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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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Arrivederci, servus Theodora „Dorli“ Diehl! Abschied von der sanften Matriarchin eines Münchner Künstlerklans

Zum Abschied in der überfüllten Aussegnungshalle sang der Schlossherr von Weitersroda, der Liedermacher, Kabarettist und Polit-Aktivist Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, noch einmal das berühmte Lied „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ für seine Großmutter Theodora „Dorli“ Diehl. Geschrieben hatte es einst ihr Vater, Theo Prosel, in einer einzigen Nacht in der Künstlerkneipe Simplicissimus in München, die später auch als Alter Simpl bekannt wurde. Dort steuerte er ab 1934 als Wirt, Kabarettist und Programmgestalter das legendäre Lokal pfiffig durch düstere Zeiten, bis zur schweren Bombardierung 1944. An Prosels Seite seine Frau, die Sopranisten Julia Prosel und die drei Töchter: Dorli, die Älteste sowie Resi und Trude.

Bildcollage zu Simpl-Wirt Theo Prosel aus dem Historical „Das Lied von Lili Marleen“; Augangsfotos: Prosel-Klan

Für die drei heranwachsenden Töchter erwies sich das elterliche Lokal als Panoptikum, denn die Familie lebte in einer Wohnung über dem Simpl; dadurch lernten Theodora „Dorli“ Diehl und ihre Schwestern viele Künstler_Innen kennen, die damals dort ein- und ausgingen, darunter Karl ValentinLiesl Karlstadt und nicht zuletzt Lale Andersen, wie sich Dorli, die Älteste, 2010 in meinem Historical „Das Lied von Lili Marleen“ zusammen mit Schwester Resi Prosel (+ 2010) erinnert, mit dem für sie so typischen, pfiffigen Humor, gepaart mit scharfer Beobachtungsgabe: (Abschrift – sinngem. und nach Gehör – eines O-Tons a.d. BR-Feature „Simpl am Abend – erquickend und labend“ von Eva Demmelhuber):

Die drei Prosel-Schwestern in den 1930er Jahren, v. links: Dorli, Trude und Resi; Quelle: Prosel-Klan/2010

Wir Kinder waren natürlich ganz narrisch auf die Lale. Da haben wir schon in einem kleinen Zimmer geschlafen, oberhalb der Bühne, wo gerade  nur drei Betten rein gingen. Dazwischen war ein kleiner Zwischenraum, da haben wir uns immer gestritten, wer in den rein durfte, wenn die Lale gesungen hat. Die hat man immer raufgehört, ja. Wer sich dahinlegen durfte und das Ohrwaschl auf den Fußboden, um das zu hören. Ja, für die haben wir gschwärmt, ja, ja sehr geschwärmt.

Lale Andersen, damals noch Wilke, Anfang der 30er Jahre mit Sohn Michael Wilke vor dem Plakat zu einem ihrer Simpl-Auftritte; Quelle: Michael Wilke

Das war einfach a Persönlichkeit, das kann man nicht schildern, erstens war sie sehr norddeutsch, schön war sie nicht, aber interessant irgendwie und ihre Lieder waren gut – ja – und ihre Stimme war unverwechselbar. Ich sag ja ned, dass sie weißgott wie schön war, die Stimme. Uns hats halt gefallen.

Da hatte sie natürlich tolle Lieder, so mit unanständigem Hintergrund manchmal und die haben wir dann immer lauthals in der Schule gesungen, zur Freude der Lehrer. (…) > Tonprobe von Dorli/Resi Prosel eines solchen unanständigen Liedes 😉

Lale Andersen, (Lili Marleen) 30er Jahre, auf der Auer Dult mit Simpl-Wirt Theo Prosel, Dorlis Vater, Quelle: Prosel-Klan

  • Lale selbst erinnert sich später an die Zeit: Damals im Simpl, das war noch als Endrikat auf der Bühne stand mit seinem dicken Adressbuch, und der Ringelnatz, der sich immer an eine Säule anlehnen musste, um beim Singen nicht allzu sehr hin und her zu schwanken und das Gleichgewicht zu verlieren …

    Die junge Dorli (Mitte) tritt hier in „Gondrells Bonbonniere“ auf, Foto von Anfang der 1940er Jahre; Quelle: Theodora Diehl Gedenkseite von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Es war auch Lale Andersen, die Dorli empfahl, sich unbedingt als Schauspielerin ausbilden zu lassen, was das junge Mädchen auch tat:  Am 2. April 1941 bestand sie die Abschlussprüfung vor der Reichstheaterkammer und war nun „Staatlich geprüfte Schauspielerin“ .Sie trat u.a. auf im „Simpl“, im „Regina-Palasthotel“ und in „Gondrells Bonbonniere“, schreibt Tochter Gabriele Kirner-Bammes auf der Gedenkseite, die sie zur Erinnerung an ihre Mutter im Internet veröffentlicht hat.

Die Bühne führte Dorli auch mit ihrem Mann, dem Schriftsteller, Journalist und Schauspieler Walther Diehl  zusammen und in eine 53 Jahre andauernde Ehe, die erst 1994, mit dem Tod Walther Diehls, endete. Das Lokal seiner Schwiegereltern verewigte er in der Chronik: „Die Künstlerkneipe Simplicissimus„. Das Vorwort dazu schrieb Konstantin Wecker, langjähriger Kollege von Enkel Prinz Chaos II. alias Florian Kirner … Der stand nun, im August 2017, vor der Trauergemeinde und sang jenes Lied seines Ur-Großvaters: „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ … Spätestens jetzt überkam uns Trauergästen die Rührung. Auch mir stiegen Tränen in die Augen, worüber ich mich ein wenig schämte. Da ich Dorli nur selten begegnet war, fühlte es sich ein wenig unangemessen für mich an, mich der Gruppe all der Trauernden anzuschließen, die sie doch viel besser gekannt hatten, wie der Künstlerkreis 83 und der Künstlerkreis Kaleidoskop, dem ich inzwischen auch (wieder) angehöre und der an diesem Tag durch dessen ehemaligen Leiter, Conrad Cortin vertreten wurde. Andererseits zollten meine Tränen auch einer Frau Tribut, deren Persönlichkeit mich von der ersten Begegnung an beeindruckt hatte!

Gasteig-Premiere von „Das Lied von Lili Marleen mit den Zeitzeug/Innen, v. li.: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten der ersten Fassung von Lili Marleen), Dorli Diehl (Tochter von Simpl-Wirt Theo Prosel), Brigitt Schultze Galland (Witwe des Komponisten Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Sängerin Lale Andersen), halbverdeckt: Toni Netzle (ehemalige Simpl-Wirtin), Gaby dos Santos (Autorin der Collage), re.: Mathias Deinert (Lale–Andersen–Archiv)

Persönlich kennengelernt hatte ich Dorli, ebenso wie die meisten anderen Mitglieder des Prosel-Klans bei der Gasteig-Premiere meiner „Lili-Marleen“-Collage und alle überredet, im Rahmenprogramm noch einmal die „Simpl-Revue“ aufzuführen.

Erst in späten Jahren war Dorli im „Künstlerkreis 83“ und im „Künstlerkreis Kaleidoskop“ wieder aufgetreten und dort sah man sie im Juni 2008 in der Revue „Der Simpl-Goethe und die Nachtigall“, einer Veranstaltung zur 850-Jahr-Feier der Stadt München, in der vier Generationen unserer Familie mitwirkten. Am 1. Februar 2011 wurde diese Revue zu Ehren meiner Großeltern, Theo und Julia Prosel, in veränderter Form im „theater… und so fort“ in München-Schwabing wiederholt, wobei meine Mutter diesmal mit ihren Erinnerungen durch den Abend führte – und sie sprach und agierte völlig frei und ohne Spickzettel, denn dieser wäre gegen ihre Berufsehre als Schauspielerin gewesen. Und das kurz vor ihrem 90. Geburtstag!“ so Tochter Gabriele auf der Gedenkseite.  Ganz so haben es damals mein Freund und jourfixe-Vorsitzender Jon Michael Winkler und ich auch empfunden: Dorli Diehls Auftritt an diesem Abend war ein Paradebeispiel wahrer Bühnenpräsenz!

Dorli Diehl – die filigrane Matriarchin – führt mit fast 90 Jahren souverän durch die „Simpl-Revue“, künstlerisch begeleitet von 4 Generationen Prosel-Klan! Die Projektion zeigt ihre Mutter, die Sopranistin Julia Prosel in den 20er Jahren. Foto: Gedenkseite

In dieser Zeit überraschte sie mich auch damit, plötzlich über Email erreichbar zu sein und kurz danach auch noch via Facebook! Der elektronischen Medien bediente sie sich in Folge auch, um sich mit über 90 Jahren unter die Buchautor_Innen zu begeben. Nur der Not koan Schwung lass’n lautet stimmig der Titel ihrer Autobiografie.

Bestellung der Biografie unter: Gabriele Kirner-Bammes: kirner-bammes (at) t-online.de
Tel. 08141/72 4 72 Der Versand erfolgt mit Rechnung, 12,90 € zzgl. Versandkosten

Als sie ihre Lebenserinnerungen herausbrachte, trat die bereits 91-jährige Karlsfelderin richtig ins Rampenlicht. Sie tingelte von einer Lesung zur nächsten und begeisterte ihre Zuhörer mit ihrer unglaublichen Geschichte. In der Münchner Drehleier trat sie mit ihren Töchtern, dem Schwiegersohn, den Enkeln und der Urenkelin auf. Vier Generationen spielten Szenen aus dem „Simpl“, wobei die alte Dame mit ihrer unglaublichen Präsenz und Energie allen anderen die Show stahl. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werden muss, um berühmt zu werden“, sagte sie damals der SZ. Humor war immer ihr Rezept gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ist es bis zum Schluss geblieben., so im Nachruf von SZ-Online nachzulesen, der sie als „Eine Ikone der Schwabinger Künstlerwelt“ betitelt.

„DIE PROSELS“: Von hinten links im Uhrzeigersinn: Ur-Enkelin Svenja Heise, an die sich das Gesangstalent der Ur-Ur-Großmutter,  Sopranistin Julia Prosel, weitervererbt hat –  Urenkel und Liedermacher Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, – daneben Peter Bammes mit Gattin Gabriele Kirner Bammes (eine Tochter von Dorli), die im Duo für den Roggensteiner Bänkelgsang stehen – gefolgt von Dorlis Tochter Karin Lehndorfer; ganz vorne Theodora „Dorli“ Diehl mit Enkelin, der Sängerin Heida Lehndorfer

Fast bis zuletzt fand Theodora „Dorli“ Diehl Mittel und Wege, aktiv im künstlerischen ebenso, wie im sonstigen Leben zu stehen. Noch im Mai hatte ich mit ihr ein langes Telefonat geführt, in dem wir uns gegenseitig bezüglich unserer aktuellen Aktivitäten auf Stand brachten. Anfang August gratulierte ich via Facebook noch zu ihrem 96. Geburtstag; ein Gruß, der sie schon nicht mehr erreicht haben dürfte, wie mir später Tochter Gabriele berichtete. Ganz am Ende hielt das Leben für Dorli noch eine Phase kurzer Krankheit bereit. Bis dahin aber hatte sie das Leben bejahend und resolut gemeistert, stets mit einem feinsinnigen Lächeln um die Lippen, filigran, wie ihre ganze Erscheinung. Zwar stand sie gewissermaßen als Matriarchin einem ganzen Künstlerklan vor, der vier Generationen umfasste, doch wirkte ihr Auftreten nie fordernd oder laut. Sie umspannte ihre Familie mit ihrer Liebenswürdigkeit; so habe ich es empfunden und wohl ebenso die zahlreichen Weggefährt_Innen, die sich auf dem Obermenzinger Friedhof eingefunden hatten, um „ihrer“ Dorli Diehl die letzte Ehre zu erweisen, darunter viele Künstler-Kolleg_Innen.

Mich wird Theodora „Dorli“ Diehl sicher weiter begleiten, in den Begegnungen mit ihrer Familie, dem O-Ton in der „Lili-Marleen“-Collage und vor allem als Vorbild und Beispiel dafür, dass es sich jederzeit und also auch im Herbst des  (künstlerischen) Lebens noch voller Bravour durchstarten lässt!

Arrivederci, servus, liebe Dorli!


Mehr zu Dorli Diehls bewegtem Leben – 1921 bis 2017 – > 

Meine Mutter Theodora ‚Dorli‘ Diehl  – Ein Leben in Bildern, mit textlichen Erläuterungen von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Theo Prosel – Dichtender Simpl-Wirt und Münchner Kabarettlegende


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Gunna_Wendt_Liesl_Karlstadt_Schwabinger_Kunstpreis_2017_Franziska_zu_Reventlow
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Schwabinger Kunstpreis 2017 für Autorin und jourfixe-Mitglied GUNNA WENDT

Mit ihrer Feder hat Gunna Wendt nicht zuletzt München/Schwabing ein ganzes Stück weit auferstehen lassen, mit wunderbaren Biografien, z. B. zu Liesl Karlstadt (s. obige Fotomontage) oder zu „Franziska zu Reventlow – Die anmutige Rebellin„. Aus letzterer Biografie entsteht gerade ein jourfixe-Historical, mit Musiken von Michaela Dietl und einer Multimedia-Show mit historischen Bildcollagen von Gaby dos Santos verwoben mit Reventlow-Texten,  das 2018, zum 100sten Todestag der „barfüßigen Gräfin“ auf Tour gehen soll.

Franziska zu Reventlow – eine der Gallionsfiguren der legendären Schwabinger Bohème. Gunna Wendt widmete ihr eine Biografie

Nun ist es unter anderem dieser Gräfin (s. obiges Foto) bzw. deren Verbundenheit zu München, Zitat: „Schwabing ist ein Zustand„, zu verdanken, dass Gunna Wendts literarische Arbeit mit diesem renommierten Münchner Preis gewürdigt wird. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena Christ, Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen.

Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. Auch die Frauen aus Gunna Wendts jüngstem Projekt zählen dazu: es geht darin um die Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Thomas Manns Tochter Erika und der Schauspielerin Therese Giese. Doch die Autorin hält nicht nur mit ihren Biografien den Mythos Schwabing lebendig, sondern auch mit liebevoll recherchierten Ausstellungen. Obendrein hat sie eine charmante Anleitung verfasst zu einem Spaziergang durch die Kaffeehäuser der Schwabinger Bohème. Eine Einladung, mit allen Sinnen in die legendäre Zeit von damals einzutauchen.

Die Preisverleihung findet am 26. Juni im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung im Verwaltungszentrum der Stadtsparkasse München statt.

Informationen auch unter www.muenchen.de/kulturfoerderung unter ‚Preise‘.“

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Zu sehen und hören ist Gunna Wendt aber bereits am Sonntag, 26. März, um 14 Uhr, im Ateliermuseum der Magda Bittner–Simmet Stiftung, am Englischen Garten, gemeinsam mit der Autorin Renée Rauchalles >

Veranstaltung im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings 2017, bei freiem Eintritt!


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Stadtarchiv München Gaby dos Santos jourfixe-Blog
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Frau Zoff und Gatte Bert … Sommerliche Einblicke in das Stadtarchiv München sowie Vorschau mit Veranstaltungshinweisen zu meinem Griechenland-Blog

1922 ehelichte eine Sängerin namens Marianne Zoff einen Herrn Bertholt Brecht und auf der Heiratsurkunde, die ich gestern betrachten durfte, hatte ein gewisser Lion Feuchtwanger als Trauzeuge unterschrieben … Viel renommiertes Kulturholz für eine Trauung …Dennoch erlangte der Spruch „nomen est omen“ fünf Jahre später bedauerliche Gültigkeit, belegt durch eine Scheidungsurkunde, in der beide Parteien gleichermaßen für schuldig befunden wurden, da Frau Brecht, geborene Zoff, mit einem Herrn Theo Lingen Ehebruch begangen hatte und ihr Angetrauter wiederum mit einer Helene Weigel

Dass staubtrockene Unterlagen eines Tages spannende Geschichten erzählen können, wurde mir bei der liebevoll detaillierten Führung durch die normalerweise dem Publikum verschlossenen Räumlichkeiten des Stadtarchives einmal mehr bewusst. Hier lagern, würde man sie an einander fügen, ca. 20 km Akten, davon über 2.000 noch aus dem Mittelalter. Lange Zeit war strittig, ob München oder Köln sich des größten Stadtarchivs Deutschlands rühmen dürfen. Durch den Einsturz des Kölner Archivs hat sich diese Frage auf bedauerliche Weise inzwischen erledigt.

Gerüstet mit den obligaten weißen Baumwollhandschuhen, um die Exponate zu schonen, schlug unser Führer unter anderem ein Steuerbuch Ende von ca. 1375 auf, angelegt also, so ging mir kurz durch den Kopf, nachdem München schon von der ersten Pestwelle heimgesucht worden war. Auf der ersten Seite befand sich der Wortlaut eines Schwurs, den jeder Steuereintreiber zu leisten hatte, illustriert durch ein sorgsam gestaltetes Bildchen. Steuern zahlte nur, wer die Bürgerrechte besaß. Veranlagt wurde man auf Grund der eigenen Angaben, allerdings lies das enge Zusammenleben nicht viel Raum für Schummeleien, von karibischen oder alpenländischen Schlupflöchern mal ganz zu schweigen. Ein Bürger zum Beispiel hatte 18 irgendwas (dargestellt in lateinischen Ziffern) bezahlt, hinter anderen Namen befand sich der Eintrag „nihil“ – „nichts“, also wohl der Steuerpflicht entbunden, weil zu arm. Klerus und Adel zahlten sowieso nicht, ebenso wenig Ortsfremde. Aufbewahrt werden hier alle Unterlagen bis – derzeitiger Stand – 1808. Alles spätere liegt noch – historisch gänzlich unverklärt –  😉  beim Finanzamt.

Aufschlussreich auch eine Urkunde datiert spätes Mittelalter, frühe Neuzeit, in der ein Bürger Wasserrechte zugesprochen bekommt. Die Urkunde ist, neben dem damals üblichen Siegel, mit einem Stift versehen, dessen Länge festlegt, welcher Wasseranteil dem Bürger zugesprochen wird. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass es damals durchaus schon Haushalte mit eigenem Wasserzugang gab. Zu diesem Vorgang lagern zwei Dokumente im Stadtarchiv. Das erste gehörte seit jeher zum städtischen Dokumentenbestand. Das zweite, ausgestellt seinerzeit für den Bürger, hat das Stadtarchiv über Ebay ersteigern können. Lediglich die Adressierungen – einmal an die Stadt, einmal an den Bürger gerichtet  – unterscheiden sich; ansonsten hat der Schreiber fein säuberlich den Wortlaut in doppelter Ausfertigung niederschreiben müssen. Dagegen muten selbst die umständlichen Schreibmaschinen-Durchschläge aus der Prä-Computer-Steinzeit noch praktisch an.

Dann holte der Archivar ein Dokument hervor, das die Geburt einer gewissen Elisabeth Wellano am 12. Dezember 1892 bekundete. Elisabeth wer? Es handelt sich um die Geburtsurkunde eines Münchner Kindls, das später als   Liesl Karlstadt berühmt werden sollte …

Auch der Nachlass des Münchner Urgesteins „Weiß Ferdl“ wird hier verwahrt, zusammen mit anderen illustren Persönlichkeiten, mit Enteignungsurkunden, den gesammelten Akten zum Oktoberfest oder, exemplarisch, die Schulakten ganzer Jahrgänge, etc.

Das älteste gestern vorgeführte Exponat war von ca. 830, eine Bibelseite aus dem Neuen Testament, das später, wie viele sehr sehr alte Pergament-Schriften, als Bucheinband zweckentfremdet worden und schließlich in den Besitz der Historischen Gesellschaft von Oberbayern gelangt war. Diesem, zu Gründungszeiten um 1835, noch sehr elitär aufgezogene Verein, verdankt das Stadtarchiv zahlreiche Exponate, und ihr Vorsitzender, Dr. Michael Stephan, ist zugleich der Leiter des Münchner Stadtarchivs. Ein Blick auf deren Homepage und Veranstaltungsprogramm lohnt sich für alle, die Heimat/Geschichte fasziniert:

http://www.hv-oberbayern.de/

Persönlich stelle ich fest, dass ich mich viel heimischer in München fühle, seit ich mich, zunächst berufsbedingt, später auch aus privatem Interesse, mit der Geschichte von München und Umgebung befasse.

Wird ein Nachlass dem Archiv angeboten, so findet zunächst eine Begutachtung durch Archivare des Hauses statt, da der Platz nicht unbegrenzt ist. Aber immerhin können noch knapp 18 km mehr an Dokumenten hier verwahrt werden. Bis in die 20er Jahre befand sich das Stadtarchiv übrigens neben dem Marienplatz und wurde dann, als es aus allen Nähten zu platzen begann, in das ehemalige Wehramt in der Winzererstr. 68 verlegt und im Krieg vorsorglich auf diverse Ausweichlager verteilt, so dass nichts zerstört wurde.

Was der Krieg ansonsten in München 1945 an Spuren hinterlassen hat, konnte ich dann bei einem anschließenden Gang durch eine kleine Foto-Ausstellung im Hauptgebäude betrachten.

Sicherlich war dies nicht mein letzter Besuch im Stadtarchiv. Wenn ich jetzt auch meine überfällige Kreativ-Pause geniesse, so wird mich das historische München-Virus sicherlich früher oder später wieder einmal befallen und dann ist einmal mehr Recherche angesagt. Zu solchen Zwecken steht das Stadtarchiv allen BürgerInnen offen, vorausgesetzt, möchte ich hinzufügen, man ist des Sütterlin kundig oder nur an allerjüngster Vergangenheit interessiert. Mit der Sütterlin-Schrift hatte ich seinerzeit bei den Recherchen zum Alten Südlichen Friedhof im Bayerischen Staatsarchiv bereits meine liebe Not; vermochte anfangs so gut wie nichts zu entziffern. Aber beim nächsten Besuch – ob Stadt- oder Staatsarchiv – nehme ich vorsorglich Toni Netzle als schriftkundige Begleitperson mit, die des Sütterlin noch mächtig ist.

Apropos „Alter Südlicher Friedhof“: Eine Historikerin, die gemeinsam mit mir die Führung besucht hatte, erzählte mir im Anschluss, sie plane ein Buch über Frauen, die auf dem Alten Südlichen Friedhof die letzte Ruhe gefunden haben. Spannende Sache! Ich hoffe, in Kürze mehr darüber zu erfahren und berichten zu können, zumal der Verein musica femina münchen ebenfalls ein Projekt über die dort bestattete Komponistin Sophie Menter plant.

Abgekühlt, dank der angenehmen 20 Grad in den Lagerräumen, habe ich jedenfalls gestern das Sommerfest mit der in diesem Jahr bislang vermissten „Summer-In-The-City“-Beschwingtheit verlassen, während ich entspannt durch Schwabing Richtung Heimweg schlenderte, voller neuer Erkenntnisse über meine Stadt – und, verzahnt, wie beides ist, ein wenig auch über mich … Dem Team von Stadtarchiv und Historischer Gesellschaft meinen herzlichen Dank!

Mehr zum Münchner Stadtarchiv unter:

http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Geschichte-StadtAM.html

Vorschau: Für kommende Woche steht auf meiner Agenda GRIECHENLAND! 

Hierzu die Daten zu zwei Veranstaltungen nächste Woche, die ich mir in keinem Fall entgehen lassen werde:

Montag, 06.07.2015 11:00 Uhr
WOLFGANG BOSBACH
– der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses stellt sich exklusiv im Münchner Presseclub den Fragen

Als Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag ist Wolfgang Bosbach einer der einflussreichsten Abgeordneten unter der Kuppel des Reichstags. Als wortgewandter Rheinländer ist der CDU-Politiker ein streitbarer Gast bei Günther Jauch, Maybrit Illner und andern Talk-Runden. Wolfgang Bosbach, der seinen heimischen Wahlkreis seit 1994 sechsmal hintereinander direkt gewinnen konnte, hat sich mit seiner Prinzipientreue hohe Achtung erworben, aber nicht nur Freunde gemacht. Er kämpft dafür, dass Sicherheit und Freiheit in einer Demokratie gleichwertig sind wie Zwillinge. Er ist gegen die milliardenschweren Griechenlandhilfen und stellt sich dabei auch gegen die Mehrheit seiner Fraktion. Besonders spannend: Wenn Wolfgang Bosbach in der zweiten Juli-Woche in den Münchner Presseclub kommt, sind die Hilfsprogramme für Griechenland ausgelaufen. Mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen, über die Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Presseclub-Vize Peter Schmalz aus erster Hand berichten wird.

Öffentliche Veranstaltung, Gäste sind herzlich willkommen!
Eintritt frei
PresseClub München e.V., Marienpl. 22, Eingang im Pschorr Bräu/Lift 2. Stock (Gebäude angrenzend an Hugendubel)

Donnerstag, 9. Juli, 19 Uhr CHRISTIAN UDE zur Griechenlandkrise

Gravelottestr. 6, Casino der Arbeiterwohlfahrt, Eintritt frei

Veranstalter: SPD – Ortsverein Haidhausen Ost

Die Gravelottestr. liegt zwischen dem Ostbahnhof und dem Pariser Platz

Link zur Übersicht aller bisheriger Blogs >>>

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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