelle ich fest, dass ich mich viel heimischer in München fühle, seit ich mich, zunächst berufsbedingt, später auch aus privatem Interesse, mit der Geschichte von München und Umgebung befasse.

Wird ein Nachlass dem Archiv angeboten, so findet zunächst eine Begutachtung durch Archivare des Hauses statt, da der Platz nicht unbegrenzt ist. Aber immerhin können noch knapp 18 km mehr an Dokumenten hier verwahrt werden. Bis in die 20er Jahre befand sich das Stadtarchiv übrigens neben dem Marienplatz und wurde dann, als es aus allen Nähten zu platzen begann, in das ehemalige Wehramt in der Winzererstr. 68 verlegt und im Krieg vorsorglich auf diverse Ausweichlager verteilt, so dass nichts zerstört wurde.

Was der Krieg ansonsten in München 1945 an Spuren hinterlassen hat, konnte ich dann bei einem anschließenden Gang durch eine kleine Foto-Ausstellung im Hauptgebäude betrachten.

Sicherlich war dies nicht mein letzter Besuch im Stadtarchiv. Wenn ich jetzt auch meine überfällige Kreativ-Pause geniesse, so wird mich das historische München-Virus sicherlich früher oder später wieder einmal befallen und dann ist einmal mehr Recherche angesagt. Zu solchen Zwecken steht das Stadtarchiv allen BürgerInnen offen, vorausgesetzt, möchte ich hinzufügen, man ist des Sütterlin kundig oder nur an allerjüngster Vergangenheit interessiert. Mit der Sütterlin-Schrift hatte ich seinerzeit bei den Recherchen zum Alten Südlichen Friedhof im Bayerischen Staatsarchiv bereits meine liebe Not; vermochte anfangs so gut wie nichts zu entziffern. Aber beim nächsten Besuch – ob Stadt- oder Staatsarchiv – nehme ich vorsorglich Toni Netzle als schriftkundige Begleitperson mit, die des Sütterlin noch mächtig ist.

Apropos „Alter Südlicher Friedhof“: Eine Historikerin, die gemeinsam mit mir die Führung besucht hatte, erzählte mir im Anschluss, sie plane ein Buch über Frauen, die auf dem Alten Südlichen Friedhof die letzte Ruhe gefunden haben. Spannende Sache! Ich hoffe, in Kürze mehr darüber zu erfahren und berichten zu können, zumal der Verein musica femina münchen ebenfalls ein Projekt über die dort bestattete Komponistin Sophie Menter plant.

Abgekühlt, dank der angenehmen 20 Grad in den Lagerräumen, habe ich jedenfalls gestern das Sommerfest mit der in diesem Jahr bislang vermissten „Summer-In-The-City“-Beschwingtheit verlassen, während ich entspannt durch Schwabing Richtung Heimweg schlenderte, voller neuer Erkenntnisse über meine Stadt – und, verzahnt, wie beides ist, ein wenig auch über mich … Dem Team von Stadtarchiv und Historischer Gesellschaft meinen herzlichen Dank!

Mehr zum Münchner Stadtarchiv unter:

http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Geschichte-StadtAM.html

Vorschau: Für kommende Woche steht auf meiner Agenda GRIECHENLAND! 

Hierzu die Daten zu zwei Veranstaltungen nächste Woche, die ich mir in keinem Fall entgehen lassen werde:

Montag, 06.07.2015 11:00 Uhr
WOLFGANG BOSBACH
– der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses stellt sich exklusiv im Münchner Presseclub den Fragen

Als Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag ist Wolfgang Bosbach einer der einflussreichsten Abgeordneten unter der Kuppel des Reichstags. Als wortgewandter Rheinländer ist der CDU-Politiker ein streitbarer Gast bei Günther Jauch, Maybrit Illner und andern Talk-Runden. Wolfgang Bosbach, der seinen heimischen Wahlkreis seit 1994 sechsmal hintereinander direkt gewinnen konnte, hat sich mit seiner Prinzipientreue hohe Achtung erworben, aber nicht nur Freunde gemacht. Er kämpft dafür, dass Sicherheit und Freiheit in einer Demokratie gleichwertig sind wie Zwillinge. Er ist gegen die milliardenschweren Griechenlandhilfen und stellt sich dabei auch gegen die Mehrheit seiner Fraktion. Besonders spannend: Wenn Wolfgang Bosbach in der zweiten Juli-Woche in den Münchner Presseclub kommt, sind die Hilfsprogramme für Griechenland ausgelaufen. Mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen, über die Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Presseclub-Vize Peter Schmalz aus erster Hand berichten wird.

Öffentliche Veranstaltung, Gäste sind herzlich willkommen!
Eintritt frei
PresseClub München e.V., Marienpl. 22, Eingang im Pschorr Bräu/Lift 2. Stock (Gebäude angrenzend an Hugendubel)

Donnerstag, 9. Juli, 19 Uhr CHRISTIAN UDE zur Griechenlandkrise

Gravelottestr. 6, Casino der Arbeiterwohlfahrt, Eintritt frei

Veranstalter: SPD – Ortsverein Haidhausen Ost

Die Gravelottestr. liegt zwischen dem Ostbahnhof und dem Pariser Platz

Link zur Übersicht aller bisheriger Blogs >>>

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Standard