Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018

Während ich diese Zeilen in den Laptop tippe, proben in Berlin gerade 66 Orchestermusikerinnen, unter Leitung von Mary Ellen Kitchens (Vorstand musica femina München e.V. und Archiv Frau und Musik).

Marie-Ellen Kitchens dirigiert die 66 Musikerinnen des FOP; Foto: 2015 im Interview

Sie haben sich an diesem Wochenende wieder zum Frauenorchester Projekt – FOP zusammen gefunden, zu dem seit 2007 alljährlich Musikerinnen von überall her anreisen, um gemeinsam zwei Tage lang ausschließlich Stücke von Komponistinnen zu erarbeiten und am Sonntag Mittag, in einem Abschlusskonzert, der Berliner Öffentlichkeit vorzustellen.

Viel Aufwand für eine einzige Aufführung!? Könnte man meinen, aber hier ist der Weg – Begegnung und Austausch unter den Musikerinnen – auch schon ein Ziel und zudem ein unverzichtbares:

„Und zur Frage, was eigentlich das FOP soll? – Das habe ich mich bei dem Aufwand auch hin und wieder gefragt. Insgesamt möchte ich gern wissen, was für Musik es von Frauen gibt, und mich nicht mit dem weithin gepflegten Vorurteil hinsichtlich deren Zweitklassigkeit aufhalten. Sicherlich ist die Bandbreite der Qualität groß und ich schätze mich glücklich, bereits mehrere „Juwelen“ kennengelernt zu haben,“ lautet auf der FOM-Homepage die Antwort der Bassistin Gudrun Schnellbacher, von der auch der erste Impuls zur Gründung der FOM ausging.

Emilie Luise Friederika Mayer 1812 – 1883, Komponistin

Seinerzeit hatte sie in der Staatsbibliothek Berlin die Partitur von Emilie Mayers Ouverture Nr. 3 in C-Dur gefunden und wollte diese gerne aufführen, aber „meine“ übrigen Orchester dazu zu bringen, einmal etwas Unbekanntes zu wagen (und zu gewinnen!), gestaltet sich zäh und in der Regel erfolglos. (…)

Das Problem ist, (…) dass die lange Zeit unterdrückte oder zurückgedrängte Rolle der Frau als Komponistin dazu geführt hat, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen, wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist,“ bringt musica femina münchen e.V. das Manko auf den Punkt und engagiert sich entsprechend: „“Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!” (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Abschlusskonzert 2017, Dirigentin Mary-Ellen Kitchens, Mitte/grauer Blazer, Bild: FOP

Noch heute hat Frau es in der Welt von Kunst und Kultur nicht leicht – wie erst gestern in einer Statistik in der Kultursendung „Aspekte“ wieder thematisiert („Pro Quote Film“). Um wie viel mehr mussten dann erst die musikschaffenden Frauen in der Vergangenheit kämpfen, um auch nur einen kleinen Zeh in den Kosmos der Schönen Klänge zu bekommen? Der Blick auf die in der FOP-Werkschau 2018 vertretenen Komponistinnen enthüllt beachtliche Lebensleistungen:*

Elfrida Andrée, 1916

Elfrida Andrée  (1841 – 1929, Schweden): Die Schülerin von Ludvig Norman und Niels Wilhelm Gade war eine Vertreterin der Frauenbewegung. Sie war eine der ersten Organistinnen im skandinavischen Raum. Ab 1861 wirkte sie in Stockholm und wurde 1867 Organistin an der Kathedrale von Göteborg. Für ihre Verdienste wurde sie zum Mitglied der Schwedischen Musikakademie gewählt. Andrées Orgelsinfonien werden bis in die Gegenwart aufgeführt. Sie komponierte außerdem 1899 die Oper „Fritiofs Saga“ auf einen Text von Selma Lagerlöf, mehrere Orchesterwerke, ein Klavierquartett und ein Klaviertrio, Violin- und Klavierstücke, eine Schwedische Messe und Lieder. 

Ethel Smyth, Januar 1922

Ethel Smyth (1858 – 1944, England), war eine englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und eine der Mitkämpferinnen der britischen Suffragetten. Ihr Leben war wesentlich davon geprägt, sich als Komponistin durchzusetzen und als solche Anerkennung in der Öffentlichkeit zu finden. (…) Ihre Kompositionen umfassen sinfonische Werke, Kammermusik, Chorwerke und Opern. Ihre bekannteste Oper ist „The Wreckers“(deutsch „Strandrecht“). Ihr bekanntestes Werk ist allerdings The March of Women, das zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung wurde.

Vítězslava Kaprálová (1915-1940, Tschechien), Tochter von [Komponist] Václav Kaprál studierte von 1930 bis 1935 in Brünn Komposition bei Vilém Petrželka und Dirigieren bei Zdeněk Chalabala. Sie setzte ihre Ausbildung am Prager Konservatorium bei Vítězslav Novák (Komposition) und Václav Talich (Dirigieren) fort und ging 1937 nach Paris, wo sie die École Normale de Musique fortsetzte und Schülerin von Bohuslav Martinů und Charles Munch war. 1937 entstand ihre „Militärsinfonietta“, deren Uraufführung sie dirigierte und für die sie mit dem „Smetana-Preis“ ausgezeichnet wurde. Mit dem BBC Symphony Orchestra eröffnete sie 1938 das Festival der International Society for Contemporary Music mit diesem Werk. Nach der Okkupation der Tschechoslowakei 1939 beschloss Kaprálová, in Paris im Exil zu bleiben. 1940 heiratete sie den Schriftsteller Jiří Mucha. Vor der drohenden Besetzung von Paris wurde sie nach Montpellier evakuiert, wo sie an einer  Miliartuberkulose oder Peritonitis verstarb. Trotz ihres kurzen Lebens hinterließ Kaprálová etwa fünfzig Werke. (…)

Vilma Webenau, 1924, aus dem Fotoalbum  Arnold Schönbergs, Geburtstagsgeschenk seiner SchülerInnen zum 50. Geburtstag (Schönberg-Center Wien)

Vilma Weber von Webenau (1875 – 1953, Österreich) wuchs in Wien auf und war dort Klavierschülerin von Cäcilie von Frank , die im 1. Bezirk einen illustren musikalischen Salon betrieb. (…) Vilma von Webenau wurde in Folge die wohl erste Privatschülerin Arnold Schönbergs. Bei ihm nahm sie von 1898/99 – 1902 Harmonielehre- und Kompositionsunterricht und folgte ihm im Jahr 1900 bei seiner Übersiedlung nach Berlin. Ende 1899 gab sie auch erfolgreich Konzerte in London. Danach lebte sie als Musiklehrerin in Wien, wo ihre Werke erstmals 1907 öffentlich aufgeführt wurden.(…) Sie war Mitglied im Club der Wiener Musikerinnen (…) und gehörte zu dessen profiliertesten Persönlichkeiten. Ihr musikalischer Nachlass befindet sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Der illustren Vertreterin des Clubs der Wiener Musikerinnen,Vilma von Webenau und ihren zeitgenössischen Kolleginnen, widmen nun also an diesem Wochenende Musikerinnen des 21. Jahrhunderts Hingabe, Zeit und Talent. Ebenso wie Vilma von Webenau sind viele von ihnen, nicht zuletzt Dirigentin und Chorleiterin Mary Ellen Kitchens, in Netzwerken organisiert. Dadurch wächst langsam aber stetig der Druck auf die noch immer patriarchalisch strukturierte Musikwelt, Raum und Gehör  für bislang kaum bekannte musikalische Preziosen aus weiblicher Feder zu schaffen …

Der  rbb widmete dem FOP einen Radio-Beitrag >>>

                             Jenseits von Clara Schumann


Die FOP-Aufführung 2018 findet Sonntag, 18. Februar , 12 Uhr, im Gemeindesaal der Kirchengemeinde Genezareth statt, Schillerpromenade 16, 12049 Berlin  [U8, Leinestraße] Eintritt frei, Spenden herzlich willkommen.


* Quelle aller Komponistinnen-Portraits: Wikipedia


Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof, Pionierin der Gattung „Oper“ (La liberazione di Ruggero, 1625)

Weitere jourfixe-Blogbeiträge zum Thema „Frauen in der Musik“:

Archiv Frau und Musik   Gastbeitrag von Susanne Wosnitzka

Die feminine Saite – Wahrnehmung der Frau in der Musik

20 Männer, 1 Frau! Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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Im Herztakt der Liebe … Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“; Präsentation Einstein/München am 24.2.18

Die japanische Pianistin Masako Ohta und Stefan Winter, Labelchef von Winter & Winter: Zwei Kreative, die ich mit einem ungewöhnlichen Zugang zu künstlerischen Stoffen verbinde … Nun ist ihr erstes gemeinsames „Poetry Album“ erschienen, mit der Liebe als DEM verbindenden Element aller Stücke. Die ist thematisch normalerweise dem Schlagerhimmel vorbehalten, doch bei dieser Klassik-Produktion bildet sie den Roten Faden im Repertoire, wie der Info-Text erläutert: „Hinter jedem Werk verbirgt sich eine – manchmal geheime, manchmal viel zu kurze, machmal lebenslange – Liaison. Das berühmteste Stück stammt aus der Feder Ludwig van Beethovens, aber möglicherweise heißt es in Wirklichkeit nicht »Für Elise«, sondern »Für Therese«. Im Alter von 40 Jahren verliebt sich Ludwig in die 19-jährige Therese Malfatti … Johann Sebastian Bachs »Prelude und Fugue C-Dur« ist seiner großen Liebe Anna Magdalena gewidmet. Komponisten schreiben musikalische Gedichte. Was geschieht zwischen Johannes Brahms, ein enger Freund und Helfer der Schumann Familie, und Clara, dessen Mann Robert Gesundung im Sanatorium sucht? Wie klingen Clara und Robert Schumanns und Johannes Brahms Kompositionen? Die Reise der Werke geht durch die Jahrhunderte. (…) 

Auf eine intensive Klangreise hatte mich Stefan Winter schon einmal, 1999, entführt, querfeldbeet durch das Argentinien des Tangos. Dabei setzte die Produktion einen für mich faszinierenden Schwerpunkt auf Authentizität statt auf Perfektion: Da sangen alte Männer ein wenig angetrunken in Kneipen, da stützte eine Geräuschkulisse das klagende Bandoneon, Tango in unterschiedlichsten Erscheinungsformen, an seinen Originalschauplätzen vorgestellt! Diese Form der Darstellung zog mich ganz tief in das musikalische Gesehen hinein … Nun bin ich natürlich sehr gespannt auf die aktuelle Produktion, noch dazu im Tandem mit Masako, die sowohl Mitglied bei unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen ist, wie auch bei musica femina münchen.

Masako Ohta spielt sich im Meta-Theater warm. Dezember 2016

Masako Ohta ist mir immer wieder als Pianistin in ungewöhnlichen Projekten aufgefallen und persönlich erstmals begegnet bei der Aufführung der „No Trilogie“ in Axel Tangerdings Meta Theater.

„Die aus Tokyo stammende japanische Pianistin Masako Ohta ist – sowohl solistisch als auch kammermusikalisch – im Bereich der klassischen und Neuen Musik sowie der Improvisation unterwegs. Ihr Klavierstudium absolvierte sie an der Toho Gakuen School (Universität) of Music Tokyo und an der Universität der Künste Berlin, außerdem Meisterkurse bei András Schiff, György Sebök und György Kurtag.

Sie beschäftigt sich intensiv mit Poesie, Klang und Musik aus Japan, Europa und anderen Kulturkreisen und kreiert interkulturelle und interdisziplinäre Projekte und Konzertreihen wie „Phantasiestücke“, „Kammermusik-GENund „Wurzeln & Flügel“. (…) Mit dem Motto „ganzheitliches Klavierspiel“ verbindet sie ihre Klavierlehre mit japanischer Kalligraphie.“ Mehr unter www.masako-ohta.de.

Masako Ohta in Grandsberg, Foto: © Winter & Winter

Die CD-Präsentation findet statt am:

Sa, 24. Februar 2018, um 20:00 Uhr, Einstein Kultur, in Halle 4, in München,  Eintritt: EUR 20.00 / erm.: EUR 15.00 > Kartenbestellung


Rezension aus dem Münchner Feuilleton, Februar 2018 – Nr. 71, von Klaus von Seckendorff

Masako Ohta: Poetin des Klaviers: Der freie Fluss


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