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„Auch Heilige liegen am Boden“ Zum „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München“ eine Pressenkonferenz – Zu Gast: Avi Primor, von 1993 – 1999 Israelischer Botschafter in Deutschland

Nach seiner Meinung zu den Stolpersteinen befragt, fand Avi Primor auf der Pressekonferenz der neuen Initiative  BÜRGERBEGEHREN für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München deutliche Worte: Er verneige sich vor dieser Form des Gedenkens. In Israel sei es von Bedeutung, wie Deutschland sich heute darstelle und inzwischen könnten andere europäische Länder in Bezug auf das „Wiedergutmachen“ von Deutschland lernen. Im übrigen gehe es nicht darum, israelische Bräuche nach Deutschland zu bringen, sondern darum, dass sich Gedenken in Landessitte vollziehe. Und führte als Beispiel die in steinernen Sarkophagen in den Boden eingelassenen Heiligen unserer Kathedralen an. „Auch Heilige liegen in Deutschland am Boden …“

Avi Primor, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999, zu Gast auf der Pressekonferenz des Vereins „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V.„, mit den Vorstandsmitgliedern, v.l. RALPH DEJA, Berater und Aktivist für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, DOROTHEE PIERMONT, ehem. Mitglied im Europäischen Parlament (vorm. b. Die Grünen), HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker und DAGMAR FÖST-REICH, Dipl. Kauffrau

„Durch das Lesen der Inschriften der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen,“ heißt es auf der Homepage des Zentralrats der Juden auf die Frage

UNTERSTÜTZT DER ZENTRALRAT DER JUDEN DIE VERLEGUNG VON STOLPERSTEINEN?

Und weiter: Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, und das Präsidium des Zentralrats, halten die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. > MEHR

Wartet auf seine Verlegung: Ein Stolperstein für Hans Scholl, Gallionsfigur der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, gezeigt bei der PK

Damit bezieht der Zentralrat eine gegensätzliche Position zu Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in deren Augen durch Stolpersteine die Opfer des Holocaust erneut mit Stiefeln getreten würden. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Interventionen bleibt in München, anders als in unzähligen Städten bundes- und europaweit, das Verlegen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt, nach zwei entsprechenden Stadtratsbeschlüssen, 2005 und 2015.

Stattdessen schlägt München einen kostspieligen Sonderweg ein. Statt Stolpersteinen (120 €, Fläche 10×10 cm) sollen Stelen (1.000 €, 6×6 cm) oder Tafeln an Hauswänden (500 €, 16×16 cm) an die Opfer erinnern. Stelen machen u.a. wegen ihrer tiefen Verankerung im Boden ein aufwendiges Genehmigungsverfahren und Tafeln die Zustimmung jedes einzelnen Miteigentümers eines Gebäudes erforderlich. Es ist daher abzusehen, dass nur wenige Stelen und Tafeln installiert werden. So wird aber das ungeheure Ausmaß der Massenvernichtung von Menschen nicht erkennbar, führt der neu gegründete Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V. auf seiner Homepage an und beginnt ab nächster Woche mit dem Sammeln der für ein Bürgerbegehren erforderlichen Mindestzahl von 35.000 Unterschriften. Bei diesem Verein handelt es sich um eine überparteiliche Gruppierung, die, mit dem demokratischen Instrument eines Bürgerbegehrens, das Thema „Stolpersteine auch in München“ erneut vor den Stadtrat bringen möchte.

Juni 2017, alles bereit zur Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße; Quelle: Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60453194

Für eine Aufhebung dieses Verbotes setzt sich seit vielen Jahren bereits unermüdlich die Initiative Stolpersteine auch für Münchenein, unter Vorsitz von Terry Swartzberg und hat zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Verlegungen auf privatem Grund durchgeführt. Eine weitere und bislang größte Verlegung von Stolpersteinen ist für Montag, den 11. November 2018 angesetzt, mit 34 weiteren Stolpersteinen an 11 unterschiedlichen Verlegungsorten! Ein Meilenstein, doch ist die Verlegung von Stolpersteinen auf privatem Grund meiner Meinung nach nur als  Interimslösung geeignet, denn, wie der Münchner Drehbuchautor Peter Probst, nach einer Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer aus seiner Verwandschaft anmerkte: Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. (…) Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann (…)

Juni 2017: Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen verwehrt.

Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen. Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. (…) MEHR

Umso mehr freut mich, dass sich jetzt in München eine weitere Initiative anschickt, das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund, diesmal mit politischen Mitteln, zu kippen und hoffe auf eine Bündelung von Kräften seitens beider Münchner Stolperstein-Initiativen, die dringend benötigt wird, angesichts einer äußerst engagierten Opposition.

Dem Sammeln von Unterschriften für das Bürgerbegehren sehe ich deshalb auch aus statistischer Neugier gerne entgegen, da mich brennend interessiert, ob es sich bei den Stolperstein-Gegner_Innen um tatsächlich eine Mehrheit innerhalb unserer Stadtgesellschaft handelt, wie teilweise kolportiert, oder vielmehr um die persönliche Einstellung einzelner, aber umso einflussreicher Bürgerinnen und Bürger … So äußert der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude am Ende eines Interviews 2017 in der ZEIT: Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger. MEHR

Eine derart einseitige Darstellung und Entscheidungsfindung seitens des vormals Ersten Vertreters unserer Stadt, in mehreren Passagen des Interviews, empfinde ich, als jemand, die die Vorgänge um die Stolpersteine ausgiebig recherchiert und verfolgt hat, schon bedenklich! Und unfair gegenüber uns Stolperstein-Befürwortern! Gedenken an sich ist doch ein sehr individueller, emotionaler und daher subjektiver Vorgang, dessen Wahrnehmung sich entsprechend schwer auf sachlicher Ebene erfassen oder gar bewerten lässt.

AVI PRIMOR, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999 zwischen HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker, RALPH DEJA, Berater und aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie Dorothee Piermont, ehemaliges Mitglied im Europäischen Parlament für DIE GRÜNEN, alle drei Vorstandsmitglieder des „Bürgerbegehrens“

Somit bleibt für mich auch unverständlich, dass gerade München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, heute den Nachkommen von Holocaust-Opfern verwehrt, sich für eine Form des Gedenkens zu entscheiden, die sie sich wünschen, und die in anderen Städten und Ländern Gang und Gebe ist, nämlich die der Stolpersteine, als ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig konzipiert.

Bildhauer Gunter Demnig ist nicht nur der Schöpfer der Stolpersteine – Ein Kunstprojekt für Europa, vielmehr reist er auch persönlich zur Verlegung an, hier im August 2018, in Pitten; Quelle: Wikipedia

Zumal die Genehmigung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, IN KEINEM FALL bedeuten würde, dass diese gegen den Willen von Nachkommen und ohne eingehende vorherige Prüfung seitens einer zeitgeschichtlich kompetenten Kommission erteilt würde.

Längst ist die Debatte zu einem Politikum geworden, zu dessen Leidtragenden leicht die Betroffenen werden können, wie im Fall von Peter Jordan. Seine Eltern hat er zuletzt als 15jähriger gesehen und im Holocaust verloren. Nachdem in Berlin, in den späten 1990er Jahren, erstmals Stolpersteine verlegt worden waren, die zwar erst im Nachhinein, dann aber problemlos vom Senat genehmigt wurden, folgte Peter Jordan in München diesem Beispiel und verlegte in der Mauerkircher Straße, dem letzten Domizil seiner Eltern Fritz und Paula Jordan, Stolpersteine. Die Stadt jedoch ließ diese postwendend, da nicht genehmigt, wieder herausreißen, was bei mir die Frage nach Pietät aufwirft: Muss denn etwas unbedingt ausgeführt werden, nur weil einem die Macht dazu gegeben ist? Erst im Sommer dieses Jahres wurden für die ermordeten Eltern des mittlererweile 96jährigen Peter Jordan, seitens der Landeshauptstadt München, Stelen aufgestellt.

26. Juli 2018: Eine Stele für seine ermordete Mutter! Dass er diesen Moment noch erleben durfte … Der 96jährige Peter Jordan war extra aus London angereist.

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kommentiert postwendend nach der Pressekonferenz Martin Bernstein, Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung, in der Ausgabe vom 04.09.2018, unter dem Titel Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch.  Als „falsch“ empfinde ich vielmehr, dass in München, was die Gedenkkultur anbelangt, nicht nur Verbote noch immer Persönlichkeitsrechte beschneiden, sondern dass darüber hinaus oft verunglimpft wird, wer dagegen hält! Solche Mittel der Auseinandersetzung zeugen nicht von Demokratieverständnis, ein Bürgerbegehren anzustreben hingegen schon!


Das Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in München e.V.

wird telefonisch betreut von Vorstandsmitglied Dorothee Piermont. Unter Tel. (089) 33 03 78 04 beantwortet sie gerne Frage zu Punkten, die möglicherweise aus der, weil brandneuen, Homepage http://www.buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de noch nicht hervorgehen.

Natürlich können Anliegen auch via Email übermittelt werden: info@buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de


Wir bitten um Ihre Mithilfe, vor allem um Ihre Unterschrift
Wenn Sie uns weiter unterstützen und spenden wollen, bitte auf das Konto:

IBAN: DE95 7015 0000 1005 3156 74

Wir sind gemeinnützig und stellen Spendenbescheinigungen aus. (O-Ton der Homepage)


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

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Verliehen aber nicht vergeben – Der Anita-Augspurg-Preis 2015 zwischen Posse und Politikum

„Wenn die israelitische Kultusgemeinde die Vergabe des Preises als Angriff sieht, steht es uns angesichts unserer Geschichte gut an, das ernst zu nehmen“, sagte Fraktionschef Hans Podiuk. Damit ließ die CSU die Preisverleihung platzen (…), schrieb SZ.de zur Aberkennung des Anita-Augspurg-Preises 2015 an die Münchner Gruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF).

Die Namensgeberin des Preises, Anita Augspurg, Foto 1902, war 1915 Mitbegründerin der IFFF/WILPF

Die Namensgeberin des Preises, Anita Augspurg, Foto 1902, war 1915 Mitbegründerin der IFFF; Quelle

Der Preis wird zu Ehren der Namensgeberin und Aktivistin für Frieden und Frauenrechte Anita Augspurg seit 1994 von der Landeshauptstadt München verliehen und zeichnet Frauenorganisationen aus,„die zu mehr Gleichberechtigung von Frauen beitragen“. Verliehen wird der Preis seitens einer Jury aus Frauenverbänden unter dem Vorsitz von Stadträtin Lydia Dietrich /Die Grünen.

Der Münchner Merkur zitiert dazu Dietrich in einem Artikel vom 9.3.16: „Sie (Anm.: die IFFF-München) sind seit langem aktiv in der Friedens- und Frauenpolitik, engagieren sich gegen Waffenexporte und Militarismus“, sagt Dietrich im Merkur und verweist darauf, „dass die IFFF auch bei den Vereinten Nationen berät und Frauenperspektiven bei der Klimaschutzkonferenz in Paris eingebracht hätte. In München, schätzt sie, sind 20 bis 30 Frauen aktiv. (Anm.: tatsächlich ca. 60 Mitglieder) Aber auch Dietrich räumt ein, es seien bei IFFF-Texten „problematische Formulierungen“ dabei. „Aber ich will nicht, dass die IFFF darauf reduziert wird.

Wurde sie aber offensichtlich doch, denn seinen Artikel hatte Felix Müller im Merkur überschrieben mit: „Frauenpolitik: Städtischer Preis für Israel-Feinde?

Logo der deutschen Sektion der IFFF/WILPF

Logo der deutschen Sektion der IFFF/WILPF

Bereits Mitte Februar waren Stimmen laut geworden, die der IFFF vorwarfen, der BDS-Bewegung (Anm.:“Boycott, Divestment, Sanctions“ als politisches Druckmittel) nahe zu stehen, so nachzulesen im anonymen Blog Schlamassel vom 18.2., Titel:  Anita-Augspurg-Preis für BDS-Organisation?. Des weiteren wird dort beanstandet: „(…) wer auf der offiziellen Seite der ‚Frauenliga für Frieden und Freiheit‘ auf den Link „Nahostkonflikt“ klickt, findet dort ausschließlich wortgewaltige Verurteilungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates. Unter anderem macht die Münchner IFFF-Aktivistin Heidi Meinzolt ihrem Ärger Luft und fordert ein Ende der „internationalen Rücksichtnahme auf die schwierige Situation des Staates Israel“.

Auf welche Weise die zu dem Zeitpunkt eigentlich noch geheime Entscheidung zugunsten der IFFF durchgesickert war, ist nicht bekannt, aber der Stein wurde so ins Rollen gebracht … 

Protest am Marienplatz gegen ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis, gegen den erstarkenden Militarismus in Deutschland. Zweite von links: Brigitte Obermayer, dann Eleonore Broitzmann, Brigitte Schuchard

Protest am Marienplatz gegen ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis, gegen den erstarkenden Militarismus in Deutschland. 2. von  links: Brigitte Obermayer, dann Eleonore Broitzmann, Brigitte Schuchard

Am 22. Februar fand eine Anhörung der Münchner IFFF-Aktivistinnen Brigitte Obermayer und Heidi Meinzolt statt, unter Leitung von CSU-Stadtrat Marian Offman, der auch Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München ist. Desweiteren anwesend: Nicole Lassal, neue Leiterin der Frauengleichstellungsstelle der LH München, die für die Preisvergabe verantwortlich zeichnet, außerdem Jury-Vorsitzende Lydia Dietrich. Brigitte Obermayer und Heidi Meinzolt gaben an, dass die Münchner Sektion der IFFF selbst nicht mit der BDS-Kampagne befasst gewesen sei und persönlich dieses politische Druckmittel auch ablehne, da es die Falschen treffe. Damit schienen die Vorbehalte gegenüber einer Auszeichnung der IFFF München mit dem Anita-Augspurg-Preis ausgeräumt; die IFFF-München erhielten ein offizielles Gratulationsschreiben (Ausschnitte), datiert 25. Februar.

Die wichtigsten Passagen aus dem Gratualtionsschreiben an die IFFF-München, vom 25.02.2016

Die wichtigsten Passagen aus dem Gratualtionsschreiben von Nicole Lassal, Leiterin der Frauengleichstellungsstelle der LH München, an die IFFF-München, vom 25.02.2016

Doch hinter den Kulissen brodelte es offensichtlich weiter: Die Kritik des „Schlamassel“-Blogs wurde in Folge vom Online-Portal „Hagalil“  unter dem Titel: „Die Obsession zu Israel aufgegriffen, weitere Blogs, wie „Planet dissi/Antisemitismus schlossen sich an.

Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF-München, 17.3.16, Seidlvilla

Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF-München, 17.3.16, Seidlvilla

Im Zuge einer erneuten Debatte im Personalausschuss des Münchner Stadtrates erreichte Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF München, die Aufforderung zu einer nochmaligen Stellungnahme und zwar „ad hoc“, da nunmehr eine Entscheidung über die Preisvergabe nicht länger vertagt werden könne. Obermayer blieb daher keine Zeit, ihre Liga-Kolleginnen zu erreichen, um sich mit ihnen bezüglich einer neuen Formulierung zu besprechen; vielmehr musste sie sich ganz allein die geforderte weitere Stellungnahme „aus dem Ärmel schütteln„, wie sie es später ausdrückte.

„Die Sprecherin der Gruppe München, Brigitte Obermayer, versichert dass die BDS-Kampagne in München nicht unterstützt wurde, da die Gruppe München andere Arbeitsschwerpunkte hat:

* Kampf gegen Gewalt an Frauen mit den Schwerpunkten Zwangsprostitution, Frauen- und Menschenhandel

* Einsatz für internationale Abrüstung

* Verbreitung und Unterstützung der UN Resolution 1325, für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Konfliktlösungsfällen

Wir in München sehen Sanktionen und Boykottmaßnahmen durchaus kritisch. Sie treffen immer auch Menschen, die nichts dafür können. Es gab umfassende Wirtschaftssanktionen, z.B. gegen den Irak, gegen Jugoslawien oder Haiti mit verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung. Daraus haben wir gelernt, dass Sanktionen und Boykottmaßnahmen meist keine geeigneten Maßnahmen sind, um nachhaltigen Frieden zu erreichen; deshalb setzen wir uns immer für Konfliktlösung im Dialog ein.“ (Brigitte Obermayer)

Diesen Text jedoch, vor allem das Wort „meist“ gegen Ende der Stellungnahme, interpretierten Teile des Stadtrats als „Rücktritt vom Rücktritt“ seitens der Münchner Liga-Frauen, also als eine Distanzierung von ihrer vorhergehenden Distanzierung gegenüber den BDS-Forderungen ihrer Dachorganisation. Einen Tag später informierte die Gleichstellungsbeauftragte Lassal die zur Verleihung des Anita-Augspurg-Preises geladenen Gäste in einem Schreiben, dass der Festakt am 17.3. im Alten Rathaussaal abgesagt und eine Entscheidung bzgl. der Preisvergabe vertagt worden sei.

Der Münchner Merkur berichtete zeitgleich: Doch kein städtischer Preis für umstrittene Frauengruppe“ (…) Das hat die CSU im Stadtrat durchgesetzt. Die Preisvergabe wurde abgesagt. (…) Der Stadtrat verschob die Entscheidung über die Vergabe des frauenpolitischen Anita-Augspurg-Preises am Mittwoch, nachdem unsere Zeitung über Vorwürfe, die Organisation sei israelfeindlich, berichtet hatte (…)

Dass die Preisverleihung nicht nur vertagt, sondern definitiv abgesagt worden war, erfuhr die IFFF – ausschließlich! – durch eine weitere, knappe Pressemeldung in der SZ vom 11.3. Dort stand auch zu lesen, dass im Ältestenrat nun überdacht werde, die Jury des Frauenrechtspreises anders zu besetzen, um Probleme mit Kandidatinnen vorab zu klären. (…)“ 

Da stellt sich mir die Frage, ob und welches politische Kalkül hinter einer solchen Umbesetzung stecken könnte. Sollte eine Jury nicht eher für Unabhängigkeit als für Harmlosigkeit stehen?

Die Frauen der "Women's International League for Peace an Freedeom" (WILPF/IFFFF) Im Kampf um den Frieden, 1915 wie 2015, Quelle

Die Frauen der „Women’s International League for Peace an Freedeom“ (WILPF/IFFF): Aktiv im Kampf um den Frieden, 1915 wie 2015; Das Foto rechts stammt aus den Gründertagen | Quelle: wilpfinternational.org (Peace)

Einen Beigeschmack hat für mich auch die Tatsache, dass zum ersten Mal, seit 1994 der Anita-Augspurg-Preis ausgelobt wurde, mit der IFFF-München eine Frauenorganisation geehrt werden sollte, die eben nicht eher unverfängliche soziale bzw. kulturelle Ziele verfolgt, sondern politische. Diesen Kurs vertrat schon IFFF-Mitbegründerin und Preis-Namensgeberin Anita Augspurg (1857 – 1943). Ihr und ihren Mitstreiterinnen, denen damals noch nicht einmal das Wahlrecht zustand, gelang es in den Kriegswirren von 1915, im neutralen Den Haag zu einer transnationalen Friedenskonferenz zusammen zu kommen; Frauen verbündeter wie verfeindeter Staaten gleichermaßen! Geeint durch die vehemente Ablehnung des Krieges, wagten sie sich damit auf Konfrontationskurs mit dem damals vorherrschenden militaristisch-nationalen Zeitgeist.

1915 treffen Frauen aus befreundeten und verfeindeten Nationen zum ersten transnationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag zusammen; Quelle

1915 treffen Frauen aus befreundeten und verfeindeten Nationen zum 1. transnationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag zusammen; Quelle

„Wir Frauen so vieler verschiedener Nationalitäten, die wir uns, um unsere Gefühle auszudrücken, verschiedener Sprachen bedienen müssen, von denen eine jede ihre eigenen nationalen Charakterzüge trägt, sind hierher gekommen, in dem gleichen Bewußtsein, mit den gleichen Hoffnungen, dem einen Wunsch, daß unsere Stimme bis ans Ende der Erde dringe im Protest gegen diesen fürchterlichen Massenmord und gegen die Annahme, Krieg sei der einzige Weg, internationale Konflikte auszutragen.“ Mit diesen Worten eröffnete Dr. Aletta Jacobs, erste praktizierende Ärztin in den Niederlanden und Vorsitzende des niederländischen Zweiges der Internationalen Frauenstimmrechtsbewegung, den Ersten Internationalen Kongress europäischer und amerikanischer Frauen.

Zu den Organisatorinnen zählte auch Anita Augspurg, deren Friedensarbeit von der IFFF-München von Generation zu Generation und mit großem ehrenamtlichen Einsatz bis heute weiter getragen wurde  …

Video der Feierlichkeiten von 2015, zum 100. Jahrestag des Frauenfriedenskongresses in Den Haag:

 In unser aller Interesse sollten Bemühungen um dauerhaften globalen Frieden auf breite Zustimmung stoßen, auch seitens der Politik. Die aber wird nicht wirklich aus dem Stadium diplomatischer Lippenbekenntnisse hinaus kommen, solange Waffenlobbies, territoriale Interessen und nationales Machtbewusstsein eine Rolle spielen. Dem wiederum widersetzen sich Friedensaktivist_Innen in aller Welt, so auch die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF/WILPF), die dadurch von Anfang an Vorbehalten bis hin zu Repressalien ausgesetzt war.

Brigitte Schuchard, Historikerin und Aktivistin der Münchner IFFF-Gruppe

Brigitte Schuchard, Historikerin und Aktivistin der Münchner IFFF-Gruppe

Daran erinnerte die Historikerin und IFFF-Mitglied Brigitte Suchard  bei einem  „Gedankenaustausch“, der am 17. März in der Seidlvilla stattfand, anstelle der Preisverleihung im Alten Rathaussaal:  „Immer wieder wird die IFFF in ungerechtester Art herabgesetzt, diffamiert, verfolgt – durch die Nationalsozialisten, durch die bayerische Landesregierung der 50er bis in die späten 60er Jahre (Anmerk: Verdacht eventueller kommunistischer Umtriebe);  und heute, 2016, kann sich der Münchner Stadtrat nicht entschließen, der Münchner Gruppe den bereits zugesagten Preis zu verleihen (…)  Auch ich persönlich fühle mich von dem Vorwurf des Antisemitismus und der Israelfeindlichkeit gekränkt, denn ich habe mich vor allem in meinen beruflichen Jahren (als Referentin für Zeitgeschichte am MPZ) mit großem Engagement in Schulen und der Erwachsenenbildung dafür eingesetzt, über die unsäglichen nationalsozialistischen Verbrechen genau zu informieren und damit das Bewusstsein und den Willen zu einem „Nie Wieder“ in die Menschen zu pflanzen und ich habe – und das war mir ein Herzensanliegen – in vielen Führungen und Stadtrundgängen versucht, vergangene und gegenwärtige jüdische Kultur lebendig werden zu lassen. Ich habe versucht, Sensibilität zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen in Bezug auf die deutsche Geschichte und den Holocaust.“

„(…)  die IFFF ist aus meiner Sicht kein würdiger Empfänger“, urteilt hingegen  Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden München und Oberbayern in einem Kommentar, ebenfalls im Münchner Merkur vom 10.3.  Die internationale Dachorganisation der IFFF beschäftige sich „völlig übermäßig und obssesiv mit Israel und schreckt dabei nicht vor üblen, überzogenen Diffamierungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates zurück. Haltlose Anschuldigungen gehen einher mit den inzwischen um sich greifenden Boykottforderungen der BDS-Bewegung, mit der die Organisation offen sympathisiert.“ (…) Abschließend äußert Charlotte Knobloch in ihrem Merkur-Statement, das Recht auf freie Meinungsäußerung relativierend: (…) „Dass jedoch israelfeindliche Gruppierungen auch noch ausgezeichnet werden, übersteigt die Schmerzgrenze der jüdischen Gemeinschaft“.

Anita Augspurg in den 40er Jahren

Anita Augspurg in den 40er Jahren

Die IFFF erwidert auf ihrer Homepage: „Arme Anita Augspurg!  73 Jahre nach deinem Tod im Schweizer Exil  wird nun die Organisation, die du mit so viel Herzblut und Engagement mitten im 1. Weltkrieg gegründet hast und die als Gruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit noch immer in deiner Heimatstadt München für Frieden und Gerechtigkeit arbeitet, nach „aktueller Lesart“ des Antisemitismus bezichtigt. (…) Du, die mit Jüdinnen, mit Frauen aus kriegsführenden und nicht kriegsführenden Ländern eng zusammengearbeitet hast und immer Rechtsverletzungen und Gewalt angeprangert hast, würdest dich fragen, warum man immer noch nicht Unrecht beim Namen nennen darf und Wege aus der Gewaltspirale ignoriert!“

Man kann die Haltung der IFFF/WILPF gegenüber der Politik Israels befürworten oder auch ablehnen; in Zusammenhang mit dem Anita-Augspurg-Preis sollte das jedoch keine Rolle spielen, weil es hier um die Auszeichnung ganz anderer Meriten geht, was sowohl aus der Selbstdarstellung des Preises hervorgeht, wie auch aus der Bewerbung der IFFF-München um selbigen. Auch IFFF-Sprecherin Brigitte Obermayer betonte mir gegenüber nochmals in einem Schreiben: “Wir haben uns als Münchner Gruppe um den Anita Augspurg Preis beworben, weil  Münchner Frauen seit 1915 in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit/IFFF mitarbeiten. Wir haben eine 100jährige Geschichte in dieser Stadt. Das Wissen um diese klugen und mutigen Frauen ist ein Auftrag an die jüngeren Generationen dort anzusetzen, wo sie für uns vorgedacht haben. Ein Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Das geht nur, wenn sich viele für das Weiterleben auf diesem Planeten einsetzen. Das geht nur, wenn wir zusammen entscheiden, dass die Menschen wichtiger sind als der Profit und die Habgier. Das geht nur, wenn wir die Ziele unserer Vorfahrinnen umsetzen, dafür setzen wir uns ein.”Anita_Augspurg_Lida_Gustava_Heymann_1868

Daher – und nicht zuletzt angesichts des historischen Hintergrunds, ist die Aberkennung des Preises für mich, selbst noch nach wochenlanger Recherche, nicht nachvollziehbar. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wie es heutzutage für eine Friedensorganisation möglich sein soll, Friedenspolitik zu betreiben und dabei die Palästina-Frage auszuklammern?

Ein Artikel wie der von IFFF-Nahost-Koordinatorin Heidi Meinzolt 10.1.2009: Israel außerhalb der Staatengemeinschaft, auf der Homepage der Organisation, mag vielfach als „starker Tobak“ empfunden werden, auf „Dämonisierung“ zielt er jedoch, meinem Empfinden nach, nicht ab. Vielmehr skizziert er in sehr direkter Sprache Verhältnisse, die hierzulande in der Regel diplomatischer umschrieben werden.

Heidi Meinzolt, Nahost-Koordinatorin der IFFF nimmt Stellung zu den gegen ihren Homepage-Artikel geäußerten Vorwürfen; 17.3.2016, Seidlvilla

Heidi Meinzolt, Nahost-Koordinatorin der IFFF, nimmt Stellung zu den gegen ihren Artikel geäußerten Vorwürfen; 17.3.16, Seidlvilla

Meinzolts Artikel jedoch entstand unter dem Einfluss persönlicher Eindrücke, die sie selbst kurz zuvor in Palästina gesammelt hatte und fiel entsprechend emotional aus. Dass aber Emotionalität in einer (politischen) Auseinandersetzung ein schlechter Stichwortgeber ist, äußert Meinzolt inzwischen selbst in ihrer Stellungnahme auf der IFFF-Homepage: (…) „ich habe gelernt, dass Wut und Empörung immer auch Verletzungen anderer in Kauf nehmen und einen möglichen Dialog über Grenzen hinweg behindern. Das bedauere ich, gerade auch in der Münchner Diskussion, weil sie falsche Debatten auslöst. Ich sehe mich jedoch nach wie vor in der 100-jährigen Tradition der IFFF/WILPF, Unrecht zu analysieren und auch gegen den jeweiligen Mainstream zu benennen.“ (…)

Natürlich stehen wir Deutschen gegenüber unseren jüdischen Mitbürger_Innen in der Pflicht eines sensiblen Umgangs; zu Vasallentreue gegenüber der israelischen Politik sollte das meiner Meinung nach aber nicht führen müssen. Sollte nicht gerade unter befreundeten Staaten Kritik zwingend erlaubt sein?

"Gedankenaustausch in der Seidlvilla statt Preisverleihung im Alten Rathaus, v li.: Heidi Meinzolt, Brigitte Obermayer, Brigitte Schuchard von der IFFF-München, 17.3.2016

„Gedankenaustausch in der Seidlvilla statt Preisverleihung im Alten Rathaus, v li.: Heidi Meinzolt, Brigitte Obermayer, Brigitte Schuchard von der IFFF-München, 17.3.2016

Statt dessen sehe ich im Zusammenhang mit den Vorfällen rund um den Anita-Augspurg-Preis 2015  eine Entwicklung bestätigt, die Erika Christmann der  Projektgruppe „Frauen wagen Frieden„, (Evangelische Arbeitsstelle Arbeit und Gesellschaft/Pfalz) in einem Schreiben an den Münchner Stadtrat, mit Kopie an die IFFF-München, zusammenfasst:

Mit großer Enttäuschung und auch Zorn erleben wir immer wieder, wie auch vor einigen Wochen bei den deutsch-israelischen Konsultationen, dass die Freude an weiteren gemeinsamen Projekten in die Öffentlichkeit getragen wird, von Kritik an der israelischen Besatzungspolitik aber nichts zu hören ist. Besonders entmutigend ist natürlich auch, dass Sie die Kritik der Münchner IFFF (Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit) an der israelischen Politik als israelfeindlich, ja auch antisemitisch bewerten.“ (…)

Die US-Aktivistinnen von Code Pink erhalten am 15.4.2016 den Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt der Stadt Bayreuth; Quelle

Die US-Aktivistinnen von Code Pink erhalten am 15.4.2016 den Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt der Stadt Bayreuth; Quelle

Vielleicht ist Ihnen die Debatte um die Preisverleihung in Bayreuth an die Code-Pink-Frauen, die bereits den Aachener-Friedenspreis 2014 erhalten haben, entgangen. (Anm.: Sie waren ähnlichen Vorwürfen wie die IFFF-München ausgesetzt.) Man hat sich aufgrund genauerer Informationen und vielleicht auch durch gezielteres Nachdenken über Antisemitismus durch eine erneute Abstimmung im Stadtrat entschlossen, den Preis zu verleihen, übrigens auch unter besonderer Fürsprache der CSU. Vielleicht ist Ihnen auch entgangen, dass in den letzten Monaten verstärkt jüdische Gruppierungen oder auch Einzelpersonen gezielt Preisverleihungen und Veranstaltungen, bei denen auch Kritik an der israelischen Politik zu erwarten ist, in Verruf bringen, ja Bürgermeister, Volkshochschulen und andere Institutionen mit der sogenannten Antisemitismuskeule erpressen, so dass diese Veranstaltungen abgesagt, die Referenten ausgeladen bzw. die Zusage für die Räumlichkeiten zurückgenommen werden.“ (…)

Die im obigen Absatz beschriebenen Absagen scheinen mir zwar nicht unbedingt gerechtfertigt, aber durchaus nachvollziehbar: Das Ausmass der Verbrechen, in die der Antisemitismus im Dritten Reich gipfelte, wirkt auf die meisten von uns bis heute mit solcher Nachhaltigkeit, dass wir nicht annähernd in den Verdacht des Antisemitismus geraten wollen. Dieses Bedürfnis nach Distanzierung spricht für uns und muss bewahrt bleiben. Erpressbar sollte uns das aber nicht machen! Nun sind die Grenzen zwischen angemessener und unverhältnismäßiger Rücksichtnahme fließend, was gerade Entscheidungsträger_Innen im unmittelbaren Umgang mit Vertreter_Innen Israelitischer Kultusgemeinden und deren Anliegen immer wieder vor Probleme stellen dürfte. Wären aber nicht gerade deshalb offen ausgetragene Debatten, zum deutsch-jüdischen Leben in München, zu Gedenkformen wie den Stolpersteinen und auch zur Politik Israels zielführender, als Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand? Die halte ich für wesentlich bedenklicher, als offen und demokratisch geführte Kontroversen, gerade jetzt, wo der braune Ungeist wieder an Terrain gewinnt.

Dem gilt es, gemeinsam mit unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern entschieden Paroli zu bieten, nicht aber Gruppierungen wie der IFFF-München. Kritisch hinterfragen zu dürfen, ohne nachteilige Konsequenzen fürchten zu müssen, ist eine Voraussetzung für Demokratie. Durch die Aberkennung des Anita-Augspurg-Preises sehe ich sie ein Stück weit in Frage gestellt. Für mich ist es das falsche Signal in unserer Stadt, die doch für Weltoffenheit einsteht, und ich hoffe, dass ihr Stadtrat, dem Beispiel Bayreuths Folge leistend, den Status quo noch einmal zur Diskussion stellt.

Offiziell aberkannt wurde der Preis an die Frauen der IFFF-München ja bis heute nicht!

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Anlässlich der Verleihung des Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Humanität und Toleranz in Bayreuth, am Freitag, den 15. April  sind 7 Delegierte von CODEPINK  – Women for Peace – auf einer Vortrags-Tour in Deutschland.

Für CODEPINK sprachen: Toby Blomé, Ann Wright, Elsa Rassbach
Weiterer Redner: Thomas Rödl, Sprecher der DFG-VK Bayern
In der anschließenden Diskussion wurde zu den Ereignissen in München eine Resolution verfasst. (Text folgt in Kürze)


Nachtrag am 27.04.: Eine neue Friedensinitiative stellt sich der Öffentlichkeit vor:

BIB BÜNDNIS ZUR BEENDIGUNG DER ISRAELISCHEN BESATZUNG E.V.I.G.
Deren ersten Blog mit allem Wissenswerten habe ich reblogged.
Infos siehe auch unter www.BIB-JETZT.de


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Allgemein

„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

 „Wo war ich und wo warst Du, als am 26. September die Bombe explodierte?“ Als 1980, mitten das geschäftige Treiben aus Spaß, Tradition und Kommerz die Tragödie hereinbrach, legte sich über die Betriebsamkeit des größten Volksfests der Welt eine dumpfe Stimmung. Tiefes Mitleid für die Opfer, 13 Tote und 211 Verletzte, 68 davon schwer, mischte sich mit Abscheu über die Tat und der erschreckenden Erkenntnis: Man hätte selbst unter den Opfer sein können und/oder Angehörige hätte dieses Los treffen können. Wer Kinder hatte, den erschütterte ganz besonders das Schicksal der Familie Platzer. Vater Platzer hatte seinen Kindern, Ignaz, 6 Jahre alt und Ilona, 8 Jahre alt, einen Wies’n-Besuch gönnen wollen. Um 22.20 Uhr starben ihm beide von der Hand weg.

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Ein Blumengruß für die toten Kinder … Berührende Momentaufnahme der Gedenkfeierlichkeiten zum 35. Jahrestag, Foto: Haimo Liebich

„Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich der  73 jährige Kommissar Joseph Ottowitz in einem Beitrag des Spiegel: Betrunkene trampelten einfach über die Anschlagsstelle, manche sogar über die Leichen, während die Blasmusik weiter aus den Bierzelten dröhnte. Die Gummistiefel, die Ottowitz beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.

Oktoberfest_Bierzelt_Attentat_Gaby_dos_Santos_Bildcollage_Wiesnwahnsinn_jourfixe-BlogDer Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgerechnet München, die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, war, nach dem Geiseldrama der Münchner Olymiade von 1972, nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Terroraktes geworden! Da der Anschlag an einem der Ausgänge des Oktoberfests verübt worden war, blieb das eigentliche Fest-Areal unberührt und über das verwüstete Terrain schüttete man eiligst Teer, im eigentlichen, wie im übertragenen Sinn … Der berühmt-berüchtigte Spruch „The Show Must Go On“ fand zynische Anwendung: Nach gründlicher Reinigung eröffnete das Oktoberfest pünktlich am nächsten Vormittag, für zwei weitere Tage „buisness as usual“.  Am Mittwoch, ein Wochentag, der als relativ Umsatz schwach für das Oktoberfest gilt, unterbrach man die „Wies’n-Gaudi“ endlich für einen Tag.

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Erst vier Tage nach dem Anschlag blieb die Wies’n für einen Gedenktag geschlossen

Ebenso eilig hatte das bayerische Landeskriminalamt, im Tandem mit der Bundesstaatsanwaltsschaft, einen Täter zur Hand, den Studenten Gundolf Köhler, der selbst bei dem Anschlag zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich während der Untersuchungen heraus, dass Köhler zeitweilig der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann angehört hatte, die erst im Frühjahr vom damaligen Innenminister Gerhard Baum, FDP, verboten worden war.

Franz_Joseph_Strauss_1980_Wahlplakat_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-BlogDer amtierende bayerische Ministerpräsident Franz-Joseph Strauß hatte die Gruppierung jedoch lediglich für Spinner gehalten. Entsprechend vermutete er unmittelbar nach dem Attentat linke Terroristen am Werk und äußerte dies öffentlich. Doch leider – und ungünstig für Partei und Kanzler-Kandidat Strauß im Wahlkampf – erwies sich diese Theorie als vorschnell, da nicht haltbar, denn unter den Opfern entdeckte man bald, schwerst verstümmelt, den bekanntermaßen rechtsradikalen Attentäter selbst.

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Der halbverbrannte Ausweis des Attentäters

Schnell präsentierte man ihn der Öffentlichkeit als frustrierten Einzeltäter, der schlichtweg einen grausam erweiterten Selbstmord begangen habe. Punkt. Obgleich die Ermittlungsergebnisse schon damals zahlreiche Widersprüche und Lücken aufwiesen. 1982 wurden die Ermittlungen dann für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Bildausschnitt der Gedenkstele

Bildausschnitt der Gedenkstele

Das Attentat blieb für die Landeshauptstadt München ein „Schweres Erbe“, so bezeichnet in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Katja RiedelVor zehn Jahren, zum 25. Gedenktag des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980, hatte die Stadt Hans Roauer offiziell zur Gedenkstunde eingeladen. Freunde hatten ihn überredet, gemeinsam zur Theresienwiese nach München zu fahren. Zu der schmalen Gedenkstele am Eingang der Festwiese, die damals noch mehr im Gedränge der Menschenmassen verschwand als heute, wo sie immerhin von einem durchlöcherten Metallrund umgeben ist. Es soll Schutz und Aufmerksamkeit zugleich bieten.

Oktoberfest - Gedenken an Attentat

Doch als Roauer an dem Ort ankam, der ihm bis heute Angst macht, da habe es für ihn und die anderen, oft schwerst behinderten Attentatsopfer nicht einmal einen Sitzplatz gegeben, sagt er. „Nur die Honoratioren saßen hinter der Absperrung, wir standen mitten in der Meute. Und dann die salbungsvollen Worte. Ich habe das nur fünf Minuten ausgehalten“, sagt Roauer.

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Ihre Lebensaufgabe ist die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats: Oben: Journalist Ulrich Chaussy darunter Opferanwalt Werner Dietrich

Dass sich das Mäntelchen des Schweigens nicht für immer über das Attentat legen konnte, ist maßgeblich der Hartnäckigkeit von Journalist Ulrich Chaussy (BR) zu verdanken. Ihm entgehen nicht die vielen Ungereimtheiten, die der offiziellen Einzeltäter-Version widersprechen. Bald vermutet er, dass passend gemacht wurde, was nicht passte und recherchiert auf eigene Faust weiter, gemeinsam mit dem ebenso engagierten Opferanwalt Werner Dietrich. Gemeinsam tragen sie neues Beweismaterial zusammen und setzen sich persönlich mit Zeugen in Verbindung. Auf Grund der Ergebnisse ihrer Suche beantragt RA Dietrich mehrfach eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch sein Antrag wird jedes Mal abgelehnt. Mehr noch: In den 90er Jahren werden alle gelagerten Asservate  „aus Platzmangel“ vernichtet!

Oktoberfest_Attentat_Der_blinde_Fleck_Film_jourfixe-BlogDie Fragwürdigkeit der Einzeltäter-These erhält 2013 neue Nahrung durch den Film „Der blinde Fleck“, ein dokumentarischer Spielfilm, der die Fragen und Erkenntnisse bündelt, die Chaussy und Dietrich im Zuge ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben:

Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) recherchiert den angeblich gelösten Fall und stößt auf rechtsradikale Hintergründe und ungeklärte Todesfälle. Warum hat die Polizei Zeugenaussagen ignoriert? Warum gab Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) geheime Informationen an die Presse weiter? Warum hat die Bundesanwaltschaft wichtige Beweismittel vernichten lassen? Ulrich Chaussy und der Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) machen sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit, die auch heute noch vertuscht wird. iiiiiiiiiiii Quelle:  Homepage zum Film (mit anschaulichem Trailer)

Den Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ergänzen zusätzliche Dokumentationen zu neuen Fakten und weiteren möglichen Hintergründen und stoßen jetzt auf eine Öffentlichkeit, die bereits durch den NSU-Skandal hochgradig sensibilisiert ist, was „Blindheit auf dem rechten Auge“ und Verquickungen zwischen Nachrichtendiensten, V-Männern und rechter Szene anbelangt. Zudem treten neue Zeugen in Erscheinung. Im Dezember 2014 wird schließlich die Soko „26. September“ ins Leben gerufen und das Verfahren neu aufgerollt.
iiiiiiiiiiii
Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Toni_Netzle

Toni Netzle, Autorin, Schauspielerin und legendäre Simpl-Wirtin im Alten Rathaus-Saal, am 26.9.2015

Schon länger hatte ich diese neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Umso mehr freute ich mich über die Einladung zur Podiumsdiskussion im Alten Rathaussaal am 35. Jahrestag des Attentats und darüber, Details zu Attentat und den neuen Ermittlungen aus erster Hand zu erfahren sowie durch meine Anwesenheit Anteilnahme bekunden zu dürfen … So wie mir ging es vielen Münchnerinnen und Münchnern, angefangen bei dem Münchner Urgestein Toni Netzle, die mich begleitete. Auch im Publikum sah ich viele vertraute Gesichter aus dem Münchner Stadtleben, allen voran die zwei Ehrenbürgerinnen Getraud Burkhardt, ehemalige Bürgermeisterin und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultursgemeinde München, desweiteren Ellen Presser, Leiterin des jüdischen Kulturzentrums sowie Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München. Gut vertreten war natürlich auch die Landeshauptstadt selbst, u. a. durch meine SPD-Parteifreunde, Bürgermeisterin Christine Strobel sowie die Stadträte Bettina Messinger und Haimo Liebich, der mir liebenswürdigerweise sein Bildmaterial für diesen Blog überlassen hat.

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Für den DGB war Regionsgeschäftsführerin Simone Burger vor Ort und hielt die Einführungsrede. 1982, so eröffnete sie uns, hatte die DGB-Jugend vergeblich gegen die Einstellung der Ermittlungen protestiert. Doch damals fehlte es an Rückhalt in breiteren Schichten der Gesellschaft.

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Annette Ramelsberger, SZ, moderierte

Diese sei inzwischen wesentlich kritischer geworden, urteilte Annette Ramelsberger, von der Süddeutschen Zeitung, in ihrer Anmoderation. Auf den Punkt, mit großer Sachkompetenz und zugleich einfühlsam führte Rammelsberger, die sich bereits mit der Berichterstattung über den NSU-Prozess verdient gemacht hat, durch den Abend.

Als Podiumsgäste waren, neben Ulrich und Chaussy, zwei Überlebende des Attentats geladen. Rammelsberger stellte sie vor als „Herr und Frau Müller.  Aber sie heißen anders.“  Für mich war das der erste Gänsehaut-Moment, Opfern gegenüber zu sitzen, die sich genötigt sehen, das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens im Alltag für sich zu behalten „um nicht ständig darauf angesprochen zu werden„.
Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats

Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats; Rechts außen sitzt das Ehepaar „Müller“, Foto: Haimo Liebich

„Herr Müller“ begann dann mit überraschend ruhiger Stimme und sehr detailliert zu schildern, wie er das Attentat erlebt hatte. Mit einer kleinen Freundesgruppe waren er und seine damalige Verlobte in Richtung Ausgang geschlendert. Herr Müller rauchte damals noch und eilte kurz voraus, um eine leere Zigarettenpackung im nächsten Abfalleimer zu entsorgen. Dann ging er wieder einige Meter zurück zu seiner Gruppe. Man diskutierte noch, für welchen Heimweg man sich nun entscheiden sollte, als die Bombe explodierte und zwar in genau dem Abfalleimer, an dem sich Herr Müller eben noch befunden hatte! Die Rückkehr zu seiner Gruppe rettete ihm das Leben …

„Herr Müller“ schildert wie er das Oktoberfest-Attentat überlebte

Er findet sich auf dem Boden wieder, halb über der Kante des Bürgersteigs liegend. In Gedanken fühlt er sich durch seinen Körper. „Was fehlt mir?“ Als nächstes registriert er eine große Stille, seine Trommelfelle sind durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Welt scheint still zu stehen. Dann bricht unvermittelt Betriebsamkeit aus. Die ersten Verletzten werden mit Taxis abtransportiert, Sanitäter eilen herbei. – „Ich lag immer noch da.“ Ein Mann steht mit seinem Fuß auf Herrn Müller. Dieser will ihn darauf aufmerksam machen, erkennt dann, dass dem Mann die Gedärme aus dem Bauch quellen.

Oktoberfest_Attentat_Erste_Hilfe_jourfixe-Blog

Foto: Keystone PD

Ein junges Ehepaar möchte helfen. Weiß aber nicht wie, bittet Herrn Müller um Anweisungen. Er nimmt Feuchtigkeit wahr, die sich unter ihm ausbreitet. Es ist sein Blut. Unbedingt muss diese Blutung gestoppt werden.  Es gelingt seinen Helfern halbwegs. Das ist auch gut so, denn alle Sanitäter sind anderweitig beschäftigt. Herr Müller wird insgesamt vier Liter Blut verlieren und bleibt, wie durch ein Wunder, dennoch bei Besinnung, die er bald brauchen wird … Als man ihn endlich auf eine Bahre legt, knicken ihm beide Beine nach außen weg. Später wird sich herausstellen, dass sie nur noch von einigen wenigen Muskelfasern am Oberschenkel gehalten werden. Die Trage passt nicht in den Rettungswagen – wieder wird er ausgeladen, umgebettet und wieder kippen die Beine auseinander. Endlich verlässt der Wagen den Unglücksort …

Quelle: n-tv

Quelle: n-tv

Am Luise-Kieselbach-Platz gerät die Fahrt ins Stocken. Der Verletzte soll in ein Krankenhaus außerhalb der Stadt verbracht werden. Große Diskussion zwischen den Sanitätern und der Leitstelle. Die Sanitäter, auf Grund des Katastrophen-Alarms aus Starnberg herbei geeilt, sind nicht ortskundig. Herr Müller rettet die Lage und vermutlich seine beiden Beine, indem er den Rettungswagen nach Großhadern lotst, wo ihn die bestmögliche medizinische Versorgung erwartet. In einem Kreiskrankenhaus – so vermutet er heute – hätte man nicht bis zum Heilungserfolg chirurgisch „experimentiert“, sondern gleich beide Beine amputiert.
 

„Frau Müller“ schildert, wie ihre Handtasche sie vor den Bombensplittern schützte und ihr so das Leben rettete

Frau Müllers Schilderungen kreisen um ihr „Glück im Unglück“. Sie hält an jenem Schicksalsabend ihre Handtasche, ein beiges Fabrikat Marke 70er Jahre, aus Achtsamkeit (vor Taschendieben) auf der linken Seite, eng an ihren Körper gepresst, als sich die Explosion ereignet. Die Tasche, „ist gut gefüllt, wie alle Damentaschen“ und fängt einen Großteil der Bombensplitter auf. Frau Müller hat die Splitter, in Glasampullen eingefasst, zusammen mit der Tasche bis heute aufbewahrt …

Herr und Frau Müller heirateten im Mai des darauf folgenden Jahres; er ging dabei auf Krücken. Gleich am nächsten Tag musste er sich einer weiteren von vielen Operationen unterziehen; bis heute insgesamt 90! Inzwischen leidet er auch unter resistenten Keimen, die er sich bei einem seiner Krankenhaus-Aufenthalte eingefangen hat. Schmerzen bleiben ein konstantes Thema im Leben von Herrn Müller und seiner Frau, die mit ihrem Mann mit leidet.
Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats, Foto: Haimo Liebich

Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im Alten Rathaussaal. Annette Ramelsberger, SZ, im Gespräch mit „Herrn und Frau Müller, beide Opfer des Oktoberfest-Anschlags; Foto: Haimo Liebich

Sie sind Ehepaaar und Schicksalsgenossen zugleich, deren Dasein das Attentat in ein „Leben vor“ und ein „Leben danach“ entzweit hat. Die Müllers schildern auch, wie der Anschlag das Leben anderer Mitglieder ihrer kleinen Gruppe beschädigt hat; erzählen von dem Finanz-Angestellten, der damals kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit stand. Vor dem Schicksalsabend war er täglich zwischen Ingolstadt und München gependelt. Nun sah er sich dazu gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ein Umstand, der ihn Job und Verbeamtung kostete, mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Opferanwalt Dietrich wies darauf hin, dass ein sozialer Abstieg immer schwer zu verkraften sei, erst recht von jemanden, der nicht Verursacher sondern Opfer seines Schicksals sei. Eine solche Situation ließe sich seelisch kaum verarbeiten.
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Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Oktoberfest ...

Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Münchner Oktoberfest …

Eine Reihe ehemaliger Opfer verlässt regelmäßig vor dem Oktoberfest die Stadt, seit nunmehr 35 Jahren. Nichts soll sie an jenen 26. September erinnern … Diese Haltung hängt auch damit zusammen, dass man die Opfer seinerzeit weitgehend sich selbst überließ. Sie erhielten damals keinerlei psychologische Betreuung, so Dietrich.
Eine weitere Belastung habe der fragwürdige Ermittlungsstil dargestellt, der zur Einstellung des Verfahrens führte. Letzteres war ein weiterer Schlag für die Opfer und ein besonders unrühmliches Kapitel in der deutschen Justizgeschichte. Gestern blätterten Chaussy und Dietrich es nochmals auf.
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„Herr Müller“ berichtet von fragwürdigen Ermittlungsmethoden der Polizei, Foto: Haimo Liebich

Herr Müller erlebte selbst fragwürdige Befragungsmethoden. Er gab bei der Polizei an, dass er gesehen habe, wie rechts von ihm eine 40 cm bis 60 cm hohe Stichflamme aus dem Gulli aufstieg. Darauf widersprach ihm der Vernehmungsbeamte vehement. Müller würde sich täuschen, die Explosion sei links von ihm erfolgt.

Dazu wurde uns erläutert, dass Herr Müller über Fachwissen sowie eine vierjährige Erfahrung bei der Bundeswehr verfüge und somit durchaus in der Lage sei, einen Knallkörper von einer Explosion zu unterscheiden. Hätte man damals aber Müllers Beobachtung zur Kenntnis genommen, so hätte man zwingend von  einer zweiten Bombe ausgehen müssen. Das wiederum hätte die Theorie einer Einzeltäterschaft widerlegt, und genau das hatte man offensichtlich mit allen Mitteln vermeiden wollen.

Oktoberfest_Attentat_Polizei_jourfixe-BlogAuch andere Zeugenaussagen wurden damals durch Suggestiv-Fragen zurecht gebogen, beispielsweise die Aussage, man habe Köhler eine Stunde vor der Explosion mit zwei Männern heftig streiten gesehen. Die Polizei bohrte nach, ob es denn nicht auch so gewesen sein könne, dass sich Köhler nach einer Unterkunft erkundigt habe?Diese Möglichkeit musste natürlich von Zeugenseite aus eingeräumt werden, schließlich hatte man den Inhalt der Diskussion nicht verstehen können. Seltsam … Würde sich ein frustrierter Einzeltäter, der seinen Selbstmord plant und ihn eine Stunde später auch begehen wird, zuvor noch nach einer Bleibe erkundigen? Unerklärlich bleibt auch das Auftauchen und plötzliche Verschwinden eines Fingers mit Handresten am Tatort, der sich serologisch keinem der Opfer zuordnen ließ …
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Harald_Range_Generalbundesanwalt_aD_Wiederaunahme_Verfahren_Oktoberfesst_Attentat_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Generalbundesanwalt a.D. Harald Range eröffnete im Dezember 2014 das Wiederaufnahmeverfahren

Was mich gestern Abend besonders beschäftigte: Auf Grund der jetzigen Beweislage schließen Chaussy und Dietrich, analog zum NSU-Skandal, auf eine mögliche Verwicklung des BND. Uwe Behrendt, Vizevorsitzender der Wehrsportgruppe Hoffmann und nach dem Attentat in den Nahen Osten abgetaucht, soll als V-Mann tätig gewesen sein. Und er soll sich Dritten gegenüber als Mittäter bekannt haben … Da frage ich mich, wer in diesem Fall welche Anordnungen an wen weitergegeben hat und wer für welchen Maulkorb wo verantwortlich sein mag?

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, Foto: Haimo Liebich

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, fotografiert von Haimo Liebich im Alten Rathaussaal

Entsprechend wenig begeistert zeigte sich Ulrich Chaussy gegenüber dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range darüber, dass ausgerechnet das bayerische Landeskriminalamt, das seinerzeit so lückenhaft ermittelt und möglicherweise Material unterschlagen hatte, nun federführend bei der Wiederaufnahme der Untersuchungen sein sollte. Tatsächlich befinden sich die heutigen Ermittler in der unguten Lage, die Ergebnisse ehemaliger Kollegen anzweifeln und nachrecherchieren zu müssen. Laut Chaussy melden sich nachträgliche Zeugen wohlweislich bei ihm und Dietrich, statt beim LKA vorzusprechen. Chaussy und Dietrich beklagten beim Podiumsgespräch die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachrichtendienste, die in der Vergangenheit nur widerwillig und lückenhaft Auskünfte erteilt hätten. Diesbezüglich sei es wichtig, sehr konkret nachzufragen, welche Informationen zu welchen Personen vorhanden seien. Das Fazit der beiden lautete: Es geht hier um das Rechtsstaatswohl. Die Interessen eines Nachrichtendienstes dürfen daher niemals über das Schicksal der Opfer gestellt werden! 

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Rote Nelken erinnern 35 Jahre nach dem Anschlag an die Toten, Foto: Haimo Liebich

Laut Herrn und Frau Müller lässt die Arbeit der jetzigen Soko „26. September“ hoffen. Herr Müller berichtete, dass er sich zum ersten Mal als Zeuge ernsthaft wahrgenommen gefühlt habe. Auch Frau Müllers Handtasche, inklusive aller Splitter, ist nach 35 Jahren endlich in den Fokus der Ermittlungen gerückt, denen, nach Vernichtung der früheren Asservate, nunmehr nur die wenigen Beweisstücke zur Verfügung stehen, die die Opfer privat gehortet haben.

Nelke_Trauer_Oktoberfest_Attentat_Gedenkfeier_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos„Für wen schreiben Sie?“, fragte mich die freundliche ältere Dame, die den Abend über mit ihrem Mann neben mir gesessen und ein wenig verloren gewirkt hatte. Dass meine Notizen für einen Blog seien, vermochte ich ihr nicht wirklich zu vermitteln, aber dass ich schreiben wollte, schien ihr zu gefallen. „Wissen Sie, mein Mann, mein Sohn und ich waren auch unter den Opfern. Aber wir sind kurz vorher stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einem Wägelchen saß und wunderschön Mundharmonika gespielt hat. Sogar mein Sohn, er war damals 13, ist zu uns zurück gelaufen, so schön hat der Mann gespielt. Das hat uns das Leben gerettet, sonst wären wir bei der Explosion genau am Abfalleimer gewesen.“ Der Frau standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Wissen Sie, wir sind eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr  am Eingang der Wies’n trifft. Auch der Herr Platzer, der damals seine beiden Kinder verloren hat, kommt immer. Auch heuer. Er hat uns gleich erkannt, uns umarmt und eine rote Nelke geschenkt …“

Der Vater der jüngsten Opfer des Attentats, Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier

Der Vater der jüngsten Opfer Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre, kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier; hier auf einem Bildausschnitt vom 26. September 2015

Das letzte Wort auf dem Podium ging an Herrn Müller. Er gab uns allen eine klare Botschaft auf den Weg, die ich versuche, aus meinen Notizen so sinngemäß wie möglich wiederzugeben:

„Bislang hat sich der Staat bei diesem Thema verhalten, wie eine Bananenrepublik und nicht wie die Bundesrepublik. Hoffen wir, dass sich das ändern wird, sonst hätten wir heute Abend hier umsonst gesessen …“

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