Gottes verstoßene Kinder? – Über die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität, Gastbeitrag von Jon Michael Winkler >Teil 1: Die Bibel unterm Regenbogen

„Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Sprüche Salomos, 11,24-12,1)

Jon Michael Winkler, Komponist, Musiker und  Autor,  Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen

Vergleichsweise leben wir als schwule und lesbische BürgerInnen der westlichen Welt auf den „Inseln der Glückseligen“. Und es gibt viele Stimmen, die meinen, dass wir als Homosexuelle nun doch alles erreicht hätten und es eigentlich keine Gründe mehr gäbe, uns zu beklagen oder öffentliche Diskussionen zum Thema „queerer“ Gleichberechtigung zu führen. Das halte ich für einen Irrtum, denn eigentlich fangen wir erst damit an, die jahrhundertelange Geschichte der Ächtung und Verfolgung aufzuarbeiten, gesellschaftlich und im eigenen Innern. Was ist da schon ein halbes Jahrhundert öffentlich artikulierter Emanzipationsversuche im Vergleich zu fast 2000 Jahren der Unterdrückung? Immerhin ist die „freie Wahl der sexuellen Orientierung“ immer noch kein Bestandteil der Menschenrechtscharta und in über 70 Ländern der Erde werden Menschen dafür strafrechtlich verfolgt und sogar umgebracht. Wie könnten wir, die wir hier das Privileg haben, offen über das Thema zu sprechen, also darüber schweigen? Machten wir uns da nicht mitschuldig am Verbrechen an unseren Brüdern und Schwestern?

Verbrennung von Templern wegen angeblicher Sodomie; Anonym – Bibliothèque Municipale, Besançon, France. Erich Lessing/Art Resource, NY.

2011 scheiterte der letzte Vorstoß der Aufnahme dieser Rechte in die Charta am Widerstand religiös-fundamentalistischer Staaten, muslimisch wie christlich, hauptsächlich aus dem arabischen und afrikanischen Raum. Und daraus wird ersichtlich, dass das Urteil über Homosexualität oder richtiger gesagt, das Vorurteil im Bereich des Religiösen wurzelt, d.h. in der homophoben Interpretation der sog. „heiligen Schriften“, die sich über Jahrhunderte auch in der Gesetzgebung und damit auch im Verhalten der ihr untergeordneten Völker niedergeschlagen hat. Auch in unseren Breitengraden ist, trotz aller rechtlichen Errungenschaften zu Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz, der Begriff der „Homosexualität“ immer noch dazu geeignet bei vielen diffuse Emotionen auszulösen. Diese verstärken sich noch, wenn er mit dem der „Spiritualität“ (auch als Synonym für „Religion“) in Verbindung gebracht wird. Spüren Sie doch einmal kurz in sich selbst hinein, wie Sie selbst das empfinden.

Erste Nennung der Worte „Monosexual“, „Homosexual“ und „Heterosexual“ in einem Brief vom 6. Mai 1868, aus Hannover

Nach wie vor haftet für viele dem Begriff der Homosexualität etwas „Schmutziges“ an, das mit den „reinen Gefilden“ der Spiritualität nicht vereinbar scheint. Doch ist diese Beurteilung auch berechtigt und wie ist es dazu gekommen? Und wenn sie es nicht ist, was ist dagegen zu tun? Diesen Fragen ging ich am Dienstag, 15.11.2016 in meinem essayistischen Vortrag im Münchner SUB  nach: „Gottes verstoßene Kinder? – Sind Homosexualität und Spiritualität wirklich unvereinbar?“. Essay heißt ja nichts anderes als Versuch und als solchen verstand ich auch meinen Vortrag. Es war ein erster Versuch meinerseits mich der Gestaltung dieser komplexen Fragestellung anzunähern, die Stofffülle auf ein verdauliches Maß zu komprimieren.

Jon Michael Winkler, Author dieses Essays, vor seinem Vortrag im Münchner SUB  mit Gaby dos Santos, die den Abend moderierte

Dabei war ich sehr gespannt, wie groß das Interesse am Thema überhaupt sein würde und wer zur Veranstaltung käme. Da ich die Fragestellung auf dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte abhandeln wollte und damit zwangsläufig die betreffenden Textstellen des Alten und des Neuen Testaments beleuchten musste, hatten Gaby dos Santos und ich Vertreter der katholischen und evangelischen Amtskirchen eingeladen: Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ–Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und Wolfgang Scheel, evangelischer Pfarrer der bayrischen Landeskirche, Mitglied im lesbisch–schwulen Konvent und im Redaktionsteam der Zeitschrift „Werkstatt Schwule Theologie„, sowie einen politischen Vertreter, Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe. Eine echte Herausforderung für mich als Nicht-Theologen…

Am Anfang der Betrachtungen stand der Versuch einer annähernden Definition der zentralen Begriffe der Homosexualität und der Spiritualität. Offen gesagt ist Begriff „Homosexualität“ aus verschiedenen Gründen ein völlig irreführendes Wort, für die Außenstehenden wie die Bezeichneten selbst. Dieses von Karl Maria Kertbeny 1868 geschaffene griechisch-römische Kunstwort betont in seinem Wortstamm eben nur das Sexuelle. Das emotionale und intellektuelle Innenleben eines „homosexuellen“ Menschen wird darin nicht abgebildet, als wäre es für den Unterschied zum sog. „Normalen“ nicht relevant oder gar inexistent.

Karl Maria Kertbeny, Lithographie von Eduard Kaiser, 1856

Dabei ist das Ausschlaggebende ja gerade nicht das von der Norm abweichende sexuelle Begehren, von dem der Heranwachsende oft selbst noch gar nichts weiß. Es ist sein Anderssein, das er meist von Kindesbeinen als unfreiwilliges Außenseitertum erlebt. Die Welt um ihn herum, Familie, Mitschüler, Lehrer, scheinen ihm oft fremd, weil er anders empfindet als sie. Durch seine besondere Sensibilität entwickle er oft ein hohes Maß an Reflexion und Skepsis, Dinge zu hinterfragen und nicht als gegeben zu nehmen. Da er aber sowohl die von der Mehrheit stillschweigend akzeptierte Sicht des „Mainstreams“ kennt, als auch seine eigene Perspektive, die mehr als die scheinbar festgeschriebenen Geschlechterrollen in Frage stellt, wird er zum Grenzgänger zwischen zwei Welten. Sein Blick reicht weiter und kann, sofern seine „Veranlagung“ nicht als „Makel“, sondern als „Begabung“ verstanden wird, auch die restliche Gesellschaft bereichern.

Das behaupten etliche Autoren zum Thema, wie z.B. Toby Johnson in seinem preisgekrönten Buch „Gay Spirituality“, wenn er vom Homosexuellen als „weird wall walker“ spricht und auf die besondere Achtung homosexueller Schamanen in primären Stammeskulturen aufmerksam macht. Auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung gesteht in seiner ansonsten ambivalenten Bewertung gleichgeschlechtlich Liebenden eine besondere Begabung für Spiritualität zu. Das erklärte auch den überdurchschnittlich hohen Anteil an schwulen Männern im katholischen Klerus – aber nicht nur dort, auch in buddhistischen Klöstern Japans und Chinas oder auch unter werdenden Mullahs islamischer Universitäten ist der Prozentsatz außerordentlich hoch.

Der alte und der junge Mönch zu Besuch beim reichen Mann (Ende der Ching Periode)

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über „Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Die bisherigen Begegnungen homosexueller Menschen mit den Amtskirchen und ihren Gemeinden war bis vor einigen Jahren allerdings nicht unbedingt von Sympathie und Offenheit geprägt. Kein Wunder also, dass sie sich hier nicht angenommen und geborgen gefühlt haben. Viele haben auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und rundheraus alles abgelehnt, was mit dem Thema „Religion“ zu tun hat. Andere sind aufgrund ihres Glaubensbedürfnisses geblieben, dazu gezwungen ihre Neigungen zu verbergen und ein geradezu „schizophrenes“ Doppelleben zu führen. Der Rest suchte Zuflucht bei anderen Weltreligionen oder -anschauungen und fanden sich nicht selten mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert, wegen derer sie die Heimat ihres früheren Bekenntnisses verlassen hatten und fühlten sich damit noch heimatloser.

Ich hatte für meinen Vortrag deshalb auch ganz bewusst den Begriff der „Spiritualität“ statt dem der „Religiosität“ verwendet. Spiritualität ist schlichtweg der weitere Begriff und verhält sich zur Religion, wie der Begriff der Ethik zu dem der Moral. Religion und Moral sind meist starr definierte, tradierte Normen und Werte einer Gesellschaft, wo hin gegen Ethik und Spiritualität eine Frage des individuellen Gewissens wie der persönlichen Erfahrung sind. Spiritualität kann ganz wie ihre begriffliche Vorgängerin, die „Frömmigkeit“, einem religiösen Bekenntnis entspringen.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Sie kann aber auch völlig losgelöst von jeglicher Religion sein – sie radikal infrage und sich sogar gegen sie stellen. Maßstab kann hier nur das eigene Gewissen sein oder wie der indische Denker und Lehrer Jiddu Krishnamurti es in seinem Buch „Vollkommene Freiheit“ formulierte: „Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe. Das ist die absolute, unbedingte Wahrheit, sie ist das Leben selbst.“

Papst Franziskus 2015

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Dalai Lama – Foto: Christopher Michel

Und auch der Dalai Lama als Oberhaupt der tibetischen Buddhisten hat entsprechende Worte gefunden: „Alle großen Weltreligionen, mit ihrer Betonung der Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Vergebung können innere Werte fördern. Die Realität unserer heutigen Welt ist jedoch, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, unsere Ethik auf Religionen zu gründen…Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen, …einer Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich und brauchbar ist… In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden… Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.“

Diese Haltung als Basis eines über die Grenzen von Religion und Weltanschauung hinausgehenden Dialogs auf Augenhöhe kann ich dabei nur begrüßen und halte ihn für äußerst friedensstiftend. Wohin das wortwörtliche Festhalten an einer „heiligen Schrift“ und die Bekämpfung „Andersgläubiger“ führt können wir tagtäglich in betrübenden Nachrichten sehen. Dies kann keinesfalls der zukünftige Umgang der Menschheit mit dem Thema Religion sein oder wie Hermann Hesse in „Narziss und Goldmund“ so treffend formulierte: „Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.“

Die „Unbestechlichkeit des Selbst“, das Vertrauen auf das sich selbst prüfende Gewissen als letzte Instanz und die intellektuelle Redlichkeit werden sicherlich die Instanzen sein, mit dem wir uns dem Thema „Spiritualität“ zu nähern haben. Zusammen mit dem Verständnis der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Psychologie und speziell mit der von C.G.Jung entwickelten Tiefenpsychologie, in der wohl als erster der Zusammenhang zwischen traditionellen, spirituellen Entwicklungswegen und moderner Psychotherapie erkannt und formuliert wurden.

Sascha Schneider, Winnetous Himmelfahrt, 1904, Buchcover zu Winnetou III von Karl May

So gesehen steht am Anfang der Religionsgeschichte der Schamane oder Zauberer als Prototyp und Archetyp des Propheten, Priesters und Therapeuten. Das zentrale, ihn bezeichnende Motiv ist die Fähigkeit zur Verwandlung. In Tierfelle gehüllt kam er in Kontakt mit jenen überweltlichen Mächten, die über einen erfolgreichen Ausgang der Jagd entschieden und einen fortdauernd reichen Wildbestand sicherten. Doch es gibt noch eine ganz andere Art der Verwandlung von männlichen Schamanen, nämlich den Geschlechtswechsel oder die sog. „Transvestition“, das Tragen der typischen Frauenkleidung als äußerliches Merkmal der inneren Metamorphose, die vom Betroffenen als so real empfunden wird, dass er mitunter die Verbindung mit einem sog. „Geistergatten“ eingeht. Durch diese Affinität zum Weiblichen genießen diese Schamanen in den ursprünglich matrizentrischen Gesellschaften eine besondere Achtung. Ist die Transvestition total, übernimmt er auch die soziale und sexuelle Geschlechtsrolle und gibt männliche Tätigkeiten auf, gilt fortan in seiner Gruppe als Frau. Nicht selten geht er eine Ehe mit einem anderen Mann ein, sehr oft mit einem führenden Clanmitglied. Sein Prestige ist wahrscheinlich das höchste für einen Schamanen erreichbare schlechthin… (nach Gisela Bleibtreu-Ehrenberg)

Sexuell agieren transvestitische Schamanen dabei als – passive – Homosexuelle. Das heißt, sie übernehmen im Sexualverkehr die später als unterlegen betrachtete Stellung der Frau, in dem sie sich anal penetrieren lassen. Mit dem Niedergang dieser Gesellschaften und dem Aufstieg des Patriarchats, setzte mit der Geringschätzung der Frau und des weiblichen Prinzips auch seine Verachtung, Ächtung und zunehmende Verfolgung ein. Auch in den biblischen Überlieferungen taucht dieses Urbild in verzerrter Form als verachteter männlicher Tempelprostituierter wieder auf.

Grabrelief eines Hohepriesters des Kybele-Kults (Lavinium 200 n.Chr.)

Dies als kurze Vorbemerkung zu meinen Betrachtungen zum Alten Testament, von dem der deutsche Philosoph Erich Fromm sagt, dass es der „Triumphgesang der siegreichen Männerreligion, ein Siegeslied der Vernichtung der matriarchalischen Reste in Religion und Gesellschaft“ sei und die „die wichtigste literarische Grundlage dieser Gefühlseinstellung in der europäischen und amerikanischen Kultur wurde“. Es gibt nur wenige Stellen, die sich im Alten Testament explizit auf Homosexualität beziehen. In der heutigen Begrifflichkeit, gar als „schwuler Lebensstil“ existierte sie zu jener Zeit auch nicht. Namensgebend für homosexuelles Verhalten wird die Geschichte von Sodom und Gomorrha im 1. Buch Mose, Kapitel 19. Im heutigen sprachlichen Gebrauch auf den Geschlechtsverkehr mit Tieren verengt, bezeichnete die Sodomie ursprünglich jeden geschlechtlichen Umgang, der nicht der Fortpflanzung diente. Im christlichen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein meinte man damit vor allem den Analverkehr zwischen Männern, daneben die „Bestialität“ mit Tieren, aber auch den Geschlechtsverkehr mit andersgläubigen Frauen.

Zerstörung Sodoms, Mosaik der Kathedrale Monreale in Palermo, 12. Jhdt.

Schlüsselszene der Sodom-Geschichte ist die versuchte Massenvergewaltigung der zwei Gäste Lots, Engel in Gestalt von zwei fremden Männern, die unter konservativen Exegeten zur Verdammung der Homosexualität führte, da ihr allein – oder zumindest vorzugsweise ihr – das Strafgericht über Sodom und der Untergang ihrer Bewohner geschuldet sei. Das ist aber unlogisch, weil die Zerstörung schon vor dem Besuch der Engel beschlossen war. Beachtet man außerdem andere Textstellen zu Sodom und Gomorrha im Alten Testament, kann man bei Jesaja, Jeremiah und Hesekiel eindeutig nachlesen, dass der Grund für die Zerstörung nicht Homosexualität war, sondern hemmungslose Hingabe an allgemeine Schlechtigkeit und Bosheit, vor allem die Missachtung des in der lebensfeindlichen Umgebung überlebenswichtigen Gastrechts führte in den Augen der frühen Kirchenlehrer zur Bestrafung, nicht der versuchte Übergriff auf die Engel.

Der finnische Historiker Martti Nissinen wies durch die Auswertung altorientalischer Quellen außerdem nach, dass Massenvergewaltigung von Männern durch – wohlgemerkt – heterosexuelle Männer im Altertum ein verbreitetes Mittel zur sexuellen Erniedrigung von Feinden war. Die Evangelische Kirche in Deutschland vertritt den gleichen Standpunkt und lässt die Geschichten um Sodom und Gomorrha in Stellungnahmen zur Homosexualität seit 1992 außer Betracht, weil es dort „um Demütigungen und um einen Gewaltakt geht“.

Erste Seite des Leviticus, Warschauer Ausgabe 1860 (Ausschnitt)

Die nächsten Passagen, die in der abendländischen Geschichte einen fatalen Einfluss auf das Leben homosexueller Männer hatte, sind die zwei Abschnitte aus dem 3. Buch Mose, dem sog. „Leviticus“, Kapitel 18, 22 und 20,13: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie man beim Weibe liegt; solches ist eine Gräuel“ und die daraus folgende Sanktion: „Und wenn jemand bei einem Manne liegt, wie man beim Weibe liegt, so haben beide eine Gräueltat verübt; mit dem Tode sollen sie bestraft werden, ihr Blut soll über sie kommen.“ Um diese Aussagen richtig bewerten zu können, müssen wir ihren Kontext beachten: Der Leviticus ist eine Sammlung von Anweisungen, die die „rituelle Reinheit“ im Kult der Israeliten betreffen. Diese Reinheitsvorschriften spielten eine bedeutende, ja identitätsstiftende Rolle für die israelitische Gemeinde, mit der sie sich scharf von anderen Kulten und deren Angehörigen abgrenzte, speziell von den kanaanäischen Nachbarn mit denen sie über Jahrhunderte in engster Nachbarschaft lebten.

Betrachtet man weitere Verbote in unmittelbarer Nähe zu dem des Analverkehrs , findet man Merkmale, die zum orgiastischen Fruchtbarkeitskult der Kanaanäer und seiner Anhänger gehörten: Kreisrunder Haarschnitt, Tätowierungen, Wahrsagerei, Zauberei und Geschlechtsverkehr während der Menstruation. All dies war Jahwe ein „Gräuel“. – Das hebräische Wort dafür ist „to’ebah“, das dem ähnlich klingenden Wort „Tabu“ nahe kommt. Dabei handelte es sich nicht um den Begriff der Sünde oder eines moralischen Versagens, sondern um den „ritueller Unreinheit“ und das Gebot ihres Ausschlusses aus dem Umfeld des Kults – sagte daher nichts über gleichgeschlechtliche Liebe im gelebten Alltag jenseits des Kults.

Dies unterstreicht auch die folgende Stelle im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, 23. Kapitel: „Es soll keine Hure sein unter den Töchtern Israels und kein Hurer unter den Söhnen Israels. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen aus irgend einem Gelübde; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, beides ein Gräuel.“ Der Begriff „Hure“ ist hier eine ungenaue Übersetzung, denn so wie das ähnlich klingende kanaanäische Wort „Quadishtu“ ähnelt, ist eine „quadesha“ eine weibliche Tempelprostituierte. Die männliche Entsprechung, in englischen Versionen ungenau als „Sodomit“ und im Deutschen als „Hurer“ übersetzt, wird „qadesh“ genannt und hat als Wortwurzel das hebräische Wort „quadash“, „heilig sein“.

Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis Erleuchtung

Auffällig ist auch, dass in keinem der alttestamentarischen Bücher ein einziger Fall der Ausführung der Todesstrafe nach Leviticus 20:13 erwähnt wird. Neben einigen Erklärungsversuchen ist die plausibelste Begründung, dass der Passus zur damaligen Zeit noch gar nicht im Tanach, dem biblischen Kerntext enthalten war. Er wurde erst im 6. vorchristlichen Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des babylonischen Talmuds während des Exils der Judäer hinzugefügt oder sogar noch später. Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis ErleuchtungAuch die judenfreundlichen Perser kannten strikte kultische Reinheitsgebote und trotz aller Bemühungen sich von fremden Kulten abzuschotten, gerieten wohl aufgrund vieler metaphysischer Gemeinsamkeiten zwischen der parsischen und jüdischen Religion auch dieses Gebote aus dem zoroastrischen Zendavesta in den Leviticus: „Wer ist ein Dämon?“Ahura Mazda antwortete: Der Mann, der mit einem Mann liegt, wie mit einer Frau oder der Mann, der wie eine Frau mit einem Mann liegt, der ist ein Dämon.“ Ein Indiz dafür ist, dass nur in diesen beiden Schriften beide Männer sich strafwürdig gemacht hatten und nicht der freiwillig Passive allein, wie in den umgebenden Kulturen. An anderer Stelle der parsischen Schriften wird auch die Erlaubnis gegeben Männer, die beim Analverkehr auf frischer Tat ertappt werden, sofort zu töten. Damit verfolgte man die Absicht die früheren Praktiken homosexueller Schamanen wie der späteren Tempelprostituierten und damit den alten Kult der großen Mutter, dem sie angehörten, mit Stumpf und Stil auszurotten.

Inwiefern die Bestimmungen des Leviticus oder des Deuteronomiums überhaupt noch von Bedeutung für die christliche Tradition sein kann oder soll, ist vor allem bei konservativen Kirchenvertretern und Theologen immer noch Ursache heftiger Diskussionen. Obwohl schon der Apostel Paulus immer wieder betonte, dass mit Jesu Tod das alte Gesetz „vollbracht“ und dadurch aufgehoben sei. In den Galaterbriefen 2 und 3 schreibt er :„Christus hat uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes“ und „Ich stoße die Gnade Gottes nicht um; wenn es eine Gerechtigkeit gäbe durch das Gesetz, dann wäre Christus umsonst gestorben.“ Ausgerechnet den Passus über homosexuellen Geschlechtsverkehr als für weiterhin gültig und andere Bestimmungen für nichtig zu erklären, ist reine Willkür. Eine Lesart, die den Inhalten der Bibel gerecht wird, ist es jedenfalls nicht.

David und Jonathan „La Somme le Roy“, illustrierte französische Handschrift, 13. Jhdt.

Denn es gibt darüber hinaus auch positiv bewertete, gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen im Alten Testament, deren homoerotische Untertöne nicht geleugnet, wenn sie auch nicht unbedingt als Beweis für ein homosexuelles Verhältnis gedeutet werden können. Die berühmteste Geschichte aus dem 10. Jhdt. vor unserer Zeit dazu, ist die von David und Jonathan, die zusammen mit dessen Vater, König Saul eigentlich eine Dreiecksgeschichte ist. Der bedeutsamste Hinweis auf das homoerotische Element in der Liebe zwischen David und Jonathan findet sich am Ende der Erzählung. Als David die Botschaft von Jonathans Tod überbracht wird, zerreißt er seine Kleider und dichtet er ein Klagelied auf den verlorenen Gefährten: “Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan: wie warst du mir so hold! Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe!…“

Vertreter einer konservativen Sicht deuten das Verhältnis als „platonische“ Freundschaft in einem religiös-politischen Bund, sprechen dem Küssen mit Verweisen auf anderen Stellen des Alten Testaments jegliche sexuelle Konnotation ab. Ebenso dem Entkleiden Jonathans und der Übergabe seines Rocks, Mantels, Schwerts, Bogens und sogar des Gürtels an David, die lediglich als Abtretung des Thronanspruchs durch die Übergabe der Insignien der Macht und Würde gesehen werden. Dass sich nur Andeutungen einer körperlichen Intimität vorweisen lassen, ist keineswegs ein Beweis dafür, dass es keinen sexuellen Umgang gegeben hätte. Auch in anderen traditionellen Liebesgeschichten wird auf die Darstellung des konkreten Aktes verzichtet, weil er im Verständnis der Leserschaft stillschweigend vorausgesetzt werden kann.

Dafür spricht auch die Analyse der hebräischen Originaltextes: Als Jonathan nach Davids Sieg über Goliath und seiner Rede an seinen Vater David lieb gewinnt wie sein „eigenes Herz“, steht dort im hebräischen Original, dass sich die „nephesh“ Jonathans mit der Davids verbindet. Diese Bezeichnung im Gegensatz zur denen anderer seelischer Bereiche steht eindeutig für die vitale, sog. „Triebseele“, welche auch der Sitz erotischen Begehrens ist. Besonders die Übergabe des Gürtels, der sich in räumlicher Nähe zu den Genitalien befindet und kein Insignium königlicher Macht ist, unterstreicht dies.

Auch Sauls Wutausbruch seinem Sohn Jonathan gegenüber, kann durch diese Sicht eine sehr plausible neue Bedeutung gewinnen: „Du Sohn einer entarteten Mutter! Ich weiß wohl, dass du dem Sohne Isais anhängst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach!“ – Der Vorwurf ist, wie wir es auch heute noch von Vätern schwuler Söhne erleben, Ausdruck unverhohlener Homophobie, die die Verleugnung der eigenen weiblichen Seite beinhaltet, wie der eigenen, latent homoerotisch gefärbten Zuneigung zu David, der ihm „wohl gefiel“, den er „lieb gewann“ und den er deshalb an seinem Hof behalten hatte. So reagiert er wie viele Väter schwuler Söhne und gibt der Mutter die Schuld an dessen „Veranlagung“. Der Bund zwischen David und Jonathan wird im 1. Buch Samuel explizit dreimal bekräftigt und wenn es auch ein Bund vor Gott mit politischen Folgen ist, so liegt doch sein Ursprung in der tiefen Zuneigung der beiden Männer zueinander und nicht umgekehrt, wie es die dritte Bekräftigung dramatisch beschwört: „Und sie küssen einander und weinen aneinander überlaut…“ Der Geschichtsprofessor John Boswell macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das althebräische Wort „ahaba“ für „Liebe“ speziell für einen solchen Freundesbund vor Gott verwendet wurde.

Die Märtyrer und Heiligen St. Sergius und St. Bacchus, Ikone 7. Jhdt.

Höchstwahrscheinlich war dies auch die Ursache, dass die christlichen Zeremonien beim Schließen eheähnlicher Bünde zwischen Freunden des gleichen Geschlechts Jahrhunderte vor den kirchlichen Riten zur Heirat von Mann und Frau existierten. Letztere hatten bis zum Ende des Mittelalters in den Händen von Lehensherren und der weltlichen Gerichtsbarkeit gelegen. Die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist also keineswegs etwas, was kirchlichen Traditionen entgegensteht.

Auch eine weitere berühmte Liebesgeschichte enthält Worte, die heute bei traditionellen Hochzeitszeremonien gern zitiert werden: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und jenes antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“

Philip Hermogenes Calderon (1833-1898): Ruth, Naomi und Boas

Die Moabiterin Ruth richtet sie an ihre verwitwete judäische Schwiegermutter, welche sie auffordert in ihrer Heimat zu bleiben. Doch die ebenfalls verwitwete Ruth besteht darauf sie nach Bethlehem zu begleiten. In Juda gelingt es Ruth, durch ihre Arbeit als Ährenleserin bei einem entfernten Verwandten Naomis, die beiden zu versorgen – und heiratet den Verwandten auf Naomis Anraten schließlich. Von der judäischen Gemeinde anerkannt bringt sie ein Kind zur Welt, das von allen als Sohn Naomis bezeichnet wird: Obed, den Großvater König Davids, der auch von den Evangelisten Matthäus und Lukas als direkter Vorfahr Jesu aufgeführt wird.

Das Buch Ruth aus dem 10. vorchristlichen Jahrhundert sticht aus dem Kanon alttestamentarischer Bücher auch deshalb so hervor, da es die Ereignisse aus weiblicher Perspektive beschreibt. Die emotionale Bindung der Frauen aneinander steht dabei im Vordergrund. Das belegt auch die, in einer patriarchalischen Gesellschaft äußerst provokative Aussage, dass „Naomi Ruth teurer war als sieben Söhne“. Bei genauerer Analyse aber fehlen unterschwellige erotische Anspielungen nicht. Als Naomi ihre Schwiegertöchter auffordert nach Moab zurückzukehren und sie zum Abschied küsst, da „hängt“ sich Ruth an sie. Dies ist aber dasselbe Wort, dass in der Paradiesgeschichte verwendet wird, als Adam und Eva sich vereinen, um ein Fleisch zu werden. Explizite, sexuelle Handlungen werden aber auch hier nicht beschrieben. Den biblischen Autoren scheint lesbische Sexualität auch völlig unbekannt gewesen sein, zumal etwas als Sexualität nur galt, wenn dabei Sperma abgeben wurde. Einig sind sich die meisten Bibelforscher aber darin, dass sexuelle Handlungen zwischen Frauen für die Israeliten nicht strafwürdig gewesen seien. Diese Haltung wird sich auch bis in die Neuzeit immer wieder finden.

Fragment des Codex Boernarianus, 9. Jhdt., Brief an die Römer 1:15

Womit wir beim neuen Testament angelangt wären. Eine explizite Äußerung Jesu zum Thema Homosexualität werden wir in den Evangelien nicht finden, wohl aber Andeutungen, auf die ich später eingehen werde. Zunächst aber möchte ich die wenigen, betreffenden Stellen in den Briefen Paulus beleuchten. – Im ersten Brief des Paulus an die Römer lesen wir im ersten Kapitel: „Aus diesem Grund hat Gott sie auch dahingegeben an schändliche Lüste…auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie sie es verdient haben) an sich selbst empfangen.“ Diese Stelle im neuen Testament wird und wurde von konservativen Interpreten gerne als eine Legitimation zur allgemeinen Verdammung von Homosexualität herangezogen. Das mag auf den ersten Blick auch ziemlich überzeugend scheinen, doch heißt es: „Aus diesem Grund hat Gott…“, d.h. man muss zum richtigen Verständnis auch die Sätze davor betrachten: „Sie haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und den Vögeln und den vierfüßigen und den kriechenden Tieren. Darum hat sie Gott auch dahingegeben… …zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst…“ Es geht also wieder um Götzenverehrung und den damit verbundenen sexuelle Riten in heidnischen Kulten, also die Tempelprostitution. Diese waren den frisch bekehrten Heidenchristen im religiös pluralistischen Vielvölkergemisch des Alten Roms natürlich präsent und Paulus musste den ehemaligen Heiden also erst beibringen, dass diese im christlichen Kult nichts zu suchen hatten.

Bronzestatue des kanaanitischen, ammonitischen und phönizischen Gottes Moloch aus dem Film Cabiria von Giovanni Pastrone im „Museo nazionale del Cinema“ (Turin)

Zum anderen gab es in der Gemeinde Roms, an die sich die Epistel ja explizit richtete, viele sog. Judenchristen, die stolz darauf waren sich noch an das mosaische Gesetz mit seinen Reinheitsgeboten aus dem Leviticus zu halten. Paulus wollte ihre Sympathie gewinnen, indem er gegen die Vorurteile seitens der Heidenchristen vorging und deren Toleranz forderte, zum anderen tadelte er sie genau für die Überheblichkeit, die sie aus ihrer Treue zur jüdischen Tradition bezogen. Im 14. Kapitel wird es dann vollends klar, warum er das Thema der „Reinheit“ aufgegriffen hat, als er sagt: „Ich weiß und bin es fest überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selber unrein ist; doch wird es so für den, der es so ansieht.“ Der ganze Diskurs diente also dem Zweck, dass die Gemeinde in Rom, bestehend aus Juden- und Heidenchristen nicht zersplitterte und in zwei unversöhnliche Lager zerfiel. Den gleichgeschlechtlichen Akt wählte er als Beispiel, um seine Haltung zu illustrieren. Er war deshalb ein geeignetes Thema, weil er den jüdischstämmigen Gemeindemitgliedern allbekannt war, aber offensichtlich kein so großer Zankapfel wie die Beschneidung oder die Speisevorschriften. Es war auch nicht dazu angetan, die Heidenchristen zu beleidigen, die die Eigenheiten der Judenchristen in diesen Dingen und Paulus eigenen Standpunkt als „Apostel der Heiden“ dazu kannten.

Missionsreisen des Apostel Paulus, Karte des Abraham Ortelius, 1598

Die zwei weiteren Stellen, die in einem Zug abgehandelt werden sollen, finden sich im im ersten Brief an die Korinther, im sechsten und im ersten Brief an Timotheus, im ersten Kapitel, wobei die Autorschaft Paulus bei letzterem insbesondere von der deutschen Bibelwissenschaft in Frage gestellt wird. Beide Textstellen sind dunkel und nicht eindeutig, weil es darin Begriffe gibt, deren Bedeutung nicht gesichert ist und durch verschiedene Übersetzer unterschiedlich gedeutet wurden, die griechischen Begriffe „arsenokoitai“ und „malakoi“.
Letzteres im Deutschen als „Weichling“ übersetzt, was dem originalen Wortsinn von „malakos“, nämlich „sanft“ entgegen kommt. Es wurde insbesondere benutzt, um die, im Patriarchat verächtlich betrachteten, angeblich minderen, weiblichen Qualitäten zu bezeichnen, die auf einen Mann angewandt, eine entehrende Beleidigung darstellten. Das noch weniger eindeutig bestimmbare Wort „arsenokoites“, wird im Englischen schlicht als „homosexuals“ und auf Deutsch als „Männerschänder“ übersetzt. Dabei kann man nur spekulieren, dass es sich um eine nicht genauer definierte sexuelle Praxis unter Männern gehandelt hat, bei der auch betrügerische, finanzielle Absichten eine Rolle gespielt zu haben scheinen. Nach David Helminiak könnte es sich dabei um eine bestimmte Formen der Prostitution, sexuellen Missbrauch von Jungen und/oder Handel mit ihnen als Lustsklaven gedreht haben, wie er im ersten nachchristlichen Jahrhundert im römischen Reich gang und gäbe war. John Boswell weist außerdem darauf hin, dass das wenig gebräuchliche Wort leicht mit dem gebräuchlicheren, nur in einem Buchstaben abweichenden „arrenokoites“ verwechselt worden sein könnte, welches Männer mit einer natürlichen Neigung zum eigenen Geschlecht bezeichnete. „Arsenokoites“ hingegen wurden seiner Auffassung nach nur männliche Tempelprostituierte genannt und nur diese hätte Paulus in seinem Brief gemeint, was den Tenor dieser Betrachtungen zu den Episteln abrunden würde.

Moderne Bibelverkündung: Ein „Truth Truck„, 2009, Ohio

Auch wenn Jesus sich scheinbar nicht direkt zur gleichgeschlechtlichen Liebe geäußert hat, so gibt es in der Bergpredigt. Matthäus 5:22 doch einen versteckten Hinweis. „…wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig“. Was aber bedeutet „Racha“? Erst nach dem Fund einiger Papyri in Ägypten konnte der deutsche Experte in altaramäischen Dialekten, Friedrich Schultheiß, 1922 die Bedeutung des aramäischen Lehnworts ermitteln: In der Vulgärsprache der griechischen Siedler wurde es als abwertender Begriff, vergleichbar dem heutigen Schimpfwort „Tunte“ benutzt. Jesus verbat seinen Jüngern und Anhängern nicht nur die physische, sondern auch die verbale Gewalt. Verbale Attacken waren und sind im vorderen Orient immer noch häufig das Vorspiel zu brutalem Blutvergießen, besonders dann, wenn die „Ehre der Männlichkeit“ eines Kontrahenten beleidigt wird. Daher sollte jeder, der behauptet Jesu Spuren zu folgen, auch tunlichst jede Form von „gay bashing“ unterlassen!

Rembrandt, Die Taufe des Eunuchen, 1626, Museum Catharijneconvent, Utrecht

Es ist ja geradezu ein Markenzeichen Jesu, dass er sich – gegen die Gepflogenheit seiner Zeit – für ausgestoßene Randgruppen einsetzt. Verachteten Zöllnern und Prostituierten, ausgegrenzten Leprakranken, religiös abweichenden Samaritern und auch den verabscheuten Eunuchen (mit denen in dieser Umschreibung auch Homo-sexuelle gemeint sein können) wendet er sich zu und verspricht ihnen einen bevorzugten Platz im Königreich Gottes.

Selbst einem Besatzer, einem römischen Zenturion hilft er, wie wir es im unmittelbaren Anschluss an die Bergpredigt bei Matthäus und Lukas lesen können und heilt den „Knecht“, der ihm wert war. Bei Matthäus steht dort aber nicht „Knecht“ – „doulos“ wie bei Lukas, sondern „pais“, ein Begriff der einen Jungen bezeichnet. „Pais“ findet sich nicht umsonst als Wortwurzel im Begriff „Päderastie“ wieder und da ein Zenturion in der Fremdenlegion nicht heiraten durfte, war solch ein Verhältnis in Militärkreisen sehr üblich.
Jesus kommt der Bitte ohne Zögern nach, doch der Zenturion lehnt den „Hausbesuch“ mit den bekannten Worten ab: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du unter mein Dach tretest; aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht geheilt werden.“

Jesus heilt den Knecht des Zenturio, Gemälde von Paolo Veronese, 16. Jhdt

Und ergänzt, dass er darauf vertraut, dass so, wie seine Soldaten seine Befehle ausführen, auch Jesu Wort aus der Ferne seine heilende Wirkung tun wird.Jesus machte auch keine Anstalten die vermeintliche „Krankheit“ des Zenturions und seines Knechts, sprich ihre Homosexualität, „auszutreiben“. Nein, er heilte den Knecht, der zur selben Stunde wieder gesund wurde und sprach sich darüber hinaus lobend vor den Versammelten über den Zenturion aus: „Wahrlich ich sage euch, bei niemand in Israel habe ich solchen Glauben gefunden.“
Doch wie hielt Jesus selbst es mit der Liebe? Tatsächlich spricht er in besonders hohem Maß nur im Johannesevangelium von ihr. Ja, nur hier erfahren wir, dass er Gott oder gar ein anderes menschliches Wesen liebte. An fünf Stellen ist hier die Rede vom „Jünger, den Jesus liebte“, der dadurch aus der restlichen Schar der Jünger hervorgehoben wird. War Jesus selbst homophil oder gar homosexuell? Darüber schweigen sich die Evangelien als einzige Quelle über sein Leben aus. Auszuschließen ist es nicht, aber auch nicht unbedingt anzunehmen. Auf keinen Fall aber war Jesus homophob, wie der Umgang mit seinem Lieblingsjünger beim letzten Abendmahl zeigt, der „zu Tische in dem Schoß Jesu lag“ und sich „an seine Brust lehnte“. Diese intime körperliche Nähe unterscheidet eindeutig diese besondere Liebe Jesu von der, die er für die anderen Jünger empfand.

Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Johannesminne), Bodenseegebiet, um 1310

Dies wird auch von den folgenden Stellen unterstrichen, in denen vom „Jünger, den Jesus liebte“ die Rede ist: Bei der Kreuzigung bleibt er als einziger Jünger mit den drei Marien auf Golgatha. „Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.“ In jener Zeit war es der Brauch, dass beim Tod eines Familienmitglieds die „angeheiratete“ Familie eine verwitwete Schwiegertochter bzw. -mutter bei sich aufnahmen. Und wie würden wir heute die Verhältnisse interpretieren, hätte Jesus seine Worte an Maria Magdalena statt an seinen Lieblingsjünger gerichtet? Dieser ist noch vor Petrus bei der Gruft. Er erkennt den auferstandenen Jesus am See Tiberias vor allen andern Jüngern. Und obwohl ihm im Gegensatz zu Petrus kein besonderes Amt verliehen wird, so fragt Jesus ihn nicht wie diesen nach seiner Liebe zu ihm, denn „der Jünger, den Jesus liebte“ ist sich dessen Liebe gewiss und folgt ihm aus eigenen Stücken. Als Petrus ihn bei seiner Nachfolge hinter sich entdeckt, spricht er zu Jesus: „Herr, was soll aber dieser?“ Jesus antwortet ihm: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach.“
Interessant ist hier, dass auf Petrus Nachfrage und die Spekulation der übrigen Jünger über die Unsterblichkeit des Lieblingsjüngers, zweimal der gleiche Satz gesagt wird: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ – Das klingt in Anbetracht der unter diesen Umständen besonders hervortretenden Bevorzugung des Lieblingsjüngers fast schon trotzig, nach dem Motto „was gehen dich meine privaten Angelegenheiten an?“ Kein Wunder, dass auch die anderen Jünger über die Ursache seiner besonderen Bevorzugung zu spekulieren beginnen.

Ich will hier der „intellektuellen Redlichkeit“ die Ehre gebend nicht das Spekulieren beginnen. Eines aber kann ich aber zum Abschluss meiner Betrachtungen zu den, die Homosexualität betreffenden Passagen der Bibel mit Sicherheit sagen und schließe mich darin der Sicht des Autors und Theologen Theodore W. Jennings an. Er postuliert, dass eine homophobe Deutung der Bibel, wie sie sich die letzten Jahrhunderte als christliche Tradition etabliert hat, die Bedeutung besonders exponierter Textstellen sträflich verzerrt. In seinem Buch „Plato oder Paulus?“ schreibt er: „Dieser unnatürliche Bund von Christenheit und Homophobie muss aufgelöst werden, wenn die Christenheit sich nicht weiterhin des wahren Verbrechens Sodoms schuldig machen will: des Missbrauchs der Verletzlichen. Zu viele Menschenleben sind durch diese unheilige Allianz schon zerstört oder irreparabel geschädigt worden. Es gab eine Zeit, bevor sich die Homophobie ins Christentum eingeschlichen hatte. Es ist schon lange höchste Zeit, dass wir in eine neue Ära eintreten, die Ära der Posthomophobie.“ 

Nicolas Beatrizet,* 1515 in Thionville  † 1565  in Rom – Der Raub des Ganymed, Kupferstich nach einem Motiv von Michelangelo, 16. Jhdt.

Darüber herrschte auch bei allen Diskutanten im Münchner SUB Einigkeit. Die evangelische Kirche hat diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten gewaltige Schritte getan, sowohl lesbische und schwule Gläubige als auch Geistliche sind, mit Ausnahme einiger evangelikaler Vertreter, in Kirche und Gemeinde voll akzeptiert und integriert. Es gibt inzwischen entsprechende Bibelkreise, Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und sogar einen lesbisch-schwulen Konvent, der offen für die sexuelle Gleichbehandlung eintritt. In der katholischen Kirche vollzieht sich der Emanzipationsprozess noch immer sehr langsam. Seit Jahrzehnten würde die Homosexualität in den eigenen Reihen zwar geduldet, aber nur so lange sie nicht öffentlich gemacht würde, wie Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe aufgrund seines Berufsverbots als Religionslehrers schmerzlich erfahren musste … Es bleibt zu hoffen, dass den Worten Papst Franziskus nun auch Taten folgen, die über seine Amtszeit hinaus nachhaltige Wirkung zeigen. Wie die praktische Umsetzung des von ihm geäußerten Integrationswunsches, dass sich Lesben und Schwule im Schoß der Kirche rundherum angenommen und akzeptiert fühlen können, aussehen könnte, ist dabei offen. Diese Frage wird nach Meinung einiger der hier zitierten schwulenfreundlichen Interpreten der Bibel aber entscheidend für die weitere Entwicklung und die zukünftige Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche sein.


(Bruder Robert Lentz OFM über seine Ikone von Harvey Milk)

Ende von Teil 1; Fortsetzung folgt… Ein Gastbeitrag von  Jon Michael Winkler


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträgen mit jew. Link

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„Vergiss das Theater und sieh auf das Nô!“ Zur Aufführung der Nô-Trilogie im Meta Theater von Axel Tangerding

„Vergiß das Theater und sieh auf das Nô“, lautete das Motto des Abends, doch – fernöstliche Weisheit hin oder her – an diesem Ort begegnete mir „Theater“ auf so unmittelbare Weise, dass es mir unvergesslich blieb … Ähnlich erging es seinerzeit wohl dem italienischen Regisseur Andrea Paciotto, der sich in der Festschrift „Take A Risk“ erinnert: „We were welcomed into his home and into his theatre, elegant and essential, privileged observers of the work and of the life. The border between the two levels did not exist at all, the theatre merged into the life and vice versa, one nurturing the other. (…)“ An anderer Stelle äußert er, dass jedes Heim ein Herz habe, den Eigenschaften der Bewohner entsprechend … In der Tat schuf Architekt Axel Tangerding ein faszinierend eigenwilliges Heim rund um sein Meta Theater: Im Bauhausstil errichtet und mit viel Holz und weiten Glasfassaden ausgestattet, empfand ich das Gebäude als großzügig Raum spendend, im reellen ebenso, wie im ideellen, kreativen Sinn.

Masako Ohta spielt vor Programmbeginn privat auf dem Flügel

Masako Ohta übt vor Programmbeginn am Flügel

Nach Betreten des Hauses stand ich sofort inmitten jener einzigartigen Mischung aus Alltags- und Theaterleben, die Axel Tangerdings italienischer Kollege so treffend beschrieben hatte: Rechts befand sich ein Küchenbereich, in dem gerade die Getränke für die Gäste bereit gestellt wurden, und an den sich links der Zuschauerbereich anschloss, der über breite Stufen, in einer Art Arena, hinunter bis zum Bühnenbereich führte. Dieser bestand aus einem schlichten, beheizbaren Fußboden, wie mir Axel erläuterte, der vor einer großen weißen Wand endete. Seitlich davon saß die japanische Pianistin Masako Ohta am Flügel und spielte versunken vor sich hin.

Masako Ohta performed mit Stäbchen

Musikalische Performance mit Stäbchen

Mit ihr war ich zufällig kurz zuvor über Facebook in Kontakt getreten und freute mich nun über unser Kennenlernen in ganz realem Theater-Ambiente und über die Gelegenheit, mich ein wenig in das vielseitige Spiel dieser Künstlerin einzuhören, die im Verlauf des Abends unter anderem asiatische Stäbchen einsetzen würde, mit denen sie zunächst das Klavier bediente, um sich dann dieser effektvoll einzeln zu entledigen, ohne dabei die Musik zu unterbrechen.

Jetzt aber, gut eine Stunde vor Programmbeginn, herrschte  jene konzentrierte Geschäftigkeit, die ich im Vorfeld von Veranstaltungen so liebe, weil sie sich ganz im Hier und Jetzt abspielt: Nur der vorbereitende Moment zählt, geprägt von der unausweichlichen Spannung vor dem nächsten Da Capo im Wechselspiel von Bühne und Zuschauerraum. Dessen Ausgang bleibt, auch nach jahrelanger Bühnen-Routine, stets unberechenbar. Daher erlebe ich persönlich auch jeden Auftritt, als handle es sich um mein Bühnendebüt. Sicher habe ich mit der Zeit eine gute Portion Lampenfieber abschütteln können, dank einer gewissen Routine und dem erfolgreichen Coaching von Naomi Isaacs. Die existentiellen Fragen im Vorfeld einer Aufführung beschäftigen mich jedoch, gleichlautend, bis heute: Was wird mir diese Vorstellung  bescheren, menschlich, geschäftlich, künstlerisch? Und wie werde ich mich in den Stunden nach dem Schlussapplaus fühlen? Beseelt? Oder wird mich wieder jene bedrückende Leere erfüllen, die sich so dramatisch anfühlt, obwohl sie, biochemisch betrachtet, nur einem Abbau von Hormonen geschuldet ist?Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen-ev-de

„Die Stille schluckt den Schlussapplaus“ lautete, in Form eines bitteren Chansons, das Fazit meines Herzensfreundes und langjährigen künstlerischen Wegbegleiters, Jon Michael Winkler, mit dem er  sich vom Bühnenbetrieb verabschiedete. 2013 war das, nachdem ihn die Arbeit an unserer städtischen Auftrags-Collage zum Thema „450 Jahre Alter Südlicher Friedhof“ endgültig ausgebrannt hatte. Bei dieser Jubiläumsveranstaltung waren übrigens auch Axel Tangerding und ich uns zuletzt begegnet, wie wir nun bei der Begrüßung in seinem Theater feststellten. Den lange schon geplanten Gegenbesuch zu einer von Axels thematisch stets besonderen Veranstaltungen hatte ich bislang nicht auf die Reihe bekommen, vor allem, weil sich das Meta-Theater außerhalb Münchens, in Moosach bei Grafing, befindet.

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Von Grafing aus hatte mich ein Regionalbus eine Viertelstunde lang querfeldein durch bayerische Ländlichkeit chauffiert, bevor er mich an einer Haltestelle im Nirgendwo absetzte. Auf der Straße keine Menschenseele, dafür hübsche kleine Häuschen und ein Gewässer, Bach oder Teich, das mit der Dunkelheit verschmolz … Es ging eine kurze Wegstrecke bergauf, vorbei an Weihnachtslichtern, bis zu einem Gebäude mit der Hausnummer 8, an das sich ein Feld und der Anfang eines Walds anschlossen. Vergeblich hielt ich nach einer Leuchtreklame Ausschau oder irgend einem anderen Hinweis darauf, dass sich hier ein Theater befand, wie es, der Hausnummer entsprechend, der Fall sein musste. Lediglich zwei Plakate rechts und links von einer Haustür, die die -Trilogie ankündigten, wiesen darauf hin, dass ich am Ziel angelangt war. In der Tür steckte ein Schlüssel, so dass ich das Gebäude problemlos betreten konnte.

Schnell stellte ich fest, dass sich die etwas umständliche Anfahrt zum Theater gelohnt hatte, denn von Anfang an empfand ich diese Spielstätte als ausgesprochenes Erlebnis, womit ich mich in die Schlange all derer einreihte, die Axels Theaterarbeit über die Jahre beeindruckt hat:

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, von Donnerstag, 15. Dezember .2016

Das Foto (SZ,  15.12.16) zeigt Tangerding mit Dieter Dorn in der Akademie der Schönen Künste

Am Tag nach meinem Theaterbesuch zeichneten in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste die Kulturlegenden Michael Krüger und Dieter Dorn Axel Tangerding mit der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung aus, ein weiterer hochkarätiger Preis, nachdem ihm u.a. bereits 2002, vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, das Verdienstkreuz am Bande der BRD verliehen worden war, sowie 2012 der Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

Two working spotlights on a club stage in clots of a smoke

Chapeau! Mir hatten seinerzeit drei Jahre Betrieb meiner im Vergleich unaufwändigen WerkstattBühne (1996 – 1999/Gabelsbergerstr.) so zugesetzt, dass ich bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit die Theaterleitung an den Nagel gehängt hatte, aufgerieben durch den Opportunismus und das kulturelle Unverständnis des eigentlichen Pächters, die Allüren so mancher Künstler und die ständigen finanziellen Engpässe. Das Rampenlicht, das auf Außenstehende so verlockend wirkt, strahlt immer nur flüchtig, so dass man es vor lauter Stress oft nicht einmal richtig wahrnimmt. Arbeit rund um die Uhr für „mau“, inklusive übrigens einer Menge administrativer und so gar nicht künstlerisch-kreativ anmutender Aufgaben, prägen jenen Alltag hinter den Kulissen, den ich gerne mit einem Rodeo-Ritt vergleiche: Früher oder später schmeißt es jede/n oder zumindest fast jede/n… Die Kunst – im doppelten Wortsinn – besteht darin, sich überhaupt eine Weile zu halten und nur einer verschwindend kleinen Gruppe gelingt dies längerfristig mit ihrer Bühne.

Zu diesen wenigen zählt Axel Tangerding. Bei Gründung seines Theaters, 1979, brachte er offensichtlich einen sehr, sehr langen Atem mit, der ihm bis heute nicht ausgegangen ist. Als ich ihm zu seinem Lebenswerk gratulierte, merkte er sinngemäß an: „Nicht auf die Erfolge kommt es an, sondern auf die Rückschläge!“ Ein Teil seines Erfolges lässt sich wohl auf  die Vorzüge eines eigenen, dazu auch noch selbst gestalteten Hauses zurückführen, sowie auf  ein eigenes Konzept, mit dem es ihm nach wie vor gelingt, reichlich Zuschauer_Innen anzuziehen, sogar regelmäßig Münchner Kulturpublikum in die bayerische Pampa zu locken. Das konzeptionelle Anliegen des Hauses findet sich klar formuliert auf dessen Homepage wieder:

"Take A Risk" - akutalisierte Festschrift von 2016, mit vielen Fotos, € 10,- inkl. Versand ISBN 978-3-00-034948-5

„Take A Risk“ – Festschrift -aktualisierte Version von Dez. 2016, Preis € 10,- inklusive Versand-Kosten ISBN 978-3-00-034948-5

Mit seinen Produktionen hat das Meta Theater einen Stil entwickelt, der durch äußerst präzises Zusammenspiel von konzentrierter Bewegungssprache, experimenteller Musik, Sprachpoesie und Lichtraum gekennzeichnet ist. Begegnung im Spannungsfeld eigener und fremder Kulturen findet durch Vermittlung zwischen experimentellen Formen und außereuropäischen Traditionen statt. (…)

Die Produktionen des Hauses münden oft in internationale Tourneen. Im Gegenzug gastieren Künstler_Innen aus aller Welt in diesem entlegenen Theater-Idyll. Untergebracht werden sie weitestgehend im Haus selbst, was sicher die Probenarbeit intensiviert. Entsprechend findet, wer in der Festschrift „Take A Risk“ blättert, dort nicht nur Beiträge einheimischer Kultur- oder Polit-Prominenz, sondern auch einen weltweiten Querschnitt von Vertreter_Innen unterschiedlichster Theaterformen: Axel Tangerding spricht in diesem Zusammenhang in einem BR-Interview von „glokal“. Seine Bühne bezeichnet er auch als „Theaterlabor“, in dem er seit jeher mit sehr reduzierten Formen des Theaters experimentiert.

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei der Einführung zur NO-Trilogie

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei seiner Einführung zur NO-Trilogie

Diesem Anliegen kommt das japanische Nô-Theater entgegen. Zwar handelt es sich bei „Nô“ um eine 600 Jahre alte Theatertradition, aber: “ (…) Im Kern ist für mich Nô-Theater Avantgarde, das ist die Reduzierung, die wir ja auch im Westen suchen, in der Kunst (…) Im Westen wurde dies erfunden aus einem eher intellektuellen Ansatz (…) In Japan ist es eben aus einer langen Tradition gewachsen“ , so Tangerding im BR-Interview. Er vergleicht Nô-Theater mit einem Eisberg: „Sie sehen nur die Spitze, aber in den kleinen Bewegungen an der Spitze können Sie die Masse erahnen, die unter Wasser dümpelt und sich träge dahin bewegt. Und so ist es beim Nô-Spieler auch: Mit minimalen Bewegungen, Gesten, bringt er eine Fülle auf die Bühne, die aber nicht gezeigt wird. (…)“

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Akira Matsui in „Takasago“

Obgleich es Sonntag und somit bereits der dritte Aufführungsabend der Nô-Trilogie war, füllte sich das Theater, ein Umstand, von dem so manche Münchner Bühne, an so manchem Abend, nur träumen kann … Allerdings bekommt man auch nicht jeden Tag Einblicke in diese exotische Theaterform geboten, noch dazu mit einem Nô-Meister, wie Akira Matsui, dem 1998  von der japanischen Regierung der Titel „wichtiges immaterielles Kulturgut“ verliehen wurde! Akira Matsui möchte in seinen Darbietungen “… den Stil des Nô unversehrt lassen, doch ich will Nô in einer anderen Form aufführen, so wie es noch nie zuvor gemacht wurde, ich will Nô konfrontieren mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten.”  

Akira Matsui, John Oglevee und Ki in "Takasago - Die Zwillingskiefern"

Akira Matsui, John Oglevee und Kinuyo Kama in „Takasago – Die Zwillingskiefern“

Matsui will die Wandlungsfähigkeit des Nô zeigen, vom traditionellen bis hin zu einem zeitgenössischen Stil. Die Handlungen des Nô-Theaters sind mannigfaltig, eine davon ist das „Göttliche Thema“. (…). Der Held oder Heldin ist Kami (Gott oder Göttin im Shinto), ein Buddha oder eine andere himmlische Gestalt, was am Anfang des Dramas aber noch nicht bekannt ist. Am Ende enthüllt der Held seine Identität und segnet die anderen Handelnden, das Land und die Betrachter. (…)  Mehr > Wikipedia. Entsprechend entpuppte sich in dem Nô-Klassiker Takasago“ – die Zwillingskiefer, der die Trilogie eröffnete, ein altes Ehepaar als Geister der Zwillingskiefern Takasago and Sumioe, Sinnbild für eheliche Verbundenheit. Vor der Projektion einer typischen Nô-Kulisse tanzte Akira Matsui zu Gesängen und Trommel (Kotsuzumi/Chorus) von John Oglevee sowie der Nô-Flöte von Kinuyo Kama.2016_12_11_no_trilogie_kinuyo_kama_no-floete_meta-theater_axel_tangerding

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Akira Matsui/Marion Niederländer in Samuel Becketts „Rockaby“

Darauf folgte der Einakter „Rockaby“, den Samuel Beckett dem Nô-Theater gewidmet hat, und der vom  Sterben einer alten Frau und dem Schaukelstuhl ihrer Mutter handelt. Den Tanz begleitete Marion Niederländer mit Text-Rezitationen, deren gewollt monotoner Vortrag, mit ständigen Wiederholungen, die Performance von Akira Matsui noch intensivierte.

NO-Meister Akira Matsui während einer Szene im Meta-Theater, 11.12.16

Akira Matsui in „Yuki-Onna“

Den Abschluss bildete Matsuis „Yuki-Onna“, (Die Schneefrau), begleitet von Kinuyo Kama (Flöte) und Masako Ohta am Flügel, eine zeitgenössische Variante des Nō-Theaters.

Langanhaltender Schluss-Applaus

Schluss-Applaus, von links: Marion Niederländer, Masako Ohta, Akira Matsui, Kinuyo Kama und John Oglevee

Vor Antritt meiner Expedition in Axel Tangerdings Theaterwelt hatte mich natürlich sehr die Frage beschäftigt, wie ich anschließend zurück nach München kommen sollte, denn der letzte Bus zur S-Bahn fuhr bereits um 21 Uhr. Axel beruhigte mich. Notfalls würde er selbst seine „auf der Strecke“ gebliebenen Gäste zur S-Bahn fahren; dies sei aber in all den Jahren noch nie erforderlich gewesen, da sich im Publikum immer motorisierte Münchner Gäste fänden. Und tatsächlich trieb er in kürzester Zeit eine Mitfahrgelegenheit auf, die mich nicht nur direttissima bis Haidhausen und fast vor meine Haustür brachte, sondern auch noch anregende Gespräche mit den Autobesitzern, dem Regisseur Martin Kindervater und seiner Frau Franziska mit lieferte.

Nun bin ich gespannt, was das Publikum, zu dem ich mich jetzt auch zähle, in der neuen Saison in Axel Tangerdings kulturellem Hotspot erwartet. Wer sich ebenfalls für das Programm des Meta Theaters interessiert, findet hier den Link zur Newsletter-Anmeldung.


Ende 2016 ist die Broschüre TAKE A RISK, über das Meta Theater,  in aktualisierter und erweiterter Fassung erschienen.

Preis: € 10,- inklusive Versand-Kosten  SOWIE  ISBN 978-3-00-034948-5  sind unverändert geblieben. Baldige Bestellung direkt beim Meta-Theater empfiehlt sich, da bereits die ersten 100 Exemplare bei der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung in der Akademie der Schönen Künste unmittelbar verkauft wurden.

Erstmalig herausgebracht wurde die Festschrift „Take A Risk“ 2011 anlässlich von „30 Jahre Meta Theater“. 


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Rosa Winkel – Zum Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer, Blog-Beitrag mit einer Rede des Historikers Albert Knoll sowie Präsentation der gleichnamigen Themenreihe

Die Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1934 wurde für viele schwule Männer in Bayern und vor allem in München zu einem Schock, der ihr Leben verändern sollte. Damals fand die erste massive Razzia gegen Schwule statt, die im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt wurde. Sie wurde der Auftakt zu einer jahrelangen massiven Drangsalierung und Bedrohung, der Auftakt zu Denunziation unter Kollegen und Nachbarn, der Auftakt zur Inhaftierung in Gefängnissen und Konzentrationslagern, der Auftakt zu medizinischen Versuchen, Kastrationen und schließlich Morden, die in vielen Fällen ungesühnt bleiben sollten. München war auch in dieser Hinsicht eine unrühmliche „Hauptstadt der Bewegung“.

SA Chef Ernst Röhm Ernst Röhm mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuzarmbinde im August 1933 bei einer SS-Veranstaltung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz Von Bundesarchiv, Bild 102-15282A / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12685396

SA Chef Ernst Röhm im August 1933; Quelle

Bereits am 3. Juli 1934, vier Tage nach der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm, fasste der Münchner Gauleiter Adolf Wagner den Plan zu einem brutalen Vorgehen gegen männliche Homosexuelle in München und ganz Bayern.

Im Wortlaut hieß es: „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden. Zur gründlichen Säuberung und Befreiung unseres Volkskörpers von dieser Pest ist nun für die allernächste Zeit ein schlagartiges Vorgehen in ganz Bayern beabsichtigt.“

Wagner gab vor, die Jugend schützen zu wollen. In Wahrheit wollte er sich auf Kosten einer Opfergruppe, die ohnehin schon mit wenig Rückhalt aus der Bevölkerung rechnen konnte, weder von der Familie, noch von Arbeitskollegen, Nachbarn oder der Kirche, wollte er sich auf Kosten eines schwachen Gegners profilieren. Lesbische Frauen waren zwar nicht durch den § 175 RStG unmittelbar bedroht, sie waren aber gleichwohl der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt.

Allein in München waren mehr als 50 Polizei­beamte im Einsatz. Die Razzia erstreckte sich auf Parkanlagen, den Engli­schen Garten und auf Bedürfnisanstalten. Vier Gefangenentransportwagen fuhren vor die beiden noch bestehenden Schwulenloka­le „Schwarzfischer“, der sich hier an der Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger befand und den „Arndthof“ und sämtliche Besucher, es waren fast 100, wurden abtransportiert. Das Ergebnis dieser bayernweiten Razzia: mehrere hundert Personen wurden vorläufig festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt, davon allein in München 145. Sofort nach dem Eintreffen bei der Polizeidirektion wurden die Festgenommenen verhört, womöglich gefoltert. Am nächsten Vormittag wurden viele wieder entlassen. Jedoch 39 Männer aus München und 9 weitere aus Nürnberg, die bereits in der Rosa Liste gespeichert waren, wurden in das KZ Dachau gebracht.

Die Razzia traf vor allem Schwule aus der Unterschicht, Arbeiter und auch Strichjungen, für die der öffentliche Raum der Kneipen und Klappen die einzige Möglichkeit des Kennenlernens war. Der Gauleiter war verstimmt, denn er wollte mit seiner Aktion vor allem Intellektuelle und das gehobene Bürgertum treffen. Doch damit war die Razzia noch nicht beendet. Bereits Monate vorher suchte die Sittenpolizei aus der Kartei von ca. 5000 Personen – der berüchtigten Rosa Liste – zahlreiche Opfer heraus, die sie als „Gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ markierte. Sie alle waren bereits einmal nach § 175 verurteilt worden.

Bildtafel zum § 175 aus der Multimedia-Collage "Kann denn Liebe Sünde sein? - Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Bruno Balz – eines von unzähligen Opfern des „Schwulenparagraphen 175“ Bildtafel  aus der Multimedia-Collage „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Am 21. Oktober morgens um sechs Uhr wurden deren Wohnungen durchsucht. So stürmte die Polizei die Wohnung von Franz Kopriva in der Seidlstraße nahe dem Münchner Hauptbahnhof ohne Vorankündigung und ging äußerst rabiat vor. Sie traf ein schwules Liebespaar an. Der jüngere versuchte sich noch zu verstecken. Es war zwecklos. Die Beamten stöberten den 18-jährigen unter dem Bett auf. Sein Partner war der 34-jährige Franz Kopriva. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und kam 1930 aus Österreich nach München. Hier fand er Arbeit. An bekannten Treffpunkten lernte er junge Männer kennen. Seit 1931 wurde er immer wieder zu geringen Haftstrafen verurteilt. Verhängnisvoll war, dass er nun in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als Wiederholungstäter eingetragen war. Robert und Franz wurden sofort festgenommen. Franz, der ältere, galt als der Verführer und sollte schwer bestraft werden: Er wurde nach Dachau gebracht und wie seine Leidensgenossen isoliert in einer Baracke untergebracht. Sie war auch in der Nacht hell erleuchtet und scharf bewacht, so daß kein Kontakt zwischen den Häftlingen möglich war. Die SS im Konzentrationslager glaubte mit Essensentzug und besonders schwerer Arbeit Homosexuelle zu Heterosexuellen umerziehen zu können.
Was hier vor 82 Jahren begann, war der Auftakt zur offenen Hatz auf Schwule. 1935 wurde der § 175 verschärft. Sexualität musste sich dem Staatsziel der Bevölkerungsvermehrung unterwerfen. Von nun an galten Homosexuelle als Staatsfeinde. Ihre Todesrate in den Konzentrationslagern stieg in den 1940er Jahren auf über 50%. 

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion "Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Kann denn Liebe Sünde sein?–  Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber“

Die mit dem Leben davongekommen sind, warteten vergeblich auf eine Entschädigung oder auf ein Wort der Entschuldigung. Die Verfolgung von erwachsenen Männern, die einvernehmliche sexuelle Kontakte hatten, ging weiter und endete erst nach weiteren 20 Jahren. 

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Soweit im Wortlaut die Rede, die Albert Knoll am 20. Oktober 2009 am Münchner Oberanger hielt, an genau jener Stelle, an der 75 Jahre zuvor in der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ die Verfolgung der Münchner Schwulen begonnen hatte. Knoll ist Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München, Archivar der Gedenkstätte Dachau und widmet sich seit Jahren der historischen Aufarbeitung der Ausgrenzung und Verfolgung (Münchner) homosexueller Männer. Entsprechend beendete er damals seine Rede mit einem Appell: „Die Stadt München hat eine Verpflichtung, ihre Bürger an diese „vergessene Opfergruppe“ zu erinnern. Sie sollte sie in das „offizielle Gedächtnis“ einbinden und ihr ein würdiges Angedenken gestalten, wenn möglich an einem authentischen Ort wie diesem.“

Die Stadt reagierte. Bereits im letzten Herbst sollte am Oberanger eine Gedenkstätte eingeweiht werden: Mahnmal und Erinnerung an die Menschen verachtenden Vorgänge, die an diesem Ort 1934 eine noch grausamere Dimension gegenüber schwulen Mitbürgern annahmen. Die Einweihung wurde in Folge auf 2016 verschoben, für unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen Anlass, in diesem Herbst unter dem Titel „Rosa Winkel“ eine begleitende Themenreihe zu konzipieren. Inzwischen steht die Themenreihe fest, das Einweihungsdatum des Mahnmal jedoch nicht (mehr). Es wurde auf noch unbestimmte Zeit verschoben. Natürlich habe ich keinen Einblick in die Gründe, die die Landeshauptstadt veranlasst haben, diese Einweihung ein weiteres Mal kurzfristig zu vertagen. Allerdings hoffe ich darauf, dass sie in allernächster Zeit nachgeholt werden möge, denn die Zeiten stehen politisch derart auf „Sturm“, wie ich es mir vor einigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen.

Noch 2004 empfand ich eine Vita, wie die des schwulen Textdichters „Bruno Balz“, der von den Nazis sowohl verfolgt, wie auch als Hitschreiber instrumentalisiert wurde, als eine Art tragisches historisches Kuriosum. Entsprechend inszenierte ich es damals gemeinsam mit Sängerin Andrea Giani als Kapitel aus einer  – glücklicherweise – vergangenen Zeit. Auch noch 2012, als ich gemeinsam mit dem Historiker Christian Sepp (Autor der Biografie über Sophie Charlotte, Sisis unglücklicher Schwester) die Produktion um eine Reihe historischer Fakten und Musiken ergänzte, ordnete ich sie für mich unter „Episode aus der NS-Historie“ ein.

In diesem Herbst nun wird die „Bruno-Balz“-Collage im Münchner NS-Dokumentationszentrum erneut in Reprise gehen, mit dem Schweizer Schauspieler Andreas Michael Roth als Sprecher sowie Peter John Farrowski als Interpret der unvergessenen Chansons von Bruno Balz, vorwiegend in Vertonungen von Michael Jary. Schon 2012 hatte ich mich bewusst dafür entschieden, die wunderbare Stimme von Andrea Giani durch eine männliche Stimme zu ersetzen, um so die Doppelbödigkeit der Balz’schen Liedtexte erfahrbar zu machen, auf die mich Jürgen Draeger, Lebensgefährte und Nachlassverwalter von Bruno Balz (www.bruno-balz.com) wiederholt aufmerksam gemacht hatte. So textete Balz, kaum aus Gestapo-Haft entlassen, für den Zarah-Leander-Blockbuster „Die große Liebe“ munter: „Mein Wahlspruch heißt: Erlaubt ist, was gefällt: Mein Leben für die Liebe, jawohl! Mein ganzes Glück ist Liebe, jawohl! Ich kann nun mal nicht anders, ich muss nun mal so sein, ein Herz wie mein Herz ist nicht gern allein – Und Nächte ohne Liebe, oh nein!“ 

In Zusammenhang mit meinen Recherchen zu der „Bruno-Balz-Collage“ habe ich immer schon den nahtlosen Übergang von einer toleranten Weimarer Republik in die Enge der NS-Diktatur als erschreckend empfunden. Inzwischen, 2016, bei nochmaliger Durchsicht meiner Produktion, macht mir dieser damals so rasant vollzogene Bruch freiheitlicher Werte richtiggehend Angst. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages in unserer Gesellschaft erschreckende Parallelen zum „Marsch ins Dritte Reich“ feststellen würde. Dabei können wir für uns noch nicht einmal jene katastrophalen wirtschaftlichen Zustände reklamieren, die u.a. Deutschland damals in die NS-Diktatur trieben. Wer hier und heute jammert, tut dies im historischen Vergleich auf äußerst hohem Niveau. Für viele BürgerInnen scheint ein (historisch mitverursachter) Flüchtlingsstrom auszureichen, alle Unsäglichkeiten unserer jüngeren Vergangenheit ganz schnell unter einen Tisch zu kehren, der längst dem Stammtisch „böser Volkes Stimmen“ wieder gefährlich nahe kommt. Und die richten sich immer und zuallererst gegen jene Minderheiten, die sich in puncto Herkunft und/oder Lebensentwurf von der Masse unterscheiden.

Dagegen gilt es für mich anzugehen, unter anderem ganz konkret beim alljährlichen Gedenkmarsch für die verfolgten Münchner Schwulen, veranstaltet vom  Forum Homosexualität München und gefördert durch das Kulturreferat München,

am Donnerstag Abend, 20.Oktober 2016, um 19 Uhr, am historischen Treffpunkt Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger

Auch die „Rosa Liste“ München ruft zu diesem Marsch auf. Diese kommunal-politische Gruppierung hat in unserer Stadt erfolgreich seit den 90er Jahren die negativ besetzte historische Bedeutung des Begriffs „Rosa Liste“ durch reale politische Mitgestaltung neu definiert, allen voran dank des Engagements von Stadtrat Thomas Niederbühl (s. auch den Blog-Beitrag Ganz normal anders?). Dabei frage ich mich, ob nicht gerade wir heterosexuell lebenden Mitbürgerinnen und Mitbürger uns nicht auch verstärkt an dieser Gedenkveranstaltung beteiligen und damit ein Zeichen der Solidarität setzen sollten? Gerade jetzt!!!

(Titelbild: Albert Knoll, Gedenkmarsch 2015, rechts im Bild)


Nachstehend eine Übersicht der weiteren Veranstaltungsbeiträge:

Freitag, 21.10., 19 Uhr, NS–Dokumentationszentrum , Brienner Straße 34, Platzres. Tel. Tel. 233-67000, Eintritt frei,  Künstlerportrait:  „Kann den Liebe Sünde sein?“ –Bruno Balz
Als Schwuler verfolgt, als Hitlers Hitschreiber instrumentalisiert … Mitwirkende:
Toni Netzle (Einführung), Peter John Farrowski (Gesang)
Andreas Michael Roth (Regie, Textvortrag)
Gaby dos Santos (Produktion, Textvortrag; Bildcollagen) Im Anschluss Podiumsdiskussion moderiert von Albert Knoll
Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München
und Archivar der Gedenkstätte Dachau.

DI, 15.11., 19.30 Uhr, SUB – Schwules Kommunikations- u. Kulturzentrum München,  Müllerstr. 14, Tel. 8563464-00, Eintritt frei
„Gottes verstoßene Kinder?“
Essayistischer Vortrag von
  Jon Michael Winkler, der die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität in der abendländischen Kulturgeschichte hinterfragt
Podiumsgäste der anschließenden Diskussion:
Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe
Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising, 

Außerdem angefragt: Vertreter_Innen der evangelischen Kirche; Details folgen 


  Download (PDF) der Themenreihe „Rosa Winkel“

Die Themenreihe wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung:

 

 

 

 

 


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Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

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Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

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Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

2016_07_02_Kanzleirat_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

2016_07_02_Gaby_dos_Santos_Requiem_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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Jeder Handgriff ein Gebet – Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Musiker-Kollegen Jon Michael Winkler

Eigentlich hatte ich Komponist Jon Michael Winkler darum gebeten, in einigen Zeilen seine Eindrücke des neues Werks von Michaela Dietl – „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ – zu schildern. Tatsächlich aber hat ihn die Musik derart inspiriert, dass daraus, wie Winkler es bezeichnet,  „eine persönliche Rhapsodie“ entstanden ist, eine Rhapsodie in Worten, die einen direkt in  die Klangwelt von Michaela Dietls Requiem hinein zu katapultieren scheint … Für mich die ideale Einstimmung zur Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016. Weiterlesen

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Zwischen „Europäischen Identitäten“ und nationaler Identität – Im Gespräch mit Dr. Roland Jerzewski, ESM

Anfang der 70er Jahre in den Dolomiten: Schülerinnen und Schüler Europäischer Schulen sind aus Brüssel, Luxemburg, Karlsruhe und Varese zu einem Ski-Urlaub angereist, indirekt gesponsert von Europäischen Forschungszentren und Institutionen, bei denen ihre Väter überproportional gut im Brot stehen, gemessen an den normalen Gehältern in den Herkunftsländern. Es ist schon später am Abend und man hat sich – nicht ganz erlaubterweise – in einem der Schlafräume zu einer kleinen Party zusammengefunden. Viel Kichern und Sprachengewirr, es wird geflirtet, sich gebalgt, Händchen gehalten, getan, was Teenager halt tun, nur in einem viel internationaleren Rahmen, den die Jugendlichen als vollkommen natürlich erleben, ebenso wie den reibungslosen Wechsel von einer Sprache in die andere. Europa lebt im Hier und Jetzt, bis es plötzlich ein zaghaftes Klopfen vernimmt, nicht an der Tür, sondern an einer der Wände. Nach und nach verstummen die Jungen und Mädchen, lauschen ein wenig ratlos, bis irgendjemand die Initiative ergreift und die Tür zu dem Raum öffnet, von dem aus man die Klopfzeichen vermutet. Überrascht blickt man in eine winzige Kammer mit nur einem Nachttisch und einem Stahlbett, auf dem zusammengekauert ein Junge sitzt, im selben Alter wie die Schülergruppe, aber ganz offensichtlich kein Hotelgast, sondern eine jugendliche Aushilfskraft. Bis heute habe ich diesen Jungen als irgendwie grau in Erinnerung und seine Kammer auch. Es bot sich uns, kurzum, das Bild einer grauen Realität, die uns fremd war, und auf die wir daher nur ebenso stumm wie hilflos zu blicken vermochten, bevor wir leise den Rückzug in den Schlafraum unserer Welt antraten. Uns allen war klar, dass sich dieser Junge aus Einsamkeit bemerkbar gemacht hatte, aber wir schlossen lieber rasch wieder die Tür zu seiner Wirklichkeit, weil sie uns überforderte.

Wir Europa-Schülerinnen und Schüler bekamen damals alle nur möglichen Rahmenbedingungen gestellt, um die Vision eines vereinten Europas schulisch zu leben, die Chance sie zu reflektieren bekamen wir jedoch nicht und bemerkten deshalb auch nicht die Glasglocke, unter der wir aufwuchsen, während sich irgendwo jenseits unzählige weitere Dienstbotenkammern befanden und mit den Jahren auch vermehrten. Die Fähigkeit, unsere Identität vor dem Background einer multikulturellen Erziehung nicht nur zu definieren, sondern auch in Bezug auf die Realitäten in anderen gesellschaftlichen Schichten und in anderen Ländern zu stellen, wurde uns nicht mit auf den Weg gegeben.

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Schüler_Innen der Europäischen Schule in München Neuperlach bei einer Veranstaltung; Quelle ESM 

Den Ansatz, den die Europäischen Schule München mit ihrem breit gefächerten Projekt „Europäische Identitäten“ – koordiniert von Dr. Roland Jerzewski – verfolgt, hätte ich mir daher für meine Schulzeit auch gewünscht. Während Europa gemeinhin als Auslauf-Modell wahrgenommen wird, findet im europäischen Mikrokosmos in Neuperlach tatsächlich ein europäisches Narrativ statt. mit der  Zielgebung: „Unsere lokale, regionale, nationale, europäische, aber auch weltanschauliche, ethnische, soziale, weibliche/männliche Identität auszuloten.“ Wie wünschenswert das ist, weiß ich nur zu gut aus meiner eigenen Lebenserfahrung als ehemalige Schülerin an der Europäischen Schule in Varese/Italien: Durch die internationale Struktur solcher Schulen fühlt man sich leicht mal  “ ‚zwischen den Stühlen‚ . Eine „nicht immer leicht definierbaren Identität könne Quelle von Zweifeln und Verunsicherung sein“,  so formuliert es die Projektdarstellung auf der Webseite der Schule. Und: „(…) gleichzeitig ist diese Polyvalenz aber auch eine große Chance in einer multipolaren, globalisierten Zukunft.“ Nicht zuletzt diesen Vorteil gilt es in der Wahrnehmung der Schüler_Innen nachhaltig herauszufiltern.

Dr. Roland Jerzweski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Dr. Roland Jerzewski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Das Projekt läuft dementsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab, alle mit dem Ziel, die Schüler nicht nur zum Ausleben ihrer eigenen Identität zu ermutigen, sondern sie auch zu reflektieren und zwar über die Workshops im Klassenzimmer und in Gemeinschaftsausstellungen hinaus. So finden regelmäßig Klassenfahrten ins europäische Ausland statt, bei denen interkulturelle Begegnungen das Programm bestimmen, wie eine Reise nach Toledo, mit Spurensuche im historischen Schmelztiegel der drei großen Religionen sowie Schülerbegegnungen in einem dortigen, von muslimischen Migranten geprägten Gymnasium. Zur Wahrnehmung unseres multikulturellen Europas schweift der Blick von Schüler- und Lehrerschaft aber nicht nur ins Ausland ab. Ebenso richtete das Projekt „Europäische Identitäten“ einen Fokus aber auf die unmittelbare Nachbarschaft, zum Beispiel auf die vielen muslimischen Schüler_Innen im Viertel und besuchte beispielsweise einen Fußballclub, der 25 Nationen umfasst, sich aber auf Deutsch als Clubsprache verständigt hat. Auch das jüdische Leben in Fürth, gestern und heute, war  Thema und Ausflugsziel der Projektreihe. Ganz oben auf der Agenda findet sich natürlich die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Europäischen Institutionen, ihrer Geschichte und ihren Aufgaben, vornehmlich derer in Brüssel, das alljährlich ein Reiseziel der Politik-Oberstufenkurse ist.

2014 im Europäischen Parlament in Brüssel

Im Europäischen Parlament in Brüssel, 2014

Im Zentrum dieser Bildungsreisen stehen aber nicht so sehr Simulationsspiele zum Brüsseler EU-Betrieb, sondern unmittelbare Begegnungen mit Abgeordneten und Experten, mit denen die Schüler auf Augenhöhe diskutieren, zu einem thematisch festgelegten Schwerpunkt. Die gesammelten Eindrücke werden alsdann im Rahmen von Seminaren erweitert und vertieft. „Ich habe noch nie Schülerinnen und Schüler erlebt, die von einer solchen Fahrt nicht als Vollblut-Europäer zurückgekehrt wären„, so Jerzewski.

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch "Wie man Baske wird" im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Einen wichtigen Beitrag zu den „Europäischen Identitäten“ leisten Autoren, Künstler, Wissenschaftler sowie Politker_Innen, die auf Initiative von Dr. Jerzewski und seinen Kolleg_Innen die Schule besucht haben, unter ihnen veritable Paradiesvögel unserer multikulturellen europäischen Gesellschaft, wie der spanisch-baskische Ibon Zubiaur, vormals Leiter des Instituto Cervantes München, inzwischen erfolgreicher Autor und Übersetzer in Berlin. An der Europäischen Schule begegnete ich ihm erstmals, als er, der spanische Baske, ausgerechnet über die Situation von Literaten in der DDR referierte, festgemacht an den Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner. Besonders spannend an seinem Vortrag fand ich, dass er dabei die literarische Fruchtbarkeit betonte, die sich häufig gerade in Ländern entwickelt, in denen die freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei, ein Aspekt, der auch die Schüler_Innen veranlasste, den Gast mit Fragen zu bestürmen. Das selbe Phänomen wiederholte sich ein Jahr später, als Zubiaur an der Schule seinen ersten Erzähl-Essay „Wie man Baske wird„, vorstellte, auf den ich bereits in meinem Beitrag „Streifzug“ im vergangenen Jahr eingegangen bin. Dafür, dass Wissen mit Lässigkeit und Tiefe gleichermaßen angegangen werden kann, ist Zubiaur ein Haut-überzognenes Beispiel erster Güte und damit Garant für einige Kultur-Phobiker weniger in den nachwachsenden Generationen.

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Auch Peter Schneidereiner der wichtigsten Vertreter der 68-er Literaten der Bundesrepublik und bis heute unverzichtbarer gesellschaftspolitischer Seismograph , war wiederholt Gast im Rahmen der Projektreihe. Ich erlebte ihn bei der Präsentation seiner Autobiografie „Die Lieben meiner Mutter“ als versierten Schriftsteller ebenso wie als Zeitzeugen, auf den auch das Fernsehen regelmäßig zurückgreift, wenn es gilt, Vorgänge aus der jüngeren Vergangenheit zu kommentieren.

Ganz nah an diese heran führte auch eine Veranstaltung mit Tilo Schabert, einem hochdekorierten Historiker, der als Erster Einblick in das Geheimarchiv des Elysée-Palastes zur deutschen Einheit erhielt und fesselnd über die Zweifel und Ängste zu berichten wusste, die Mitterand angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigung befallen hatten und wie er sich von ihnen zu lösen verstand und sich dann zu einem überzeugten Befürworter eines starken Deutschlands in der Mitte Europas wandelte.

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage "Genosse Rock'n Roll" über und mit Musiker Peter Lang

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage „Genosse Rock’n Roll“ im Rahmen von „Europäische Identitäten“

Einblicke in ein Künstlerschicksal im „real existierenden Sozialismus“ Ungarns in den 6oer Jahren vermittelte unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen mit „Genosse Rock’n Roll„, in der Musiker und Artist-Studio-Betreiber Peter Lang in Spracheinblendungen zu Bildcollagen seine Karriere Revue passieren lässt. Die begleitende Musik, gewissermaßen Soundtrack seiner Künstler-Vita, spielte er selbst live dazu ein. In einer Zigarettenpause der Aufführung sprach mich eine Schülerin an und berichtete, ihre Großmutter habe im Jugendpark in Budapest Peter Lang noch selbst auf der Bühne erlebt, was mir einen Eindruck davon vermittelte, wie bekannt Peter damals in Ungarn gewesen sein musste, als er mit seiner Band „Hungaria“ Erfolge feierte wie den Sieg in „Ungarn sucht den Superstar“, als Bohlen noch in denWindeln lag …

Die jourfixe-Collage "Chopin mit zwei Gitarren" 2010 an der ESM

Die jourfixe-Collage „Chopin mit zwei Gitarren“ 2010 an der ESM

Einen ungewollt lässigen künstlerischen Moment bescherte unser jourfixe-Team dem jugendlichen Publikum bei der Aufführung von „Chopin mit zwei Gitarren„. Gerade trug ich einen Zeitzeugenbericht über die letzten Momente in Chopins Leben vor, dramatische Spannung in der Stimme, ab und an ein Gitarrenakkord, als Jon Michael Winklers Handy im Furioso-Modus zu klingeln begann. Leider befand es sich in Jons Manteltasche hinter der Bühne; keine Chance, es auszuschalten. Während die Lehrer zu unserem Glück ganz automatisch davon ausgingen, dass sich das Corpus delicti unter den Schülern befinden müsse, hatten diese längst den Standort des Handys geortet und lachten sich krumm …

Ende letzten Jahres habe ich schließlich den Münchner Regisseur Rüdiger Nüchtern zu einer Filmmatinée an die ESM vermittelt, über die Dr. Jerzewski in Folge ausführlich selbst berichtete: „Im Rahmen des Identitätsprojekts wird die ESM immer stärker zur Filmakademie: Auftakt am Europatag 2012 mit Dominik Graf und seinem Klassiker „München – Geheimnisse einer Stadt“,

2015 – ebenfalls am Europatag – Uraufführung des an unserer Schule gedrehten FWU-Lehrfilms „Die Entstehung der Europäischen Union“  von und mit dem Dokumentarfilmer Johannes Rosenstein

und als Weihnachts-Premiere 2015 Rüdiger Nüchterns gerade als DVD neu aufgelegter Kultfilm „Nacht der Wölfe“, eine deutsch-türkische West-Side-Story der 80er Jahre.

Der Jugendbandenkrieg zwischen „Revengers“ (Rächern) und „Kenli Kartal“ (Weißer Adler), zwischen deutschen Rockern und türkischen Newcomern in München-Haidhausen kann kaum aktueller sein, thematisiert der Film doch mit der ebenso aggressiven wie sentimental-tragischen Konfrontation zweier rivalisierender Gruppen allegorisch ein Leitmotiv unseres Hier und Jetzt: Wandel durch Migration. Gestern waren es die anatolischen Gastarbeiter, heute sind es die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, also nach wie vor überwiegend Muslime.

Gaby dos Santos vor dem Filmplakat von Rüdiger Nüchterns "Nacht der Wölfe, ESM im Dezember 2015

Gaby dos Santos vor dem Plakat von Rüdiger Nüchterns „Nacht der Wölfe“, ESM im Dezember 2015

Die 200 ESM-Oberstufenschüler (der Film ist „besonders wertvoll“, aber erst ab 16!) müssen sich zunächst einmal auf eine Filmerzählung einlassen, die – obgleich rasant genug – analoges Kino bietet und nicht sekundensequenzgewohnte Sehnerven bedient. Aber die aufgebaute Spannung kommt durchaus rüber, wird verstanden und anschließend leidenschaftlich diskutiert, denn Regisseur und Hauptdarsteller stellen sich 35 Jahre nach den Dreharbeiten unseren Schülern zur Diskussion. Rüdiger Nüchtern erläutert sein damaliges Filmkonzept, bestätigt die Vermutung der Schüler, die Story sei keine platte Reality Show, sondern eine Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion, also „Dichtung und Wahrheit“. Aber nur so werde die Realität zur Kenntlichkeit entstellt, so oder ähnlich krass seien damals Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und „Zugereisten“ abgelaufen und die heutige Flüchtlingskrise lasse sich damit durchaus vergleichen. Seinerzeit haben wir Gastarbeiter gerufen und Menschen sind gekommen, jetzt kommen Menschen in Not, ohne dass wir sie ausdrücklich gerufen hätten.

35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms "Nacht der Wölfe" Podiumsdiskussion mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm sein damaliger Hauptdarsteller Ali Arkadas

Regisseur Rüdiger Nüchtern, 35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms „Nacht der Wölfe“, nach einer Vorführung der DVD-Neufassung mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm Hauptdarsteller Ali Arkadas

Interessanterweise konzentrieren sich die Schüler mit ihren Fragen aber auf Ali Arkadas, den türkischen Hauptdarsteller, der im Film tragisch ums Leben kommt, aber „in echt“ eine Ausbildung zum Lackierermeister absolviert und als er als Gastarbeiterkind keine Stelle findet, seinen eigenen Betrieb gründet, der bis heute funktioniert und floriert. Seine Antworten auf die Fragen nach der Botschaft des Korans und dem Bild der Frau sind ebenso einfach wie menschenfreundlich und führen gern bediente beidseitige Fremdheitsmuster ad absurdum. Dabei werden keineswegs alle Fragen geklärt oder Skepsis angesichts der neuen Herausforderungen unter den Teppich gekehrt. Aber: So neu und fremd wirkt das Thema „Migration und Flüchtlinge“ nach der Veranstaltung dann doch nicht mehr und das ist auch gut so, finden alle Beteiligten“.

Als ehemalige Europa-Schülerin und Kooperationspartnerin via jourfixe-muenchen bin ich – wie gesagt – des öfteren in den Genuss einer Veranstaltung aus der Reihe „Europäische Identitäten“ gekommen und so wurde ich während meines Gesprächs mit Roland Jerzewski ein wenig wehmütig, denn er, der Initiator und Leiter dieser Projektreihe tritt im Herbst in den Ruhestand.

Am 6.5. zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto: SPD-Bundesparteitag 2015, Foto: Olaf Kosinsky

Am 6.5.2016 zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto O. Kosinsky

Zuvor wartet er aber noch mit einem ganz besonderen Gast auf: Die SPD-Politikerin und Osteuropa-Expertin Gesine Schwan wird zu und mit den Schüler_Innen sprechen, ein weiterer Höhepunkt der „Europäischen Identitäten“, gerade jetzt, wo das Thema „Polen“ uns Generationen übergreifend beschäftigt.

Und danach? Hoffentlich übernimmt eine/r der Kolleg_Innen, die schon in den vergangenen Jahren dem Projekt ihre Unterstützung mit Rat und Tat haben zukommen lassen, das Ruder! Sicher stellt die Reihe nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar, was den aktuellen Diskurs zur Zukunft der EU anbelangt, aber, um im Bild zu bleiben, aus Tropfen bilden sich mitunter Ströme und gar Ozeane …

Roland_Jerzewski_2016_Portrait_-jourfixe-Blog

Dr. Roland Jerzewski, Projekt-Koordinator der ESM bis Herbst 2016

Jerzewski zieht ein skeptisches Fazit: „Wir wähnten uns schon auf den Weg in einen europäischen Bundesstaat, mit so vielfältigen Regionen wie Katalonien oder Schottland und sehen uns jetzt Sperrgittern gegenüber, vor allem seitens jener relativ neuen Mitgliedern der EU, von denen man sich positive neue Impulse erwartet hatte, als sie euphorisch unter das Schutzdach der europäischen Gemeinschaft gedrängt waren. Und nun führen sie unter anderem ins Feld, sie hätten selbst noch nie längerfristig ihre nationale Identität ausleben können. Das ist ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten geworden.“

Aber auch die Versäumnisse seitens der EU-Kernstaaten kamen bei unserer Unterhaltung zur Sprache: Jahrzehntelange Saturiertheit durch unsere Lebensverhältnisse hätten uns lethargisch und unempfindlich für die geschichtlich einmalige Leistung eines Vereinigten Europas werden lassen, so Jerzewski.

Hinzu kommen, denke ich, 70 Jahre Frieden in weiten Teilen Europas, die die Schrecken eines Krieges offensichtlich beunruhigend abstrakt haben werden lassen, trotz der Jugoslawien-Kriege und der Ukraine-Krise vor unserer europäischen Haustür …

In der Europäischen Schule München

In der Europäischen Schule München Quelle: ESM-Homeage

Die Jugend dürfe dem europäischen Gedanken nicht verloren gehen, warnt Jerzewski eindringlich am Ende unseres Interviews.

Wer die Jugend für sich gewinne, der gewinne auch die Zukunft und die dürfe nicht rückwärtsgewandten Populisten überlassen werden.


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten
Vita von Dr. Roland Jerzewski, Projektkoordinator an der ESM – Europäische Schule München


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Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

Jorma-Panula_Dirigent_2009

Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

mfm-Konferenz2016_PodiumsteilnehmerInnen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

3–teiliger Veranstaltungsblock, am Sonntag, 31.1. und Montag, 1.2.2016

„Frauen in der Musik – damals und heute“ 

SO, 31.1.
10 Uhr – 16.30 Uhr
Und sie komponieren, dirigieren doch! – Konferenz
Zu Übersicht und Vita aller  KonferenzteilnehmerInnen
Agnesstr. 27 (LMU München)
MO, 01.2.
15 Uhr
Written By Mrs. Bach – Dokumentarfilm
Details zur Veranstaltung           Trailer
Seidlvilla
MO, 01.2.
19 Uhr
20 Uhr
La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von Francesca Caccini
Einführender Vortrag
konzertante Auffürung der Barock–Oper
Details   zu Veranstaltung und Oper
Herkulessaal der Residenz

 


Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

 

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger


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