Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

Standard

„Ohne Künstler und Kunstschaffende wäre keine Stadt lebenswert“ – Abschied von Dr. Angelika Baumann im Kulturreferat

Als “Mittelweg ohne Gold” bezeichnet der Satiriker Ephraim Kishon die vielen Kompromisse, die ich, wie viele Kunstschaffende, eingehen muss, um einigermaßen über die – materiellen – Runden zu kommen. Da ich mit einem relativ großen Einfallsreichtum bedacht wurde, beschreite ich meinen “Mittelweg ohne Gold” recht komfortabel, mal mehr, mal weniger, aber irgendwie stetig. Dabei sammle ich die Welt um mich Momentaufnahmen ein, verdichte sie in Ideen und Gefühlen zu einer Vision, die schließlich auf kreative Umsetzung drängt. An diesem Punkt droht der Mittelweg zur Sackgasse zu werden: Zwar sind Gedanken frei und Visionen gratis, in künstlerischer Umsetzung jedoch bitten sie zur Kasse. Vor diesem Dilemma findet man sich als Kunstschaffender des öfteren wieder, selbst wenn das Auskommen an sich einigermaßen gesichert ist. Aber wie darüber hinaus die eigenen Herzblut-Projekte realisieren? Was, wenn das neueste Projekt partout produziert werden will? Wenn dem eigenen kleinen Theater das Aus droht? Wenn einem das Atelier gekündigt wurde?

Man hofft inständig auf eine Förderung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und nicht selten erscheint einem eine solche Förderung als letzter Ausweg. Mit entsprechend großer Emotionalität werden Ablehnungen daher aufgenommen, als große Katastrophe und persönlicher Affront. Nur zu gut weiß ich aus eigener Erfahrung, wovon ich hier schreibe 😉 Nicht der Kopf durch die Wand, sondern der Schritt durch die Tür hat mich dann schrittweise mit den Strukturen und Richtlinien des Kulturreferats vertraut gemacht – und mit einer ganzen Reihe MitarbeiterInnen, die Jon Michael Winkler und mir durchaus nicht immer mit Fördermitteln, aber auf jeden Fall mit Ratschlägen und Kontakten weiter geholfen haben.

Eine wichtige Ansprechpartnerin für den jourfixe-muenchen war seit einigen Jahren Frau Dr. Angelika Baumann, Abteilungsleiterin der Abt. 1 – Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Literatur, Musik, Stadtgeschichte und Wissenschaft.

Als ich erfuhr, dass Frau Dr. Baumann am 1. September aus dem Amt scheidet, bat ich um ein Abschieds-Interview für den jourfixe-Blog. Nachstehend finden sich in Zusammenfassung unser Gespräch sowie Links zu O-Tönen. Das Interview wirft einen Blick zurück auf die beinahe 25 Jahre, in denen Frau Dr. Baumann Kultur in München mitgestaltet hat. Darüber hinaus beinhaltet das Gespräch eine Reihe von Informationen zu Aktivitäten und Richtlinien des Kulturreferats.

Jon Michael Winkler, unser Erster Vorsitzender und ich haben in den vergangenen sechs Jahren Frau Dr. Baumann als offene Ansprechpartnerin mit Kompetenz UND Herz schätzen gelernt. Durchaus – wie schon in anderen meiner Blog-Beiträge thematisiert – keine Selbstverständlichkeit in der Kulturszene.

Abschiedsinterview mit Angelika Baumann am 4. August 2014 im Kulturreferat Muenchen

Abschiedsinterview mit Frau Dr. Baumann am 4. August 2014 im Kulturreferat München

 

Dafür, liebe Frau Dr. Baumann, danken wir Ihnen! Ebenso für das Interesse, mit dem Sie unsere Produktionen verfolgt haben, ob im Rahmen von Kooperationen oder direkt im Publikum. Sie werden uns fehlen!

Bereits seit 1990 ist die promovierte Historikerin für das Kulturreferat tätig. Damals wurde erstmalig eine Stelle für kommunale Geschichtsarbeit ausgeschrieben. Dr. Angelika Baumann, damals noch TV-Redakteurin, bewarb sich mit Erfolg und betrat mit diesem Aufgabenbereich absolutes Neuland, mit entsprechend großem Gestaltungsfreiraum, was sie als besonders reizvoll empfand.

Mit der Zeit übernahm Frau Dr. Baumann die Betreuung einer Reihe von Großprojekten in ihrem Fachgebiet, so beispielsweise 2002 die Vorbereitungen für das Jüdische Museum in München.

Ebenso hatte Frau Dr. Baumann daran mitgewirkt, die Grundsatzbeschlüsse des Münchner Stadtrats zu einem NS-Dokumentationszentrum in München vorzubereiten und das Projekt maßgeblich begleitet.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Frau Dr. Baumann die sogenannte „Wehrmachtausstellung“ von 1997. In Absprache mit ihrem Chef, dem damaligen Kultureferenten Siegfried Hummel, hatte Frau Dr. Baumann die Ausstellung selbst nach München geholt und in historischen Bezug zur Stadt gestellt.  Diese erste Wehrmachtsausstellung, ebenso wie eine zweite, die in überarbeiteter Fassung später im Stadtmuseum gezeigt wurde, blieben monatelang Stadtgespräch, wobei die teilweise leidenschaftlich Pro und Contra ausgetragenen Diskussionen  zu einer intensiven zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung führten.

2005 übernahm Frau Dr. Baumann, zusätzlich zu ihrem Aufgabenbereich, die Abteilungsleitung für alle Sparten der Kulturförderung, mit Ausnahme der  Bereiche „Stadtteilkultur“, der „kulturelle Bildung“ und „urbane Kultur“. Ein sinnvoller Zusammenschluss, durch welchen die Kommunikationswege optimiert wurden. Dennoch blieben und bleiben die finanziellen Mittel begrenzt. Es sei immer zu wenig Geld da, um allen Anträgen gerecht zu werden, räumte Frau Dr. Baumann ein und betonte ausdrücklich, dass sie die Frustration abgewiesener Kunstschaffender sehr gut nachvollziehen könne, aber …

In Folge sprach ich an, dass sich speziell die Freie Musikszene, nicht zuletzt gegenüber der Theaterszene, als ein Stück weit benachteiligt fühle, worauf Frau Dr. Baumann eine Reihe von Bereichen aufzählte, in denen sich das Kulturreferat speziell für die Förderung von Musik einsetzt und nannte als zukunftsnahe Maßnahme die Schaffung von Proberäumen für MusikerInnen, da hier dringender Bedarf zu beobachten sei.

Auf die Frage hin, ob es spezielle Situationen im Kulturreferat gebe, die ihr besonders gegenwärtig seien, berichtete Frau Dr. Baumann, dass immer wieder Künstler in recht verzweifelten Lebenslagen und besonders häufig an Freitagen, wohl mit dem Wochenende vor Augen, bei ihr vorgesprochen hätten. Diese Anfragen führt Frau Dr. Baumann auch darauf zurück, dass in der Künstlerszene das Kulturreferat inzwischen verstärkt als Partner wahrgenommen werde, in der Lage, in prekären Situationen weiterzuhelfen; zwar nicht immer mit Geld, aber durchaus mit Kontakten und Tipps. (Dass sich für solche Anliegen jedoch gerade der Freitag NICHT zu einem“ Jour Fixe“ entwickeln sollte, versteht sich … 😉 )

In diesem Zusammenhang appellierte Frau Dr. Baumann, sich unbedingt über Förderrichtlinien auf der Homepage des Kulturreferats zu informieren. Nachstehend der Link

http://www.muenchen.de/Kulturfoerderung

Frau Dr. Baumann schloss mit einem Appell an die Künstler zu mehr Selbstbewusstsein und empfahl zugleich, sich dem Markt nicht zu verschließen.

„Ohne seine Künstler und Kunstschaffenden wäre keine Stadt lebenswert „, so Frau Dr. Baumanns Fazit.

Nachfolger von Frau Dr. Baumann, in der Abteilung zur Förderung von Kunst und Kultur, wird ab 1. September 2014, Marc Gegenfurtner. Er war zuvor sieben Jahre lang der persönliche Mitarbeiter des Kulturreferenten.

Soweit der jourfixe-Blog für heute. Eine Übersicht aller Beiträge findet sich auf der Homepage unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen, unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Standard