„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


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(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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„Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen“ – von Marcus A. Woelfle

 Der Fotograf Sepp Werkmeister zählt zu den wichtigsten deutschen Bildchronisten des Jazz. Anlässlich seines 85. Geburtstags lud ihn Marcus A. Woelfle als Studiogast in seine radioJazznacht auf BR 2 und hielt in Folge einige der vielen Reminiszenzen und Anekdoten Werkmeisters in nachstehendem Beitrag fest:

Sepp Werkmeister in der radioJazzNacht 2016, Foto: Marcus Woelfle

Sepp Werkmeister,   radioJazzNacht März 2016, Foto: Marcus Woelfle

Louis Armstrong, Miles Davis, John Coltrane – der Münchner Sepp Werkmeister, der am 29. März seinen 85. Geburtstag feierte, hat viele Giganten des Jazz auf eindrucksvollen Fotos verewigt. Teilweise entstanden sie unter kuriosen Umständen, von denen der Doyen der deutschen Jazzfotografen mir im BR-Studio und bei sich zu Hause erzählt hat.

Zu Werkmeisters ersten Kindheitserinnerungen gehört das Weinen seiner Mutter über den Beginn des 2. Weltkrieges. In dieser schrecklichen Zeit entdeckt der 1931 geborene Sepp Werkmeister eine Musik, die ihm als „Gegenteil all der Nazipropaganda, der Marschmusik und das verordnete Zeug“ erschien: Jazz. Sein Bruder besaß ein Grammophon und viele Jazzplatten von Musikern wie Louis Armstrong, Joe Venuti, Benny Goodman. Nachts lauschten die Brüder immer im Kinderzimmer den Feindsender BBC und entdeckten den Sound der Freiheit, der damals meist in Gestalt des Bigband-Swing über den Äther ging. Gegen Ende des Krieges begann der zeichnerisch begabte Werkmeister eine Lehre in einem graphischen Betrieb. Da Louis Armstrong sein Idol war, wollte er spielen wie Satchmo. Daher tauschte er 1944 eine Fliegerjacke, die er aus einem abgeschossenen amerikanischen Bomber geholt hatte, gegen ein Kornett ein. Als seine Mutter das Geblase ihres Sohnes satt hatte, wechselte er einige Jahre später das Kornett im gleichen Geschäft gegen eine Rollei Ikoflex-Kamera ein. Im Grunde seines Herzens aber ist er Musiker geblieben, denn sein Instrument, die Kamera, lässt Musik sichtbar werden; seine Bilder stammen von einem, der Empfinden und Lebenswelt der Musiker teilt, auch, wenn er sich meist nicht auf, sondern vor der Bühne aufhält und weiß, dass er von den sensiblen Musikern auch als Eindringling empfunden werden kann. Von Anfang an begrüßten ihn aber die Jazzmusiker als einen der ihren, und Werkmeister war mit vielen von ihnen lebenslang befreundet.

Sepp Werkmeister 2016 im Bayerischen Rundfunk vor Beginn der radioJazznacht von Marcus A. Woelfle; Foto: Woelfle

Werkmeister 2016 im Bayerischen Rundfunk vor der radioJazznacht; Foto: Woelfle

Seine Kenntnisse in Sachen Jazz verdankt er nach dem Krieg vor allem Rundfunkprogrammen, wie dem AFN Munich und den von ihm gesammelten V-Discs, eine Abkürzung, die für „Victory Discs“ stand. GIs führten sie zur moralischen Stärkung im Marschgepäck mit. Es waren Platten, die offiziell nicht im Handel zugelassen waren, doch nach dem Krieg landeten sie massenhaft in Deutschland auf dem Schwarzmarkt. Allerdings musste Sepp Werkmeister bis 1948 warten, bis ein großer amerikanischer Musiker, der Ellington-Kornettist, Rex Stewart in Deutschland auftrat. „Dann kamen Lionel Hampton, Count Basie und ich besuchte eifrig die Konzerte in Freddie Brocksiepers Studio 15 und so ging die Fotografiererei los,“ erinnert sich Werkmeister. Seine Jazzfotos brachten ihm zwar Weltgeltung ein, davon leben hätte er kaum können. Glücklicherweise startete er 1954 erfolgreich eine bis heute existierende Print-Medien-Firma.

2016_05_07__Sepp_Werkmeister_New-York_1968_Marcus_Woelfle_jourfixe-Blog

Sepp Werkmeister, 1968, Selbstportrait, New York

1965 reiste er in Begleitung des deutschen „Jazzpapstes“ Joachim Ernst Berendt und des Posaunisten Albert Mangelsdorff erstmals nach New York, eine Stadt, die er in den nächsten Jahren immer wieder besuchte. Dort fotografierte er nicht nur Jazzmusiker, sondern er schuf auch berührende Momentaufnahmen aus dem Alltag von Greisen und Kindern, Geschäftsmännern und Obdachlosen.

New YorkBowery (Straße und Gegend im Süden Manhattens), 1968

New York Bowery 1968  Foto: Werkmeister; Quelle

Diese Fotos wurden im Sommer 2015 in der Ausstellung „Sepp Werkmeister New York 60s“ im Münchner Stadtmuseum präsentiert und wurden in einem gleichnamigen Fotoband bei Hirmer veröffentlicht.

Besonders beeindruckte ihn damals John Coltrane, der stilbildende Tenorsaxophonist der 60er Jahre, der damals das Idol nicht nur der jungen Free-Jazzer-Generation war. Werkmeister, der gewohnt ist, ziemlich nahe an die Musiker heranzutreten, stand direkt vor ihm, doch Coltranes Körper vibrierte in seiner Ekstase so stark, dass alle Fotos, die Werkmeister von Coltrane machte „eine gewissen Unschärfe“ haben – „was die Bilder nicht schlechter macht, mir aber heute nicht mehr passieren könnte mit der Digitalkamera. Die Empfindlichkeit auch der teuersten Kodakfarbfilme war damals noch zu gering.“ 

John Coltrane fotografiert von Sepp Werkmeister

John Coltrane 1965, Foto: Werkmeister

Ein unvergessliches Coltrane-Portrait gelang ihm dann doch, als er den Saxophonisten 1965, also zur Zeit seines spirituellen Meisterwerks „A Love Supreme“ während einer Spielpause knipste, als der Musiker selbstvergessen und abseits in einer dunklen Ecke stand. Coltrane selbst hat wohl nicht gemerkt, dass er fotografiert wurde. Eindrucksvoll ist hier der Blick jener Augen eingefangen, denen der Pianist Mal Waldron 1957 die Komposition „Soul Eyes“ gewidmet hatte.

Miles Davis auf dem New Port Festival, fotografiert von S. Werkmeister; Quelle

Miles Davis auf dem New Port Festival 1974, Foto: Werkmeister;

Coltranes früherer Weggefährte Miles Davis wollte nicht fotografiert werden, während er auf der Bühne stand. „Die meisten hielten ihn für ein Scheusal. Es war nicht nur seine raue Stimme, die er sich einmal kaputt machte bei einer Operation, er behandelte seine Musiker zum Teil auch ganz übel. Aber alle, die mit ihm gespielt haben, haben unheimlich viel von ihm gelernt. Ich bin ihm x-mal begegnet und konnte zwischendrin eine ganze Reihe wirklich guter Fotos machen. Er war modisch immer ganz toll angezogen. Er hat seine eigene Kleidung entworfen. Ich bin mir da ganz sicher: Er hatte auch eine wahnsinnig empfindsame Seite, denn wenn du dir Balladen anhörst, weißt Du, es ist gar nicht anders möglich. Die zwei Seelen in einer Brust kann man bei ihm hören.“

Etwas Witziges passierte in den 70er Jahren im Münchner Domicile, als Dizzy Gillespie Werkmeister mitten im Konzert aufforderte „Give Me Your Camera“. Gillespie war nicht nur ein wegweisender Trompeter, sondern ein großer Entertainer und machte auf dem Bühnenboden liegend ein Foto des Fotografen – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Legendär sind Sepp Werkmeisters zahlreiche Fotos von Duke Ellington, vor allem eines mit Zigarette, das die melancholische Seite des gealterten Bandleaders offenbart. Ich bin ihm immer wieder begegnet und er hat mir viele Fotos freundlich und nett signiert. Ich kam an ihn ziemlich nah ran.“ Einmal gab Ellington Werkmeister einen Blanco-Scheck für eine Fotobestellung mit den Worten: ‚Setze selbst den Betrag ein, Joe. I trust you.‘ Dass er ihn für 86 Dollar einlöste bedauert Werkmeister heute, nach über einem halben Jahrhundert, noch. Der Scheck wäre eine wunderbare Erinnerung und ein Museumsstück obendrein.

Ein berühmtes Duke-Ellington-Portrait von Sepp Werkmeister; Quelle

Ein berühmtes Duke-Ellington-Portrait von Sepp Werkmeister; Quelle

Betritt man Sepp Werkmeisters Wohnung, befindet man sich in einem kleinen Museum, nicht nur wegen der Jazzfotos. Hier eine Renaissance-Madonna, dort afrikanische Statuen, dazwischen Gemälde, die auch mal von Musikern stammen, z. B. vom österreichischen Saxophonisten Hans Koller, der seit den frühen 50er Jahren, als er einer der Giganten des europäischen Cool Jazz war, zu Werkmeisters besten Freunden gehörte. „Ich habe ihn früh kennen gelernt, als er noch mit Horst Winter spielte und meinte „No jo, bei dem bleib i net long.“

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte und Sepp Werkmeister ist eine Schatztruhe an Anekdoten. Hier eine davon: Eines Abends trat bei einem Konzert ein noch unbekannter junger Wiener zu Hans Koller und sagte: ‚Na, Hans, manst i kannt a bissl spuin.`Hans meinte: ‚Najo, hock di hi und probier ma‘s.‘ Sie haben dann ‚All The Things You Are‘ gespielt oder so etwas ähnliches. Es hat aber nicht lange gedauert, da hat der Hans gesagt: ‚Halt! Jetzt sog I da ans. Jetzt gehst ham und leanst es richtig und kommst wieder.‘ Der angehende Pianist war Joe Zawinul! (Marcus A. Woelfle, April 2016)

Joe Zawinul fotografiert von Sepp Werkmeister

Joe Zawinul fotografiert von Sepp Werkmeister; Quelle

Marcus A. Woelfle

Jazzman Marcus A. Woelfle

Autor dieses Gastbeitrags ist Marcus A. Woelfle, Musiker, Jazzgeiger, seit 2009 Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen und einem breiten Jazzpublikum zudem bekannt als Autor und Moderator der radioJazznacht auf BR 2.

Am Mittwoch, 29.6.2016 wird Woelfe im NS-Dokumentationszentrum München, in der Reihe „Feindsender“ die Folge „Jazz in den besetzten Staaten“ präsentieren.


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Toni_Netzle_Alter_Simpl_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Nicht immmer Simpl: Toni Netzle – zum bevorstehenden 85. Geburtstag

Mag sein, dass es in der Künstlerszene mitunter zugeht, wie im Haifischbecken. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – verwandelt sich selbiges mitunter in einen Koi-Karpfenteich, es bedarf nur des richtigen Anlasses. Und ein solcher ist mit der Hommage-Veranstaltung zu Toni Netzles bevorstehendem 85. Geburtstag gegeben:

Alter_Simpl_Hans_Beierlein_Toni_Netzle_Brigitte_Bardot_Amelie_Fried_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Montage einiger Simpl-Gäste: Von links: Gunther Sachs, Brigitte Bardot, Dagobert Lindlau, Amelie Fried, Paul Breitner, Barbara Dickmann, Marie Waldburg, Hans R. Beierlein  – im Vordergrund Playboy Ralf Eden sind in der Retrospektive in Bild und/oder O-Ton vertreten u. v. m.

Einige ehemalige Simpl-Gäste reisen zur Matinee am Donnerstag, 19. März, um 11 Uhr im PresseClub München sogar extra an. Andere haben Fotoalben gewälzt, um mir noch Bildmaterial für die Multimedia-Retrospektive zu überlassen, die unter dem Titel: „Nicht immer Simpl: Toni Netzle“ im PresseClub gezeigt werden wird. Ganz zu schweigen von den vielen O-Tönen, die ich seit 2012 für diese Dokumentation zusammengetragen habe. Nie wurde mir ein Interview verweigert, ob hoch beschäftigte Musikproduzenten wie Ralf Siegel oder Politiker wie Peter Gauweiler oder Horst Ehmke, ob die Schauspieler Michaela May und Christian Wolff oder „Traumschiff“-Schöpfer Wolfgang Rademann. Und alle hatten sie mir viel zu erzählen, über drei wechselvolle Jahrzehnte am wohl berühmtesten historischen Tresen Münchens, den Toni Netzle zu ihrem Wohnzimmer erklärt und so auch geführt hatte, wie Paul Breitner in einem seiner O-Ton Beiträge anmerkt:

 

Horst_Ehmke_Alter_Simpl_SPD_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog„Eigentlich war der Simpl ziemlich spießig“, so Toni Netzle. Gemeint sind jene ungeschriebenen Wertvorstellungen, mit denen sie in ihrem legendären Lokal drei Jahrzehnte lang jedem neuen Zeitgeist auf ihre Art begegnete. Marianne Strauss ließ daher ihre Kinder im Schutz des Simpls die ersten Erfahrungen mit dem Nachtleben sammeln, die Schwabinger Krawalle fanden hier eine Plattform und Politiker unterschiedlichster Couleur „hinterchambrierten“ Partei übergreifend in Tonis Büro.

Dieter_Olaf_Klama_Alter_Simpl_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogIn der drangvollen Enge tummelten sich Studenten, Paradiesvögel, Adabeis und viele Medienvertreter, wobei der journalistische Instinkt vor der Tür zu bleiben hatte. Im Simpl war jedermann privat zu Gast. Auch dies ein ungeschriebenes Gesetz der Dame des Hauses, das so mancher Weltstar zu schätzen wusste, in der Zeit zwischen 1960 und 1992, als München noch als heimliche Hauptstadt galt.


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In ihren Memoiren schildert Toni detailliert den Hype, den die Fimpremiere von „Shalocko“ in ihrem Lokal verursachte und listet auf, wie diskriminierend die Filmgesellschaft die Verpflegung der Stars und Gäste organisierte: Erstklassiger Sekt nur für BB, Mittelklasse für Co-Star Peter van Eyck, während der andere Co-Star, weil nur „der Indianer“ sich mit Bier zu begnügen hatte. Sean Connery kam gar nicht erst, weil dies eine Veranstaltung der BB war.

 

Mit der Wende verlagerte sich der internationale Fokus nach Berlin und Tonis Streben wieder auf die Schauspielerei, ihrem erlernten Beruf. Nach einer emotionalen Abschiedsfeier mit Stars wie Rudi Carell „… bin ich mit meinem Lebensgefährten und meinem Hund gegangen, ohne mich auch nur noch ein einziges Mal umzudrehen …“erinnerte sich Netzle später.

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Toni Netzles Autobiografie: „Mein Alter Simpl“ ist im Münchner Hirschkäfer Verlag erschienen,. ISBN 978-3-940839-10-7

Ganz trennen wollte sie sich aber nicht von ihren vielen Erinnerungen und verfasste ihre Autobiografie, mit der sie ein neues, zeitgenössisches Kapitel zur Chronik des Alten Simpls hinzufügte.

Gegründet wurde dieser 1903 von Käthi Kobus.  Im Gefolge hatte sie die Literaten und Zeichner des Satireblatts Simplizissimus und die berühmte Bulldogge von Zeichner Thomas Theodor Heine als Maskottchen. Kobus übernahm kurzerhand Namen und Hund aus der literarischen Vorlage, woran sich bis heute nichts geändert hat, wie die Simpl-Bulldogge in der Collage selbst zu berichten weiß, begleitet von vielen historischen Bildern und mit Stimme und Worten von Toni Netzle. Hier eine Kostprobe, leider nur als Hörspiel:

 

Das Lokal entwickelte sich unter Käthi Kobus zur Keimzelle dessen, was als „Schwabinger Bohème der Jahundertwende“ zur Legende werden sollte, obgleich sich der Alte Simpl in Maxvorstadt und nicht in Schwabing befindet. Wie auch immer trafen sich hier ii namhafte Literaten, wie Thomas Mann, Strindberg oder Ludwig Thoma und Peter Paul Althaus, Paradiesvögel wie die barfüßige Gräfin Franziska von Reventlow, Revoluzzer wie Erich Mühsam, die Dichter und Kabarettisten Karl Valentin und Joachim Ringelnatz. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab Käthi Kobus das Lokal aus Altersgründen auf.

Lili_Marleen_Simpl_Lale_Andersen_Theo_Prosel_jourfixe-Blog

Bildcollage aus meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“; Quelle der Fotos: Nachlass von Theo Prosel

Die nächste große Blütezeit erlebte der Alte Simpl unter dem Wirt und Kabarettisten Theo Prosel.

http://www.theo-prosel.de/

Unvergessen bleibt u.a. sein Song: „Ich hab die schönen Maderln nicht erfunden …“  Eine der vielen KünstlerInnen, die Prosel für seine Bühne engagierte, war die Sängerin Lale Andersen. Für sie vertonte ein junger Komponist namens Rudolf Zink die erste Fassung eines Liedes, das später, in der Version von Norbert Schulze Weltruhm erlangen sollte: „Lili Marleen„. Lale Andersen äußerte später, dass ihr die ursprüngliche, sehr nostalgische Melodie von Rudolf Zink wesentlich mehr entsprochen habe.  Hier ein Ausschnitt dieser weitgehend unbekannten Fassung, von Lale Andersen selbst gesungen:

 

Ja, und dann wäre da noch die Geschichte, wie Theo Prosel einem jungen Studenten namens Franz-Joseph Strauß Hausverbot auf Lebenszeit erteilte, noch bevor eine Bombe dem Simpl erst einmal für Jahren den Garaus machen sollte …

Es gäbe noch so viel zu erzählen, von gestern und vorgestern, im Alten Simpl, aber mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Einiges davon präsentieren wir am 19. März  in Bild und Ton im PresseClub, als unsere Hommage an Toni Netzle – im Namen zahlreicher Menschen, die bewegende Erinnerungen mit dem Alten Simpl und Toni Netzle verbinden ….

Details zu der  Matinee am 19.3.

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jourfixe_News.html

 

Details zur Produktion „Nicht immer Simpl: Toni Netzle“

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Toni_Netzle_Simpl_Collage.html

 

Details zu Toni Netzle

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Toni_Netzle.html

 

Alle Informationen finden sich zudem in einer PDF-Broschüre zum Downloaden zusammengefasst:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Bilder2014/Toni_Netzle_2015_Simpl_Collage_Gaby_dos_Santos.pdf

 

Ein Verzeichnis aller bisherigen Blog-Beiträge findet sich unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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