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Nie zu spät für ein Liebesgedicht … Zum heutigen Post von Lyrikerin und Malerin Tania Rupel Tera

Bild von Tania Rupel Tera, gepostet auf ihrer Facebookseite, Februrar 2018

Die Sonne brennt, und brennt, und brennt
Als ob es nie anders war
Als ob es nie anders wird
Als ob kein Ende existiert

Der Schnee fällt, und fällt, und fällt
Als ob es nie anders war
Als ob es nie anders wird
Als ob kein Ende existiert

Worauf warten wir noch
Wann lieben wir uns
Als ob es nie anders war
Als ob es nie anders wird
Als ob kein Ende existiert

„Der Schrei der Tropfen“ von Tania Rupel Tera: Lyrik und Bilder –  ISBN/EAN: 9783939321729

Jede Woche postet die Lyrikerin und Malerin Tania Rupel Tera auf ihrer Facebook-Seite eines ihrer Bilder, die sie bevorzugt in Acryl, Öl und Pastell malt. Inzwischen erkenne ich ihre Werke auf ersten Blick, anhand ihrer kraftvollen Farben – nicht unbedingt knallig bunt, aber Aufmerksamkeit fordernd, die Linien mit einer Bestimmtheit gesetzt, der ich mich nicht entziehen kann! Ebenso wenig, wie dem Wortlaut ihrer Gedichte, deren Klarheit mich von der ersten Zeile an fesselt, bis sie mich schließlich, stets ein wenig atemlos entlassen, nach einer Kaskade an Gedanken und Bildern, innerhalb nur weniger Verse; oft begleitet von einem lakonischen Unterton, der in unerwartete  Schlusspointen mündet.

Tania Rupel Tera, Gasteig, Münchner Bücherschau 2017

Das erste Mal getroffen habe ich Tania Rupel Tera im Künstlerkreis Kaleidoskop. Eine schöne Bulgarin, die im gemischten Programm dieses Abends mit einigen Gedichten vertreten war. Ehrlich gesagt erwartete ich nicht viel von diesem Auftritt. Zum einen zeichnet sich der Künstlerkreis bewusst dadurch aus, dass die Qualität der Darbietungen sehr unterschiedlich ausfällt und damit einen wünschenswert paritätischen Querschnitt durch die Welt der Münchner Kleinkunst darstellt. Zum anderen wählen viel zu viele angehende LiteratInnen ausgerechnet Dichtung als Einstieg in das Schreiben. (So übrigens auch ich, 😦  vor vielen Jahren) Die Möglichkeit textlicher Kürze erscheint verlockend. Dabei wird übersehen, dass es dafür auf jedes einzelne Worte in besonderem Maße ankommt, von der Schwierigkeit des Textvortrags bei Lesungen ganz zu schweigen. Doch bereits ab dem Moment, an dem sich Tania Rupel Tera auf eine Bühne begibt, weicht alle Zierlichkeit von ihr, sie baut sich mit der Wucht ihrer Worte regelrecht vor dem Publikum auf.

Dabei ist Deutsch nicht einmal ihre Muttersprache. Geboren und aufgewachsen ist Tera in Bulgarien, als Tochter eines in ihrer Heimat bedeutenden Literaten. Nach einem Studium der Literatur und Journalistik an der Universität „Kliment Ochridski“ in Sofia, siedelte sie 2005 nach München über. Seit 2013 ist sie Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband Bayern (FDA) und in der Autoren Galerie 1, seit 2017 Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen.

Tania Rupel Tera, 2017 fotografiert von jourfixe-Mitglied Dirk Schiff  für die Benefiz-Fotoausstellung „We Are All The Same“. Der gleichnamige Fotoband ist, wie Teras Lyrik, im SALON LiteraturVERLAG von jourfixe-Mitglied Franz Westner erschienen

Über sich selbst äußert sie auf der Homepage des SALON LiteraturVERLAGs von jourfixe-Mitglied Franz Westner:

Tania Rupel Tera mit Verleger Franz Westner, SalonLiteratur Verlag, am Stand auf der Leipziger Buchmesse

Gegenstand meiner Arbeit ist der Mensch, sein Wesen, sein bewegtes Inneres, seine Seele mit all ihren Facetten. Am meisten interessiert mich, welche Gefühle, Sehnsüchte, Ängste und Wunden sich tief in ihm verbergen. So entstehen Momentaufnahmen – manchmal zart und poetisch in Metaphern und Allegorien, manchmal expressionistisch und mit der Wucht aufbrechender Worte und Farben.“

(Tania Rupel Tera)

Heute Vormittag fügte Tania Rupel Tera ihrem wöchentlichen Bild-Post obiges Gedicht bei, in Form eines verspäteten Sankt-Valentin-Grußes, denn, so die Künstlerin, „es ist nie zu spät für ein Liebesgedicht.“ Für die Liebe wohl auch nicht. Trifft sie einen nicht sowieso unausweichlich, um unendlich zu brennen und sei es nur, um danach zu Nichts zu verglühen?  Heute morgen hatte ich wieder lyrische NachDenkZeit …

Von Tania Rupel Tera dort erschienen:

Der Schrei der Tropfen, Lyrik, Gemälde

„Blick ins Buch“ als Flipbook


Zu Tania Rupel Teras Facebook-Seite


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Arrivederci, servus Theodora „Dorli“ Diehl! Abschied von der sanften Matriarchin eines Münchner Künstlerklans

Zum Abschied in der überfüllten Aussegnungshalle sang der Schlossherr von Weitersroda, der Liedermacher, Kabarettist und Polit-Aktivist Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, noch einmal das berühmte Lied „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ für seine Großmutter Theodora „Dorli“ Diehl. Geschrieben hatte es einst ihr Vater, Theo Prosel, in einer einzigen Nacht in der Künstlerkneipe Simplicissimus in München, die später auch als Alter Simpl bekannt wurde. Dort steuerte er ab 1934 als Wirt, Kabarettist und Programmgestalter das legendäre Lokal pfiffig durch düstere Zeiten, bis zur schweren Bombardierung 1944. An Prosels Seite seine Frau, die Sopranisten Julia Prosel und die drei Töchter: Dorli, die Älteste sowie Resi und Trude.

Bildcollage zu Simpl-Wirt Theo Prosel aus dem Historical „Das Lied von Lili Marleen“; Augangsfotos: Prosel-Klan

Für die drei heranwachsenden Töchter erwies sich das elterliche Lokal als Panoptikum, denn die Familie lebte in einer Wohnung über dem Simpl; dadurch lernten Theodora „Dorli“ Diehl und ihre Schwestern viele Künstler_Innen kennen, die damals dort ein- und ausgingen, darunter Karl ValentinLiesl Karlstadt und nicht zuletzt Lale Andersen, wie sich Dorli, die Älteste, 2010 in meinem Historical „Das Lied von Lili Marleen“ zusammen mit Schwester Resi Prosel (+ 2010) erinnert, mit dem für sie so typischen, pfiffigen Humor, gepaart mit scharfer Beobachtungsgabe: (Abschrift – sinngem. und nach Gehör – eines O-Tons a.d. BR-Feature „Simpl am Abend – erquickend und labend“ von Eva Demmelhuber):

Die drei Prosel-Schwestern in den 1930er Jahren, v. links: Dorli, Trude und Resi; Quelle: Prosel-Klan/2010

Wir Kinder waren natürlich ganz narrisch auf die Lale. Da haben wir schon in einem kleinen Zimmer geschlafen, oberhalb der Bühne, wo gerade  nur drei Betten rein gingen. Dazwischen war ein kleiner Zwischenraum, da haben wir uns immer gestritten, wer in den rein durfte, wenn die Lale gesungen hat. Die hat man immer raufgehört, ja. Wer sich dahinlegen durfte und das Ohrwaschl auf den Fußboden, um das zu hören. Ja, für die haben wir gschwärmt, ja, ja sehr geschwärmt.

Lale Andersen, damals noch Wilke, Anfang der 30er Jahre mit Sohn Michael Wilke vor dem Plakat zu einem ihrer Simpl-Auftritte; Quelle: Michael Wilke

Das war einfach a Persönlichkeit, das kann man nicht schildern, erstens war sie sehr norddeutsch, schön war sie nicht, aber interessant irgendwie und ihre Lieder waren gut – ja – und ihre Stimme war unverwechselbar. Ich sag ja ned, dass sie weißgott wie schön war, die Stimme. Uns hats halt gefallen.

Da hatte sie natürlich tolle Lieder, so mit unanständigem Hintergrund manchmal und die haben wir dann immer lauthals in der Schule gesungen, zur Freude der Lehrer. (…) > Tonprobe von Dorli/Resi Prosel eines solchen unanständigen Liedes 😉

Lale Andersen, (Lili Marleen) 30er Jahre, auf der Auer Dult mit Simpl-Wirt Theo Prosel, Dorlis Vater, Quelle: Prosel-Klan

  • Lale selbst erinnert sich später an die Zeit: Damals im Simpl, das war noch als Endrikat auf der Bühne stand mit seinem dicken Adressbuch, und der Ringelnatz, der sich immer an eine Säule anlehnen musste, um beim Singen nicht allzu sehr hin und her zu schwanken und das Gleichgewicht zu verlieren …

    Die junge Dorli (Mitte) tritt hier in „Gondrells Bonbonniere“ auf, Foto von Anfang der 1940er Jahre; Quelle: Theodora Diehl Gedenkseite von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Es war auch Lale Andersen, die Dorli empfahl, sich unbedingt als Schauspielerin ausbilden zu lassen, was das junge Mädchen auch tat:  Am 2. April 1941 bestand sie die Abschlussprüfung vor der Reichstheaterkammer und war nun „Staatlich geprüfte Schauspielerin“ .Sie trat u.a. auf im „Simpl“, im „Regina-Palasthotel“ und in „Gondrells Bonbonniere“, schreibt Tochter Gabriele Kirner-Bammes auf der Gedenkseite, die sie zur Erinnerung an ihre Mutter im Internet veröffentlicht hat.

Die Bühne führte Dorli auch mit ihrem Mann, dem Schriftsteller, Journalist und Schauspieler Walther Diehl  zusammen und in eine 53 Jahre andauernde Ehe, die erst 1994, mit dem Tod Walther Diehls, endete. Das Lokal seiner Schwiegereltern verewigte er in der Chronik: „Die Künstlerkneipe Simplicissimus„. Das Vorwort dazu schrieb Konstantin Wecker, langjähriger Kollege von Enkel Prinz Chaos II. alias Florian Kirner … Der stand nun, im August 2017, vor der Trauergemeinde und sang jenes Lied seines Ur-Großvaters: „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ … Spätestens jetzt überkam uns Trauergästen die Rührung. Auch mir stiegen Tränen in die Augen, worüber ich mich ein wenig schämte. Da ich Dorli nur selten begegnet war, fühlte es sich ein wenig unangemessen für mich an, mich der Gruppe all der Trauernden anzuschließen, die sie doch viel besser gekannt hatten, wie der Künstlerkreis 83 und der Künstlerkreis Kaleidoskop, dem ich inzwischen auch (wieder) angehöre und der an diesem Tag durch dessen ehemaligen Leiter, Conrad Cortin vertreten wurde. Andererseits zollten meine Tränen auch einer Frau Tribut, deren Persönlichkeit mich von der ersten Begegnung an beeindruckt hatte!

Gasteig-Premiere von „Das Lied von Lili Marleen mit den Zeitzeug/Innen, v. li.: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten der ersten Fassung von Lili Marleen), Dorli Diehl (Tochter von Simpl-Wirt Theo Prosel), Brigitt Schultze Galland (Witwe des Komponisten Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Sängerin Lale Andersen), halbverdeckt: Toni Netzle (ehemalige Simpl-Wirtin), Gaby dos Santos (Autorin der Collage), re.: Mathias Deinert (Lale–Andersen–Archiv)

Persönlich kennengelernt hatte ich Dorli, ebenso wie die meisten anderen Mitglieder des Prosel-Klans bei der Gasteig-Premiere meiner „Lili-Marleen“-Collage und alle überredet, im Rahmenprogramm noch einmal die „Simpl-Revue“ aufzuführen.

Erst in späten Jahren war Dorli im „Künstlerkreis 83“ und im „Künstlerkreis Kaleidoskop“ wieder aufgetreten und dort sah man sie im Juni 2008 in der Revue „Der Simpl-Goethe und die Nachtigall“, einer Veranstaltung zur 850-Jahr-Feier der Stadt München, in der vier Generationen unserer Familie mitwirkten. Am 1. Februar 2011 wurde diese Revue zu Ehren meiner Großeltern, Theo und Julia Prosel, in veränderter Form im „theater… und so fort“ in München-Schwabing wiederholt, wobei meine Mutter diesmal mit ihren Erinnerungen durch den Abend führte – und sie sprach und agierte völlig frei und ohne Spickzettel, denn dieser wäre gegen ihre Berufsehre als Schauspielerin gewesen. Und das kurz vor ihrem 90. Geburtstag!“ so Tochter Gabriele auf der Gedenkseite.  Ganz so haben es damals mein Freund und jourfixe-Vorsitzender Jon Michael Winkler und ich auch empfunden: Dorli Diehls Auftritt an diesem Abend war ein Paradebeispiel wahrer Bühnenpräsenz!

Dorli Diehl – die filigrane Matriarchin – führt mit fast 90 Jahren souverän durch die „Simpl-Revue“, künstlerisch begeleitet von 4 Generationen Prosel-Klan! Die Projektion zeigt ihre Mutter, die Sopranistin Julia Prosel in den 20er Jahren. Foto: Gedenkseite

In dieser Zeit überraschte sie mich auch damit, plötzlich über Email erreichbar zu sein und kurz danach auch noch via Facebook! Der elektronischen Medien bediente sie sich in Folge auch, um sich mit über 90 Jahren unter die Buchautor_Innen zu begeben. Nur der Not koan Schwung lass’n lautet stimmig der Titel ihrer Autobiografie.

Bestellung der Biografie unter: Gabriele Kirner-Bammes: kirner-bammes (at) t-online.de
Tel. 08141/72 4 72 Der Versand erfolgt mit Rechnung, 12,90 € zzgl. Versandkosten

Als sie ihre Lebenserinnerungen herausbrachte, trat die bereits 91-jährige Karlsfelderin richtig ins Rampenlicht. Sie tingelte von einer Lesung zur nächsten und begeisterte ihre Zuhörer mit ihrer unglaublichen Geschichte. In der Münchner Drehleier trat sie mit ihren Töchtern, dem Schwiegersohn, den Enkeln und der Urenkelin auf. Vier Generationen spielten Szenen aus dem „Simpl“, wobei die alte Dame mit ihrer unglaublichen Präsenz und Energie allen anderen die Show stahl. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werden muss, um berühmt zu werden“, sagte sie damals der SZ. Humor war immer ihr Rezept gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ist es bis zum Schluss geblieben., so im Nachruf von SZ-Online nachzulesen, der sie als „Eine Ikone der Schwabinger Künstlerwelt“ betitelt.

„DIE PROSELS“: Von hinten links im Uhrzeigersinn: Ur-Enkelin Svenja Heise, an die sich das Gesangstalent der Ur-Ur-Großmutter,  Sopranistin Julia Prosel, weitervererbt hat –  Urenkel und Liedermacher Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, – daneben Peter Bammes mit Gattin Gabriele Kirner Bammes (eine Tochter von Dorli), die im Duo für den Roggensteiner Bänkelgsang stehen – gefolgt von Dorlis Tochter Karin Lehndorfer; ganz vorne Theodora „Dorli“ Diehl mit Enkelin, der Sängerin Heida Lehndorfer

Fast bis zuletzt fand Theodora „Dorli“ Diehl Mittel und Wege, aktiv im künstlerischen ebenso, wie im sonstigen Leben zu stehen. Noch im Mai hatte ich mit ihr ein langes Telefonat geführt, in dem wir uns gegenseitig bezüglich unserer aktuellen Aktivitäten auf Stand brachten. Anfang August gratulierte ich via Facebook noch zu ihrem 96. Geburtstag; ein Gruß, der sie schon nicht mehr erreicht haben dürfte, wie mir später Tochter Gabriele berichtete. Ganz am Ende hielt das Leben für Dorli noch eine Phase kurzer Krankheit bereit. Bis dahin aber hatte sie das Leben bejahend und resolut gemeistert, stets mit einem feinsinnigen Lächeln um die Lippen, filigran, wie ihre ganze Erscheinung. Zwar stand sie gewissermaßen als Matriarchin einem ganzen Künstlerklan vor, der vier Generationen umfasste, doch wirkte ihr Auftreten nie fordernd oder laut. Sie umspannte ihre Familie mit ihrer Liebenswürdigkeit; so habe ich es empfunden und wohl ebenso die zahlreichen Weggefährt_Innen, die sich auf dem Obermenzinger Friedhof eingefunden hatten, um „ihrer“ Dorli Diehl die letzte Ehre zu erweisen, darunter viele Künstler-Kolleg_Innen.

Mich wird Theodora „Dorli“ Diehl sicher weiter begleiten, in den Begegnungen mit ihrer Familie, dem O-Ton in der „Lili-Marleen“-Collage und vor allem als Vorbild und Beispiel dafür, dass es sich jederzeit und also auch im Herbst des  (künstlerischen) Lebens noch voller Bravour durchstarten lässt!

Arrivederci, servus, liebe Dorli!


Mehr zu Dorli Diehls bewegtem Leben – 1921 bis 2017 – > 

Meine Mutter Theodora ‚Dorli‘ Diehl  – Ein Leben in Bildern, mit textlichen Erläuterungen von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Theo Prosel – Dichtender Simpl-Wirt und Münchner Kabarettlegende


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Jeder Handgriff ein Gebet – Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Musiker-Kollegen Jon Michael Winkler

Eigentlich hatte ich Komponist Jon Michael Winkler darum gebeten, in einigen Zeilen seine Eindrücke des neues Werks von Michaela Dietl – „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ – zu schildern. Tatsächlich aber hat ihn die Musik derart inspiriert, dass daraus, wie Winkler es bezeichnet,  „eine persönliche Rhapsodie“ entstanden ist, eine Rhapsodie in Worten, die einen direkt in  die Klangwelt von Michaela Dietls Requiem hinein zu katapultieren scheint … Für mich die ideale Einstimmung zur Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016. Weiterlesen

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Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

„(…) geprägt durch ihre Heimat, ist das Bayerische ihre Sprache und sie gibt ihm seine Schönheit zurück,“ schrieb Petra Finsterle, vom Club Voltaire München, über die bayerische Tonkünstlerin Michaela Dietl. Wobei die Stücke, die sie singt und spielt, fast ausschließlich aus eigener Feder stammen. An der LMU hat sie Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, auf den Straßen Europas das Musizieren und Komponieren mit ihrem Akkordeon, das ihr in bester Familientradition schon als Kind unter den Christbaum gelegt wurde. Die härteste Entertainment­-Schule der Welt, das Trottoir, formte sie zu einer Musikerin, die, bei aller Vielfalt, ein sehr persönlicher Stil charakterisiert. Ihre künstlerische Vita umfasst inzwischen zahlreiche Musiken für Bühne, Funk und Fernsehen, neben eigenen Solo­-Programmen und CD’s eigener Lieder. Nun hat sie ein Requiem komponiert.

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Michaela Dietl, Artist Studio, März 2016

Um darüber mehr zu erfahren, traf ich mich mit Michaela Dietl  zu einem Gespräch im  Artist Studio, im Münchner Künstlerhaus. Mit ihrem Akkordeon erläuterte sie mir „live“, anhand von Hörbeispielen, ihre Arbeitsweise und künstlerische Konzeption und trug allererste Ausschnitte aus ihrem Requiem vor, wobei sie die gesamte Komposition für 16-köpfiges Akkordeonorchester, Alphorn und Sopran  in ihrem Spiel auf dem  Akkordeon  hörbar machte.

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Flyer zur Uraufführung (Tim Walter, Carola Dietl)

Umso gespannter bin ich jetzt auf die  Uraufführung ihres Requiems, am 29. Mai 2016, um 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling.

Vorlage – und zugleich Inspiration –  für „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ war ein Text von Felix Eder, den Michaela Dietl in Worten und Klängen zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens erweitert hat. Über die sparsam gehaltenen Liedtexte hinaus, setzt Dietl mit dem Klang ihres Akkordeon-­Ensembles ihre Vision des „Stirb und Werde“ um, punktuell ergänzt durch den Lebensatem eines Alphorns (Roswitha Pross), immer dort, wo die Komposition fast unerträglicher Tiefe bedarf, aus der sich wiederum die Gesänge zweier Sopranistinnen emporschwingen (Beatrice Greisinger und Irmengard Zehrer). Das Wissen um die Endlichkeit ihres Lebens verarbeitet Dietl in Tango-Rhythmen, die hier den „kleinen Tod“symbolisieren, als Generalprobe für den „großen Tod“. Dessen Endgültigkeit verkörpert im Finale Tänzerin Viorica Prepelita, mit einem kontrastierenden „Tanz des Lebens“.

GdS:  In der Regel verbindet man ja mit Leuten, die ein Requiem schreiben, die Klassik-Ecke und nicht Künstler_Innen, die aus der kleinen großen  Kleinkunstszene kommen, sag ich jetzt mal … Was würdest Du darauf antworten?

MD: Äh … (überlegt)

GdS: Vielleicht … „Denkt doch nicht immer in Schubladen!“ ..?

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Michaela Dietl fotografiert 2016 von Roswitha Pross

MD:  Ja, das trifft es. Ich hatte dabei immer einen Satz von Schopenhauer, von dem ich vieles nicht mag, aber für den Satz liebe ich ihn – im Kopf. Er hat gesagt: „Welcher Schmerz ist größer? Wenn du es tust oder wenn Du es nicht tust?“ Ich wusste, wenn ich das Requiem komponiere, wird das schmerzlich werden, denn dazu muss ich sehr tief in mir graben, was mir nicht leicht fallen wird, aber wenn ich es nicht tue, dann würde ich auf ewig etwas vermissen; nämlich, dass ich es nicht probiert habe. Dass ich mich, einschließlich meines Akkordeons und allem, was noch daran hängt, der Herausforderung nicht gestellt habe. Denn für mich war das Thema einfach da. Aus. Und zwar sehr privat. Und weil mein Instrument das Akkordeon ist, habe ich das Requiem also auch für dieses Instrument geschrieben.

GdS: Glaubst Du, dass weil Du von der Straßenmusik kommst, in die Komposition mehr Leben hineingeschrieben hast, als Requiem-Komponisten, die dem Elfenbeinturm der klassischen Musik entstammen?

MD: Ich hab mir halt beim Requiem vorgenommen, mich nicht irgendwelchen Erwartungen anzupassen, nach dem Motto: „Das muss jetzt alles sehr großartig sein.“ Mein Kernanliegen war: „Ich möchte die Musik fühlen.“ Daher hab ich auch nicht darauf geachtet, ob es kompliziert werden könnte, sondern überlegt: „Was passt für mich auf dem Akkordeon zum Thema ‚Requiem‘? Was spüre ich?“ Deshalb habe ich auch nicht auf einem Computer komponiert, nicht einmal die einzelnen Stimmen, sondern gleich auf dem Instrument probiert, ob der Klang passt oder nicht und dann einzelne Elemente hinzugefügt. Echt mühsam für die heutige Zeit. Aber ich wollte eben nicht technisch abliefern, einfach sagen: „Das passt dazu, da drücke ich drauf …“ Das kann man ja alles machen und es ist auch praktisch, aber für mich passt diese Arbeitsweise nicht. Für mich muss die Musik unmittelbar spielbar sein, für mich ganz alleine. Das bildet die Grundlage meiner Komposition, auch wenn in Folge mehr an Instrumenten und Gesang dazu kommt.

GdS: Würdest Du sagen, Du lebst Deinen Traum?

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Roswitha Pross bei Proben zu Michaela Dietls „Requiem“, Foto: Stießberger

MD: Dadurch, dass ich Musik mache? Ja, das würde ich schon. Dass sich der Traum aber auch verändert hat, das ist ebenfalls klar. Diese Einsicht gab und gibt mir Halt, auch während der ganzen Anstrengung des Komponierens. Ich wusste, in dem Requiem steckt Musik, die ich schon immer schreiben wollte, und bei der es darum geht, das Publikum anders zu fesseln, und einmal nicht dieser ganze  Unterhaltungs-Zirkus gefordert ist, wo man also auch einmal mit langen Tönen arbeitet … für die oft keine Ruhe vorhanden ist … die ich ganz tief in mir gehört habe.

Gds: Mit „Zirkus“ meinst Du den Bühnenzirkus?

MD: Ja und ich verstehe es auch – wenn ein Fest stattfindet, wenn von Anfang feststeht: „Jetzt muss es wieder a Gaudi werden“, dann geht man da hin und weiß worum es geht. Aber es gibt im Leben auch diese anderen Komponenten, es gibt die Traurigkeit, es gibt die Tränen, und  wenn ich diese Komponenten andauernd abspalten muss, dann drohen sie sich irgendwann zu verselbstständigen. Jetzt, mit dem Requiem, habe ich das Gefühl, dafür einen eigenen Raum geschaffen zu haben und dadurch werden auch alle anderen Facetten klarer, für mich ein sehr reinigender Prozess insgesamt.

GdS: Wenn Du sagst „reinigen“ oder auch „Requiem“, gibt es bei Dir eine Glaubenskomponente, die in die Komposition mit hinein spielt?

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer "Requiem"-Probe in der Himmelfahrtskirche 2016

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer „Requiem“-Probe in der Himmelfahrtskirche, im Mai 2016, Foto: Klaus Stießberger

MD: Also, das hat nichts mit Konfession zu tun, sondern wenn ich beispielsweise einen Teil des Requiems als „Demut“ bezeichne, dann handelt es sich einfach um die Demut vor dem Leben und damit auch um die Demut vor dem Tod. Die Blume stirbt … Das gehört halt dazu. Es gibt einen schönen Satz von Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Das finde ich super aufgelöst, mit Humor. Es gilt, die Endlichkeit anzunehmen. Mir fällt das nicht leicht. Wenn ich aber in die Natur blicke und mir deren Werdegang anschaue, dann gelingt es mir, mich ein Stück weit wieder in den Fluss hinein zu begeben, in diesen Kreislauf von „Stirb und werde“. Ich gebe zu, dass ich noch vor fünf Jahren anders gedacht habe. Und das ist ja auch eine Art von Sterben, von Vergänglichkeit – die gehört dazu. Was Altes loslassen und was Neues beginnen …


„Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“, wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München sowie von Lisl Funder, Kärnten

Die Eintrittskarten (€ 15,-/erm. € 12;-)  für die Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016, 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche (München-Sendling), sind an der Abendkasse erhältlich. > Wegbeschreibung

Platz-Reservierungen: requiem–gedenken–in–liebe@web.de


Jeder Handgriff ein Gebet“ – Michaela Dietls Requiem aus Sicht ihres Kollegen Jon Michael Winkler 


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„Wo bitte geht’s zu Buch und Bühne?“ Persönliche Reminiszenzen zum Künstlerkreis Kaleidoskop, kombiniert mit einer Chronik von Bernhard Ganter

Jeder, den es in die Welt der Literatur, Malerei oder auf jene Bretter verschlagen hat, die die Welt bedeuten und auch der, der meint, vom Schicksal auf dem Weg dorthin aufgehalten worden zu sein, teilt eine Erfahrung: Schon als Kind verzückte man wahlweise oder en bloc Familie, Lehrer, kurzum das unmittelbare Umfeld mit künstlerischen Darbietungen derart, das einem der Sternenstaub einer künstlerischen Karriere in das Buch des Lebens geschrieben schien. Nachdem aber zwischen Sein und Schein eine Realität liegt, die versorgt werden will, schleicht sich meist das Bedürfnis nach einem gesicherten Broterwerb auf leisen Sohlen ein.

Kuenstlerkreis_Kaleidoskop_Wo_bitte_gehts_zu_Buch_und_Buehne_jourfixe-Blog

Bretter, die die Welt bedeuten … http://www.bauerwerner.com/

Der institutionalisierte Weg über Studium der Kunst, Theaterwissenschaften, Musik und/oder Schauspielerei, Regie etc. wird gar nicht erst eingeschlagen. Oft erst Jahre später erinnert einen dann ein Ereignis daran, dass man doch ursprünglich von einem ganz anderen Lebensweg geträumt hatte … Und in diesem Moment drohen all diese alten Träume von Glanz, Gloria und künstlerischer Selbstverwirklichung unwiederbringlich im Mittelmaß des Daseins zu ersticken.

Mein (Wieder)Erweckungserlebnis war die große Liebe zu einem Künstler. Zum einen stand er genau für jene Welt, in die es mich einst als Kind schon gezogen hatte. Zum anderen weckte das Verzweifelte dieser Beziehung in mir den unbedingten Drang, mich auszudrücken, meine Empfindungen und Gedanken in eine sublimierte, allgemein gültige Form zu bringen und öffentlich kund zu tun. Kurzum, ich fand es an der Zeit, neben Kind und Bürojob, in die Welt der Bohème einzutauchen und dort bitteschön auch gleich gefeiert zu werden. Letzeres erwies sich schnell als Utopie 😉

jourfixe-blog_Gaby_dos_Santos_90erJahre

Gaby dos Santos, 1992, Foto: Wolf-Dieter Roth

Die Welt im allgemeinen und die der Kunst insbesondere schien nicht auf mich zu warten, wem auch immer ich meine frisch verfassten Texte aufdrängte. Da meine Kreativität und ich, auf Grund des damals aktuellen Liebesdramas, eine Phase unausgelebter Sinnlichkeit durchlitten, handelte es sich bei dem Endprodukt um erotische Gedichte, mitunter an der Grenze zum Pornografischen. Das Echo: verhalten.

Wie also sollte ich mir nun Zugang zum Künstlertum erschließen? Zum Glück war und bin ich in München nicht die einzige, die sich über Umwege zur Kunst berufen fühlt(e). Schon bald fand ich mich unter Gleichgesinnten wieder, Schwerpunkt: Literarische Ergüsse. Man traf sich zu irgendwelchen Workshops oder Leseabenden in Kneipen-Hinterzimmern und lauschte den mehr oder weniger gelungenen Texten der Konkurrenz, um dafür im Gegenzug deren Aufmerksamkeit zu ernten und – früher oder später – davon war jeder von uns überzeugt – die allgemeine Anerkennung als größtes literarisches Talent seit … nun ja mindestens seit der Blechtrommel. Gelesen wurde von zusammengehefteten Blättern und „entdeckt“ wurde, soweit ich weiß, keiner von uns …

In dieser Zeit begegnete mir eine wirklich bemerkenswerte Frau, mit starkem künstlerischen Background: Die Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Monica Kleiber. Ihr verstorbener Mann war Regisseur gewesen, ihre Tochter Claudia Kleiber arbeitete ebenfalls als Schauspielerin und Synchronsprecherin. Monica gehörte eigentlich gar nicht in die Riege von uns Greenhorns, da sie eine solide Schauspielausbildung, Bühnenerfahrung und ein uns weit überlegenes lyrisches Können auszeichneten. Sie setzte mir erstmals die Notwendigkeit von Selbstdisziplin, Akribie und Hingabe bei künstlerischen Prozessen auseinander, an der sich früher oder später die Spreu vom Weizen, die wirklich berufenen Kunstschaffenden von den reinen Selbstdarstellern scheiden.

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Der Künstlerkreis Kaleidoskop, seit 1987, wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Monica ist es auch zu verdanken, dass ich mich aus dem Dunstkreis von kreativer Selbstverliebtheit und Dilettantismus allmählich zu lösen vermochte, denn sie war es, die mich 1992 in den Künstlerkreis Kaleidoskop einführte, der zwar allen offen stand und steht, sich aber auf einem künstlerisch schwindelerregend höheren Niveau bewegte, als alles, was ich bis dato kennengelernt hatte. Offensichtlich bewegten sich in diesem Zirkel vorwiegend Leute, die ich für mich als „echte“ Künstler und Literaten definierte:

Als erster trat ein gewisser Milan Esten von Funcke auf, Autor und Leiter der Komparserie am Residenztheater. Er las aus seinem gerade erschienen Buch „Liebe – das Jahrtausendmißverständnis“. Aus einem „echten“, gedruckten Buch!, erschienen nicht etwa im Selbst- sondern in einem ebenso „echten“ Verlag!  Ehrfurcht ergriff mich. Erst recht, als ich bemerkte, dass durch den Abend zwei! noch veritablere Schriftsteller führten, die noch mehr „echte“ Bücher bei „echten“ Verlagen ihr eigen nannten. Milan, mit seinem Erstlingsbuch war nur der Auftakt gewesen.

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Bei dem einen Gastgeber handelte es sich um den unvergessenen Münchner Autor und Dramatiker Werner Schlierf, von dem es ein Stück sogar bis nach New York und „Off-Broadway“ geschafft hatte! Allein die Tatsache, dass einem hier das Wort „Broadway“ – wenn auch etwas „Off“-personifiziert erschien, elektrisierte mich. Der andere Gastgeber war der Autor Bernhard Ganter, der damals gerade eine Anthologie in der Mache hatte, in dem sich zahlreiche, ebenfalls „echte“ Prominente gegen Fremdenfeindlichkeit zu Wort meldeten. Wow! Später lernte ich, dass auch die Gründung dieses Künstlerkreises auf die beiden Autoren zurückzuführen war.

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Bernhard Ganter schreibt dazu rückblickend:

Im Bamberger Haus lernte ich Prinz Luitpold von Bayern und die Gräfin Sayn zu Wittgenstein kennen, die mich fragten, ob ich mir vorstellen könne, das altehrwürdige Haus mit Kultur zu beseelen, einen Künstlerkreis ins Leben zu rufen, einen Treff, wo nicht nur Künstler sondern auch Kunstinteressierte jeglichen Couleurs willkommen sein sollten, mit dem Ziel, einen Freundeskreis von Künstlern, Publizisten und Kunstinteressierten zu schaffen, der die Traditionen vergangener Künstlerstammtische und Künstlervereinigungen fortsetzt, die in München seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unsere Stadt entscheidend mitgeprägt haben (Münchner Boheme).

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Simplizissius-Wirtin Kathi Kobus, Mittelpunkt der legendären Münchner Bohème um 1900, Bildquelle: „Mein Alter Simpl“ von Toni Netzle

Ich holte mir Rat bei meinen Freunden, dem Schriftstellerkollegen Werner Schlierf, dem Karikaturisten Franz Eder.  Am 29. Nov. 1987 trafen wir uns auf der Cafeterrasse des

Kaleidoskop

Die Wiege des Künstlerkreises Kaleidoskop: Das Bamberger Haus im Münchner Luitpoldpark; Quelle: Wikipedia

Bamberger Haus mit Prinz Luitpold von Bayern und der Gräfin Sayn zu Wittgenstein. Das war die Geburtsstunde des Künstlerkreises Kaleidoskop. Am Anfang waren wir nur eine handvoll Künstler, doch mit der Zeit wurden es immer mehr. Unsere Veranstaltungen fanden großen Anklang, so dass auch die Publikumszahl stetig anstieg. So kam es, dass wir uns einvernehmlich mit Prinz Luitplod und Gräfin Sayn zu Wittgenstein trennten, um uns eine größere Bleibe zu suchen.

Eine Odyssee begann, bis wir schließlich im Münchner Hinterhoftheater (heute Theaterplatz, Wirtshaus am Hart) fündig wurden. Viele prominente Künstler fanden seither immer wieder den Weg zum Künstlerkreis Kaleidoskop. Aber auch Künstler, die damals noch keine so großen Namen hatten, traten auf den KKK-Brettern auf, so wie Christian Springer, bevor er in den Olymp der ganz Großen Einzug hielt.

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Werner Schlierf, Bernhard Ganter, Kabarettistin Gisela Schneeberger, Promiwirt Rosario Liberatore und Karikaturist Franz Eder, Foto: B. Ganter

Oberbürgermeister Christian Ude ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio für unsere Preisträgerin Gisela Schneeberger zu halten und schrieb uns ins Stammbuch „Ich habe mich hier sehr, sehr wohl gefühlt …“ und im SZ Interview äußerte Ude:

Der damalige Münchner OB Christian Ude als Laudator

Der damalige Münchner OB Ude als Laudator, Foto: B. Ganter

Der Künstlerkreis Kaleidoskop ist ein würdiger Nachfolger der „Traumstadt„, jener unvergessenen Künstlervereinigung um den Schwabinger Künstler Peter Paul Althaus.“ Das war wie ein Ritterschlag für uns, und wir alle waren mächtig stolz darauf.

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz, Foto: B. Ganter

Ebenso stolz waren wir, dass unsere Veranstaltung von vier Fernsehsendern Besuch erhielt, RTL, Bayerisches Fernsehen, TV München und, was wir nicht für möglich gehalten haben, das ZDF mit Nina Ruge in „Leute heute“!

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David Copperfields Limousine fährt am Hinterhoftheater vor … Foto: B. Ganter

Aber manchmal gab es auch ganz lustige Episoden. Als wir den alljährlichen Kaleidoskop-Preis dem Kabarettisten Bruno Jonas und dem Hollywoodautor und Liedtexter Max Colpet – er schrieb u.a. für Marlene Dietrich das Lied „Sag mir wo die Blumen sind …“ – verliehen, wollten wir einen Gag versuchen. Wir charterten eine Strechlimousine und ließen die beiden Künstler damit am Hinterhoftheater vorfahren. Jene Limousine, in der am Tag zuvor der bekannte Las Vegas Magier David Copperfield durch München kutschiert wurde. Stretchlimousine und Hinterhoftheater, konträrer ging das nicht. Schon bei der Anfahrt gab es Probleme. Die drei TV-Kamerateams schalteten jedes Mal ihre Kameras zu spät ein. Und weil sie uns ja beim Vorfahren und Aussteigen filmen wollten, baten sie uns, nochmals um den Stock zu fahren.

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas, Quelle: B. Ganter

Das ging dreimal so. Bruno Jonas wirkte etwas verstört, unsicher, ja fast schüchtern, was ich bei Bruno so nicht kannte. Nach einer Weile, als er sich unbeobachtet fühlte, zog er mich etwas zur Seite und sagte zu mir: „Du, Bernhard, ganz im Ernst, das ist doch hier Vorsicht Kamera, oder?“ Das war’s also.

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas; Foto: Ganter

Ich konnte ihn jedoch von der Ernsthaftigkeit unserer Absichten überzeugen, und es wurde ein wunderschöner Abend mit den beiden Preisträgern.

Das in Kürze und trotzdem lang, eine kleine Chronik über das Werden des Künstlerkreises Kaleidoskop. 16 Jahre lang haben Werner Schlierf und ich den Künstlerkreis geleitet, dann konnten wir nicht mehr, aus Zeitmangel.

Soweit erst einmal Bernhard Ganters Bericht.

Während meiner eigenen Zeit als Gast im Künstlerkreis Kaleidoskop lernte ich eine ganze Menge über die Arbeitsweise „echter“ Künstler, ebenso über Mechanismen in der Kunst- und Kulturszene und knüpfte erste Kontakte. Begegnung und Kontakte bilden einfach das „A“ und „O“ in unserer Branche, mehr als in allen anderen.

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1994 führte ich das Wirtshaus zum Isartal als Kleinkunstbühne ein, u. a. mit den schrägen Seifenblasenfesten; Collage: Gaby dos Santos

Bald darauf, 1994, eröffnete ich meine erste eigene Kleinkunstbühne bzw. führte das „Wirtshaus zum Isartal“ als Spielort in dieser Funktion ein. Später folgten die WerkstattBühne in der Gabelsperger Straße und gleich darauf die Gründung des Jour Fixe im Nachtcafé. Entsprechend knapp wurde meine Zeit und nagelte mich an die eigenen Veranstaltungsorte und Projekte fest.

Irgendwann las ich – einige Jahre ist das  nun auch schon wieder her – überrascht und traurig vom Tod Werner Schlierfs. Mein Vorsatz, endlich wieder einmal den Künstlerkreis Kaleidoskop zu besuchen, wurde stärker, ließ sich aber erst im Dezember letzten Jahres verwirklichen, nachdem es mir endlich gelungen war, den Umfang eigener Produktionen (Multimedia-Collagen) entschieden zurück zu fahren, um künftig „öfter mal einen Blick über den kulturellen Tellerrand zu werfen“. Und damit schließt sich, was das Kaleidoskop und mich anbelangt, nunmehr ein Kreis …

Seilschaft aus Budapest: Csaba Gál mit Peter Lang in dessen Artist Studio

Gál mit Peter Lang im Artist Studio, Foto GdS

Zumal der jetzige Kaleidoskop-Leiter  Csaba Gál  wiederum mit dem Inhaber meines Produktionsstudios und jourfixe-Vereinsfreund Peter Lang noch aus Budapester Zeiten gut bekannt ist …

Bernhard Ganter schreibt über Csaba Gál als Nachfolger:

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V. li: Csaba Gál, Werner Schlierf, Charles Kalman; Foto: Dieter Schnöpf

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wird seit September 2009 von dem großartigen Künstler und Chansonpoet Csaba Gál geleitet. Ihm gebührt mein Respekt, meine Hochachtung und mein Dank, für sein unermüdliches Wirken, allmonatlich mit einem Programm aufzuwarten das seinesgleichen sucht.

Der „Ungar in Bayern“ Csaba Gál hatte zwischen 2002 und 2004 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Werner Schlierf aufgenommen, von dem er viele Gedichte vertonte, um sie dann im Duo aufzuführen. Auch Schlierfs in der Nachkriegszeit angesiedeltes Theaterstück „Joe und Marianne“ nahm sich Gál an, übersetzte es ins Ungarische und veröffentlichte es in seiner Heimat mit großem Echo. Da Csaba Gál zudem viel von dem legendären aber leider selten gewordenen K & K – Charme versprüht, erscheint mir seine Nachfolge als Leiter des Kulturkreises Kaleidoskop eine sinnige wie stimmige Wahl!

Rote Baskenmütze als Kennzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop_Leiter Csaba Gál im Dezember 2015

Rote Baskenmütze als Markenzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop-Leiter Csaba Gál im Dezember 2015, Foto: Klaus Stießberger

Vor meinem Besuch 2015 war ich zuletzt 1993, mit der begnadeten Chansonsängerin Susan Avilés im Kaleidoskop zu Gast gewesen, kurz nach meiner Hochzeit in Rio. (Wie das Leben so spielt, NICHT mit jener großen Liebe, die mich in die Bohème getrieben und zum Kaleidoskop geführt hatte.) Nun kehrte ich, anlässlich der Verleihung des Kaleidoskop-Tellers im Dezember 2015 zurück, nach – ich habe gerade fassungslos nachgerechnet – 22 Jahren!

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 - 2009; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 – 2009; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Chapeau an die Herren Schlierf und Ganter, an das Künstler-Paar Katja und Konrad Kortin und schließlich an Csaba Gál, denen allen es zu verdanken ist, dass dieses künstlerische Biotop, nicht wie so manches andere in der Künstlerszene, schnell vertrocknet ist, sondern noch in schönster Blüte steht.

2010 erhält der wohl namhafteste deutsche Liedermacher, Konstantin Wecker, den begehrten Kaleidoskop-Teller. Hier neben Csaba Gál, Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Kaleidoskop-Teller 2010 für Konstantin Wecker http://www.kk-kaleidoskop.de

Anlass für meinen Besuch 2015 war die alljährliche Verleihung des Kaleidoskop-Tellers, den schon Ikonen der Münchner Künstlerszene erhielten, wie beispielsweise 2010 Konstantin Wecker.

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither; Foto: Klaus Stießberger

Auch 2015 war  ein Programm auf hohem künstlerischen Niveau geboten, u. a. mit dem Träger des Deutschen Kabarettpreises 2015, Kabarettist Josef Brustmann, der eine virtuose Laudatio hielt und zwar auf  Wolfgang Ramadan, der mit einem der Kaleidoskop-Teller 2015 ausgezeichnet wurde.

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015, Foto: Klaus Stießberger

Ramadan-Kostprobe: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau – wie vor jedem kleinen.

An Wolfgang Ramadan, den ich selbst seit vielen Jahren kenne, führt in der bayerischen Kunst – und Kulturszene sowieso seit Jahrzehnten kein Weg vorbei: Poet, Kabarettist, Garchinger Kulturreferent, Schauspieler, Kulturmanager, Networker … Ach, ich glaube, ich widme ihm gelegentlich mal lieber einen eigenen Blog-Beitrag 😉

Kulturverein Arche Noe, Kufstein

Kulturverein Arche Noe, Kufstein, 2015 prämiert im Kaleidoskop; Foto: Stießberger

Der zweite Kaleidoskop-Teller ging 2015 an den Kulturverein Arche Noe Kufstein. In seiner Laudatio äußert Dr. Uwe Kullnick – Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA) einen Gedanken, den ich  nicht nur für zutreffend auf die Kufsteiner Preisträger, sondern auf die Kleinkunst allgemein halte, die der Künstlerkreis Kaleidoskop schon so lange repräsentiert:

Die Laudation von Dr. Uwe Kullnick berührte mich sehr

Laudator Dr. Uwe Kullnick, Foto: Klaus Stießberger

„Hier gibt es Kleinkunst. Dabei ist hier kaum etwas klein. Vielleicht das Budget, aber wo am Puls Kultur liebender Menschen und abseits der subventionierten Kultur-Groß-Ereignisse und der Riesenveranstaltungen der Musik-Stars, ist es das nicht? Klein ist hier nur der Aufwand und der Obolus der Zuschauer und nahezu winzigklein die Gefahr enttäuscht zu werden. Riesengroß hingegen ist das, was geboten wird, was man genießen und mitnehmen kann, nämlich die Kunst. (…)“

Schon länger suche ich nach einem geeigneten Treffpunkt, an dem auch die Kulturplattform jourfixe-muenchen einmal im Monat eine wieder „fixe“ Anlaufstelle für Kolleginnen und Kollegen, jourfixe-Freundinnen und Freunde bieten kann.

Im Dezember besuchte ich das Kaleidoskop gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Krista Posch sowie Fotograf Klaus Stießberger

Kaleidoskop-Besuch 2015: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch mit Gaby dos Santos in Begleitung von Fotograf Klaus Stießberger

Dafür scheint der Künstlerkreis Kaleidoskop, mit seinem Ablauf, wie geschaffen: Ein gemütlicher Gast- und Bühnenraum lädt zwischen 18 Uhr und 20 Uhr zum Essen, zu Austausch und Kontakten und danach, bei freiem Eintritt, zu einem stets breit gefächerten Kulturprogramm. Zugleich hoffe ich, das Kaleidoskop mit etwas PR unterstützen zu können und damit ein wenig von dem zurück zu geben, was es mir vermittelt hat, und das auf dem Weg aller Kunstschaffenden sowie für ein besseres Kunstverständnis seitens des Kulturpublikums unbezahlbar ist: Informative Schlüssellochperspektiven auf den Kosmos von Kunst und Kultur.

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Csaba Gal, Dez. 2015; Foto: Stießberger

Foto: Stießberger

Der nächste Termin ist am Montag, 7. März 16.(KaleidoskopAbende finden immer am 1. Montag des Monats statt)

Mitwirkende:  
Erika Stadler , Liedermacherin
Schorsch Hampel, Bluespoet
Rick Baltes, Liedermacher
Jan-Eike Hornauer, Textzüchter
Helmut Eckl, Münchner Turmschreiber (Poetentaler), Mundartdichter, Satiriker

Durch den Kaleidoskop-Abend führt, wie immer, der Chansonpoet und Conférencier Csaba Gal.

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