Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Künstlerisch „dazwischen“ – nicht „daneben“! Zur Dankesrede von Autorin Gunna Wendt, Schwabinger Kunstpreisträgerin 2017

Neben Schauspieler Thorsten Krohn und Wolfgang Schlick mit seiner Express Brass Band, war es Gunna Wendt, die den diesjährigen Schwabinger Kunstpreis erhielt, persönlich überreicht von einem wie immer geistreich launigen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers.

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Gunna, seit letztem Jahr auch Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, nutzte ihre Dankesrede zu einer überfälligen Betrachtung bezüglich des Umgangs mit der „literarischen Biografie“, was sich leider genau so auf alle künstlerischen Genres übertragen lassen, die nicht in eine Schublade passen und deren Kernaussage ich, nach nochmaliger Lektüre, ungekürzt wiedergeben möchte:

„(…) Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. Sie ist fast aus allen Förderprogrammen – allen voran der Deutsche Literaturfonds – ausgeschlossen.

Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. Werden Fußnoten verwendet, heißt es, das störe den Lesefluss. Wenn nicht, erfolgt oft der Vorwurf der mangelnden Wissenschaftlichkeit, obwohl diese gar nicht beansprucht wurde. Ja, die professionelle Rezeption tut sich schwer mit diesem Genre, aber die Leserinnen und Leser zum Glück nicht!

Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. Und hatte nicht schon der argentinische Autor Julio Cortázar, der neben Thomas Bernhard, einer meiner großen literarischen Favoriten ist, sich selbst als „hartnäckigen Bewohner von Zwischenbereichen“ bezeichnet. Durch ihn habe ich viel zum Thema Biografie gelernt – genauso wie von dem französischen Philosophen Gilles Deleuze, dessen schmaler Band „Kafka – für eine kleine Literatur“ nach wie vor unerreicht ist, wenn man Elementares über Kafka und über Biografie erfahren will.

Aber die Zeiten ändern sich – „The times they are a-changing“ – Bob Dylan hat den Literatur-Nobelpreis bekommen, auch wenn die Diskussionen darüber, ob seine Songtexte Literatur sind, nicht abreißen. (…)“

First Row in der Verwaltungszentrale der Stadtsparkasse München: Schwabinger Kunstpreisträger_Innen 2017, vierte von links etwas verdeckt: Gunna Wendt, Stifter: ganz rechts Stefan Hattenkofer/Vorstand Stadtsparkasse München, daneben Kulturreferent Hans-Georg Küppers; Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Danke, Gunna, für Deine Bücher, die ich gerade deshalb so liebe, weil sie einer realen Vergangenheit entstammen, die Du zum Leben erweckst, danke, weil Deine Protagonist_Innen immer auch Querdenker_Innen sind, in denen ich mich oft und gerne wiederfinde und danke für obigen Ausschnitt aus Deiner gestrigen Rede, in der sich auch die Problematik meines künstlerischen Schaffens wiederspiegelt, das sich auch keinem festen Fördertopf zuordnen lässt – und, wie ich gerade sehe, auch auf eine ganze Reihe anderer Kolleg_Innen zutrifft.

Zur Verleihung des Schwabinger Kunstpreises 2017 an Gunna Wendt siehe auch meinen Ankündigungs-Beitrag mit der Jury-Begründung im jourfixe-Blog

Das Titelbild stammt von Journalist und Autor Johann Türk und wurde von mir durch das jourfixe-Logo ergänzt.


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„Nur mit dem Herzen sieht man gut!“​ Vom Umgang mit Bildender Kunst und zur Eröffnungsrede von MKG-Präsident Nikos W. Dettmer zur Jahresausstellung 2017

Der Kaiser ist nackt, dennoch jubelt das Volk ihm und insbesondere seinem neuen, angeblich maßgeschneiderten Outfit zu. Zwei Hochstapler haben ihnen versichert, dass NUR die Klugen des Kaisers neue Kleider würden wahrnehmen können. Unter diesen Umständen ziehen es alle Bürger vor, den neuen Look ihres Souveräns mit Begeisterung zu quittieren, gerade weil sie nichts sehen. Nur nicht vor den anderen als dumm gelten! In die allgemeine Heuchelei hinein platzt die Stimme eines Kindes. Noch frei von gesellschaftlichem Geltungsdrang, ruft es erstaunt: „Aber der Kaiser ist doch nackt?“ Erst jetzt trauen sich die Erwachsenen, das Offensichtliche auch auszusprechen …

Das vielsagende Märchen „Des Kaiserns neue Kleider„, von Hans Christian Andersen, in einer Umsetzung des Malers Jos Huber [s. nachstehendes Bild], ist das Plakatmotiv zur Jahresausstellung 2017 der MKG; eines, das mir inhaltlich nahe steht:

In meinen bald 20 Jahren als Leiterin der Kulturplattform „jourfixe-muenchen bin ich vielen „nackten Kaisern“ begegnet. Stets wurden und werden sie von einer Entourage begleitet, die bejubelt, was zu bejubeln angemessen scheint, weil es der Zeitgeist so diktiert, auf Kosten der individuellen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur. Doch schrieb nicht Antoine de Saint Exupéry, in „Der Kleine Prinz“ so treffend: „Nur mit dem Herzen sieht man gut.“ Diese Worte plädieren, jenseits aller intellektuellen Verkopfungen, für Wahrnehmung auf persönlicher und vor allem sinnlicher Ebene. Nicht zufällig ist oft davon die Rede, ob ein Kunstwerk einem etwas „sagt“, ob es also in einen Dialog mit dem Betrachter zu treten vermag; eine grundsätzliche Frage, die sich als solche jedem Zeitgeist entzieht.

MKG-Präsident Nikos W. Dettmer Foto:  Homepage

Die Auswirkungen des Zeitgeistes auf die Situation der Bildenden Kunst in München, insbesondere auf die der „Realistischen Kunst„, analysierte in seiner Eröffnungsrede vom 2. März 2017, Nikos W. Dettmer, seit 2014 Präsident der MKG/Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868.

Nachstehend, Passagen aus seiner Rede: „Als ich vor drei Jahren die Präsidentschaft der MKG übernehmen durfte, hatte ich die Vision, diese Künstlergemeinschaft wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Diese Vision nahm durch das Buch über die MKG Gestalt an, das von unserem Ehrenpräsidenten Jochen Oberländer initiiert und von Charlotte Mosebach verwirklicht wurde.

Seitenansicht aus dem aktuellen Ausstellungskatalog – Copyright Buchcover: Nikos W. Dettmer/Paul Martin Cambeis, alle Rechte vorbehalten; zum Internet-Shop der MKG

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Schon Jahre vorher war ich, mittels Internet, durch die Welt gereist und habe festgestellt, dass die Realistische Kunst in anderen Ländern niemals an Bedeutung verloren hat. In München dagegen führte die MKG, trotz aller Bemühungen, ein mediales Schattendasein. Wir erinnern uns an so manchen Presse-Beitrag, der die Arbeiten der MKGler in die Ecke altmodischer „Blümchenmalerei“ schob. Das gipfelte in der Interview-Frage: “Ach, bei Ihnen sind ja viele über fünfzig, kann man denn da noch kreativ sein?“

Bild links: Von wegen „Blümchen-Malerei“! Die Werke des Malers, Bildhauers und künstlerischen Allrounders Paul Martin Cambeis prägt in diesem Jahr eine regelrechte Primaten-Invasion: Ob zwei- oder drei-dimensional, ob uni oder mehrfarbig, stehen unsere tierischen Verwandten im Mittelpunkt und finden sich mit zwei Werken (ein Bild, eine Skulptur) in der aktuellen Jahresausstellung der MKG wieder. In Cambeis‘ Affenwelt gähnt es sich gern viel, mit Auswirkungen auch auf den Schöpfer selbst 😉

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Dass die MKG im Haus der Kunst bis zu zweitausend Vernissage-Besucher anzog, blieb offensichtlich für Print und Medien ohne Belang. Wahrscheinlich wurden diese Besucher als ebenso altmodisch eingestuft, wie die Exponate selbst und zählten daher nicht als Argument für eine ernsthafte mediale Auseinandersetzung mit der MKG.“

Eine Hommage an das Münchner Urgestein Karl Valentin zeigt Präsident Nikos W. Dettmer bei der diesjährigen MKG-Ausstellung 2017

 Aus der Rede von NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Ich widme mich seit Anfang der 80-ziger Jahre beruflich der Kunst. Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich!
  • Wo sind die alteingesessenen Kunsthandlungen geblieben, wie Koestler, Fuchs, Otto und andere, die die Realistische Kunst vertraten?
  • Wo sind die schlitzohrigen Zwischenhändler, die im Atelier die Arbeiten von der Staffelei noch nass weg kauften?
  • Wo sind die Zeiten , als es noch Sinn machte, die Maximilianstraße zu betreten? Kein Security-Mann starrte einen grimmig hinter Glastüren von Nobelmarken an. Monaco Franze konnte man begegnen und im „Roma“ die Prominenz beim Kaffee treffen, während ein paar Meter weiter der schillernde Rudolf Moshammer seiner kleinen Mutter aus dem Rolls Royce half. Zeitgleich drehte Klaus Lemke in Schwabing seinen neusten Film …

Vorbei! Vorbei …! Geschichte! Der Kunstbetrieb hat sich verändert. Das Goldene Kalb blökt lauter und ohne Hemmungen!“

Kein „Goldenes Kalb“, aber goldene Farbe auf und unter den hinteren Kühen in der Installation „Als die Sonne durch die Wolken brach“ des südkoreanischen Künstlers Oh Seok Kwon, MKG-Katalog 2017/Nr. 70

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Den Platz der Kunsthandlung hat die Kunstgalerie eingenommen, mit dem Ziel, an einem Kunstbetrieb teilzuhaben, bei dem es um viel Geld geht. Galerien, Sammler, Museen, Kunst-Presse, Kunstvermittler und Auktionshäuser bilden für den einfachen Kunstkonsumenten ein undurchsichtiges Netzwerk. Angeblich sollen weltweit 10000 Mitspieler dieses Netzwerk am Leben halten, davon 2000 in Deutschland!

„Warten auf die Königstochter …“, eines der MKG-Exponate 2017 von Dr. Elisabeth Sorger

Künstler werden heutzutage im Internet „geranked„. Ihr derzeitiger Wert zeigt sich in Tabellen. Soll man „ihn“ jetzt kaufen oder noch etwas warten? Weltweit finden sich schwer bewachte Hallen, in denen Kunstwerke im Wert von Abermillionen als reine Spekulationsobjekte gebunkert werden! Junge Künstler können in Kursen lernen, wie sich ihre Kunst am besten vermarkten lässt. Viel Energie fließt in die all entscheidende Frage: „Wie komme ich auf den Kunstmarkt?“

Am Anfang der Internet-Ära waren meine Kunsthändler noch empört, wenn irgendwo meine Adresse auftauchte. Heute genügt ein Klick um den Künstler zu finden, weil er eine Webseite besitzen muss, um seine Professionalität zu beweisen. Nicht zu vergessen die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Konsorten. Innerhalb dieser neuen Gegebenheiten hat sich die MKG mit Webseite, Facebook und vielem mehr, in den letzten drei Jahren etabliert.

In diesem Jahr nun freuen wir uns ganz besonders, dass auch junge Talente der Münchner Kunstkademie den Weg zu uns gefunden haben und dass unseren Bemühungen, die MKG ins rechte Licht zu rücken, Erfolg beschieden war! (…)“

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Das Potential dieser Künstlervereinigung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Warum ich dies behaupte? Eine Vereinigung, die 149 Jahre existiert, wird von einem bestimmten Geist, einer Idee beseelt, die, unabhängig von Trends, in eine Form drängt, sich realisiert und Menschen nachhaltig inspiriert. Ich glaube, dass dank der Begeisterung der alteingesessenen Mitglieder und der Energie neuer,  junger Talente, die MKG dabei ist, an den Glanz historischer Zeiten anzuschließen.“

Vor Zeittafeln zur langen Historie der Münchner Künstlergenossenschaft: MKG- Pressesprecherin und Malerin Dr. Elisabeth Sorger mit Dr. h.c. Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Auch glaube ich daran, dass der künstlerische Stellenwert des Realismus niemals veralten kann, weil er Mensch und Natur spiegelt und so, behaupte ich, ein Grundbedürfnis des Menschen erfüllt. Denn die ganze Welt, jede Begegnung, jedes Ereignis, hat mit uns persönlich zu tun und birgt daher in sich,  für jeden von uns, eine Chance: Erkenne Dich selbst! Und das Kunstwerk kann dabei helfen!

Aus dem Abschluss der Rede von NIKOS W. DETTMER, am 2. März 2017: „Daher wird unsere gute alte MKG lächelnd die vorüberziehenden Karawanen auf Innovationsuche beobachten und zugleich gelassen ihren eigenen Weg voranschreiten! …“

(Soweit aus der Rede von Nikos W. Dettmer)

Malerin und MKG-Pressesprecherin Dr. Elisabeth Sorger mit Gaby dos Santos

Und ob die MKG lächelnd die Karawanen zeitgenössischer Kunst an sich vorüberziehen lassen kann! Müssen diese doch erst noch erreichen, was die MKG, allen Unkenrufen zum Trotz, längst geschafft hat: Wurzeln in unserer Stadt zu schlagen und nachhaltig künstlerisch zu wirken. In diesem Sinne freue ich mich schon auf die Jubiläumsausstellung der MKG, 2018 und halte mich ansonsten, was mein Kunst(Selbst)Verständnis anbelangt, an den visionären Apple-Begründer Steve Jobs:

„Lass nicht den Lärm anderer Meinung deine innere Stimme verstummen. Und vor allem, hab den Mut deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Die wissen nämlich irgendwie bereits, was du tatsächlich [werden] willst. Alles andere ist zweitrangig.” (Steve Jobs’ Stanford Commencement Address, 2005)


Die Ausstellung läuft noch bis Freitg, 26. März 2017, im  Ägyptischen Museum, im Münchner Kunstareal, Gabelsberger Str. 35, UG;

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 Uhr – 18 Uhr,  zusätzlich am Dienstag bis 20 Uhr


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Vom Kreativ-Wirtschaften in der vogelfreien Künstlerszene – Zum Gespräch mit Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur – und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München

Jeder will ein großer Schauspieler sein, aber keiner ein kleiner Bühnenarbeiter,“ schreibt Ephraim Kishon in einer Episode aus seiner Satirensammlung „Kein Applaus für Podmanitzki„. Sie handelt vom „Tingel-Tangel“ Schauspieler Jarden Podmanitzki, „dem (sinngem.) berühmtesten Unbekannten“ seiner Zunft, dessen Narzißmus vor dem stoischen, da gewerkschaftlich abgesicherten Selbstverständnis des Kulissenschiebers Mundek kapitulieren muss. Podmanitzki ist so sehr auf sich und seine Kunst fokussiert, dass er die Umwelt und alle mit ihr verbundenen – profanen – Erfordernisse übersieht und den Intendanten vor ein fatales Ultimativ stellt: „Mundek oder ich!“ Podmanitzki ist überzeugt, dass sich der Chef den Verlust eines so großen Künstlers wie ihn nicht würde leisten können. Tatsächlich aber kann und will sich der Intendant keinen Ärger mit der Gewerkschaft der Bühnenarbeiter einhandeln. Am Ende zieht der „große Künstler“ gegenüber dem „kleinen“, aber besser organisierten Bühnenarbeiter den Kürzeren …

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Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft im Kreativquartier, Dachauer Str. 114, fotografiert nach unserem Gespräch am 25.2.16

Hätte Podmanitzki sich doch vom Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt München beraten lassen … 🙂

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.2016

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.16, Copyright LHM

„Hier finden professionelle Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende und Kreative bei der Stadt fachkundige Unterstützung und Beratung. Wir helfen mit Tipps zur Qualifizierung und zur Finanzierung Ihrer Vorhaben, Hinweisen zu Verwaltungsverfahren und Anlaufstellen bei Behörden und Verbänden, vorübergehenden Raumangeboten und bei der Vernetzung. (…)“ [Auszüge aus deren Homepage]

Hierbei handelt es sich um ein Beratungsangebot an die Kreativ-Szene, zu der auch wir Kunst- und Kulturschaffenden zählen. Kastanien aus dem Feuer können dort zwar keine geholt werden, es wird jedoch fachliche Hilfe zur Selbsthilfe geboten. Die anzunehmen lohnt in jedem Fall, da die Beratungen kostenlos erfolgen und das Kompetenzteam, auf die breit gefächerten Bedürfnisse der Klientel zugeschnitten, mit Fachkräften aus unterschiedlichen Segmenten der Kreativ-Branche besetzt ist, zu der die nachstehend aufgeführten Fachbereiche gezählt werden:

2017_02_28_kunst_egal_wie_und_wo_martin_wichmann_in_kein_applaus_fuer_podmanitzki

Foto: Werner Bauer, aus der jourfixe-Produktion „Kein Applaus für Podmanitzki“ von Gaby dos Santos

Musik    ~  Presse    ~   Werbung    ~   Film    ~  Buchmarkt   ~  Bildende Kunst    ~   Design  Rundfunkwirtschaft  ~  Architektur   ~   Games und Software  ~  Darstellende Kunst

Jede/r kann einen Termin per Email: kreativ@muenchen.de anfragen, sollte aber bitte ein wenig Geduld aufbringen; die Wartezeit kann einige Wochen betragen.

Alle Beratungen des Kompetenzteams finden im Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114 statt, 2. Eingang links, 2. OG rechts, nur 3 Gehminuten entfernt von der Haltestelle „Leonrodplatz“, Tramlinien 20/21.

Die Beratung stützt sich auf fünf Kernpunkte zur Verbesserung der allgemeinen Arbeitssituation und zur Optimierung der jeweiligen Projekte:

  • Sichtbarkeit (z. B. durch gezieltere PR/Marketing-Strategien, Pop-up-Stores)
  • Unterstützung bei der Suche nach Räumlichkeiten (Probenräume, Ateliers)
  • Vermittlung von wirtschaftlichem Know How (z. B. zur Anlage von Business-Plänen und/oder Förderanträgen)
  • Vernetzung (z. B. die Branchen.meet.up’s, s. Absatz am Ende des BlogBeitrags)
  • Wertschätzung

Was die Wertschätzung anbelangt, so stellt sie meiner Meinung nach die größte Herausforderung dar:

Es herrscht zwar vage ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass: „Ohne Kunst keine Kultur keine Zivilisation!“ und einige wenige unserer Zunft überstrahlen unseren Künstler-Kosmos. Diese werden verehrt. Aber wie steht es mit dem Respekt gegenüber der breiten Mehrheit aller Kunst- und Kulturschaffenden, die zwar weitestgehend „No Names“ sind, zugleich aber die Basis dafür bilden, dass Kunst und Kultur überhaupt stattfinden können? Eine eher rhetorische Frage, zu der sich endlos Anekdoten der unschönen Art erzählen ließen!

Kreative, die sich weder einer festen Anstellung in städtischen oder staatlichen Kulturbetrieben, noch einer guten Auftragslage erfreuen, bewegen sich in einem Bereich, der euphemistisch als „Freie Szene“ bezeichnet wird und unter dem Begriff „La Bohème“ (s. Szenenfoto unten) verklärend durch die Kulturgeschichte geistert.

[Szene aus der

Szene aus der „La Bohème“ von Franco Zeffirelli, in der  Metropolitan Opera, N.Y.

„Frei“ an der Bohème-Szene ist jedoch vor allem der Umstand, dass man dort ohne Netz und doppelten Boden schöpferisch tätig ist. Nicht selten endet man dabei via freiem Fall in einem Prekariat, das ich gern als „Vogelfreie Szene“ bezeichne (in Anlehnung an den Bann in die Rechtslosigkeit früherer Zeiten). Schon Carl Spitzweg [s. Titelmotiv] setzte mit seinem Gemälde „Der Arme Poet“ diesem Zustand ein zeitloses Denkmal, dito Puccini mit seiner „La Bohème„-Oper. Dazu äußerte eine Kollegin jüngst auf Facebook: „Neulich in Pucchinis La Boheme: Heute auch wieder möglich, wenn man sich keine Krankenversicherung mehr leisten kann …

[Bild aus der jourfixe-Collage

Foto von Werner Bauer, jourfixe-Collage „Kein Applaus für Podmanitzki“ zur Hörprobe „Vogelfrei“

 Martin Wichmann (Foto), Kleindarsteller und Regisseur „vogelfreier“ Bühnenprojekte schildert in meiner Adaption von „Kein Applaus für Podmanitzki“ überspitzt, aber realitätsnah seine spartanischen Arbeitsverhältnisse. Keine Probengelder vorhanden? Nun gut, dann muss in der eigenen Küche der Ghettoblaster „zum Abhören all meiner Rollen“ her. Der lakonische Tonfall deutet an, dass sich da einer, exemplarisch für viele, mit seiner Vita als Haut überzogene Anekdote abgefunden hat, die einer Satirensammlung zum Künstlerleben entsprungen scheint. Ganz so, wie Kishons Podmanitzki eben.

Das ewige Problem von Sichtbarkeit und Selbstdarstellung … Foto: Werner Bauer  aus  „Kein Applaus für Podmanitzki“

Dass mag Heiterkeit erwecken, nicht aber Respekt. Gezwungen, mit beschränkten Mitteln zu arbeiten, wird einem zudem ganz schnell der Stempel mangelnder Professionalität aufgedrückt, ohne dass dabei der Ideenreichtum, das Talent und die Leidenschaftlichkeit dahinter bemerkt, geschweige denn gewürdigt würden.

Hier mangelt es schlichtweg an der vom Kompetenzteam eingeforderten „Sichtbarkeit„, ohne die kein Weg aus der künstlerischen Bredouille führt. Die wiederum setzt voraus, dass der schöpferische Wildwuchs in eine Struktur gebracht wird, sowohl im Sinne einer optimierten Selbstdarstellung, wie auch einer gewissen, auf Dauer unverzichtbaren Wirtschaftlichkeit.

Mehr Selbstbewusstsein seitens der Künstler und mehr Markt-Orientierung!

… forderte daher im August 2014 Frau Dr. Angelika Baumann, Abteilungsleiterin im Kulturreferat der Abt. 1: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Literatur, Musik, Stadtgeschichte und Wissenschaft in einem Interview für den jourfixe-Blog: Und lieferte zugleich die Überschrift mit:

„Ohne Künstler und Kunstschaffende wäre keine Stadt lebenswert“

Dem hat die Landeshauptstadt München inzwischen konkret Taten folgen lassen und mit dem Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114, ein detailliert durchdachtes, großzügig und langfristig angelegtes Projekt angestoßen, das unsere Stadt in der internationalen Wahrnehmung ein Stück weit zurück in jene Blütezeit beamen könnte, als München noch Schwabing war.

Der Kulturausschuss beschloss einstimmig, im sogenannten „Kreativ-Park“ an der Dachauer Straße zwei große Industriehallen zu sanieren und der freien Szene zur Verfügung zu stellen. Zwei große Säle, Studios, Proben- und Arbeitsräume, Ateliers, eine Gaststätte und weitere Angebote sollen dort allen Sparten der Kunst eine Heimat geben. (Aus „Das Kreativquartier wächst„, 07.10.16, SZ.de).

Vermittlung von Know How an Münchner Kreative - Hier eine Veranstaltung des Kompetenzteams

Vermittlung von Know How an Kreative: Bei einer Veranstaltung des Kompetenzteams,  Copyright LHM, Fotograf Michael Schinharl

Die Überlegung, dieses Bauvorhaben durch eine Anlaufstelle für die kreative Ziel-Klientel zu ergänzen, besagtem Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft, ist bundesweit bislang einmalig und macht offensichtlich Schule. Der entsprechende Stadtratsbeschluss diene inzwischen sogar anderen Städten als Blaupause, erläuterte mir Jürgen Enninger im Interview.

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Die Idee, Kunst in einem lebendigen Umfeld anzusiedeln, wird meiner Ansicht nach schöpferische Impulse fördern. Zugleich wird das Kreativquartier, nach Fertigstellung, beträchtliche Kapazitäten bieten, diese Impulse dort auch zu verwirklichen! Bereits im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, an einer Führung von Marc Gegenfurtner, Nachfolger im Kulturreferat von Frau Dr. Baumann, teilzunehmen. Was er uns zeigte und erläuterte, hat mich zunächst in seinen Dimensionen schlichtweg geplättet. Erst jetzt, nach dem Gespräch mit Herrn Enninger, ist mir so richtig bewusst geworden, was und in welchen Größenordnungen in der Dachauer Straße gerade entsteht und welche Chancen das für viele von uns beinhalten kann.

Das Münchner Kreativquartier in der Dachauer Str. 114, Quelle: FB-Seite

Schon jetzt verströmt das Areal kreative Geschäftigkeit. Entsprechend gespannt bin ich auf die Zeit, wenn die fertigen Locations mit Inhalten gefüllt werden. Dazu sind dann die Kreativen selbst aufgerufen. Wenn auch nicht jede/r, so werden doch viele mehr als bisher, auf die eine oder andere Weise, eine schöpferische Heimat dort finden können. Auf dem Weg dahin führt gleich am zweiten Eingang links eine Treppe zu den Büros des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft …


MO, 27.3., 17 Uhr, HochX, Entenbachstr. 73, 81541 München-Au

Branchentreffen Darstellende Kunst logo_lhm142_25-png


HochX Theater und Live Art, Foyer Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Jean-Marc Turmes / HochX, Foyer

Einladung an alle Aktiven in der Darstellenden Kunst

Am 27. März 2017 sind alle in der Darstellenden Kunst aktiven Freiberufler und Unternehmen eingeladen zum Branchentreffen in die Räume des HochX. Gastgeber ist das Münchner Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft in der Reihe kreativ@muenchen.

Mit Münchens darstellenden Künstlerinnen und Künstlern soll das Treffen die Rahmenbedingungen und Bedarfe der Branche im Großraum München ausloten und der Frage nachgehen: Wie kann ich von meiner Tätigkeit in diesem Bereich auch leben?
Eine Anmeldung zur Veranstaltung ist möglich bis zum 20. März unter kreativ@muenchen.de

Einlass ist um 16.30 Uhr, Programmbeginn 17.00 Uhr

Programmpunkte

Nach der Begrüßung durch Herrn Dr. Hans-Georg Küppers (Leiter des Kulturreferats der Landeshauptstadt München) und einem Impulsvortrag werden bei einer Podiumsdiskussion die aktuellen Herausforderungen und künftigen Perspektiven der Branche diskutiert. Anschließend können die Akteure der Branche in zwei Werkstattgesprächen ihre Bedarfe und Ideen formulieren. Abschließend laden wir ein zum Netzwerken am Buffet.

Gäste

Christina Baumer, Schauspielerin:
Christiane Brammer, Hofspielhaus München
Cornelia Melian, MicroOper München
Richard Oehmann, Josef Parzefall, Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater

Das Branchen.meet.up DARSTELLENDE KUNST ist Teil der Veranstaltungsserie kreativ@muenchen des Kompetenzteams, in die alle elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren spezifischen Bedürfnissen zu Wort kommen. Es findet in Kooperation mit dem HochX statt. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die im Herbst 2016 wieder eröffnet wurde.

Text-Quelle obiger Einladung ist muenchen.de

Das sichtbare Ergebniss eines Branchentreffen für die Münchner Musikschaffenden

Das sichtbar fruchtbare Ergebnis eines Branchentreffens für die Münchner Musikschaffenden der Veranstaltungsserie kreativ@muenchen, Copyright LHM

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Rosa Winkel – Zum Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer, Blog-Beitrag mit einer Rede des Historikers Albert Knoll sowie Präsentation der gleichnamigen Themenreihe

Die Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1934 wurde für viele schwule Männer in Bayern und vor allem in München zu einem Schock, der ihr Leben verändern sollte. Damals fand die erste massive Razzia gegen Schwule statt, die im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt wurde. Sie wurde der Auftakt zu einer jahrelangen massiven Drangsalierung und Bedrohung, der Auftakt zu Denunziation unter Kollegen und Nachbarn, der Auftakt zur Inhaftierung in Gefängnissen und Konzentrationslagern, der Auftakt zu medizinischen Versuchen, Kastrationen und schließlich Morden, die in vielen Fällen ungesühnt bleiben sollten. München war auch in dieser Hinsicht eine unrühmliche „Hauptstadt der Bewegung“.

SA Chef Ernst Röhm Ernst Röhm mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuzarmbinde im August 1933 bei einer SS-Veranstaltung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz Von Bundesarchiv, Bild 102-15282A / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12685396

SA Chef Ernst Röhm im August 1933; Quelle

Bereits am 3. Juli 1934, vier Tage nach der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm, fasste der Münchner Gauleiter Adolf Wagner den Plan zu einem brutalen Vorgehen gegen männliche Homosexuelle in München und ganz Bayern.

Im Wortlaut hieß es: „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden. Zur gründlichen Säuberung und Befreiung unseres Volkskörpers von dieser Pest ist nun für die allernächste Zeit ein schlagartiges Vorgehen in ganz Bayern beabsichtigt.“

Wagner gab vor, die Jugend schützen zu wollen. In Wahrheit wollte er sich auf Kosten einer Opfergruppe, die ohnehin schon mit wenig Rückhalt aus der Bevölkerung rechnen konnte, weder von der Familie, noch von Arbeitskollegen, Nachbarn oder der Kirche, wollte er sich auf Kosten eines schwachen Gegners profilieren. Lesbische Frauen waren zwar nicht durch den § 175 RStG unmittelbar bedroht, sie waren aber gleichwohl der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt.

Allein in München waren mehr als 50 Polizei­beamte im Einsatz. Die Razzia erstreckte sich auf Parkanlagen, den Engli­schen Garten und auf Bedürfnisanstalten. Vier Gefangenentransportwagen fuhren vor die beiden noch bestehenden Schwulenloka­le „Schwarzfischer“, der sich hier an der Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger befand und den „Arndthof“ und sämtliche Besucher, es waren fast 100, wurden abtransportiert. Das Ergebnis dieser bayernweiten Razzia: mehrere hundert Personen wurden vorläufig festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt, davon allein in München 145. Sofort nach dem Eintreffen bei der Polizeidirektion wurden die Festgenommenen verhört, womöglich gefoltert. Am nächsten Vormittag wurden viele wieder entlassen. Jedoch 39 Männer aus München und 9 weitere aus Nürnberg, die bereits in der Rosa Liste gespeichert waren, wurden in das KZ Dachau gebracht.

Die Razzia traf vor allem Schwule aus der Unterschicht, Arbeiter und auch Strichjungen, für die der öffentliche Raum der Kneipen und Klappen die einzige Möglichkeit des Kennenlernens war. Der Gauleiter war verstimmt, denn er wollte mit seiner Aktion vor allem Intellektuelle und das gehobene Bürgertum treffen. Doch damit war die Razzia noch nicht beendet. Bereits Monate vorher suchte die Sittenpolizei aus der Kartei von ca. 5000 Personen – der berüchtigten Rosa Liste – zahlreiche Opfer heraus, die sie als „Gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ markierte. Sie alle waren bereits einmal nach § 175 verurteilt worden.

Bildtafel zum § 175 aus der Multimedia-Collage "Kann denn Liebe Sünde sein? - Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Bruno Balz – eines von unzähligen Opfern des „Schwulenparagraphen 175“ Bildtafel  aus der Multimedia-Collage „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Am 21. Oktober morgens um sechs Uhr wurden deren Wohnungen durchsucht. So stürmte die Polizei die Wohnung von Franz Kopriva in der Seidlstraße nahe dem Münchner Hauptbahnhof ohne Vorankündigung und ging äußerst rabiat vor. Sie traf ein schwules Liebespaar an. Der jüngere versuchte sich noch zu verstecken. Es war zwecklos. Die Beamten stöberten den 18-jährigen unter dem Bett auf. Sein Partner war der 34-jährige Franz Kopriva. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und kam 1930 aus Österreich nach München. Hier fand er Arbeit. An bekannten Treffpunkten lernte er junge Männer kennen. Seit 1931 wurde er immer wieder zu geringen Haftstrafen verurteilt. Verhängnisvoll war, dass er nun in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als Wiederholungstäter eingetragen war. Robert und Franz wurden sofort festgenommen. Franz, der ältere, galt als der Verführer und sollte schwer bestraft werden: Er wurde nach Dachau gebracht und wie seine Leidensgenossen isoliert in einer Baracke untergebracht. Sie war auch in der Nacht hell erleuchtet und scharf bewacht, so daß kein Kontakt zwischen den Häftlingen möglich war. Die SS im Konzentrationslager glaubte mit Essensentzug und besonders schwerer Arbeit Homosexuelle zu Heterosexuellen umerziehen zu können.
Was hier vor 82 Jahren begann, war der Auftakt zur offenen Hatz auf Schwule. 1935 wurde der § 175 verschärft. Sexualität musste sich dem Staatsziel der Bevölkerungsvermehrung unterwerfen. Von nun an galten Homosexuelle als Staatsfeinde. Ihre Todesrate in den Konzentrationslagern stieg in den 1940er Jahren auf über 50%. 

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion "Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Kann denn Liebe Sünde sein?–  Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber“

Die mit dem Leben davongekommen sind, warteten vergeblich auf eine Entschädigung oder auf ein Wort der Entschuldigung. Die Verfolgung von erwachsenen Männern, die einvernehmliche sexuelle Kontakte hatten, ging weiter und endete erst nach weiteren 20 Jahren. 

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Soweit im Wortlaut die Rede, die Albert Knoll am 20. Oktober 2009 am Münchner Oberanger hielt, an genau jener Stelle, an der 75 Jahre zuvor in der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ die Verfolgung der Münchner Schwulen begonnen hatte. Knoll ist Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München, Archivar der Gedenkstätte Dachau und widmet sich seit Jahren der historischen Aufarbeitung der Ausgrenzung und Verfolgung (Münchner) homosexueller Männer. Entsprechend beendete er damals seine Rede mit einem Appell: „Die Stadt München hat eine Verpflichtung, ihre Bürger an diese „vergessene Opfergruppe“ zu erinnern. Sie sollte sie in das „offizielle Gedächtnis“ einbinden und ihr ein würdiges Angedenken gestalten, wenn möglich an einem authentischen Ort wie diesem.“

Die Stadt reagierte. Bereits im letzten Herbst sollte am Oberanger eine Gedenkstätte eingeweiht werden: Mahnmal und Erinnerung an die Menschen verachtenden Vorgänge, die an diesem Ort 1934 eine noch grausamere Dimension gegenüber schwulen Mitbürgern annahmen. Die Einweihung wurde in Folge auf 2016 verschoben, für unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen Anlass, in diesem Herbst unter dem Titel „Rosa Winkel“ eine begleitende Themenreihe zu konzipieren. Inzwischen steht die Themenreihe fest, das Einweihungsdatum des Mahnmal jedoch nicht (mehr). Es wurde auf noch unbestimmte Zeit verschoben. Natürlich habe ich keinen Einblick in die Gründe, die die Landeshauptstadt veranlasst haben, diese Einweihung ein weiteres Mal kurzfristig zu vertagen. Allerdings hoffe ich darauf, dass sie in allernächster Zeit nachgeholt werden möge, denn die Zeiten stehen politisch derart auf „Sturm“, wie ich es mir vor einigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen.

Noch 2004 empfand ich eine Vita, wie die des schwulen Textdichters „Bruno Balz“, der von den Nazis sowohl verfolgt, wie auch als Hitschreiber instrumentalisiert wurde, als eine Art tragisches historisches Kuriosum. Entsprechend inszenierte ich es damals gemeinsam mit Sängerin Andrea Giani als Kapitel aus einer  – glücklicherweise – vergangenen Zeit. Auch noch 2012, als ich gemeinsam mit dem Historiker Christian Sepp (Autor der Biografie über Sophie Charlotte, Sisis unglücklicher Schwester) die Produktion um eine Reihe historischer Fakten und Musiken ergänzte, ordnete ich sie für mich unter „Episode aus der NS-Historie“ ein.

In diesem Herbst nun wird die „Bruno-Balz“-Collage im Münchner NS-Dokumentationszentrum erneut in Reprise gehen, mit dem Schweizer Schauspieler Andreas Michael Roth als Sprecher sowie Peter John Farrowski als Interpret der unvergessenen Chansons von Bruno Balz, vorwiegend in Vertonungen von Michael Jary. Schon 2012 hatte ich mich bewusst dafür entschieden, die wunderbare Stimme von Andrea Giani durch eine männliche Stimme zu ersetzen, um so die Doppelbödigkeit der Balz’schen Liedtexte erfahrbar zu machen, auf die mich Jürgen Draeger, Lebensgefährte und Nachlassverwalter von Bruno Balz (www.bruno-balz.com) wiederholt aufmerksam gemacht hatte. So textete Balz, kaum aus Gestapo-Haft entlassen, für den Zarah-Leander-Blockbuster „Die große Liebe“ munter: „Mein Wahlspruch heißt: Erlaubt ist, was gefällt: Mein Leben für die Liebe, jawohl! Mein ganzes Glück ist Liebe, jawohl! Ich kann nun mal nicht anders, ich muss nun mal so sein, ein Herz wie mein Herz ist nicht gern allein – Und Nächte ohne Liebe, oh nein!“ 

In Zusammenhang mit meinen Recherchen zu der „Bruno-Balz-Collage“ habe ich immer schon den nahtlosen Übergang von einer toleranten Weimarer Republik in die Enge der NS-Diktatur als erschreckend empfunden. Inzwischen, 2016, bei nochmaliger Durchsicht meiner Produktion, macht mir dieser damals so rasant vollzogene Bruch freiheitlicher Werte richtiggehend Angst. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages in unserer Gesellschaft erschreckende Parallelen zum „Marsch ins Dritte Reich“ feststellen würde. Dabei können wir für uns noch nicht einmal jene katastrophalen wirtschaftlichen Zustände reklamieren, die u.a. Deutschland damals in die NS-Diktatur trieben. Wer hier und heute jammert, tut dies im historischen Vergleich auf äußerst hohem Niveau. Für viele BürgerInnen scheint ein (historisch mitverursachter) Flüchtlingsstrom auszureichen, alle Unsäglichkeiten unserer jüngeren Vergangenheit ganz schnell unter einen Tisch zu kehren, der längst dem Stammtisch „böser Volkes Stimmen“ wieder gefährlich nahe kommt. Und die richten sich immer und zuallererst gegen jene Minderheiten, die sich in puncto Herkunft und/oder Lebensentwurf von der Masse unterscheiden.

Dagegen gilt es für mich anzugehen, unter anderem ganz konkret beim alljährlichen Gedenkmarsch für die verfolgten Münchner Schwulen, veranstaltet vom  Forum Homosexualität München und gefördert durch das Kulturreferat München,

am Donnerstag Abend, 20.Oktober 2016, um 19 Uhr, am historischen Treffpunkt Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger

Auch die „Rosa Liste“ München ruft zu diesem Marsch auf. Diese kommunal-politische Gruppierung hat in unserer Stadt erfolgreich seit den 90er Jahren die negativ besetzte historische Bedeutung des Begriffs „Rosa Liste“ durch reale politische Mitgestaltung neu definiert, allen voran dank des Engagements von Stadtrat Thomas Niederbühl (s. auch den Blog-Beitrag Ganz normal anders?). Dabei frage ich mich, ob nicht gerade wir heterosexuell lebenden Mitbürgerinnen und Mitbürger uns nicht auch verstärkt an dieser Gedenkveranstaltung beteiligen und damit ein Zeichen der Solidarität setzen sollten? Gerade jetzt!!!

(Titelbild: Albert Knoll, Gedenkmarsch 2015, rechts im Bild)


Nachstehend eine Übersicht der weiteren Veranstaltungsbeiträge:

Freitag, 21.10., 19 Uhr, NS–Dokumentationszentrum , Brienner Straße 34, Platzres. Tel. Tel. 233-67000, Eintritt frei,  Künstlerportrait:  „Kann den Liebe Sünde sein?“ –Bruno Balz
Als Schwuler verfolgt, als Hitlers Hitschreiber instrumentalisiert … Mitwirkende:
Toni Netzle (Einführung), Peter John Farrowski (Gesang)
Andreas Michael Roth (Regie, Textvortrag)
Gaby dos Santos (Produktion, Textvortrag; Bildcollagen) Im Anschluss Podiumsdiskussion moderiert von Albert Knoll
Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München
und Archivar der Gedenkstätte Dachau.

DI, 15.11., 19.30 Uhr, SUB – Schwules Kommunikations- u. Kulturzentrum München,  Müllerstr. 14, Tel. 8563464-00, Eintritt frei
„Gottes verstoßene Kinder?“
Essayistischer Vortrag von
  Jon Michael Winkler, der die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität in der abendländischen Kulturgeschichte hinterfragt
Podiumsgäste der anschließenden Diskussion:
Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe
Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising, 

Außerdem angefragt: Vertreter_Innen der evangelischen Kirche; Details folgen 


  Download (PDF) der Themenreihe „Rosa Winkel“

Die Themenreihe wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung:

 

 

 

 

 


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Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

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Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

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Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

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Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

2016_07_02_Gaby_dos_Santos_Requiem_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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„Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen“ – von Marcus A. Woelfle

 Der Fotograf Sepp Werkmeister zählt zu den wichtigsten deutschen Bildchronisten des Jazz. Anlässlich seines 85. Geburtstags lud ihn Marcus A. Woelfle als Studiogast in seine radioJazznacht auf BR 2 und hielt in Folge einige der vielen Reminiszenzen und Anekdoten Werkmeisters in nachstehendem Beitrag fest:

Sepp Werkmeister in der radioJazzNacht 2016, Foto: Marcus Woelfle

Sepp Werkmeister,   radioJazzNacht März 2016, Foto: Marcus Woelfle

Louis Armstrong, Miles Davis, John Coltrane – der Münchner Sepp Werkmeister, der am 29. März seinen 85. Geburtstag feierte, hat viele Giganten des Jazz auf eindrucksvollen Fotos verewigt. Teilweise entstanden sie unter kuriosen Umständen, von denen der Doyen der deutschen Jazzfotografen mir im BR-Studio und bei sich zu Hause erzählt hat.

Zu Werkmeisters ersten Kindheitserinnerungen gehört das Weinen seiner Mutter über den Beginn des 2. Weltkrieges. In dieser schrecklichen Zeit entdeckt der 1931 geborene Sepp Werkmeister eine Musik, die ihm als „Gegenteil all der Nazipropaganda, der Marschmusik und das verordnete Zeug“ erschien: Jazz. Sein Bruder besaß ein Grammophon und viele Jazzplatten von Musikern wie Louis Armstrong, Joe Venuti, Benny Goodman. Nachts lauschten die Brüder immer im Kinderzimmer den Feindsender BBC und entdeckten den Sound der Freiheit, der damals meist in Gestalt des Bigband-Swing über den Äther ging. Gegen Ende des Krieges begann der zeichnerisch begabte Werkmeister eine Lehre in einem graphischen Betrieb. Da Louis Armstrong sein Idol war, wollte er spielen wie Satchmo. Daher tauschte er 1944 eine Fliegerjacke, die er aus einem abgeschossenen amerikanischen Bomber geholt hatte, gegen ein Kornett ein. Als seine Mutter das Geblase ihres Sohnes satt hatte, wechselte er einige Jahre später das Kornett im gleichen Geschäft gegen eine Rollei Ikoflex-Kamera ein. Im Grunde seines Herzens aber ist er Musiker geblieben, denn sein Instrument, die Kamera, lässt Musik sichtbar werden; seine Bilder stammen von einem, der Empfinden und Lebenswelt der Musiker teilt, auch, wenn er sich meist nicht auf, sondern vor der Bühne aufhält und weiß, dass er von den sensiblen Musikern auch als Eindringling empfunden werden kann. Von Anfang an begrüßten ihn aber die Jazzmusiker als einen der ihren, und Werkmeister war mit vielen von ihnen lebenslang befreundet.

Sepp Werkmeister 2016 im Bayerischen Rundfunk vor Beginn der radioJazznacht von Marcus A. Woelfle; Foto: Woelfle

Werkmeister 2016 im Bayerischen Rundfunk vor der radioJazznacht; Foto: Woelfle

Seine Kenntnisse in Sachen Jazz verdankt er nach dem Krieg vor allem Rundfunkprogrammen, wie dem AFN Munich und den von ihm gesammelten V-Discs, eine Abkürzung, die für „Victory Discs“ stand. GIs führten sie zur moralischen Stärkung im Marschgepäck mit. Es waren Platten, die offiziell nicht im Handel zugelassen waren, doch nach dem Krieg landeten sie massenhaft in Deutschland auf dem Schwarzmarkt. Allerdings musste Sepp Werkmeister bis 1948 warten, bis ein großer amerikanischer Musiker, der Ellington-Kornettist, Rex Stewart in Deutschland auftrat. „Dann kamen Lionel Hampton, Count Basie und ich besuchte eifrig die Konzerte in Freddie Brocksiepers Studio 15 und so ging die Fotografiererei los,“ erinnert sich Werkmeister. Seine Jazzfotos brachten ihm zwar Weltgeltung ein, davon leben hätte er kaum können. Glücklicherweise startete er 1954 erfolgreich eine bis heute existierende Print-Medien-Firma.

2016_05_07__Sepp_Werkmeister_New-York_1968_Marcus_Woelfle_jourfixe-Blog

Sepp Werkmeister, 1968, Selbstportrait, New York

1965 reiste er in Begleitung des deutschen „Jazzpapstes“ Joachim Ernst Berendt und des Posaunisten Albert Mangelsdorff erstmals nach New York, eine Stadt, die er in den nächsten Jahren immer wieder besuchte. Dort fotografierte er nicht nur Jazzmusiker, sondern er schuf auch berührende Momentaufnahmen aus dem Alltag von Greisen und Kindern, Geschäftsmännern und Obdachlosen.

New YorkBowery (Straße und Gegend im Süden Manhattens), 1968

New York Bowery 1968  Foto: Werkmeister; Quelle

Diese Fotos wurden im Sommer 2015 in der Ausstellung „Sepp Werkmeister New York 60s“ im Münchner Stadtmuseum präsentiert und wurden in einem gleichnamigen Fotoband bei Hirmer veröffentlicht.

Besonders beeindruckte ihn damals John Coltrane, der stilbildende Tenorsaxophonist der 60er Jahre, der damals das Idol nicht nur der jungen Free-Jazzer-Generation war. Werkmeister, der gewohnt ist, ziemlich nahe an die Musiker heranzutreten, stand direkt vor ihm, doch Coltranes Körper vibrierte in seiner Ekstase so stark, dass alle Fotos, die Werkmeister von Coltrane machte „eine gewissen Unschärfe“ haben – „was die Bilder nicht schlechter macht, mir aber heute nicht mehr passieren könnte mit der Digitalkamera. Die Empfindlichkeit auch der teuersten Kodakfarbfilme war damals noch zu gering.“ 

John Coltrane fotografiert von Sepp Werkmeister

John Coltrane 1965, Foto: Werkmeister

Ein unvergessliches Coltrane-Portrait gelang ihm dann doch, als er den Saxophonisten 1965, also zur Zeit seines spirituellen Meisterwerks „A Love Supreme“ während einer Spielpause knipste, als der Musiker selbstvergessen und abseits in einer dunklen Ecke stand. Coltrane selbst hat wohl nicht gemerkt, dass er fotografiert wurde. Eindrucksvoll ist hier der Blick jener Augen eingefangen, denen der Pianist Mal Waldron 1957 die Komposition „Soul Eyes“ gewidmet hatte.

Miles Davis auf dem New Port Festival, fotografiert von S. Werkmeister; Quelle

Miles Davis auf dem New Port Festival 1974, Foto: Werkmeister;

Coltranes früherer Weggefährte Miles Davis wollte nicht fotografiert werden, während er auf der Bühne stand. „Die meisten hielten ihn für ein Scheusal. Es war nicht nur seine raue Stimme, die er sich einmal kaputt machte bei einer Operation, er behandelte seine Musiker zum Teil auch ganz übel. Aber alle, die mit ihm gespielt haben, haben unheimlich viel von ihm gelernt. Ich bin ihm x-mal begegnet und konnte zwischendrin eine ganze Reihe wirklich guter Fotos machen. Er war modisch immer ganz toll angezogen. Er hat seine eigene Kleidung entworfen. Ich bin mir da ganz sicher: Er hatte auch eine wahnsinnig empfindsame Seite, denn wenn du dir Balladen anhörst, weißt Du, es ist gar nicht anders möglich. Die zwei Seelen in einer Brust kann man bei ihm hören.“

Etwas Witziges passierte in den 70er Jahren im Münchner Domicile, als Dizzy Gillespie Werkmeister mitten im Konzert aufforderte „Give Me Your Camera“. Gillespie war nicht nur ein wegweisender Trompeter, sondern ein großer Entertainer und machte auf dem Bühnenboden liegend ein Foto des Fotografen – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Legendär sind Sepp Werkmeisters zahlreiche Fotos von Duke Ellington, vor allem eines mit Zigarette, das die melancholische Seite des gealterten Bandleaders offenbart. Ich bin ihm immer wieder begegnet und er hat mir viele Fotos freundlich und nett signiert. Ich kam an ihn ziemlich nah ran.“ Einmal gab Ellington Werkmeister einen Blanco-Scheck für eine Fotobestellung mit den Worten: ‚Setze selbst den Betrag ein, Joe. I trust you.‘ Dass er ihn für 86 Dollar einlöste bedauert Werkmeister heute, nach über einem halben Jahrhundert, noch. Der Scheck wäre eine wunderbare Erinnerung und ein Museumsstück obendrein.

Ein berühmtes Duke-Ellington-Portrait von Sepp Werkmeister; Quelle

Ein berühmtes Duke-Ellington-Portrait von Sepp Werkmeister; Quelle

Betritt man Sepp Werkmeisters Wohnung, befindet man sich in einem kleinen Museum, nicht nur wegen der Jazzfotos. Hier eine Renaissance-Madonna, dort afrikanische Statuen, dazwischen Gemälde, die auch mal von Musikern stammen, z. B. vom österreichischen Saxophonisten Hans Koller, der seit den frühen 50er Jahren, als er einer der Giganten des europäischen Cool Jazz war, zu Werkmeisters besten Freunden gehörte. „Ich habe ihn früh kennen gelernt, als er noch mit Horst Winter spielte und meinte „No jo, bei dem bleib i net long.“

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte und Sepp Werkmeister ist eine Schatztruhe an Anekdoten. Hier eine davon: Eines Abends trat bei einem Konzert ein noch unbekannter junger Wiener zu Hans Koller und sagte: ‚Na, Hans, manst i kannt a bissl spuin.`Hans meinte: ‚Najo, hock di hi und probier ma‘s.‘ Sie haben dann ‚All The Things You Are‘ gespielt oder so etwas ähnliches. Es hat aber nicht lange gedauert, da hat der Hans gesagt: ‚Halt! Jetzt sog I da ans. Jetzt gehst ham und leanst es richtig und kommst wieder.‘ Der angehende Pianist war Joe Zawinul! (Marcus A. Woelfle, April 2016)

Joe Zawinul fotografiert von Sepp Werkmeister

Joe Zawinul fotografiert von Sepp Werkmeister; Quelle

Marcus A. Woelfle

Jazzman Marcus A. Woelfle

Autor dieses Gastbeitrags ist Marcus A. Woelfle, Musiker, Jazzgeiger, seit 2009 Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen und einem breiten Jazzpublikum zudem bekannt als Autor und Moderator der radioJazznacht auf BR 2.

Am Mittwoch, 29.6.2016 wird Woelfe im NS-Dokumentationszentrum München, in der Reihe „Feindsender“ die Folge „Jazz in den besetzten Staaten“ präsentieren.


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