Allgemein

Geburtstag auf Wolke 7: Fotostrecke, Kommentare und weiterführende Links zur Künstlerfeier an meinem 60. Geburtstag, 4. Juni 2018, bei Terry Swartzberg in München

Runde Geburtstage verleiten mich regelmäßig zum Kassensturz: Wo genau stehe ich an diesem Stichtag, in Bezug auf meine Pläne, Ziele, Überzeugungen und auf meine Gefühlswelt? Und wer steht an meiner Seite, beziehungsweise mir zur Seite? Nehme ich den aktuellen, sechzigsten Geburtstag zum Maßstab, fällt meine biografische Zwischenbilanz um so vieles besser aus, als mir selbst bislang bewusst war. Von der Zuneigung meiner Gäste fühlte ich mich regelrecht eingelullt, von vielen liebevollen Gesten, Zuwendungen, Worten und künstlerischen Darbietungen. Dass die Gästeliste sich fast ausschließlich aus künstlerischen WegbegleiterInnen und engen KooperationspartnerInnen unterschiedlichstem Datums zusammensetzte, spielte dabei für mich keine Rolle, denn in meinem Leben verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer, beziehungsweise kultureller Arbeitswelt und Privatleben seit Jahrzehnten fließend.

Glücklich – Gaby dos Santos am 60. Geburtstag. Links im Hintergrund Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung

Die prägnantesten Momentaufnahmen, festgehalten von mehreren Gästen, habe ich in nachstehender Fotostrecke zusammengestellt, kommentierjt und verlinkt, weil diese nicht nur eine schöne Erinnerung für mich – und hoffentlich für meine Gäste – darstellen, sondern auch widerspiegeln, wofür die Kulturplattform jourfixe-muenchen steht. Nachfolgendes Gruppenfoto zeigt zwar nicht alle der geladenen !80 Gästen, aber einen guten Querschnitt:

Kurz vor Beginn der Künstler-Session: HINTEN von links: Manuela Rosenkind (Illustratorin, Autorin „Mia Meilenstein„), Harry Rosenkind (Musik-Promoter, Schlagzeuger der Kultrockband „Sahara“), Elisabeth Sorger (Malerin, Sprecherin der MKG-Münchner Künstlergenossenschaft), Reiner Mauthe, Catherine Houdayer (Modeexpertin), Jörn Pfennig (Lyriker, Bestseller mit „Grundlos zärtlich“), ganz an der Wand Arno Baum (Musik-Booker, Bassist der Progressive-Rockband PROGNOSTIC) und ansatzweise zu sehen Piaistin Masako Ohta; MITTLERE REIHE im Sessel: Ulrike Keil (Musikwissenschaftlerin, Pressechefin von Musikerlebnis/Tonicale, musica femina münchen) mit Ehemann, Michaila Kühnemann (Film- und Radiomacherin RADIO MÜNCHEN, Kabarettistin, Liedermacherin), Peter Lang (Inhaber Artist Studio München, als Musiker Mitbegründer der ungarischen Kultbands Hungaria und Omega), Claudia Cane (Rockröhre), VORNE, neben mir, Christine Weissbarth (Schauspielerin, Moderatorin und Referentin bei der Hanns-Seidel-Stiftung) sowie, halbverdeckt, Cecilia Gagliardi (Sängerin, Gitarristin, Theater im Roßstall/Germering)

Die  Kulturplattform jourfixe-muenchen steht seit fast zwanzig Jahren für kulturelle und künstlerische Vielfalt, mit dem Ziel gegenseitiger Inspiration und der Bildung von Synergien. Diese Vielfalt spiegelte sich in der Geburtstagsfeier wieder: Die Künstler- und Kulturschaffenden des jourfixe sind unterschiedlichster Couleur, doch bilden Know How, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kunstformen, Freude an künstlerischen Synergien und multidisziplinären Projekten einen kittenden, gemeinsamen Nenner. Als Mitglied kann man sich bei uns nicht bewerben; statt dessen spreche ich gezielt Kunst- und Kulturschaffende an, die ich mir als Bereicherung unseres künstlerischen Pools erhoffe, zur Entwicklung gemeinsamer Projekte und gegenseitigen Unterstützung.

Gastgeber Terry Swartzberg, Journalist, PR-Fachmann und Vorsitzender von „Stolpersteine für München e.V.“ stellte mir für meine Geburtstagsfeier sein historisches Häuschen am Nockerberg zur Verfügung und ermöglichte so einen unvergesslichen Abend! Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

Apropos gegenseitige Unterstützung: Eben mal sein ganzes Haus für die Feier zu meinem 60. Geburtstag zur Verfügung stellen – das macht ihm so schnell keiner nach und entspricht seinem Wesen: Für den Kosmopoliten Terry Swartzberg sind Aufgeschlossenheit, soziales Engagement (u.a. in seinen PR-Kampagnen) und phantasievoll gestaltete Lebensfreude zwei Seiten einer Medaille. Nach rund 25 Jahren als Korrespondent für die International Herald Tribune, gilt sein großes Engagement seit einigen Jahren dem Verein Stolpersteine für München e.V., dem er vorsteht und mit dem er aktuell ein großes Sommerfest vorbereitet, am Mittwoch, 20. Juni 2018, um 20 Uhr, bei freiem Eintritt im Jüdischen Museum München, mehr unter jourfixe-News. Und einmal mehr ist einfach jede/r herzlich willkommen! Ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt.

„Gabys gute Geister“ nannte meine Freundin Edith Grube Reiner Mauthe, Marianne Niederkofler, Sigi Blässer und Jon Michael Winkler; Letzterer ist nicht nur mein enger Vertrauter sondern auch Erster Vorsitzender des jourfixe-Vereins. Für mich bedeuten die vier Menschen auf obigem Foto weit mehr als Mainzelmännchen! Mit ihnen ist in Teilen mein Leben verwoben. Fest steht aber auch, dass  ohne deren Hilfe diese Geburtstagsfeier gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Der untere Bildteil zeigt einen Ausschnitt des üppigen Büffets: Alle Gäste waren gebeten worden, Speisen und Getränke anstelle von Geschenken mitzubringen. Foto: Stey

 

Geburtstagskind Gaby dos Santos führt Prof. Thomas Pekny, Intendant Komödie im Bayerischen Hof, durch Terry Swartzbergs historisches Domizil am Nockerberg, Foto: Oliver Stey

 

Theaterwelten: Angelica und Lili Fell, Geschäftsführung der inklusiven FBM-Freien Bühne München mit Thomas Pekny, Chef der Komödie im Bayerischen Hof; Foto: Dirk Schiff

 

Kommt Moses nicht zum Berg … Nachdem es im Winter wegen einer Endlosschlange nicht möglich gewesen war, das Rockmuseum im Olyimpiaturm zu erreichen, kam dessen Betreiber, Herbert Hauke eben zu uns. Neben ihm seine Frau Gabi, Tourbegleiterin und Assistentin von Sissi Perlinger; Foto: Schiff

 

Foto links: Die finnische Sängerin Tuija Komi im Gespräch mit musica-femina-Grafikerin Irmgard Voigt; Foto rechts: Claudia Strauch (Strauch Media) im Gespräch mit Behar Heinemann, links und  Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München)

 

Foto links: Das Sänger-Ehepaar Maya und Charles Logan; Rechts schneide ich eine der Geburtstagstorten an, die mir Gäste gebacken haben, assistiert von Gabi Hauke, dahinter jourfixe-Gründungsmitglied Angelika Grimm (Sozialpädagogin); Foto: Elisabeth Sorger

 

V.l. Alexander Diepold (Madhouse), hat gerade in München den alljährlichen Gedenktag für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma durchgesetzt, daneben Eva Giesel, Litag Theaterverlag, rechts Uta Horstmann, Bundesverdienskreuzträgerin für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma, auf den Stufen Esthera und Artur Silber (Musik-Manager DownTown Studios,PR–Agentur Silberpfeil, Schlagzeuger, u.a. PROGNOSTIC)

 

Unter den Nazis wurden ihre Ethnien unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt, doch hier ist Differenzierung angesagt: Von links: Oliver Stey, aus einer Zirkus- und Schausteller-Dynastie, der das größte Privatarchiv dazu führt, die schillernde Behar Heinemann, eine, wie sie es selbst formuliert „stolze Rom“ (Autorin und Kulturmanagerin) sowie der Sinto Alexander Diepold (Madhouse-Chef), dem München seit diesem Jahr einen festen Gedenktag für die verfolgten Sinti & Roma verdankt; Fotos: Dirk Schiff

 

Fotografin Anne Schiff – Mit ihr und ihrer Familie erlebe ich immer wieder kuschelige private Stunden; Rechts Stephanie Bachhuber (Bayer. Staatsoper) Am Vortrag meines Geburtstags feierten wir den 20. Jahrestag unserer Freundschaft! Fotos: Dirk Schiff

 

Geniales Geschenk von Naomi Isaacs (Institute for Charismology): Ein Kaleidoskop – zeitlose Freude! Links von ihr Reiner Mauthe, rechts Sänger Charles B. Logan, an der improvisierten Bar; Rechtes Bild: Ulrich Floßdorf, Traumatherapeuth etc. bei Alexander Diepolds Familienberatungsstelle Madhouse; Foto: Stey

 

Die finnische Sängerin Tuija Komi kam auf Krücken! Und verstand sich mit Gastgeber Terry Swartzberg offensichtlich prima. Für mich ist sie ein veritabler Sonnenschein, kann aber auch „traurig“ und sang später bei der Session à capella ein melancholisches finnisches Gänsehaut-Lied; Fotos: Dirk Schiff

 

Von links: Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München), Kriminalautorin Sabine Vöhringer („Die Montez Juwelen„) Michaila Kühnemann, Radio München, Moderatorin, Filmemacherin, Kabarettistin, Musikerin, Foto/Ausschnitte von Oliver Stey

 

Blick von Terry Swarzbergs Terrasse in den Innenhof. Von vorne links: Dr. Ulrich Schäfert, Leiter Kunstpastoral der Erzdiözese,, Grafikerin/Illustratorin Elena Buono, Heidi und Peter Lang, Artist Studio und Kulturjournalistin Heidi Weidner; ganz re. Sängerin Tuija Komi; Foto: Oliver Stey

 

Totale des Innenhofs – Im Vordergrund zu sehen ist Regisseur Rüdiger Nüchtern, ganz hinten wird es Italienisch: An der Wand die Grafikerin und Illustratorin Elena Buono und vor Ihr die Sängerin und Kabarettistin Cecilia Gagliardi, die einer römischen Künstlerdynastie entstammt; Foto: Dirk Schiff

Links neben Musikerin Cecilia Gagliardi (Theater im Roßstall/Germerin) die japanische Pianistin Masako Ohta, bei der ich mich fragte, wie sie aus einem Keyboard in Schoß-Format derart perlende Klänge zu zaubern vermochte. Rechts Sängerin Linda Jo Rizzo, die kürzlich das Hippodrom zum Kochen brachte. Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

Höhepunkt der Feier waren sicherlich die Geburtstagsständchen der MusikerInnen unter den Gästen sowie ein eigens zu meinem Geburtstag getextetes Gedicht SIXTY SEXY GABY des Lyrikers Jörn Pfennig! Große Freude! …

Lyriker Jörn Pfennig, zwei Ausschnitte von Fotos von Dirk Schiff

Vorbemerkung:

Eines Deutschen Dichters Scheitern
ist für ihn und die Welt ein wahrer Graus.
Doch manchmal kann es beide auch erheitern –
probieren wir’s doch einfach mal aus:

Das Gedicht:

Der Deutsche Dichter muss ja nicht denken –
von dieser Pflicht hat sein Volk ihn befreit
um sie dem Deutschen Denker zu schenken
der sich immer schon sehr
aber seither noch mehr
schier unglaublicher Bedeutung erfreut.
(… mehr)

Stimmungsbild während der temperamentvollen Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans; rechts außen Hausherr Terry Swartzberg, neben ihm Jazz-Sänger Thomas de Lates, Foto: Oliver Stey

 

Zwei Momente der Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans: Ein peppiges Lied à capella und aus eigener Feder über die Vorzüge reifer Frauen; Jennys Auftritt berührte mich sehr, denn oft war ich früher in ihrem Jazz-Lokal Jenny’s Place zu Gast gewesen und hätte mir nie träumen lassen, sie einmal als Geburtstagsgast zu begrüßen … Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

 

Csaba Gal, Leiter des Künstlerkreises Kaleidoskop und Cecilia Gagliardi (‚Theater im Roßstall/Germering) singen „Bella Ciao“, das „House Of Rising Sun“ Italiens, Foto: Dirk Schiff

 

Mitwirkende an der Künstlersession: Jazz-Sänger Thomas de Lates und zwei der Musiker der Progressive-Rockband PROGNOSTIC: Keyborder Martin Stellmacher und Sänger Charles B. Logan

 

Vertraute aus wilden Zeiten: Journalistin Daniela Schwan (rechts neben mir). Links zu sehen ist Kabarettistin Karin Engelhard. Dahinter Klaus Onnich, Kurator MVG-Museums – Foto: Dirk Schiff

 

Ein schönes Portrait-Foto von Kulturjournalistin Daniela Schwan; Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

 

Mit meinem alten Freund aus wilden Datscha-Zeiten, Zarko Mrdjanov, Gitarrist von Massel Tov, meiner Schwägerin Sigi und Heidi Lang vom Artist Studio, Foto: Dirk Schiff

 

Elisabeth Sorger, Malerin und Sprecherin der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft, Martin Hubensteiner, Ausstellungsmacher der LV1871, Gaby dos Santos und Christine Weissbarth, Referentin/Moderatorin der Hanns-Seidel-Stiftung, Foto: Dirk Schiff

 

In der Mitte Claudia Weigel, (Parlamentarische Beraterin Hochschul- und Kulturpolitik, Fauenpolitik für die BayernSPD Landtagsfraktion), links Autorin Gunna Wendt, nach deren Biografie über Franziska zu Reventlow wir zur Zeit, gemeinsam mit Musikerin Michaela Dietl, eine Collage zum 100. Todestag produzieren

 

Renate Lettenbauer und Lising Pagenstecher, wie ich Mitglieder von musica femina münchen    und Rockröhre Claudia Cane, die später Janis Joplins „Mercedes Benz“ sang; Foto: Dirk Schiff

 

Meine Freundin Edith Grube, Tochter und Nichte der KZ-Überlebenden Werner und Ernst Grube; Aktivistin (Stolpersteine für München e.V.) und Verwaltungssupervisor bei Madhouse, mit ihrem Mann Robert; Links: Harry Rosenkind (Musikpromoter und Schlagzeuger der Kult-Rockband „Sahara„)

 

Meine Collage über Textdichter Bruno Balz brachte mich mit diesen beiden Herren zusammen: Mein Bühnenpartner Lutz Bembenneck (li) und der „Experte“ für die Talkrunde nach der Aufführung, Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau und Vorstand des Forums Homosexualität München,

 

Unsere beiden jourfixe-Fotografen einmal selbst vor der Linse von Oliver Stey: Links: Dirk Schiff/ portraitiert.de und rechts Bernd Sannwald, ein As in abstraktv wirkender Detail-Fotografie

 

Dieses Portrait von Naomi Isaacs fand Dirk Schiff (portraitiert.de) so ansprechend, dass er spontan beschloss, es in seine neue Herbst-Ausstellung „Münchner und Zuagroste“ einzubeziehen. Wie bereits seine erfolgreiche Ausstellung im Vorjahr mit Uschi Glas, „We are all the same“, findet die Vernissage im Hotel Le Méridien statt, diesmal zugunsten von Jutta Speidels HORIZONT e.V.

 

Es ist spät geworden … Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung im Gespräch mit Jon Michael Winkler;; Foto: Stey

 

Ein glückliches Geburtstagskind sagt: „Danke!“


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

 

 

 

 

Advertisements
Standard
Allgemein

„Alles wird anders, aber nichts ändert sich“: Jazz-Reminiszenzen mit einem Gastbeitrag von Jörn Pfennig

Dieses Jahr besuchte ich, nach längerer Abstinenz, wieder einmal das Jazzfest München. Für mich war es in vielerlei Hinsicht eine Heimkehr – zu den Zeiten, als ich mich der Jazz-Szene eng verbunden betrachtete. Nicht zuletzt war ich ja mit Edir dos Santos verheiratet, der viele Jahre Schlagzeuger in den Formationen des Jazz-Geigers Hannes Beckmann war. Zudem hat mich ein Großer der Münchner und internationalen Jazzszene überhaupt erst mit Jazz „angefixt“ …

Dass ich Kunst- und Kulturschaffende werden würde, wusste ich schon als Kind, mein konkreter Einstieg erfolgte jedoch über die Jazzszene, nach einem kleinen Umweg über  Münchens Bar- und Kneipenlandschaft. Nach einer behüteten Jugend in Norditalien, trieb mich damals Nachholbedarf an „wildem Leben“ um, als ich 1979 in München aufschlug. Geplant war ein Studium der Theaterwissenschaften, aus dem sich jedoch ein Intensivkurs in „Kneipologie“ entwickelte. In dieser Zeit begegnete mir Joe Haider, seines Zeichens begnadeter Jazzpianist und einer DER zentralen Figuren der Münchner Jazzszene in den 60er und 70er Jahren. Wir becherten das eine ums andere Mal in schönster Eintracht und legten damit einen hochprozentigen Paarlauf hin, der für mein weiteres Leben Weichen stellen sollte, denn damals interessierte mich Joe und Joe stand für Jazz, und so begann ich mich mit dieser Musik und ihrer Münchner Szene näher zu befassen. Beides war mir bis dato weitgehend fremd geblieben, da ich aus der „Generation Rock“ stamme, der Musik, die in den 60er und 70er Jahren den Jazz immer mehr zurück gedrängt hatte, zumal „Modern Jazz“ ja nun auch nicht gerade die „auf erstes Hinhören“ eingängigste aller Musikformen ist.

jourfixe-Blogbeitrag von Marcus Woelfle "Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen" https://jourfixeblog.wordpress.com/…/sepp-werkmeister-doye…/

Joe Haider, der große Jazzpianist, 1970 im Münchner Domicile; Foto: Sepp Werkmeister

Dank meinem Faible für Joe Haider jedoch nahm ich mir die Zeit, auch ein zweites und drittes Mal „hinzuhören“ und schließlich eröffnete sich mir eine neue Art von Musikerlebnis: Die konzentrierte und differenzierte Einlassung auf Klangreisen, deren Wendungen niemand vorhersagen kann, weder auf, noch vor der Bühne. Ich lernte den improvisierten Dialog der Instrumente schätzen, der sich bei Jazz-Konzerten unter den Musiker_Innen entwickelt und ihnen ein spitzbübisches Lächeln auf ihre Gesichter zaubert; ich entdeckte die Faszination gelungener Übergänge von freien Solo-Improvisationen zurück in das Zusammenspiel der Band. Im Grunde lernte ich damals bewusster „Musik hören“, eine Fähigkeit, die mir bis heute bei meinen Produktionen zugute kommt, ebenso wie die Tatsache, dass ich zwar „besser hören“ gelernt habe, dies aber zwangsläufig noch immer aus der Warte des Publikums tue, um das es ja letztendlich bei jeder Veranstaltung geht – oder, meiner Meinung nach, zumindest gehen sollte.

Die Zeit meiner Ankunft in München fiel mit dem Sterben der Münchner Kleinkunst-Szene zusammen, mit fatalen Folgen für die Künstler_Innen. Ohne Spielort keine Gigs und ohne Gigs wiederum lassen sich kein Ensemble und erst recht keine Band dauerhaft zusammen halten. Die Jazzszene traf es besonders hart: Die glamouröse Oberflächlichkeit der 80er Jahren ließ die Jazzszene, mit ihrem Anspruch an die  Zuhörerschaft, immer mehr zur kulturellen Randerscheinung schrumpfen. Schließlich ergriffen eine Reihe Münchner Jazzmusiker_Innen die Initiative zu einer Jazzmusikerinitiative, die die Situation des Jazz in München verbessern sollte. Über  das musikalische Handwerk hinaus zeichneten und zeichnen diese Jazz-Aktivist_Innen konzeptionelle, administrative und verbale Fähigkeiten aus, womit ich das virtuelle Wort nun an den Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig übergebe, der die Anfänge der Münchner Jazzinitiative mitgestaltet  und aufschlussreich zu Papier gebracht hat:

Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig, Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Jörn Pfennig, Jazzmusiker, Autor und Lyriker Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Es war wohl eher die Stunde eins oder anderthalb, in der ich zu dem stieß, was sich da im Jazzclub Unterfahrt zusammenbraute, -traute, -staute. Noch namenlos, ungeordnet, liebenswürdig, aber mit grandioser Entschlossenheit, es nun endlich einmal aufzunehmen mit den Verwaltern jener exorbitanten Summen, die eine einohrig hochkulturell ausgerichtete Politik auf ein Segment ohnehin nicht darbender Bürger kübelt, während Musiker und Veranstalter, die sich der Subkultur/Abteilung Jazz verschrieben haben, ständig über den Rand der Existenz in einen feindselig gurgelnden Abgrund schauen. Das schrie nach gerechterer Verteilung, und das tat es denn auch bei den ersten Versammlungen, in denen – makellos basisdemokratisch – jeder zu Wort kam, der es nur lauthals genug vortrug. Doch eh wir’s uns versahen, hatte uns eine göttlich ordnende Hand eine Sitzungsleitung geschenkt, welche die Wortmeldungen bis ins zehnte Glied akkurat vermerkte. Das Chaos ging zurück, die Organisierung schritt fort – vorerst allerdings gut verträglich.
Um eine Initiative zu gründen, braucht es nichts als den beherzten Beschluss der Beteiligten, dass man von nun eine solche sei. Und natürlich einen Namen, der dem Außenstehenden möglichst besagt, worum es dieser Neugründung geht. JazzmusikerInitiative-München – auch einfachere Geister, als dies gemeinhin der Selbsteinschätzung von Jazzmusikern entspricht, hätten wohl zu dieser Bezeichnung gefunden, aber die Wucht des Schlichten entwickelt ja gerade auf politischem Terrain ihre besondere Kraft. Und dort wollten wir hin. Schon gab es einen Termin beim Kulturreferat, zu dem aus basisdemokratischen Gründen jeder mitkommen konnte, der sich davon einen Sinn versprach. Dieses traf immerhin auf neun Personen zu, und so herrschte beim Vorbringen unserer Anliegen haufenweise Sinn und recht wenig Platz. Da wir aber nicht nur Anliegen vorzutragen hatten, sondern auch eine preiswerte Idee, wurde aus dem Termin beim Referat ein Termin beim Referenten, dem wir besagte Idee dann sinnvollerweise bloß noch zu viert referierten.
In immer geordneteren Sitzungen hatten wir uns unterdessen nicht nur das einleuchtende Kürzel J.l.M herbeidiskutiert, sondern auch ein Projekt, mit dem wir sowohl uns, als auch dem Kulturreferat und dem Rest der Welt Gutes tun konnten: Ein Festival der Münchner Jazzmusiker, also unserer selbst, wollten wir auf die Beine stellen, aber – und das war das Schlaue daran – unter schmerzhaftem Verzicht eben dieser Unsererselbst auf ein Honorar. So zu Märtyrern geworden, musste uns der Kulturreferent Gnade erweisen, was er denn auch tat. Irgendwann, irgendwie war es dann da: das Organisationstriumvirat Hannes Beckmann-Rudi Martini– Jörn Pfennig. Keiner weiß genau, wie es dazu kam. Vermutlich waren es aber ganz natürliche Gründe wie überbordendes Engagement, unbezähmbarer Fleiß und eine fast schon gottlose Kühnheit. Verlockende Summen, die mancher Misstrauische für die Motivation verantwortlich wähnte, waren jedenfalls nicht in Sicht. Da der unterzeichnende Chronist ein Drittel des denkwürdigen Trios darstellte, könnte er mit Fug und Recht noch manch anderer falschen Vermutung den Garaus machen. Beispielsweise der, dass hinter der ungeheuren Effizienz dieses Teams eine ebenso ungeheure Harmonie steckte. Um dieses zurecht zu rücken, gleichzeitig der Gefahr des Anekdotischen auszuweichen und es dabei dann auch zu belassen, sei hier nur folgende Grundkonstellation grob skizziert:

Kandidat Martini läuft in den Morgenstunden zwischen neun und zehn zur Bestform auf.

Kandidat Beckmann erlebt dagegen seinen mental-kreativen Schub nachts zwischen drei und vier.

Folglich sind beide Kandidaten telekommunikativ inkompatibel und bedürfen eines Mittlers. Kandidat Pfennig bangt nun morgens viel zu frühen und nachts viel zu späten Telefonaten entgegen, die aber alle sein müssen, denn schließlich gilt es, ein Festival auf die Beine zu stellen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Als am Mittwoch, den 19. September 1990 um 18 Uhr der Kulturreferent der Landeshauptstadt München das erste J.l.M.-Jazzfest eröffnete, waren für insgesamt 5 Tage insgesamt 32 Konzerte mit insgesamt mehr als 200 Musikern organisiert. Ein wunderbares, altgedientes Zirkuszelt stand auf dem Olympiagelände inklusive Versorgungstrakt in Sachen Essen und Trinken. Alles war vorhanden, was ein brausendes Fest brauchte, bloß kein Publikum – zumindest nicht in einer Anzahl, die komfortabel gewesen wäre für die ersten auftretenden Künstler. Das Gefühl war mulmig, die Parolen waren durchhaltend und der wiederholte Hinweis auf die bekannten Eigenarten des Münchner Publikums klang hilflos. Aber siehe da: allmählich füllte sich das Zelt tatsächlich bis zur Rammelvollheit, und der Stimmungszeiger landete im roten Bereich der Euphorie.
So sollte es Gottseidank dann auch bleiben. Wir erlebten aber darüber hinaus noch einen herrlichen Schub in Richtung gemeinsam erlebter Katastrophen, die einander ja näher bringen sollen. Am übernächsten Tag nämlich fing es derartig an zu unwettern, dass dem würzigen Kürzel J.l.M. alsbald die galgenhumorige Interpretation „Jazz im Morast“ zugedacht war. Da jedoch nicht nur der Regen strömte, sondern auch das Publikum, da im Zelt nicht nur der Sumpf dampfte sondern auch der Jazz, wurde es ein unvergessliches Fest.
Unvergesslich? Na ja, möglicherweise fand der eine oder andere Musikant die nachfolgenden Jazzfeste doch wesentlich erinnerungswürdiger – da gab’s dann nämlich schon eine ordentliche Gage. (Soweit der Bericht von Jörn Pfennig)

1993, nach unserer Hochzeit in Rio, schlossen Edir und ich uns J.I.M. an. Die Vereinstreffen, die damals einmal im Monat im Jazzclub Unterfahrt abgehalten wurden, beeindruckten mich. Zum ersten Mal begriff ich, dass das „Kunst schaffen“, neben der kreativen, auch eine starke kulturpolitische Komponente beinhaltet, sobald man auf Fördermittel angewiesen ist … Fasziniert lauschte ich daher den Argumentationen der Wortführer_Innen, die vom Wesen her unterschiedlicher kaum hätten sein können:

Foto von Hannes Beckmann (+ 2016) für eines der Jazzfeste

Hannes Beckmann (+ 2016) um 2000, im Programm des Jazzfests München

Der ideenreiche, aus dem Bauch agierende Jazzgeiger Hannes Beckmann, der stets dazu neigte, alles an sich reißen zu wollen, der empfindsame und erfolgreiche PR-Stratege Rudi Martini, der rhetorisch brilliante Analytiker Jörn Pfennig, der strukturierte Wolfgang Schmid, damals Erster Vorsitzender des Vereins und viele, viele mehr.

Wolfgang_Schmid_Doldinger_Passport_Wolfgang_Schmid_s_KICK

Bassist Wolfgang Schmid (u.a. KICK, PASSPORT/Doldinger)

Weibliche Aktivistinnen waren – und sind es leider bis heute – in dieser Szene unterrepräsentiert. Neben Jazz-Sängerin und Gesangscoach Naomi Isaacs nahm an den JIM-Treffen hauptsächlich Sängerin Jenny Evans teil, damals bereits mitten in jener Metamorphose, aus der sie als eine von Deutschlands „Leading Jazz-Ladies“ hervorgehen sollte.

Selbst beteiligte ich mich nicht an den Diskussionen, zu neu war mir die Materie. Dafür lernte ich aber  umso mehr über kulturpolitisches Taktieren, Revier-Kämpfe und das Spannungsfeld zwischen der visionären und der konkreten Planungsphase künstlerischer Projekte. Noch mehr lernte ich über das Wesen von Künstlervereinen, deren Vorteile und Tücken; Erfahrungswerte, die in Folge in die Satzung der von mir initiierten Kulturplattform jourfixe-muenchen e.V. eingeflossen sind …

Mit der Zeit habe ich mich künstlerisch in eine andere Richtung entwickelt, aber die Erinnerung an meine überbordende  Jugend und an die ersten Berührungen mit der Künstlerwelt, bleiben mit der Jazzszene eng verbunden. Schon das Intro eines Jazz-Standards genügt mir, um mich zurück in diese swingende Phase meines Lebens zu beamen, die sich mir im Rückblick voller nostalgischer Anklänge zeigt, ganz so,  wie in dem alten Schlager „Those Were The Days my friend …“, nur eben halt gescattet statt geträllert.

Am Ende einer langen Jazznacht mit der finnischen Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts) und meiner Freundin Petra Windisch de Lates. Petra gehört zusammen mit Michael Wüst und Andy Lutter zum Organisationsteam der Jazzmusiker Initiative München, der wir nun schon zum 27. Mal ein solches Jazzfest verdanken

Jazzfest München 2016, Carl-Orff-Saal/Gasteig: Gaby dos Santos, Petra Windisch de Lates (JIM Vorstand) und Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts)

So erging es mir auch kürzlich wieder, als ich das Jazzfest besuchte:

Joe Haider spielte auf dem Jazzfest 2016

Joe Haider, Jazzfest 2016

Das diesjährige Motto lautete „Legendary“ und präsentierte als ersten Programmpunkt des Abends Joe Haider, meinen indirekten Jazz-Mentor von einst . Über zwanzig Jahre hatte ich ihn weder persönlich getroffen noch auf der Bühne erlebt. Nun dominierte er als Grandseigneur den Carl-Orff-Saal und erinnerte mich zunächst nur vage an meinen Kompagnon aus den frühen 80er Jahren. Doch im Verlauf seiner Moderationen offenbarte sich wieder sein spezieller, mir noch immer vertrauter Schalk. Während ich mich in den Sound dieses spannenden Ensembles – Bläser zu Streich-Quartett – versenkte, spürte ich, dass sich diesbezüglich ein Kreis in meinem Leben geschlossen hatte, und dass es nun an der Zeit ist, den Jazz wieder stärker in mein Leben einzubeziehen, gemeinsam mit all den jazzenden Weggefährt_Innen aus den 80er und 90er Jahren, die mir – noch – geblieben sind …  Eine Art Fazit lieferte mir an diesem Abend Jörn Pfennig, den ich ebenfalls zu lange schon nicht mehr gesprochen hatte, mit einem russischen Zitat:

„Alles wird anders, aber nichts ändert sich.“


Fotos: J.I.M./Künstlerfotos aus den Programmen diverser Jazzfeste / Foto Joe Haider jung: Sepp Werkmeister / Schnappschuss Jazzfest 2016: Gaby dos Santos


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

 

Standard