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„Schlägerbobbe mit Herz“ – Portrait der Münchner Aktivistin Edith Grube, die im Oktober 2018 vor Gericht muss

Als ich im September 2018 meiner Freundin Edith zum Geburtstag gratulieren wollte, lies sie mal eben die neueste Bombe aus ihrer bewegten Vita als Kultur- und Politaktivistin platzen: Am 17. Oktober steht sie in München vor Gericht! Dazu schreibt erläutert der deutsch-türkische Blogger und Polit-Aktivist Kerem SchambergerEdith Grube soll 2250;- € Strafe zahlen, weil sie von meiner Facebookseite zwei Beiträge mit YPG-Symbolen* geteilt hat. Dies hat sie natürlich nicht akzeptiert und nun kommt es zum ersten Prozess in diesem Fall in München. Es wird der Auftakt einer langen Reihe von Prozessen in diese Richtung sein*. Umso wichtiger ist es dem Gericht zu zeigen, dass wir alle solidarisch an der Seite von Edith und allen anderen Verfolgten stehen. (…) Ebenso berichtet das investigative Magazin MONITOR über diesen Fall. *(Bei der YPG handelt es sich um die mit den USA verbündete kurdische Miliz, nicht etwa um die verbotene PKK)

Wer aber ist eigentlich diese Frau, Freundin und Weggefährtin, deren Aktivitäten ich erst seit zwei Jahren begleite und die mir dennoch in vielerlei Hinsicht so nahe steht? Erstmals getroffen haben wir uns bei einer Führung durch die neue Münchner Synagoge am St. Jakobsplatz im Frühsommer 2016 und kurz darauf bei der ersten großen Verlegung von Stolpersteinen auf privatem, aber öffentlich gut einsehbarem Grund. Diese Aktion führte uns kreuz und quer durch das Münchner Zentrum und bot ausgiebig Zeit für erste Gespräche. Dabei erläuterte mir Edith, dass sie zwar aktiv die Initiative „Stolpersteine für München e.V.“ unterstütze, bewusst dort aber nicht Mitglied sei, um unabhängig  von jenen Rücksichtnahmen zu bleiben, die die Mitgliedschaft in einem Verein mehr oder weniger beinhaltet. Ebenso wenig liegt ihr die verzwirbelte und alles weich spülende Rhetorik, die, im Namen politisch erforderlicher Kompromisse, unsere Volksvertreter*Innen zwangsläufig kennzeichnet. Meiner Meinung nach muss es ebenso „political correctness“ wie außerparlamentarischen Klartext geben, das eine jeweils als Korrektiv des anderen, wobei Edith, ebenso wie ich, uns letzterem verschrieben haben. – Weil wir gar nicht anders können 😉

Die große Stolperstein-Verlegung im Juli 2016 auf privatem Grund in München hat Edith Grube und mich zusammen geschweißt … Foto: Terry Swartzberg, Vorstand „Stolpersteine für München e.V.“

Leidenschaftlich engagiert, mit fundiertem Sachwissen und dabei mitunter im Ausdruck herzerfrischend baiuwarisch-krachert, so lesen sich im Internet die Posts von Edith Grube, auf die ich vor einiger Zeit aufmerksam wurde, nicht zuletzt, weil Edith weitestgehend die selben politischen Standpunkte und Werte wie ich vertritt, seinerzeit vor allem allem in Bezug auf das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen in München und der Sorge wegen des wachsenden Rechtsrucks in unserer Gesellschaft. Allerdings positioniert sich Edith kompromissloser, ist sie doch im Schatten des Holocaust aufgewachsen:

1938 lebten die Grubes in einer Wohnung der jüdischen Gemeinde. Bevor sie von dort vertrieben wurden, erlebten sie vom Wohnzimmerfenster aus noch die Zerstörung der Alten Hauptsynagoge

Ihr Vater Werner und ihr Onkel Ernst Grube waren, als Söhne einer Jüdin, die in die protestantische Familie Grube eingeheiratet hatte, noch am 21. Februar 1945, gemeinsam mit der Mutter, von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert worden. Der späte Zeitpunkt der Deportation rettete ihnen das Leben und war der Charakterstärke des „arischen“ Vaters zu verdanken. Dieser hatte sich stets einer Scheidung von seiner jüdischen Frau widersetzt, trotz massiven Drucks des Regimes. Ernst Grube äußerte gegenüber Edith, dass ihm dadurch von seinem Vater zum zweiten Mal das Leben geschenkt worden sei. Wer kann das schon von  seinem Papa sagen, kommentierte Edith, als sie mir einmal die Geschichte ihrer Familie erzählte. Zivilcourage bewies Großvater Grube auch im alltäglichen Umgang mit nationalsozialistischen Verfügungen. So unternahm er mit seinen Buben Werner und Ernst einen Ausflug in den Tierpark Hellabrunn , obwohl jüdischen Kindern der Zutritt zum Zoo verboten war. Der Vater zog den Kindern einfach einen Mantel über deren Judenstern und ermöglichte ihnen einen Nachmittag voller kindlicher Freude und einem Hauch Normalität. Die Notwendigkeit zu Zivilcourage und politischer Wachsamkeit ergibt sich für Edith entsprechend schon aus der Chronik ihrer Familie …

Ernst Grube während seiner bemerkenswerten Dankesrede zum Georg-Elser-Preis 2017 im NS-Dokumentationszentrum München. Sehr traurig für Edith, dass ihr Vater diesen Augenblick, im Kreis der Familienangehörigen, nicht mehr erleben durfte; Foto: Titelmotiv meines entsprechenden Blogbeitrags

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich die Brüder Grube nach dem Krieg für die Aufklärung über den Holocaust, für  Menschenrechte und Demokratie engagierten. Ediths Vater Werner Grube starb bereits vor einigen Jahren, ihr Onkel Ernst Grube jedoch ist aktuell Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau sowie Landessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes. 2017 wurde er von der Landeshauptstadt München mit dem Georg-Elser-Preis ausgezeichnet. Dabei heißt es unter anderem in der Begründung der Jury:  Nicht die Bequemen verteidigen die Demokratie …

Seltener Freizeit-Spass: Werner Grube beim Tanz mit der Ex-Schwiegertochter, um 1980

…. und oft erweisen sie sich auch im Familienkreis als keine ganz einfachen Zeitgenossen … Der Gedanke, einmal hinter die Kulissen einer solchen Familie blicken zu dürfen, beschäftigte mich schon einige Zeit, und so bat ich Edith um ein Interview darüber, was es für sie bedeutet, „eine Grube“ zu sein. Tochter eines Vaters zudem, dessen Jähzorn ihm den Spitznamen „Louis de Funes“ eingebracht hatte. Edith skizzierte das Familienbild konsequenter Linker. Ediths Mutter Josepha teilte das politische Engagement ihres Mannes. Beide Eltern verbanden sich mit politisch Gleichgesinnten, um gemeinsam dafür kämpfen dass Nazis nicht wieder an die Macht kommen. Mama hat mit vielen Jugoslawinnen zusammen gearbeitet, war Personal-Rätin und in der Gewerkschaft.

Klein-Edith (ganz rechts) als „Heidenkind“ bei einer Prozession; Foto Anfang der 1960er Jahre, Haidhausen

Edith fühlte früh, dass ich nicht gleich war mit den anderen. Ich war die kleinste, nicht getauft, besuchte aber den angegliederten Kindergarten eines katholischen Knabenheims am Johannisplatz, denn beide Eltern mussten arbeiten, Mama als Putzfrau im Deutschen Museum und mein Vater als selbstständiger Malergehilfe, erinnerte sich Edith, die damals mit ihren Eltern im Herzen Haidhausens wohnte. Bereits dort zeigte sich ihr ausgeprägter Eigensinn. Weil ich mich so aufgeführt habe, gelang es Klein-Edith sogar, vom eigentlich obligatorischen Mittagsschlaf entbunden zu werden, was einzigartig in der Geschichte aller Kindergärten dieser Welt sein dürfte … 😉

Wildfang Edith auf dem Spielplatz vor der Kirche St. Johann Baptist in Haidhausen, Anfang der 1960er Jahre

Dass sie sich ständig auf Konfrontationskurs begab, führt Edith auch darauf zurück, dass sie 10 Jahre nach ihrem Bruder Bernhard geboren wurde, dem sie die vielen Freiheiten des Älteren neidete. Aber vor allen dürfte sich die traumatische Vergangenheit des Vaters und der Großeltern auf sie ausgewirkt haben. Schon mit circa sechs, sieben Jahren begleitete sie den Vater zu Mai-Kundgebungen, Demos sowie Gedenkveranstaltungen im KZ-Dachau, ohne damals die Zusammenhänge zu begreifen. Vielmehr blieben ihr solcherart Veranstaltungen als Remmidemmi mit Fahnen in Erinnerung, bei denen wir Kinder fangen gespielt haben.

Die Brüder Ernst (li) und Werner Grube, Holocaust-Überlebende und sehr verschiedene Seiten einer Medaille

Damals lagen hinter den Grube-Brüdern bereits bewegte Jahre der Nachkriegszeit, in die das Schicksal zwei blutjunge traumatisierte Männer entlassen hatte, die dafür brannten, der Welt die Augen zu öffnen, für das Schreckliche, das sie erlebt hatten. Doch die Nachkriegsgesellschaft zeigte kein Interesse, wollte in die Zukunft blicken. Im Haus der Grubes hingegen standen der persönliche Einsatz dafür, dass sich sowas nie wiederholt und die damit verbundene politische Arbeit, immer an erster Stelle. Dabei orientierten sich die Brüder, als Gegenreaktion zum NS-Regime, politisch nach links, obgleich zu der Zeit bereits ein Amerika-Aufenthalt hinter Werner lag, aber da war er ja noch Jude und noch nicht Kommunist, kommentiert im Nachgang die Tochter.

Babyfoto von Edith Grube, die 10 Jahre nach ihrem Bruder Bernhard zur Welt kam

Die Vergangenheit des Vaters nahm in ihrer Kindheit zunächst nur zögerlich Gestalt an. Auf dem Firmenschild der Grubes prangte neben dem Namenszug Malerbetrieb – Werner Grube öfter mal ein hingeschmierter Davidstern … Zu Hause gab es auch einen Kasperl, den hatte Werner Grube von seinem Kindheitsfreund Bernhard Ostertag geschenkt bekommen, mit der Zusicherung: „Wir sehen uns wieder.“ Doch stattdessen fuhr der kleine Bernhard nichts ahnend in den Tod. Dass sein Sohn nach dem Freund aus Kindertagen benannt werden würde, stand für Werner Grube noch vor seiner Eheschließung fest und so kam es dann auch. Für Nachzüglerin Edith hatte der sowohl beruflich wie auch politisch stark eingebundene Vater wenig Zeit. Im Rückblick kann sie sich nicht daran erinnern, jemals auf dem Schoss meines Vaters gesessen zu sein. Eine einzige Kino-Vorstellung besuchte er mit ihr, die daher unvergessen blieb: „Walt Disneys Dschungelbuch“. Vielmehr wurden der kleinen Edith – zwar nicht ganz kindgerecht, aber auch nicht verkehrt – praktische Kenntnisse vermittelt, wie der Umgang mit einer Laubsäge und das Tapezieren. Er lehrte sie aus dem, was Du hast, mit dem geringsten Aufwand das Beste zu machen.

Edith Grube kurz vor dem Teenager-Alter

Auf Grund der DKP-Beziehungen des Vaters ging es ab 1970 für Edith jedes Jahr zur Jungpionier-Erholung in die DDR. Sie berichtete mir in schillernden Farben von einem gemeinschaftlichen Klo auf Donnerbalken, Bungalows mit Stockbetten, – ich immer im obersten -, Pioniertüchern in Rot und in Blau, zu binden mit einem bestimmten Knoten und dem obligatorischen Morgenappell. Die Aufenthalte erstreckten sich immer über zwei bis drei Wochen und machten Edith anfangs großen Spaß. Sie spielte zusammen mit den anderen Kiddies von Parteigenossen. Man war gut beschäftigt, aber irgendwann empfand Edith ihre DDR-Kameraden als zu aufdringlich: Die wollten von mir Jeans und Mickey Mouse und so, und das hat mir die Luft genommen. An ihren letzten Aufenthalt im Ferienlager,1977, erinnert Edith sich noch besonders gut: Da ist der Elvis gestorben. Das war vielleicht ein Geheule im Bungalow! Mädchen und Jungens schliefen in getrennten Bungalows – und ich bin dann nachts immer zu den Jungs rüber …

Edith in jungen Jahren

Über seine Jugend in der NS-Zeit sprach der Vater nie; es gab genug anderes zu tun, zum einen als selbstständiger Handwerker, sowie auf Kundgebungen, gegen den  Vietnam-Krieg, es gab die Spannungen um Israel, die Friedensbewegung der Hippie Flowerzeiten. Die Schatten der Vergangenheit gewahrte die junge Edith weiterhin nur am Rande, wenn bei uns das Firmenschild mit dem wieder einmal mit Schmierereien verunstaltet worden war. Als dann noch auf der Plakatwand gegenüber der Satz „Judas verrecke“ zu lesen war, reichte es Werner Grube. Erwandte sich an die Polizei und stellte sich als „Werner ISRAEL Grube“ vor.– Israel ist doch ein Staat? wunderte sich die kleine Edith. Der Vater klärte auf. Die Polizeit tat – nichts! Mit den Jahren schlichen sich verstärkt Anzeichen eines neu aufkeimenden Rechtsextremismus in das Leben der Grubes ein: Da haben wir im 2. Stock einen von der Wehrsportgruppe Hofmann wohnen gehabt, den hab ich verprügelt, nachdem dieser antisemitische Tiraden zum besten gegeben hatte. Beschwerden bei der Polizei seien weiterhin sinnlos gewesen – Eine Erfahrung, aus der heraus Edith ihre zupackende Art entwickelt hat, frei nach dem Motto: „Hilf Dir selbst zu Deinem Recht, dann wird Dir geholfen!“ Und die ihr in jüngeren Jahren den Spitznamen „Schlägerbobbe“ einbrachte.

Edith in der für sie so typischen kämpferischen Pose, in den späten 1990er Jahren als Bedienung in Haidhausen

Der DKP vermochte Edith mit zunehmendem Alter nicht mehr viel abzugewinnen, so dass sie sich später der Eingliederung in die SDAJ (Soziale Deutsche Arbeiter Jugend) verweigerte, weil man in solchen politischen Zirkeln nur zusammen hockt und diskutiert, und das alles ganz ohne Gaudi. Auf Dauer erschien dem kritisch beobachtendem Teenager das alles zu doktrinär, so dass sie sich häufiger Grundsatz-Debatten mit ihrem Vater lieferte. Warum er denn im Westen lebe, wenn ihm das DDR-System soviel mehr zusagte? Mit der Zeit wurden Edith aber auch die Zusammenhänge klar, die zum politischen Tunnelblick des Vaters geführt hatten: Seine Befreiung aus dem Konzentrationslager, in letzter Minute, durch die Rote Armee. Als umso bedrückender erlebte er den Zusammenbruch des Kommunismus, blieb aber Zeit seines Lebens dieser Ideologie verbunden. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst trat er in späteren Jahren häufig als Zeitzeuge auf und sprach von jenen Erlebnissen, über die er daheim schwieg. Ich habe immer darauf gewartet, dass er mir  freiwillig etwas erzählt, war mit ihm auf diversen Veranstaltungen, habe gesehen, wie sein Mund schmal und sein Gesicht fahl wurde, sich Schweißperlen bildeten … Ich denke, es fällt einem leichter, Fremden gegenüber von schockierenden Erlebnissen und Eindrücken zu sprechen, weil der Rahmen dort kein persönlicher ist.

Edith mit Ehemann Robert am 60. Geburtstag von Gaby dos Santos,, im Haus von Terry Swartzberg, Juni 2018

Es gab jedoch einen Menschen, dem sich Werner Grube vor seinem Tod doch etwas mehr zu öffnen vermochte: Robert, Ediths späterer Ehemann, der mit seiner mentalen Nähe zu ihrem Vater die Weichen für die Nähe auch zu ihr stellte … Viele ihrer politischen und kulturellen Aktivitäten teilt er; allerdings mit Edith bei allem mitzuhalten, würde kein Mensch schaffen. Ich am allerwenigsten, doch hat mir Edith, im Rahmen meiner gesundheitlichen Möglichkeiten, gleich nach unserem Kennenlernen bei den Stolperstein-Aktionen, Zugang zu einer weiteren, für mich bis dahin unbekannten Welt verschafft: Die der unter uns, oft inkognito bzgl. ihrer ethnischen Abstammung, lebenden Minderheit der Sinti und Roma, über die unsere Mehrheitsgesellschaft bis heute kaum Konkretes weiß. Eines Tages „schleppte“ – anders lässt es sich im Nachgang kaum formulieren – mich Edith zu einer Institution namens „Madhouse„. Allein schon der Name verwirrte mich. Ich erfuhr, dass es sich hierbei um das Familienberatungszentrum für Sinti und Roma in München handelte, quasi im Alleingang vom Sinto Alexander Diepold vor 30 Jahren gegründet; eine dringend nötige Maßnahme, denn während die jüdische Minderheit gleich nach dem Krieg Reparationen erhielt, blieben die Lebensumstände der ziganen Ethnien in Deutschland lange prekär.

2.10.2016: Edith Grube, vorne, hat mich mit den Sinti-Schwestern Silvana und Ramona bekannt gemacht, sowie mit (ganz rechts) der Roma-Soziologin und Filmemacherin Iovanca Gaspar, Madhouse-Mitarbeiterin

Und da Edith keine Freundin halber Sachen ist, begann sie tatkräftig, Alexander Diepold bei seinem Anliegen zu unterstützen, einen festen Gedenktag für die in der NS-Zeit aus München deportierten und ermordeten Sinti und Roma zu etablieren. Seit 2018 steht nunmehr der 13. März als fester Termin in der Erinnerungs-Agenda der Landeshauptstadt München fest: Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen … Nach Monaten als Ehrenamtliche arbeitet Edith inzwischen offiziell als Verwaltungsangestellte bei Madhouse und koordiniert zudem die kulturelle Zusammenarbeit von Alexander Diepold, in Fragen der Sinti- und Roma-Kultur, mit der Kulturplattform jourfixe-muenchen, bei der er jetzt Mitglied ist.

Red Carpet und Promis? Kein Thema fur Edith, die gerade Chansonnier Albrecht von Weech (rechts sitzend) („Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz„) über die Lebenssituation der Sinti und Roma aufklärt; Oktober 2017, bei der Benefiz-Vernissage „We Are All The Same“ von jourfixe-Mitglied, Fotokünstler Dirk Schiff

Neben Angelica Fell, geschäftsführender Vorstand der inklusiven Freien Bühne München, empfinde ich Edith als die begnadetste und eloquenteste – manchmal fast zu sehr 😉 – Netzwerkerin überhaupt! Immer wieder erlebe ich, wie Edith die Fäden – respektive Menschen – zu irgendeiner neuen, politisch und oder kulturell wirksamen Task Force zusammen führt. Widerspruch zwecklos! Dabei stattet sie alle von ihr Auserkorenen mit dem jeweils erforderlichen Hintergrundwissen aus. Kein Wunder, sondern folgerichtig, dass ich kurz nach unserem Kennenlernen feststellen durfte, dass sich mein bester Freund und jourfixe-Vorstand Jon Michael Winkler und Edith bereits seit den 1990er Jahren kennen und schätzen, als sie in Jons Stammkneipe als Bedienung arbeitete. Dank Edith haben sich in meinem Leben in letzter Zeit viele Kreise geschlossen … Hinzu kommt ihre große Hilfsbereitschaft: Wann auch immer in den beiden letzten Jahren Not am Mann bzw. an mir Frau herrschte, fand sich Edith ohne Umschweife bereit, ob als Begleitperson nach einer Gastroskopie oder als ehrenamtliche Kassenkraft bei meinem letzten Auftritt im Gasteig.

Kennen und mögen sich schon lange: Jon Michael Winkler und Edith als ehrenamtliche Kassierer, im Sommer  2018 im Gasteig, zur Aufführung des Historicals  „Franzsiska zu Reventlow

Auf Grund ihres angeborenen Selbstverständnisses als Aktivistin, liest Edith ununterbrochen, recherchiert, vergleicht und analysiert Posts und Prints jedweder Art und leitet im Netz weiter, wie viele andere auch, was ihr wissenswert erscheint. Geprägt durch die Biografie ihrer Familie, hat dabei für Edith jedes Thema Priorität, das sich mit Menschenrechten und deren Beschneidung auseinander setzt. Ein für die Tochter eines halbjüdischen Holocaust-Überlebenden und politischen Aktivisten nachvollziehbares Verhalten. So jemand gehört meiner Meinung nach nicht wegen irgendwelcher juristischen Spitzfindigkeiten vor ein Strafgericht gestellt! Obwohl – oder gerade weil – in Bayern und insbesondere in München, mitunter die Uhren etwas anders zu ticken scheinen …

Edith Grube mit Gaby dos Santos 2017 im NS-Dokumentationszentrum in München

Edith Grubes erster Prozess-Termin ist Mittwoch, 17.10.18, 11:30 Uhr, Amtsgericht München, Nymphenburger Str. 16, Raum A124


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„Das Coaching-Konzert“ von Torsten Riemann, präsentiert von Naomi Isaacs, Institute of Charismoloogy, 5./6. Mai 2018, im Einstein-Kultur München

„Das Coaching-Konzert“ – ist ein brandneues Konzept von Songpoet Torsten Riemann.

Unserem jourfixe-Mitglied, Sängerin, Kulturveranstalterin, Autorin und Coach Naomi Susan Isaacs ist es gelungen, den mehrfach preisgekrönten Berliner Songpoeten Torsten Riemann für ein zweitägiges Gastspiel im Münchner Kulturzentrum Einstein zu gewinnen! Der vielseitige Künstler stand bereits als Kind in unterschiedlichsten Rollen auf der Bühne des Berliner Ensembles. Auch seine nachfolgende Vita kann sich sehen lassen: Seit Ende der 80er Jahre hat Torsten Riemann als freiberuflicher Musiker unterschiedlichste Auftritte in Klubs, Theatern und Galerien absolviert sowie Fernseh- und Rundfunkauftritte, u.a. SAT 1, TV Berlin, Deutschland Radio und Radio 1. In München war er zuletzt als musikalischer Bühnenpartner mit dem unvergessenen Kabarettisten Helmut Ruge zu sehen.

“Riemann fängt das Publikum mit seiner Leidenschaftlichkeit ein, nimmt es für sich ein, ohne ihm nach dem Mund zu reden. Liebevoll und warm malt er Situationen und Menschen seiner Lieder aus  ….” Märkische Allgemeine

Seit Mai 2017 ist Torsten Riemann zudem staatlich zertifizierter „Heilpraktiker für Psychotherapie“. Daher fügte er im November 2017  konsequent beide Facetten seines Schaffens zusammen, die als Songpoet sowie die als Coach und Therapeut, was in die PREMIERE seines ersten „Coaching-Konzerts“ mündete. Nach dem erfolgreichen Einstand lautete eine Rückmeldung aus dem Publikum: “Vollkommen erwartungsfrei und sehr neugierig hab ich mich auf diesen, wie sich herausstellte, sehr be sonderenErzähl- und Liederabend eingelassen. Wenn Torsten Riemann einen Pfeil verschießt, dann trifft dieser – ausnahmslos jeden, der hinhört! …und jeden anders. Aus einem „getroffen“ wird auch mal ein „betroffen“ und man trifft auf sich selbst, schonungslos und ehrlich. Ein Abend, der Herz und Seele tief berührt hat. Danke!” 

Ein Highlight am Gastspiel-Wochenende bietet das Frühstück mit Torsten Riemann und Veranstalterin Naomi Susan Isaacs, im Vorfeld des Matinee-Auftritts von Riemann am Sonntag, 6. Mai, um 10.30h „Am Sonntagvormittag, können 10 Konzertbesucher (die ersten 10, die sich verbindlich anmelden) bei einem entspannten Sonntagsfrühstück,Torsten näher kennen lernen und über alles plaudern, was beim Konzert an Ideen und Gedanken aufgetaucht ist.“ so der Einladungstext.

Präsentiert wird Torsten Riemanns Auftritt im Kim-Kino, im Haidhauser Kulturzentrum „Einstein“, vom Institute of Charismology, das Anfang des Jahres, zum Geburtstag von Gründungsmitglied und Initiatorin Naomi Susan Isaacs aus der Taufe gehoben wurde.


Die Eckdaten in Übersicht:

SA, 5. Mai: 20:00h und
SO, 6. Mai: 13:00h  – zuvor Frühstück mit Torsten Riemann und Naomi Isaacs um 10:30h (begrenztes Kontingent)
Eintritt zum Konzert €20,00 – Konzert und Frühstück: €45,00
Kim-Kino im Kulturzentrum „Einstein, Einsteinstraße 42, 81675 München

Informationen und Reservierungen: naomi@charismology.com  


Mehr zu Torsten Riemann:   www.torstenriemann.de

Mehr zum Institute Of Charismology: www.charismology.com 

Mehr zu Naomi Isaacs im jourfixe-BlogbeitragUnd ich gehe heute noch – vom Ausstieg ins Leben …“


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Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

Der Journalist und PR-Fachmann Terry Swartzberg hatte sich des Themas „Antisemitismus“ schon vor einigen Jahren angenommen: „Selbstversuch – Mit Kippa durch München„, titelte die SZ 2015, in einem Beitrag von Jakob Wetzel. Das Experiment sollte ein Jahr dauern, doch er trägt seine Kippa bis heute, besser gesagt, eine seiner über 80 Kippas, die er mir bei sich zu Hause vor einiger Zeit zeigte: Kippas von einer Vielfalt an Motiven, Farben und Materialien, wie ich sie nie vermutet hätte.

Terry Swartzberg, 2017

Inzwischen könnte ich mir Terry ohne eine Kippa schon gar nicht mehr vorstellen. Das Exemplar von Stunde Null seines Versuches befindet sich inzwischen im Haus der  Geschichte in Bonn.

Terry Swartzberg gehört der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München an und engagiert sich, neben seinen beruflichen Kampagnen, für das Gedenken an die Opfer des Holocaust. namentlich als Vorsitzender des Vereins Stolpersteine München. Seit 2017 ist er auch ein geschätztes  Vereinsmitglied  unserer Kulturplattform  jourfixe-muenchen.

Terry in seiner Küche mit der ehemaligen Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle, als Gastgeber bei einem Treffen der jourfixe-Mitglieder, Februar 2018

Nun hat Terry Swartzberg einen Offenen Brief an „alle Jüdinnen und Juden“ in Deutschland verfasst, der mich beeindruckt und in seiner Leidenschaftlichkeit auch bewegt hat, denn er differenziert in meinen Augen die aktuellen Ereignisse, Debatten und Reaktionen zum Antisemitismus in unserem Land, OHNE sie jedoch zu verharmlosen:

Terry Swartzberg

Liebe Mispacha!

Seit 1. Dezember 2012 – seit 1970 Tagen – trage ich eine Kippa in Deutschland.

Wahr ist, dass ich damit keine einzige negative Erfahrung damit gemacht habe. Ganz im Gegenteil: Egal, wo ich hingehe, sei es München, Zwickau oder Berlin-Neukölln, erlebe ich Zuspruch – wenn überhaupt etwas. Den meisten Menschen ist ein Jude mit Kippa überhaupt nicht bemerkenswert.

Und das ist gut so.

Wahr ist, dass neulich ein Mensch mit Kippa schändlichst in Berlin angegriffen wurde. Zur Tatzeit war ich Luftlinie 500 Meter von diesem bedauernswürdigen Mensch entfernt.

Als Jude, der in einem antisemitischen Land – den USA der 50. Jahre – aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener und bitterer Erfahrung, wie schrecklich sich Antisemitismus anfühlt – und welche seelischen Schmerzen er verursacht. Ich leide mit dem Opfer. Als Junge musste ich mich in Oshkosh, Wisconsin, oft mehrere Male am Tag mit Antisemiten prügeln. Wir Juden in Deutschland dürfen und werden keinen einzigen Übergriff tolerieren.

Wahr ist, dass es nicht der einzige Übergriff auf Juden war. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 32 antisemitische Übergriffe – bei schätzungsweise 300.000 hier lebenden Jüdinnen und Juden.

Wahr ist, dass 99.9% aller Jüdinnen und Juden in Deutschland nie in ihren Leben irgend eine Form von Anfeindung erleben.

Wahr ist auch, dass 16% der Deutschen virulent Antisemiten sind. Diese Zahl ist nicht zu relativieren. Es ist mir unverständlich, dass ein Sechstel der Bevölkerung mich hasst. Wahr ist aber auch, dass dieser erschreckende Prozentsatz der niedrigste auf der Welt ist.

Ebenfalls wahr ist, dass sich in Deutschland, seit Ende des 2. Weltkriegs, ein vielfältiges, schnell wachsendes und freudiges Judentum etabliert hat – bestehend aus mehr als 160 Gemeinden und aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Sozial-, Kultur, Freizeit bzw. Theologie-Einrichtungen und -Organisationen. Jüdische Jugendtreffen, Sommercamps, Wandervereine – die Liste ist lang.

Auch wahr ist, dass nirgends auf der Welt das jüdische Kultur so zelebriert wird wie in Deutschland. Man kann in Deutschland fast jeden Tag jüdische Kultur-, Film- oder Literaturtage besuchen. Darin spiegelt sich das große Interesse an der jüdischen Religion. Die Besuchergottesdienste in „meiner“ Gemeinde Beth Shalom München sind oft ausgebucht.

Auch wahr ist, dass es nirgendwo auf der Welt so viele Gruppen gibt, die sehr erfolgreich Brücken – durch Dialoge – zwischen den Religionen bauen.

Terry Swartzberg bei einer Verlegung von Stolpersteinen in München 2016, s. a. > jourfixe-Blogbeitrag

Auch wahr ist, dass kein anderes Land auf der Welt so eine vitale und sich schnell entwickelnde Erinnerungskultur wie Deutschland hat. Und dadurch ist Deutschland – die Brutstätte des Holocaust – das Land mit einer einmaligen Präsenz an jüdischer Geschichte geworden. Kern dieser Kultur und dieser Präsenz sind die Stolpersteine, von denen es mehr als 60.000 in 1.250 Städten und Gemeinden gibt. Durch die Stolpersteine sind „deutsche Städte zu begehbaren und dauerhaften Atlanten vom jüdischen Leben und Leid geworden“ sagt Professor Galit Noga-Banai von der Hebrew University in Jerusalem.

Auch wahr ist, dass diese wichtigen und zentralen Leistungen der vorbildlichen deutschen Zivilgesellschaft jetzt verteidigt werden müssen – gegen einen aufkommenden Rechtspopulismus, der sich oft antisemitisch äußert und der auch deswegen gegen die Stolpersteine poltert.

Auch wahr ist, dass viele der Politiker, die sich so vehement gegen Antisemitismus äußern, eigene Gründe für ihre Solidarität mit uns Juden haben – Gründe, die häufig mit Wahlen zu tun haben.

Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen einer anti-muslimischen Hysterie instrumentalisieren, die in Statements wie diesen zum Ausdruck kommt: „Wir müssen unsere Juden gegen den rabiaten islamischen Antisemitismus schützen“.

Und die Wahrheit ist: All das, was wir Juden in der deutschen Zivilgesellschaft darstellen und erreicht haben, lässt sich nicht verteidigen – und der Kampf gegen aufkeimende Bedrohungen lässt sich nicht gewinnen – indem wir uns verstecken und wieder die Opferrolle annehmen.

Wenn wir tatsächlich so bedroht sind, wie von Herrn Dr. Schuster des Zentralrats der Juden – den ich sehr verehre – avisiert, dann ist die Zeit wirklich gekommen, in der wir 300.000 Jüdinnen und Juden Kippot, Davidsterne und alle anderen Symbole unserer uralten und schönen Religion anziehen und auf die Straße gehen müssen!

Wir müssen jetzt tagtäglich die Konfrontation mit den Antisemiten suchen.

Ich bin bereit dazu.

Ich bin Jude, und ich lehne es ab, in einem Land zu leben, in dem ich eine zentrale Komponente meiner Identität – meine religiöse Zugehörigkeit – verstecken muss, um sicher durch den Tag zu kommen.

Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa.

Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018

Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.

Falls Ihr keine Kippot habt: Ich habe über 80 in meiner Sammlung – manche wild, manche pietätvoll, alle schön. Sie stehen Euch zu Verfügung.

Kadima! Kadima! [hebräisch für „vorwärts“]

Euer

Terry Swartzberg


Terry Swartzberg auf Wikipedia     –     Mehr zur KIPPA

Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München


Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, 25.4.2018

Zur Homepage von  www.stolpersteine.eu   –

Zur Homepage von  www.stolpersteine-muenchen.de


Weitere jourfixe-Blogbeiträge in Zusammenhang mit Terry Swartzberg:

Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von
Rosa Mittereder und Tochter Erna Wihelmine
mit einer Klartext–Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst 
Hintergründe und Details zur Kunstperformance des
„Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“
Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ – Werkschau von Meier/Miserre, Bildhauer und Spion, bis 29. April 2018, im Hotel Le Méridien München

Was für ein Plot, den sich hier das Leben hat einfallen lassen:

Horst Meier, alias Erwin Miserre und seinerzeit DDR-Agent, entdeckt während seiner Mission im Brüssel der NATO, das Brüssel der Kunst. Meier, der schon in der DDR als Kulturjournalist tätig gewesen war, taucht daraufhin, trotz seiner Legende als Elektro-Installateur, tief in die Brüsseler Kunstszene ein. Dabei lernt er einen ihrer wichtigsten Vertreter kennen, den Bildhauer Olivier Strebelle, dessen monumentale Plastiken sich nicht nur in Brüssel finden, sondern  weltweit.

Academie Royale des Beaux Arts in Brüssel

Kurzerhand schreibt sich Meier/Miserre an der Königlichen  Akademie der Künste in Brüssel ein und wird in Folge Schüler und Assistent von Olivier Strebelle. In diese Zeit, Ende der 60er Jahre, “ (…) fiel das künstlerische Erwachen Horst Meiers.

Cover des Buches von Günther Rothe: „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“

Und obwohl er Strebelle so bewunderte, hielt er sich nicht lange mit epigonalen Verbeugungen auf, sondern entwickelte seine ganz eigene und unverwechselbare Formensprache.“ So nachzulesen im Buch/Katalog „Meier/Misserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“, in einem der Vita Horst Meiers gewidmeten Kapitel des Autors Gerald Grundmann. Darin beschreibt Grundmann auch Meiers Skulpturen:

„Deren wesentliches Merkmal sind fließende, organisch wirkende Körper, die sich zwar äußerlich als elegante Einheiten gebärden, aber im Inneren aus präzise gefügten Teilen bestehen, die wie Schlüssel und Schloss ineinanderpassen und keinen Millimeter Spielraum dulden. So hüllen sie Präzision in Ästhetik, Härte in Weichheit, Komplexität in Schlichtheit und stehen sinnbildlich für eine zutiefst menschliche Vielschichtigkeit. (…) 

„Zugriff“ – Skulptur von Horst Meier mit autobiografischem Bezug?

Im Gegensatz zu vielen KünstlerKollegInnen blieb Meier/Miserre viel Zeit, „(…) seine oft komplexen Modelle zu gestalten, weil die Tätigkeit für die HVA nur den kleineren Teil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Er observierte nicht nächtelang Menschen oder wartete in Autos auf deren Ankunft. Nur einmal pro Woche, jeden Mittwoch ab 22 Uhr, war er für das Hauptquartier über Kurzwelle zu erreichen und erfuhr, wen er treffen und was er wohin bringen sollte. So lebte er im Grunde hauptberuflich als Künstler (…)“ rekapituliert Grundmann Meiers Leben in Brüssel. “ (…) In seinem Herzen hatte die Kunst die erste Stelle erobert, und er war nicht länger nur ihr staunender Besucher, sondern ein aktiver Teil ihrer Welt geworden. (…)“

Horst Meier 1972 als Erwin Miserre im belgischen Ostende; Foto: Buch

1976 jedoch gerät sein Leben, zwischen Brotjob als Agent und künstlerischem Dasein, aus der Balance. Enttarnung droht, und aus Sicherheitsgründen beordert man ihn zurück in die DDR. Da er der Stasi als „verbrannt“ gilt, schickt man ihn mit bereits 51 Jahren und einer auskömmlichen Rente in den Ruhestand. Dieser Umstand erlaubt ihm die nahtlose Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit. Gleichwohl schmerzt ihn die Trennung von Brüssel und vor allem von seinem zwischenzeitlich zum Freund gewordenen Mentor Olivier Strebelle, dem er die Gründe seiner Umsiedelung nicht erläutern darf.

Den Freundeskreis in seiner neuen alten Heimat hält Horst Meier begrenzt. Dazu zählt ab den 1980er Jahren auch der Leipziger Musiker und Maler Günther Rothe, der zudem eine kleine Kunstgießerei betreibt, eine Nebentätigkeit, die die beiden Männer zusammenführt. Seit Meiers Tod 2016 verwaltet Rothe auch den Nachlass des Bildhauers und widmet ihm besagtes Buch „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit„, in dem er Werk und Vita des Freundes detailliert in Texten unterschiedlicher Autoren präsentiert sowie anhand von Fotografien des Künstlers und seiner Werke. Im Vorwort zu diesem Buch erinnert Rothe:

Kurator Günther Rothe eröffnet die Ausstellung „Meier/Miserre“ im Hotel Le Méridien München, im Januar 2018

Als ich ihn 1982 in seinem Atelier in Freudenberg bei Berlin zum ersten Mal traf und seine Modelle und Plastiken betrachten und berühren durfte, war ich unmittelbar ergriffen von ihrer außergewöhnlichen visuellen Sprache, ihrer Sinnlichkeit und Ästhetik. Horst Meier und ich haben uns auf Anhieb verstanden und deshalb in den kommenden Jahren – zwar sporadisch, aber immer wieder gern – zusammengearbeitet. Erst seine schwere Erkrankung, die ihn zunehmend von der Welt und ihren Menschen entfernte, hinderte uns daran. Umso mehr war es mir eine Ehre und Verpflichtung als er mir die Verwaltung seines künstlerischen Erbes und die Ausführung der gusstechnischen Arbeit zur Fertigstellung seiner im Modell vorhandenen Plastiken antrug. In diesem Katalog sowie in weiteren Publikationen und Ausstellungen werden sie daher erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (…)

An diesen Vorsatz hat sich Rothe gehalten und das Werk des Freundes aus jenem Dornröschenschlaf geweckt, in dem es sein Schöpfer, selbst noch nach der Wende, bewahrt hatte. Der Publizist Martin Tschechne, der mit einem Beitrag in Rothes Buch vertreten und Namensgeber des Buchtitels ist, hält diesen Umstand für das Werk künstlerisch von Vorteil: „Kein Markt und keine öffentliche Kritik hatten die Gelegenheit, darauf Einfluss zu nehmen, es zu verwässern, zu korrumpieren, es zu zerreden und seine Intensität zu relativieren.

Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen. mit Influencerin und Moderatorin Alexandra Polzin nach der Vernissage im Le Méridien München, 29.1.2018;

Jedoch ein Leben lang, konsequent und mit künstlerischer Hingabe „nur für die Schublade“ zu arbeiten, beinhaltet auch den Verzicht auf jene öffentliche Anerkennung, die für Kunstschaffende doch der eigentliche, unverzichtbare Lohn ihrer Arbeit bedeutet? Jedenfalls zumeist. Persönlich sind mir in meinen über zwei Jahrzehnten vor und auf der Bühne sowie im Kunstbetrieb allgemein, noch nie zuvor KünstlerInnen begegnet, die auf Publikum freiwillig verzichtet hätten. Und selbst würde ich mir auch nicht die fortgesetzte Plünderung meines Innenlebens zu künstlerischen Zwecken zumuten wollen, ohne nach wenigstens einem klitzekleinen Bisschen Applaus zu schielen … Chapeau vor Horst Meiers einmaligem Mangel an künstlerischer Eitelkeit!

Inzwischen jedoch erregen Werk und Vita von Horst Meier – Künstler und Spion“ – Süddeutsche Zeitung – erhebliches mediales Interesse und eine von Günther Rothe kuratierte Ausstellung befindet sich seit 2017 „on tour“, aktuell im Hotel Le Méridien Munich. Dort fügen sich die Skulpturen auf erstaunliche Weise in das Ambiente des Hotels ein, so dass man die Exponate auf ersten Blick gar nicht einer Wanderausstellung zuordnet, sondern sie für Teil der Raumausstattung hält! So zumindest empfand ich es, zumal ich im Vorfeld auch keine Zeit gehabt hatte, mich mit dem Hintergrund dieser Vernissage auseinander zu setzen.

Die Gäste strömen zur Vernissage von „Meier/Miserre“ im Präsentationssaal des Hotel Le Méridien München. Rechts im Bild: Kurator Günther Rothe

Nachdem bereits im Oktober 2017 unser jourfixe-Mitglied Dirk Schiff hier sehr erfolgreich seine Benefiz-Ausstellung We Are All The Same, mit Uschi Glas als Ehrengast, präsentiert hatte, reizte es mich, einmal privat an einem der Kunst-Events dieses Hotels teilzunehmen, in Begleitung des Kunstfotografen und seinerseits jourfixe-Mitglieds Bernd Sannwald, der mir, noch unter dem Eindruck des Erlebten, ein begeistertes Feedback mailte:

PR-Dame Michaela Rosien und Fotograf Bernd Sannwald; Foto Marian Wilhelm

Herr Rothe stellte engagiert und mit leuchtenden Augen  (neben einem Video über die Guss-Herstellung) Meier/Miserres Skulpturen vor, die allerhöchsten Ansprüchen genügen und eine Augenweide sondergleichen sind; aus vielen Einzelstücken zusammen gesetzte Meisterwerke eines Künstlers, der ebenso geheimnisvoll wie genial war (…) schwärmte Sannwald. Und weiter:

Das Publikum folgt der Einführung von Kurator Günther Rothe mit atemloser Spannung: Diese Vernissage eröffnet nicht mit verbalen Elfenbeintürmen aus der Welt der Schönen Künste, sondern mit der Schilderung eines Daseins im noch nie dagewesenen Spannungsfeld zwischen Kunst und Geheimdienst!

„Für mich gestalteten sich dieser Abend, die Begegnung mit Herrn Rothe, dessen Begeisterung, Meier/Miserres Werke und Geschichte, zutiefst erfüllend, umwerfend, voller Staunen und Bewunderung! Kurz: Gigantisch! ! Ein absolutes Muss für Kunstinteressierte!

Einige der noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien München ausgestellten Skulpturen von Horst Meier, fotografiert während der detaillierten Führung von Kurator Günther Rothe, Januar 2018

Dabei sind die Skulpturen auf verschiedenste Weise anziehend: Die filigrane Arbeit, die unterschiedlichen Materialien und Oberflächen, die Formen, die mich zum Teil an Arbeiten von Otto Freundlich erinnern –

Millimeterarbeit: Fotograf Bernd Sannwald kommt beim Zusammensetzen einer Skulptur von Horst Meier  ganz schön ins Schwitzen. Kurator Günther Rothe assistiert …

… Und dann durfte ich noch eine Skulptur zusammen setzen. Die Einzelstücke, wie Schmeichler in die Hand nehmen und dann zusammen fügen, was gar nicht so einfach war. Dank von Herzen!

Kurzum und ins Neu-Deutsche übertragen: Bernd Sannwald hat die Kunst von Horst Meier „angefixt“. Inzwischen selbst Besitzer einer „Meier“-Skulptur, steht er zudem weiterhin mit Günther Rothe in Kontakt. Als Fotograf selbst im Reich der visuellen Kunst unterwegs, entdeckte sein Auge an jenem Abend noch wesentlich mehr Details an den Skulpturen als ich es vermochte. Mir vermittelte jedoch Günther Rothes anschließende Führung durch die Ausstellung einiges mehr an Verständnis, nicht nur für die Besonderheiten der Skulpturen, sondern auch für die aufwändigen Techniken des Gießens, die den Werken zugrunde liegen und auf die auch im Buch „Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ in einem separaten Kapitel eingegangen wird.

Alexandra Polzin, Suzanne Landsfried und Hoteldirektor Frank Beiler, Le Méridien, vor einer goldfarbenen Skulptur von Horst Meier; Foto: Marian Wilhelm

Aber nun möchte nicht ausgerechnet ich diejenige sein, die ein hochspannendes künstlerisches Vermächtnis virtuell doch noch zerredet, sondern Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und Leser aus München, einen Besuch der öffentlichen Ausstellung im Foyer und ersten Stock des Hotel Le Méridien Munich, noch bis 29.4.2018 empfehlen, denn, wie Kurator Günther Rothe so wunderbar treffend am Ende seines Vorworts schreibt:

Noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien zu besichtigen: Skulptur von Horst Meier

In ihrer Gesamtheit bilden die Plastiken ein unverkennbar zusammengehöriges Oeuvre und zeigen doch, jede für sich, ihre ganz eigenen Qualitäten, die unsere Phantasie beflügeln und ihre Geheimnisse unserer Entdeckung überlassen. Denn …

… die Bedeutung eines Kunstwerks liegt nicht im Willen seines Schöpfers – oder im Sachverstand von Gelehrten -, sondern in der Vorstellungskraft seiner Betrachter.“


Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.


„Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ > 2016, im Verlag Michael Imhof erschienen, ISBN-10: 3731904179 – ISBN-13: 978-3731904175


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„Porajmos“: „das Verschlingen“ Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943, eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19. März 2018

Das Romanes-Wort Porajmos [poraɪmos] (auch Porrajmos, deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Er bildet einen Höhepunkt der langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt sie innerhalb einer großen Spannbreite, ist jedoch sechsstellig. Wie der Völkermord an den Juden (Shoa) steht Porajmos für den Versuch der kollektiven Vernichtung. Jeder, der von den nationalsozialistischen  Erfassungsinstanzen – im Altreich ein Verbund aus pseudowissenschaftlichen und kriminalpolizeilichen Gutachtern, außerhalb oft spontan entscheidende Akteure der Verfolgung – dem „Zigeunertum“ zugeordnet wurde, war grundsätzlich von Vernichtung bedroht. Dem lag die rassistische Deutung der Angehörigen der Minderheit als „fremdrassige“ „geborene Asoziale“ zugrunde. „Zigeuner“ wurden zu Objekten eines „doppelten“, des ethnischen wie des sozialen Rassismus. (Quelle: Wikipedia )

Familie Höllenreiner 1942; Viele Angehörige der großen Familie wurden am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten .© Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Dass somit auch Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist bis heute in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich präsent. Oft nur vage entsinnt man sich, von medizinischen Experimenten an „Zigeunerkindern“ gehört zu haben, wie zuletzt im TV-Beitrag „Die unheilvolle Narbe“ von Constanze Hegetusch oder von „Zigeunerlagern“. Über die tatsächliche Dimension des  Porajmos jedoch ist noch immer wenig bekannt. Ebenso wurde die fortwährende Ausgrenzung der Sinti & Roma in der Bundesrepublik lange nicht wirklich thematisiert. Auch der Kampf Betroffener um Wiedergutmachung zog sich über Jahrzehnte hin; viele Opfer, körperlich wie seelisch durch den Porajmos gezeichnet, gaben vorzeitig auf. Erstmals 1980 sensibilisierte ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema.

Beendigung des Hungerstreiks in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, 1980: Uta Horstmann, Anton Franz, Dronja Peter, Hans Braun, Romani Rose, Jakob Bamberger, Fritz Greußing, Franz Wirbel (v.l.n.r.) (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Bis heute Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti & Roma in Deutschland, engagiert Romani Rose sich weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft für die Gleichstellung dieser Minderheit in unserer Gesellschaft und für die bewusste Erweiterung des Begriffes „Holocaust“ AUCH auf seine Ethnie, im Sinne einer verbesserten Wahrnehmung des „Porjamos“ in unserer Mehrheitsgesellschaft. Leider erlebe auch ich immer wieder – und habe wiederholt darüber geschrieben – dass in offiziellen Reden oft ausschließlich der „Antisemismus“ zur Sprache kommt, „Antiziganismus“ oder  „Rassismus“ jedoch unerwähnt bleiben.

Engagierte Aktivisten: Romani Rose rechts, mit Alexander Diepold/Madhouse, Bildmitte, 2016, im NS-Dokumentationszentrum München, links Drehbuchautor Peter Probst; Foto: Oliver Stey

Doch jetzt stellt die Landeshauptstadt München, gemeinsam mit dem Stadtarchiv München, die Geschichte und aktuelle Lebenssituation der Sinti und Roma in München in den Mittelpunkt einer umfassenden Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018: Dies geschieht in Kooperation mit der Familienberatungs- und Begegnungsstätte Madhouse, die seit über 30 Jahren von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold geleitet wird. Auszug aus dem Programm-Flyer:

Cover des Programm-Flyers

Am 13. März 2018 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Münchner Polizei 130 Sinti und Roma aus München und Umgebung in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportieren ließ. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ hatte Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 den Auftakt für die reichsweiten Deportationen der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz gegeben, auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet. Schon am 8. März 1943 begannen in München die Verhaftungen ganzer Familien. Bis heute ist die Zahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. (…)

Die Landeshauptstadt München ehrt die Opfer dieses Völkermords in einer Gedenkveranstaltung am 13. März 2018 im Rathaus.

Sandro Roy, Foto: Ch. Hartmann

Den musikalischen Teil dieses Festakts für geladene Gäste bestreitet der virtuose Sandro Roy, einer der schillernsten  Namen der jungen Generation von Klassik- und Jazzgeigern, mit seinem Trio.

Zuvor werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der deportierten Münchner Sinti und Roma verlesen.

Die Veranstaltungsreihe umfasst Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER

Adrian Gaspar – Quelle

Musik und deren Interpreten – wie könnte es anders sein 😉 – wird bei der gesamten Veranstaltungsreihe eine Rolle spielen. Neben Geiger Sandro Roy ist u.a. das Lancy Falta Syndicate vertreten. Einen interaktiven Antiziganismus-Workshop gestaltet der Pädagoge und Musiker Adrian Gaspar, mit dem Ziel, Vorurteile gegenüber Sinti und Roma abzubauen.

Schon im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe eine erfreuliche Nachricht:

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern; Quelle

Bayern hat am 20. Februar 2018 einen Staatsvertrag mit dem Landesverband der Sinti und Roma unterschrieben, der deren Rechte schützen und Wiedergutmachung sein soll …  >>>  BR-Mediathek


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„Der Turm rockt!“ – Zur Entstehung des Rockmuseums im Olympiaturm und zum Jubiläumsprogramm am SO, 25.2.18: Führungen ab 11 Uhr, Claudia Cane & Band, 15 Uhr

50 Jahre Olympiaturm und der Turm rockt! Das hätten sich die Erbauer des Münchner Olympiaturms seinerzeit so nicht träumen lassen: Dass sich eines Tages „ihr Turm“, das höchste Gebäude Münchens, zur Anlaufstelle für Rockmusik-Fans aus aller Welt entwickeln würde!

Dank einer visionären Initiative, im Alleingang von Herbert und Gabi Hauke sowie Arno Frank Eser gestemmt, eröffnete 2004 das Rockmuseum Munich im ersten Stock des Olympiaturms. Die BesucherInnen erwarten dort faszinierende Exponate aus der internationalen Rockszene: “ (…) signierte Schallplatten, Poster, Bühnen-Outfits, Fotos, Dokumente, Instrumente, Tickets und vieles mehr. Darüber hinaus viele Events wie Konzerte, Lesungen und spezielle Foto-Ausstellungen. Seit kurzem gibt es sogar eine App, die all das zeigt, was aus Platzmangel auf dem Olympiaturm nicht live zeigt werden kann,“ erläutern die Betreiber. Für ihr Museum hatten sie Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, Klinken putzen müssen. Ein ehemaliger städtischer Vertreter der Münchner Kulturszene beschied Hauke und Eser damals (sinngem.) München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige …

Längst freut sich auch die Landeshauptstadt München über diese weitere, originelle Adresse in ihrer Museenlandschaft und erwähnt sie ganz selbstverständlich auf ihrem offiziellen Internetportal: „Bei der Eröffnung war reichlich Rock-Prominenz vertreten: Uriah Heep, Drummer Pete York, Leslie Mandoki oder der Isarindianer Willy Michl. ( mehr …)

Tja, … und eine gewisse Gaby dos Santos mischte sich damals auch unter das Eröffnungspublikum 😉 Als Begleiterin der Musikjournalistin Ingeborg Schober. Zu der Zeit ahnte niemand, dass Schober dort, im Duo mit ihrem Gitarristen Bernhard Weber, einige der letzten Auftritte ihres Lebens bestreiten würde; Lesungen aus ihren zahlreichen Musikbiografien, zu Jim Morrison oder Janis Joplin sowie aus ihrer letzten Veröffentlichung Poptragödien, in denen sie tragische Momentaufnahmen im Leben internationaler Popstars skizziert. Damals hatte ihr eigenes Leben bereits eine tragische Wendung genommen, vor allem finanziell. Daher organisierten mein Freund Henning Halfpap, damals beim  jourfixe-muenchen für IT- und Technik zuständig, und ich kostenlos Equipment aus dem Artist Studio München und fuhren via Lift – gefühlt – jedes Teil einzeln  in den ersten Stock zur Lesung. Der Aufwand lohnte: Die intime Atmosphäre auf Tuchfühlung mit Exponaten unserer Jugendidole, von denen uns Ingeborg Schober mit der ihr eigenen, rauchigen Stimme erzählte, dazu der Rundumblick über das nächtlich beleuchtete München …

Janis Joplin, dahinter Claudia Cane und im Vordergrund Ingeborg Schober, vereint in einer Bildcollage aus „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“, für die mir auch Herbert Hauke einen O-Ton beisteuerte

2015 interviewte ich dann Rockmuseum-Chef Herbert Hauke zum 5. Todestag von Ingeborg Schober, zu dem ich ein gerade ein Portrait vorbereitete: Ingeborg Schober – eine Poptragödie. In selbiger Produktion übernahm unser jourfixe-Mitglied – und Deutschlands Antwort auf Janis Joplin – Claudia Cane, den Gesangspart. Ende Februar 2018 schließen sich nun wieder einmal Kreise:

Am 25.2.18, 15 Uhr, rocken Claudia Cane & Band dem Oly-Turm ein Geburtstagsständchen

Zum 50. Geburtstag des Münchner Olympiaturms, am So, 25.2.2018, neben launigen Führungen der Museumsgründer durch die kleine, feine Ausstellung, um 11:00 Uhr, um 14:00 Uhr und um 16:00 Uhr, spielen Claudia Cane und Band um 15:00 Uhr im Rockmuseum auf„weil Rock nur lebt, wenn er rockt,“ so die Veranstalter.

Sollte Ingeborg Schober, die die Idee eines Rockmuseums in München von Anfang an unterstützt hatte, am Sonntag von Wolke Sieben aus zusehen, wird ihr das bunte Treiben im ersten Stock des „Oly-Turms“ gefallen, dessen bin ich mir ganz sicher …

Yeahhh …

Das Rockmuseum Munich auf Facebook     sowie auf der Homepage unter >>>  www.rockmuseum.de


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Eine kleine Chronik zum Frauenwahlrecht

Ich muss Ihnen ja wohl nicht sagen, meine Damen, dass diese ganze Emanzipationsgeschichte für uns Frauen ein Fluch ist. Denn es ist – meine Damen – ein Privileg, sich ganz der Familie widmen zu können. Frauen in der Politik, meine Damen, ist schlicht gegen die göttliche Ordnung (…)

Demonstration von Sufragetten 1912, in New York; Quelle: Library Of Congress’s

Dieser Kommentar richtet sich keineswegs gegen die Sufragetten, die Anfang des 20. Jahrhundert leidenschaftlich und teilweise sogar unter Einsatz des Lebens, um das Wahlrecht für Frauen kämpften. Vielmehr stammt dieser Satz aus der gleichnamigen, absolut sehenswerten Schweizer Kömödie „Die Göttliche Ordnung.“ die vom Kampf der Schweizerinnen im Jahr !1971 um ihr Stimmrecht erzählt.

Anlässlich einer Feier zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Landtag, warf die BayernSPD  einen Blick zurück auf den beschwerlichen Weg der Europäerinnen bis an die Wahlurnen ihrer Nationen:

Kurt Eisner rief am 8. November 1918 nicht nur den Freistaat Bayern aus, sondern auch das Frauenwahlrecht. Tapfere Frauen wie die Feministinnen Anita Augspurg und Lida Heymann hatten für die Rechte von Frauen gegen viele Widerstände gekämpft. Zum ersten Mal in Deutschland durften Frauen dann bei der Bayerischen Landtagswahl am 12. Januar 1919 an die Wahlurnen. Ein halbes Jahrhundert hat es noch gedauert, bis die Schweizer Frauen ihr Wahlrecht erstritten hatten. Wie ihnen noch in den 70er Jahren der Zugang zu vielen Bereichen des Lebens verwehrt wurde,zeigt der Film „“Die Göttliche Ordnung„“ sehr lebensnah. (…)

Frauenwahlrecht? Pro und Kontra in der Schweiz, 1971

Die Eidgenossen gehörten damit zu den Schlusslichtern in Bezug auf das Frauenwahlrecht. Und – nota bene! – sowohl die Schweiz als auch Liechtenstein holten als einzige Länder dazu keinen Parlamentsbeschluss ein, vielmehr waren die Männer selbst aufgerufen, darüber abzustimmen. Dass die kein großes Interesse hegten, den Frauen allgemein – und den eigenen insbesondere, freiwillig mehr Rechte einzuräumen, liegt in der Natur des Menschlichen. Von der Reaktion der Liechtensteinerinnen berichtet der WDR auf seiner Internetseite:

Begrenzte Begeisterung gegenüber der „Damenwahl“, Berlin, 1919

Jetzt gehen die Frauen in die Offensive: Eine „Aktion Dornröschen“ will nicht länger schlafen, bis ein Prinz sie aufweckt. Die Frauen klagen vor dem Staatsgerichtshof von Liechtenstein. Der bemüht allerdings das Neue Testament: „Die Frau schweige in der Gemeinde.“ Daraufhin reichen zwölf Frauen Klage beim Europarat ein. Liechtenstein mache sich einer massiven Menschenrechtsverletzung schuldig, es sei ein Geschlechter-Apartheids-Staat. Der außenpolitische Druck wirkt. 1984 gibt es erneut ein Referendum – und nun eine knappe Mehrheit von 51,3 Prozent für das Frauenwahlrecht. 1992 wird die Gleichberechtigung in der Verfassung festgeschrieben, seit 1999 gibt es ein Gleichstellungsgesetz.

Die Frauen in Liechtenstein haben damit noch vor der Jahrtausendwende erreicht, was in Finnland schon seit 1906 gilt (…), wie mir bereits unser jourfixe-Mitglied, die finnische Sängerin Tuija Komi, berichtet hatte. Im damaligen Finnland, einem russischen Großfürstentum, herrschten soziale Unruhen, die schließlich nicht nur den Frauen, sondern generell der Mehrheit der Bevölkerung erstmals zum Wahlrecht verhalfen. Nachdem Finnland, das Frauenwahlrecht eingeführt hatte, folgten Norwegen im Jahr 1913, Dänemark und Island 1915.

Frauen bei einer Wahl, Wien 1912, Quelle: Wikimedia

Olympe de Gouges, Pastell von Alexander Kucharski (1741–1819)

„Dem Erlangen des Frauenwahlrechts ging ein langer Kampf der Frauenbewegung voraus, der bereits im 18. Jahrhundert begann“, so nachzulesen auf Wikipedia:“ Als erste „moderne“ Kämpferin für das Frauenwahlrecht gilt Olympe de Gouges. Sie verfasste im Laufe der Französischen Revolution unter anderem die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (veröffentlicht September 1791), wurde zur Zeit der Terrorherrschaft im Sommer 1793 verhaftet wegen Feindschaft zu Robespierre und im Herbst nach kurzem Schauprozess hingerichtet.

1776 wurde im US-Bundesstaat New Jersey durch Verfassung das Wahlrecht für alle Personen ab einem gewissen Besitzstand eingeführt. Das galt somit auch für Witwen, nicht jedoch für verheiratete Frauen, weil diese nichts besitzen durften; das Wahlrecht wurde 1807 auf Männer eingeschränkt.“

Eine Vorreiterrolle bzgl. des Frauenwahlrechts nahmen die sozialdemokratischen Parteien ein: „Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht […] ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen!“, forderte  die SPD in ihrem Erfurter Programm von 1891.

Heutzutage sind Wahlen auch für uns Frauen so selbstverständlich, dass eine ganze Reihe von uns nicht einmal mehr dieses Recht wahrnimmt! Und selbst wenn: Gleichstellung erschöpft sich nicht im Recht, Kreuzchen auf Wahlzettel malen zu dürfen. Statistiken zum Anteil von Frauen an den Schaltstellen in Wirtschaft, Industrie, Kunst und Kultur widersprechen nach wie vor dem Anspruch einer Gleichstellung von Mann und Frau! So sind auch im 21. Jahrhundert wir Frauen gefordert, uns für unsere Gleichberechtigung in allen Lebenslagen einzusetzen. Das sind wir uns schuldig, unseren Töchter und ganz besonders unseren Vorreiterinnen, die für ihren Kampf weit mehr aufs Spiel setzen mussten, als nur Zeit und Energie!

Frauen tanzen ausgelassen in den altehrwürdigen Hallen des bayerischen Landtags, allen voran Schauspielerin Veronika von Quast (li). So geschehen bei der SPD-Veranstaltung zu „100 Jahre Frauenwahlrecht„, im Dezember 2017


Titelmotiv: ZDF heute/Facebook, Bild-Quelle: Bundestag


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