Vom Kreativ-Wirtschaften in der vogelfreien Künstlerszene – Zum Gespräch mit Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur – und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München

Jeder will ein großer Schauspieler sein, aber keiner ein kleiner Bühnenarbeiter,“ schreibt Ephraim Kishon in einer Episode aus seiner Satirensammlung „Kein Applaus für Podmanitzki„. Sie handelt vom „Tingel-Tangel“ Schauspieler Jarden Podmanitzki, „dem (sinngem.) berühmtesten Unbekannten“ seiner Zunft, dessen Narzißmus vor dem stoischen, da gewerkschaftlich abgesicherten Selbstverständnis des Kulissenschiebers Mundek kapitulieren muss. Podmanitzki ist so sehr auf sich und seine Kunst fokussiert, dass er die Umwelt und alle mit ihr verbundenen – profanen – Erfordernisse übersieht und den Intendanten vor ein fatales Ultimativ stellt: „Mundek oder ich!“ Podmanitzki ist überzeugt, dass sich der Chef den Verlust eines so großen Künstlers wie ihn nicht würde leisten können. Tatsächlich aber kann und will sich der Intendant keinen Ärger mit der Gewerkschaft der Bühnenarbeiter einhandeln. Am Ende zieht der „große Künstler“ gegenüber dem „kleinen“, aber besser organisierten Bühnenarbeiter den Kürzeren …

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Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft im Kreativquartier, Dachauer Str. 114, fotografiert nach unserem Gespräch am 25.2.16

Hätte Podmanitzki sich doch vom Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt München beraten lassen … 🙂

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.2016

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.16, Copyright LHM

„Hier finden professionelle Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende und Kreative bei der Stadt fachkundige Unterstützung und Beratung. Wir helfen mit Tipps zur Qualifizierung und zur Finanzierung Ihrer Vorhaben, Hinweisen zu Verwaltungsverfahren und Anlaufstellen bei Behörden und Verbänden, vorübergehenden Raumangeboten und bei der Vernetzung. (…)“ [Auszüge aus deren Homepage]

Hierbei handelt es sich um ein Beratungsangebot an die Kreativ-Szene, zu der auch wir Kunst- und Kulturschaffenden zählen. Kastanien aus dem Feuer können dort zwar keine geholt werden, es wird jedoch fachliche Hilfe zur Selbsthilfe geboten. Die anzunehmen lohnt in jedem Fall, da die Beratungen kostenlos erfolgen und das Kompetenzteam, auf die breit gefächerten Bedürfnisse der Klientel zugeschnitten, mit Fachkräften aus unterschiedlichen Segmenten der Kreativ-Branche besetzt ist, zu der die nachstehend aufgeführten Fachbereiche gezählt werden:

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Foto: Werner Bauer, aus der jourfixe-Produktion „Kein Applaus für Podmanitzki“ von Gaby dos Santos

Musik    ~  Presse    ~   Werbung    ~   Film    ~  Buchmarkt   ~  Bildende Kunst    ~   Design  Rundfunkwirtschaft  ~  Architektur   ~   Games und Software  ~  Darstellende Kunst

Jede/r kann einen Termin per Email: kreativ@muenchen.de anfragen, sollte aber bitte ein wenig Geduld aufbringen; die Wartezeit kann einige Wochen betragen.

Alle Beratungen des Kompetenzteams finden im Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114 statt, 2. Eingang links, 2. OG rechts, nur 3 Gehminuten entfernt von der Haltestelle „Leonrodplatz“, Tramlinien 20/21.

Die Beratung stützt sich auf fünf Kernpunkte zur Verbesserung der allgemeinen Arbeitssituation und zur Optimierung der jeweiligen Projekte:

  • Sichtbarkeit (z. B. durch gezieltere PR/Marketing-Strategien, Pop-up-Stores)
  • Unterstützung bei der Suche nach Räumlichkeiten (Probenräume, Ateliers)
  • Vermittlung von wirtschaftlichem Know How (z. B. zur Anlage von Business-Plänen und/oder Förderanträgen)
  • Vernetzung (z. B. die Branchen.meet.up’s, s. Absatz am Ende des BlogBeitrags)
  • Wertschätzung

Was die Wertschätzung anbelangt, so stellt sie meiner Meinung nach die größte Herausforderung dar:

Es herrscht zwar vage ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass: „Ohne Kunst keine Kultur keine Zivilisation!“ und einige wenige unserer Zunft überstrahlen unseren Künstler-Kosmos. Diese werden verehrt. Aber wie steht es mit dem Respekt gegenüber der breiten Mehrheit aller Kunst- und Kulturschaffenden, die zwar weitestgehend „No Names“ sind, zugleich aber die Basis dafür bilden, dass Kunst und Kultur überhaupt stattfinden können? Eine eher rhetorische Frage, zu der sich endlos Anekdoten der unschönen Art erzählen ließen!

Kreative, die sich weder einer festen Anstellung in städtischen oder staatlichen Kulturbetrieben, noch einer guten Auftragslage erfreuen, bewegen sich in einem Bereich, der euphemistisch als „Freie Szene“ bezeichnet wird und unter dem Begriff „La Bohème“ (s. Szenenfoto unten) verklärend durch die Kulturgeschichte geistert.

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Szene aus der „La Bohème“ von Franco Zeffirelli, in der  Metropolitan Opera, N.Y.

„Frei“ an der Bohème-Szene ist jedoch vor allem der Umstand, dass man dort ohne Netz und doppelten Boden schöpferisch tätig ist. Nicht selten endet man dabei via freiem Fall in einem Prekariat, das ich gern als „Vogelfreie Szene“ bezeichne (in Anlehnung an den Bann in die Rechtslosigkeit früherer Zeiten). Schon Carl Spitzweg [s. Titelmotiv] setzte mit seinem Gemälde „Der Arme Poet“ diesem Zustand ein zeitloses Denkmal, dito Puccini mit seiner „La Bohème„-Oper. Dazu äußerte eine Kollegin jüngst auf Facebook: „Neulich in Pucchinis La Boheme: Heute auch wieder möglich, wenn man sich keine Krankenversicherung mehr leisten kann …

[Bild aus der jourfixe-Collage

Foto von Werner Bauer, jourfixe-Collage „Kein Applaus für Podmanitzki“ zur Hörprobe „Vogelfrei“

 Martin Wichmann (Foto), Kleindarsteller und Regisseur „vogelfreier“ Bühnenprojekte schildert in meiner Adaption von „Kein Applaus für Podmanitzki“ überspitzt, aber realitätsnah seine spartanischen Arbeitsverhältnisse. Keine Probengelder vorhanden? Nun gut, dann muss in der eigenen Küche der Ghettoblaster „zum Abhören all meiner Rollen“ her. Der lakonische Tonfall deutet an, dass sich da einer, exemplarisch für viele, mit seiner Vita als Haut überzogene Anekdote abgefunden hat, die einer Satirensammlung zum Künstlerleben entsprungen scheint. Ganz so, wie Kishons Podmanitzki eben.

Das ewige Problem von Sichtbarkeit und Selbstdarstellung … Foto: Werner Bauer  aus  „Kein Applaus für Podmanitzki“

Dass mag Heiterkeit erwecken, nicht aber Respekt. Gezwungen, mit beschränkten Mitteln zu arbeiten, wird einem zudem ganz schnell der Stempel mangelnder Professionalität aufgedrückt, ohne dass dabei der Ideenreichtum, das Talent und die Leidenschaftlichkeit dahinter bemerkt, geschweige denn gewürdigt würden.

Hier mangelt es schlichtweg an der vom Kompetenzteam eingeforderten „Sichtbarkeit„, ohne die kein Weg aus der künstlerischen Bredouille führt. Die wiederum setzt voraus, dass der schöpferische Wildwuchs in eine Struktur gebracht wird, sowohl im Sinne einer optimierten Selbstdarstellung, wie auch einer gewissen, auf Dauer unverzichtbaren Wirtschaftlichkeit.

Mehr Selbstbewusstsein seitens der Künstler und mehr Markt-Orientierung!

… forderte daher im August 2014 Frau Dr. Angelika Baumann, Abteilungsleiterin im Kulturreferat der Abt. 1: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Literatur, Musik, Stadtgeschichte und Wissenschaft in einem Interview für den jourfixe-Blog: Und lieferte zugleich die Überschrift mit:

„Ohne Künstler und Kunstschaffende wäre keine Stadt lebenswert“

Dem hat die Landeshauptstadt München inzwischen konkret Taten folgen lassen und mit dem Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114, ein detailliert durchdachtes, großzügig und langfristig angelegtes Projekt angestoßen, das unsere Stadt in der internationalen Wahrnehmung ein Stück weit zurück in jene Blütezeit beamen könnte, als München noch Schwabing war.

Der Kulturausschuss beschloss einstimmig, im sogenannten „Kreativ-Park“ an der Dachauer Straße zwei große Industriehallen zu sanieren und der freien Szene zur Verfügung zu stellen. Zwei große Säle, Studios, Proben- und Arbeitsräume, Ateliers, eine Gaststätte und weitere Angebote sollen dort allen Sparten der Kunst eine Heimat geben. (Aus „Das Kreativquartier wächst„, 07.10.16, SZ.de).

Vermittlung von Know How an Münchner Kreative - Hier eine Veranstaltung des Kompetenzteams

Vermittlung von Know How an Kreative: Bei einer Veranstaltung des Kompetenzteams,  Copyright LHM, Fotograf Michael Schinharl

Die Überlegung, dieses Bauvorhaben durch eine Anlaufstelle für die kreative Ziel-Klientel zu ergänzen, besagtem Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft, ist bundesweit bislang einmalig und macht offensichtlich Schule. Der entsprechende Stadtratsbeschluss diene inzwischen sogar anderen Städten als Blaupause, erläuterte mir Jürgen Enninger im Interview.

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Die Idee, Kunst in einem lebendigen Umfeld anzusiedeln, wird meiner Ansicht nach schöpferische Impulse fördern. Zugleich wird das Kreativquartier, nach Fertigstellung, beträchtliche Kapazitäten bieten, diese Impulse dort auch zu verwirklichen! Bereits im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, an einer Führung von Marc Gegenfurtner, Nachfolger im Kulturreferat von Frau Dr. Baumann, teilzunehmen. Was er uns zeigte und erläuterte, hat mich zunächst in seinen Dimensionen schlichtweg geplättet. Erst jetzt, nach dem Gespräch mit Herrn Enninger, ist mir so richtig bewusst geworden, was und in welchen Größenordnungen in der Dachauer Straße gerade entsteht und welche Chancen das für viele von uns beinhalten kann.

Das Münchner Kreativquartier in der Dachauer Str. 114, Quelle: FB-Seite

Schon jetzt verströmt das Areal kreative Geschäftigkeit. Entsprechend gespannt bin ich auf die Zeit, wenn die fertigen Locations mit Inhalten gefüllt werden. Dazu sind dann die Kreativen selbst aufgerufen. Wenn auch nicht jede/r, so werden doch viele mehr als bisher, auf die eine oder andere Weise, eine schöpferische Heimat dort finden können. Auf dem Weg dahin führt gleich am zweiten Eingang links eine Treppe zu den Büros des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft …


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„Wo bitte geht’s zu Buch und Bühne?“ Persönliche Reminiszenzen zum Künstlerkreis Kaleidoskop, kombiniert mit einer Chronik von Bernhard Ganter

Jeder, den es in die Welt der Literatur, Malerei oder auf jene Bretter verschlagen hat, die die Welt bedeuten und auch der, der meint, vom Schicksal auf dem Weg dorthin aufgehalten worden zu sein, teilt eine Erfahrung: Schon als Kind verzückte man wahlweise oder en bloc Familie, Lehrer, kurzum das unmittelbare Umfeld mit künstlerischen Darbietungen derart, das einem der Sternenstaub einer künstlerischen Karriere in das Buch des Lebens geschrieben schien. Nachdem aber zwischen Sein und Schein eine Realität liegt, die versorgt werden will, schleicht sich meist das Bedürfnis nach einem gesicherten Broterwerb auf leisen Sohlen ein.

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Bretter, die die Welt bedeuten … http://www.bauerwerner.com/

Der institutionalisierte Weg über Studium der Kunst, Theaterwissenschaften, Musik und/oder Schauspielerei, Regie etc. wird gar nicht erst eingeschlagen. Oft erst Jahre später erinnert einen dann ein Ereignis daran, dass man doch ursprünglich von einem ganz anderen Lebensweg geträumt hatte … Und in diesem Moment drohen all diese alten Träume von Glanz, Gloria und künstlerischer Selbstverwirklichung unwiederbringlich im Mittelmaß des Daseins zu ersticken.

Mein (Wieder)Erweckungserlebnis war die große Liebe zu einem Künstler. Zum einen stand er genau für jene Welt, in die es mich einst als Kind schon gezogen hatte. Zum anderen weckte das Verzweifelte dieser Beziehung in mir den unbedingten Drang, mich auszudrücken, meine Empfindungen und Gedanken in eine sublimierte, allgemein gültige Form zu bringen und öffentlich kund zu tun. Kurzum, ich fand es an der Zeit, neben Kind und Bürojob, in die Welt der Bohème einzutauchen und dort bitteschön auch gleich gefeiert zu werden. Letzeres erwies sich schnell als Utopie 😉

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Gaby dos Santos, 1992, Foto: Wolf-Dieter Roth

Die Welt im allgemeinen und die der Kunst insbesondere schien nicht auf mich zu warten, wem auch immer ich meine frisch verfassten Texte aufdrängte. Da meine Kreativität und ich, auf Grund des damals aktuellen Liebesdramas, eine Phase unausgelebter Sinnlichkeit durchlitten, handelte es sich bei dem Endprodukt um erotische Gedichte, mitunter an der Grenze zum Pornografischen. Das Echo: verhalten.

Wie also sollte ich mir nun Zugang zum Künstlertum erschließen? Zum Glück war und bin ich in München nicht die einzige, die sich über Umwege zur Kunst berufen fühlt(e). Schon bald fand ich mich unter Gleichgesinnten wieder, Schwerpunkt: Literarische Ergüsse. Man traf sich zu irgendwelchen Workshops oder Leseabenden in Kneipen-Hinterzimmern und lauschte den mehr oder weniger gelungenen Texten der Konkurrenz, um dafür im Gegenzug deren Aufmerksamkeit zu ernten und – früher oder später – davon war jeder von uns überzeugt – die allgemeine Anerkennung als größtes literarisches Talent seit … nun ja mindestens seit der Blechtrommel. Gelesen wurde von zusammengehefteten Blättern und „entdeckt“ wurde, soweit ich weiß, keiner von uns …

In dieser Zeit begegnete mir eine wirklich bemerkenswerte Frau, mit starkem künstlerischen Background: Die Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Monica Kleiber. Ihr verstorbener Mann war Regisseur gewesen, ihre Tochter Claudia Kleiber arbeitete ebenfalls als Schauspielerin und Synchronsprecherin. Monica gehörte eigentlich gar nicht in die Riege von uns Greenhorns, da sie eine solide Schauspielausbildung, Bühnenerfahrung und ein uns weit überlegenes lyrisches Können auszeichneten. Sie setzte mir erstmals die Notwendigkeit von Selbstdisziplin, Akribie und Hingabe bei künstlerischen Prozessen auseinander, an der sich früher oder später die Spreu vom Weizen, die wirklich berufenen Kunstschaffenden von den reinen Selbstdarstellern scheiden.

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Der Künstlerkreis Kaleidoskop, seit 1987, wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Monica ist es auch zu verdanken, dass ich mich aus dem Dunstkreis von kreativer Selbstverliebtheit und Dilettantismus allmählich zu lösen vermochte, denn sie war es, die mich 1992 in den Künstlerkreis Kaleidoskop einführte, der zwar allen offen stand und steht, sich aber auf einem künstlerisch schwindelerregend höheren Niveau bewegte, als alles, was ich bis dato kennengelernt hatte. Offensichtlich bewegten sich in diesem Zirkel vorwiegend Leute, die ich für mich als „echte“ Künstler und Literaten definierte:

Als erster trat ein gewisser Milan Esten von Funcke auf, Autor und Leiter der Komparserie am Residenztheater. Er las aus seinem gerade erschienen Buch „Liebe – das Jahrtausendmißverständnis“. Aus einem „echten“, gedruckten Buch!, erschienen nicht etwa im Selbst- sondern in einem ebenso „echten“ Verlag!  Ehrfurcht ergriff mich. Erst recht, als ich bemerkte, dass durch den Abend zwei! noch veritablere Schriftsteller führten, die noch mehr „echte“ Bücher bei „echten“ Verlagen ihr eigen nannten. Milan, mit seinem Erstlingsbuch war nur der Auftakt gewesen.

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Bei dem einen Gastgeber handelte es sich um den unvergessenen Münchner Autor und Dramatiker Werner Schlierf, von dem es ein Stück sogar bis nach New York und „Off-Broadway“ geschafft hatte! Allein die Tatsache, dass einem hier das Wort „Broadway“ – wenn auch etwas „Off“-personifiziert erschien, elektrisierte mich. Der andere Gastgeber war der Autor Bernhard Ganter, der damals gerade eine Anthologie in der Mache hatte, in dem sich zahlreiche, ebenfalls „echte“ Prominente gegen Fremdenfeindlichkeit zu Wort meldeten. Wow! Später lernte ich, dass auch die Gründung dieses Künstlerkreises auf die beiden Autoren zurückzuführen war.

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Bernhard Ganter schreibt dazu rückblickend:

Im Bamberger Haus lernte ich Prinz Luitpold von Bayern und die Gräfin Sayn zu Wittgenstein kennen, die mich fragten, ob ich mir vorstellen könne, das altehrwürdige Haus mit Kultur zu beseelen, einen Künstlerkreis ins Leben zu rufen, einen Treff, wo nicht nur Künstler sondern auch Kunstinteressierte jeglichen Couleurs willkommen sein sollten, mit dem Ziel, einen Freundeskreis von Künstlern, Publizisten und Kunstinteressierten zu schaffen, der die Traditionen vergangener Künstlerstammtische und Künstlervereinigungen fortsetzt, die in München seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unsere Stadt entscheidend mitgeprägt haben (Münchner Boheme).

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Simplizissius-Wirtin Kathi Kobus, Mittelpunkt der legendären Münchner Bohème um 1900, Bildquelle: „Mein Alter Simpl“ von Toni Netzle

Ich holte mir Rat bei meinen Freunden, dem Schriftstellerkollegen Werner Schlierf, dem Karikaturisten Franz Eder.  Am 29. Nov. 1987 trafen wir uns auf der Cafeterrasse des

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Die Wiege des Künstlerkreises Kaleidoskop: Das Bamberger Haus im Münchner Luitpoldpark; Quelle: Wikipedia

Bamberger Haus mit Prinz Luitpold von Bayern und der Gräfin Sayn zu Wittgenstein. Das war die Geburtsstunde des Künstlerkreises Kaleidoskop. Am Anfang waren wir nur eine handvoll Künstler, doch mit der Zeit wurden es immer mehr. Unsere Veranstaltungen fanden großen Anklang, so dass auch die Publikumszahl stetig anstieg. So kam es, dass wir uns einvernehmlich mit Prinz Luitplod und Gräfin Sayn zu Wittgenstein trennten, um uns eine größere Bleibe zu suchen.

Eine Odyssee begann, bis wir schließlich im Münchner Hinterhoftheater (heute Theaterplatz, Wirtshaus am Hart) fündig wurden. Viele prominente Künstler fanden seither immer wieder den Weg zum Künstlerkreis Kaleidoskop. Aber auch Künstler, die damals noch keine so großen Namen hatten, traten auf den KKK-Brettern auf, so wie Christian Springer, bevor er in den Olymp der ganz Großen Einzug hielt.

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Werner Schlierf, Bernhard Ganter, Kabarettistin Gisela Schneeberger, Promiwirt Rosario Liberatore und Karikaturist Franz Eder, Foto: B. Ganter

Oberbürgermeister Christian Ude ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio für unsere Preisträgerin Gisela Schneeberger zu halten und schrieb uns ins Stammbuch „Ich habe mich hier sehr, sehr wohl gefühlt …“ und im SZ Interview äußerte Ude:

Der damalige Münchner OB Christian Ude als Laudator

Der damalige Münchner OB Ude als Laudator, Foto: B. Ganter

Der Künstlerkreis Kaleidoskop ist ein würdiger Nachfolger der „Traumstadt„, jener unvergessenen Künstlervereinigung um den Schwabinger Künstler Peter Paul Althaus.“ Das war wie ein Ritterschlag für uns, und wir alle waren mächtig stolz darauf.

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz, Foto: B. Ganter

Ebenso stolz waren wir, dass unsere Veranstaltung von vier Fernsehsendern Besuch erhielt, RTL, Bayerisches Fernsehen, TV München und, was wir nicht für möglich gehalten haben, das ZDF mit Nina Ruge in „Leute heute“!

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David Copperfields Limousine fährt am Hinterhoftheater vor … Foto: B. Ganter

Aber manchmal gab es auch ganz lustige Episoden. Als wir den alljährlichen Kaleidoskop-Preis dem Kabarettisten Bruno Jonas und dem Hollywoodautor und Liedtexter Max Colpet – er schrieb u.a. für Marlene Dietrich das Lied „Sag mir wo die Blumen sind …“ – verliehen, wollten wir einen Gag versuchen. Wir charterten eine Strechlimousine und ließen die beiden Künstler damit am Hinterhoftheater vorfahren. Jene Limousine, in der am Tag zuvor der bekannte Las Vegas Magier David Copperfield durch München kutschiert wurde. Stretchlimousine und Hinterhoftheater, konträrer ging das nicht. Schon bei der Anfahrt gab es Probleme. Die drei TV-Kamerateams schalteten jedes Mal ihre Kameras zu spät ein. Und weil sie uns ja beim Vorfahren und Aussteigen filmen wollten, baten sie uns, nochmals um den Stock zu fahren.

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas, Quelle: B. Ganter

Das ging dreimal so. Bruno Jonas wirkte etwas verstört, unsicher, ja fast schüchtern, was ich bei Bruno so nicht kannte. Nach einer Weile, als er sich unbeobachtet fühlte, zog er mich etwas zur Seite und sagte zu mir: „Du, Bernhard, ganz im Ernst, das ist doch hier Vorsicht Kamera, oder?“ Das war’s also.

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas; Foto: Ganter

Ich konnte ihn jedoch von der Ernsthaftigkeit unserer Absichten überzeugen, und es wurde ein wunderschöner Abend mit den beiden Preisträgern.

Das in Kürze und trotzdem lang, eine kleine Chronik über das Werden des Künstlerkreises Kaleidoskop. 16 Jahre lang haben Werner Schlierf und ich den Künstlerkreis geleitet, dann konnten wir nicht mehr, aus Zeitmangel.

Soweit erst einmal Bernhard Ganters Bericht.

Während meiner eigenen Zeit als Gast im Künstlerkreis Kaleidoskop lernte ich eine ganze Menge über die Arbeitsweise „echter“ Künstler, ebenso über Mechanismen in der Kunst- und Kulturszene und knüpfte erste Kontakte. Begegnung und Kontakte bilden einfach das „A“ und „O“ in unserer Branche, mehr als in allen anderen.

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1994 führte ich das Wirtshaus zum Isartal als Kleinkunstbühne ein, u. a. mit den schrägen Seifenblasenfesten; Collage: Gaby dos Santos

Bald darauf, 1994, eröffnete ich meine erste eigene Kleinkunstbühne bzw. führte das „Wirtshaus zum Isartal“ als Spielort in dieser Funktion ein. Später folgten die WerkstattBühne in der Gabelsperger Straße und gleich darauf die Gründung des Jour Fixe im Nachtcafé. Entsprechend knapp wurde meine Zeit und nagelte mich an die eigenen Veranstaltungsorte und Projekte fest.

Irgendwann las ich – einige Jahre ist das  nun auch schon wieder her – überrascht und traurig vom Tod Werner Schlierfs. Mein Vorsatz, endlich wieder einmal den Künstlerkreis Kaleidoskop zu besuchen, wurde stärker, ließ sich aber erst im Dezember letzten Jahres verwirklichen, nachdem es mir endlich gelungen war, den Umfang eigener Produktionen (Multimedia-Collagen) entschieden zurück zu fahren, um künftig „öfter mal einen Blick über den kulturellen Tellerrand zu werfen“. Und damit schließt sich, was das Kaleidoskop und mich anbelangt, nunmehr ein Kreis …

Seilschaft aus Budapest: Csaba Gál mit Peter Lang in dessen Artist Studio

Gál mit Peter Lang im Artist Studio, Foto GdS

Zumal der jetzige Kaleidoskop-Leiter  Csaba Gál  wiederum mit dem Inhaber meines Produktionsstudios und jourfixe-Vereinsfreund Peter Lang noch aus Budapester Zeiten gut bekannt ist …

Bernhard Ganter schreibt über Csaba Gál als Nachfolger:

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V. li: Csaba Gál, Werner Schlierf, Charles Kalman; Foto: Dieter Schnöpf

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wird seit September 2009 von dem großartigen Künstler und Chansonpoet Csaba Gál geleitet. Ihm gebührt mein Respekt, meine Hochachtung und mein Dank, für sein unermüdliches Wirken, allmonatlich mit einem Programm aufzuwarten das seinesgleichen sucht.

Der „Ungar in Bayern“ Csaba Gál hatte zwischen 2002 und 2004 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Werner Schlierf aufgenommen, von dem er viele Gedichte vertonte, um sie dann im Duo aufzuführen. Auch Schlierfs in der Nachkriegszeit angesiedeltes Theaterstück „Joe und Marianne“ nahm sich Gál an, übersetzte es ins Ungarische und veröffentlichte es in seiner Heimat mit großem Echo. Da Csaba Gál zudem viel von dem legendären aber leider selten gewordenen K & K – Charme versprüht, erscheint mir seine Nachfolge als Leiter des Kulturkreises Kaleidoskop eine sinnige wie stimmige Wahl!

Rote Baskenmütze als Kennzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop_Leiter Csaba Gál im Dezember 2015

Rote Baskenmütze als Markenzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop-Leiter Csaba Gál im Dezember 2015, Foto: Klaus Stießberger

Vor meinem Besuch 2015 war ich zuletzt 1993, mit der begnadeten Chansonsängerin Susan Avilés im Kaleidoskop zu Gast gewesen, kurz nach meiner Hochzeit in Rio. (Wie das Leben so spielt, NICHT mit jener großen Liebe, die mich in die Bohème getrieben und zum Kaleidoskop geführt hatte.) Nun kehrte ich, anlässlich der Verleihung des Kaleidoskop-Tellers im Dezember 2015 zurück, nach – ich habe gerade fassungslos nachgerechnet – 22 Jahren!

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 - 2009; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 – 2009; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Chapeau an die Herren Schlierf und Ganter, an das Künstler-Paar Katja und Konrad Kortin und schließlich an Csaba Gál, denen allen es zu verdanken ist, dass dieses künstlerische Biotop, nicht wie so manches andere in der Künstlerszene, schnell vertrocknet ist, sondern noch in schönster Blüte steht.

2010 erhält der wohl namhafteste deutsche Liedermacher, Konstantin Wecker, den begehrten Kaleidoskop-Teller. Hier neben Csaba Gál, Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Kaleidoskop-Teller 2010 für Konstantin Wecker http://www.kk-kaleidoskop.de

Anlass für meinen Besuch 2015 war die alljährliche Verleihung des Kaleidoskop-Tellers, den schon Ikonen der Münchner Künstlerszene erhielten, wie beispielsweise 2010 Konstantin Wecker.

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither; Foto: Klaus Stießberger

Auch 2015 war  ein Programm auf hohem künstlerischen Niveau geboten, u. a. mit dem Träger des Deutschen Kabarettpreises 2015, Kabarettist Josef Brustmann, der eine virtuose Laudatio hielt und zwar auf  Wolfgang Ramadan, der mit einem der Kaleidoskop-Teller 2015 ausgezeichnet wurde.

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015, Foto: Klaus Stießberger

Ramadan-Kostprobe: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau – wie vor jedem kleinen.

An Wolfgang Ramadan, den ich selbst seit vielen Jahren kenne, führt in der bayerischen Kunst – und Kulturszene sowieso seit Jahrzehnten kein Weg vorbei: Poet, Kabarettist, Garchinger Kulturreferent, Schauspieler, Kulturmanager, Networker … Ach, ich glaube, ich widme ihm gelegentlich mal lieber einen eigenen Blog-Beitrag 😉

Kulturverein Arche Noe, Kufstein

Kulturverein Arche Noe, Kufstein, 2015 prämiert im Kaleidoskop; Foto: Stießberger

Der zweite Kaleidoskop-Teller ging 2015 an den Kulturverein Arche Noe Kufstein. In seiner Laudatio äußert Dr. Uwe Kullnick – Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA) einen Gedanken, den ich  nicht nur für zutreffend auf die Kufsteiner Preisträger, sondern auf die Kleinkunst allgemein halte, die der Künstlerkreis Kaleidoskop schon so lange repräsentiert:

Die Laudation von Dr. Uwe Kullnick berührte mich sehr

Laudator Dr. Uwe Kullnick, Foto: Klaus Stießberger

„Hier gibt es Kleinkunst. Dabei ist hier kaum etwas klein. Vielleicht das Budget, aber wo am Puls Kultur liebender Menschen und abseits der subventionierten Kultur-Groß-Ereignisse und der Riesenveranstaltungen der Musik-Stars, ist es das nicht? Klein ist hier nur der Aufwand und der Obolus der Zuschauer und nahezu winzigklein die Gefahr enttäuscht zu werden. Riesengroß hingegen ist das, was geboten wird, was man genießen und mitnehmen kann, nämlich die Kunst. (…)“

Schon länger suche ich nach einem geeigneten Treffpunkt, an dem auch die Kulturplattform jourfixe-muenchen einmal im Monat eine wieder „fixe“ Anlaufstelle für Kolleginnen und Kollegen, jourfixe-Freundinnen und Freunde bieten kann.

Im Dezember besuchte ich das Kaleidoskop gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Krista Posch sowie Fotograf Klaus Stießberger

Kaleidoskop-Besuch 2015: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch mit Gaby dos Santos in Begleitung von Fotograf Klaus Stießberger

Dafür scheint der Künstlerkreis Kaleidoskop, mit seinem Ablauf, wie geschaffen: Ein gemütlicher Gast- und Bühnenraum lädt zwischen 18 Uhr und 20 Uhr zum Essen, zu Austausch und Kontakten und danach, bei freiem Eintritt, zu einem stets breit gefächerten Kulturprogramm. Zugleich hoffe ich, das Kaleidoskop mit etwas PR unterstützen zu können und damit ein wenig von dem zurück zu geben, was es mir vermittelt hat, und das auf dem Weg aller Kunstschaffenden sowie für ein besseres Kunstverständnis seitens des Kulturpublikums unbezahlbar ist: Informative Schlüssellochperspektiven auf den Kosmos von Kunst und Kultur.

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Csaba Gal, Dez. 2015; Foto: Stießberger

Foto: Stießberger

Der nächste Termin ist am Montag, 7. März 16.(KaleidoskopAbende finden immer am 1. Montag des Monats statt)

Mitwirkende:  
Erika Stadler , Liedermacherin
Schorsch Hampel, Bluespoet
Rick Baltes, Liedermacher
Jan-Eike Hornauer, Textzüchter
Helmut Eckl, Münchner Turmschreiber (Poetentaler), Mundartdichter, Satiriker

Durch den Kaleidoskop-Abend führt, wie immer, der Chansonpoet und Conférencier Csaba Gal.

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