Allgemein

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem außergewöhnlichen Tag, den die Landeshauptstadt München, nach 75 Jahren, erstmals dem Gedenken an die deportierten und zum größten Teil ermordeten Sinti, Reisenden, RomaJenischen, Gaukler & Komödianten widmete. Siehe dazu auch den jourfixe-Blogbeitrag „Porajmos“: „Das Verschlingen“.

Sinteza Ramona Röder im Herbst 2016 bei Eröffnung der Ausstellung über die Verfolgung der Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler & Komödianten in der NS-Zeit – Ramonas Vater wurde ein Opfer der Experimente an Zigeunerkindern von NS-Arzt Josef Mengele. Ramonas Kommentar: „Der Mengele war so ein schöner Mann! Wie konnte er nur?“ Foto: Stey

Wie schon im Herbst 2016, bei der Eröffnung der ersten Münchner Ausstellung, die der Verfolgung der Sinti und Roma gewidmet war, herrschte auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine sehr familiäre Atmosphäre, was leider auch daran lag, dass sich seitens der Münchner „Mehrheitsgesellschaft“ weniger BürgerInnen vor Ort einfanden, als erhofft, ein Umstand, der sicher auch der Uhrzeit geschuldet war, tagsüber, mitten in der Arbeitswoche … sowie dem eisigen Wind.

Vertrauter Umgang: Ganz links. Dipl. Sozialarbeiterin Uta Horstmann, die für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt; sitzend Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender im Verband deutscher Sinti & Roma, li. dahinter Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern deutscher Sinti und Roma, daneben der KZ-Überlebende Peter Höllenreiner, re. Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren von Madhouse – Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma und Initiator dieser erstmaligen Münchner Gedenkreihe, neben ihm Archivar Oliver Stey (Angehöriger der „Gaukler & Komödianten“)

Mitglieder der Familie Höllenreiner, die ich schon beim Gedenkgottesdienst getroffen hatte, den Angelika (hinten) als Sängerin mitgestaltet hatte; Foto: O. Stey

Das „Hallo“ dafür war umso lebhafter. Man kennt einander, ist oft, zumindest über drei Ecken, mit einander verwandt und beklagt gemeinsam zahlreiche Familienmitglieder unter den Opfern des Holocaust.

Mit Initator Alexander Diepold , selbst ein Sinto und Gründer/Leiter von Madhouse München, Foto: Roberto Paskowski

 

 

Auch für mich fanden an diesem Nachmittag viele Wiedersehen statt, mit FreundInnen und lieben Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zum Bestandteil meines engeren Umfelds geworden sind.

An diesem Dienstag waren wir auch im Bibbern vereint, da sich der Platz als äußerst zugig erwies. Mir taten vor allem die Musiker leid: Violinist Sandro Roy und Gitarrist Walter Abt spielten auf einer Bühne, die zwar überdacht, seitlich und hinten aber nicht geschützt war!  Ich tippte auf Fingerübungen „in ganz klamm“. 😦 Das tat jedoch dem Wohlklang keinen Abbruch.  Profi-Künstler entfalten auch unter widrigen Umständen ihr Können!

Mit Gitarrist Walter Abt und Violinist Sandro Roy mochte man an diesem Tag mit Sicherheit nicht tauschen! Es zog gnadenlos von allen Seite, doch das Duo hielt sich souverän.

Das Ausmass der Deportationswelle, die die Münchner Sinti und Roma Gemeinde im März 1943 überrollte, wurde bei der Gedenkfeier dadurch veranschaulicht, dass die Namen der Opfer, ergänzt durch die Daten zu Festnahme,  dem Ziel der Deportation und – in den meisten Fällen – auch dem Tag der Ermordung, verlesen wurden.

Marco, ein Mitglied der Familie Höllenreiner verliest die Namen und Daten zu den Deportationen in seiner Familie, die besonders massiv betroffen war. Im Hintergrund Alexander Adler, ein junger Sinto, der sich als Mediator in Schulen engagiert

Die Liste der „ziganen“ Münchner NS-Opfer nahm gefühlt kein Ende, und ich fragte mich, warum nur, bis zur Anerkennung des erlittenen Leids der Sinti und Roma während des Krieges und auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten, soviel Zeit hatte vergehen müssen?

Im obigen Video  von Gerhard Hallermayer (gh-film) finden sich die Reden von OB Reiter, Erich Schneeberger und Alexander Diepold

Eine junge Sinteza verliest Namen ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen, ein Sinto hört bewegt zu; Foto: Oliver Stey

Die Ausgrenzung von Holocaust-Opfern nach dem Krieg griff auch Madhouse-Chef Alexander Diepold in seiner Rede auf, aus der ich ausschnittsweise zitiere:

Alexander Diepold bei seiner Rede; Foto Roberto Paskowski

„75 Jahre hat es gedauert, dass auch der Minderheit der Sinti und Roma in der Weise erinnert wird, dass sie hier, am Platz der Opfer der Nationalsozialisten geehrt und gewürdigt werden. (…) Vor einigen Jahren waren hier die Opfergruppen einzeln benannt, nicht aber Sinti und Roma. (…) Dieser Platz, an dem das Ewige Licht brennt und nicht mehr ausgeht, ist nun der Ort, an dem allen, wirklich ALLEN Opfern des Holocaust gedacht wird. (…) Das Licht steht dafür, dass Menschlichkeit, auch unter der Unterdrückung, nicht ausgelöscht werden kann.“ (Die ganze Rede im obigen Video)

Die Ansprache von OB Dieter Reiter, wurde seitens der Münchner Sinti & Roma durchweg sehr positiv aufgenommen; Foto: R. Paskowski

Dieser Gedenktag kam – ebenso wie der Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern im Februar 2018 – wie Oberbürgermeister Dieter Reiter es in seiner Rede formulierte – „nicht zu früh, aber besser heute als nie“. Stimmt! Schließlich gibt es immer noch genug zu tun, nicht nur in Hinblick auf die historische Aufarbeitung des „Porajmos“  (deutsch: „das Verschlingen“), dem Holocaust der Sinti und Roma, sondern auch in Hinblick auf die weiterhin bestehenden Defizite bzgl. einer kompletten Gleichstellung dieser Volksgruppe innerhalb unserer Mehrheitsgesellschaft in München, in Bayern, in Deutschland und europaweit!

Alexander Diepold, Initator der Gedenkwoche, im Interview; Foto: Behar Heinemann

Entsprechend schloss Alexander Diepold seine Ansprache mit den Worten: Wir hoffen, dass ein solcher Gedenktag und ein entsprechendes Rahmenprogramm auf die Sensibilisierung politischer Handlungsträger sowie zur Überwindung antiziganistischer Wahrnehmung in der Verwaltung beitragen kann. (…)“  – „… und ebenso in weiten Teilen der Bevölkerung,“ möchte ich hinzufügen. Wie viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich noch vonnöten ist, stelle ich in meinem eigenen Umfeld immer wieder fest … Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von “Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. (…)  Oft gar nicht als solche wahrgenommen werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen und oft sind sie es selbst, die noch immer ihre Identität verschleiern, aus – leider durchaus begründeter – Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen. (mehr in meinem jourfixe-Blogbeitrag 25.7.17).

Solidarisch: CSU-Stadtrat Marian Offman (re), Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, mit dem bayerischen Landesvorsitzenden deutscher Sinti & Roma, E. Schneeberger

Daher bemühe ich mich, durch Berichterstattung über die Social-Media-Seiten meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie im jourfixe-Blog ein wenig zu einer den Tatsachen entsprechenden Wahrnehmung beizutragen. Was für mich als journalistisches Interesse im Herbst 2016 begann, ist mir inzwischen zu einer persönliches Herzensangelegenheit geworden!

Behar Heinemann, eine „stolze Rom“, wie sie sich selbst bezeichnet,  führt die Klischees einer „Zigeunerin“ ad absurdum: Attraktiv, gebildet, weitläufig vernetzt, arbeitet sie als Fotografin, Coach und Autorin, u.a. der vielbeachteten Biographie „Romani Rose, ein Leben für die Menschenrechte

Als unser aller Aufwärm-Station, bis zur Abendveranstaltung im Rathaus, diente dann der „Pub“ im Münchner Ratskeller, nicht wirklich zur Freude des Personals, das sich wenig fröhlich zeigte, angesichts der großen, bunten Menschengruppe, die sich unvermittelt eingefunden hatte.

„Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation, Sinteza Ramona Röder, Patrick Treuvelot, Edith Grube/Kuratorin Madhouse, Sonja Günther-Mamudova, Münchner Ratskeller, Foto: Stey

Meine Freundin Ramona meinte, es läge daran, dass man sie als Sinti identifiziert habe. Beweisen ließ sich Ramonas Vermutung nicht, jedoch zeigte die Äußerung, wie sehr Ramona die Vorurteile sensibilisiert haben, denen sie ihr ganzes Leben lang als Sinteza ausgesetzt war …

Soziologin „Die starken Frauen der Sinti“ und preisgekrönte Filmemacherin Duii Roma„, Iovanca Gaspar, mit Ehemann Josef, beide Madhouse-Mitarbeiter

Jedenfalls setzte ich mich mit der Soziologin und Filmemacherin (Duii Roma), Iovanca Gaspar, an einen Tisch, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Adrian Gaspar (s. Foto u.), der für den Dokumentarfilm seiner Mutter einen bemerkenswerten Soundtrack vertont und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs uraufgeführt hat. Adrian lebt und arbeitet vorwiegend in der Wiener Szene, leitet aber seit Januar in München die Impro-Musikreihe BRIDGEBEAT Jam, jeweils am letzten Mittwoch im Monat, im Kulturzentrum 2411.

Ein Roma-Pianist und ein Sinti-Geiger = zwei ausgezeichnete Musiker, beim kollegialen Plausch im Münchner Ratskeller: Adrian Gaspar, ein Macher der Wiener Musikszene (li) und der bereits international gefeierte Sandro Roy (re)

Die letzte Station der Gedenkfeierlichkeiten führte ins Münchner Rathaus, zu einem dieser hochoffiziellen Empfänge. Erstmals in der bundesrepublikanischen Chronik Münchens hatten sich dazu zahlreiche RepräsentantInnen der hiesigen Sinti- und Roma-Gemeinde im großen Sitzungssaal, der Schaltzentrale unserer Stadt eingefunden und teilweise ganz selbstverständlich in der ersten Reihe niedergelassen, die protokollarisch normalerweise, neben den Veranstaltern und unmittelbar Mitwirkenden, den Honoratioren der Stadt vorbehalten ist.

Gaby dos Santos, dahinter Ramona Röder, Romani Rose

Mir gefiel dieser ungewohnte Ausbruch aus den ehernen Regularien des Protokolls -mitten hinein in die zwischenmenschliche Parität. Doch standen auch genug leere Stühle zur Verfügung, da von städtischen FunktionsträgerInnen an diesem Abend eher wenige zu sehen waren, abgesehen von  der unermüdlichen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie einigen wenigen anderen, die durch ihre Anwesenheit Solidarität bekundeten,

Romani Rose im Gespräch mit Ilse Snopkowski, Foto: O. Stey

wie Ilse Ruth Snopkowski, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, für die ich 2011/2012 die Büroleitung und Organisation der 25. Jüdischen Kulturtage übernommen hatte. Als krank extra entschuldigt hatten sich der Grünen-Stadtrat Florian Roth sowie Claudia Stamm – Vorsitzende der Partei mut. Beide Politiker unterstützen die Interessen der Münchner Sinti und Roma schon seit einiger Zeit.

Bei der Rede von Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender der deutschen Sinti & Roma: V. l. Dr. Andreas Häusler/Stadtarchiv, 3. vor dem Gang: Zeitzeuge Peter Höllenreiner, Romani Rose/Vorsitzender des deutschen Zentralrats der Sinti & Roma, Christine Strobl/SPD/2. Bürgermeisterin. Nach dem Mittelgang, v.li.: Polizeipräsident Hubertus Andrä, daneben Charlotte Knobloch/Vorsitzende der IKG München, neben ihr zwei Damen aus der Sinti-Gemeinde, eine davon, rechts außen, ist die Großmutter eines der Opfer des OEZ-Anschlags

Doch Sitzordnung hin oder her, befand man sich, mit dem Rathaus als Veranstaltungsort, im städtischen „LaLa-Land“ des Protokolls, das  – für mich – oft schwer nachvollziehbaren Hierarchien und Regeln folgt.

Behar Heinemann u. Marcella Reinhard/Regionalverband dt. Sinti & Roma in Augsburg (Bildmitte) im Gespräch mit Polizeipräsident Andrä; Foto: Stey

So begrüßte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD),  neben dem Bundesvorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose  und dem bayerischen  Landesvorsitzenden, Erich Schneeberger, die protokollarischen V.I.P.s und die Redner des Abends, wie der Münchner Polizeipräsident, Hubertus Andrä, außerdem die zwei anwesenden Stadträte, darunter mein SPD-Parteigenosse Christian Vorländer.

Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl  (SPD) bei ihrer Begrüßungsrede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Behar Heinemann

Nur Alexander Diepold, Initiator, in Kooperation mit u.a. der Landeshauptstadt München sowie dem Stadtarchiv UND Schlüsselfigur von Gedenktag und Themenwoche, blieb unerwähnt!? War möglicherweise einfach versäumt worden, seinen Namen unserer Bürgermeisterin in die Rede zu schreiben? Kann vorkommen, würde aber auch gewisse Schwachpunkte eines „Protokolls“ belegen, das, in den Spähren des „Honorigen“ konzipiert, Gefahr läuft, die eigentlichen ProtagonistInnen einer Veranstaltung zeitweilig zur Staffage geraten zu lassen. Selbst seit Jahrzehnten Veranstalterin, tat mir Alexander Diepold in diesem Moment menschlich sehr leid, da ich, auf Grund eigener Erfahrungen ahnte, wie viel Kraft und noch mehr Zeit er in die Verwirklichung dieses Anlasses gesteckt haben musste.

Romani Rose, Bundesvorsitzender Zentralrat deutscher Sinti & Roma

Dass in Folge auch der Bundesvorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der von mir stets verehrte Romani Rose, Alexander Diepold und dessen Verdienste ebenfalls mit keinem Wort erwähnte, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sind ihm doch das Engagement und die Verdienste Alexander Diepolds bekannt? Aber, wie gesagt, bleibt das Protokoll für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Erich Schneeberger; Foto: R. Paskowski

Glücklicherweise erwähnte danach zumindest der bayerische Landesvorsitzende deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, Alexander Diepold namentlich und sprach ihm seinen Dank aus! Außerdem begrüßte er in seiner Ansprache – vermutlich ein protokollarischer Routine geschuldeter Lapsus, „die hohe Geistlichkeit“, die tatsächlich aber komplett fehlte. Was für ein Manko, angesichts der unrühmlichen historischen Rolle einer zumindest unterlassenen Hilfeleistung, die die Kirche bei der Verfolgung der „Zigeuner“ im Dritten Reich spielte! > Siehe dazu Romani Roses Schilderungen im ZDF/bei Markus Lanz/12.09.14, Passage ab ca. Minute 6.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hielt im Rathaus eine ungeschönte Rede zur Rolle der Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma

Als Respekt einflößend, weil ebenso ungeschönt wie zukunftsweisend, empfand ich hingegen die Rede des Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: (…) „Die Deportation von Münchner Kindern, Frauen und Männern heute vor 75 Jahren war ein Verbrechen. Es war ein Verbrechen aus rassistischen Gründen, begangen durch Angehörige und unter Mitwirkung der Münchner Polizei. Daran gibt es nichts zu deuteln. (…) Es ist mir eine Ehre, vor den Überlebenden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen, die nicht müde wurden, auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen, ein Grußwort sprechen zu dürfen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Die Münchner Polizei ist sich ihrer Verantwortung vor der Vergangenheit bewusst. Wir schließen unsere Augen nicht vor der Schuld, die Münchner Polizeibeamte im
Nationalsozialismus auf sich geladen haben. (…) Die Diskriminierung der Sinti und Roma hat eine lange europäische Geschichte. Vorbehalte sind teilweise tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert.

Die Rolle der (Münchner) Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma war auch Thema einer gesonderten Veranstaltung im Polizeipräsidium; Foto: Oliver Stey

Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet. Für die Münchner Polizei geht es bei Ermittlungen um Taten und Täter, ohne Ansehen der jeweiligen Person, aber niemals um Abstammung oder Herkunft. Wir verstehen uns als Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und treten für die Sicherheit aller hier lebenden Menschen ein. (…) Die Vergangenheit sei  für die Gegenwart unerlässlich und würde an die jungen Polizeibeamten weitergegeben, als Hüter unserer demokratischen Gesellschaftsform. Solche Reden, in denen, statt irgendwelcher Floskeln, persönliche Empfindungen und Reflexionen spürbar werden, werten offizielle Empfänge für mich immer wieder auf, weil DER MENSCH hinter den WürdenträgerInnen, in berührenden Momentaufnahmen, wieder sichtbar wird …

Zu solchen besonderen Momenten – wie hätte es anders sein können – zählte auch die Rede von Peter Höllenreiner, der als Kind die medizinischen Versuche und Höllen verschiedener NS-Konzentrationslager überlebt hat. „Ich bin ein verfolgter DEUTSCHER.“  So bezeichnete sich der Münchner Sinto und Zeitzeuge selbst bei seiner Gänsehaut-Rede, die immer wieder – unter dem Druck seiner Gefühle – ins Stocken geriet.

Der Münchner Sinto und Zeitzeuge Peter Höllenreiner mit Alexander Diepold (Madhouse) während seiner Rede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Edith Grube

Peter Höllenreiner, Alexander Diepold; Foto: Roberto Paskowski, 13.3.2018

Die Rede von Peter Höllenreiner machte mehr als betroffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählte. Nur wenige Tage vor seinem 4ten Geburtstag wurde er mit seiner Familie und weiteren Sinti von München in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Insgesamt waren es über 140 Münchner Sinti und Roma die man als „Zigeuner“ diffamierte und verfolgte. Viele der Deportierten wurden ermordet. So verlor die Familie Höllenreiner allein 36 Familienmitglieder,“ erinnert Aktivistin Edith Grube in der Beschreibung zu ihrem Facebook-Foto weiter oben.

Die Rede von Zeitzeuge Peter Höllenreiner ist eine einzige Anklage, nicht zuletzt auch der Umgang der Bundesrepublik mit der „ziganen“ Minderheit in den Jahrzehnten nach dem Krieg. „Eine große Enttäuschung“, so Peter Höllenreiner.

Der Junge aus Auschwitz, E-Book, Paperback, ISBN: 9783745053517 von Maria Anna Willer

„Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hat, kommt Peter Höllenreiner 1945 als Sechsjähriger zurück in seine Geburtsstadt München. Seine Schulzeit beginnt und die Welt begegnet ihm, als ob nichts gewesen wäre. ‚Hintere, in die letzte Bank!‘, heißt es in der Schule. Die Ausgrenzung geht weiter. Peter Höllenreiner und seine Familie waren der nationalsozialistischen Verfolgung als sogenannte „Zigeuner“ ausgesetzt gewesen. Trotz Demokratie, neuer Regierungsform und der Erklärung von Menschenrechten – die alten Vorurteile blieben weiterhin: „Zick zack Zigeunerpack!“ Eine Lehrstelle hätte er als Sinto nie bekommen. Seine Kinder bekamen später auch keine. Die Ausgrenzung zog sich weiter durch die nächsten Generationen. Und immer wieder stand er als Sinto unter Generalverdacht. Er habe das Schlechte mit der Mutterbrust eingesogen, unterstellt ihm ein Richter. Doch Peter (….) schafft es, nach den traumatischen Kinderjahren ein erfolgreiches Leben zu führen – trotzdem er ohne Schulabschluss und Berufsausbildung ist. Er hat eine Gabe und weiß sie zu nutzen: Er kann Altes von Neuem unterscheiden. Er handelt mit Antiquitäten, später mit Schmuck. Er pachtet ein Geschäft in der Theatinerstraße. Inkongnito natürlich, als Sinto hätte er ein Geschäft in dieser Lage nie bekommen. ‚Wir mussten uns immer beweisen.‘ Seine Vergangenheit streift er ab, so gut es geht. Auch seine Tätowierung am linken Unterarm.“ 

(Quellen der o.g. Zitate: Klappentext der Biografie (kursiv) und meine zeitnahen Posts, 13.3., direkt aus dem Rathaus)

Der Junge aus Auschwitz, Edition Kindle,

Erst 2015 Jahren besucht Peter Höllenreiner erstmals wieder Auschwitz und erlebt er dort, nach eigenem Bekunden,einen der Höhepunkte seines Lebens: Papst Franziskus trifft holocaustüberlebenden Sinto Peter Höllenreiner beim stillen Gebet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau 

Aus meinem Post 13.3.: Lange war es ihm gelungen, seine Erinnerungen zu verdrängen. Nun holen sie ihn immer stärker ein. ‚Jetzt habe ich jede Nacht Alpträume.‘ Sichtlich schwer fällt ihm auch, von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Immer wieder bricht ihm die Stimme … Ich ertrage es kaum noch, ihm zuzuhören. Abschließend wünscht er sich, die aktuellen Fortschritte im Umgang mit „seinen Menschen“ hätte er in seiner Jugend erleben dürfen und fügt in seiner Rede, an den Polizeipräsidenten gewandt, hinzu: „Ich wünsche mir, dass das jetzt begonnene Gespräch weitergeführt wird. Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden“ (…) „Wir möchten uns nie mehr verstecken müssen!“

Zu Recht „Stehende Ovationen“ für Peter Höllenreiner nach seiner Rede im Rathaus; Foto Erich Neubauer

Nach seiner Rede gab es Standig Ovations für Peter Höllenreiner. In meinem Facebook-Post notierte ich: Musikalischer Ausklang mit Sandro und seinem Trio. Zum dahin schmelzen. Begeisterter Applaus und würdiger Abschluss dieses Tages ganz im Zeichen des Gedenkens an die Deportation und Ermordung der Münchner Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler und Komödianten. Und hoffnungsvoller Auftakt zu einem neuen festen Termin in der jährlichen Münchner Kulturagenda.

Bürgermeisterin Christine Strobl u. Peter Höllenreiner, Foto: Stey

Bürgermeisterin Christine Strobl schließt die Veranstaltung, wohltuend abseits aller protokollarischen Diktate, mit der für sie typischen Münchner Herzlichkeit und dem Fazit, dass sie selten eine so berührende Veranstaltung erlebt habe, nicht zuletzt wegen der Rede Peter Höllenreiners. Sie dankt ihm mit der Feststellung, dass sie beide die Münchnerische Färbung in der Aussprache verbinde. Liebenswert.😊Und quot erat demonstrandum: Wir ALLE sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, in dem die Sinti schon seit Jahrhunderten unter uns leben! Und augenscheinlich allmählich auch immer mehr mit uns! Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich fast schon wieder versöhnt mit den protokollarischen Gegebenheiten solcher Veranstaltungen   Fast. .. (Ende meiner Posts vom 13.3.18)

… denn auf die vielen emotionalen Höhepunkten folgte … ein abruptes Ende der Veranstaltung! Seit Beginn meiner Kulturarbeit 1994 habe ich unzählige städtische und staatliche Empfänge erlebt, aber noch nie, dass nicht zumindest ein Getränk im Anschluss an eine Veranstaltung gereicht worden wäre, zumal eine ganze Reihe von Gästen extra angereist und schon seit dem Nachmittag vor Ort in München gewesen waren.

Am Ende, ganz jenseits des Protokolls, begrüßt Christine Strobl „Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation Neben ihm der wunderbar einfühlsame Psychologe Aldo Rivera der Münchner Beratungsstelle Madhouse; Foto: Stey

Journalist Erich Neumann schreibt dazu auf My Heimat.deObwohl sogar eine Delegation aus Spanien und Serbien vor Ort war, zeigte sich die Weltstadt mit Herz nicht gerade von ihrer besten Gastgeberseite, als mit dem offiziellen Ende auch keine Möglichkeit zu einem weiteren Austausch mehr bestand und ein abruptes Auseinanderdriften der Teilnehmer wenig schönen Ausklang bedeutete, obwohl ein kleiner Stehempfang dies ebenso abgefangen hätte, als es dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Mein Fazit: In den vergangenen beiden Jahren hat sich mehr in Bezug auf die Aufarbeitung des „Porajmos“ und die Gleichstellung der Sinti & Roma in München getan, als in den 73 Jahren zuvor. Einen ersten Meilenstein setzte 1980 ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, der eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisierte. Abgesehen von der überfälligen Unterzeichnung des Staatsvertrages, hat sich nun in München vor allem Alexander Diepold Siebenmeilen-Stiefel übergestreift:

Vor einem Jahr noch, am  berichtete Viktoria Spinrad in der Süddeutschen Zeitung, unter dem Titel Soll das alles sein?“:  Sie sind von den Nazis verfolgt worden, bis heute fühlen sich viele von ihnen diskriminiert: Die Sinti und Roma in München wollen stärker gehört werden. Bei einer Veranstaltung im Eine-Welt-Haus fordern sie unter anderem einen Gedenktag und ein würdiges Mahnmal (…)

Dieser feste Münchner Gedenktag, alljährlich am 13.März, ist nun eingeführt! Chapeau allen, die mit unermüdlichem Engagement dazu beigetragen haben, ihn für uns Münchnerinnen und Münchner zu verwirklichen, seitens der Stadt ebenso wie seitens der Sinti- und Roma-AktivistInnen!


Weitere themenverwandte jourfixe-Blogbeiträge:

Gedenkgottesdienst für die in der NS–Zeit ermordeten Sinti & Roma
Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
Verbitterung aus ziganen Kreisen
nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Der „eingebettete“ Video-Clip stammt – mit herzlichem Dank – von Gerhard Hallermayer, GH-Film HD, YouTube Kanal


Ein ausführlicher und ergänzender Artikel von Erich Neumann zu dieser Veranstaltung findet sich unter www.myheimat.de


Auf der Homepage des BR findet sich eine ausführliche Übersicht mit zahlreichen Illustrationen Zur Geschichte der Sinti und Roma: Der lange Weg von Indien nach Deutschland“ 


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard
Allgemein

„Wo bitte geht’s zu Buch und Bühne?“ Persönliche Reminiszenzen zum Künstlerkreis Kaleidoskop, kombiniert mit einer Chronik von Bernhard Ganter

Jeder, den es in die Welt der Literatur, Malerei oder auf jene Bretter verschlagen hat, die die Welt bedeuten und auch der, der meint, vom Schicksal auf dem Weg dorthin aufgehalten worden zu sein, teilt eine Erfahrung: Schon als Kind verzückte man wahlweise oder en bloc Familie, Lehrer, kurzum das unmittelbare Umfeld mit künstlerischen Darbietungen derart, das einem der Sternenstaub einer künstlerischen Karriere in das Buch des Lebens geschrieben schien. Nachdem aber zwischen Sein und Schein eine Realität liegt, die versorgt werden will, schleicht sich meist das Bedürfnis nach einem gesicherten Broterwerb auf leisen Sohlen ein.

Kuenstlerkreis_Kaleidoskop_Wo_bitte_gehts_zu_Buch_und_Buehne_jourfixe-Blog

Bretter, die die Welt bedeuten … http://www.bauerwerner.com/

Der institutionalisierte Weg über Studium der Kunst, Theaterwissenschaften, Musik und/oder Schauspielerei, Regie etc. wird gar nicht erst eingeschlagen. Oft erst Jahre später erinnert einen dann ein Ereignis daran, dass man doch ursprünglich von einem ganz anderen Lebensweg geträumt hatte … Und in diesem Moment drohen all diese alten Träume von Glanz, Gloria und künstlerischer Selbstverwirklichung unwiederbringlich im Mittelmaß des Daseins zu ersticken.

Mein (Wieder)Erweckungserlebnis war die große Liebe zu einem Künstler. Zum einen stand er genau für jene Welt, in die es mich einst als Kind schon gezogen hatte. Zum anderen weckte das Verzweifelte dieser Beziehung in mir den unbedingten Drang, mich auszudrücken, meine Empfindungen und Gedanken in eine sublimierte, allgemein gültige Form zu bringen und öffentlich kund zu tun. Kurzum, ich fand es an der Zeit, neben Kind und Bürojob, in die Welt der Bohème einzutauchen und dort bitteschön auch gleich gefeiert zu werden. Letzeres erwies sich schnell als Utopie 😉

jourfixe-blog_Gaby_dos_Santos_90erJahre

Gaby dos Santos, 1992, Foto: Wolf-Dieter Roth

Die Welt im allgemeinen und die der Kunst insbesondere schien nicht auf mich zu warten, wem auch immer ich meine frisch verfassten Texte aufdrängte. Da meine Kreativität und ich, auf Grund des damals aktuellen Liebesdramas, eine Phase unausgelebter Sinnlichkeit durchlitten, handelte es sich bei dem Endprodukt um erotische Gedichte, mitunter an der Grenze zum Pornografischen. Das Echo: verhalten.

Wie also sollte ich mir nun Zugang zum Künstlertum erschließen? Zum Glück war und bin ich in München nicht die einzige, die sich über Umwege zur Kunst berufen fühlt(e). Schon bald fand ich mich unter Gleichgesinnten wieder, Schwerpunkt: Literarische Ergüsse. Man traf sich zu irgendwelchen Workshops oder Leseabenden in Kneipen-Hinterzimmern und lauschte den mehr oder weniger gelungenen Texten der Konkurrenz, um dafür im Gegenzug deren Aufmerksamkeit zu ernten und – früher oder später – davon war jeder von uns überzeugt – die allgemeine Anerkennung als größtes literarisches Talent seit … nun ja mindestens seit der Blechtrommel. Gelesen wurde von zusammengehefteten Blättern und „entdeckt“ wurde, soweit ich weiß, keiner von uns …

In dieser Zeit begegnete mir eine wirklich bemerkenswerte Frau, mit starkem künstlerischen Background: Die Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Monica Kleiber. Ihr verstorbener Mann war Regisseur gewesen, ihre Tochter Claudia Kleiber arbeitete ebenfalls als Schauspielerin und Synchronsprecherin. Monica gehörte eigentlich gar nicht in die Riege von uns Greenhorns, da sie eine solide Schauspielausbildung, Bühnenerfahrung und ein uns weit überlegenes lyrisches Können auszeichneten. Sie setzte mir erstmals die Notwendigkeit von Selbstdisziplin, Akribie und Hingabe bei künstlerischen Prozessen auseinander, an der sich früher oder später die Spreu vom Weizen, die wirklich berufenen Kunstschaffenden von den reinen Selbstdarstellern scheiden.

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Der Künstlerkreis Kaleidoskop, seit 1987, wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Monica ist es auch zu verdanken, dass ich mich aus dem Dunstkreis von kreativer Selbstverliebtheit und Dilettantismus allmählich zu lösen vermochte, denn sie war es, die mich 1992 in den Künstlerkreis Kaleidoskop einführte, der zwar allen offen stand und steht, sich aber auf einem künstlerisch schwindelerregend höheren Niveau bewegte, als alles, was ich bis dato kennengelernt hatte. Offensichtlich bewegten sich in diesem Zirkel vorwiegend Leute, die ich für mich als „echte“ Künstler und Literaten definierte:

Als erster trat ein gewisser Milan Esten von Funcke auf, Autor und Leiter der Komparserie am Residenztheater. Er las aus seinem gerade erschienen Buch „Liebe – das Jahrtausendmißverständnis“. Aus einem „echten“, gedruckten Buch!, erschienen nicht etwa im Selbst- sondern in einem ebenso „echten“ Verlag!  Ehrfurcht ergriff mich. Erst recht, als ich bemerkte, dass durch den Abend zwei! noch veritablere Schriftsteller führten, die noch mehr „echte“ Bücher bei „echten“ Verlagen ihr eigen nannten. Milan, mit seinem Erstlingsbuch war nur der Auftakt gewesen.

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Bei dem einen Gastgeber handelte es sich um den unvergessenen Münchner Autor und Dramatiker Werner Schlierf, von dem es ein Stück sogar bis nach New York und „Off-Broadway“ geschafft hatte! Allein die Tatsache, dass einem hier das Wort „Broadway“ – wenn auch etwas „Off“-personifiziert erschien, elektrisierte mich. Der andere Gastgeber war der Autor Bernhard Ganter, der damals gerade eine Anthologie in der Mache hatte, in dem sich zahlreiche, ebenfalls „echte“ Prominente gegen Fremdenfeindlichkeit zu Wort meldeten. Wow! Später lernte ich, dass auch die Gründung dieses Künstlerkreises auf die beiden Autoren zurückzuführen war.

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Bernhard Ganter schreibt dazu rückblickend:

Im Bamberger Haus lernte ich Prinz Luitpold von Bayern und die Gräfin Sayn zu Wittgenstein kennen, die mich fragten, ob ich mir vorstellen könne, das altehrwürdige Haus mit Kultur zu beseelen, einen Künstlerkreis ins Leben zu rufen, einen Treff, wo nicht nur Künstler sondern auch Kunstinteressierte jeglichen Couleurs willkommen sein sollten, mit dem Ziel, einen Freundeskreis von Künstlern, Publizisten und Kunstinteressierten zu schaffen, der die Traditionen vergangener Künstlerstammtische und Künstlervereinigungen fortsetzt, die in München seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unsere Stadt entscheidend mitgeprägt haben (Münchner Boheme).

Mein_Alter_Simpl_Toni_Netzle_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos_Kathi_Kobus_Muenchner_Boheme_Schwabing

Simplizissius-Wirtin Kathi Kobus, Mittelpunkt der legendären Münchner Bohème um 1900, Bildquelle: „Mein Alter Simpl“ von Toni Netzle

Ich holte mir Rat bei meinen Freunden, dem Schriftstellerkollegen Werner Schlierf, dem Karikaturisten Franz Eder.  Am 29. Nov. 1987 trafen wir uns auf der Cafeterrasse des

Kaleidoskop

Die Wiege des Künstlerkreises Kaleidoskop: Das Bamberger Haus im Münchner Luitpoldpark; Quelle: Wikipedia

Bamberger Haus mit Prinz Luitpold von Bayern und der Gräfin Sayn zu Wittgenstein. Das war die Geburtsstunde des Künstlerkreises Kaleidoskop. Am Anfang waren wir nur eine handvoll Künstler, doch mit der Zeit wurden es immer mehr. Unsere Veranstaltungen fanden großen Anklang, so dass auch die Publikumszahl stetig anstieg. So kam es, dass wir uns einvernehmlich mit Prinz Luitplod und Gräfin Sayn zu Wittgenstein trennten, um uns eine größere Bleibe zu suchen.

Eine Odyssee begann, bis wir schließlich im Münchner Hinterhoftheater (heute Theaterplatz, Wirtshaus am Hart) fündig wurden. Viele prominente Künstler fanden seither immer wieder den Weg zum Künstlerkreis Kaleidoskop. Aber auch Künstler, die damals noch keine so großen Namen hatten, traten auf den KKK-Brettern auf, so wie Christian Springer, bevor er in den Olymp der ganz Großen Einzug hielt.

Werner_Schlierf_ Bernhard_Ganter_Gisela_Schneeberger_ Rosario_Liberatore_Franz_Eder_Kuenstlerkreis_Kaleidoskop

Werner Schlierf, Bernhard Ganter, Kabarettistin Gisela Schneeberger, Promiwirt Rosario Liberatore und Karikaturist Franz Eder, Foto: B. Ganter

Oberbürgermeister Christian Ude ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio für unsere Preisträgerin Gisela Schneeberger zu halten und schrieb uns ins Stammbuch „Ich habe mich hier sehr, sehr wohl gefühlt …“ und im SZ Interview äußerte Ude:

Der damalige Münchner OB Christian Ude als Laudator

Der damalige Münchner OB Ude als Laudator, Foto: B. Ganter

Der Künstlerkreis Kaleidoskop ist ein würdiger Nachfolger der „Traumstadt„, jener unvergessenen Künstlervereinigung um den Schwabinger Künstler Peter Paul Althaus.“ Das war wie ein Ritterschlag für uns, und wir alle waren mächtig stolz darauf.

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz, Foto: B. Ganter

Ebenso stolz waren wir, dass unsere Veranstaltung von vier Fernsehsendern Besuch erhielt, RTL, Bayerisches Fernsehen, TV München und, was wir nicht für möglich gehalten haben, das ZDF mit Nina Ruge in „Leute heute“!

bild 4 kkk

David Copperfields Limousine fährt am Hinterhoftheater vor … Foto: B. Ganter

Aber manchmal gab es auch ganz lustige Episoden. Als wir den alljährlichen Kaleidoskop-Preis dem Kabarettisten Bruno Jonas und dem Hollywoodautor und Liedtexter Max Colpet – er schrieb u.a. für Marlene Dietrich das Lied „Sag mir wo die Blumen sind …“ – verliehen, wollten wir einen Gag versuchen. Wir charterten eine Strechlimousine und ließen die beiden Künstler damit am Hinterhoftheater vorfahren. Jene Limousine, in der am Tag zuvor der bekannte Las Vegas Magier David Copperfield durch München kutschiert wurde. Stretchlimousine und Hinterhoftheater, konträrer ging das nicht. Schon bei der Anfahrt gab es Probleme. Die drei TV-Kamerateams schalteten jedes Mal ihre Kameras zu spät ein. Und weil sie uns ja beim Vorfahren und Aussteigen filmen wollten, baten sie uns, nochmals um den Stock zu fahren.

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas, Quelle: B. Ganter

Das ging dreimal so. Bruno Jonas wirkte etwas verstört, unsicher, ja fast schüchtern, was ich bei Bruno so nicht kannte. Nach einer Weile, als er sich unbeobachtet fühlte, zog er mich etwas zur Seite und sagte zu mir: „Du, Bernhard, ganz im Ernst, das ist doch hier Vorsicht Kamera, oder?“ Das war’s also.

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas; Foto: Ganter

Ich konnte ihn jedoch von der Ernsthaftigkeit unserer Absichten überzeugen, und es wurde ein wunderschöner Abend mit den beiden Preisträgern.

Das in Kürze und trotzdem lang, eine kleine Chronik über das Werden des Künstlerkreises Kaleidoskop. 16 Jahre lang haben Werner Schlierf und ich den Künstlerkreis geleitet, dann konnten wir nicht mehr, aus Zeitmangel.

Soweit erst einmal Bernhard Ganters Bericht.

Während meiner eigenen Zeit als Gast im Künstlerkreis Kaleidoskop lernte ich eine ganze Menge über die Arbeitsweise „echter“ Künstler, ebenso über Mechanismen in der Kunst- und Kulturszene und knüpfte erste Kontakte. Begegnung und Kontakte bilden einfach das „A“ und „O“ in unserer Branche, mehr als in allen anderen.

Wirtshaus_zum Isartal_Gaby_dos_Santos_Seifenblasenfest_Linda_Jo_Rizzo_jourfixe-Blog

1994 führte ich das Wirtshaus zum Isartal als Kleinkunstbühne ein, u. a. mit den schrägen Seifenblasenfesten; Collage: Gaby dos Santos

Bald darauf, 1994, eröffnete ich meine erste eigene Kleinkunstbühne bzw. führte das „Wirtshaus zum Isartal“ als Spielort in dieser Funktion ein. Später folgten die WerkstattBühne in der Gabelsperger Straße und gleich darauf die Gründung des Jour Fixe im Nachtcafé. Entsprechend knapp wurde meine Zeit und nagelte mich an die eigenen Veranstaltungsorte und Projekte fest.

Irgendwann las ich – einige Jahre ist das  nun auch schon wieder her – überrascht und traurig vom Tod Werner Schlierfs. Mein Vorsatz, endlich wieder einmal den Künstlerkreis Kaleidoskop zu besuchen, wurde stärker, ließ sich aber erst im Dezember letzten Jahres verwirklichen, nachdem es mir endlich gelungen war, den Umfang eigener Produktionen (Multimedia-Collagen) entschieden zurück zu fahren, um künftig „öfter mal einen Blick über den kulturellen Tellerrand zu werfen“. Und damit schließt sich, was das Kaleidoskop und mich anbelangt, nunmehr ein Kreis …

Seilschaft aus Budapest: Csaba Gál mit Peter Lang in dessen Artist Studio

Gál mit Peter Lang im Artist Studio, Foto GdS

Zumal der jetzige Kaleidoskop-Leiter  Csaba Gál  wiederum mit dem Inhaber meines Produktionsstudios und jourfixe-Vereinsfreund Peter Lang noch aus Budapester Zeiten gut bekannt ist …

Bernhard Ganter schreibt über Csaba Gál als Nachfolger:

Werner_Schlierf_Csaba_Gal_Kuenstlerkreis-Kaleidoskop_jourfixe-Blog

V. li: Csaba Gál, Werner Schlierf, Charles Kalman; Foto: Dieter Schnöpf

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wird seit September 2009 von dem großartigen Künstler und Chansonpoet Csaba Gál geleitet. Ihm gebührt mein Respekt, meine Hochachtung und mein Dank, für sein unermüdliches Wirken, allmonatlich mit einem Programm aufzuwarten das seinesgleichen sucht.

Der „Ungar in Bayern“ Csaba Gál hatte zwischen 2002 und 2004 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Werner Schlierf aufgenommen, von dem er viele Gedichte vertonte, um sie dann im Duo aufzuführen. Auch Schlierfs in der Nachkriegszeit angesiedeltes Theaterstück „Joe und Marianne“ nahm sich Gál an, übersetzte es ins Ungarische und veröffentlichte es in seiner Heimat mit großem Echo. Da Csaba Gál zudem viel von dem legendären aber leider selten gewordenen K & K – Charme versprüht, erscheint mir seine Nachfolge als Leiter des Kulturkreises Kaleidoskop eine sinnige wie stimmige Wahl!

Rote Baskenmütze als Kennzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop_Leiter Csaba Gál im Dezember 2015

Rote Baskenmütze als Markenzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop-Leiter Csaba Gál im Dezember 2015, Foto: Klaus Stießberger

Vor meinem Besuch 2015 war ich zuletzt 1993, mit der begnadeten Chansonsängerin Susan Avilés im Kaleidoskop zu Gast gewesen, kurz nach meiner Hochzeit in Rio. (Wie das Leben so spielt, NICHT mit jener großen Liebe, die mich in die Bohème getrieben und zum Kaleidoskop geführt hatte.) Nun kehrte ich, anlässlich der Verleihung des Kaleidoskop-Tellers im Dezember 2015 zurück, nach – ich habe gerade fassungslos nachgerechnet – 22 Jahren!

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 - 2009; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 – 2009; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Chapeau an die Herren Schlierf und Ganter, an das Künstler-Paar Katja und Konrad Kortin und schließlich an Csaba Gál, denen allen es zu verdanken ist, dass dieses künstlerische Biotop, nicht wie so manches andere in der Künstlerszene, schnell vertrocknet ist, sondern noch in schönster Blüte steht.

2010 erhält der wohl namhafteste deutsche Liedermacher, Konstantin Wecker, den begehrten Kaleidoskop-Teller. Hier neben Csaba Gál, Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Kaleidoskop-Teller 2010 für Konstantin Wecker http://www.kk-kaleidoskop.de

Anlass für meinen Besuch 2015 war die alljährliche Verleihung des Kaleidoskop-Tellers, den schon Ikonen der Münchner Künstlerszene erhielten, wie beispielsweise 2010 Konstantin Wecker.

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither; Foto: Klaus Stießberger

Auch 2015 war  ein Programm auf hohem künstlerischen Niveau geboten, u. a. mit dem Träger des Deutschen Kabarettpreises 2015, Kabarettist Josef Brustmann, der eine virtuose Laudatio hielt und zwar auf  Wolfgang Ramadan, der mit einem der Kaleidoskop-Teller 2015 ausgezeichnet wurde.

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015, Foto: Klaus Stießberger

Ramadan-Kostprobe: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau – wie vor jedem kleinen.

An Wolfgang Ramadan, den ich selbst seit vielen Jahren kenne, führt in der bayerischen Kunst – und Kulturszene sowieso seit Jahrzehnten kein Weg vorbei: Poet, Kabarettist, Garchinger Kulturreferent, Schauspieler, Kulturmanager, Networker … Ach, ich glaube, ich widme ihm gelegentlich mal lieber einen eigenen Blog-Beitrag 😉

Kulturverein Arche Noe, Kufstein

Kulturverein Arche Noe, Kufstein, 2015 prämiert im Kaleidoskop; Foto: Stießberger

Der zweite Kaleidoskop-Teller ging 2015 an den Kulturverein Arche Noe Kufstein. In seiner Laudatio äußert Dr. Uwe Kullnick – Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA) einen Gedanken, den ich  nicht nur für zutreffend auf die Kufsteiner Preisträger, sondern auf die Kleinkunst allgemein halte, die der Künstlerkreis Kaleidoskop schon so lange repräsentiert:

Die Laudation von Dr. Uwe Kullnick berührte mich sehr

Laudator Dr. Uwe Kullnick, Foto: Klaus Stießberger

„Hier gibt es Kleinkunst. Dabei ist hier kaum etwas klein. Vielleicht das Budget, aber wo am Puls Kultur liebender Menschen und abseits der subventionierten Kultur-Groß-Ereignisse und der Riesenveranstaltungen der Musik-Stars, ist es das nicht? Klein ist hier nur der Aufwand und der Obolus der Zuschauer und nahezu winzigklein die Gefahr enttäuscht zu werden. Riesengroß hingegen ist das, was geboten wird, was man genießen und mitnehmen kann, nämlich die Kunst. (…)“

Schon länger suche ich nach einem geeigneten Treffpunkt, an dem auch die Kulturplattform jourfixe-muenchen einmal im Monat eine wieder „fixe“ Anlaufstelle für Kolleginnen und Kollegen, jourfixe-Freundinnen und Freunde bieten kann.

Im Dezember besuchte ich das Kaleidoskop gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Krista Posch sowie Fotograf Klaus Stießberger

Kaleidoskop-Besuch 2015: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch mit Gaby dos Santos in Begleitung von Fotograf Klaus Stießberger

Dafür scheint der Künstlerkreis Kaleidoskop, mit seinem Ablauf, wie geschaffen: Ein gemütlicher Gast- und Bühnenraum lädt zwischen 18 Uhr und 20 Uhr zum Essen, zu Austausch und Kontakten und danach, bei freiem Eintritt, zu einem stets breit gefächerten Kulturprogramm. Zugleich hoffe ich, das Kaleidoskop mit etwas PR unterstützen zu können und damit ein wenig von dem zurück zu geben, was es mir vermittelt hat, und das auf dem Weg aller Kunstschaffenden sowie für ein besseres Kunstverständnis seitens des Kulturpublikums unbezahlbar ist: Informative Schlüssellochperspektiven auf den Kosmos von Kunst und Kultur.

Kuenstlerkreis_Kaleidoskop_Helmut_Eckl_Schorsch_Hampel_Csaba_Gal

Csaba Gal, Dez. 2015; Foto: Stießberger

Foto: Stießberger

Der nächste Termin ist am Montag, 7. März 16.(KaleidoskopAbende finden immer am 1. Montag des Monats statt)

Mitwirkende:  
Erika Stadler , Liedermacherin
Schorsch Hampel, Bluespoet
Rick Baltes, Liedermacher
Jan-Eike Hornauer, Textzüchter
Helmut Eckl, Münchner Turmschreiber (Poetentaler), Mundartdichter, Satiriker

Durch den Kaleidoskop-Abend führt, wie immer, der Chansonpoet und Conférencier Csaba Gal.

Details und weiterführende Links


Zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs

Standard
Islam_Muslimisches_Leben_in_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog
Allgemein

„Kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns …“ Muslimisches Leben in München als gesellschaftliche Chance

„Wir brauchen Kulturdolmetscher“, sagte der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel in einer Rede in Mainz; man könne schließlich nicht erwarten, dass jeder Flüchtling gleich ein lupenreiner „Verfassungspatriot“ sei. Diesbezüglich jedoch könnten unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund wertvolle Hilfestellung leisten.

Fluechtlingshilfe_Muenchner_Muslime_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Mitglieder der „Flüchtlingshilfe Muenchner Muslime“ beim Großeinkauf von Socken, Quelle: FMM

Und das tun sie auch längst, wie ich im September bei einer Pressekonferenz der „Flüchtlingshilfe Münchner Muslime V.i.G“ selbst erfuhr. In deren Selbstdarstellung heißt es: Münchner Muslime sind multikulturell und bringen daher eine große Sprach- und Kulturvielfalt mit. Zudem zeichnen wir uns durch unterschiedlichste Bildungshintergründe aus“.

Pasinger_Moschee_Fluechtlingshilfe_Muenchner_Muslime_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Pressekonferenz der „Flüchtlingshilfe Münchner Muslime“ im Gemeinderaum der Pasinger Moschee. In der Mitte Aida Dedovic, Foto: MFI

Aida Dedovic, die informelle Leiterin der neuen Vereinigung, ergänzt in der Süddeutschen Zeitung: “ ‚Wir sind alle multilingual, wir haben einen großen Erfahrungsschatz.“ Diese Erfahrung haben sie zuletzt auch eingebracht. Fluechtlingshilfe_Muenchner_Muslime_Aida_Dedovic_Muenchner_Forum_Islam_jourfixe-BlogVor allem am Hauptbahnhof und in den Notquartieren, aber auch in den Unterkünften in der Bayern- und Funkkaserne. Sie haben gedolmetscht, sie haben Spenden bei Unternehmen gesammelt, sie haben sich in die Helferlisten eingetragen, nicht als Muslime, sondern als Personen, die Farsi können oder Essen austeilen wollen. Und denen sich gerade neu ankommende Flüchtlingsfrauen mitunter leichter öffnen, wenn auch ihr Gegenüber in der Helferweste ein Kopftuch trägt.‘

Aida_Dedovic_Benjamin_Idriz_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Mitglieder der FLÜCHTLINGSHILFE MÜNCHNER MUSLIME, in der Mitte, hinten, Aida Dedovic sowie Vertreter der gastgebenden Pasinger Moschee, dritter von links Imam Idriz, MFI

Dedovic sehe die aktuelle Flüchtlingskrise als „Riesenchance“ sowohl für unsere Stadt, wie auch für unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger; geeignet, Vorurteile auszuräumen, die von mehr oder weniger latenter Islamophobie geprägt sind,“ so die Süddeutsche weiter.

Heinrich Bedford Strohm zum Islam in Deutschland

H. Bedford-Strohm, 2015

„Der FRIEDLICHE Islam gehört zu Deutschland“ äußerte Anfang dieses Jahres auch Heinrich Bedfort-Strohm, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche.

Für diesen Islam steht das  „Münchner Forum für Islam (MFI) aus deren Broschüre ich einige Passagen zitiere:

Das MFI setzt sich für ein aufgeklärtes und rationales Islamverständnis ein. In Deutschland wird es muslimischen Theologen und Imamen heute möglich sein, Mechanismen des rationalen Denkens (Idschtihad) und der Innovation (Tadschdid) in das Religionsverständnis einzubringen und Fehlentwicklungen zu korrigieren. In diesem Sinne wird angestrebt, theologische Aus- und Fortbildungsangebote für Imame in deutscher Sprache aufzubauen, ebenso für Religionsunterricht, religiöse Dienstleitungen (wie z.B. Eheschließungen, Bestattungen) anzubieten, und Aufklärung über den Islam in dem hier dargestellten Sinn für die Öffentlichkeit zu leisten.MFI_jourfixe-Blog_Muenchner_Forum_fuer_Islam

Das MFI ist rational und reformorientiert, aber mit einer Tradition in Einklang, die offen für neue Auslegungen ist. Das MFI beschäftigt sich nicht mit Formen sondern mit Inhalten. Unterschiede im Denken, Glauben und in Rechtsmeinungen lassen wir beiseite und wollen uns auf die verbindenden Normen und Werte konzentrieren.

Muenchner_Forum_Islam_Moschee_Hotterstrasse_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Aussenfassade von Altstadt-Moschee und MFI, Hotterstraße

Das MFI lehnt pseudoreligiösen Aberglauben, Übertreibungen und Extremismus entschieden ab und basiert auf einem Islamverständnis in Einklang mit Wissenschaft, Vernunft, Ethik und Seele. Der Gesandte Gottes Muhammed (s) hat die Menschen eindringlich davor gewarnt, „in religiösen Dingen die Grenzen zu überschreiten“, das normale Maß, den gesunden Menschenverstand, also das Herz des Menschen, außer Acht zu lassen.“

Barbara_Kittelberger_Muenchner_Stadtdekanin_OB_Dieter Reiter_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Iman Idriz, Stadtdekanin Kittelberger (EKD), Petra und Dieter Reiter, Münchner OB, am Marienplatz, Foto: MFI

Link zum Image-Film des MFI, in dem auch Vertreter/Innen unserer Stadt zu Wort kommen, u. a. die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Bürgermeister Josef Schmid und Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde.

Das MFI plant ein großes Bauvorhaben, dazu schreibt die SZ im Juli 2015: „An den Rand des Kreativquartiers will der Verein ein Gemeindezentrum bauen, das neben dem Gebetsraum für 800 Muslime auch eine Bibliothek, ein Museum, Akademieräume und einen für alle Bürger offenen Andachtsraum umfasst, einen öffentlichen Platz sowie Restaurant und Café. Der erste Entwurf des Architekten Alen Jasarevic mit seiner raffiniert gestalteten Fassade stieß in der Öffentlichkeit auf breite Zustimmung.“

Dauchauer-Strasse_Moschee_Muenchner_Forum_fuer_Islam_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Modell des geplanten Münchner Forums für Islam in der Dachauer Straße, Foto: MFI

Mehr über den Verein MFI, einschließlich einer Broschüre zum geplanten Bau, findet sich unter www.islam-muenchen.de

Muenchner_Moschee_Forum_Islam_Spenden_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Spenden dringend benötigt, Foto: MFI

Ob dieses Projekt wirklich realisiert werden kann, hängt jetzt unter anderem davon ab, ob die Initiatoren bis Ende das Jahres den Kaufpreis für das von der Stadt reservierte Grundstück zusammen bekommen werden. Geld aus Saudi Arabien ist keines zu erwarten, weil das MFI kategorisch jede Einflussnahme seitens potentieller Geldgeber ablehnt

Zum Vorstand des MFI zählt nicht zuletzt Benjamin Idriz, eine der zentralen Figuren, wenn nicht DIE zentrale Figur der Münchner Muslime für interreligiösen Dialog. Seit 1995 ist er Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg e.V. und seit 2009 Vorsitzender des Vereins “Münchener Forum für Islam” e.V. Darüber hinaus ist er Autor des Buchs „Grüß Gott, Herr Imam – Eine Religion ist angekommen(Diederichs Verlag, 2010).

Benjamin_Idriz_Imam_Penzberg_Muenchner_Forum_fuer_Islam_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Imam Benjamin Idriz, Foto: MFI

Der Untertitel „Eine Religion ist angekommen“ liest sich vielversprechend und trifft durchaus zu. Ebenso zutreffend ist aber leider auch, dass längst noch nicht alle Muslime wirklich bei uns angekommen sind. Der  ZDF-Beitrag „Ein Staat, zwei Welten“ greift diese Problematik ebenso anschaulich wie Besorgnis erregend auf und stellt die Gretchen-Frage:  „Wie die etwa 800.000 Flüchtlinge in die Gesellschaft integriert werden, ist eine Frage unserer Zukunft. Werden sie in Parallelwelten abtauchen oder lernen, unser Wertesystem zu akzeptieren? Toleranz dürfe nicht dazu führen, dass sich in unserer Gesellschaft solche Parallelgesellschaften mit eigenen Regeln ausbreiten, so die Dokumentation, denn „… in unserem Recht spiegelt sich die Wertevorstellung unserer Gesellschaft!“,  wie ein deutscher Richter im Film betont.

Entsprechend fordert auch Sigmar Gabriel, dass das Gesetz immer über der Religion stehen müsse und keiner in unserer Gesellschaft sein Bekenntnis über andere stellen dürfe.

Islam_Deutschland_ZDF_Ein_Staat_zwei_Welten_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Standbild aus der ZDF-Dokumentation von 2013 „Ein Staat – zwei Welten“

Ebenso forderte kürzlich der Journalist Jakob Augstein eine „neue Leitkultur“. Den Begriff „Leitkultur“, laut Arte,  hatte ursprünglich der Politologe Bassam Tibi geprägt. „Er benutzte ihn, um grundlegende gesellschaftliche Werte zu beschreiben, wie Demokratie, Laizismus, Aufklärung und Menschenrechte.“ Der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz wandelte den Begriff 2000 ab, in dem er  (…)“ bemängelte, es gebe keine allgemein akzeptierte Definition mehr von dem, „was wir unter unserer Kultur verstehen„. Diese „Leitkultur“ verstand Merz als Gegenmodell zur „multikulturellen Gesellschaft“, die man in den Reden der damaligen rot-grünen Regierung oft wiederfand. (…)“

Menschen_bei_Maischberger_Jakob_Augstein_neue_Leitkultur_Islam_Deutschland_Fluechtlinge_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Jakob Augstein fordert eine „neue Leitkultur“, Foto: ARD

Augsteins Haltung eignet sich aber nicht als später Triumph für Merz, denn Augstein bezieht sich vielmehr auf Bassam Tibi. Unsere Gesellschaft müsse auf den Wandel, der sich längst in ihr vollzogen habe, eingehen und sich über eine gemeinschaftliche Leitkultur neu definieren. Diese aktualisierte Leitkultur solle eine Art verbindlich schützenden Überbau bilden, unter dem sich kulturelle Vielfalt positiv entfalten könne. Diese Forderung wiederholte er kürzlich bei MAISCHBERGER und erntete sogleich Gegenwind. Es könne nicht angehen, dass wir (Deutsche) uns nun auch noch nach den Migranten richteten, befand sinngemäß die Sprecherin einer Bürgerinitiative.  Hier war sie wieder spürbar, die Angst vor dem Verlust des Vetrauten durch das Schreckgespenst einer „Überfremdung“ …

Monotheistische_Religionen_Interreligioeser_Dialog_Halbmond_David-Stern_Kreuz_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosFür mich steht fest, dass sich das „Rad der Zeit“ nicht mehr zurück drehen lässt. Wozu auch? Es lebt sich doch recht gut in dieser inzwischen bunten Gesellschaft? Nun gilt es, sich diese zu vergegenwärtigen und im positiven Sinne zu bewahren. Insofern stimme ich Jakob Augstein zu und habe mich ein wenig unter Muslimen in München umgesehen.

Da unsereins zur Zeit viel über Islam und Islamismus diskutiert – oft auch schwadroniert – man aber eigentlich nicht viel Konkretes darüber weiß, begann ich meine Recherche mit dem 3-teiligen Dokumentarfilm  „Mohammed, der Prophet“  von Faris Kermani und Ziauddin Sardaran. Die Dokumentation zeigt ein faszinierendes Portrait des großen Religionsstifters und geschickten Staatsmannes, obwohl – oder gerade weil – der Beitrag auch kritische Stimmen zu Wort kommen lässt. Aufschlussreich fand ich auch den Einblick in Mohammeds Lehren im historischen Kontext und den Zusammenhang zwischen den drei monotheistischen Religionen.

PHOENIX MOHAMMED - DER PROPHET, "Erste Offenbarungen", am Mittwoch (26.08.15) um 20:15 Uhr. Filmregisseur Faris Kermani © PHOENIX/ZDF, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter PHOENIX-Sendung bei Nennung "Bild: PHOENIX/ZDF" (S2). PHOENIX-Kommunikation, Tel: 0228/9584-196, Fax: -199, presse@phoenix.de

Empfehlenswert! MOHAMMED – DER PROPHET, Teil 1: „Erste Offenbarungen“, Filmregisseur Faris Kermani, Ausstrahlung 26.8.2015  © PHOENIX/ZDF

Mohammed bezeichnet die Juden und Christen übrigens als Volk der Schrift. Im Koran 3:64 steht:

„Sprich: ‚O Volk der Schrift, kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns, daß wir nämlich Allah allein dienen und nichts neben Ihn stellen, und daß nicht die einen von uns die anderen zu Herren annehmen neben Allah.‘ Und so sie den Rücken kehren, so sprechet: ‚Bezeuget, daß wir Muslime sind‘.“

Koran Vignette

Koran Vignette

Die drei Religionen verbindet auch, dass ihre Heiligen Schriften Tora, Bibel und Koran in einem altertümlichen Stil und in einer bildhaften, nicht immer eindeutigen Sprache abgefasst sind. Bei falscher Lesart ergibt sich daraus emotionaler und schlimmstenfalls auch ganz realer Zündstoff; jener der zu den Kreuzzügen im Mittelalter führte, jener, der jüdische Siedler dazu treibt, sich in palästinensischen Gebieten niederzulassen und eben auch jener Zündstoff, durch den für die Islamisten ein „Dschihad“, ein ihrer Auffassung nach „Heiliger Krieg“, entflammt ist.

Muslime_Islam_Koran

Der Koran – das Heilige Buch der Muslime

Zum Begriff „Dschihad“ sowie zu weiteren „25 Fragen zum Islam“ bin ich im Internet auf folgende Erläuterung gestoßen:

„Oft werden in den Medien Begriffe wie ‚Dschihad‘ und “heiliger Krieg“ genannt und gleichgesetzt. Im Islam gibt es den Begriff des heiligen Krieges nicht. Gemeint ist eigentlich das Wort ‚Dschihad‘, welches ‚Anstrengung‘ oder genauer ‚sich auf dem Wege Gottes anstrengen‘ bedeutet. Jede Anstrengung im Alltagsleben, die unternommen wird, um Gott zufriedenzustellen, kann als Dschihad betrachtet werden. Eine der höchsten Stufen des Dschihad ist es, sich gegen die Herrschaft eines Tyrannen zu erheben und ihm die Wahrheit zu sagen. Gegen sein Ego zu kämpfen und sich von schlechten Verhaltensweisen fernzuhalten, ist ebenfalls eine große Anstrengung auf dem Wege Gottes. Zum Dschihad gehört auch, dass man zu den Waffen greift, um den Islam oder ein muslimisches Land zu verteidigen. Diese Art des Dschihad muß von einer religiösen Führung oder von einem muslimischen Staatsoberhaupt, das dem Koran und der Sunna (dem Beispiel des Propheten Muhammad) folgt, ausgerufen werden.“ *Originaltitel: 25 Most Frequently Asked Questions About Islam, Dr. Shahid Athar, 1993

Mekka_Makkah_Hadsch_Islam_Kaaba_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Die Kaaba in Mekka ist das Ziel der großen Wallfahrt (Haddsch), die jeder Muslim einmal in seinem Leben unternehmen soll, sofern er dazu in der Lage ist. Die Pilger umrunden sie siebenmal gegen den Uhrzeigersinn und preisen dabei Allah; diese Umrundung wird Tawāf (‏طواف‎) genannt. (Quelle: Wikipedia)

Den letzten obigen Passus bzgl. des Einsatzes von Waffen muss man im historischen Kontext betrachten: Die Kaaba in Mekka war schon vor Mohammed ein religiöses Zentrum für Pilger aus allen Ecken Arabiens, die dort einer Vielzahl unterschiedlicher Gottheiten huldigten und viel Geld in die Stadt brachten. Die damals in Mekka herrschende Kaste empfand Mohammed, mit seiner neuen monotheistischen Glaubenslehre, als politische wie finanzielle Bedrohung. Mohammed  floh daher und ließ sich mit seinen Getreuen in Medina nieder. Es folgten zahlreiche blutige Auseinandersetzungen mit den Heeren Mekkas. Dennoch hat Mohammed immer betont, dass der bewaffnete Kampf nur der Verteidigung dienen dürfe. 

Wie oft musste ich mir in letzter Zeit anhören, Religion (und damit war keineswegs nur der Islam gemeint) stifte nichts als Unheil! Aber sind es nicht immer wir Menschen selbst, die die Gebote Gottes pervertieren?

Nicht_im_Namen_Allahs_und_nicht_in_unserem_Namen_Muenchner_Imame_Islam_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Die 16 Münchner Imame formulieren die Erklärung: „Nicht im Namen Allahs … Und nicht in unserem Namen!” Foto: MFI

Erschüttert über die Greueltaten des IS wandten sich im September 2014 die 16 Münchner Imame mit der Deklaration „Nicht im Namen Allahs … Und nicht in unserem Namen!“ an die Öffentlichkeit. Nachstehend Ausschnitte:

„(…) Weil wir Muslime sind, sind wir entsetzt über die Verbrechen, die im Namen unserer Religion im Irak und in Syrien begangen werden! (…)

Wir sind zutiefst traurig über die Zerschlagung der uralten Tradition des Miteinanders im Nahen Osten, wo Menschen unterschiedlichen Glaubens und vielfältiger Kulturen seit Hunderten von Jahren zusammenleben.

Wir solidarisieren uns mit Christen, Juden, Jesiden, Schiiten oder Sunniten – wer auch immer wo auch immer unter Gewalt, Terror und Vertreibung leidet.

Wir wehren uns dagegen, dass der Hass aus anderen Regionen der Welt nach Deutschland gebracht werden soll, und arbeiten für ein friedliches Miteinander hier in Deutschland, wo wir zuhause sind.

Wir Imame, die Verantwortung in unseren Gemeinden übernommen haben, um die Botschaft des Islam weiterzutragen, engagieren uns seit Jahren für ein friedliches Zusammenleben in Deutschland und setzen uns in unseren Predigten und in unserem Wirken in den Gemeinden für ein aufgeklärtes und gemäßigtes Religionsverständnis ein, gemäß dem Koran und der Tradition.

Wir leiden unter den aktuellen Nachrichten ja nicht weniger als andere, sondern mehr, weil es unsere Religion ist, die dabei so unbeschreiblich pervertiert wird. Müssen die Imame lauter schreien? Ja, müssen sie! Denn es sind die Irren, die Ungebildeten und Fehlgeleiteten, die Gewalttäter allerorten, die das Bild unserer Religion nach außen bestimmen. Und es ist unsere Aufgabe – wessen sonst! – dagegen aufzutreten. Wir können nur an alle appellieren, nicht uns hier an den Wahnsinnstaten anderer, wo auch immer auf der Welt, zu messen. Nicht uns, und nicht DEN Islam. So wie wir nicht das Christentum und nicht das Judentum an dem messen wollen und werden, was Einzelne oder extremistische Strömungen an Leid verursachen.

IS-Terror_verurteilt_von_Muenchner_Imamen_SZ_Beitrag2014

„Imame verurteilen den IS-Terror“   SZ-Artikel von Bernd Kastner, September 2014

(…) Der Koran verurteilt das Töten Unschuldiger in der entschiedensten Formulierung, die denkbar ist:

مَنْ قَتَلَ نَفْسًا بِغَيْرِ نَفْسٍ أَوْ فَسَادٍ فِي الْأَرْضِ فَكَأَنَّمَا قَتَلَ النَّاسَ جَمِيعًا وَمَنْ أَحْيَاهَا فَكَأَنَّمَا أَحْيَا النَّاسَ جَمِيعًا
Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.“ (Koran: 5/32)

Unser Prophet Muhammed sagt:
لهدم الكعبة حجراً حجرا أهون من قتل مسلم
In den Augen Gottes ist es eine geringeres Vergehen, die Kaaba zu zerstören, als einen friedliebenden Menschen zu töten.

Dem Frieden gilt der gemeinsame Ruf aller Religionen. Barmherzigkeit ist mit weitem Abstand diejenige Aussage, die uns der Koran am häufigsten über Gott vor Augen hält. Allah selbst ist السلام „as-salam“, der Friede, und der wahre Muslim, der während seines Gebetes täglich dieses Wort immer wieder ausspricht, ist derjenige Mensch, der in Frieden mit Gott, mit sich selbst, seiner Umgebung, allen Menschen, Tieren und Pflanzen sowie mit dem ganzen Kosmos lebt. Allah fordert die Muslime dazu auf, die Botschaft des Friedens zu verbreiten und sich selbst ihrem Gegner gegenüber gerecht zu verhalten, um damit sein Herz zu erweichen und aus ihm einen Freund zu machen:

وَلا تَسْتَوِي الْحَسَنَةُ وَلا السَّيِّئَةُ ادْفَعْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ فَإِذَا الَّذِي بَيْنَكَ وَبَيْنَهُ عَدَاوَةٌ كَأَنَّهُ وَلِيٌّ حَمِيمٌ
Und nimmer sind das Gute und das Böse gleich. Wehre (das Böse) in bester Art ab, und siehe da, der, zwischen dem und dir Feindschaft herrschte, wird wie ein treuer Freund sein.“ (Koran: 41/34)

Als eine Konsequenz aus dem koranischen Gebot:

يَاأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا ادْخُلُوا فِي السِّلْمِ كَافَّةً
Ihr, die ihr glaubt! Tretet allesamt ein in den Frieden“ (Koran: 2/208)

müssen die Muslime in der ganzen Welt lautstark ihre Parteinahme für den Frieden entschieden und unmissverständlich, überall und unablässig kundtun. Islam bedeutet: der friedliebende Gehorsam Allah gegenüber, friedliche Akzeptanz und friedliche Praxis des Glaubens im Namen Allahs. Muslim bedeutet: der „friedliebende Mensch“, der Mensch, der Frieden auf Erden verbreitet. Dies bekundet der Prophet Muhammed (s) am besten, indem er den Muslim folgendermaßen beschreibt:

المسلم من سلم الناس من لسانه ويده
Der Muslim d.h. der friedliebende Mensch, ist verantwortlich dafür, dass die anderen friedliebenden Menschen vor seinen Händen und Worten sicher sind.

Wir rufen die Politik dazu auf, – in transparenter Weise gemeinsame Wege mit den Moscheegemeinden zu finden, wie wir den Extremismus effektiv bekämpfen können. Der Generalverdacht, unter den wir oft gestellt werden, ist kontraproduktiv und hat die Situation immer weiter verschärft! Die Politik muss dringend differenzierter vorgehen und unterscheiden, von welcher Seite tatsächliche Gefahr ausgeht, diese entschieden bekämpfen – aber ebenso entschieden mit denjenigen zusammenarbeiten und sie engagiert unterstützen, die den Islam richtig interpretieren und dadurch sehr viel effektiver gegen Missbrauch vorgehen können. (…)!

Link zur vollständigen Deklaration 

Am "Tag der Offenen Moschee 2015" erklärt ein Mitglied des MFI den Besuchern das geplante Bauvorhaben

Am „Tag der Offenen Moschee 2015“ erklärt ein Mitglied des MFI den Besuchern das geplante Bauvorhaben, Foto: MFI

Inzwischen war ich selbst schon zweimal zu Besuch im Münchner Forum für Islam, das vorläufig seinen Sitz in den Räumlichkeiten der Münchner Altstadt-Moschee, in der Hotterstraße 16 hat. Erstmals war ich zum „Tag der Offenen Moschee“ dort, den die islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland seit 1997 jedes Jahr am 3. Oktober  veranstalten. Eine deutsche Muslima führte mich durch die Räumlichkeiten und im Anschluss setzen wir uns zu einem Gespräch zusammen, das ich als  sehr anregenden Austausch zwischen zwei Frauen auf spiritueller Suche empfand.

Das Freitagsgebet beginnt in der Sommerzeit um 13.30 Uhr und im Winter um 12.30 Uhr, Foto: MFI

Das Freitagsgebet beginnt in der Sommerzeit um 13.30 Uhr, im Winter um 12.30 Uhr, Foto: MFI

Letzte Woche nahm ich erstmals am Freitagsgebet teil. Die Rituale eines Gottesdienstes, egal welcher Glaubensrichtung, rein sachlich beschreiben zu wollen, halte ich für wenig Erfolg versprechend. Hinter den festgeschriebenen, sichtbaren Abläufen verbirgt sich die Symbolik eines tieferen Sinnes. Und den kann nur jeder für sich selbst nachempfinden, vorausgesetzt man spürt das Bedürfnis, sich auf ein solches spirituelles Erlebnis einzulassen. Kürzlich wurde ich gefragt, ob man als „Ungläubige(r)“ denn überhaupt eine Moschee betreten dürfe?

Imam Idriz beim Freitagsgebet

Imam Idriz beim Freitagsgebet, Foto: MFI

Auf meine Nachfrage hin, teilte mir Imam Idriz mit, in der Moschee in Penzberg und in der Altstadt-Moschee in München sei jeder zum Freitagsgebet willkommen. Natürlich könne er nur für diese beiden Orte sprechen. Die Freitags-Predigt wird grundsätzlich auf Deutsch gehalten, der Gottesdienst beginnt während der Sommerzeit um 13.30 Uhr und im Winter um 12.30 Uhr und dauert ca. eine Stunde …As-salamu_aleiukm_wa_rahmetulla_Friede_Gnade_sei_mit_Eucch

Hinzufügen möchte ich noch die Bildbeschreibung, die ich auf der FB-Seite des Münchner Forums für Islam gefunden habe: „Wer den Gebetsritus der Muslime kennt, weiß, dass das Gebet mit ‚Allahu-akbar‘ (Gott ist der Größte) beginnt und sich dieser Spruch in allen Phasen des Gebetes wiederholt, nur nicht am Ende des Gebetes. Der Betende endet sein Gebet nicht mit ‚Allahu-akbar‘, sondern mit ‚As-salamu aleiukm wa rahmetullah‘, ‚der Friede und die Gnade sei mit euch!‘ Er wendet seinen Kopf zur rechten und zur linken Seite und verkündet den Frieden an alle Menschen und sagt: ‚Gott, Du bist der Friede selbst. Von Dir kommt Friede, und zu Dir führt der Friede zurück‘. Mit diesem Ritus macht sich der Muslim bewusst: So wie ich während des Gebetes nicht Böses gesprochen, gedacht oder getan habe, bleibe ich bis zum kommenden Gebet, in meinem Umfeld, mit allen Menschen, die sich zu meiner rechten und zu meiner linken Seite befinden, friedlich!‘ … „

Ähnlich unserem evangelischen Friedensgruß nach dem Abendmahl, so habe ich den Abschluss des muslimischen Gebets empfunden. Bewundernswert finde ich die Disziplin, mit der die frommen Muslime ihren Glauben ausüben, der soviel mehr verlangt, mehr an Gebeten, mehr an Verzicht und Ritualen, als es die Ausübung meines Glaubens fordert. Besonders in der heutigen, so durchgetakteten Zeit!

Das Kopftuch - ein polarisierendes Accessoire ...

Das Kopftuch – ein polarisierendes Thema

Bei meinen Besuchen in der Hotterstraße musste ich immer wieder feststellen, wie tief verwurzelt Vorurteile und Klischees in mir steckten und weiterhin stecken, wie so oft, wenn man von Gegebenheiten nur ansatzweise Ahnung hat. Begegnet man ihnen dann tatsächlich, zeigen sie sich anders als erwartet. Beispiele: Die deutsche Muslima, mit der ich mich so angeregt unterhalten habe, war kein unterdrücktes Mauerblümchen sondern eine selbstbewusste Akademikerin  – doch ja, sie trug sehr wohl das Kopftuch, ebenso trägt es die eine ihrer Töchter – doch nein, die andere trägt es nicht … Nein, der Imam sah nicht streng, asketisch oder gar düster aus – ja, er wirkte lebensbejahend und in Zivil eher wie ein Dressman – und  ja, er gab mir tatsächlich die Hand, mir, einer Frau, obgleich ein anderer Imam doch gerade der CDU-Politikerin Julia Klöckner den Händedruck verweigert hatte, auf  Grund ihres Geschlechts  ..?

Foto: MFI

Foto: MFI

Klischees können sich in der Realität bestätigen und  zeitgleich durch sie zurecht gerückt werden! Ich glaube, unsere sogenannte „abendländische“ Gesellschaft sollte bereit sein, ein wenig genauer hinzuschauen und den interreligiösen Dialog zu suchen, wo immer möglich, statt sich in diffusen Ängsten zu verlieren. Die Osmanen stehen nicht vor Wien! Sicher, der Islamismus, der macht auch mir Angst, große Angst …

„Wir haben auch Angst“, erwiderte letzten Freitag der Imam  …

Das Münchner Forum für Islam - Vision und Chance für ALLE Münchnerinnen und Münchner

Das Münchner Forum für Islam – Vision und Chance für ALLE Münchnerinnen und Münchner, Foto: MFI

Der Seher Johannes schreibt: „Ich sah einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern.“

(Offenbarung des Johannes 14,6)


Ein Großteil des Bildmaterials für diesen Blog wurde mir bereits am Wochenende seitens des Münchner Forums für Islam zur Verfügung gestellt und weitere Fotos von Aida Dedovic, Vorsitzende der Flüchtlingshilfe Münchner Muslime. Beiden danke ich für das Entgegenkommen und Vertrauen.


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogs

Standard