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„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link
(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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Terry Swartzbergs Steine des Anstoßes

In der Reihe „Nymphenburger Gespräche, veranstaltet von diversen Institutionen, die sich für interkulturellen und interreligiösen Dialog einsetzen, stand heute Abend ein Gespräch mit Terry Swartzberg auf dem Programm, seines Zeichens Journalist, PR-Fachmann, Autor, Aktivist etc. …
Abgesehen davon, dass der interkulturelle und interreligiöse Dialog für mich generell ein wichtiger Aspekt ist, freute ich mich, in diesem besonderen Rahmen mehr über Terry Swartzberg zu erfahren, den ich im Lauf der letzten Jahre bei unterschiedlichsten Anlässen kennen und schätzen gelernt habe. Umso mehr interessierte mich nun, Einzelheiten über den Lebenslauf und die Beweggründe eines Mannes zu erfahren, der für mich zu den „Mitbürger/Innen zählt, die dazu beitragen unsere Stadt im positiven Sinne bunter und somit froher zu gestalten“, wie ich es einmal in einem Post formuliert habe.
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Terry Schwarzberg 2012 auf dem Münchner Ostfriedhof in seinem Stück „Tzaddhik“, Foto AZ

Getroffen habe ich Terry erstmals 2012 anlässlich der Aufführung des von ihm geschriebenen Theaterstücks „Tzaddhik„, das die talmudische Vorstellung von den 36 Gerechten im Zusammenhang mit Frieden und Krieg aufgreift. In dieser Inszenierung übernahm Terry auch gleich die männliche Hauptrolle, an der Seite der vielseitigen jüdischen Künstlerin Nirit Sommerfeld und legte aus dem Stand eine beachtliche schauspielerische Leistung hin – Eine solche Rolle, als Nicht-Schauspieler über fast zwei Stunden auszufüllen, das muss man erst einmal schaffen!

Ein Jahr später besuchte ich eine seiner Veranstaltungen der Initiative Stolpersteine für München e.V., die eine Aufhebung des Verbots der Verlegung von Gedenk-Stolpersteinen in München erreichen möchte. Schöpfer dieser Stolpersteine ist der Künstler Gunter Demnig.

Gunter Demnig ist der Schöpfer der Stolpersteine; Quelle: Wikipedia

Gunter Demnig ist der Schöpfer der Stolpersteine; Quelle: Wikipedia

Seine „Stolpersteine“ sollen „an Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und meist dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Steine, die auf der Oberseite kleine Metallplatten mit den Namen der Opfer tragen, verlegt er vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Das Projekt hatte sich mit 40.000 Steinen im Juli 2013 in rund 820 deutschen und 200 ausländischen Städten zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. (Quelle: Wikipedia)

Wie Terry Swartzberg auch an diesem Abend nochmals detailliert darlegte, wird jeder Antrag auf Herstellung eines Stolpersteins, Kostenpunkt um die 100 €, vom „Stolpersteine“-Verein darauf hin geprüft, ob dies auch im Sinne der betroffenen Person, respektive der Hinterbliebenen ist. Dennoch dürfen solche Gedenksteine bislang in München nicht verlegt werden, was angesichts ihrer zwischenzeitlichen Verbreitung über die Grenzen Deutschlands hinaus für mich unverständlich ist – und peinlich für München, als ehemalige Hauptstadt der Bewegung. Es wird ja niemand gezwungen, in dieser Form zu gedenken. Dass es aber auch all denjenigen verwehrt bleiben soll, die sich eben dies wünschen, kann ich nicht nachvollziehen. Sicher empfinden ich und alle Anhänger der Stolpersteine eben anders, als zum Beispiel mein geschätzter Mitbewohner, der Kulturjournalist Marcus Woelfle, für den solche Stolpersteine ein nochmaliges Nachtreten auf die Opfer darstellt. Damit steht er argumentativ auf der Seite der Gegner. Empfindungen sind eben immer eine individuelle Angelegenheit und entsprechend gegenseitig zu respektieren. Meiner Meinung nach jedenfalls …
Im Fall der Münchner Stolperstein-Debatte geht vor allem von Teilen der jüdischen Gemeinde eine starke Opposition aus, allen voran seitens Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Wie auch immer, konnten sich die Befürworter der Stolpersteine auch in diesem Jahr wieder nicht durchsetzen, die Verlegung bleibt verboten, nicht nur die von Stolpersteinen für jüdische Opfer, sondern automatisch für die anderer NS-Opfergruppen gleich mit … Eine Klage gegen diese Entscheidung des Münchner Stadtrats läuft.
Terry Swartzberg bei einer Kundgebung; Quelle Wikipedia

Terry Swartzberg bei einer Kundgebung; Quelle Wikipedia

Desweiteren erregte Terry Aufsehen durch seinen Selbstversuch, tagtäglich mit der Kippa durch Deutschland zu laufen. Eine dieser Kippas wird inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt, das hierzu schreibt: „Die blaue Kippa mit Davidstern, die Terry Swartzberg bei einem Stadtratshearing in München trug, bei dem die Verlegung der sogenannten ‚Stolpersteine‘ von Gunter Demnig diskutiert wurde, nimmt die Stiftung Haus der Geschichte als Objekt der Zeitgeschichte in ihre Sammlung auf.

Nun also hat Terrys „Kippa der städtischen Renitenz“ auch noch historische Weihen erlangt und damit wohl für manche seiner Gegnerinnen und Gegner das Fass zum Überlaufen gebracht. Bereits bei meiner Ankunft im PresseClub, die Veranstaltung war kurzfristig vom Rathaus dorthin verlegt worden, registrierte ich verwundert die Anwesenheit von Leuten, die sich zuvor auf Facebook in ziemlich eifernder Sprache gegen Terry geäußert hatten. Warum besuchten sie nun ausgerechnet eine Veranstaltung, die die Person Terry Swartzberg zum Thema hatte? Offensichtlich um seine Positionen anzugreifen. Natürlich ist Terry Swarzberg ein Tausendsassa und als begnadeter PR-Mann wird alles, was er anpackt, garantiert zu einer sehr öffentlichen Geschichte, mit ihm im Zentrum. Und vermutlich ist der Antisemitismus in Deutschland verbreiteter, als es für den – in meinen Augen wohltuend – optimistischen Terry Swartzberg vielleicht den Anschein hat, wie Jan Mühlstein, der Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom zu bedenken gab. Diese Bedenken äußerte er aber sachlich und in liebevollen Ton; umso irritierender empfand ich die teilweise Aggressivität, mit der ein Großteil der Wortmeldungen vorgebracht wurden. Sie gaben eben nicht zu bedenken, sie klagten an, vehement und des öfteren schlichtweg am Thema des Abends „Terry Swartzberg – die Person“ vorbei, unbeirrbar, wieder und immer wieder, regelrecht „Platte mit Sprung“.
Glücklicherweise moderierte Ralph Deja souverän und setzte auch dem obligaten „Knobloch“-Bashing (wie er es nannte), das bei solchen Diskussionen seitens der Stolperstein-Befürworter unweigerlich aufkommt, ebenfalls ein sehr berechtigtes Ende. Ebenso dem Versuch, ihn und die katholische Friedensbewegung „Pax Christi“ gleich mit anzugreifen, wegen deren Israel-Haltung (wenn ich es richtig mitbekommen habe). Zugegeben, es können einem mal die Gäule durchgehen, aber hier bedurfte es schon sehr energischer verbaler Zügelungen: das Thema laute „Terry Schwartzberg“ und nicht „Ralph Deja/Pax Christi“, bis die Tirade einer besonders insistenten Rednerin endlich verstummte (bis zu ihrem nächsten Einsatz, siehe Absatz oben).
Aus der Seele sprach mir Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr der Evangelischen StadtakademieSie brachte in einer wohl formulierten, ruhigen Wortmeldung ihr Bedauern zum Ausdruck, dass uns die Diskussionen, am Thema vorbei, um die Chance gebracht hätten, die schillernde Vita Terry Swartzbergs näher kennen zu lernen.
Schon auf Facebook hat mich wiederholt die aggressive Art befremdet, mit der jüdische Themen und auch Israels Politik diskutiert werden. Ich denke, angesichts der erstärkenden Rechten, sollten wir den Zusammenhalt im Dialog vorantreiben, gerne und unvermeidlich auch kontrovers. Nur so, gemeinsam, können wir uns denen entgegenstellen, die dabei sind, die unseligen Geister der Vergangenheit erneut heraufzubeschwören! Wie ein solcher Dialog sich formulieren lässt, hat – wie gesagt – Jan Mühlstein in bemerkenswerter Weise mit seiner Wortmeldung gezeigt und voller Wärme und Menschlichkeit eine abweichende Meinung vorgetragen.
Abschließend zitiere ich wieder einmal den von mir hochgeschätzten EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich-Bedford-Strohm:
Wir müssen lernen, einander auszuhalten.
Wir, die demokratischen Bürgerinnen und Bürger.

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