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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs – Portrait zum 85. Geburtstag von Marcus Woelfle

Man glaubt es kaum, wenn man ihn in seiner wesentlich jüngeren Ausstrahlung auf der Bühne erlebt, aber am 14. Oktober 2016 feiert Dusko Goykovich seinen 85.Geburtstag. Er ist nicht nur einer der international erfolgreichsten Musiker seiner Wahlheimat München, er ist auch einer der vielseitigsten und hat längst einen festen Platz in der Jazzgeschichte. Zum einen ist er ein bedeutender Pionier in der Verbindung von Jazz mit balkanischen Musikelementen und damit ein Vorreiter der Emanzipation des europäischen Jazz. Zum anderen verlief ein wichtiger Teil seiner Laufbahn in Amerika bzw. an der Seite von Amerikanern wie Woody Herman oder Kenny Clarke. Geprägt wurde er auch vor allem von amerikanischen Trompetern und kaum einer kann so authentisch amerikanisch klingen wie er.

Der Zwiespalt zwischen dezidiert europäischem Jazz und amerikanischer Tradition, wie wir ihn in der letzten Zeit so oft erleben, in Duskos Musik ist er überwunden. Für mich ist Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs, denn es gibt mindestens fünf Sparten mit dem Anfangsbuchstaben B, die er bestens beherrscht.

Zunächst einmal ist er berühmt für seelenvolle Balladen, die ihn zu einem Geistesverwandten von Miles Davis machen.

Das zweite B steht für Bebop, denn er ist ein Trompeter, der mit Feuer und Finesse in der Tradition von Dizzy Gillespie, Clifford Brown und Lee Morgan spielt.

Das dritte B steht für Bigband, denn er hat Zeit seines Lebens immer wieder bedeutende Bigbands bereichert oder geleitet.

Als viertes B ist das balkanische Element zu nennen.

Das fünfte B wurde vor allem in den letzten Jahren (etwa seit „Samba do Mar“, 2003) immer offenbarer. Er schwimmt in der brasilianischen Bossa wie ein Fisch im Wasser.

Wer will, kann als sechstes B den Blues hinzufügen; man assoziiert es nicht gleich mit ihm, aber Meilensteine wie „Woody’s Whistle“ (von Dusko 1965 für Woody Herman geschrieben, mit Duskos langjährigen Tenor-Weggefährten Sal Nistico als Solisten), gehören zu den zündenden Blues-Klassikern der Jazzgeschichte.

Seit man ihn nicht mehr einfach als jugoslawischen Trompeter bezeichnen kann, gilt er als Serbe. Es ist ein bisschen verzwickter. Dusko Goykovich erblickte 1931 im bosnischen Jajce das Licht der Welt. Über seine Herkunft hat er einmal erklärt: „Ich bin in Belgrad aufgewachsen, mein Vater war Montenegriner, meine Mutter stammte aus Serbien. Vor diesem Krieg haben wir in Kroatien ein Haus gebaut. Jetzt wurden dort alle Serben rausgehauen, und wir können nicht mehr hinfahren. Es hat nichts genützt, daß ich mit Politik nichts zu tun habe. Für die bin ich Serbe.“

Zu Beginn seiner Laufbahn standen die politischen Zeichen für Jazz ungünstig. Jazz spielen oder auch nur zu hören, war vor der Öffnung Jugoslawiens zum Westen verboten. Er tat es trotzdem und als es erlaubt war, glänzte er mit 19 schon als Mitglied der Bigband von Radio Belgrad. Mit nur sieben Dollar in der Tasche und seiner Trompete unter dem Arm setzte sich Dusko Goykovich 1956 nach Deutschland ab, lebte buchstäblich eine Zeitlang im Frankfurter Jazzkeller und wurde bei uns zu einer Sensation. Das Mitglied der Frankfurt-All Stars und der Orchester von Max Greger und Kurt Edelhagen lernte in kurzer Zeit nicht nur die deutsche Jazz-Elite kennen, sondern jammte auch mit amerikanischen Gästen wie Dizzy Gillespie oder Miles Davis, zwei seiner wichtigsten Vorbildern.

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn, Quelle

1958 kam er als Mitglied der Newport-Youth Band um die Welt und erstmals nach Amerika. Mit diesem Jugendorchester hatte er sogar die Gelegenheit Louis Armstrong und Sidney Bechet zu begleiten. Zurück in Deutschland, um wertvolle Erfahrungen reicher, konnte man ihn mit führenden amerikanischen Musikern wie z. B. Oscar Pettiford hören, dem Bassisten der frühen Jazzmoderne schlechthin, aber auch mit Legenden des Deutschen Jazz wie Albert Mangelsdorff und Inge Brandenburg – meist Rundfunkmitschnitte, die erst Jahrzehnte später veröffentlicht werden. Er gehörte also schon zu den, wie man neudeutsch sagt, „angesagten“ Musikern, als er 1961 in die Staaten zog, um – man staune – noch zwei Jahre in Berklee Jazz zu studieren. Dieses Studium nahm er so ernst, daß er selbst Angebote von Count Basie, Stan Kenton und Benny Goodman ausschlug. Danach aber bereicherte er die Orchester von Herb Pomeroy, Maynard Ferguson und Woody Herman. Trotz Anerkennung in den Staaten zog es Dusko Goykovich nach Europa zurück.

Seit 1968 lebt er in München, dessen Jazz-Szene unendlich viel seinen Impulsen verdankt. Bereits seine erste Platte, die er frisch aus Amerika zurück, 1966 einspielte, unter anderem mit Mal Waldron am Klavier war ein Bekenntnis zu seinen Roots: „Swinging Macedonia“. Da gelang ihm die große Synthese, als er südosteuropäischen Geist in Jazz-Form goß. Auf seinem Album “Simple As It Is”, das 1970 im legendären Münchner Jazzclub Domicile eingespielt wurde, sagt er zu seinen Stücken, „sie kommen daher, woher ich komme, aus Serbien, aus Mazedonien. In der Form, in der Behandlung sind sie Jazz, verwenden dessen Techniken.“

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Berühmt ist der große Lyriker der Trompete für sein Balladenspiel. Dazu meint er: „Das Balladenspiel ist nicht so einfach. Es hat sehr lange gedauert, bis ich das herausgefunden habe. Die ganzen Elemente: wie man bläst, wie weit man vom Mikrophon weg sein muß, welchen Sound man will und wie man das mit dem Hintergrund vereinigt, mit der Begleitung. Dafür braucht man große Konzentration. Man darf nicht nur Noten spielen, sondern muß wissen, in welchem Moment welche Note wie klingen soll. Wenn ich Balladen spiele, dann schwitze ich unheimlich, weil ich da jeden Ton überlegen muss. Bei schnellen Stücken, bei Bebop hat man keine Zeit, jede Note zu überlegen, aber bei langsamen Stücken, da zeigt sich, wie gut du bist.“

Man sollte Dusko – um es dem Anlass entsprechend mit Geburtstagsthemen zu demonstrieren, nicht nur in Standards wie „A Child Is Born“ hören (das er vorbildlich 1971 im Trio mit Tete Montoliu aufgenomen hat), sondern auch mit eigenen Balladen, unter denen sich poetischen Kleinode finden wie „In The Sign Of Libra“, mit dem der im Sternzeichen Waage Geborene sich selbst portraitiert hat. Obwohl die überwiegende Zahl seiner Alben, darunter so bekannte wie “Samba Do Mar” oder „Soul Connection“ (mit dem er 1993 bewegend von Miles Davis Abschied nahm), Combo-Aufnahmen sind, hat sich Dusko Goykovich im Laufe seiner Jahre immer auch der Bigbandmusik gewidmet, zunächst als Sideman, dann als Bandleader, Komponist und Arrangeur. So war er nach seinen Erfahrungen bei Ferguson und Herman ab 1966 Solist der Kenny Clarke – Francy Boland Big Band, des wichtigsten Orchesters, den der Jazz damals in Europa hatte, mit seiner Mischung aus amerikanischen Jazzgrößen und Musikern aus allen Ecken Europas genau der richtige Platz für Goykovich.

In den zahlreichen großorchestralen Klangkörpern, die seither mit seinem eigenen Namen verbunden sind, z.B. einer All Star Big Band, mit der er 2004 „A Handful Of Soul“ vorlegte oder der Bigband RTS, mit der er 2014 „Latin Haze“ aufnahm, springt der Funken seines Enthusiasmus auf eine wißbegierige Schar jüngerer Musiker über, die von seinen Erfahrungen profitieren. 1971 gründete er die „Munich Big Band“, 1987 bis 1993 leitete er das Landesjugend-Jazzorchester Bayern. Als „Eckpfeiler internationalen Bigband-Geschehens“ hat Thomas Fitterling einmal Dusko Goykovich zu Recht genannt.

Danach begann etwas, was man als Comeback bezeichnet hat. Zwei im Grunde gegenteilige Zeit-Tendenzen haben seither das an seiner Musik gefördert. Einerseits eine allgemeine Akzeptanz und Beliebtheit von Jazz mit nichtamerikanischen folkloristischen Wurzeln. Andererseits eine Strömung zu Gunsten der Tradition der klassischen Moderne im Jazz. Trompeter wie Miles Davis, Clifford Brown, Chet Baker, Dizzy Gillespie sind Kultfiguren der Jazzhörer und wenn jemand auf eigenständige Weise ihre Tradition fortführt, ja sogar (fast) noch zu ihrer Generation gehört, dann ist es Dusko Goykovich. Nun, Comeback ist das falsche Wort. Goykovich war, abgesehen von einer längeren, schweren Krankheit, nie weg von der Szene. Seit er aber in den 90er Jahren angefangen hat, für das Münchner Plattenlabel Enja regelmäßig, etwa alle zwei Jahre Alben zu veröffentlichen, wurde er international wieder sichtbarer. Oder sagen wir lieber allgegenwärtig. Nehmen wir das Album „5ive Horns & Rhythm“ von 2010 (Anspieltipp die „Samba Tzigane“ mit ihrer Verbindung zwischen Gipsy-Melodik und brasilianischer Rhythmik, wie sie natürlicher nicht sein kann). Acht Musiker aus ebenso vielen Ländern, nämlich Australien, Bosnien, Deutschland, Frankreich, Italien, Mazendoien, Serbien und den USA trugen zu Duskos Album bei und man kann ohne Übertreibung sagen, dass er selbst zur Szene fast all dieser Länder gezählt werden kann.

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich, rund 70 Jahre personifizierte Jazzhistorie ist regelmäßig live zu erleben, aber auch in der radioJazznacht vom 15. Auf den 16. Oktober 2016, auf Bayern 2, wo er dem Verfasser dieser Zeilen Rede und Antwort steht.

Samstag
15. auf SO, 16.10.
00.05 – 02.00 Uhr
radioJazznacht mit Marcus Woelfle


Studiogast:
  Dusko Goykovich   zum 85. Geburtstag

Bayern 2 Radio

Details zur radioJazznacht

 

Autor dieses Portraits ist „Jazzman“ Marcus A. Woelfle, der für den jourfixe-Blog die Jazzbeiträge schreibt, zuletzt ein Portrait des Jazz-Fotografen Sepp Werkmeister

Website von Dusko Goykovich

Quelle Titel-Foto


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