Allgemein

Abschied von Abi Ofarim, Weltstar und Wahlmünchner, mit einer Reminiszenz von Toni Netzle aus ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“

Wie verwoben Abi Ofarim mit München und auch mit der Münchner Künstlerszene zeitlebens war, zeigten die Reaktionen der vielen MusikerInnen, Kunst- und Kulturschaffenden in den Social Medias, unmittelbar nachdem sich die Meldung seines Todes am gestrigen Freitag in Windeseile verbreitete: R.I.P.’s mit unterschiedlichsten Bild- und Textbotschaften der Anteilnahme. Als Medienkünstlerin mit nur indirektem Kontakt zur Musikbranche und zudem wenig Affinität zu Roten Teppichen, habe ich Abi nur selten gesehen, seit ich ihn vor 23 Jahren in einer griechischen Taverne in der Münchner Leopoldstraße kennen lernte. Damals war Abi der erste internationale Star, dem ich auf Tuchfühlung gegenüberstand, aber er gab sich so locker und zugewandt, dass mir für Schüchternheit gar keine Zeit blieb, zumal unsere Kinder dabei waren: Tal, Abis jüngerer Sohn, war fast noch ein Kind, während sich Gil und meine gleichaltrige Tochter Marika an der Schwelle zur Pubertät befanden und daher auf Anhieb gut miteinander klar kamen. „Gaby hat die selben Augen wie Esther“, bemerkte Abi irgendwann Gil gegenüber. Der nickte, und ich fühlte mich mehr als geschmeichelt über den Vergleich mit der so aparten Sängerin. Doch diesmal trat Abi nicht mit ihr, sondern mit seinen beiden Söhnen, aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Sandra, im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf.

Für sein Alter besaß Gil Ofarim bereits damals eine besondere Ausstrahlung und starke Bühnenpräsenz – außergewöhnlich für einen so jungen Menschen! Gils spätere Erfolge überraschen mich daher nicht. An jenem Abend stach mir zudem die ungewöhnlich starke Bindung zwischen Vater und Söhnen ins Auge. „Sein größter Stolz: seine Söhne Gil und Tal“, schreibt auch Kimberly Hoppe, am 04.05.2018, in ihrem Nachruf auf Abendzeitung.de, „die Musik im Blut haben und ihn damit stolz machen.“ Grund für mein Treffen mit den Ofarims war der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau im kommenden Jahr, zu dem ich eine Veranstaltungsreihe plante. Mit Abi besprach ich eine mögliche Zusammenarbeit, zu der es leider nie kam, sehr wohl aber zu einigen weiteren Treffen in jener Zeit. Dabei gab mir Abi einen Rat auf den Weg, in Bezug auf meine Unfähigkeit, aus meinen vielfachen Engagements auch Gewinne zu erzielen: „Gaby, wenn Du geben willst, musst Du lernen, auch zu nehmen.“  Dieser Satz begleitet mich …

Toni Netzle und Abi Ofarim Anfang der 1990er Jahre; Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Reihe „Nicht immer Simpl- Toni Netzle

Jahre später lernte ich Toni Netzle kennen, die ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl und erfuhr, dass sie in den 60er Jahren die erste war, die das damals weltberühmte Duo Esther & Abi Ofarim nach Deutschland, München und in ihren Alten Simpl holte. Sie erzählt davon in einem Kapitel ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“, das ich später für eine Folge der multimedialen Lesereihe  „Nicht immer Simpl – Toni Netzle adaptiert und bebildert habe. In Erinnerung an Abi Ofarim finden sich nachfolgend die Skript-Passage und einige meiner Bildcollagen aus der Produktion, als Hommage, zum Abschied von einem Großen des internationalen Musikgeschäfts, der zugleich einer von uns Münchner Künstlerinnen und Künstlern war – und darüber hinaus eine ausgesprochene Kämpfernatur durch alle Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens hindurch.

Intro: Abi und Esther Ofarim waren in den 60er Jahren das wohl erfolgreichste Popduo der Welt. Nur in Deutschland hatten sie noch nie gastiert. Beide waren „Sabre“, das heißt in Israel geborene Juden und sicher nicht besonders erpicht darauf, jenes Land zu besuchen, das für den Holocaust verantwortlich gewesen war. Abgesehen davon, spielten sie bereits in der internationalen Top-Liga, als sich Toni Netzle in den Kopf setzte, das Paar nicht nur nach Deutschland sondern gleich auch noch auf die kleine Bühne ihres Simpls zu holen.

Toni: Ich rief meine Freunde Renate und Imo Moszkowicz an, von denen ich wusste, dass zumindest Esther so etwas wie ein »Ziehkind« von ihnen war. Imo hatte in Israel einen Film mit Esther gedreht. Renate gab mir eine Telefonnummer in Genf, wo die Ofarims damals wohnten. Ich könne einen schönen Gruß ausrichten, ansonsten werde sie sich aber heraushalten.

In Genf bekam ich die Telefonnummer eines Londoner Plattenstudios. Dort rief ich einfach an. Nach wenigen Minuten hatte ich Abi am Telefon. In meinem entsetzlichen Englisch versuchte ich ihm zu erklären, was ich wollte, und er meinte, wenn die Gage und der Termin stimmten, würden sie kommen! Ich war baff und vor Schreck wäre mir beinahe der Hörer aus der Hand gefallen. Der Termin war schnell festgelegt, doch dann hörte ich mein Todesurteil: die Gage! Sicher war sie für heutige Verhältnisse geradezu lächerlich, aber man muss bedenken, dass es Mitte der 60er Jahre war und der SIMPL eine kleine Kneipe.

Es ging um 5.000 Mark Gage, zwei Flugtickets 1.Klasse London – München – London und eine Suite im Bayerischen Hof. Den Namen des Hotels kannten sie, davon hatte ihnen jemand vorgeschwärmt. Jetzt stellte ich die alles entscheidende Frage an Abi: »Was tut ihr dafür?«

Und Abi antwortete: »Wir stehen 24 Stunden zu deiner Verfügung!« Ohne auch nur die kleinste Rückversicherung zu haben, sagte ich fest zu. Woher ich die viele Kohle nehmen sollte, stand in den Sternen.

»Kann ich mich auf Sie verlassen? Wollen Sie einen Vertrag?«

»Wenn du wirklich eine Freundin von Renate und Imo bist, geht alles ok. Ich werde mich erkundigen. Wir sind noch drei Tage unter dieser Telefonnummer zu erreichen.«

Mein Plan war, diese Stars an eine Vorstellung der Stadt München zu verkaufen, die an diesem Abend ein gemischtes Programm präsentieren wollte. Ich war mir ganz sicher, dass mir Herr Huber, der Veranstalter, um den Hals fallen würde. Ich betrat sein Büro und sagte: »Herr Huber, ich habe die Ofarims!«

»Wen?«

»Esther und Abi Ofarim!«

»Wer ist das?«

»Das beste Gesangduo der Welt!«

»Leben die in München?«   

»Nein, in Israel.«

»Und warum wollen die bei uns singen?«

»Ich will, dass sie hier singen, weil die einfach wahnsinnig gut sind!«

»Wo singen die?«

»Auf Platten!«

»Kenne ich nicht. Habe auch noch nie ein Wort über sie gehört. Was soll mit denen sein?«

»Ich will, dass Sie sie in Ihr Programm nehmen.«

»Ich? Warum?«

»Weil Sie damit einen sensationellen Erfolg haben werden!«

»Ich will niemand, den ich nicht kenne. Außerdem würden die sicher Geld kosten und ich habe keines!«

Alle meine Träume waren dahin. Ich wollte gleich in London anrufen und den Termin absagen. Allein brachte ich das Geld nicht auf. Da stürzte aus einem angrenzenden Zimmer eine junge Frau und schrie: »Was, die Ofarims kommen! Waaahnsinn!«

»Na, die brauch ma net«, war Hubers Antwort.

Was jetzt losging, war nicht zu beschreiben. Die junge Mitarbeiterin brüllte so laut, dass aus allen Zimmern Leute zusammen liefen. Die Stadt bekomme die Ofarims angeboten und dieser Trottel lehne sie ab, das war der Tenor von allen. Um es kurz zu machen: die junge Dame scherte sich nicht um ihren Chef, gab mir schriftlich, dass sie bereit sei für einen Auftritt 1.500 DM zu bezahlen. Auch den Termin machten wir fest.

Gewonnen. Einen kleinen Teil des Geldes hatte ich also schon. Auf zum nächsten Termin.

Korridor im Bayerischen Rundfunk; hier handelt Toni Netzle den fehlenden Teil der Gage für die Ofarmis aus

Zu meinem über alles geliebten Dr. Rolf Didczhuhn, genannt Pieto, Hauptabteilungsleiter Unterhaltung beim Bayerischen Rundfunk. Bekannt als Helfer und Retter in der Not.

»Hallo, Pieto.«

»Grüß dich, Toni, was kann ich für dich tun?«, sagte er in seinem wunderbaren breiten baltischen Tonfall.

»Ich bringe dir die Ofarims zu Aufnahmen in dein Studio.«

»Danke, das ist lieb von dir, aber ich brauche sie nicht. Wir haben alles, was es von ihnen gibt.«

Er merkte, wie ich auf meinem Sessel einknickte. »Komm, erzähl mir bitte deine Geschichte. Was ist mit den Ofarims?«

Wahrheitsgetreu erzählte ich die ganze Story: Dass ich die zwei unbedingt bei mir im SIMPL auftreten lassen wolle, es aber finanziell nicht alleine verkrafte.

»Ja«, sagte Pieto nach einer Weile, »du hast recht, wenn die sowieso schon in München sind, ist es für uns doch auch viel billiger, sie zu engagieren – so ohne Spesen. Im Übrigen ist mir eingefallen, dass wir ganz dringend drei oder vier israelische Volklieder brauchen, die uns fehlen. Gut, ich halte das Studio am Vormittag frei. Gage 3.000 DM. Ich danke dir, dass du uns die Ofarims vermittelt hast.«

Ich war gerettet. Ein ganz großes Dankeschön an Pieto! Auch wenn es schon so ungeheuer lange her ist!

Mit Abi sprach ich den ganzen Ablauf telefonisch durch. Ich hatte nichts als sein Wort am Telefon und dennoch hatte ich komischer Weise überhaupt keine Angst, dass irgendetwas schief gehen könnte. Abi bot sogar noch an, die Flugtickets in London zu kaufen, weil sie dort erheblich billiger seien als in Deutschland. Ich sollte ihm dann in München das Geld geben. Ich war richtig begeistert über soviel Entgegenkommen.

Am 5. September 1964 holte ich die beiden um die Mittagszeit am Flughafen ab. Ich kannte sie von Fotos, sie mich nicht. Als ich sie von weitem sah, erschrak ich für einen kurzen Moment – ich kannte sie ja nur durchgestylt von Kopf bis Fuß. Was da auf mich zukam, war ein hinreißendes Hippie-Pärchen.

Er unrasiert, strähnige, lange Haare, in irgendwelchen undefinierbaren Klamotten und Jesuslatschen, Esther im bodenlangen Schlabberlook, barfuß, die Schuhe in der Hand. Die Begrüßung durch Abi war außergewöhnlich herzlich, Esther war äußerst schüchtern und offensichtlich todmüde. Wir fuhren zum Bayerischen Hof.

Dort bat ich sie um ihre Pässe, um ihnen das lästige Einchecken abzunehmen. Hocherhobenen Hauptes ging ich zur Rezeption. Ich brachte ja nicht irgendjemand, sondern zwei Topstars. Aus dem Augenwinkel hatte ich schon beobachtet, wie die anderen Gäste die beiden begutachteten. Esther hatte eben kein Chanel-Kostümchen an, wie die meisten der mittlerweile ganz schön blöd dreinschauenden Damen. Außerdem hatten die beiden wenig Gepäck, dafür aber zwei Gitarrenkoffer. Zu dieser Zeit war es überhaupt noch nicht normal, dass Popstars in First Class Hotels absteigen. Heute würde kein Mensch mehr auch nur einen Blick vergeuden.

An der Rezeption sagte ich stolz:

»Ich habe für Herrn und Frau Ofarim eine Suite reserviert.«

»Ja. Sind die Herrschaften denn schon da?«

»Ja natürlich, da stehen sie. Hier sind die ihre Pässe.«

Ein kurzer Blick in die israelischen Pässe.

»Leider, Frau Netzle, sind das die falschen Pässe. Haben Sie noch jemand dabei?«

»Nein. Aber wieso falsche Pässe? Da stehen die Ofarims – und hier sind ihre Pässe.«

Der Rezeptionist, sehr streng: »Für gewöhnlich stimmen Reservierung und Pass überein. Ich kann Ihnen die Suite leider nicht geben. Ich bin verpflichtet, auf Herrn und Frau Ofarim zu warten.«

»Aber Sie sehen doch, da stehen sie! Das sind die Ofarims.«

»Tut mir sehr leid, dann haben sie falsche Pässe. Ich muss das melden. Einen Moment bitte.«

Abi musste gespürt haben, dass etwas nicht stimmte und klärte das Pass-Missverständnis sofort auf. Im Grunde genommen war es meine Schuld – ich hätte wissen müssen, dass »Ofarim« ein Künstlername ist und in ihren Pässen, wenn ich mich richtig erinnere, „Reichstatt“ steht. Ich wollte die beiden noch zum Essen einladen, aber Esther wollte ins Bett, Abi eigentlich auch, aber vorher erledigten wir noch den finanziellen Teil, sie wollten später noch ein bisschen einkaufen gehen.

»Alles ok. Ich hole Euch um 20 Uhr ab. Bitte seid pünktlich!«

Wie aus dem Ei gepellt erschienen Esther und Abi am Abend zu ihrem ersten Auftritt im Theater an der Leopoldstraße, dem offiziellen Auftakt zur »Schwabinger Woche«. Abi war erstaunt über die Zusammenstellung des Programms, eine Mischung aus literarischem Kabarett und Musiknummern. Er kannte so etwas nicht. Endlich waren die beiden an der Reihe. Der »Ansager«, wie das damals noch hieß, hatte wohl wenig Ahnung, wer dieses Popduo sei und präsentierte sie nicht als etwas Besonderes. Als er dann die Namen sagte, brach ein rauschender Applaus los, der kaum enden wollte, auch als Esther und Abi schon lange auf der Bühne standen. Der »Ansager« konnte das gar nicht fassen und erkundigte sich bei jedem hinter der Bühne, wer denn das wirklich sei. Aber schließlich war auch er fasziniert.

In der Wartezeit vorher war ich schnell in meinem Laden gefahren, um zu sehen, ob überhaupt Gäste sich für »meine« Ofarims interessierten. Schon kurz nach neun Uhr Abends war der SIMPL gesteckt voll. Noch mehr Leute waren gar nicht mehr unterzubringen. Glücklich fuhr ich wieder in das Theater zurück, und erlebte den sensationellen Erfolg der beiden mit, packte sie dann in mein Auto, was sich aber als schwierig und langwierig erwies, da sie schon von Autogrammjägern umringt waren.

Im SIMPL ging ich mit Esther und Abi durch den Kücheneingang direkt in mein kleines Büro, das ich als Garderobe hergerichtet hatte. Esther setzte sich auf meinen Stuhl, den sie für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr verlassen sollte. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.  Abi und ich gingen einen Blick in die Kneipe werfen. Es waren mindestens nochmal so viele Gäste da, wie bei meinem ersten Besuch vorhin. Die Freunde saßen auf- und übereinander. Mein erster Gedanke war nur: »Hoffentlich passiert nichts!« Ich hatte eine solche Freude, dass ich mit meiner Idee, die Ofarims in den SIMPL zu holen, richtig lag, dass ich das kleine Drama, das sich in meinem Büro abspielte, zuerst gar nicht mitbekam.

Esther weigert sich, im Simpl aufzutreten!

Esther weigerte sich, nochmal aufzutreten. Sie habe ihre Arbeit für heute schon erledigt. Nun sei Schluss, sie gehe jetzt zu Bett. Ich war außer mir und musste feststellten, dass Abi ihr von unserem Deal nichts gesagt hatte. Ich versuchte mit allen Mitteln Esther zu überreden. Wollte sie mit Champagner in bessere Laune bringen, brachte ihr etwas zu essen – alles umsonst. Ich versuchte ihr ganz lieb zu erklären, wie lange die Menschen da draußen schon auf sie warteten, dass sie nur ihretwegen gekommen seien. Esther glaubte mir kein Wort: »Die Leute kennen uns doch gar nicht, die wissen überhaupt nicht wer wir sind. Die haben keine Ahnung, was für Lieder wir singen!« Wieder kam das sehr bestimmte NEIN.

Meine letzte Rettung schienen Renate und Imo Moszkowicz. Mit vielen Mühen holte ich die Beiden aus dem total überfüllen Gastraum in mein Büro. Auch ihnen gelang es nicht Esther umzustimmen. Für mich bahnte sich eine Katastrophe an. Sollte ich jetzt in der Tat gezwungen sein, auf die Bühne zu gehen, um dem Publikum zu sagen, dass Esther Ofarim sich weigert aufzutreten? Man hätte mich gesteinigt. Die meisten saßen schon seit 20 Uhr da und wollten endlich ihre Lieblinge sehen. Esther redete sich immer darauf hinaus, dass sie von einem zweiten Auftritt nichts gewusst habe, Abi habe ihr, wohl wissend, dass sie sich nie darauf eingelassen hätte, das verschwiegen. Ich solle ihr doch den Vertrag zeigen, wenn ich es schriftlich habe, werde sie auftreten. Aber einen Vertrag gab es ja nicht. »Um so besser. Dann gehe ich jetzt. Kann ich bitte ein Taxi haben?«, bat sie sehr bestimmt, aber höflich. Unsere ganzen Gespräche spielten sich natürlich in Englisch ab – ich verstand aber sowieso immer nur die Hälfte!

Auf einmal legte Abi in seiner Muttersprache los. Esther sah ihn mit großen Augen und ganz verschüchtert an, und ich ging aus meinem winzigen Büro. Das war ein richtiger Ehekrach, da wollte ich nicht dabei sein. Kurze Zeit später rumste es ungeheuer. Als ich wieder ins Büro kam, saß Esther wie ein kleines Kind unter dem Gardeobenständer. Abi erklärte mir, dass der Stuhl mit Esther plötzlich umgefallen sei. Aber jetzt meinte sie auf einmal, sie ginge auf die Bühne, sänge ein einziges Lied, und würde danach sofort ins Hotel fahren.

Hurra – wir hatten gewonnen!

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich mit wenigen Worten, schweißgebadet und total erschöpft »Esther und Abi Ofarim zum ersten mal in der Bundesrepublik und natürlich im SIMPL« ankündigte. Ein Sturm der Begeisterung brach los. Schon bevor sie auch nur einen Ton gesungen hatten, kamen die Titelwünsche aus dem Publikum. Esther muss gespürt haben, dass ihre Einschätzung unseres Publikums völlig falsch war. Sie ging nach dem ersten Lied nicht von der kleinen Bühne! Fast zwei Stunden lang war ihr Konzert – immer wieder wunderten sie sich, dass die Zuschauer eigentlich alles kannten, was bis dahin veröffentlicht war.

Toni hat gewonnen! Triumphaler Auftritt der Ofarims im Alten Simpl

Sie waren so mitreißend gut, so voller Freude, auch Esther wurde auf einmal richtig witzig. Das Publikum spornte die beiden mit seiner Begeisterung zu immer neuen Höchstleistungen an. Fast möchte ich sagen, dass ich sie nie mehr so gut erlebt habe. Vielleicht ist das aber auch zu subjektiv!

Mir ist es gelungen einen Traum, meinen Traum, in Erfüllung gehen zu lassen! Zum Schluss wussten die beiden schon gar nicht mehr, was sie singen sollten, sie wiederholten einige Nummern, und die Leute tobten.

Der SIMPL glich einem Hexenkessel. Nach Beendigung ihres Konzertes fuhr Esther auch nicht gleich weg.

Nach dem Konzert im Simpl mit Wirtin Toni Netzle, links und dem Ehepaar Moszkowicz

Noch lange saß sie mit ihren alten und neuen Freunden zusammen – ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass wir morgens um 10 Uhr im Bayerischen Rundfunk noch eine Verabredung hätten – Abi nahm sie liebevoll in den Arm und brachte sie weg. (…)

Toni Netzle heute als Zeitzeugin, Foto um 2016

Nachtrag 1: Unsere Verabschiedung wurde fast dramatisch, wir hatten uns lieb gewonnen und wollten uns nicht trennen! Wir haben uns nie mehr aus den Augen verloren.

Nachtrag 2: Leider hat sich Esther recht schnell aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Einige Male habe ich sie aber doch noch bei einem Konzert oder einer Fernsehsendung gesehen. Nach wie vor singt sie so, dass mir das Herz aufgeht!


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard
Allgemein

Große Musik in Taschenformat – PROGNOSTIC, die neue Progressive-Rockband überzeugt im Wohnzimmer

„Es ist Musik, die fortschreitet. Sie nimmt eine Idee und entwickelt sie, statt sie einfach zu wiederholen. Pop-Songs bestehen aus Wiederholung, Riffs und Einfachheit. Progressive Musik nimmt ein Riff, kehrt sein Inneres nach Außen, stellt es auf den Kopf, spielt es dann wieder andersherum und erkundet so sein Potenzial.“ So beschreibt der Musiker Keith Emerson  das von ihm mitgestaltete Genre „Progressive Rock„.

Musiker Keith Emerson 2010 bei einem Auftritt, Foto > Quelle

Ehrlich gesagt war mir bis dahin diese Musik aus meiner Jugend zwar bekannt, aber nie wirklich ein Begriff gewesen, bis mich Artur Silber, seines Zeichens Rock-Schlagzeuger, Studiobesitzer, Musikverleger und (PR)Manager vor einiger Zeit anrief.

Artur Silber, musikalisches Urgestein und Drummer u.a. von PROGNOSTIC

Überraschung und Freude auf meiner Seite. Überraschung, weil wir eine gefühlte Ewigkeit nichts von einander gehört hatten. Freude, weil ein Anruf von Artur, der sich in einem Feature der Jüdischen Allgemeinen selbst als „musikalisches Urgestein der Münchner Szene“ bezeichnete, auf jeden Fall was Spannendes versprach. Was mochte dieser kulturelle Tausendsassa da wohl wieder am Köcheln haben?

Unter dem was er dann berichtete, konnte ich mir zunächst nicht wirklich etwas vorstellen; vom Pressetext her klang das neue Bandprojekt allerdings vielversprechend: Mit PROGNOSTIC hat Münchens Bandszene ein neues Flaggschiff: Die vierköpfige Formation lädt bei ihren Konzerten ein zu einer musikalischen Hommage an den „Progressive Rock“ der 70er – vom Magazin Musikexpress als „Königsklasse der Rockmusik“ bezeichnet. Musik wie ein Sog aus geballter Leidenschaft und hoher Musikalität. Rockmusik also, in Zwischentexten kommentiert von einem versierten Rock-Journalisten und präsentiert im Wohnzimmer des Keyboarders. Der Hinweis auf einen kleinen privaten Rahmen, in dem ein ganzes Rockkonzert stattfinden sollte, ließ mich aufhorchen, beschwor doch gerade diese Musikrichtung Lautstärke, sehr viel Lautstärke, lange Haare, sehr lange Haare, sehr lässige Klamotten, viel Bier und riesige Hallen vor meinem Inneren Auge herauf – das Erscheinungsbild der Rebellion meiner Generation wider dem Establishment. Wie sich dies alles auf das Format eines Wohnzimmers würde zusammenfalten lassen, interessierte mich brennend.

Gaby dos Santos vor der Uraufführung von PROGNOSTIC im Wohnzimmer von Martin Stellmacher (Keyboards/Voc)

Zu Recht: Die Uraufführung, die ich in der Wohnzimmeratmosphäre bei Martin Stellmacher erlebte, dem Keyboarder der Band, entsprach dem so oft beschworenen und selten erreichten Revival eines klassischen Salonabends  in modernem Gewand: Gepflegtes Ambiente, konzentriertes Publikum und eine Interpretation auf hohem künstlerischem Niveau, allerdings nicht, wie Anno dazumal, dargeboten von der Dame des Hauses oder der Höheren Tochter, sondern von einer, klanglich wie optisch, homogen auftretenden Band, mit einem Leadsänger, der, dank seines Hintergrunds auch als Musical-Interpret, die Songs intensiv interpretierte.

Unvergessene Kompositionen wie „Tarkus“ von Emerson, Lake & Palmer wechseln sich ab mit Songs u.a. von Genesis, Rush, Peter Gabriel und UK. Ein wertvolles Stück Musikgeschichte – episch, melodisch, bombastisch. Nicht geklont, aber spannend interpretiert!“ so der Info-Text zur Band. In der Tat. Auch, dass weniger oft mehr ist, fand ich hier eindrucksvoll bestätigt.

Die reduziert, akustisch spielende Besetzung, inklusive eines noch viel reduzierteren Drum Sets, brachten mir die Komplexität der Kompositionen so nah wie nie und fokussierte auf das ausgefeilte Spiel jedes einzelnen der Musiker, deren Erscheinungsbild dem gepflegten Joe Cocker der letzten Jahre sehr viel näher kam, als dem Langhaar/T-Shirt-Look unser aller Jugendjahre. Dazu äußert PROGNOSTIC auf ihrer Homepage: Was kann der Grund dafür sein, dass ein paar „ältere Herren“ nach 30 oder mehr Jahren Bühnenerfahrung und unzähligen Konzerten noch nicht genug haben und eine neue Band starten? Richtig: die Leidenschaft für Musik. (…) 

Die Perspektive, sowohl in Bezug auf den Musikstil, als auch auf die Band, richtet sich somit nach vorne. Auf der Startseite von PROGNOSTIC findet sich  ein bezeichnendes Zitat von US-Schauspieler William Shatner, alias „Captain Kirk“ des Raumschiffs Enterprise:

„I think that prog rock is the science fiction of music. Science fiction speculates on what the future might be and look like and how we’ll get there, and yet there’s always a central theme of humanity, or there should be. Progressive rock has the same concept of exploration into the parts of the music world that hasn’t been explored.” 

 

Michael Fuchs-Gamböck

Doch wurde bei der Uraufführung auch der Vergangenheit Tribut gezollt, anhand der musikhistorischen Erläuterungen und Reminiszenzen des Journalisten und Autors Michael Fuchs-Gamböck.  Dass hier ein gewichtiger Vertreter des Rock-Journalismus moderierte, erschloss sich schnell,  denn die persönlich erlebten Anekdoten, die er hier Revue passieren ließ, betrafen die FrontRow-Protagonisten der internationalen Rockwelt. Die Schilderung unterhaltsamer Kuriositäten wechselte ab mit Zitaten von Rockstars, deren Tiefe bewies, was für komplexe Individualisten, mit entsprechenden Klangbotschaften, sich hinter der Einheitsfassade einer rebellischen Musikbewegung verbargen – und immer noch verbergen. Zwar sind wir Rebellen von damals längst Teil des Establishments, doch dieses „immer noch“ in puncto musikalischer und lebensphilosophischer Refelktion besteht weiterhin.

PROGNOSTIC – Von links: Arno Baum (b), Martin Stellmann (p), Charles B. Logan (voc), Artur Silber (dr)

Musik, Interpreten und Publikum sind gereift. Jenseits von Berufsjugendlichen und dem so viel beschworenen Zielpublikum der 20 bis 49jährigen, gibt es uns, das große ergraute Potential an Zuschauern –

Progressive Rock in Pocket Format

Und wir sind gerne bereit, in Eintrittsgelder zu investieren, die uns Acts mit der Art von Musik bieten, mit der wir groß geworden sind, die sich aber im Laufe der Jahre ebenso weiter entwickelt hat, wie wir, die wir von der Zahl her sicher weit mehr, als nur ein Nischenpublikum bilden. Hier würde ich mir mehr Mut seitens der Veranstalter wünschen und mehr Bereitschaft seitens staatlicher und städtischer Institutionen, sich mit dieser Form von Musik intensiver auseinander zu setzen und sie als kulturelles Gut zu fördern. Weil sie die Gründung eines Rockmuseums planten, sprachen die RockliebhaberInnen Gabi und Herbert Hauke vor Jahren bei dem Vertreter einer Kulturbehörde vor und bekamen sinngemäß zur Antwort, München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige. Zugegebenermaßen befindet sich besagter Mitarbeiter nicht mehr im Amt und das Rockmuseum längst im ersten Stock des Münchner Olympiaturms, aber auch weiterhin in privater Hand des Ehepaar Hauke, auf deren Risiko und Kosten. Exemplarisch?

Da nun mit dem Schwabinger Podium  auch das letzte Traditionslokal im Herzen Münchens für speziell diese Musikrichtung geschlossen hat, wählte die Band PROGNOSTIC für ihre Welturaufführung das Taschenformat und schaffte damit quasi ein neues Hörerlebnis innerhalb der Rockmusik. Hoffentlich wird dieses anspruchsvolle Projekt auch von kulturellen EntscheidungsträgerInnen wahrgenommen und dahingehend gewürdigt , dass auch dieses Genre gefördert und dadurch wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird, durchaus auch in konzertantem Rahmen, um den Facettenreichtum dieser Musik richtig zur Geltung kommen zu lassen, als vielschichtiges Musikangebot, dass sich im Übrigen keinesfalls nur an NostalgikerInnen aus unserer Generation wendet!

Welcome back my friends to the show that never ends … (Greg Lake)


The Show Goes On: Artur Silber vor dem Plakat zum nächsten Gig

… und da die Show nicht endet, geht sie schon nächsten Monat hochkarätig weiter:

27. und 28. Februar, Einl. 20.30 Uhr, Beginn 21 Uhr

im NightClub, Bayerischer Hof  > Reservierungen/Details

Martin Fuchs-Gamböck wird mit seinen Zwischenmoderationen weiterhin an einer Reihe der PROGNOSTIC-Konzerte teilnehmen.

Auch für private Veranstaltungen in den eigenen vier Wohnzimmerwänden kann die Band gebucht werden..

Über alle weiteren Termine informiert die PROGNOSTIC-Homepage, unter „wann“


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jeweiligem Link

Standard
Allgemein

Streifzug durch die 68er-Welt des Rock und Pop und weiter bis ins Baskenland

Die Pop-Journalistin Ingeborg Schober, deren Schicksal ich gerade in einer Collage nachempfinde, verbringt mit Udo Lindenberg einen beschwingten Abend im Bayerischen Hof. Danach setzt sie der Rockstar – ganz Kavalier – in ein Taxi. Kaum dass er zurück ins Hotel verschwunden ist, eröffnet Ingeborg dem verdutzen Fahrer, sie habe es sich anders überlegt, die Nacht sei so schön, dass sie lieber zu Fuß gehen wolle. In Wirklichkeit hatte sie einen Abend der Sonderklasse ohne eine müde Mark in der Tasche verbracht … Shit happens!

Austern_Gaby_dos_Santos_High_Society_jourfixe-Blog_Ingeborg Schober

DaSein zwischen Austern … eine gedankliche Assoziation

Ähnliche Situationen erlebe auch ich immer wieder, wie alle – meist Kunstschaffenden – die grenzüberschreitend in der Gesellschaft unterwegs sind, mal neugierig erkundend, mal torkelnd, mal oben und mal unten. „Kein Zahn im Maul, aber La Paloma pfeifen“ lautet ein Spruch, den ich mir in jungen Jahren im Münchner Milieu angeeignet habe. Warum denn auch nicht pfeifen, wenn man dazu willens und in der Lage ist? Wo auch immer. Das Leben an sich kennt ja keine Zulassungsbeschränkungen je nach materieller Lage, Herkunft, politischer oder spiritueller Orientierung. Die unsichtbaren Grenzen zieht sich die Gesellschaft schon ganz von alleine. Und erst dadurch wird eine Situation wie obige, statt als gegeben, als absurd empfunden und das (zeitweilige) Fehlen finanzieller Mittel als ein dringend zu verbergender Makel.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Identitaeten

Ingeborg Schober 2004, Ausschnitte der
Fotos von Stefan M. Prager

Unter der Diskrepanz, gerade in ihren letzten Jahren, zwischen den Live-Style-Möglichkeiten der Kreise in denen sie verkehrte und ihrer eigenen Realität, hat Ingeborg sehr gelitten, hat ein Leben als gescheitert empfunden, das doch von ihr so zielstrebig erforscht, intensiv ausgekostet und auch reflektiert worden ist, dass es alle Anerkennung verdient. Doch die letzten Worte, die sie kurz vor ihrem Tod an ihre „lieben Freunde und Kollegen“ richtet, sind Worte des Bedauerns und der Warnung über ungelebte Träume. Damit hinterlässt Ingeborg zwar eine wirkliche „Message“, wie es Sängerin Claudia Cane während unserer Proben formuliert hat, leider aber auch eine, die die eigenen Meriten übersieht.  Darauf hinweisen kann ich Ingeborg nun nicht mehr, wohl aber ihre Geschichte und ihr Werk in Klang, Ton und Bildern würdigen, mit all den Widersprüchen und Brüchen, die an einer Persönlichkeit das ausmachen, was bleiben wird. Ingeborgs letzte Botschaft hat dankenswerterweise Schauspielerin Krista Posch zu sprechen übernommen. Als ungelernte Sprecherin wäre ich nicht annähernd in der Lage gewesen, den Inhalt so zu vermitteln, wie Krista es getan hat. Ein Gänsehaut-Moment in unserem Porträt „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“. Noch verstärkt wird der durch den rauhen, gefühlsbetonten Gesang von Claudia Cane, die nicht umsonst schon mit ACDC auf der Bühne stand und als  landeseigene Ausgabe einer Janis Joplin gehandelt wird.

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Ingeborg_Schober_Tanz-der-Lemminge_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Elemente des Original Buchcovers von 1979

Tanz der Lemminge“ heißt der Titel von Ingeborgs erstem und inzwischen vergriffenem Buch, nach einem gleichnamigen Song der Underground-Kultband Amon Düül, deren Aufstieg Ingeborg begleitet und beschrieben hat, vor dem Hintergrund der weltweiten Jugendbewegung in den ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahren; die Geschichte des rauschhaften, kollektiven Aufbruchs in ein neues Lebensgefühl, gefolgt von einem Abgesang, der Ingeborg für den Rest ihres Lebens begleiten sollte. Gelesen habe ich das Buch in den Pausen des ökumenischen Kongresses „Heillos gespalten? Segensreich erneuert?, der letzte Woche an der Katholischen Akademie stattfand. Dadurch wanderte ich, gedanklich wie emotional, zwischen dem Aufschrei der 68er und dem großen theologischen Ringen um interkonfessionelle Einigkeit hin und her. Zu meinem Erstaunen merkte ich, dass sich aus der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Glaubens für mein aktuelles Projekt ganz neue Gedankengänge entwickelten. Trotzdem hatte ich meine liebe Mühe, den Ausführungen der Damen und Herren Professoren zu folgen. Mir wurde wieder einmal klar, wie viel mehr ich gerne wüsste und das natürlich bitte sofort!  Zu meinem Glück lernte ich bereits am ersten Abend den Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden Württemberg kennen, Herrn Dr. Haizmann, der mir solange geduldig Fragen beantwortete, bis mich mein schlechtes Gewissen verstummen ließ. Nach zwei Tagen drohte mein Hirn dennoch,  endgültig, auf „Tilt“ zu schalten, so dass ich mich wieder ausschließlich dem Ingeborg-Projekt zu wandte.

jourfixe-Blog_Ingeborg_Schober_Gaby_dos_Santos

Ingeborg Schober als Grundschülerin

Allmählich weckt die Auseinandersetzung mit Ingeborg und ihrer Generation viel Empathie in mir und die Expedition in die Untiefen von Ingeborgs Schicksal, ein ganz neues Bewusstsein für die Fragilität des Lebens. Da schaut ein kleines Mädchen beflissen von ihrem Buch auf, so rührend jung und ahnungslos, scheint einem direkt in die Augen zu blicken, während man selbst schon das letzte Kapitel ihres Lebens kennt – und um alle Enttäuschungen weiß, die ihrem Tod noch voran gehen werden. So sehr mich dieses Projekt anrührt, so schwer empfinde ich auch die Umsetzung. Nur ganz behutsam lassen sich die einzelnen Elemente an einander fügen, hauptsächlich in Baucharbeit, der Verstand ist einem bei solchen Unterfangen keine Hilfe. Nur kennt die Baucharbeit leider kein Zeitgefühl und der Terminplan drängt.

jourfixe-Blog_Artist-Studio_Lange_Nacht_der_Musik_Gaby_dos_Santos

Eingangstür zum Artist Studio auf der Rückseite des Künstlerhauses, in der Herzog-Max-Str.

Bereits kommenden Samstag zeigen wir bei der Langen Nacht der Musik 2015, im Artist Studio im Münchner Künstlerhaus, erste Ausschnitte. Dann erst werde ich erkennen, ob ich künstlerisch auf dem richtigen Weg bin oder bis zur Premiere Ende Juni im Gasteig ein da capo der Produktionsarbeit angesagt ist. Seltsamerweise gibt mir erst eine Aufführung vor Publikum, wenn ich meine Arbeit mit den Augen der Zuschauer neu betrachte, Aufschluss über die Qualität meiner Show.  Was das Publikum anbelangt, stand allerdings zeitweilig zu befürchten, dass der Zuschauertest in diesem Jahr weitgehend ausbleiben würde, da Maja Grassinger, Präsidentin des Künstlerhauses, es diesmal ablehnt, die Verbindungstür von Künstlerhaus zu Studio zu öffnen, wie im Vorjahr. Dadurch ist unser Veranstaltungsort nur schwer zu finden. Glücklicherweise hat der Geschäftsführer der Langen Nacht, Ralf Gabriel, für uns eine rettende Lösung gefunden, indem ein Aufbau vor dem BMW-Pavillon unmittelbar auf den Weg zum Studio und auf unsere Veranstaltung hinweisen wird. Mehr zur Veranstaltung, mit weiterführenden Links, findet sich  auf der „Kalenderseite“ unserer Homepage:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfprogramm.html

Eintritt mit Karten zur Langen Nacht der Musik, à € 15,-, können vor Ort im Studio erworben werden. Einlass ab 19.45 Uhr.

Ibon_Zubiaur_Wie_man_Baske_wird_Europaeische_Schule_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ibon Zubiaur präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ den Schülern der Europäischen Schule in München

Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, den ehemaligen Leiter des Instituto Cervantes in München, Ibon Zubiaur, kennen und schätzen zu lernen, als jemand, dessen Esprit sich wohltuend von so mancher gewollten Intelektuellen-Pose im Kultur-Zirkus abhebt. Wohl aber auch deshalb hat er selbigem vor einiger Zeit den Rücken gekehrt, inklusive der damit verbundenen, gut dotierten Festanstellung, um in Berlin als freier Übersetzer und Autor zu arbeiten. Dass ihn Dr. Roland Jerzewski, im Rahmen der groß angelegten Veranstaltungsreihe Europäische Identitäten,

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

erneut an die Europäische Schule in München eingeladen hat, ergibt Sinn, denn Zubiaur vertritt gegenüber den Schülern Kultur in einer Form,  zu der sie einen Draht finden können. Das ist wichtig, denn es hält uns potentielles Kulturpublikum bei der Stange, statt es, wie allzu oft der Fall, schon in jungen Jahren durch Verkopftes zu vergraulen. Hier aber verhieß allein schon der Titel seines neuen Buches gedanklich viel Erquickliches: „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“. Entsprechend entwickelte sich auch der  Vortrag zu einer typischen, für mich ziemlich unwiderstehlichen Zubiaur-Performance, die lässig Wortwitz mit pointierten Ausführungen und Geist verband. Da mir aber nun einmal, wenn mich etwas begeistert, der sachliche Abstand leicht etwas abhanden kommt, lasse ich jetzt lieber Dr. Jerzewski, übrigens seit letztem Jahr mit Gattin Martine auch jourfixe-Mitglied, zu Wort kommen:

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

(…) „Kaum ist der Abschlussapplaus verklungen, da beginnt der spanische Referent auch schon vor neuem Publikum – u.a. mit Gaby dos Santos von der Kulturplattform „jourfixe-muenchen“ und der deutsch-polnischen Übersetzerin Nina Kozlowski – mit der Vorstellung seines ersten auf Deutsch verfassten Buches „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“ und hier ist Zubiaur nunwirklich ganz in seinem Element als Baske, Europäer und Weltbürger. Nationen sind für ihn willkürliche Erfindungen, ganz gleich, ob es sich um die deutsche, spanische oder baskische handelt. Allerdings sei das baskische „nation-building“ ziemlich spät und notgedrungen ziemlich künstlich erfolgt. Das heutige Baskisch sei im Wesentlichen eine philologische Erfindung des 19. Jahrhunderts bzw. der Rebaskisierung der nachfranquistischen Ära. Die in seinem Essay-Band aufgeführten Beispiele sind ebenso beredt wie hanebüchen. Aber: Der 1971 geborene Ibon hat eine baskische Paradeerziehung durchlaufen mit Spanisch als 1. Fremdsprache und spricht bis heute eine Sprache,die im Baskenland nur eine Minderheit beherrscht. Früh ist er also über seine baskische Privatschule in Getxo bei Bilbao in eine Zweisprachigkeit hineingewachsen, die ihn für weitere Sprachen sensibilisierte und zum Übersetzer prädestinierte. Auf Englisch lernte er die Weltliteratur kennen, auf Deutsch lehrt, übersetzt und schreibt er seit fast anderthalb Jahrzehnten, ohne indes seine iberisch-baskische Herkunft zu verleugnen. Identität – ethnische, gesellschaftliche, sexuelle, religiöse – ist fürZubiaur ein „lockeres Band“. Jahrelang sei er mit der Frage konfrontiert worden, ob er sich als Spanier oder als Baske fühle. „Bis heute aber sehne ich mich nach einer gesellschaftlichen Stimmung, in der nicht die Frage zählt, als was ich mich fühle, sondern eher, wie ich mich fühle. Allzu oft aber lautete die Frage bloß: Was bist du? Und mehr als einmal (…) habe ich geantwortet: Athletic-Fan.“ Und genau hier sieht Ibon Zubiaur eine Lösung: Sein Lieblingsverein, der Erstliga-Fußballklub Athletic Bilbao, arbeitet nur mit Spielern aus der Region, aber nicht mit dem nebulösen Kriterium baskischer Abstammung, sondern mit dem nachvollziehbaren von Herkunft und Ansässigkeit. So versammelt derErstligist eine bunte Truppe von Spitzenspielern, auch solchen aus Angola oder Venezuela, die früh genug in baskische Gefilde gelangt sind. Dergestalt überwindet man ausgerechnet im Fußball ein politisches Problem spielerisch. (Roland Jerzewski) 

evangelische_Kircheneintrittsstelle_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Evangelische Kirchen-Eintrittsstelle München, in der Herzog-Wilhelm-Straße 24,Tel. 089/51 26 59 60

Abschließen möchte ich mit einer Einladungskarte, die ich in der evangelischen Kirchen-Eintrittstelle entdeckt habe. Dort waren mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich zu einer Stadtführung (ebenfalls im Rahmen der Recherchen zu unserem Protestantismus-Projekt) geladen, „Protestantische Stätten in München“. Dort lag ein Kärtchen in Regenbogenfarben aus, auf dessen Rückseite fand sich der Spruch:

und jonatan schloss mit david einen bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes herz.“ (1. Samuel 18,3)

Auf den Bibelspruch, auf den ich bereits vor einiger Zeit im Sonntagsblatt aufmerksam geworden war,  folgte der Satz:

„Lesbisch, schwul, bi, hetero oder trans- Gott hat die Welt und seine Geschöpfe ganz schön bunt gemacht! Und alle gehören dazu. Herzlich willkommen in der Evangelischen Kirche!“

Da bin ich doch froh, einer Kirche anzugehören, die schätzungsweise keine Botschafter nach Hause schickt, weil diese bekennend schwul sind, wie kürzlich im Vatikan der Fall.

Standard
Muenchner_Sicherheitskonferenz2015_MSC_Titelbild-Love-And_Peace_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos
Allgemein

Nur ein Klassentreffen der Mächtigen? Stimmen und Gedanken zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015

Arnie Schwarzenegger kommt auch …“ hatte letzte Woche bei der Pressekonferenz sinngemäß Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, angekündigt. „Aha – und was will er da reden?“ fragte sich die Zuhörerschaft im Presseclub. „Hasta la vista, baby“ rief einer der anwesenden Journalisten, was mit allgemeinem Gelächter quittiert wurde. Makabre Fußnote eigentlich, angesichts der derzeit angespannten weltpolitischen Lage.

Oliver_Rolofs_Wolfang_Ischinger_Muenchner_Sicherheitskonferenz_Peter_Schmalz_PresseClub_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Oliver Rolofs, der Pressesprecher sowie der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, präsentieren die MSC 2015. Ganz rechts Peter Schmalz, stellvertretender Vorsitzender PresseClub München

Entsprechend werden die „zentralen Themen der 51. Münchner Sicherheitskonferenz (…) der Zerfall der internationalen Ordnung, die Zukunft der europäischen Sicherheitsarchitektur angesichts der Ukraine-Krise, die dramatische Situation der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt und die sich verschärfende Lage im Nahen und Mittleren Osten sein …“  hieß es im Presse-Info.

„Vom 6. bis 8. Februar wird München zur Hochsicherheitszone: Über 400 hochkarätige Regierungsmitglieder, darunter 20 Präsidenten und Regierungschefs, 60 Verteidigungsminister ringen um den äußerst bedrohten Frieden. ‚Wenn man jemals eine Begründung für das Veranstalten der Sicherheitskonferenz hätte suchen müssen, in diesem Jahr braucht es keine Begründung. Diese Konferenz ist notweniger denn je!‘ so Ischinger (…)“, postete anschließend der Münchner Autor Dr. Werner Siegert.

Andere MitbürgerInnen verbinden mit dieser jährlichen Veranstaltung allerdings keineswegs friedensbildende Maßnahmen sondern eine Art „Klassentreffen der Mächtigen“. So postet heute Konstantin Wecker auf Facebook: „Liebe Freunde, auf der sogenannten Sicherheitskonferenz (SIKO) in München geht es – entgegen der Selbstdarstellung der Veranstalter – weder um Sicherheit noch um Frieden auf dem Globus.

Die SIKO ist eine Versammlung wirtschaftlicher, politischer und militärischer Machteliten vor allem aus den NATO- und EU-Staaten, die sich über Strategien zur Aufrechterhaltung ihrer globalen Vorherrschaft und über gemeinsame Militärinterventionen verständigen. 

Aktiv_gegen_Muenchner_Sicherheitskonferenz_Konstantin_Wecker_jourfixe-blog_Gaby_dos_SantosVor allem aber ist die SIKO ein medienwirksames Propaganda-Forum zur Rechtfertigung der NATO, ihrer Milliarden-Rüstungsausgaben und ihrer auf Lügen aufgebauten völkerrechtswidrigen Kriegseinsätze, die der Bevölkerung als „humanitäre Interventionen“ verkauft werden.

Je mehr sich die Krisen des neoliberalen Kapitalismus häufen, desto brutaler werden die Profitinteressen von Konzernen, Banken und der Rüstungsindustrie durchgesetzt – ökonomisch mit dem geplanten Transatlantischen Freihandelsabkommen EU/USA (TTIP) – und nicht zuletzt auch mit militärischer Gewalt.

Kommt zur Demonstration in München, am Samstag, 7. Februar 2015 um 13 Uhr, Marienplatz. Ich werde – als bekennender Pazifist – mit meinen Freunden Jo Barnikel, Werner Schneyder und Heinz Ratz von Strom &Wasser jedenfalls dabei sein und demonstrieren und ab 15 Uhr – so lang es uns die Kälte erlaubt -auch musizieren.

Soweit der heutige Post von Konstantin Wecker, der mich enttäuscht hat, gerade weil Konstantin Wecker für mich eine moralische Instanz darstellt, denn er ist seinen Überzeugungen stets treu geblieben, selbst dann noch, als die Bürgerproteste zeitweise „out“ und in einen allgemeinen Dornröschenschlaf gefallen waren, in den Jahren vor TTIP, Pegida, Monsanto & Co. Weckers Stimme blieb eine der wenigen in unserer Gesellschaft, die unverdrossen eine bessere Welt anmahnte und anmahnt, die Missstände anprangert und uns für den Moment eines Posts oder eines Songs aus dem Phlegma des alltäglichen Trottes reißt. Wer aber seine Stimme erhebt, wissend, dass sie vielfach Gehör finden wird, trägt meiner Meinung nach auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit: Zu sachlich differenzierter und fairer Argumentation. Diese habe ich im heutigen Post vermisst und erst recht im weiteren Verlauf des Beitrags, der sich auf der Startseite nachstehender Homepage befindet und aus dem Weckers Post zitiert:

http://sicherheitskonferenz.de/de/Aufruf-SiKo-Proteste-2015

Hier findet sich auch nachfolgendes Statement: Wir erklären den selbsternannten „Weltherrschern“, die zur SIKO nach München kommen und den Regierungschefs beim G7-Gipfel im Juni 2015 in Elmau: Ihr seid hier und überall auf der Welt unerwünscht.“

Oh-Ha! Diese Stilistik der Schlagwörter gefällt mir nicht, da ich sie als unsachlich empfinde und somit als wenig hilfreich, gerade wenn es darum gehen soll, den aufgeführten und ja tatsächlich auch vorhandenen weltweiten Missständen etwas entgegen zu setzen.  Abgesehen davon, dass besagte „selbsternannte ‚Weltherrscher‘ “ seinerzeit doch wohl von der Mehrheit ihrer Bürger gewählt worden sind?Im Übrigen werden auch VertreterInnen von Amnesty International und Green Peace sowie auch wieder VertreterInnen der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V. an der Konferenz teilnehmen. Letztere Initiative verteilte im Vorfeld der Pressekonferenz ihre Projektzeitung, in der sie sich durchaus kritisch zur Sicherheitskonferenz äußert, aber:

Unser Weg heißt Gewaltfreiheit und Dialog. Wir geben Impulse und suchen das Gespräch mit den Veranstaltern, Förderern und Teilnehmern der Sicherheitskonferenz sowie der interessierten Öffentlichkeit. (…)
Unsere Organisation: Die Projektgruppe wird finanziell gefördert durch die Pax-Christi Bistumsstelle der Erzdiözese München und Freising und arbeitet bei Einzelveranstaltungen mit der Petra-Kelly-Stiftung zusammen. Ferner kooperieren wir mit der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik und dem Regionalforum ZFD Südbayern und arbeiten im Trägerkreis der Internationalen Münchner Friedenskonferenz mit.
Wir und die Anderen: Die verschiedenen Aktionsformen der Münchner Friedensbewegung – Demonstrationen, Friedenskonferenz, Friedensgebet, Dialog – sehen wir als sich ergänzende Säulen, die die kritische Auseinandersetzung mit der derzeitigen Sicherheitskonferenz tragen. (Quelle: Wir über uns/Projektzeitung „Gewaltfrei MSK verändern“ Nr. 10 – Februar 2015)
Hierzu siehe auch:

http://friedenskonferenz.info/

 

In der Projektzeitung findet sich ein Beitrag von Ruth Aigner (auch Beobachterin bei der diesjährigen MSC), den ich für so informativ halte, dass ich ihn an dieser Stelle in großen Teilen wiedergeben möchte:

Titel: „Bedrohliche, internationale Unsicherheit“ – Chance zur Veränderung!?“ Gespräch der Projektgruppe mit Botschafter Ischinger am 12. Januar 2015″
Text: „Eine beeindruckende Mischung aus vorsichtiger Vertrautheit und professioneller Diplomatie lag in der Luft, als Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, und die Projektgruppe ‚Münchner Sicherheitskonferenz verändern‘ e.V. am 12. Januar 2015 bereits zum 10. Mal zu einem Gespräch zusammenkamen.

Es wurde ein bewegter Austausch über Grundasatz- und organisatorische Fragen sowie über aktuellste politische Herausforderungen. Auch die Konferenzbeobachter von 2014 brachten ihre kritischen Hinweise nachdrücklich ein. (…) als ein zentrales Anliegen der Gruppe bleibe: Um den unmenschlichen Kreislauf der Kriegs-Drohungs-Spirale zu entkommen, müssten Themen wie Abrüstung, das Verbot von Waffengebrauch, -produktion und -lieferungen und das Aufzeigen alternativer Konfliktbearbeitungsformen ein zentrales Thema auf jedem internationalen, sicherheitspolitischen Forum wie dem der MSK sein! Der Konferenzleiter stimmte der Aussage prinzipiell durchaus zu und kündigte an, dass in der OSZE-Expertengruppe gerade die Frage der Rüstungsreduzierung eine zentrale Rolle spielen solle. Auch eine Öffnung der MSK gegenüber Vertretern alternativer Sicherheitskonzepte solle schrittweise stattfinden, versprach Ischinger und nannte renommierte NGOs, die zur MSK 2015 eingeladen werden (z.B. Amnesty International, Human Rights Watch, Greenpeace …). Gleichzeitig aber erinnerte er auch deutlich an den Konferenzrahmen und das Kernthema der ‚militärischen Sicherheit‘, verbunden mit den spezifischen Erwartungen der Gäste. Als gute Möglichkeit über dieses Hauptthema und -publikum hinaus zu kommen sehe er die vielen Side-Events – z.B. auch das, welches MSKv und das forum ZFD zur Flüchtlingssituation im Libanon gestalten! Hoffen lässt jedenfalls sein Angebot, sich mit der Projektgruppe MSKv wieder zu einem intensiveren Dialog zu treffen, wenn die Agenda der OSZE-Expertengruppe ausgereifter sei (…)“ 

Den Inhalt dieses Beitrags finde ich spannend und auch vielversprechend. Leider habe ich bislang den Ansprechpartner dieser Projektgruppe noch nicht erreicht, werde das Thema aber weiter verfolgen.

Munich_Security_Report2015_Wolfgang_Ischinger_MSC_Muenchner_ Sicherheitskonferenz_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Wolfgang Ischinger präsentiert im PresseClub den neuen „Munich Security Report“, der ab sofort alljährlich die MSC begleiten wird und als Download allgemein zugänglich ist

Gesprächsbereitschaft auch gegenüber den Demonstranten äußerte Wolfgang Ischinger ebenfalls bei der Pressekonferenz letzte Woche. Ich finde, man sollte ihn unbedingt einmal beim Wort nehmen! Darüber hinaus begleitet ab sofort eine jährliche Broschüre, der Munich Security Report (MSR) die Konferenz. In dieser finden sich Berichte und Einschätzungen zu den jeweils aktuellen sicherheitspolitischen Fragen. Dieser Report ist auch als Download erhältlich.

 

General_Johann_Berger_Bundeswehr_Lili-Marleen-Reihe2010_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Bundeswehr General Johann Berger stellte sich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Reihe“ zu einer Diskussion zur Verfügung, die nie stattfand …

Mit der schlichten Bekundung: „Ich bin Pazifist“ macht man es sich meiner Ansicht nach zu einfach in unserer komplexen Welt – und betreibt ein Stück weit selbstgerechtes „Gutmenschentum“ auf Kosten derer, die uns diese Pose, zum Teil unter Einsatz ihres Lebens, überhaupt ermöglichen; die Soldaten und Soldatinnen, von denen ich im Rahmen meiner „Lili-Marleen-Produktion“ eine ganze Reihe kennen gelernt habe und zwar nicht als tumbe Tötungsmaschinen, sondern als engagierte und durchaus nachdenkliche junge Männer und Frauen. Um einen Dialog zwischen uns ZivilistInnen/PazifistInnen und der Bundeswehr, im Rahmen meiner damaligen Veranstaltungsreihe zu eröffnen, lud ich auch den Bundeswehr-General Johann Berger zu einem Vortrag über „internationale Sicherheitspolitik“ ein. Leider fand sich aber kein einziger Gast ein, der seine anti-militärische Haltung als Gegengewicht in die Waagschale geworfen hätte! In einem späteren Gespräch führte eine Freundin dann das ebenso bekannte wie abgenutzte Motto an: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Schön wäre das ja – und ich wäre auch gern Astronaut geworden 😉 , doch durchführbar wird es erst dann sein, wenn auch die letzten „Schwerter zu Pflugscharen“ geworden sind … Und bis dahin – so meine Meinung – sollte man nicht jede militärische Sicherheitsmassnahme gleich in Bausch und Bogen verteufeln, sondern von Fall zu Fall genau hinschauen, was, wann und wofür militärisch vorgegangen wird und dann Fall bezogen, wo nötig, die Stimme erheben. Aber bitte nicht das eigentliche Anliegen durch Worthülsen wider das gesammelte Unrecht der ganzen Welt verwässern!

Wolfgang_Ischinger_MSC_Charlotte_Knobloch_Israelitische_Kultusgemeinde_Muenchen_Peter_Schmalz_PresseClub_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, zwischen Wolfgang Ischinger und Peter Schmalz auf der Pressekonferenz zur MSC 2015

Zurück zur Sicherheitskonferenz: Natürlich nutzen die Teilnehmer das Podium um sich dort im Sinne ihrer Anliegen zu profilieren. Das ist hier nicht anders als bei vielen salbungsvollen Reden im Verlauf von Preisverleihungen, Kulturempfängen und sonstiger Konferenzen. Dennoch lässt sich zwischen den Zeilen lesen, vorausgesetzt, man ist willens und zeitlich in der Lage (wieder dieses Zeitproblem!) sich die einzelnen Beiträge zu Gemüte zu führen. Im Anschluss ließen sich dann auch konkrete und damit wirkungsvolle Kundgebungen abhalten. Bei erster Durchsicht einiger auf der Homepage der MSC veröffentlichten Statements von Ursula von der Leyen und Nato-General Stoltenberg bin ich auf Punkte gestoßen, denen ich z. B. nicht zustimme. Wer sich ebenfalls selbst ein Bild machen möchte: Ein Blick auf die aufwändig gestaltete Homepage mit O-Tönen, Manuskripten einzelner Reden, Live-Streams und Hintergrund-Informationen lohnt in jedem Fall:

Unbestritten bleibt für mich, dass jeder Einsatz von Gewalt, auch wenn er aus humanitären Gründen noch so unvermeidbar ist, immer das schreckliche Zeichen menschlichen und diplomatischen Versagens darstellt. Mit diesem Zwiespalt müssen wir leider leben – noch. Und uns weiter schrittweise einen Weg in eine bessere Welt bahnen, jeder auf seine Weise, mit gegenseitiger Offenheit und Toleranz gegenüber anderweitigen Bemühungen. Wie wollen wir sonst den globalen Frieden erreichen, wenn wir schon an der Gesprächs- und Streitkultur scheitern.

Abschließen möchte ich meinen heutigen Beitrag mit einem Zitat des verstorbenen Vorstandmitglieds der Projektgruppe „Münchner Sicherheitskonferenz verändern“ e.V., Sepp Rottmayr, ebenfalls veröffentlicht in der aktuellen Projektzeitung. Es sind Worte, die mir in ihrer schlichten Wahrheit sehr nahe gehen, auch wenn ich bezweifle, dass sich die Sicherheitskonferenz in allzu naher Zeit den Begriff „Sicherheit“ durch den Begriff „Frieden“ wird ersetzen lassen wollen. Dazu fühlen sich noch zu viele Menschen zu un-sicher  …

„Ein Rüstungsbasar ist sie (die MSC) sicher heute nicht mehr. Eine Konferenz für militärisch ausgerichtete Sicherheitspolitik, so wie man Sicherheit in der Politik heute noch weitgehend versteht, ist sie bestimmt. Eine Friedenskonferenz aber – das muss sie erst werden, da muss sie sich verändern. Das ist nicht leicht. Aber, und jetzt passt mein Schlusswort das nicht von mir stammt, sondern von Herman Hesse:

‚Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden …‘ (Sepp Rottmayr)

 

*************************
Die Fotos von der Pressekonferenz wurden mir freundlicherweise von Herrn Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama“ überlassen.

 

Ein Verzeichnis weiterer Blog-Beiträge findet sich unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

 

Standard