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Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018

Während ich diese Zeilen in den Laptop tippe, proben in Berlin gerade 66 Orchestermusikerinnen, unter Leitung von Mary Ellen Kitchens (Vorstand musica femina München e.V. und Archiv Frau und Musik).

Marie-Ellen Kitchens dirigiert die 66 Musikerinnen des FOP; Foto: 2015 im Interview

Sie haben sich an diesem Wochenende wieder zum Frauenorchester Projekt – FOP zusammen gefunden, zu dem seit 2007 alljährlich Musikerinnen von überall her anreisen, um gemeinsam zwei Tage lang ausschließlich Stücke von Komponistinnen zu erarbeiten und am Sonntag Mittag, in einem Abschlusskonzert, der Berliner Öffentlichkeit vorzustellen.

Viel Aufwand für eine einzige Aufführung!? Könnte man meinen, aber hier ist der Weg – Begegnung und Austausch unter den Musikerinnen – auch schon ein Ziel und zudem ein unverzichtbares:

„Und zur Frage, was eigentlich das FOP soll? – Das habe ich mich bei dem Aufwand auch hin und wieder gefragt. Insgesamt möchte ich gern wissen, was für Musik es von Frauen gibt, und mich nicht mit dem weithin gepflegten Vorurteil hinsichtlich deren Zweitklassigkeit aufhalten. Sicherlich ist die Bandbreite der Qualität groß und ich schätze mich glücklich, bereits mehrere „Juwelen“ kennengelernt zu haben,“ lautet auf der FOM-Homepage die Antwort der Bassistin Gudrun Schnellbacher, von der auch der erste Impuls zur Gründung der FOM ausging.

Emilie Luise Friederika Mayer 1812 – 1883, Komponistin

Seinerzeit hatte sie in der Staatsbibliothek Berlin die Partitur von Emilie Mayers Ouverture Nr. 3 in C-Dur gefunden und wollte diese gerne aufführen, aber „meine“ übrigen Orchester dazu zu bringen, einmal etwas Unbekanntes zu wagen (und zu gewinnen!), gestaltet sich zäh und in der Regel erfolglos. (…)

Das Problem ist, (…) dass die lange Zeit unterdrückte oder zurückgedrängte Rolle der Frau als Komponistin dazu geführt hat, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen, wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist,“ bringt musica femina münchen e.V. das Manko auf den Punkt und engagiert sich entsprechend: „“Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!” (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Abschlusskonzert 2017, Dirigentin Mary-Ellen Kitchens, Mitte/grauer Blazer, Bild: FOP

Noch heute hat Frau es in der Welt von Kunst und Kultur nicht leicht – wie erst gestern in einer Statistik in der Kultursendung „Aspekte“ wieder thematisiert („Pro Quote Film“). Um wie viel mehr mussten dann erst die musikschaffenden Frauen in der Vergangenheit kämpfen, um auch nur einen kleinen Zeh in den Kosmos der Schönen Klänge zu bekommen? Der Blick auf die in der FOP-Werkschau 2018 vertretenen Komponistinnen enthüllt beachtliche Lebensleistungen:*

Elfrida Andrée, 1916

Elfrida Andrée  (1841 – 1929, Schweden): Die Schülerin von Ludvig Norman und Niels Wilhelm Gade war eine Vertreterin der Frauenbewegung. Sie war eine der ersten Organistinnen im skandinavischen Raum. Ab 1861 wirkte sie in Stockholm und wurde 1867 Organistin an der Kathedrale von Göteborg. Für ihre Verdienste wurde sie zum Mitglied der Schwedischen Musikakademie gewählt. Andrées Orgelsinfonien werden bis in die Gegenwart aufgeführt. Sie komponierte außerdem 1899 die Oper „Fritiofs Saga“ auf einen Text von Selma Lagerlöf, mehrere Orchesterwerke, ein Klavierquartett und ein Klaviertrio, Violin- und Klavierstücke, eine Schwedische Messe und Lieder. 

Ethel Smyth, Januar 1922

Ethel Smyth (1858 – 1944, England), war eine englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und eine der Mitkämpferinnen der britischen Suffragetten. Ihr Leben war wesentlich davon geprägt, sich als Komponistin durchzusetzen und als solche Anerkennung in der Öffentlichkeit zu finden. (…) Ihre Kompositionen umfassen sinfonische Werke, Kammermusik, Chorwerke und Opern. Ihre bekannteste Oper ist „The Wreckers“(deutsch „Strandrecht“). Ihr bekanntestes Werk ist allerdings The March of Women, das zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung wurde.

Vítězslava Kaprálová (1915-1940, Tschechien), Tochter von [Komponist] Václav Kaprál studierte von 1930 bis 1935 in Brünn Komposition bei Vilém Petrželka und Dirigieren bei Zdeněk Chalabala. Sie setzte ihre Ausbildung am Prager Konservatorium bei Vítězslav Novák (Komposition) und Václav Talich (Dirigieren) fort und ging 1937 nach Paris, wo sie die École Normale de Musique fortsetzte und Schülerin von Bohuslav Martinů und Charles Munch war. 1937 entstand ihre „Militärsinfonietta“, deren Uraufführung sie dirigierte und für die sie mit dem „Smetana-Preis“ ausgezeichnet wurde. Mit dem BBC Symphony Orchestra eröffnete sie 1938 das Festival der International Society for Contemporary Music mit diesem Werk. Nach der Okkupation der Tschechoslowakei 1939 beschloss Kaprálová, in Paris im Exil zu bleiben. 1940 heiratete sie den Schriftsteller Jiří Mucha. Vor der drohenden Besetzung von Paris wurde sie nach Montpellier evakuiert, wo sie an einer  Miliartuberkulose oder Peritonitis verstarb. Trotz ihres kurzen Lebens hinterließ Kaprálová etwa fünfzig Werke. (…)

Vilma Webenau, 1924, aus dem Fotoalbum  Arnold Schönbergs, Geburtstagsgeschenk seiner SchülerInnen zum 50. Geburtstag (Schönberg-Center Wien)

Vilma Weber von Webenau (1875 – 1953, Österreich) wuchs in Wien auf und war dort Klavierschülerin von Cäcilie von Frank , die im 1. Bezirk einen illustren musikalischen Salon betrieb. (…) Vilma von Webenau wurde in Folge die wohl erste Privatschülerin Arnold Schönbergs. Bei ihm nahm sie von 1898/99 – 1902 Harmonielehre- und Kompositionsunterricht und folgte ihm im Jahr 1900 bei seiner Übersiedlung nach Berlin. Ende 1899 gab sie auch erfolgreich Konzerte in London. Danach lebte sie als Musiklehrerin in Wien, wo ihre Werke erstmals 1907 öffentlich aufgeführt wurden.(…) Sie war Mitglied im Club der Wiener Musikerinnen (…) und gehörte zu dessen profiliertesten Persönlichkeiten. Ihr musikalischer Nachlass befindet sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Der illustren Vertreterin des Clubs der Wiener Musikerinnen,Vilma von Webenau und ihren zeitgenössischen Kolleginnen, widmen nun also an diesem Wochenende Musikerinnen des 21. Jahrhunderts Hingabe, Zeit und Talent. Ebenso wie Vilma von Webenau sind viele von ihnen, nicht zuletzt Dirigentin und Chorleiterin Mary Ellen Kitchens, in Netzwerken organisiert. Dadurch wächst langsam aber stetig der Druck auf die noch immer patriarchalisch strukturierte Musikwelt, Raum und Gehör  für bislang kaum bekannte musikalische Preziosen aus weiblicher Feder zu schaffen …

Der  rbb widmete dem FOP einen Radio-Beitrag >>>

                             Jenseits von Clara Schumann


Die FOP-Aufführung 2018 findet Sonntag, 18. Februar , 12 Uhr, im Gemeindesaal der Kirchengemeinde Genezareth statt, Schillerpromenade 16, 12049 Berlin  [U8, Leinestraße] Eintritt frei, Spenden herzlich willkommen.


* Quelle aller Komponistinnen-Portraits: Wikipedia


Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof, Pionierin der Gattung „Oper“ (La liberazione di Ruggero, 1625)

Weitere jourfixe-Blogbeiträge zum Thema „Frauen in der Musik“:

Archiv Frau und Musik   Gastbeitrag von Susanne Wosnitzka

Die feminine Saite – Wahrnehmung der Frau in der Musik

20 Männer, 1 Frau! Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait-Reihe

Katrin Schweiger ist Komponistin, Sängerin, Multiinstrumentalistin und Dirigentin und damit in zumindest zwei Disziplinen als Frau immer noch eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt: Sie ist studierte (Film)Komponistin UND Dirigentin und damit gleich in zwei musikalischen Domänen tätig, in denen Frauen sich immer noch durch verkrustete Strukturen kämpfen müssen, die ihnen in der Vergangenheit höchstens ein Plätzchen am Klavier einräumte, zur allabendlichen Musikberieselung der Familie … (Siehe dazu auch „Die feminine Saite„). Bis heute tun sich Frauen schwer, sich gegen männliche Seilschaften durchzusetzen und einen Platz am Dirgitent_Innenpult zu ergattern und/oder einen Kompositionsauftrag. Noch immer fallen die Honorare für Frauen in der Musik niedriger aus, als die gleich qualifizierter Kollegen, noch immer kämpfen sie um selbstverständliche Akzeptanz und Gleichstellung. Diese Umstände auszumerzen, ist Kernanliegen des Vereins mfm musica femina münchen, zu dem auch Katrin Schweiger gehört, ebenso wie die Tonkünstlerin Michaela Dietl. Diese engagierte Schweiger 2016 als Dirigentin für ihr Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango, zuletzt im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Nach dieser überaus erfolgreichen Zusammenarbeit 2016, steht Schweiger auch bei der diesjährigen Dietl-Uraufführung, der „Sinfonia Fantasia“ am Dirigentinnenpult.

Mit einer Komposition aus eigener Feder, „Schwebend“, ist Katrin Schweiger am Sonntag, 9. Juli 2017, um 19:00 Uhr beim REGENBOGENKONZERT im Alten Rathaussaal vertreten.

Auftreten werden ein Streichquartett bestehend aus vier Musikern der Münchner Philharmoniker und das Rainbow Sound Orchestra Munich (RSO-M), dirigiert von Mary Ellen  Kitchens, ebenfalls eine mfm-Kollegin.

Das Kammermusikkonzert findet im Rahmen des Christopher Street Day (CSD München), unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Dieter Reiter statt, in Kooperation mit der Münchner Regenbogen Stiftung >>> Tickets und Details

Katrin Schweiger und Oliver Thedieck

Katrin Schweigers musikalische Vielseitigkeit und Offenheit gegenüber allen Spielarten, spiegelt sich im ihrem Programm Deutscher und Bayerischer Popmusik wieder, zu sehen und zu hören am Freitag, 14. 7. Juli, um 20:00 Uhr, Kulturetage Messestadt Ost 

Katrin Schweiger spielt in diesem Song-Programm Klavier, begleitet von Gitarrist Oliver Thedieck, der es wie kein anderer versteht auf die vielfältigen Stimmungen einzugehen, jeder Stilistik gerecht zu werden und dabei nie seine eigene Handschrift zu verlieren. 
In Duo-Besetzung zaubern sie dennoch einen kraftvollen Sound auf die Bühne, der mitten ins Herz geht und so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Als studierte Filmmusik-Komponistin liebt Katrin Schweiger es dabei, verschiedene Stilistiken zu mischen, und so lassen sich ihre Songs alle der Popmusik zuordnen, 
doch zugleich finden sich darunter auch Einflüsse von Rock-, Jazz- und Filmmusik wieder.


Weitere jourfixe-Blogbeiträge zu mfm-Musikerinnen:

Klangbegegnungen der Dritten Art   www.laurakonjetzky.com


Jeder Handgriff ein Gebet                  www.michaela-dietl.de

Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Kollegen Jon M. Winkler

Vom Gschdanzl zum Requiem

Michaela Dietl, Portrait & Interview


Die feminine Saite   www.musica-femina-muenchen.de

Zur Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik


Beim Titelbild handelt es sich um eine Collage, der das Bildmotiv der Homepage von musica femina münchen zugrunde liegt


Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

Jorma-Panula_Dirigent_2009

Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

mfm-Konferenz2016_PodiumsteilnehmerInnen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger 



Aktuell:

Jubiläumskonzert 30 Jahre musica femina münchen, 29. April 2018, 11:00 Uhr | Black Box im Gasteig:  Matinee mit 10 Werken von Mitgliedern des Vereins

Podcast auf KLASSIK AKTUELL, 25.04.2018: 30 Jahre mfm-musica femina münchen >>> „Wir möchten uns arbeitslos machen“

Seit der Gründung kümmert sich der Verein musica femina münchen um die Entdeckung und Bewahrung der Werke von Komponistinnen der Vergangenheit, aber auch um die Unterstützung und Präsentation zeitgenössischer Komponistinnen, Dirigentinnen und Musikerinnen. Am 29. April feiert der Verein sein 30-jähriges Jubiläum mit einem Konzert in München.


Einzelbeiträge zu mfm/Mitgliedern im > jourfixe-Blog

20 Männer + 1 Frau! – Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

Archiv Frau und Musik – vorgestellt von mfm-Vorstand Susanne Wosnitzka M.A., Musikwissenschaftlerin

Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018, via mfm-Vorstand, Chorleiterin und Dirigentin Mary Ellen Kitchens

Im Herztakt der Liebe – Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“

Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait–Reihe im loser Folge im > jourfixe-Blog

Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

Klangbegegnungen der Dritten Art – Konzert unter Mitwirkung von mfm-Mitglied Laura Konzietzky, mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München


 

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