Arrivederci, servus Theodora „Dorli“ Diehl! Abschied von der sanften Matriarchin eines Münchner Künstlerklans

Zum Abschied in der überfüllten Aussegnungshalle sang der Schlossherr von Weitersroda, der Liedermacher, Kabarettist und Polit-Aktivist Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, noch einmal das berühmte Lied „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ für seine Großmutter Theodora „Dorli“ Diehl. Geschrieben hatte es einst ihr Vater, Theo Prosel, in einer einzigen Nacht in der Künstlerkneipe Simplicissimus in München, die später auch als Alter Simpl bekannt wurde. Dort steuerte er ab 1934 als Wirt, Kabarettist und Programmgestalter das legendäre Lokal pfiffig durch düstere Zeiten, bis zur schweren Bombardierung 1944. An Prosels Seite seine Frau, die Sopranisten Julia Prosel und die drei Töchter: Dorli, die Älteste sowie Resi und Trude.

Bildcollage zu Simpl-Wirt Theo Prosel aus dem Historical „Das Lied von Lili Marleen“; Augangsfotos: Prosel-Klan

Für die drei heranwachsenden Töchter erwies sich das elterliche Lokal als Panoptikum, denn die Familie lebte in einer Wohnung über dem Simpl; dadurch lernten Theodora „Dorli“ Diehl und ihre Schwestern viele Künstler_Innen kennen, die damals dort ein- und ausgingen, darunter Karl ValentinLiesl Karlstadt und nicht zuletzt Lale Andersen, wie sich Dorli, die Älteste, 2010 in meinem Historical „Das Lied von Lili Marleen“ zusammen mit Schwester Resi Prosel (+ 2010) erinnert, mit dem für sie so typischen, pfiffigen Humor, gepaart mit scharfer Beobachtungsgabe: (Abschrift – sinngem. und nach Gehör – eines O-Tons a.d. BR-Feature „Simpl am Abend – erquickend und labend“ von Eva Demmelhuber):

Die drei Prosel-Schwestern in den 1930er Jahren, v. links: Dorli, Trude und Resi; Quelle: Prosel-Klan/2010

Wir Kinder waren natürlich ganz narrisch auf die Lale. Da haben wir schon in einem kleinen Zimmer geschlafen, oberhalb der Bühne, wo gerade  nur drei Betten rein gingen. Dazwischen war ein kleiner Zwischenraum, da haben wir uns immer gestritten, wer in den rein durfte, wenn die Lale gesungen hat. Die hat man immer raufgehört, ja. Wer sich dahinlegen durfte und das Ohrwaschl auf den Fußboden, um das zu hören. Ja, für die haben wir gschwärmt, ja, ja sehr geschwärmt.

Lale Andersen, damals noch Wilke, Anfang der 30er Jahre mit Sohn Michael Wilke vor dem Plakat zu einem ihrer Simpl-Auftritte; Quelle: Michael Wilke

Das war einfach a Persönlichkeit, das kann man nicht schildern, erstens war sie sehr norddeutsch, schön war sie nicht, aber interessant irgendwie und ihre Lieder waren gut – ja – und ihre Stimme war unverwechselbar. Ich sag ja ned, dass sie weißgott wie schön war, die Stimme. Uns hats halt gefallen.

Da hatte sie natürlich tolle Lieder, so mit unanständigem Hintergrund manchmal und die haben wir dann immer lauthals in der Schule gesungen, zur Freude der Lehrer. (…) > Tonprobe von Dorli/Resi Prosel eines solchen unanständigen Liedes 😉

Lale Andersen, (Lili Marleen) 30er Jahre, auf der Auer Dult mit Simpl-Wirt Theo Prosel, Dorlis Vater, Quelle: Prosel-Klan

  • Lale selbst erinnert sich später an die Zeit: Damals im Simpl, das war noch als Endrikat auf der Bühne stand mit seinem dicken Adressbuch, und der Ringelnatz, der sich immer an eine Säule anlehnen musste, um beim Singen nicht allzu sehr hin und her zu schwanken und das Gleichgewicht zu verlieren …

    Die junge Dorli (Mitte) tritt hier in „Gondrells Bonbonniere“ auf, Foto von Anfang der 1940er Jahre; Quelle: Theodora Diehl Gedenkseite von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Es war auch Lale Andersen, die Dorli empfahl, sich unbedingt als Schauspielerin ausbilden zu lassen, was das junge Mädchen auch tat:  Am 2. April 1941 bestand sie die Abschlussprüfung vor der Reichstheaterkammer und war nun „Staatlich geprüfte Schauspielerin“ .Sie trat u.a. auf im „Simpl“, im „Regina-Palasthotel“ und in „Gondrells Bonbonniere“, schreibt Tochter Gabriele Kirner-Bammes auf der Gedenkseite, die sie zur Erinnerung an ihre Mutter im Internet veröffentlicht hat.

Die Bühne führte Dorli auch mit ihrem Mann, dem Schriftsteller, Journalist und Schauspieler Walther Diehl  zusammen und in eine 53 Jahre andauernde Ehe, die erst 1994, mit dem Tod Walther Diehls, endete. Das Lokal seiner Schwiegereltern verewigte er in der Chronik: „Die Künstlerkneipe Simplicissimus„. Das Vorwort dazu schrieb Konstantin Wecker, langjähriger Kollege von Enkel Prinz Chaos II. alias Florian Kirner … Der stand nun, im August 2017, vor der Trauergemeinde und sang jenes Lied seines Ur-Großvaters: „I hab die schönen Maderln net erfunden …“ … Spätestens jetzt überkam uns Trauergästen die Rührung. Auch mir stiegen Tränen in die Augen, worüber ich mich ein wenig schämte. Da ich Dorli nur selten begegnet war, fühlte es sich ein wenig unangemessen für mich an, mich der Gruppe all der Trauernden anzuschließen, die sie doch viel besser gekannt hatten, wie der Künstlerkreis 83 und der Künstlerkreis Kaleidoskop, dem ich inzwischen auch (wieder) angehöre und der an diesem Tag durch dessen ehemaligen Leiter, Conrad Cortin vertreten wurde. Andererseits zollten meine Tränen auch einer Frau Tribut, deren Persönlichkeit mich von der ersten Begegnung an beeindruckt hatte!

Gasteig-Premiere von „Das Lied von Lili Marleen mit den Zeitzeug/Innen, v. li.: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten der ersten Fassung von Lili Marleen), Dorli Diehl (Tochter von Simpl-Wirt Theo Prosel), Brigitt Schultze Galland (Witwe des Komponisten Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Sängerin Lale Andersen), halbverdeckt: Toni Netzle (ehemalige Simpl-Wirtin), Gaby dos Santos (Autorin der Collage), re.: Mathias Deinert (Lale–Andersen–Archiv)

Persönlich kennengelernt hatte ich Dorli, ebenso wie die meisten anderen Mitglieder des Prosel-Klans bei der Gasteig-Premiere meiner „Lili-Marleen“-Collage und alle überredet, im Rahmenprogramm noch einmal die „Simpl-Revue“ aufzuführen.

Erst in späten Jahren war Dorli im „Künstlerkreis 83“ und im „Künstlerkreis Kaleidoskop“ wieder aufgetreten und dort sah man sie im Juni 2008 in der Revue „Der Simpl-Goethe und die Nachtigall“, einer Veranstaltung zur 850-Jahr-Feier der Stadt München, in der vier Generationen unserer Familie mitwirkten. Am 1. Februar 2011 wurde diese Revue zu Ehren meiner Großeltern, Theo und Julia Prosel, in veränderter Form im „theater… und so fort“ in München-Schwabing wiederholt, wobei meine Mutter diesmal mit ihren Erinnerungen durch den Abend führte – und sie sprach und agierte völlig frei und ohne Spickzettel, denn dieser wäre gegen ihre Berufsehre als Schauspielerin gewesen. Und das kurz vor ihrem 90. Geburtstag!“ so Tochter Gabriele auf der Gedenkseite.  Ganz so haben es damals mein Freund und jourfixe-Vorsitzender Jon Michael Winkler und ich auch empfunden: Dorli Diehls Auftritt an diesem Abend war ein Paradebeispiel wahrer Bühnenpräsenz!

Dorli Diehl – die filigrane Matriarchin – führt mit fast 90 Jahren souverän durch die „Simpl-Revue“, künstlerisch begeleitet von 4 Generationen Prosel-Klan! Die Projektion zeigt ihre Mutter, die Sopranistin Julia Prosel in den 20er Jahren. Foto: Gedenkseite

In dieser Zeit überraschte sie mich auch damit, plötzlich über Email erreichbar zu sein und kurz danach auch noch via Facebook! Der elektronischen Medien bediente sie sich in Folge auch, um sich mit über 90 Jahren unter die Buchautor_Innen zu begeben. Nur der Not koan Schwung lass’n lautet stimmig der Titel ihrer Autobiografie.

Bestellung der Biografie unter: Gabriele Kirner-Bammes: kirner-bammes (at) t-online.de
Tel. 08141/72 4 72 Der Versand erfolgt mit Rechnung, 12,90 € zzgl. Versandkosten

Als sie ihre Lebenserinnerungen herausbrachte, trat die bereits 91-jährige Karlsfelderin richtig ins Rampenlicht. Sie tingelte von einer Lesung zur nächsten und begeisterte ihre Zuhörer mit ihrer unglaublichen Geschichte. In der Münchner Drehleier trat sie mit ihren Töchtern, dem Schwiegersohn, den Enkeln und der Urenkelin auf. Vier Generationen spielten Szenen aus dem „Simpl“, wobei die alte Dame mit ihrer unglaublichen Präsenz und Energie allen anderen die Show stahl. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werden muss, um berühmt zu werden“, sagte sie damals der SZ. Humor war immer ihr Rezept gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ist es bis zum Schluss geblieben., so im Nachruf von SZ-Online nachzulesen, der sie als „Eine Ikone der Schwabinger Künstlerwelt“ betitelt.

„DIE PROSELS“: Von hinten links im Uhrzeigersinn: Ur-Enkelin Svenja Heise, an die sich das Gesangstalent der Ur-Ur-Großmutter,  Sopranistin Julia Prosel, weitervererbt hat –  Urenkel und Liedermacher Prinz Chaos II. alias Florian Kirner, – daneben Peter Bammes mit Gattin Gabriele Kirner Bammes (eine Tochter von Dorli), die im Duo für den Roggensteiner Bänkelgsang stehen – gefolgt von Dorlis Tochter Karin Lehndorfer; ganz vorne Theodora „Dorli“ Diehl mit Enkelin, der Sängerin Heida Lehndorfer

Fast bis zuletzt fand Theodora „Dorli“ Diehl Mittel und Wege, aktiv im künstlerischen ebenso, wie im sonstigen Leben zu stehen. Noch im Mai hatte ich mit ihr ein langes Telefonat geführt, in dem wir uns gegenseitig bezüglich unserer aktuellen Aktivitäten auf Stand brachten. Anfang August gratulierte ich via Facebook noch zu ihrem 96. Geburtstag; ein Gruß, der sie schon nicht mehr erreicht haben dürfte, wie mir später Tochter Gabriele berichtete. Ganz am Ende hielt das Leben für Dorli noch eine Phase kurzer Krankheit bereit. Bis dahin aber hatte sie das Leben bejahend und resolut gemeistert, stets mit einem feinsinnigen Lächeln um die Lippen, filigran, wie ihre ganze Erscheinung. Zwar stand sie gewissermaßen als Matriarchin einem ganzen Künstlerklan vor, der vier Generationen umfasste, doch wirkte ihr Auftreten nie fordernd oder laut. Sie umspannte ihre Familie mit ihrer Liebenswürdigkeit; so habe ich es empfunden und wohl ebenso die zahlreichen Weggefährt_Innen, die sich auf dem Obermenzinger Friedhof eingefunden hatten, um „ihrer“ Dorli Diehl die letzte Ehre zu erweisen, darunter viele Künstler-Kolleg_Innen.

Mich wird Theodora „Dorli“ Diehl sicher weiter begleiten, in den Begegnungen mit ihrer Familie, dem O-Ton in der „Lili-Marleen“-Collage und vor allem als Vorbild und Beispiel dafür, dass es sich jederzeit und also auch im Herbst des  (künstlerischen) Lebens noch voller Bravour durchstarten lässt!

Arrivederci, servus, liebe Dorli!


Mehr zu Dorli Diehls bewegtem Leben – 1921 bis 2017 – > 

Meine Mutter Theodora ‚Dorli‘ Diehl  – Ein Leben in Bildern, mit textlichen Erläuterungen von Tochter Gabriele Kirner Bammes

Theo Prosel – Dichtender Simpl-Wirt und Münchner Kabarettlegende


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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„Wo bitte geht’s zu Buch und Bühne?“ Persönliche Reminiszenzen zum Künstlerkreis Kaleidoskop, kombiniert mit einer Chronik von Bernhard Ganter

Jeder, den es in die Welt der Literatur, Malerei oder auf jene Bretter verschlagen hat, die die Welt bedeuten und auch der, der meint, vom Schicksal auf dem Weg dorthin aufgehalten worden zu sein, teilt eine Erfahrung: Schon als Kind verzückte man wahlweise oder en bloc Familie, Lehrer, kurzum das unmittelbare Umfeld mit künstlerischen Darbietungen derart, das einem der Sternenstaub einer künstlerischen Karriere in das Buch des Lebens geschrieben schien. Nachdem aber zwischen Sein und Schein eine Realität liegt, die versorgt werden will, schleicht sich meist das Bedürfnis nach einem gesicherten Broterwerb auf leisen Sohlen ein.

Kuenstlerkreis_Kaleidoskop_Wo_bitte_gehts_zu_Buch_und_Buehne_jourfixe-Blog

Bretter, die die Welt bedeuten … http://www.bauerwerner.com/

Der institutionalisierte Weg über Studium der Kunst, Theaterwissenschaften, Musik und/oder Schauspielerei, Regie etc. wird gar nicht erst eingeschlagen. Oft erst Jahre später erinnert einen dann ein Ereignis daran, dass man doch ursprünglich von einem ganz anderen Lebensweg geträumt hatte … Und in diesem Moment drohen all diese alten Träume von Glanz, Gloria und künstlerischer Selbstverwirklichung unwiederbringlich im Mittelmaß des Daseins zu ersticken.

Mein (Wieder)Erweckungserlebnis war die große Liebe zu einem Künstler. Zum einen stand er genau für jene Welt, in die es mich einst als Kind schon gezogen hatte. Zum anderen weckte das Verzweifelte dieser Beziehung in mir den unbedingten Drang, mich auszudrücken, meine Empfindungen und Gedanken in eine sublimierte, allgemein gültige Form zu bringen und öffentlich kund zu tun. Kurzum, ich fand es an der Zeit, neben Kind und Bürojob, in die Welt der Bohème einzutauchen und dort bitteschön auch gleich gefeiert zu werden. Letzeres erwies sich schnell als Utopie 😉

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Gaby dos Santos, 1992, Foto: Wolf-Dieter Roth

Die Welt im allgemeinen und die der Kunst insbesondere schien nicht auf mich zu warten, wem auch immer ich meine frisch verfassten Texte aufdrängte. Da meine Kreativität und ich, auf Grund des damals aktuellen Liebesdramas, eine Phase unausgelebter Sinnlichkeit durchlitten, handelte es sich bei dem Endprodukt um erotische Gedichte, mitunter an der Grenze zum Pornografischen. Das Echo: verhalten.

Wie also sollte ich mir nun Zugang zum Künstlertum erschließen? Zum Glück war und bin ich in München nicht die einzige, die sich über Umwege zur Kunst berufen fühlt(e). Schon bald fand ich mich unter Gleichgesinnten wieder, Schwerpunkt: Literarische Ergüsse. Man traf sich zu irgendwelchen Workshops oder Leseabenden in Kneipen-Hinterzimmern und lauschte den mehr oder weniger gelungenen Texten der Konkurrenz, um dafür im Gegenzug deren Aufmerksamkeit zu ernten und – früher oder später – davon war jeder von uns überzeugt – die allgemeine Anerkennung als größtes literarisches Talent seit … nun ja mindestens seit der Blechtrommel. Gelesen wurde von zusammengehefteten Blättern und „entdeckt“ wurde, soweit ich weiß, keiner von uns …

In dieser Zeit begegnete mir eine wirklich bemerkenswerte Frau, mit starkem künstlerischen Background: Die Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Monica Kleiber. Ihr verstorbener Mann war Regisseur gewesen, ihre Tochter Claudia Kleiber arbeitete ebenfalls als Schauspielerin und Synchronsprecherin. Monica gehörte eigentlich gar nicht in die Riege von uns Greenhorns, da sie eine solide Schauspielausbildung, Bühnenerfahrung und ein uns weit überlegenes lyrisches Können auszeichneten. Sie setzte mir erstmals die Notwendigkeit von Selbstdisziplin, Akribie und Hingabe bei künstlerischen Prozessen auseinander, an der sich früher oder später die Spreu vom Weizen, die wirklich berufenen Kunstschaffenden von den reinen Selbstdarstellern scheiden.

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Der Künstlerkreis Kaleidoskop, seit 1987, wendet sich an Künstler und an interessiertes Publikum

Monica ist es auch zu verdanken, dass ich mich aus dem Dunstkreis von kreativer Selbstverliebtheit und Dilettantismus allmählich zu lösen vermochte, denn sie war es, die mich 1992 in den Künstlerkreis Kaleidoskop einführte, der zwar allen offen stand und steht, sich aber auf einem künstlerisch schwindelerregend höheren Niveau bewegte, als alles, was ich bis dato kennengelernt hatte. Offensichtlich bewegten sich in diesem Zirkel vorwiegend Leute, die ich für mich als „echte“ Künstler und Literaten definierte:

Als erster trat ein gewisser Milan Esten von Funcke auf, Autor und Leiter der Komparserie am Residenztheater. Er las aus seinem gerade erschienen Buch „Liebe – das Jahrtausendmißverständnis“. Aus einem „echten“, gedruckten Buch!, erschienen nicht etwa im Selbst- sondern in einem ebenso „echten“ Verlag!  Ehrfurcht ergriff mich. Erst recht, als ich bemerkte, dass durch den Abend zwei! noch veritablere Schriftsteller führten, die noch mehr „echte“ Bücher bei „echten“ Verlagen ihr eigen nannten. Milan, mit seinem Erstlingsbuch war nur der Auftakt gewesen.

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Autor Werner Schlierf um 1990; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Bei dem einen Gastgeber handelte es sich um den unvergessenen Münchner Autor und Dramatiker Werner Schlierf, von dem es ein Stück sogar bis nach New York und „Off-Broadway“ geschafft hatte! Allein die Tatsache, dass einem hier das Wort „Broadway“ – wenn auch etwas „Off“-personifiziert erschien, elektrisierte mich. Der andere Gastgeber war der Autor Bernhard Ganter, der damals gerade eine Anthologie in der Mache hatte, in dem sich zahlreiche, ebenfalls „echte“ Prominente gegen Fremdenfeindlichkeit zu Wort meldeten. Wow! Später lernte ich, dass auch die Gründung dieses Künstlerkreises auf die beiden Autoren zurückzuführen war.

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Schriftsteller Bernhard Ganter, Foto: Bertl Jost

Bernhard Ganter schreibt dazu rückblickend:

Im Bamberger Haus lernte ich Prinz Luitpold von Bayern und die Gräfin Sayn zu Wittgenstein kennen, die mich fragten, ob ich mir vorstellen könne, das altehrwürdige Haus mit Kultur zu beseelen, einen Künstlerkreis ins Leben zu rufen, einen Treff, wo nicht nur Künstler sondern auch Kunstinteressierte jeglichen Couleurs willkommen sein sollten, mit dem Ziel, einen Freundeskreis von Künstlern, Publizisten und Kunstinteressierten zu schaffen, der die Traditionen vergangener Künstlerstammtische und Künstlervereinigungen fortsetzt, die in München seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unsere Stadt entscheidend mitgeprägt haben (Münchner Boheme).

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Simplizissius-Wirtin Kathi Kobus, Mittelpunkt der legendären Münchner Bohème um 1900, Bildquelle: „Mein Alter Simpl“ von Toni Netzle

Ich holte mir Rat bei meinen Freunden, dem Schriftstellerkollegen Werner Schlierf, dem Karikaturisten Franz Eder.  Am 29. Nov. 1987 trafen wir uns auf der Cafeterrasse des

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Die Wiege des Künstlerkreises Kaleidoskop: Das Bamberger Haus im Münchner Luitpoldpark; Quelle: Wikipedia

Bamberger Haus mit Prinz Luitpold von Bayern und der Gräfin Sayn zu Wittgenstein. Das war die Geburtsstunde des Künstlerkreises Kaleidoskop. Am Anfang waren wir nur eine handvoll Künstler, doch mit der Zeit wurden es immer mehr. Unsere Veranstaltungen fanden großen Anklang, so dass auch die Publikumszahl stetig anstieg. So kam es, dass wir uns einvernehmlich mit Prinz Luitplod und Gräfin Sayn zu Wittgenstein trennten, um uns eine größere Bleibe zu suchen.

Eine Odyssee begann, bis wir schließlich im Münchner Hinterhoftheater (heute Theaterplatz, Wirtshaus am Hart) fündig wurden. Viele prominente Künstler fanden seither immer wieder den Weg zum Künstlerkreis Kaleidoskop. Aber auch Künstler, die damals noch keine so großen Namen hatten, traten auf den KKK-Brettern auf, so wie Christian Springer, bevor er in den Olymp der ganz Großen Einzug hielt.

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Werner Schlierf, Bernhard Ganter, Kabarettistin Gisela Schneeberger, Promiwirt Rosario Liberatore und Karikaturist Franz Eder, Foto: B. Ganter

Oberbürgermeister Christian Ude ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio für unsere Preisträgerin Gisela Schneeberger zu halten und schrieb uns ins Stammbuch „Ich habe mich hier sehr, sehr wohl gefühlt …“ und im SZ Interview äußerte Ude:

Der damalige Münchner OB Christian Ude als Laudator

Der damalige Münchner OB Ude als Laudator, Foto: B. Ganter

Der Künstlerkreis Kaleidoskop ist ein würdiger Nachfolger der „Traumstadt„, jener unvergessenen Künstlervereinigung um den Schwabinger Künstler Peter Paul Althaus.“ Das war wie ein Ritterschlag für uns, und wir alle waren mächtig stolz darauf.

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz

Stimmungsbild mit viel TV-Präsenz, Foto: B. Ganter

Ebenso stolz waren wir, dass unsere Veranstaltung von vier Fernsehsendern Besuch erhielt, RTL, Bayerisches Fernsehen, TV München und, was wir nicht für möglich gehalten haben, das ZDF mit Nina Ruge in „Leute heute“!

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David Copperfields Limousine fährt am Hinterhoftheater vor … Foto: B. Ganter

Aber manchmal gab es auch ganz lustige Episoden. Als wir den alljährlichen Kaleidoskop-Preis dem Kabarettisten Bruno Jonas und dem Hollywoodautor und Liedtexter Max Colpet – er schrieb u.a. für Marlene Dietrich das Lied „Sag mir wo die Blumen sind …“ – verliehen, wollten wir einen Gag versuchen. Wir charterten eine Strechlimousine und ließen die beiden Künstler damit am Hinterhoftheater vorfahren. Jene Limousine, in der am Tag zuvor der bekannte Las Vegas Magier David Copperfield durch München kutschiert wurde. Stretchlimousine und Hinterhoftheater, konträrer ging das nicht. Schon bei der Anfahrt gab es Probleme. Die drei TV-Kamerateams schalteten jedes Mal ihre Kameras zu spät ein. Und weil sie uns ja beim Vorfahren und Aussteigen filmen wollten, baten sie uns, nochmals um den Stock zu fahren.

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas

Max Colpet mit Frau und Bruno Jonas, Quelle: B. Ganter

Das ging dreimal so. Bruno Jonas wirkte etwas verstört, unsicher, ja fast schüchtern, was ich bei Bruno so nicht kannte. Nach einer Weile, als er sich unbeobachtet fühlte, zog er mich etwas zur Seite und sagte zu mir: „Du, Bernhard, ganz im Ernst, das ist doch hier Vorsicht Kamera, oder?“ Das war’s also.

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas

Von links: Kabarettist Christian Überschall, Autor Bernhard Ganter, Kabarettist Bruno Jonas; Foto: Ganter

Ich konnte ihn jedoch von der Ernsthaftigkeit unserer Absichten überzeugen, und es wurde ein wunderschöner Abend mit den beiden Preisträgern.

Das in Kürze und trotzdem lang, eine kleine Chronik über das Werden des Künstlerkreises Kaleidoskop. 16 Jahre lang haben Werner Schlierf und ich den Künstlerkreis geleitet, dann konnten wir nicht mehr, aus Zeitmangel.

Soweit erst einmal Bernhard Ganters Bericht.

Während meiner eigenen Zeit als Gast im Künstlerkreis Kaleidoskop lernte ich eine ganze Menge über die Arbeitsweise „echter“ Künstler, ebenso über Mechanismen in der Kunst- und Kulturszene und knüpfte erste Kontakte. Begegnung und Kontakte bilden einfach das „A“ und „O“ in unserer Branche, mehr als in allen anderen.

Wirtshaus_zum Isartal_Gaby_dos_Santos_Seifenblasenfest_Linda_Jo_Rizzo_jourfixe-Blog

1994 führte ich das Wirtshaus zum Isartal als Kleinkunstbühne ein, u. a. mit den schrägen Seifenblasenfesten; Collage: Gaby dos Santos

Bald darauf, 1994, eröffnete ich meine erste eigene Kleinkunstbühne bzw. führte das „Wirtshaus zum Isartal“ als Spielort in dieser Funktion ein. Später folgten die WerkstattBühne in der Gabelsperger Straße und gleich darauf die Gründung des Jour Fixe im Nachtcafé. Entsprechend knapp wurde meine Zeit und nagelte mich an die eigenen Veranstaltungsorte und Projekte fest.

Irgendwann las ich – einige Jahre ist das  nun auch schon wieder her – überrascht und traurig vom Tod Werner Schlierfs. Mein Vorsatz, endlich wieder einmal den Künstlerkreis Kaleidoskop zu besuchen, wurde stärker, ließ sich aber erst im Dezember letzten Jahres verwirklichen, nachdem es mir endlich gelungen war, den Umfang eigener Produktionen (Multimedia-Collagen) entschieden zurück zu fahren, um künftig „öfter mal einen Blick über den kulturellen Tellerrand zu werfen“. Und damit schließt sich, was das Kaleidoskop und mich anbelangt, nunmehr ein Kreis …

Seilschaft aus Budapest: Csaba Gál mit Peter Lang in dessen Artist Studio

Gál mit Peter Lang im Artist Studio, Foto GdS

Zumal der jetzige Kaleidoskop-Leiter  Csaba Gál  wiederum mit dem Inhaber meines Produktionsstudios und jourfixe-Vereinsfreund Peter Lang noch aus Budapester Zeiten gut bekannt ist …

Bernhard Ganter schreibt über Csaba Gál als Nachfolger:

Werner_Schlierf_Csaba_Gal_Kuenstlerkreis-Kaleidoskop_jourfixe-Blog

V. li: Csaba Gál, Werner Schlierf, Charles Kalman; Foto: Dieter Schnöpf

Der Künstlerkreis Kaleidoskop wird seit September 2009 von dem großartigen Künstler und Chansonpoet Csaba Gál geleitet. Ihm gebührt mein Respekt, meine Hochachtung und mein Dank, für sein unermüdliches Wirken, allmonatlich mit einem Programm aufzuwarten das seinesgleichen sucht.

Der „Ungar in Bayern“ Csaba Gál hatte zwischen 2002 und 2004 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Werner Schlierf aufgenommen, von dem er viele Gedichte vertonte, um sie dann im Duo aufzuführen. Auch Schlierfs in der Nachkriegszeit angesiedeltes Theaterstück „Joe und Marianne“ nahm sich Gál an, übersetzte es ins Ungarische und veröffentlichte es in seiner Heimat mit großem Echo. Da Csaba Gál zudem viel von dem legendären aber leider selten gewordenen K & K – Charme versprüht, erscheint mir seine Nachfolge als Leiter des Kulturkreises Kaleidoskop eine sinnige wie stimmige Wahl!

Rote Baskenmütze als Kennzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop_Leiter Csaba Gál im Dezember 2015

Rote Baskenmütze als Markenzeichen: Chansonpoet und Kaleidoskop-Leiter Csaba Gál im Dezember 2015, Foto: Klaus Stießberger

Vor meinem Besuch 2015 war ich zuletzt 1993, mit der begnadeten Chansonsängerin Susan Avilés im Kaleidoskop zu Gast gewesen, kurz nach meiner Hochzeit in Rio. (Wie das Leben so spielt, NICHT mit jener großen Liebe, die mich in die Bohème getrieben und zum Kaleidoskop geführt hatte.) Nun kehrte ich, anlässlich der Verleihung des Kaleidoskop-Tellers im Dezember 2015 zurück, nach – ich habe gerade fassungslos nachgerechnet – 22 Jahren!

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 - 2009; Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Das Künstler-Ehepaar Katja und Konrad Kortin leitete das Kaleidoskop von 2003 – 2009; Quelle: http://www.kk-kaleidoskop.de

Chapeau an die Herren Schlierf und Ganter, an das Künstler-Paar Katja und Konrad Kortin und schließlich an Csaba Gál, denen allen es zu verdanken ist, dass dieses künstlerische Biotop, nicht wie so manches andere in der Künstlerszene, schnell vertrocknet ist, sondern noch in schönster Blüte steht.

2010 erhält der wohl namhafteste deutsche Liedermacher, Konstantin Wecker, den begehrten Kaleidoskop-Teller. Hier neben Csaba Gál, Quelle: www.kk-kaleidoskop.de

Kaleidoskop-Teller 2010 für Konstantin Wecker http://www.kk-kaleidoskop.de

Anlass für meinen Besuch 2015 war die alljährliche Verleihung des Kaleidoskop-Tellers, den schon Ikonen der Münchner Künstlerszene erhielten, wie beispielsweise 2010 Konstantin Wecker.

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither

Kabarettist Josef Brustmann erwies sich beim Kaleidoskop-Abend auch als Virtuose an der Zither; Foto: Klaus Stießberger

Auch 2015 war  ein Programm auf hohem künstlerischen Niveau geboten, u. a. mit dem Träger des Deutschen Kabarettpreises 2015, Kabarettist Josef Brustmann, der eine virtuose Laudatio hielt und zwar auf  Wolfgang Ramadan, der mit einem der Kaleidoskop-Teller 2015 ausgezeichnet wurde.

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015

Wolfgang Ramadan, wortgewaltiger Poet und Preisträger des Kaleidoskop-Tellers 2015, Foto: Klaus Stießberger

Ramadan-Kostprobe: Hinter jedem großen Mann steht eine Frau – wie vor jedem kleinen.

An Wolfgang Ramadan, den ich selbst seit vielen Jahren kenne, führt in der bayerischen Kunst – und Kulturszene sowieso seit Jahrzehnten kein Weg vorbei: Poet, Kabarettist, Garchinger Kulturreferent, Schauspieler, Kulturmanager, Networker … Ach, ich glaube, ich widme ihm gelegentlich mal lieber einen eigenen Blog-Beitrag 😉

Kulturverein Arche Noe, Kufstein

Kulturverein Arche Noe, Kufstein, 2015 prämiert im Kaleidoskop; Foto: Stießberger

Der zweite Kaleidoskop-Teller ging 2015 an den Kulturverein Arche Noe Kufstein. In seiner Laudatio äußert Dr. Uwe Kullnick – Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA) einen Gedanken, den ich  nicht nur für zutreffend auf die Kufsteiner Preisträger, sondern auf die Kleinkunst allgemein halte, die der Künstlerkreis Kaleidoskop schon so lange repräsentiert:

Die Laudation von Dr. Uwe Kullnick berührte mich sehr

Laudator Dr. Uwe Kullnick, Foto: Klaus Stießberger

„Hier gibt es Kleinkunst. Dabei ist hier kaum etwas klein. Vielleicht das Budget, aber wo am Puls Kultur liebender Menschen und abseits der subventionierten Kultur-Groß-Ereignisse und der Riesenveranstaltungen der Musik-Stars, ist es das nicht? Klein ist hier nur der Aufwand und der Obolus der Zuschauer und nahezu winzigklein die Gefahr enttäuscht zu werden. Riesengroß hingegen ist das, was geboten wird, was man genießen und mitnehmen kann, nämlich die Kunst. (…)“

Schon länger suche ich nach einem geeigneten Treffpunkt, an dem auch die Kulturplattform jourfixe-muenchen einmal im Monat eine wieder „fixe“ Anlaufstelle für Kolleginnen und Kollegen, jourfixe-Freundinnen und Freunde bieten kann.

Im Dezember besuchte ich das Kaleidoskop gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Krista Posch sowie Fotograf Klaus Stießberger

Kaleidoskop-Besuch 2015: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch mit Gaby dos Santos in Begleitung von Fotograf Klaus Stießberger

Dafür scheint der Künstlerkreis Kaleidoskop, mit seinem Ablauf, wie geschaffen: Ein gemütlicher Gast- und Bühnenraum lädt zwischen 18 Uhr und 20 Uhr zum Essen, zu Austausch und Kontakten und danach, bei freiem Eintritt, zu einem stets breit gefächerten Kulturprogramm. Zugleich hoffe ich, das Kaleidoskop mit etwas PR unterstützen zu können und damit ein wenig von dem zurück zu geben, was es mir vermittelt hat, und das auf dem Weg aller Kunstschaffenden sowie für ein besseres Kunstverständnis seitens des Kulturpublikums unbezahlbar ist: Informative Schlüssellochperspektiven auf den Kosmos von Kunst und Kultur.

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Csaba Gal, Dez. 2015; Foto: Stießberger

Foto: Stießberger

Der nächste Termin ist am Montag, 7. März 16.(KaleidoskopAbende finden immer am 1. Montag des Monats statt)

Mitwirkende:  
Erika Stadler , Liedermacherin
Schorsch Hampel, Bluespoet
Rick Baltes, Liedermacher
Jan-Eike Hornauer, Textzüchter
Helmut Eckl, Münchner Turmschreiber (Poetentaler), Mundartdichter, Satiriker

Durch den Kaleidoskop-Abend führt, wie immer, der Chansonpoet und Conférencier Csaba Gal.

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„Steh auf gegen Hass und Gewalt“ – Eindrücke von der Kundgebung des Münchner Forums für Islam

„Steh auf gegen Hass und Gewalt!“ lautete das Motto der Kundgebung, zu dem das MFI – Münchner Forum für Islam​ am heutigen Freitag geladen hatte. Diesem Aufruf sind viele von uns Münchnerinnen und Münchnern an diesem verregneten Spätnachmittag an den Geschwister-Scholl-Platz gefolgt, der historisch einen stimmigen Veranstaltungsort abgab. Sind doch heute wieder  Wachsamkeit und Haltung gefordert, gegenüber den Ungeistern unserer Zeit.

Plakat zur Kundgebung; Münchner Forum für Islam

Das Motto zur Kundgebung des Münchner Forums für Islam

Dass sowohl von den Kirchen, wie auch von den unterschiedlichen muslemischen Gemeinden sowie von der jüdischen Gemeinde Beth Shalom und der Stadt München Vertreterinnen und Vertreter Ansprachen hielten, wirkte ziemlich wie Balsam auf meine in der letzten Zeit doch sehr gebeutelten Seele. Schließlich kann ich als einzelne Bürgerin  nicht viel bewegen, höchstens durch Blogbeiträge und Teilnahme an Kundgebungen einen winzigen Klecks Farbe bekennen. Jedoch die von uns gewählten und durchweg hochgeschätzten Vertreterinnen von Stadt und Geistlichkeit sind in der machtvollen Position, uns allen eine kraftvolle Stimme zu verleihen. Und das haben sie heute getan – und sie haben es wirklich gut getan, mit ebenso deutlichen wie berührend menschlichen Worten. Kein Wunder also, dass die Menschenmenge vor dem Podium gute zwei Stunden im strömenden Regen ausgeharrt hat. Unter den Teilnehmern vor und auf dem Podium erspähte ich viele vertraute Gesichter. Hinter mir stand ganz alleine Konstantin Wecker. Er, eine der moralischen Instanzen unserer Stadt, durfte nicht fehlen …

Unter den Rednern befand sich auch der EKD Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Unter den Rednern befand sich auch der EKD Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Wie Alt-OB Christian Ude​ zu recht bemerkte, gebührt dem MFI unser aller Dank, dass es Initiative ergriffen und sich an die Spitze dieser Aktion gesetzt und damit das wahre Gesicht des Islam gezeigt hat. Dieser Islam ist für mich nicht nur Teil unserer Gesellschaft sondern auch Chance und Bereicherung für sie.

So schrecklich der Terror des IS auch sein mag und so groß auch die Belastung, vor die uns die vielen Flüchtlinge stellen, so sehr scheinen die gegenwärtigen Herausforderungen diejenigen unter uns stärker zu vereinen, die für Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Frieden und Toleranz stehen möchten. Ich jedenfalls fühle mich heute Abend nicht mehr gar so hilflos und verloren in dieser ein Stück weit aus dem Ruder laufenden Welt …

Weitere Details finden sich in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung.

Nachstehend nochmals die Liste der Rednerinnen und Redner:

• Anmoderation: Gönül Yerli, 1. Stellvertretende Vorsitzende des MFI
• Koranrezitation: Imam Abdulvehab Vehabovic, Imam der „Hidaje“ Moschee in München – Übersetzung: Imam Fikret Fazlic, Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg
• Imam Benjamin Idriz, Vorsitzender des MFI
• Alt-Oberbürgermeister Christian Ude, Kuratoriumsvorsitzender des MFI
• Musikbeitrag von Hülya Kandemir – muslimische Künstlerin
• Sokol Lamaj, Vorsitzender Muslimrat München
• Selveta Bibic, Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD)
• Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Evangelisch-lutherische Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland
• Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg, Erzbischöfliches Ordinariat
• Delila Durmic – muslimische Schülerin aus Ottobrunn
• Dr. Jan Mühlstein (Liberale Jüdische Gemeinde Beth Shalom)
• Erzpriester Apostolos Malamoussis (Griechisch-orthodoxe Gemeinde)
• Stadtrat Marian Offman, CSU-Stadtratsfraktion
• Poetry Slam von Youssef Adlah von i-slam München

Außerdem Beisitzende auf dem Podium: Barbara Kittelberger, evangelische Stadtdekanin

Der geplante anschließende Schweigemarsch wurde wegen des Regens abgesagt.


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Euros nach Athen tragen ..? Wolfgang Bosbach im Pressegespräch zu Griechenland

Ziemlich zu Anfang des heutigen Pressegesprächs mit Wolfgang Bosbach gab PresseClub Vize Peter Schmalz das Wortspiel „Euros nach Athen tragen“ statt der berühmten „Eulen“ zum besten. Und ja, nach den Ausführungen von Wolfgang Bosbach wird uns das Griechenland-Debakel noch viele Euros kosten, egal ob nun ein Grexit folgt oder neue Verhandlungen zu weiteren Hilfspaketen für Griechenland führen werden.

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Wolfgang Bosbach und PresseClub Vize Peter Schmalz vor dem Eingang des PresseClubs vis à vis vom Münchner Rathaus; Foto: Johann Schwepfinger

Was mich schon jetzt bedrückt, ist der offensichtliche Abgesang des Europäischen Gedanken, mit dem ich, als Tochter eines Wissenschaftlers bei EURATOM und Schülerin der Europäischen Schule Varese/Italien, aufgewachsen bin. Für mich beinhaltete der Europäische Gedanke stets auch und vor allem Europäische Solidarität, ein Miteinanander von der Schulbank an, die wir gemeinsam mit den MitschülerInnen der anderen EU-Staaten teilten. Ich wurde mit Kinder aus Nationen zusammen eingeschult, mit denen wir uns noch etwas über 20 Jahre zuvor im Kriegszustand befunden hatten. Nun aber teilte ich 12 Jahren lang meine Gedanken mit anderen in mehreren Sprachen gleichzeitig, jeweils die Formulierung in der Sprache benützend, die am besten traf, ob nun Italienisch oder Deutsch, Französisch oder später Englisch. Und selbstverständlich beinhaltet diese Erfahrung für mich bis heute auch das Gefühl einer EUROPÄISCHEN SOLIDARITÄT. Dem entspricht für mich auch nachstehendes Zitat von Konstantin Wecker.

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In den letzten Tagen habe ich mich mit Zahlen und Prozentsätzen pro und Kontra konfrontiert gesehen und weiß inzwischen gar nicht mehr, was oder wem man als Normalbürger überhaupt Glauben schenken soll. Da wird gegen das griechische „Basta“ gegenüber weiterer Sparmaßnahmen angeführt, andere Länder, wie Spanien wären solchen Reform-Diktaten ja schließlich auch nach gekommen. Und wo käme man dahin, jetzt den Griechen bessere Konditionen einzuräumen! „Ja, aber“, kontert gestern bei Günther Jauch die Wirtschaftsjournalistin der TAZ, „Spanien sei schließlich auch ein Haushaltsdefizit von 6 % zugestanden worden“.

unnamed (2)Dem wiederum widerspricht heute Bosbach. Portugal und Spanien hätten sehr wohl ihre Hausaufgaben gemacht. Und – sinngemäß: Wohin würde es führen, wenn neue Regierungen sich einfach nicht an gültige Verträge von Vorgänger-Regierungen halten würden? Zweifellos ein Punkt, der aber postwendend von anderer Seite wieder relativiert wird, zum Beispiel von Gregor Gysi in seiner jüngsten Bundestagsrede:

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/07/01/sehr-starke-rede-zur-griechen-tragoede-gysi-entzaubert-die-selbstgefaellige-kanzlerin/

Deutschland und Frankreich hätten seinerzeit auch folgenlos den Stabilitätspakt gebrochen, warum jetzt Griechenland mit anderen Maßstäben messen? Hier ließe sich einwenden, dass dies auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit ist. Griechenland will ja schließlich ein Haufen neues Geld. Aber halt, wurde uns nicht immer versichert, Deutschland z. B. hafte ja nur, zahle aber nicht tatsächlich  – oder zumindest jetzt nicht und wahrscheinlich nicht, ohne Hilfspaket aber bestimmt ..?

Alle bisherigen Hilfspakete seien nicht dem griechischen Volk sondern den griechischen Banken zugute gekommen und letztlich profitiere gerade Deutschland von der momentanen Situation in Griechenland, geben viele Stimmen zu bedenken. Andere Stimmen, so auch heute Wolfgang Bosbach, halten dagegen: Nur ein Drittel der Gelder sei in Wirklichkeit den Banken zugute gekommen.

Die griechische Regierung habe mit Abbruch der Verhandlung und das griechische Volk mit seinem gestrigen Votum selbst alle Brücken abgerissen, echot es von vielen Seiten der Politik, inklusive Vertretern meiner eigenen Partei, der SPD. Man sei den Griechen schließlich über alle Massen entgegengekommen.

„Stimmt nicht“, hält Monitor in einem Beitrag dagegen:

http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/irre-griechen-100.html

Auch Günther Jauch bezieht sich gestern Abend auf ein als „geheim“ eingestuftes Dokument, das belegt, welche Härten in Wirklichkeit von Griechenland gefordert worden waren. Als ich gestern davon Kenntnis erhielt – jeweils einem Passus wurde eine gegenteilige Äußerung von Kanzlerin und Co. gegenüber gestellt – war ich geschockt. Sollte diese Information zutreffen, dieses Papier existieren, wären wir Bürger wieder einmal gehörig desinformiert worden. Günther Jauch konfronierte den CDU-Gast gestern Abend damit, dieser wich aber aus, und Jauch versäumte leider, nachzuhaken. WARUM?

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Einen Tag nach dem Griechenland-Referendum „full house“ im PresseClub München; in Reihe 1 Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in Reihe 3, Mitte, pink gewandet, Gaby dos Santos; Foto: Johann Schwepfinger

Also habe ich heute Wolfgang Bosbach auf die Beiträge in Monitor und „Günther Jauch“ angesprochen.

Aktualisierung vom 7.7.15: [Inzwischen hat Intermedia (Ungarn Panorama) Bosbachs erste Antwort auf meine Frage ins Netz gestellt, unter dem Titel:

Wolfgang Bosbach erzählt lustige Geschichten im PresseClub München
Ausschnitt aus „Wolfgang Bosbach im PresseClub München!
http://youtu.be/8uDiLUwozJg

Es war eine charmante Ausführung, doch ich empfand meine Frage als nicht wirklich beantwortet und hakte nochmals nach]

Er versicherte mir nun, dass er von einem solchen Paper keinerlei Kenntnis habe. Ja, bitte, was soll ich denn nun glauben?

Jenseits aller Zahlen: Ist es nicht verständlich, wenn ein Volk, das über einen Zeitraum von fünf Jahren in die humanitäre Katastrophe gespart worden ist, irgendwann sagt: „Wir können und wollen nicht mehr?“  Die vehemente Reaktion von Sigmar Gabriel, als Vorsitzender der SOZIALDEMOKRATISCHEN!? Partei Deutschlands und auch die von Martin Schulz haben mich enttäuscht. Herrscht hier vielleicht Verärgerung darüber, was die sich so alles trauen, die Griechen, statt zu tun, was man ihnen sagt, für „ihr“ Geld? Von deren Regierung mag man halten, was man will, gewählt worden ist sie demokratisch und aus der selben Verzweiflung heraus, aus der in Spanien jetzt „Podemus“ im Aufwind ist.

Sicher, das Auftreten des griechischen Finanzministers & Co. war in den letzten Tagen und Wochen schlichtweg unverschämt und der Sache alles andere als förderlich. ABER: Berechtigt das uns, in solch herablassender Art und Weise Griechenland gegenüber zu treten, wie es immer wieder, nicht zuletzt auch heute punktuell im PresseClub der Fall war? Da verglich jemand die Griechen tatsächlich mit Kindern oder Schülern, denen man den richtigen Weg weisen müsse, weil sie ganz offensichtlich dazu selbst außerstande wären. Sicher ist in Griechenland viel schief gelaufen, das kam heute sehr deutlich seitens Bosbach nochmals zur Sprache. Aber – so schwer es fällt – deshalb kann man nicht einen Staat verbal – und am liebsten auch faktisch? – entmündigen, erst recht nicht als Bürger eines Staates, der wohl eher zu den Nutznießern der jetzigen Situation in Griechenland zählt.

Im übrigen hätte man vorher besser überlegen sollen, wen man sich ins EU-Boot holt und damit meine ich nicht nur Griechenland. Ökonomische Erwägungen, so mein Fazit, nicht zuletzt nach den heutigen Ausführungen von Bosbach, haben zu einem wenig wünschenswerten Aufblähen der EU geführt. Bis hin zu einer Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone, die ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Dieses Land war seinerzeit (noch) nicht Euro-fähig. Da hat wohl wer gierig gepokert … Denn ganz gleich, wie sehr die Griechen seinerzeit ihre Bilanzen auch geschönt haben mögen, was ich gar nicht in Abrede stelle, so hat man auf der anderen Seite auch recht willig weg gesehen, aus eben jenem ökonomischem Kalkül heraus, das sich jetzt als Bumerang-Effekt erweist.

Ist dieses Europa dann aber nicht eine Totgeburt? Macht Europa überhaupt noch Sinn? Das habe ich heute Wolfgang Bosbach ebenfalls gefragt. Er meinte, dass „Ja“,  sonst drohe den einzelnen Nationen angesichts von Märkten wie in China und USA eine fatale Marginalisierung.“ Da ist sie schon wieder, diese verdammt vernünftige Argumentation, der sich kaum widersprechen lässt, außer vielleicht mit der Erkenntnis, dass sich wohl kaum eine von Kalkül diktierte Einigkeit dauerhaft halten lässt, die nicht von einer entsprechend solidarischen Haltung mitgetragen wird. Von jedem einzelnen Bürger der EU. So betrachtet, droht Europa (vorerst) zu scheitern. Pelz waschen ohne sich nass zu machen funktioniert nun einmal nicht.

Gespannt bin ich nun auf die die zweite – ebenfalls öffentliche – Veranstaltung bei freiem Eintritt diese Woche, über die ich ebenfalls berichten werde. Die Gravelottestr. befindet sich zwischen Ostbahnhof und Pariser PlatzChristian_Ude_Griechenland_SPD-Haidhausen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

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Nur ein Klassentreffen der Mächtigen? Stimmen und Gedanken zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015

Arnie Schwarzenegger kommt auch …“ hatte letzte Woche bei der Pressekonferenz sinngemäß Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, angekündigt. „Aha – und was will er da reden?“ fragte sich die Zuhörerschaft im Presseclub. „Hasta la vista, baby“ rief einer der anwesenden Journalisten, was mit allgemeinem Gelächter quittiert wurde. Makabre Fußnote eigentlich, angesichts der derzeit angespannten weltpolitischen Lage.

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Oliver Rolofs, der Pressesprecher sowie der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, präsentieren die MSC 2015. Ganz rechts Peter Schmalz, stellvertretender Vorsitzender PresseClub München

Entsprechend werden die „zentralen Themen der 51. Münchner Sicherheitskonferenz (…) der Zerfall der internationalen Ordnung, die Zukunft der europäischen Sicherheitsarchitektur angesichts der Ukraine-Krise, die dramatische Situation der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt und die sich verschärfende Lage im Nahen und Mittleren Osten sein …“  hieß es im Presse-Info.

„Vom 6. bis 8. Februar wird München zur Hochsicherheitszone: Über 400 hochkarätige Regierungsmitglieder, darunter 20 Präsidenten und Regierungschefs, 60 Verteidigungsminister ringen um den äußerst bedrohten Frieden. ‚Wenn man jemals eine Begründung für das Veranstalten der Sicherheitskonferenz hätte suchen müssen, in diesem Jahr braucht es keine Begründung. Diese Konferenz ist notweniger denn je!‘ so Ischinger (…)“, postete anschließend der Münchner Autor Dr. Werner Siegert.

Andere MitbürgerInnen verbinden mit dieser jährlichen Veranstaltung allerdings keineswegs friedensbildende Maßnahmen sondern eine Art „Klassentreffen der Mächtigen“. So postet heute Konstantin Wecker auf Facebook: „Liebe Freunde, auf der sogenannten Sicherheitskonferenz (SIKO) in München geht es – entgegen der Selbstdarstellung der Veranstalter – weder um Sicherheit noch um Frieden auf dem Globus.

Die SIKO ist eine Versammlung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Machteliten vor allem aus den NATO- und EU-Staaten, die sich über Strategien zur Aufrechterhaltung ihrer globalen Vorherrschaft und über gemeinsame Militärinterventionen verständigen. 

Aktiv_gegen_Muenchner_Sicherheitskonferenz_Konstantin_Wecker_jourfixe-blog_Gaby_dos_SantosVor allem aber ist die SIKO ein medienwirksames Propaganda-Forum zur Rechtfertigung der NATO, ihrer Milliarden-Rüstungsausgaben und ihrer auf Lügen aufgebauten völkerrechtswidrigen Kriegseinsätze, die der Bevölkerung als „humanitäre Interventionen“ verkauft werden.

Je mehr sich die Krisen des neoliberalen Kapitalismus häufen, desto brutaler werden die Profitinteressen von Konzernen, Banken und der Rüstungsindustrie durchgesetzt – ökonomisch mit dem geplanten Transatlantischen Freihandelsabkommen EU/USA (TTIP) – und nicht zuletzt auch mit militärischer Gewalt.

Kommt zur Demonstration in München, am Samstag, 7. Februar 2015 um 13 Uhr, Marienplatz. Ich werde – als bekennender Pazifist – mit meinen Freunden Jo Barnikel, Werner Schneyder und Heinz Ratz von Strom &Wasser jedenfalls dabei sein und demonstrieren und ab 15 Uhr – so lang es uns die Kälte erlaubt -auch musizieren.

Soweit der heutige Post von Konstantin Wecker, der mich enttäuscht hat, gerade weil Konstantin Wecker für mich eine moralische Instanz darstellt, denn er ist seinen Überzeugungen stets treu geblieben, selbst dann noch, als die Bürgerproteste zeitweise „out“ und in einen allgemeinen Dornröschenschlaf gefallen waren, in den Jahren vor TTIP, Pegida, Monsanto & Co. Weckers Stimme blieb eine der wenigen in unserer Gesellschaft, die unverdrossen eine bessere Welt anmahnte und anmahnt, die Missstände anprangert und uns für den Moment eines Posts oder eines Songs aus dem Phlegma des alltäglichen Trottes reißt. Wer aber seine Stimme erhebt, wissend, dass sie vielfach Gehör finden wird, trägt meiner Meinung nach auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit: Zu sachlich differenzierter und fairer Argumentation. Diese habe ich im heutigen Post vermisst und erst recht im weiteren Verlauf des Beitrags, der sich auf der Startseite nachstehender Homepage befindet und aus dem Weckers Post zitiert:

http://sicherheitskonferenz.de/de/Aufruf-SiKo-Proteste-2015

Hier findet sich auch nachfolgendes Statement: Wir erklären den selbsternannten „Weltherrschern“, die zur SIKO nach München kommen und den Regierungschefs beim G7-Gipfel im Juni 2015 in Elmau: Ihr seid hier und überall auf der Welt unerwünscht.“

Oh-Ha! Diese Stilistik der Schlagwörter gefällt mir nicht, da ich sie als unsachlich empfinde und somit als wenig hilfreich, gerade wenn es darum gehen soll, den aufgeführten und ja tatsächlich auch vorhandenen weltweiten Missständen etwas entgegen zu setzen.  Abgesehen davon, dass besagte „selbsternannte ‚Weltherrscher‘ “ seinerzeit doch wohl von der Mehrheit ihrer Bürger gewählt worden sind?Im Übrigen werden auch VertreterInnen von Amnesty International und Green Peace sowie auch wieder VertreterInnen der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V. an der Konferenz teilnehmen. Letztere Initiative verteilte im Vorfeld der Pressekonferenz ihre Projektzeitung, in der sie sich durchaus kritisch zur Sicherheitskonferenz äußert, aber:

Unser Weg heißt Gewaltfreiheit und Dialog. Wir geben Impulse und suchen das Gespräch mit den Veranstaltern, Förderern und Teilnehmern der Sicherheitskonferenz sowie der interessierten Öffentlichkeit. (…)
Unsere Organisation: Die Projektgruppe wird finanziell gefördert durch die Pax-Christi Bistumsstelle der Erzdiözese München und Freising und arbeitet bei Einzelveranstaltungen mit der Petra-Kelly-Stiftung zusammen. Ferner kooperieren wir mit der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik und dem Regionalforum ZFD Südbayern und arbeiten im Trägerkreis der Internationalen Münchner Friedenskonferenz mit.
Wir und die Anderen: Die verschiedenen Aktionsformen der Münchner Friedensbewegung – Demonstrationen, Friedenskonferenz, Friedensgebet, Dialog – sehen wir als sich ergänzende Säulen, die die kritische Auseinandersetzung mit der derzeitigen Sicherheitskonferenz tragen. (Quelle: Wir über uns/Projektzeitung „Gewaltfrei MSK verändern“ Nr. 10 – Februar 2015)
Hierzu siehe auch:

http://friedenskonferenz.info/

 

In der Projektzeitung findet sich ein Beitrag von Ruth Aigner (auch Beobachterin bei der diesjährigen MSC), den ich für so informativ halte, dass ich ihn an dieser Stelle in großen Teilen wiedergeben möchte:

Titel: „Bedrohliche, internationale Unsicherheit“ – Chance zur Veränderung!?“ Gespräch der Projektgruppe mit Botschafter Ischinger am 12. Januar 2015″
Text: „Eine beeindruckende Mischung aus vorsichtiger Vertrautheit und professioneller Diplomatie lag in der Luft, als Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, und die Projektgruppe ‚Münchner Sicherheitskonferenz verändern‘ e.V. am 12. Januar 2015 bereits zum 10. Mal zu einem Gespräch zusammenkamen.

Es wurde ein bewegter Austausch über Grundasatz- und organisatorische Fragen sowie über aktuellste politische Herausforderungen. Auch die Konferenzbeobachter von 2014 brachten ihre kritischen Hinweise nachdrücklich ein. (…) als ein zentrales Anliegen der Gruppe bleibe: Um den unmenschlichen Kreislauf der Kriegs-Drohungs-Spirale zu entkommen, müssten Themen wie Abrüstung, das Verbot von Waffengebrauch, -produktion und -lieferungen und das Aufzeigen alternativer Konfliktbearbeitungsformen ein zentrales Thema auf jedem internationalen, sicherheitspolitischen Forum wie dem der MSK sein! Der Konferenzleiter stimmte der Aussage prinzipiell durchaus zu und kündigte an, dass in der OSZE-Expertengruppe gerade die Frage der Rüstungsreduzierung eine zentrale Rolle spielen solle. Auch eine Öffnung der MSK gegenüber Vertretern alternativer Sicherheitskonzepte solle schrittweise stattfinden, versprach Ischinger und nannte renommierte NGOs, die zur MSK 2015 eingeladen werden (z.B. Amnesty International, Human Rights Watch, Greenpeace …). Gleichzeitig aber erinnerte er auch deutlich an den Konferenzrahmen und das Kernthema der ‚militärischen Sicherheit‘, verbunden mit den spezifischen Erwartungen der Gäste. Als gute Möglichkeit über dieses Hauptthema und -publikum hinaus zu kommen sehe er die vielen Side-Events – z.B. auch das, welches MSKv und das forum ZFD zur Flüchtlingssituation im Libanon gestalten! Hoffen lässt jedenfalls sein Angebot, sich mit der Projektgruppe MSKv wieder zu einem intensiveren Dialog zu treffen, wenn die Agenda der OSZE-Expertengruppe ausgereifter sei (…)“ 

Den Inhalt dieses Beitrags finde ich spannend und auch vielversprechend. Leider habe ich bislang den Ansprechpartner dieser Projektgruppe noch nicht erreicht, werde das Thema aber weiter verfolgen.

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Wolfgang Ischinger präsentiert im PresseClub den neuen „Munich Security Report“, der ab sofort alljährlich die MSC begleiten wird und als Download allgemein zugänglich ist

Gesprächsbereitschaft auch gegenüber den Demonstranten äußerte Wolfgang Ischinger ebenfalls bei der Pressekonferenz letzte Woche. Ich finde, man sollte ihn unbedingt einmal beim Wort nehmen! Darüber hinaus begleitet ab sofort eine jährliche Broschüre, der Munich Security Report (MSR) die Konferenz. In dieser finden sich Berichte und Einschätzungen zu den jeweils aktuellen sicherheitspolitischen Fragen. Dieser Report ist auch als Download erhältlich.

 

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Bundeswehr General Johann Berger stellte sich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Reihe“ zu einer Diskussion zur Verfügung, die nie stattfand …

Mit der schlichten Bekundung: „Ich bin Pazifist“ macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach in unserer komplexen Welt – und betreibt ein Stück weit selbstgerechtes „Gutmenschentum“ auf Kosten derer, die uns diese Pose, zum Teil unter Einsatz ihres Lebens, überhaupt ermöglichen; die Soldaten und Soldatinnen, von denen ich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Produktion“ eine ganze Reihe kennen gelernt habe und zwar nicht als tumbe Tötungsmaschinen, sondern als engagierte und durchaus nachdenkliche junge Männer und Frauen. Um einen Dialog zwischen uns ZivilistInnen/PazifistInnen und der Bundeswehr, im Rahmen meiner damaligen Veranstaltungsreihe zu eröffnen, lud ich auch den Bundeswehr-General Johann Berger zu einem Vortrag über „internationale Sicherheitspolitik“ ein. Leider fand sich aber kein einziger Gast ein, der seine anti-militärische Haltung als Gegengewicht in die Waagschale geworfen hätte! In einem späteren Gespräch führte eine Freundin dann das ebenso bekannte wie abgenutzte Motto an: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Schön wäre das ja – und ich wäre auch gern Astronaut geworden 😉 , doch durchführbar wird es erst dann sein, wenn auch die letzten „Schwerter zu Pflugscharen“ geworden sind … Und bis dahin – so meine Meinung – sollte man nicht jede militärische Sicherheitsmassnahme gleich in Bausch und Bogen verteufeln, sondern von Fall zu Fall genau hinschauen, was, wann und wofür militärisch vorgegangen wird und dann Fall bezogen, wo nötig, die Stimme erheben. Aber bitte nicht das eigentliche Anliegen durch Worthülsen wider das gesammelte Unrecht der ganzen Welt verwässern!

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Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, zwischen Wolfgang Ischinger und Peter Schmalz auf der Pressekonferenz zur MSC 2015

Zurück zur Sicherheitskonferenz: Natürlich nutzen die Teilnehmer das Podium um sich dort im Sinne ihrer Anliegen zu profilieren. Das ist hier nicht anders als bei vielen salbungsvollen Reden im Verlauf von Preisverleihungen, Kulturempfängen und sonstiger Konferenzen. Dennoch lässt sich zwischen den Zeilen lesen, vorausgesetzt, man ist willens und zeitlich in der Lage (wieder dieses Zeitproblem!) sich die einzelnen Beiträge zu Gemüte zu führen. Im Anschluss ließen sich dann auch konkrete und damit wirkungsvolle Kundgebungen abhalten. Bei erster Durchsicht einiger auf der Homepage der MSC veröffentlichten Statements von Ursula von der Leyen und Nato-General Stoltenberg bin ich auf Punkte gestoßen, denen ich z. B. nicht zustimme. Wer sich ebenfalls selbst ein Bild machen möchte: Ein Blick auf die aufwändig gestaltete Homepage mit O-Tönen, Manuskripten einzelner Reden, Live-Streams und Hintergrund-Informationen lohnt in jedem Fall:

Unbestritten bleibt für mich, dass jeder Einsatz von Gewalt, auch wenn er aus humanitären Gründen noch so unvermeidbar ist, immer das schreckliche Zeichen menschlichen und diplomatischen Versagens darstellt. Mit diesem Zwiespalt müssen wir leider leben – noch. Und uns weiter schrittweise einen Weg in eine bessere Welt bahnen, jeder auf seine Weise, mit gegenseitiger Offenheit und Toleranz gegenüber anderweitigen Bemühungen. Wie wollen wir sonst den globalen Frieden erreichen, wenn wir schon an der Gesprächs- und Streitkultur scheitern.

Abschließen möchte ich meinen heutigen Beitrag mit einem Zitat des verstorbenen Vorstandmitglieds der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V., Sepp Rottmayr, ebenfalls veröffentlicht in der aktuellen Projektzeitung. Es sind Worte, die mir in ihrer schlichten Wahrheit sehr nahe gehen, auch wenn ich bezweifle, dass sich die Sicherheitskonferenz in allzu naher Zeit den Begriff „Sicherheit“ durch den Begriff „Frieden“ wird ersetzen lassen wollen. Dazu fühlen sich noch zu viele Menschen zu un-sicher  …

„Ein Rüstungsbasar ist sie (die MSC) sicher heute nicht mehr. Eine Konferenz für militärisch ausgerichtete Sicherheitspolitik, so wie man Sicherheit in der Politik heute noch weitgehend versteht, ist sie bestimmt. Eine Friedenskonferenz aber – das muss sie erst werden, da muss sie sich verändern. Das ist nicht leicht. Aber, und jetzt passt mein Schlusswort das nicht von mir stammt, sondern von Herman Hesse:

‚Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden …‘ (Sepp Rottmayr)

 

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Die Fotos von der Pressekonferenz wurden mir freundlicherweise von Herrn Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama“ überlassen.

 

Ein Verzeichnis weiterer Blog-Beiträge findet sich unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

 

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Gedanken zum geDENKEN … Bilder des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am 31.7. in St. Johann-Baptist

Seit Ende Juli ist die Gedenkzeit definitiv über uns herein gebrochen und hat dem Komponisten Jon Michael Winkler und mir u. a. den Auftrag zu einer jourfixe-Collage eingebracht – und ja, wie die Bilder und das Feedback zeigen, war es ein berührender ökumenischer Gottesdienst. Für mich jedoch mit einem dicken fetten „ABER“ verbunden …

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Bild-Montage aus der jourfixe-Collage „100 Jahre nach Kriegsausbruch“

Wo stehen wir denn eigentlich geistig und moralisch 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie weit klopfen wir heutzutage Meldungen auf mögliche propagandistische Inhalte ab? Wie weit hinterfragen wir politische Handlungen bzgl. möglicher verborgener Interessen? Wie weit sind unsere eigenen politischen Stellungnahmen noch tolerant, gemäßigt in der Diktion und zuverlässig recherchiert? Oder neigen wir wieder einmal zum propagandistisch gesteuerten Blick durch Zeitgeist-Brillen, wie vor 100 Jahren?

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Noch während ich an meiner Collage zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, zog draußen auf der Rosenheimer Straße ein Pulk Demonstranten vorbei und skandierte „Wir werden siegen“. In diesem Falle gegen Israel. Ohne in irgendeiner Form parteiisch sein zu wollen – mir geht ebenso das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung sehr, sehr nahe – erinnerten mich  diese Rufe auf bedrückende Weise mit der Siegeszuversicht von 1914. „Wir werden siegen! Das ist bei solch kraftvollen Willen zum Sieg gar nicht anders möglich.“ schreibt ein deutscher Soldat im August 1914 an seine Familie. Im September 1914 ist er tot.

„Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Russ!“ wurde damals als Losung verbreitet. Und vieles mehr, denn dem eigentlichen Krieg mit seinen tatsächlichen tödlichen Wunden eilte ein propagandistischer Kampf voraus, gesteuert von den Interessen und/oder Ängsten einiger weniger Männer.

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Weiteres Bild aus der Collage von Gaby dos Santos und Jon M. Winkler (Musik) zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs

In seinem Buch „Europa 1914“ äußert der Publizist Emil Ludwig rückblickend: „Europa Anfang August 1914. Lüge und Leichtsinn, Leidenschaft und Furcht von 30 Diplomaten, Fürsten und Generälen werden friedliche Millionen vier Jahre lang in Mörder, Räuber und Brandstifter aus Staatsräson verwandelt werden, um am Ende den Erdteil verroht, verseucht, verarmt zurückzulassen.“

Und heutzutage? Hocken wir nicht wieder auf einem Pulverfass? Vielleicht, weil der letzte Krieg schon zu lange zurück liegt, um die heutige Generation in dem Ausmaß abzuschrecken, wie unsere Eltern und Großeltern? Kommt ein neuer Kalter oder gar Heißer Krieg auf uns zu? Weil EU und NATO Russland – übrigens entgegen der Absprachen in Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung – immer mehr „auf den Pelz rücken“? Ich bin gewiss kein Fan von selbstherrlich regierenden Alpha-Männchen, egal welcher Couleur oder Nationalität. Dass sich aber gerade die USA so scheinheilig empört, weil Putin sich durch die Krim strategisch gegen eine mögliche Nato-Ausbreitung in der Ukraine abgesichert hat, leuchtet mir  ein. Und egal wie ich emotional zu diesem Schritt stehe, die USA, die sich seit jeher mit allen legalen und durchaus auch grenzwertigen bis illegalen Mitteln ihren Einfluss-Bereich weltweit vergrößert und gefestigt hat, sollte von ihren verbalen Provokationen Abstand nehmen. Allen voran Mr. Yes-We-Can-Lichtgestalt und Friedensnobelpreis-Träger! Zumal die Art der Diktion für einen Frieden sichernden Dialog alles andere als hilfreich ist. Deeskalation sieht anders aus, ein ziviler weltpolitischer Umgang auch!

Collage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden

Bildcollage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden (Quelle: jourfixe-Collage zum 31.7.2014)

Und Putin – ohne schlüssige Beweise – für den Absturz der malaysischen Passagiermaschine persönlich verantwortlich zu machen, ist anti-russische Propaganda auf niedrigstem Niveau. Wie kommt eine für den unverzichtbaren investigativen Journalismus einst so gelobte Zeitung wie der „Spiegel“ zu einem Titelblatt, wie dem von dieser Woche, welches die Bilder toter Passagiere direkt mit Putin in Verbindung bringt, noch dazu bevor die Untersuchungen überhaupt abgeschlossen sind? Erinnert mich sehr an Saddam Husseins angebliche Giftwaffen, Grund für einen Krieg, der die ganze Gegend destabilisiert hat und an dessen Spätfolgen (z.B. ISIS) die Welt noch heute zu leiden hat. Und doch scheint mir die EU auf bedauernswerte Weise wieder am Rockzipfel der USA zu hängen, und ich frage mich, wieso eigentlich in diesem Ausmaß?

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der jourfixe-Produktion zum 31.7.)

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der Produktion zum 31.7.)

Und welchen Sinn hat dieses ganze Hin und Her der Sanktionen? Sie treffen die Bevölkerung und nicht die Machthabenden bei deren Muskelspielchen.  Außerdem bin ich darüber entsetzt, wie Joachim Gauck, ehemals mein Wunschpräsident, als Präsident eines Volkes mit unserer Vergangenheit UND seiner als ehemaliger Pfarrer, sich für eine weitreichendere militärische Beteiligung Deutschlands im internationalen Kräftemessen aussprechen kann. Natürlich geht es manchmal darum, sich und Schwächere zu schützen. „Feindesliebe“ allein löst daher leider bei weitem (noch) nicht alle Probleme der Menschheit, Gaucks Reden jedoch sprengen für meinen Geschmack allzu oft die Grenzen der Verhältnismäßigkeit im Sinne einer Erweiterung der Rolle Deutschlands im globalen Machtpoker. Dabei hatte Deutschland nach dem Krieg die einzigartige Chance einer ausschließlich defensiven Rolle. Ob sich diese wirklich auf Dauer hätte halten lassen, weiß ich nicht. Aber dass sie zu leichtfertig Schröders und Fischers Alpha-Denken geopfert wurde, steht für mich fest. Die Büchse der Pandora steht nun auch für unser Volk weit offen.

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Die zerstörte Christus-Figur von Neuve-Chapelle wacht heute über einem Grabmal des unbekannten Soldaten in Portugal

„Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat keine Macht über den Tag des Todes, und keiner bleibt verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen nicht. (Prediger 8,8)

So nachzulesen bereits in der Bibel und so geschehen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. 1914 stellte Österreich Serbien ein in weiten Teilen unakzeptables Ultimatum, um durch einen Krieg den Erhalt der K&K-Monarchie zu sichern. Wilhelm II., politisch ansonsten isoliert und von Großmachtsträumen beflügelt, stellte sich Österreich zur Seite, in einem Krieg, der nicht nur Millionen Menschen das Leben kosten sollte, sondern auch das Ende von drei Kaisereichen bedeutete.

„… Keiner bleibt verschont im Krieg“, zum bitteren Ende hin nicht einmal mehr die Mächtigen, wenn es auch zunächst das (Fuß)Volk ist, welches geopfert wird.

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In meiner Weltkriegs-Collage äußere ich an einer Stelle: „Heute ehren wir die Toten, die wir gestern opferten!“ Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir keine Grundsteine für neue Gedenkstätten legen! Bitte lasst uns Nachrichten hinterfragen, Facebook-Äußerungen überdenken … Und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass es hier nicht um Entschlüsse auf Papier und verbale Auseinandersetzungen geht, sondern um Mitmenschen – seit dem 20. Jahrhundert. weltweit.

Hier in unserem bunten München bin ich seit Jahren durch Zusammenarbeit wie auch Freundschaften mit ukrainischen MitbürgerInnen wie mit russischen verbunden, mit MitbürgerInnen jüdischen wie moslemischen Glaubens, mit Bundeswehr-Angehörigen wie mit kompromisslosen Pazifisten, stehe mit einer Vielzahl von Konsulaten und internationalen Kulturinitiativen in bestem Einvernehmen. Ich empfinde mich als ihnen allen verbunden, wohl wissend, dass es für viele Konflikte so leicht keine salomonischen Lösungen wird geben können und es sich leicht (ver)urteilt aus der Perspektive Außenstehender. Viele Konflikte jedoch sind durch eine lange Historie und tiefe Emotionen beschwert. Hier braucht es Dialoge, nicht Hetzschriften und Parolen, auf der großen Weltbühne ebenso, wie unter uns BürgerInnen; Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen, gepaart mit gesunder Vorsicht gegenüber den Interessen derer, die man hierzulande  „Großkopfert“ nennt, Bei uns herrscht zwar Meinungsfreiheit, damit aber auch Propaganda-Freiheit …

Abschließend der Ausschnitt eines Postings von Konstantin Wecker: „Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Medien es geradezu darauf anlegen, die Situation weiter eskalieren zu lassen? Mit immer wieder auch gerne unbewiesenen Behauptungen und peinlich einseitiger Propaganda?
Wissen diese JournalistInnen eigentlich was sie tun?
WIR WOLLEN KEINEN KRIEG !
Und die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!
Nur zur Erinnerung:
„Nach Kriegsende sollte man die Kriegsliteraten einfangen und von den Kriegsinvaliden auspeitschen lassen“, schrieb Karl Kraus.
Man sollte dies den Kriegsliteraten täglich vor Augen halten.“
(Konstantin Wecker)

In der Regel sollen in meinen Beiträgen positive Aspekte im Vordergrund stehen und so will ich diesen Blog wenigstens positiv mit einigen Bildeindrücken aus dem Ökumenischen Gedenkgottesdienst ausklingen lassen.

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes - Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist - Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes – Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist – Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Quelle: MIR)

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten (Quelle: MIR)

Während des Gottesdienstes wurden Namen und Biografien gefallender Soldaten in den Landessprachen verlesen. Von links:
Toni Netzle (München-Haidhausen), Dimitra (Griechenland), Anne Marie de Jonghe (Flandern), Conny Prössl, Isabelle Gregorian (Frankreich) Tatjana Lukina (Russland), Vida Cvetic (Serbien)

Diese Momentaufnahmen wurden netterweise von Tatjana Lukina. der Leiterin des russischen Kulturzentrums MIR in München, zur Verfügung gestellt:

http://www.mir-ev.de/

Da ich durch diese Produktion in der letzten Zeit sehr eingespannt war, warten noch einige spannende Blog-Beiträge auf Sie. Ein Blick ab und an auf diese Seite lohnt also wieder 😉


http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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