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Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

Der Journalist und PR-Fachmann Terry Swartzberg hatte sich des Themas „Antisemitismus“ schon vor einigen Jahren angenommen: „Selbstversuch – Mit Kippa durch München„, titelte die SZ 2015, in einem Beitrag von Jakob Wetzel. Das Experiment sollte ein Jahr dauern, doch er trägt seine Kippa bis heute, besser gesagt, eine seiner über 80 Kippas, die er mir bei sich zu Hause vor einiger Zeit zeigte: Kippas von einer Vielfalt an Motiven, Farben und Materialien, wie ich sie nie vermutet hätte.

Terry Swartzberg, 2017

Inzwischen könnte ich mir Terry ohne eine Kippa schon gar nicht mehr vorstellen. Das Exemplar von Stunde Null seines Versuches befindet sich inzwischen im Haus der  Geschichte in Bonn.

Terry Swartzberg gehört der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München an und engagiert sich, neben seinen beruflichen Kampagnen, für das Gedenken an die Opfer des Holocaust. namentlich als Vorsitzender des Vereins Stolpersteine München. Seit 2017 ist er auch ein geschätztes  Vereinsmitglied  unserer Kulturplattform  jourfixe-muenchen.

Terry in seiner Küche mit der ehemaligen Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle, als Gastgeber bei einem Treffen der jourfixe-Mitglieder, Februar 2018

Nun hat Terry Swartzberg einen Offenen Brief an „alle Jüdinnen und Juden“ in Deutschland verfasst, der mich beeindruckt und in seiner Leidenschaftlichkeit auch bewegt hat, denn er differenziert in meinen Augen die aktuellen Ereignisse, Debatten und Reaktionen zum Antisemitismus in unserem Land, OHNE sie jedoch zu verharmlosen:

Terry Swartzberg

Liebe Mispacha!

Seit 1. Dezember 2012 – seit 1970 Tagen – trage ich eine Kippa in Deutschland.

Wahr ist, dass ich damit keine einzige negative Erfahrung damit gemacht habe. Ganz im Gegenteil: Egal, wo ich hingehe, sei es München, Zwickau oder Berlin-Neukölln, erlebe ich Zuspruch – wenn überhaupt etwas. Den meisten Menschen ist ein Jude mit Kippa überhaupt nicht bemerkenswert.

Und das ist gut so.

Wahr ist, dass neulich ein Mensch mit Kippa schändlichst in Berlin angegriffen wurde. Zur Tatzeit war ich Luftlinie 500 Meter von diesem bedauernswürdigen Mensch entfernt.

Als Jude, der in einem antisemitischen Land – den USA der 50. Jahre – aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener und bitterer Erfahrung, wie schrecklich sich Antisemitismus anfühlt – und welche seelischen Schmerzen er verursacht. Ich leide mit dem Opfer. Als Junge musste ich mich in Oshkosh, Wisconsin, oft mehrere Male am Tag mit Antisemiten prügeln. Wir Juden in Deutschland dürfen und werden keinen einzigen Übergriff tolerieren.

Wahr ist, dass es nicht der einzige Übergriff auf Juden war. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 32 antisemitische Übergriffe – bei schätzungsweise 300.000 hier lebenden Jüdinnen und Juden.

Wahr ist, dass 99.9% aller Jüdinnen und Juden in Deutschland nie in ihren Leben irgend eine Form von Anfeindung erleben.

Wahr ist auch, dass 16% der Deutschen virulent Antisemiten sind. Diese Zahl ist nicht zu relativieren. Es ist mir unverständlich, dass ein Sechstel der Bevölkerung mich hasst. Wahr ist aber auch, dass dieser erschreckende Prozentsatz der niedrigste auf der Welt ist.

Ebenfalls wahr ist, dass sich in Deutschland, seit Ende des 2. Weltkriegs, ein vielfältiges, schnell wachsendes und freudiges Judentum etabliert hat – bestehend aus mehr als 160 Gemeinden und aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Sozial-, Kultur, Freizeit bzw. Theologie-Einrichtungen und -Organisationen. Jüdische Jugendtreffen, Sommercamps, Wandervereine – die Liste ist lang.

Auch wahr ist, dass nirgends auf der Welt das jüdische Kultur so zelebriert wird wie in Deutschland. Man kann in Deutschland fast jeden Tag jüdische Kultur-, Film- oder Literaturtage besuchen. Darin spiegelt sich das große Interesse an der jüdischen Religion. Die Besuchergottesdienste in „meiner“ Gemeinde Beth Shalom München sind oft ausgebucht.

Auch wahr ist, dass es nirgendwo auf der Welt so viele Gruppen gibt, die sehr erfolgreich Brücken – durch Dialoge – zwischen den Religionen bauen.

Terry Swartzberg bei einer Verlegung von Stolpersteinen in München 2016, s. a. > jourfixe-Blogbeitrag

Auch wahr ist, dass kein anderes Land auf der Welt so eine vitale und sich schnell entwickelnde Erinnerungskultur wie Deutschland hat. Und dadurch ist Deutschland – die Brutstätte des Holocaust – das Land mit einer einmaligen Präsenz an jüdischer Geschichte geworden. Kern dieser Kultur und dieser Präsenz sind die Stolpersteine, von denen es mehr als 60.000 in 1.250 Städten und Gemeinden gibt. Durch die Stolpersteine sind „deutsche Städte zu begehbaren und dauerhaften Atlanten vom jüdischen Leben und Leid geworden“ sagt Professor Galit Noga-Banai von der Hebrew University in Jerusalem.

Auch wahr ist, dass diese wichtigen und zentralen Leistungen der vorbildlichen deutschen Zivilgesellschaft jetzt verteidigt werden müssen – gegen einen aufkommenden Rechtspopulismus, der sich oft antisemitisch äußert und der auch deswegen gegen die Stolpersteine poltert.

Auch wahr ist, dass viele der Politiker, die sich so vehement gegen Antisemitismus äußern, eigene Gründe für ihre Solidarität mit uns Juden haben – Gründe, die häufig mit Wahlen zu tun haben.

Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen einer anti-muslimischen Hysterie instrumentalisieren, die in Statements wie diesen zum Ausdruck kommt: „Wir müssen unsere Juden gegen den rabiaten islamischen Antisemitismus schützen“.

Und die Wahrheit ist: All das, was wir Juden in der deutschen Zivilgesellschaft darstellen und erreicht haben, lässt sich nicht verteidigen – und der Kampf gegen aufkeimende Bedrohungen lässt sich nicht gewinnen – indem wir uns verstecken und wieder die Opferrolle annehmen.

Wenn wir tatsächlich so bedroht sind, wie von Herrn Dr. Schuster des Zentralrats der Juden – den ich sehr verehre – avisiert, dann ist die Zeit wirklich gekommen, in der wir 300.000 Jüdinnen und Juden Kippot, Davidsterne und alle anderen Symbole unserer uralten und schönen Religion anziehen und auf die Straße gehen müssen!

Wir müssen jetzt tagtäglich die Konfrontation mit den Antisemiten suchen.

Ich bin bereit dazu.

Ich bin Jude, und ich lehne es ab, in einem Land zu leben, in dem ich eine zentrale Komponente meiner Identität – meine religiöse Zugehörigkeit – verstecken muss, um sicher durch den Tag zu kommen.

Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa.

Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018

Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.

Falls Ihr keine Kippot habt: Ich habe über 80 in meiner Sammlung – manche wild, manche pietätvoll, alle schön. Sie stehen Euch zu Verfügung.

Kadima! Kadima! [hebräisch für „vorwärts“]

Euer

Terry Swartzberg


Terry Swartzberg auf Wikipedia     –     Mehr zur KIPPA

Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München


Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, 25.4.2018

Zur Homepage von  www.stolpersteine.eu   –

Zur Homepage von  www.stolpersteine-muenchen.de


Weitere jourfixe-Blogbeiträge in Zusammenhang mit Terry Swartzberg:

Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von
Rosa Mittereder und Tochter Erna Wihelmine
mit einer Klartext–Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst 
Hintergründe und Details zur Kunstperformance des
„Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“
Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Porajmos“: „das Verschlingen“ Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943, eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19. März 2018

Das Romanes-Wort Porajmos [poraɪmos] (auch Porrajmos, deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Er bildet einen Höhepunkt der langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt sie innerhalb einer großen Spannbreite, ist jedoch sechsstellig. Wie der Völkermord an den Juden (Shoa) steht Porajmos für den Versuch der kollektiven Vernichtung. Jeder, der von den nationalsozialistischen  Erfassungsinstanzen – im Altreich ein Verbund aus pseudowissenschaftlichen und kriminalpolizeilichen Gutachtern, außerhalb oft spontan entscheidende Akteure der Verfolgung – dem „Zigeunertum“ zugeordnet wurde, war grundsätzlich von Vernichtung bedroht. Dem lag die rassistische Deutung der Angehörigen der Minderheit als „fremdrassige“ „geborene Asoziale“ zugrunde. „Zigeuner“ wurden zu Objekten eines „doppelten“, des ethnischen wie des sozialen Rassismus. (Quelle: Wikipedia )

Familie Höllenreiner 1942; Viele Angehörige der großen Familie wurden am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten .© Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Dass somit auch Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist bis heute in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich präsent. Oft nur vage entsinnt man sich, von medizinischen Experimenten an „Zigeunerkindern“ gehört zu haben, wie zuletzt im TV-Beitrag „Die unheilvolle Narbe“ von Constanze Hegetusch oder von „Zigeunerlagern“. Über die tatsächliche Dimension des  Porajmos jedoch ist noch immer wenig bekannt. Ebenso wurde die fortwährende Ausgrenzung der Sinti & Roma in der Bundesrepublik lange nicht wirklich thematisiert. Auch der Kampf Betroffener um Wiedergutmachung zog sich über Jahrzehnte hin; viele Opfer, körperlich wie seelisch durch den Porajmos gezeichnet, gaben vorzeitig auf. Erstmals 1980 sensibilisierte ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema.

Beendigung des Hungerstreiks in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, 1980: Uta Horstmann, Anton Franz, Dronja Peter, Hans Braun, Romani Rose, Jakob Bamberger, Fritz Greußing, Franz Wirbel (v.l.n.r.) (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Bis heute Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti & Roma in Deutschland, engagiert Romani Rose sich weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft für die Gleichstellung dieser Minderheit in unserer Gesellschaft und für die bewusste Erweiterung des Begriffes „Holocaust“ AUCH auf seine Ethnie, im Sinne einer verbesserten Wahrnehmung des „Porjamos“ in unserer Mehrheitsgesellschaft. Leider erlebe auch ich immer wieder – und habe wiederholt darüber geschrieben – dass in offiziellen Reden oft ausschließlich der „Antisemismus“ zur Sprache kommt, „Antiziganismus“ oder  „Rassismus“ jedoch unerwähnt bleiben.

Engagierte Aktivisten: Romani Rose rechts, mit Alexander Diepold/Madhouse, Bildmitte, 2016, im NS-Dokumentationszentrum München, links Drehbuchautor Peter Probst; Foto: Oliver Stey

Doch jetzt stellt die Landeshauptstadt München, gemeinsam mit dem Stadtarchiv München, die Geschichte und aktuelle Lebenssituation der Sinti und Roma in München in den Mittelpunkt einer umfassenden Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018: Dies geschieht in Kooperation mit der Familienberatungs- und Begegnungsstätte Madhouse, die seit über 30 Jahren von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold geleitet wird. Auszug aus dem Programm-Flyer:

Cover des Programm-Flyers

Am 13. März 2018 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Münchner Polizei 130 Sinti und Roma aus München und Umgebung in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportieren ließ. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ hatte Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 den Auftakt für die reichsweiten Deportationen der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz gegeben, auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet. Schon am 8. März 1943 begannen in München die Verhaftungen ganzer Familien. Bis heute ist die Zahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. (…)

Die Landeshauptstadt München ehrt die Opfer dieses Völkermords in einer Gedenkveranstaltung am 13. März 2018 im Rathaus.

Sandro Roy, Foto: Ch. Hartmann

Den musikalischen Teil dieses Festakts für geladene Gäste bestreitet der virtuose Sandro Roy, einer der schillernsten  Namen der jungen Generation von Klassik- und Jazzgeigern, mit seinem Trio.

Zuvor werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der deportierten Münchner Sinti und Roma verlesen.

Die Veranstaltungsreihe umfasst Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER

Adrian Gaspar – Quelle

Musik und deren Interpreten – wie könnte es anders sein 😉 – wird bei der gesamten Veranstaltungsreihe eine Rolle spielen. Neben Geiger Sandro Roy ist u.a. das Lancy Falta Syndicate vertreten. Einen interaktiven Antiziganismus-Workshop gestaltet der Pädagoge und Musiker Adrian Gaspar, mit dem Ziel, Vorurteile gegenüber Sinti und Roma abzubauen.

Schon im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe eine erfreuliche Nachricht:

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern; Quelle

Bayern hat am 20. Februar 2018 einen Staatsvertrag mit dem Landesverband der Sinti und Roma unterschrieben, der deren Rechte schützen und Wiedergutmachung sein soll …  >>>  BR-Mediathek


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Salon reloaded: Wohnzimmerkonzerte von Petra und Thomas de Lates in München-Schwabing

Immer wieder träumt jemand davon, gerade in einer Stadt wie München, die auf eine große Bohème-Tradition zurückblickt, eines Tages als Salonnier/e große Kreative und faszinierende Zeitgenoss_Innen um sich zu scharen, wie das Licht die Motten … Ein nachvollziehbarer Traum, der aber heutzutage meist unsanft auf dem Boden unserer schnelllebig gewordenen Gesellschaft zu landen droht und/oder an der Konkurrenz von TV und Social Medias zu scheitern! An mir selber beobachte ich, dass ich abends regelmäßig, nach dem Overkill an Daten und Kommunikation des Tages, kapituliere und mich in meinen heimischen Kokon zurück ziehe. Das höchste meiner noch vorhandenen Gefühle ist ein Abend in kleinster Runde, bei guten Gesprächen.

Thomas-de-Lates-und-Petra-Windisch-de-Lates_Bildausschnitt_IsarboteEinem Duo jedoch gelingt es regelmäßig, mich aus meiner selbst gewählten privaten Isolation zu locken: Das Ehepaar Petra und Thomas de Lates. Dem Klischee entsprechend, leben sie in Schwabing, zwar in einem modernen Hochhaus, aber in einer Wohnung, die, ausgestattet mit einer Unzahl Büchern und CD’s, Kunst und Kultur an allen Regal/Wänden verströmt.

Petra Windisch de Lates habe ich vor ! 33 Jahren in der Jazz-Szene kennen und schätzen gelernt, und seitdem waren wir beide fleißig in München und darüber hinaus unterwegs: Petra ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Hilfsorganisation „Deutsche Lebensbrücke e.V.“ und zudem mit der Förderung des Jazz befasst, sowohl als langjähriges (Vorstands)Mitglied der Jazzmusiker Initiative München (JIM), wie auch als Programmchefin der Reihe „Jazz and Beyond“ im Münchner Künstlerhaus. Obgleich der Jazz in den letzten Jahrzehnten leider an Popularität verloren hat, ist Petras Reihe inzwischen etabliert und rege besucht. Da sie darüber hinaus zu den wenigen mir bekannten Personen gehört, die es schaffen, ganz ohne Anfeindungen aus zu kommen und zudem eine charismatische und anregende Gesprächspartnerin ist, erfreut sie sich eines entsprechend großen und vor allem schillernden Freundeskreises, den zu pflegen sie sich auch die Zeit nimmt, mit welchem Energie spendendem Perpetuum Mobile auch immer ihr das, wie vieles mehr, gelingt!

Sängerin Linda Jo Rizzo

Sängerin Linda Jo Rizzo

An ihrer Seite Ehemann Thomas, dessen gesangliches Talent von einer anderen Szene-Figur vor einigen Jahren erst entdeckt wurde: Von Entertainerin Linda Jo Rizzo. (Dazu s. auch u. „Linda & die Februarvögel„.) Seitdem singt Thomas … Der obligate Aufschrei in der Szene „Da könnte doch jeder kommen ...“ ist schnell verstummt, da er rasch und mit Unterstützung seiner Frau, einiges mehr an Auftrittsmöglichkeiten etc. auch für Kolleg_Innen aufgetan hat. Hinzu kommt der augenzwinkernde, unnachahmliche K & K-Charme, der ihn durch Vita und Gigs begleitet.

Sänger Thomas de Lates

Sänger Thomas de Lates

Da seine Auftritte zudem stimmig besetzte Bands und Repertoire auszeichnen, besuche ich gerne seine Konzerte, zumal auch diese, ebenso wie die „Jazz & Beyond“-Konzertreihe seiner Frau, immer dieser „Petra und Thomas de Lates“-Flair umweht.

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Wohnzimmer-Konzert

Wenn ein solches Powerpaar dann zu Soiree oder Brunch zu sich einlädt, darf man von eben solcher Atmosphäre mit LebensART ausgehen, von schmackhaftem Essen und vor allem von spannenden Gesprächen und Bekanntschaften, dank der Gäste unterschiedlichster Couleur, die hier verkehren und mit denen man von den Gastgebern schnell und intensiv in Gespräch verwickelt wird. Bei „P und T“ habe ich letztes Jahr die wunderbare finnische Sängerin Tuija Komi kennengelernt, deren Auftritte ich seitdem regelmäßig verfolge. Bei „P und T“ bin ich auf den Allround-Künstler Albrecht von Weech aufmerksam geworden, der den Gesangspart in der Reprise „Kann denn Liebe Sünde sein?- Bruno Balz“ übernehmen wird, mit Lutz Bembenneck als Rezitator und Thomas Erich Killinger als musikalischer Leiter und Pianist.

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Pianist Edgar Wilson beim ersten Wohnzimmer-Konzert

Und apropos Piano: Das haben sich Thomas und Petra kürzlich auch noch besorgt, somit der Entwicklung ihres Salons folgend, den sie allerdings noch nie als solchen zu bezeichnen nötig hatten. Nun steht bereits das vierte Wohnzimmerkonzert bevor:

Das nächste Wohnzimmer-Konzert findet am Sonntag, den  16. September 2018, von 11 Uhr bis 15.30 Uhr statt; UK-Beitrag (Konzert, Snacks/Drinks, Piano-Wartung) 25 EUR Anmeldung unbedingt erforderlich unter: pwindisch@mnet-mail.de

ZU GAST diesmal: Volker Giesek (p, voc) & Christina Mantel (voc): „ALLES MENSCH“
„Luxus-Pop mit deutschen Texten aus tiefster Seele, Jazz und Soul und Rock ’n’ Roll. Ohrwürmer, verwegene Wendungen und coole Grooves“

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Volker Giesek (p, voc) & Christina Mantel (voc) mit dem Projekt „ALLES MENSCH“ zu Gast bei dem Wohnzimmer-Konzert von Thomas und Petra de Lates

Zu Salonière Petra Windisch de Lates hautsächlicher Tätigkeit als Leiterin der Hilfsorganisation Lebensbrücke e.V. s.a. im jourfixeblog.wordpress.com > „Ich bekomme soviel zurück“


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Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

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Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

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Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

2016_07_02_Kanzleirat_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

2016_07_02_Gaby_dos_Santos_Requiem_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

TuerkOkt_Logo

Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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Gesine Schwan – Genossin mit europäischem Profil – kommentiert von Dr. Roland Jerzewski

Gesine Schwan wirkte auf Anhieb wie Balsam auf meine derzeit politisch wunde Genossinnen-Seele. Vor Beginn ihres Vortrags vor Schülerinnen und Schülern der Europäischen Schule München (ESM), hatten sich Lehrkräfte und Ehrengäste in der Direktionsetage um die Politikerin versammelt, die dort vorab ihre Ansichten klar zum Ausdruck brachte, Lösungsvorschläge inklusive.

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Gesine Schwan, Mai 2061, neben Rudolph Ensing, Direktor der ESM vor Veranstaltungsbeginn; Foto: C. Neudeck

Nachdem es unserer Parteispitze, durch Zickzack-Kurse und öffentlich gewordene Unwahrheiten sowie durch halbherzig angegangene Reformen und  als unbefriedigend bis faul empfundene Kompromisse gelungen ist, die SPD derart zu kompromittieren, dass man schon als einfaches Mitglied scharf angegriffen wird – „IHR habt doch …, IHR habt nicht …, IHR seid schuld …“, bot der Auftritt von Genossin Schwan eine willkommene Abwechslung, was den Polit-Stil anbelangte. Sicher lässt sich solcher außerhalb einer Regierungsverantwortung auch wesentlich leichter vertreten; gut tat es mir trotzdem, ihren Ausführungen zu folgen, zumal mir Gesine Schwan aus der Seele sprach, sowohl was ihre Haltung und Vorschläge in der Flüchtlingsfrage anbelangte, wie auch durch ihre leidenschaftliche  Hinwendung zum Vereinigten Europa. Die klare Kante, die Prof. Schwan in ihren Ausführungen zeigte, verdeutlichte mir einmal mehr, wie gleichgespült Politik an der Spitze heutzutage geworden ist, den Medien und der Unvernunft mancher Bürger_Innen sei dank: Nur nichts äußern, was fehlinterpretiert werden, sich als Fehler entpuppen oder der Masse missfallen könnte. Spätestens seit Angela Merkel beinahe die Wahl 2005 verloren hätte, weil sie den Wähler_Innen schon im Vorfeld die Erhöhung der Mehrwertsteuer wahrheitsgemäß angekündigt hatte, hat sich die Spitzenpolitik von ihren Ecken, Kanten und jedweder unangenehmen Wahrheit verabschiedet, so sehr, dass dieses Verhalten schon gar nicht mehr weiter auffällt, außer in der kontrastierenden Begegnung mit Politiker_Innen vom Schlag einer Gesine Schwan, die der Politik ein Stück Profil und Glaubwürdigkeit zurück erstatten. Um europäische Überzeugungsarbeit vor dem jungen Publikum der ESM zu leisten, hatte die Politikerin es sich nicht nehmen lassen, für einen zweistündigen Auftritt extra nach München einzufliegen, denn Europa ist ihr, wie ja auch mir, ein Herzensanliegen. Schwan vertritt es mit einer solchen Leidenschaft, dass die Europa-Hymne, die von ESM-Schüler_Innen aus allen Nationen zum Europatag gesungen wurde, mir im Rückblick etwas weniger nach Farce klang …

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Schüler_Innen singen am Europa-Tag 2016 die Hymne im Foyer der Europäischen Schule München, Foto: Carolin Neudeck

Überraschend war für mich nur Gesine Schwans relativ positive Einstellung zu TTIP, die sie mit ihrer Befürwortung eines vernünftig regulierten Welthandels begründete. Leider fehlte die Zeit, um nachzufragen, wie denn ein solcher, angesichts der wiederholten Vertrauensbrüche – ich sage nur „NSA“ – zu gewährleisten wäre, zumal den Bürgerinnen und Bürgern von Anfang an ein unerträgliches Mass an Intransparenz bzgl. der Verhandlungen zugemutet wurde. Honni soit, qui mal y pense? Nicht unbedingt, glaube ich … 

An dieser Stelle übergebe ich die Berichterstattung an Dr. Roland Jerzweski, Koordinator der Reihe „Europäische Identitäten“ an der Europäischen Schule München (ESM) und langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen:

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Dr. Roland Jerzewski mit Prof. Gesine Schwan; Foto: C. Neudeck

Ein Paukenschlag zum Abschluss der Europäischen Identitäten: Ehrengast bei der Festveranstaltung des Europatages war, nach Guido Westerwelle und Edmund Stoiber, in diesem Jahr Gesine Schwan, eine der profiliertesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik.

Die Politikwissenschaftlerin war von 1999-2008 Präsidentin der Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder, von 2004-2009 deutsch-polnische Koordinatorin zweier Bundesregierungen und wurde durch ihre Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin bundesweit bekannt. Prof. Dr. Gesine Schwan ist mehrsprachig, ihre Forschungsarbeit hat sie nach Frankreich, Polen und in die USA geführt. Als SPD-Politikerin setzt sie immer wieder eigene Akzente. Selbst jetzt im wohlverdienten Ruhestand ist sie präsenter denn je, engagiert sich unermüdlich zivilgesellschaftlich und weiß gleichermaßen, wie „die da oben“ und die übrigen Menschen im Lande „ticken“.

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Prof. Gesine Schwan, zweimalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Europäerin und SPD-Politikerin in der Europa-Halle der ESM. Foto: Carolin Neudeck

In ihrer kurzen Europa-Rede nimmt sie kein Blatt vor den Mund, schilt kräftig die Bundeskanzlerin, deren prinzipiell richtige Flüchtlingspolitik anfangs unreflektiert gewesen sei und nunmehr inkonsequent, so als ob man den Hebel einfach wieder umlegen könnte. Aber Gesine Schwan belässt es nicht bei kritischen Anmerkungen, sondern sie macht konkrete Lösungsvorschläge: Warum sollten die europäischen Städte und Gemeinden nicht eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise übernehmen, schließlich trügen viele von ihnen ja ohnehin schon die Hauptlast, seien allerdings abhängig von Grundsatzentscheidungen ihrer Staaten. Es gebe z.B. Kommunen in Spanien und Polen, die gern Flüchtlinge aufnehmen würden und dafür bereits Kapazitäten geschaffen hätten, aber von ihren Regierungen zurückgepfiffen wurden. Ein mit 30 Milliarden Euro ausgestatteter europäischer Solidaritätsfonds könnte die Kommunen unterstützen oder sie für Hilfsprogramme fit machen.

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Europa-Tag 2016: Gesine Schwan mit Schüler_Innen der ESM, Foto: Neudeck

Sechs Schüler der Höheren Schule diskutieren mit Gesine Schwan auf dem Podium über „Europa am Scheideweg“, über die Flüchtlingskrise und das Abkommen mit der Türkei, über europäische Werte und faule Kompromisse, über Willkommenskultur und deren Ablehnung, innenpolitisch und als Streitpunkt zwischen den EU-Staaten, schließlich auch über Brexit und TTIP und über die neue Regierung in Polen. Was unser östliches Nachbarland angeht, so vertraut Schwan der langerprobten Aufsässigkeit der polnischen Zivilgesellschaft, das Freihandelsabkommen lehnt sie nicht pauschal ab und hinsichtlich des britischen Europareferendums bleibt sie „cool“. Selbst für Zusatzfragen aus dem Publikum nimmt sie sich Zeit, obgleich am späten Nachmittag schon der nächste Termin in Düsseldorf ansteht: „Quo vadis Polen?“ Zum Schluss appelliert sie an die Schüler aus über 28 Ländern, vor lauter Detailkritik und angesichts der Fliehkräfte, die eine EU-Desintegration auslösen könnte, nicht den Glauben an das vereinigte Europa zu verlieren, sondern sich mutig einzumischen, sich für die eigene europäische Zukunft zu engagieren und diese nicht anderen zu überlassen.

Die Veranstaltung mit Gesine Schwan, an der neben dem polnischen Generalkonsul auch Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Patentamts, der Elternvereinigung und über 200 Schüler teilnahmen, bildet den Schlussakkord des Großprojekts „Europäische Identitäten“, das unter der Leitung von Dr. Roland Jerzewski in den vergangenen Jahren namhafte Europäer an die ESM lockte, u.a. die Schriftsteller Peter Schneider, Klaus Kordon, Holly-Jane Rahlens, Sylvie Germain und Mathias Énard (Prix Goncourt 2015), den griechisch-orthodoxen Metropoliten Augoustinos von Deutschland, den Diplomaten und Protokollchef des spanischen Königshauses Alonso Álvarez de Toledo oder den Budapester Historiker Andreas Opłatka. In enger Kooperation mit Stiftungen, Kulturinstituten und diplomatischen Vertretungen und der Kulturplattform „Jourfixe-München“ weitete die Schule ihren Blick auf die Vielfältigkeit ganz Europas, was auch in Begegnungsprojekten mit Polen, Ungarn, Rumänien, Slowenien und der Türkei zum Ausdruck kam. Hauptsponsor des Identitätsprojekts war die Elternvertretung der Europäischen Schule München.

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Direktor Rudolph Ensing am Rednerpult, Koordinator Dr. Jerzewski geht ab; Foto: Neudeck

ESM-Direktor Rudolph Ensing würdigt Prof. Gesine Schwan als Vollbluteuropäerin und Kosmopolitin, HS-Leiter Anton Hrovath betont ihren Vorbildcharakter für junge Europäer. Die Schüler sprechen im Nachhinein von einer „Grande Dame in Form und Inhalt“, hochkompetent und sehr sympathisch (Clara).

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Dr. Jerzewski, Direktor Ensing verabschieden Gesine Schwan; Foto: Neudeck

Gesine Schwan habe gezeigt, dass Politik ebenso interessant wie menschlich rüberkommen könne und kein langweiliger Smalltalk sein müsse, dass Jugendliche auf diese Art und Weise Lust auf Politik bekämen und dieses Fach auch im europäischen Schulsystem zum Pflichtfach werden müsste (Vlad). Während Philipp Schwans Vorschlag zur Lösung der Flüchtlingskrise skeptisch sieht, lobt Simeon ihr Abrücken von ausschließlich nationalstaatlichen Regelungen. Diskussionsmoderator Adriano findet den Ehrengast angesichts des ebenso komplizierten wie brisanten Themas „schlichtweg erfrischend“. Das gilt auch für den strahlenden Sonnenschein nach Verlassen der Europahalle, regelrechtes Kaiser-, pardon Schwan-Wetter!


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten


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Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

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Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

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Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger 



Aktuell:

Jubiläumskonzert 30 Jahre musica femina münchen, 29. April 2018, 11:00 Uhr | Black Box im Gasteig:  Matinee mit 10 Werken von Mitgliedern des Vereins

Podcast auf KLASSIK AKTUELL, 25.04.2018: 30 Jahre mfm-musica femina münchen >>> „Wir möchten uns arbeitslos machen“

Seit der Gründung kümmert sich der Verein musica femina münchen um die Entdeckung und Bewahrung der Werke von Komponistinnen der Vergangenheit, aber auch um die Unterstützung und Präsentation zeitgenössischer Komponistinnen, Dirigentinnen und Musikerinnen. Am 29. April feiert der Verein sein 30-jähriges Jubiläum mit einem Konzert in München.


Einzelbeiträge zu mfm/Mitgliedern im > jourfixe-Blog

20 Männer + 1 Frau! – Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

Archiv Frau und Musik – vorgestellt von mfm-Vorstand Susanne Wosnitzka M.A., Musikwissenschaftlerin

Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018, via mfm-Vorstand, Chorleiterin und Dirigentin Mary Ellen Kitchens

Im Herztakt der Liebe – Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“

Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait–Reihe im loser Folge im > jourfixe-Blog

Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

Klangbegegnungen der Dritten Art – Konzert unter Mitwirkung von mfm-Mitglied Laura Konzietzky, mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München


 

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

 

 

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„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998)

Ein Zeitzeugengespräch mit dem Komponisten Vladimir Genin, geführt und niedergeschrieben sowie durch Hörbeispiele ergänzt von Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen Redaktion und Text-Gestaltung: Gaby dos Santos

Tatjana_Lukina_MIR_Leiterin_mit_Arthur_Galiandin

Anmoderation der Swiridow-Gala: Tatjana Lukina, Arthur_Galiandin

„Georgi Swiridow? Nie gehört ..!“ Mit dieser Wissenslücke steht man hier in Deutschland alles andere als alleine da. Auch mir ging es kürzlich so! Auf Einladung von Tatjana Lukina, Gründerin und Präsidentin des russischen Kulturzentrums in München MIR, saß ich mit meiner Kollegin und Freundin Gaby dos Santos im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Gebannt lauschten wir den Werken, die auf der Gala zu Ehren des 100. Geburtstags von Swiridow geboten wurden, ein Künstler, der mir bis dato vollkommen unbekannt gewesen war.

Die Ränge und Reihen waren zum großen Teil von Russisch sprechenden ZuhörerInnen besetzt, was die außerordentliche Popularität des Komponisten in seiner Heimat unterstrich.

Die Büste Swiridows vor seinem Grab auf dem Nowodewitschi Friedhof

Die Büste Swiridows vor seinem Grab

Dort gilt er als ein ganz Großer; anlässlich seines Todes bezeichnete Russlands damaliger Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin ihn als „wahren russischen Musiker“  …  Und die zu Gehör gebrachten Werke schlossen in der Tat bei mir eine Bildungslücke: Ich erlebte Swiridow als einen großartigen Komponisten, der auch hierzulande einen größeren Bekanntheitsgrad verdient hätte! Auffällig war dabei seine stilistische Bandbreite:

Shostakovich-Briefmarke, Russland 2000

Shostakovich-Briefmarke Russland 2000

Der Einfluss seines wenige Jahre älteren Lehrers Dimitri Schostakowitsch (z.B. 1940 in seiner Kammersymphonie ), von dem sich Swiridow aber bald löste, um sich der Quelle der russischen Musik zuzuwenden, dem Volkslied sowie – in seiner letzten Schaffensperiode – der geistlichen Chormusik der russisch-orthodoxen Tradition. Dieser Zuwendung verdankt seine Musik die eingängige Melodik, die ihm von der „modernistischen“ Seite als „Anpassung“ zum Vorwurf gemacht wurde. Seine russischen Hörer aber haben es ihm gedankt und seine Musik begleitete sie mitunter bis in den Alltag hinein: Sobald sie die Nachrichten einschalteten, erklangen zur Einleitung – und passend zur sowjetischen Selbstdarstellung der Epoche – die packend-treibenden Klänge seiner Ouvertüre „Zeit, vorwärts!“, die auch zur Namensgeberin dieses abwechslungsreichen und liebevoll gestalteten Gala-Konzerts wurde.

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete Eigenkomposition, begleitet von hilipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete eigene Komposition, begleitet von Philipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Einen besonderen Höhepunkt stellte für uns dabei ein Wortbeitrag dar. Mit federndem Schritt hatte der auf Anhieb sympathisch und agil wirkende Komponist Vladimir Genin die Bühne betreten und trug mit wachen, lachenden Augen, die durch seine Brille hervorblitzten, Ausschnitte aus zwei Briefen vor, die Georgi Swiridow an ihn geschrieben hatte. Gaby und ich waren sofort elektrisiert und tief berührt von deren Inhalt. Wir wollten mehr erfahren und entschlossen uns spontan, Genin zu einem Gespräch ins Artist Studio München, unserem Lieblingsort für solche Begegnungen, einzuladen.

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio, Dez. 2015

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio München, Dezember 2015

Jon Michael Winkler (JMW):  Ich muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt der Gala nicht einmal Swiridows Namen kannte, obwohl ich von jeher die Musik russischer Komponisten liebe. Und mit dieser Unkenntnis stehe ich hierzulande sicher nicht alleine da. In russischen Kreisen hingegen genießt er offensichtlich eine sehr hohe Wertschätzung, ja immense Beliebtheit. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen West und Ost?

Vladimir Genin (VG): Wissen Sie, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wehte der Wind immer von Westen nach Osten. So haben wir in Russland immer die Bücher gelesen und die Filme angeschaut, die im Westen berühmt wurden. Umgekehrt aber gelangte wenig von der russischen Kultur in den Westen. Viele der dort entstanden großen Werke wurden im Westen kaum wahrgenommen und nicht richtig eingeschätzt. Daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Der wichtigere Grund im Fall Georgi Swiridows dürfte allerdings sein, dass er als zu „offiziös“ abgestempelt wurde und dass er zudem für einen modernen Komponisten als „zu traditionell“ galt. Beim Volk beliebt und zugleich Tonschöpfer ernster zeitgenössischer Musik zu sein, ist – oder scheint zumindest – unvereinbar.

Jon_Michael_Winkler_musikal_Ltg_Kulturplattform_jourfixe-muenchen_Swiridow_Artist_Studio_Dezember_2015_jourfixe-Blog_Portrait3JMW: Das gilt auch für Komponisten in Deutschland. Die Kriterien für „ernste Musik“ des Wertungsausschusses bei der GEMA lauten, vereinfacht gesagt: Ein im heutigen Sinn „ernstes“ Werk darf keine sangbare Melodik aufweisen, keinen durchgehenden Rhythmus und keine harmonischen Zusammenklänge. Außerdem muss die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Aufführung nach der Uraufführung äußerst gering ausfallen, eine Wahrscheinlichkeit, die nach den ersten drei Kriterien natürlich sehr hoch ist…

VG: (lacht): Ja, das trifft zu! Selbst Carl Orffs „Carmina Burana“ fällt unter die Rubrik „Unterhaltungsmusik“, wenn sie z.B. bei den beliebten Konzerten am Odeonsplatz gespielt wird…

JMW: Und Mozart könnte seine Werke heute nicht mehr als E-Musik anmelden… Aber Spaß beiseite!…

Hat die Diskrepanz hinsichtlich des Bekanntheitsgrades Swiridows in Russland und hierzulande möglicherweise auch politische Hintergründe? Im Klima des „Kalten Krieges“ wurde hier ja misstrauisch beäugt, wer nicht als Dissident oder „Opfer des Systems“ galt, sondern erfolgreich seiner Berufung nachging und darüber hinaus offizielle Ämter bekleidete, wie Swiridow – Als Vorstandsmitglied des Komponistenverbandes der UdSSR und Erster Sekretär der Komponistenunion der Russischen Föderation – konnte er im Westen leicht für einen linientreuen Genossen oder zumindest opportunistischen Mitläufer gehalten werden.

VG: Das ist bei Swiridow allerdings ein komplexes Thema. Er war sicher kein Mitläufer der Partei, ja nicht einmal Parteimitglied, aber er bekleidete von ihr verliehene, hohe Ämter, wie die von Ihnen genannten. Und sicher trat er für ein starkes Russland ein, wie auch sein Umgang mit patriotischen, als „dubios“ gewerteten Künstlern zeigt.

Autor Walentin Rasputin1976

Autor Walentin Rasputin 1976

Er war z.B. befreundet mit dem Schriftsteller Walentin Rasputin , der in seiner Anfangszeit gewiss ein großer Schriftsteller war, der schonungslos über das harte, ja grausame Leben der Bauern auf dem Land schrieb, später aber immer nationalistischere Töne anschlug, bis er schließlich ganz verstummte. Zu dieser Zeit freundete sich Swiridow mit ihm an, doch konnte ich nicht offen mit ihm über diesen Umgang streiten. Dazu war seine Stellung zu hoch und der Altersunterschied zu groß. Ich hätte ihn auch nicht vom Gegenteil überzeugen können…

JMW: Könnte man denn sagen, dass es sich bei Swiridow um einen „romantisch verklärten“ Patriotismus handelte, der auch vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts eigen war, als die sogenannten „Nationalstile“ in Westeuropa wie in Russland aufkamen? Die Berliner Zeitung schrieb anlässlich seines Todes ja, dass Teile Swiridows Musik „mächtig“ seien, weshalb sich die sonst einander feindlich gesonnenen Kräfte der Gesellschaft an seinem Sarg vereinten. Ist seine Musik also Klang gewordene Heimatliebe?

VG: Es war viel mehr als Heimatliebe! – Swiridow hat geweint über Russland, über das, was daraus geworden war. Das hat er zwar nicht öffentlich gesagt, aber man kann das aus vielen seiner  Werke heraushören:

Der russische Dichter Sergej Jessenin

Dichter Sergej Jessenin

In Vertonungen von Texten des unter Stalin verbotenen Dichters Sergej Jessenin oder das „Poem zum Gedenken an Sergej Jessenin“ (1956), über die Auslöschung des bäuerlichen Lebens nach der Revolution oder von Gedichten Alexander Blocks, die zwar keinen expliziten Protest darstellen, aber als Lieder so dramatisch sind, dass sie mit dem „sozialistischen Realismus“ eigentlich nicht vereinbar sind.

Es gibt außerdem eine kleine Kantate Es schneit (1965) nach Texten des vom Regime kritisch beäugten Boris Pasternak, in der ein Kinderchor ein berühmtes philosophisches Gedicht vorträgt. Der durch diesen Kunstgriff entstehende, surrealistisch anmutende Effekt verstärkt die an sich selbst gerichteten Worte und wird so zur Aufforderung an jeden Künstler:

     „…Versäum nicht, ruh nicht, Dichter!
Und halt dem Schlafe stand,
Der Ewigkeit verpflichtet,
Und von der Zeit gebannt.“

Doch damit nicht genug! Zuvor erklingt ein in der Sowjetunion wegen seines Inhalts NIE veröffentlichtes Gedicht Pasternaks, das Swiridow wohl aus einer ausländischen Ausgabe hatte, in dem es um das Leid und den qualvollen Tod der Insassen in Stalins Lagern geht. Dass es sich um diese Lager handelt, wird zwar nicht explizit gesagt, aber aus dem Kontext heraus ist es eindeutig:

Душа – Seele:

Swiridow vertonte das Gedicht von Boris Pasternak "Seele"

Georgi Swiridow – Foto – vertonte u. a. das Gedicht „Seele“ von Boris Pasternak

VG: Es ist völlig unglaublich, dass dieses Werk veröffentlicht, aufgeführt und auf Schallplatte gepresst wurde!

JMW: Das passt gar nicht zu der teilweisen Darstellung Swiridows als opportunistischen Mitläufer, wie sie 1998 als Nachruf im SPIEGEL veröffentlicht worden war und aufgrund dessen Sie bei Ihrem Auftritt in Gasteig mit leidenschaftlicher Schärfe eine Gegendarstellung vortrugen. Wie man allein am Beispiel dieser Kantate sehen kann, hat Swiridow angesichts des sowjetischen Machtapparats eine Menge gewagt! – Und die Partei hat wirklich nichts dagegen unternommen?…

G. Swiridow

Komponist Georgi Swiridow

VG: Nein, gar nichts! Und es bleibt auch ein Rätsel, wie er damit durchgekommen ist. Das sogenannte „Tauwetter“ („Ottepel“) unter Nikita Chruschtschow war mit dessen Sturz 1964 schon wieder vorbei gewesen. War es wegen seiner übrigen Verdienste – denn niemand anderes entsprach dem Bild des „Volkskomponisten“ besser als er – die ihn zu einer sakrosanten Person gemacht haben? Hat man ihm diese Vertonung quasi als „Ausrutscher“ stillschweigend verziehen? Oder lag es schlicht und einfach am Unverständnis oder der Schlamperei der Zensoren, die nicht verstanden hatten, worum es in diesem Text wirklich ging? Diese Frage wird sich vermutlich nicht mehr mit Sicherheit klären lassen …

Aber auch in seinem Pathetischen Oratorium über die Oktoberrevolution, nach Texten von Wladimir Majakowski, das als Auftragswerk unmittelbar nach dem tragischen Verlust seines Sohnes entstand, gibt es eine kaum verhüllte Provokation. Der emotional berührendste Part als Höhepunkt des Werks ist nicht das Gespräch mit dem Genossen Lenin, sondern der bewegende Abschied auf immer, den ein General der Weißen Armee, also ein Gegner der Revolution, von seiner geliebten Heimat Russland nimmt. Ich fragte ihn einmal, ob er das absichtlich so gestaltet hätte und er bejahte. Außerdem vertraute er mir an, dass er die Revolution als ein „sich Berauschen von Wahnsinnigen“ empfunden habe. So muss man diese suggestive und mitreißende Musik hören!…“

Jon Michael Winkler

Jon Michael Winkler

JMW: Ja, ein wahrhaft pathetisches Klanggemälde der historischen Ereignisse! Und durch meinen Aufenthalt in Polen vor 30 Jahren und meinen Erfahrungen mit dem kulturellen Leben und dem unglaublich aufmerksamen Publikum dort bin ich überzeugt, dass die Zuhörer in der ehemaligen Sowjetunion solche Zwischentöne auch hörten und verstanden. Musik, Literatur und Kunst waren im Ostblock mehr als ein dekoratives Beiwerk. Sie waren so unverzichtbar wie das tägliche Brot: Nahrung für die Seele eben!

Vladimir Genin

Vladimir Genin

VG: Ja, Kultur war für uns kein Luxus, sondern ein Mittel, das uns half, dort, wo kein offener Protest möglich war, Mensch zu bleiben. Und so hatte Jurij, wie ihn seine Freunde nannten, trotz unterschwelliger Ablehnung gegen die „Apparatschiks“ doch die hohen Ämter in den Komponistenverbänden angenommen, wohl in der Hoffnung die Situation in seinem Umfeld verbessern zu können.  Doch war das nicht wirklich seine Welt. Weder war er ein Funktionär noch ein Organisator. Swiridow wollte sich seiner Musik widmen und das aus ganzem Herzen. In einem seiner Briefe an mich schrieb er später (1983) von der „Generation unserer „Wunderknaben“, die inzwischen aufgewachsen, geschäftig und aggressiv geworden seien, doch keine geistige Kraft besäßen und diese durch fades Handwerk ersetzen würden. „In den Werken dieser Epigonen, die sich wahrscheinlich gerade in unserem Lande die entscheidenden Positionen gekrallt haben, spürt man überall einen Mangel an Geist…“, so Swiridow. Aus diesen Worten kann man entnehmen, dass die vielfache Behauptung, er sei gegen die Avantgarde gewesen und hätte sie unterdrückt, nicht wahr ist, denn er spricht in seinem Brief ja ausdrücklich von „Epigonen“…

JMW: Das alles passt auch ganz und gar nicht zum Vorwurf in dem bereits erwähnten SPIEGEL-Artikel, laut dem ihn der Komponist Edison Denissow jener „Mafia“ zurechnete, deren Angehörige nur für sich, für höhere Honorare und ihre eigene Popularität gearbeitet hätten. Dieser Behauptung bin ich nachgegangen und fand heraus, dass sich Denissow wohl auf einen Vorfall bezog, mit dem Swiridow gar nichts zu tun hatte, weil er zu der Zeit schon nicht mehr dem Vorstand angehörte.

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Vielmehr hatte 1979 ein anderes Vorstandsmitglied, Generalsekretär Tichon Chrennikow  eigenmächtig sieben KomponistInnen scharf wegen „avantgardistischer Tendenzen“ kritisiert, unter anderem jenen Denissow sowie die später in die BRD emigrierten Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin . Ein weiterer Komponist dieser Gruppe, Dimitri Smirnov, sprach gar von einer „schwarzen Liste“, die zu einer Unterbindung der Aufführungen ihrer Werke geführt hätte, doch belegt eine musikhistorische Untersuchung, dass die Rede Chrennikovs keineswegs zu einem Konzertboykott geführt hat. Alle sieben Komponisten wurden bei Konzerten in der Sowjetunion weiterhin aufgeführt. Die Bezeichnung „Chrennikows Sieben“ wurde eher im Westen genutzt, um zu Zeiten des kalten Krieges die „Interpretationshoheit über die sowjetische Kunst“ zu erlangen und Konzerte und Notenausgaben zu bewerben.

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

VG: Diese Komponisten wurden aber tatsächlich unterdrückt! Ihre Werke wurden nur sehr selten aufgeführt, wenn überhaupt und dann nicht in Moskau. Außerdem bekamen sie keine Kompositionsaufträge vom Kultusministerium. Ein fantastischer Komponist, Andrej Wolkonski , wurde aus dem Komponistenverband ausgeschlossen. Alfred Schnittke musste sich jahrelang von seinen Arbeiten für Kino und Theater über Wasser halten. Ich erinnere mich an ein vom Moskauer Komponistenverband veranstaltetes Konzert, bei dem – nach einer kurzfristigen Entscheidung – überraschenderweise Werke von Schnittke gespielt wurden. Der Publikumsandrang war so groß, dass die Eingangstüren aus den Angeln gerissen wurden. Swiridow hat mir gegenüber immer sein großes Interesse an Schnittkes Arbeit bekundet – und ich habe nie erlebt, dass er schlecht über ihn oder einen anderen Avantgardisten gesprochen hätte.

JMW: Schnittke, der übrigens im selben Jahr wie Swiridow starb, war ja im Westen hoch angesehen.

Ñîâåòñêèé êîìïîçèòîð Àëüôðåä Øíèòêå çà ðîÿëåì.

Alfred Schnittke, russischer Komponist 1937 – 1998

VG: Aber, natürlich! Er war schließlich offen gegen das Regime und wurde von ihm unterdrückt, weshalb er 1990 auch nach Hamburg auswanderte. Er entsprach im Westen damit dem Bild des „guten“ weil verfolgten Sowjetkünstlers; Swiridow, aufgrund seines Erfolgs und seiner hohen Ämter, entsprach hingegen dem des „bösen“. Dieses Bild stimmt aber einfach nicht.

JMW: Dieses Bild muss dringend korrigiert werden! Selbst ein ansonsten so seriöses Nachrichtenmagazin wie der SPIEGEL hat Swiridow zu Unrecht, wie wir Ihrer Darstellung entnehmen können,  als „angepassten Komponisten“ deklassiert, der dem „amtlich verordneten Wohlklang“ als „parteigenehmen Reglement“ folgte und als „Sohn eines Postbeamten“ aus Kursk sich mit seinem Schaffen deshalb niemals im Westen habe durchsetzen können. – Ich glaube, dass solche Verzerrungen dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland – und im Westen allgemein – so wenig über Swiridows Leben und Werk wissen.

VG: Ja, aber auch der Neid und die Intrigen der russischen Kollegen im Moskauer Komponistenverband haben da eine große Rolle gespielt, und ich vermute, dass hinter diesem Artikel,  angesichts seiner Schreibweise, auch ein Kollege von damals stecken könnte. – Ich selbst habe das am eigenen Leib erlebt, als mich Swiridow bei der Organisation eines Chorfestivals zu seiner rechten Hand ernannte, da er für solche Aufgaben völlig ungeeignet war. Dabei verfügte er im Komponistenverband bereits über einen offiziellen Assistenten, der zudem der Sohn des stellvertretenden sowjetischen Kultusministers war. Das führte zu vielen Irritationen und Eifersucht bei den Kollegen, die sich wunderten, wie ich als junger Mann zu solch einer Stellung gekommen war. Selbst solche, die ich für Freunde hielt, begannen Unwahrheiten über mich zu verbreiten.

Theater_Wladimir_Andrej_Bogolubsky_Vladimir_Genin_Swiridow_jourfixe-BlogRichtig schlimm wurde es, als ich ein Auftragswerk der Stadt Wladimir, das Mysterienspiel Die Klage um Andrei Bogolubsky (1987) schrieb. Es entstand am Vorabend von Glasnost und Perestroika zur 1000-Jahrfeier des Bekenntnisses Russlands zum Christentum und es war zu der Zeit völlig offen, ob das Jubiläum staatlich gefeiert und damit das Verbot der Aufführung „religiöser“ Werke aufgehoben würde. Doch das geschah tatsächlich! Und mein Stück wurde ein großer Erfolg – allein in Wladimir wurde es 60 Mal gespielt, bei der Firma „Melodia“ in einer Auflage von 20 000 Stück auf Schallplatte gepresst – eine für die damaligen Verhältnisse große Zahl.

Plakat der USA-Tournee von 1989

Plakat der USA-Tournee von 1989

Sogar eine Amerikatournee von Seattle bis San Francisco fand 1989 mit diesem Werk statt. Besonders die auf Chorwerke spezialisierten Kollegen neideten mir das ungemein und sprachen hinter vorgehaltener Hand von „Fehlern“ in meinem Werk, aber keiner sagte mir offen seine Meinung. Sogar in den Sitzungsprotokollen des Moskauer Komponistenverbands wurden Aussagen über mich festgehalten, die nicht den Tatsachen entsprachen. Sollte ich das weiter aushalten, um mir alle paar Jahre bei einem vom Verband veranstalteten Konzert den Applaus auf der Bühne abholen zu können? Nein, ab 1991 entschied ich, mich nur noch so oft wie nötig beim Komponistenverband sehen zu lassen, was selten geschah und in der Folge auch zum allmählichen „Einschlafen“ meiner Freundschaft mit Swiridow führte.

JMW: Mit der Ernennung zu seiner rechten Hand für das Chorfestival hatte er Ihnen also einen Bärendienst erwiesen…. Hat er andere junge Komponisten oder auch Sie auf andere Weise gefördert?

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

VG: Nein, er hat sich zwar für die „neue“ Generation interessiert – und für ihn war ich deren Verkörperung – er hat aber weder mich, noch jemand anderen im herkömmlichen Sinn „gefördert“. Er hat lediglich viel mit mir gesprochen, sah meine Partituren durch, hörte sich Aufnahmen an, für die er mir meistens Lob aussprach. Er ging dabei nicht so sehr ins Detail, der Gesamteindruck war ihm das Wichtigste. – Einmal hatte auch ich Gelegenheit den großen Kollegen zu unterstützen. Seine Augenkrankheit, eine Lichtempfindlichkeit, wegen der er getönte Brillen trug, hatte sich verschlechtert, darum bat er mich ihm zu helfen und nach seinen Anweisungen seine Kantate „Kursker Lieder“ für eine kleinere Besetzung umzuschreiben. Bei dieser Arbeit lernte ich seine Denkweise noch viel besser kennen.

JMW: Wie kam es eigentlich zu Ihrer Bekanntschaft?

VG: Durch meinen damaligen Professor im Musikstudium. Er hatte mir damals die Aufgabe erteilt, ein Werk von Swiridow zu analysieren. Ich war zunächst nicht begeistert davon, aber als ich daran arbeitete, erkannte ich die Tiefe und Kunstfertigkeit seiner Musik und dementsprechend motiviert schrieb ich darüber. Ich wusste ja nicht, dass mein Professor die Arbeit an Swiridow zum Lesen weiterleiten würde. Darauf folgte eine Einladung an mich auf seine Datscha in der Nähe von Moskau, wo viele bekannte russische Künstler und Wissenschaftler lebten. Auf der einstündigen Autofahrt schärfte mir mein Professor ein, Swiridow ja nicht zu widersprechen und auf keinen Fall mit ihm zu diskutieren, denn er wusste, wie aufbrausend und stur Swiridow sein konnte.

JMW: Und haben Sie sich daran gehalten?

VG: Nein, das konnte ich nicht! Als er über einen Zeitungsartikel sprach, war ich anderer Meinung und eröffnete mit der, spätestens seit der öffentlichen Verdammung Dr. Schiwagos , in Russland eigentlich fatalen Floskel: „Also, ich habe das zwar nicht gelesen, aber…“. Schon war die Diskussion in vollem Gang. Mein Professor wollte eingreifen, aber das verbat sich Swiridow. Er schickte ihn in die Küche, um seiner Frau bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen, damit er ungestört mit mir reden konnte. Das tat er übrigens immer wieder. (Lacht.)

JMW: Da hatten sich wohl zwei Feuerköpfe getroffen! Das passt auch sehr gut zu dem Brief den er Ihnen nach Ihrer ersten Begegnung schrieb und den Sie bei der Gala ihm zu Ehren vorgetragen haben:

Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

Komponist Georgi Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

„Ich bin dem Schicksal sehr dankbar für die Gelegenheit, durch die Begegnung mit Ihnen das intensive Leben der neuen Generation empfinden zu dürfen. Behalten Sie dieses Feuer – das wertvollste auf der Welt, weil das Leben ohne es verlischt, verfault… Ich habe viel in meinem Leben gesehen und lernte dieses Feuer zu schätzen. Aber seien Sie geduldig – keiner wird von den Leuten sofort verstanden. Man muss viel sagen, bevor die Leute anfangen zuzuhören, geschweige denn anfangen zu verstehen.“

VG: Den Brief hat er mir erst nach mehreren Begegnungen geschrieben, aber der Anfang davon war natürlich dieser Tag.

JMW: Bleibt zum Abschluss unseres Gesprächs noch der andere Brief, den sie als sein Vermächtnis bezeichnet haben; ein Vermächtnis, das an Sie und Ihre Freunde und damit ganz allgemein an die Generation nach ihm gerichtet ist. Swiridow schreibt darin unter anderem:

Georgi Swiridow

Georgi Swiridow

„Ihre Aufgabe ist groß und schwierig: Vieles aufzuklären und den wahren Maßstab der Werte wiederzufinden – den Maßstab, der verloren gegangen ist... (Unter den geistlosen und opportunistischen „Epigonen“) … Meine Aufgabe an Sie und Ihre Freunde ist es, zu suchen. Sonst wird unsere Musik nicht mehr zum Ausdruck der Essenz menschlichen Lebens, der Essenz, die verborgen ist und erst durch die Kunst offenbart wird.“

JMW: In wie weit hat Sie dieses Vermächtnis inspiriert? Was genau meinte er mit dem verlorenen Maßstab und der verborgenen Essenz?

VG: Der Maßstab war sicher musikalisch wie menschlich gemeint.

"Nur der Ewigkeit verpflichtet" - Komponist Swiridow in jüngeren Jahren

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Komponist Georgi Swiridow

Es ging Swiridow um den wahren und bleibenden Wert, wie wir ihn in der Musik der großen Komponisten verehren.

Und er selbst schien „riesig“, in seiner Ausstrahlung, seinem Charisma. Er hatte zwar nicht die Stimme dazu, aber niemand hat vom Ausdruck her seine Lieder besser vorgetragen als er selbst, wie eine private Aufnahme mit meinem Freund, dem Pianisten Michail Arkadiev es zeigt. So wie er da singt, das ist reine Essenz, ohne jedes Theater!

Schon vor meiner Begegnung mit Swiridow hatte ich immer Menschen gesucht, die so eine Sicht vertreten. Auch meinen Professoren beim Studium ging es um diesen Ausdruck, um eine Musik, die etwas über den Menschen aussagt.

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Swiridow aber wirkte in dieser Hinsicht wie ein gewaltiges Schiff und die anderen um ihn herum nur wie kleine Boote. Er hatte zwar seine Fehler, er war unpraktisch, manchmal stur und aufbrausend, doch letztlich war er ein grandioser Mensch. Aber „vergöttert“ habe ich ihn nie! Mit der Zeit habe ich immer mehr das Wesentliche in seiner Musik entdeckt, zwar auch in seinen präzisen handwerklichen Fähigkeiten und seiner ganz speziellen Sparsamkeit in der Wahl der Mittel, aber noch vielmehr in der spirituell-geistigen Essenz dahinter.

JMW: Ich habe gelesen, dass er über 34 Jahre an seinen geistlichen Chorwerken gearbeitet hat, die sicher als Ausdruck dieser geistig-spirituellen Essenz zu verstehen sind; viele davon entstanden erst in den 80er und 90er Jahren. Obwohl es die Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche zu jener Zeit schon nicht mehr gab, wurden viele dieser Werke erst nach seinem Tod herausgegeben. Sie erzählten, dass zudem in seiner Wohnung noch stapelweise unveröffentlichte Werke in seinen Schränken lagerten und angesichts dessen frage ich mich, wie es um das musikalische Erbe Swiridows steht? Wird seine Musik heute noch gespielt und wird sie auch in Zukunft gespielt werden?

VG: Ja, sie wird noch gespielt und auch gespielt werden, denn es gibt wohl kaum einen besseren Ausdruck dessen, was man die „russische Seele“ nennt. Wenn Sie Filme von typisch russischen Landschaften sehen, sind diese zu 50 Prozent mit Musik von Swiridow unterlegt – dafür gibt es einfach nichts besseres. Allerdings läuft sie gerade deswegen auch immer Gefahr, von allen Seiten missbraucht zu werden, von den Anhängern der alten Brigaden wie von den neuen Nationalisten. Im Ausland gestaltet sich die Lage für Aufführungen schon schwieriger, da sein Name dort wenig bekannt ist und daher weniger „zahlendes Publikum“ zieht; das gilt natürlich auch für die Veröffentlichung von Noten und Tonträgern. –

Swiridow in jüngeren Jahren am Piano

Swiridow in mittleren Jahren am Piano

Verstanden aber wird Swiridows Musik nur von denen werden, die ihre Essenz begreifen – und da gibt es nicht so viele in unserer schnelllebigen und auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Zeit. Die innere Einstellung zum wahren Wert der Kunst, des Geistigen müsste sich dazu erst einmal ändern und meist geschieht das nur durch dramatische äußere Umstände…

„Russische Seele“ – Plakat zu einem gleichnamigen Konzert 2015

JMW:  Abschließen möchte ich mit einem Zitat, dass mir in den von Ihnen gesendeten Unterlagen ins Auge gestochen ist. Für mich trifft es sehr gut die Essenz der „russischen Seele“ in der Kunst, der Musik und in Georgi Swiridows Werk. Es stammt von der amerikanischen Autorin Suzanne Massie, die in ihrem Buch „Land des Feuervogels“ schreibt:

„Das Vermögen, die Schönheit der spirituellen Welt und die Fähigkeit, diese Schönheit durch Verehrung auszudrücken, war eine besondere Gabe Russlands. Durch die Jahrhunderte haben die Russen, selbst in ihrer weltlichen Kunst, ihre Sicht erhalten, dass Kunst vor allem ein göttliches Geschenk ist, dessen grundlegender Zweck es ist, Gott zu dienen und die Menschheit zu erheben.“

 


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