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„Auch Heilige liegen am Boden“ Zum „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München“ eine Pressenkonferenz – Zu Gast: Avi Primor, von 1993 – 1999 Israelischer Botschafter in Deutschland

Nach seiner Meinung zu den Stolpersteinen befragt, fand Avi Primor auf der Pressekonferenz der neuen Initiative  BÜRGERBEGEHREN für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München deutliche Worte: Er verneige sich vor dieser Form des Gedenkens. In Israel sei es von Bedeutung, wie Deutschland sich heute darstelle und inzwischen könnten andere europäische Länder in Bezug auf das „Wiedergutmachen“ von Deutschland lernen. Im übrigen gehe es nicht darum, israelische Bräuche nach Deutschland zu bringen, sondern darum, dass sich Gedenken in Landessitte vollziehe. Und führte als Beispiel die in steinernen Sarkophagen in den Boden eingelassenen Heiligen unserer Kathedralen an. „Auch Heilige liegen in Deutschland am Boden …“

Avi Primor, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999, zu Gast auf der Pressekonferenz des Vereins „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V.„, mit den Vorstandsmitgliedern, v.l. RALPH DEJA, Berater und Aktivist für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, DOROTHEE PIERMONT, ehem. Mitglied im Europäischen Parlament (vorm. b. Die Grünen), HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker und DAGMAR FÖST-REICH, Dipl. Kauffrau

„Durch das Lesen der Inschriften der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen,“ heißt es auf der Homepage des Zentralrats der Juden auf die Frage

UNTERSTÜTZT DER ZENTRALRAT DER JUDEN DIE VERLEGUNG VON STOLPERSTEINEN?

Und weiter: Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, und das Präsidium des Zentralrats, halten die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. > MEHR

Wartet auf seine Verlegung: Ein Stolperstein für Hans Scholl, Gallionsfigur der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, gezeigt bei der PK

Damit bezieht der Zentralrat eine gegensätzliche Position zu Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in deren Augen durch Stolpersteine die Opfer des Holocaust erneut mit Stiefeln getreten würden. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Interventionen bleibt in München, anders als in unzähligen Städten bundes- und europaweit, das Verlegen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt, nach zwei entsprechenden Stadtratsbeschlüssen, 2005 und 2015.

Stattdessen schlägt München einen kostspieligen Sonderweg ein. Statt Stolpersteinen (120 €, Fläche 10×10 cm) sollen Stelen (1.000 €, 6×6 cm) oder Tafeln an Hauswänden (500 €, 16×16 cm) an die Opfer erinnern. Stelen machen u.a. wegen ihrer tiefen Verankerung im Boden ein aufwendiges Genehmigungsverfahren und Tafeln die Zustimmung jedes einzelnen Miteigentümers eines Gebäudes erforderlich. Es ist daher abzusehen, dass nur wenige Stelen und Tafeln installiert werden. So wird aber das ungeheure Ausmaß der Massenvernichtung von Menschen nicht erkennbar, führt der neu gegründete Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V. auf seiner Homepage an und beginnt ab nächster Woche mit dem Sammeln der für ein Bürgerbegehren erforderlichen Mindestzahl von 35.000 Unterschriften. Bei diesem Verein handelt es sich um eine überparteiliche Gruppierung, die, mit dem demokratischen Instrument eines Bürgerbegehrens, das Thema „Stolpersteine auch in München“ erneut vor den Stadtrat bringen möchte.

Juni 2017, alles bereit zur Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße; Quelle: Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60453194

Für eine Aufhebung dieses Verbotes setzt sich seit vielen Jahren bereits unermüdlich die Initiative Stolpersteine auch für Münchenein, unter Vorsitz von Terry Swartzberg und hat zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Verlegungen auf privatem Grund durchgeführt. Eine weitere und bislang größte Verlegung von Stolpersteinen ist für Montag, den 11. November 2018 angesetzt, mit 34 weiteren Stolpersteinen an 11 unterschiedlichen Verlegungsorten! Ein Meilenstein, doch ist die Verlegung von Stolpersteinen auf privatem Grund meiner Meinung nach nur als  Interimslösung geeignet, denn, wie der Münchner Drehbuchautor Peter Probst, nach einer Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer aus seiner Verwandschaft anmerkte: Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. (…) Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann (…)

Juni 2017: Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen verwehrt.

Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen. Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. (…) MEHR

Umso mehr freut mich, dass sich jetzt in München eine weitere Initiative anschickt, das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund, diesmal mit politischen Mitteln, zu kippen und hoffe auf eine Bündelung von Kräften seitens beider Münchner Stolperstein-Initiativen, die dringend benötigt wird, angesichts einer äußerst engagierten Opposition.

Dem Sammeln von Unterschriften für das Bürgerbegehren sehe ich deshalb auch aus statistischer Neugier gerne entgegen, da mich brennend interessiert, ob es sich bei den Stolperstein-Gegner_Innen um tatsächlich eine Mehrheit innerhalb unserer Stadtgesellschaft handelt, wie teilweise kolportiert, oder vielmehr um die persönliche Einstellung einzelner, aber umso einflussreicher Bürgerinnen und Bürger … So äußert der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude am Ende eines Interviews 2017 in der ZEIT: Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger. MEHR

Eine derart einseitige Darstellung und Entscheidungsfindung seitens des vormals Ersten Vertreters unserer Stadt, in mehreren Passagen des Interviews, empfinde ich, als jemand, die die Vorgänge um die Stolpersteine ausgiebig recherchiert und verfolgt hat, schon bedenklich! Und unfair gegenüber uns Stolperstein-Befürwortern! Gedenken an sich ist doch ein sehr individueller, emotionaler und daher subjektiver Vorgang, dessen Wahrnehmung sich entsprechend schwer auf sachlicher Ebene erfassen oder gar bewerten lässt.

AVI PRIMOR, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999 zwischen HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker, RALPH DEJA, Berater und aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie Dorothee Piermont, ehemaliges Mitglied im Europäischen Parlament für DIE GRÜNEN, alle drei Vorstandsmitglieder des „Bürgerbegehrens“

Somit bleibt für mich auch unverständlich, dass gerade München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, heute den Nachkommen von Holocaust-Opfern verwehrt, sich für eine Form des Gedenkens zu entscheiden, die sie sich wünschen, und die in anderen Städten und Ländern Gang und Gebe ist, nämlich die der Stolpersteine, als ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig konzipiert.

Bildhauer Gunter Demnig ist nicht nur der Schöpfer der Stolpersteine – Ein Kunstprojekt für Europa, vielmehr reist er auch persönlich zur Verlegung an, hier im August 2018, in Pitten; Quelle: Wikipedia

Zumal die Genehmigung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, IN KEINEM FALL bedeuten würde, dass diese gegen den Willen von Nachkommen und ohne eingehende vorherige Prüfung seitens einer zeitgeschichtlich kompetenten Kommission erteilt würde.

Längst ist die Debatte zu einem Politikum geworden, zu dessen Leidtragenden leicht die Betroffenen werden können, wie im Fall von Peter Jordan. Seine Eltern hat er zuletzt als 15jähriger gesehen und im Holocaust verloren. Nachdem in Berlin, in den späten 1990er Jahren, erstmals Stolpersteine verlegt worden waren, die zwar erst im Nachhinein, dann aber problemlos vom Senat genehmigt wurden, folgte Peter Jordan in München diesem Beispiel und verlegte in der Mauerkircher Straße, dem letzten Domizil seiner Eltern Fritz und Paula Jordan, Stolpersteine. Die Stadt jedoch ließ diese postwendend, da nicht genehmigt, wieder herausreißen, was bei mir die Frage nach Pietät aufwirft: Muss denn etwas unbedingt ausgeführt werden, nur weil einem die Macht dazu gegeben ist? Erst im Sommer dieses Jahres wurden für die ermordeten Eltern des mittlererweile 96jährigen Peter Jordan, seitens der Landeshauptstadt München, Stelen aufgestellt.

26. Juli 2018: Eine Stele für seine ermordete Mutter! Dass er diesen Moment noch erleben durfte … Der 96jährige Peter Jordan war extra aus London angereist.

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kommentiert postwendend nach der Pressekonferenz Martin Bernstein, Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung, in der Ausgabe vom 04.09.2018, unter dem Titel Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch.  Als „falsch“ empfinde ich vielmehr, dass in München, was die Gedenkkultur anbelangt, nicht nur Verbote noch immer Persönlichkeitsrechte beschneiden, sondern dass darüber hinaus oft verunglimpft wird, wer dagegen hält! Solche Mittel der Auseinandersetzung zeugen nicht von Demokratieverständnis, ein Bürgerbegehren anzustreben hingegen schon!


Das Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in München e.V.

wird telefonisch betreut von Vorstandsmitglied Dorothee Piermont. Unter Tel. (089) 33 03 78 04 beantwortet sie gerne Frage zu Punkten, die möglicherweise aus der, weil brandneuen, Homepage http://www.buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de noch nicht hervorgehen.

Natürlich können Anliegen auch via Email übermittelt werden: info@buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de


Wir bitten um Ihre Mithilfe, vor allem um Ihre Unterschrift
Wenn Sie uns weiter unterstützen und spenden wollen, bitte auf das Konto:

IBAN: DE95 7015 0000 1005 3156 74

Wir sind gemeinnützig und stellen Spendenbescheinigungen aus. (O-Ton der Homepage)


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

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Abschied von Abi Ofarim, Weltstar und Wahlmünchner, mit einer Reminiszenz von Toni Netzle aus ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“

Wie verwoben Abi Ofarim mit München und auch mit der Münchner Künstlerszene zeitlebens war, zeigten die Reaktionen der vielen MusikerInnen, Kunst- und Kulturschaffenden in den Social Medias, unmittelbar nachdem sich die Meldung seines Todes am gestrigen Freitag in Windeseile verbreitete: R.I.P.’s mit unterschiedlichsten Bild- und Textbotschaften der Anteilnahme. Als Medienkünstlerin mit nur indirektem Kontakt zur Musikbranche und zudem wenig Affinität zu Roten Teppichen, habe ich Abi nur selten gesehen, seit ich ihn vor 23 Jahren in einer griechischen Taverne in der Münchner Leopoldstraße kennen lernte. Damals war Abi der erste internationale Star, dem ich auf Tuchfühlung gegenüberstand, aber er gab sich so locker und zugewandt, dass mir für Schüchternheit gar keine Zeit blieb, zumal unsere Kinder dabei waren: Tal, Abis jüngerer Sohn, war fast noch ein Kind, während sich Gil und meine gleichaltrige Tochter Marika an der Schwelle zur Pubertät befanden und daher auf Anhieb gut miteinander klar kamen. „Gaby hat die selben Augen wie Esther“, bemerkte Abi irgendwann Gil gegenüber. Der nickte, und ich fühlte mich mehr als geschmeichelt über den Vergleich mit der so aparten Sängerin. Doch diesmal trat Abi nicht mit ihr, sondern mit seinen beiden Söhnen, aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Sandra, im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf.

Für sein Alter besaß Gil Ofarim bereits damals eine besondere Ausstrahlung und starke Bühnenpräsenz – außergewöhnlich für einen so jungen Menschen! Gils spätere Erfolge überraschen mich daher nicht. An jenem Abend stach mir zudem die ungewöhnlich starke Bindung zwischen Vater und Söhnen ins Auge. „Sein größter Stolz: seine Söhne Gil und Tal“, schreibt auch Kimberly Hoppe, am 04.05.2018, in ihrem Nachruf auf Abendzeitung.de, „die Musik im Blut haben und ihn damit stolz machen.“ Grund für mein Treffen mit den Ofarims war der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau im kommenden Jahr, zu dem ich eine Veranstaltungsreihe plante. Mit Abi besprach ich eine mögliche Zusammenarbeit, zu der es leider nie kam, sehr wohl aber zu einigen weiteren Treffen in jener Zeit. Dabei gab mir Abi einen Rat auf den Weg, in Bezug auf meine Unfähigkeit, aus meinen vielfachen Engagements auch Gewinne zu erzielen: „Gaby, wenn Du geben willst, musst Du lernen, auch zu nehmen.“  Dieser Satz begleitet mich …

Toni Netzle und Abi Ofarim Anfang der 1990er Jahre; Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Reihe „Nicht immer Simpl- Toni Netzle

Jahre später lernte ich Toni Netzle kennen, die ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl und erfuhr, dass sie in den 60er Jahren die erste war, die das damals weltberühmte Duo Esther & Abi Ofarim nach Deutschland, München und in ihren Alten Simpl holte. Sie erzählt davon in einem Kapitel ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“, das ich später für eine Folge der multimedialen Lesereihe  „Nicht immer Simpl – Toni Netzle adaptiert und bebildert habe. In Erinnerung an Abi Ofarim finden sich nachfolgend die Skript-Passage und einige meiner Bildcollagen aus der Produktion, als Hommage, zum Abschied von einem Großen des internationalen Musikgeschäfts, der zugleich einer von uns Münchner Künstlerinnen und Künstlern war – und darüber hinaus eine ausgesprochene Kämpfernatur durch alle Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens hindurch.

Intro: Abi und Esther Ofarim waren in den 60er Jahren das wohl erfolgreichste Popduo der Welt. Nur in Deutschland hatten sie noch nie gastiert. Beide waren „Sabre“, das heißt in Israel geborene Juden und sicher nicht besonders erpicht darauf, jenes Land zu besuchen, das für den Holocaust verantwortlich gewesen war. Abgesehen davon, spielten sie bereits in der internationalen Top-Liga, als sich Toni Netzle in den Kopf setzte, das Paar nicht nur nach Deutschland sondern gleich auch noch auf die kleine Bühne ihres Simpls zu holen.

Toni: Ich rief meine Freunde Renate und Imo Moszkowicz an, von denen ich wusste, dass zumindest Esther so etwas wie ein »Ziehkind« von ihnen war. Imo hatte in Israel einen Film mit Esther gedreht. Renate gab mir eine Telefonnummer in Genf, wo die Ofarims damals wohnten. Ich könne einen schönen Gruß ausrichten, ansonsten werde sie sich aber heraushalten.

In Genf bekam ich die Telefonnummer eines Londoner Plattenstudios. Dort rief ich einfach an. Nach wenigen Minuten hatte ich Abi am Telefon. In meinem entsetzlichen Englisch versuchte ich ihm zu erklären, was ich wollte, und er meinte, wenn die Gage und der Termin stimmten, würden sie kommen! Ich war baff und vor Schreck wäre mir beinahe der Hörer aus der Hand gefallen. Der Termin war schnell festgelegt, doch dann hörte ich mein Todesurteil: die Gage! Sicher war sie für heutige Verhältnisse geradezu lächerlich, aber man muss bedenken, dass es Mitte der 60er Jahre war und der SIMPL eine kleine Kneipe.

Es ging um 5.000 Mark Gage, zwei Flugtickets 1.Klasse London – München – London und eine Suite im Bayerischen Hof. Den Namen des Hotels kannten sie, davon hatte ihnen jemand vorgeschwärmt. Jetzt stellte ich die alles entscheidende Frage an Abi: »Was tut ihr dafür?«

Und Abi antwortete: »Wir stehen 24 Stunden zu deiner Verfügung!« Ohne auch nur die kleinste Rückversicherung zu haben, sagte ich fest zu. Woher ich die viele Kohle nehmen sollte, stand in den Sternen.

»Kann ich mich auf Sie verlassen? Wollen Sie einen Vertrag?«

»Wenn du wirklich eine Freundin von Renate und Imo bist, geht alles ok. Ich werde mich erkundigen. Wir sind noch drei Tage unter dieser Telefonnummer zu erreichen.«

Mein Plan war, diese Stars an eine Vorstellung der Stadt München zu verkaufen, die an diesem Abend ein gemischtes Programm präsentieren wollte. Ich war mir ganz sicher, dass mir Herr Huber, der Veranstalter, um den Hals fallen würde. Ich betrat sein Büro und sagte: »Herr Huber, ich habe die Ofarims!«

»Wen?«

»Esther und Abi Ofarim!«

»Wer ist das?«

»Das beste Gesangduo der Welt!«

»Leben die in München?«   

»Nein, in Israel.«

»Und warum wollen die bei uns singen?«

»Ich will, dass sie hier singen, weil die einfach wahnsinnig gut sind!«

»Wo singen die?«

»Auf Platten!«

»Kenne ich nicht. Habe auch noch nie ein Wort über sie gehört. Was soll mit denen sein?«

»Ich will, dass Sie sie in Ihr Programm nehmen.«

»Ich? Warum?«

»Weil Sie damit einen sensationellen Erfolg haben werden!«

»Ich will niemand, den ich nicht kenne. Außerdem würden die sicher Geld kosten und ich habe keines!«

Alle meine Träume waren dahin. Ich wollte gleich in London anrufen und den Termin absagen. Allein brachte ich das Geld nicht auf. Da stürzte aus einem angrenzenden Zimmer eine junge Frau und schrie: »Was, die Ofarims kommen! Waaahnsinn!«

»Na, die brauch ma net«, war Hubers Antwort.

Was jetzt losging, war nicht zu beschreiben. Die junge Mitarbeiterin brüllte so laut, dass aus allen Zimmern Leute zusammen liefen. Die Stadt bekomme die Ofarims angeboten und dieser Trottel lehne sie ab, das war der Tenor von allen. Um es kurz zu machen: die junge Dame scherte sich nicht um ihren Chef, gab mir schriftlich, dass sie bereit sei für einen Auftritt 1.500 DM zu bezahlen. Auch den Termin machten wir fest.

Gewonnen. Einen kleinen Teil des Geldes hatte ich also schon. Auf zum nächsten Termin.

Korridor im Bayerischen Rundfunk; hier handelt Toni Netzle den fehlenden Teil der Gage für die Ofarmis aus

Zu meinem über alles geliebten Dr. Rolf Didczhuhn, genannt Pieto, Hauptabteilungsleiter Unterhaltung beim Bayerischen Rundfunk. Bekannt als Helfer und Retter in der Not.

»Hallo, Pieto.«

»Grüß dich, Toni, was kann ich für dich tun?«, sagte er in seinem wunderbaren breiten baltischen Tonfall.

»Ich bringe dir die Ofarims zu Aufnahmen in dein Studio.«

»Danke, das ist lieb von dir, aber ich brauche sie nicht. Wir haben alles, was es von ihnen gibt.«

Er merkte, wie ich auf meinem Sessel einknickte. »Komm, erzähl mir bitte deine Geschichte. Was ist mit den Ofarims?«

Wahrheitsgetreu erzählte ich die ganze Story: Dass ich die zwei unbedingt bei mir im SIMPL auftreten lassen wolle, es aber finanziell nicht alleine verkrafte.

»Ja«, sagte Pieto nach einer Weile, »du hast recht, wenn die sowieso schon in München sind, ist es für uns doch auch viel billiger, sie zu engagieren – so ohne Spesen. Im Übrigen ist mir eingefallen, dass wir ganz dringend drei oder vier israelische Volklieder brauchen, die uns fehlen. Gut, ich halte das Studio am Vormittag frei. Gage 3.000 DM. Ich danke dir, dass du uns die Ofarims vermittelt hast.«

Ich war gerettet. Ein ganz großes Dankeschön an Pieto! Auch wenn es schon so ungeheuer lange her ist!

Mit Abi sprach ich den ganzen Ablauf telefonisch durch. Ich hatte nichts als sein Wort am Telefon und dennoch hatte ich komischer Weise überhaupt keine Angst, dass irgendetwas schief gehen könnte. Abi bot sogar noch an, die Flugtickets in London zu kaufen, weil sie dort erheblich billiger seien als in Deutschland. Ich sollte ihm dann in München das Geld geben. Ich war richtig begeistert über soviel Entgegenkommen.

Am 5. September 1964 holte ich die beiden um die Mittagszeit am Flughafen ab. Ich kannte sie von Fotos, sie mich nicht. Als ich sie von weitem sah, erschrak ich für einen kurzen Moment – ich kannte sie ja nur durchgestylt von Kopf bis Fuß. Was da auf mich zukam, war ein hinreißendes Hippie-Pärchen.

Er unrasiert, strähnige, lange Haare, in irgendwelchen undefinierbaren Klamotten und Jesuslatschen, Esther im bodenlangen Schlabberlook, barfuß, die Schuhe in der Hand. Die Begrüßung durch Abi war außergewöhnlich herzlich, Esther war äußerst schüchtern und offensichtlich todmüde. Wir fuhren zum Bayerischen Hof.

Dort bat ich sie um ihre Pässe, um ihnen das lästige Einchecken abzunehmen. Hocherhobenen Hauptes ging ich zur Rezeption. Ich brachte ja nicht irgendjemand, sondern zwei Topstars. Aus dem Augenwinkel hatte ich schon beobachtet, wie die anderen Gäste die beiden begutachteten. Esther hatte eben kein Chanel-Kostümchen an, wie die meisten der mittlerweile ganz schön blöd dreinschauenden Damen. Außerdem hatten die beiden wenig Gepäck, dafür aber zwei Gitarrenkoffer. Zu dieser Zeit war es überhaupt noch nicht normal, dass Popstars in First Class Hotels absteigen. Heute würde kein Mensch mehr auch nur einen Blick vergeuden.

An der Rezeption sagte ich stolz:

»Ich habe für Herrn und Frau Ofarim eine Suite reserviert.«

»Ja. Sind die Herrschaften denn schon da?«

»Ja natürlich, da stehen sie. Hier sind die ihre Pässe.«

Ein kurzer Blick in die israelischen Pässe.

»Leider, Frau Netzle, sind das die falschen Pässe. Haben Sie noch jemand dabei?«

»Nein. Aber wieso falsche Pässe? Da stehen die Ofarims – und hier sind ihre Pässe.«

Der Rezeptionist, sehr streng: »Für gewöhnlich stimmen Reservierung und Pass überein. Ich kann Ihnen die Suite leider nicht geben. Ich bin verpflichtet, auf Herrn und Frau Ofarim zu warten.«

»Aber Sie sehen doch, da stehen sie! Das sind die Ofarims.«

»Tut mir sehr leid, dann haben sie falsche Pässe. Ich muss das melden. Einen Moment bitte.«

Abi musste gespürt haben, dass etwas nicht stimmte und klärte das Pass-Missverständnis sofort auf. Im Grunde genommen war es meine Schuld – ich hätte wissen müssen, dass »Ofarim« ein Künstlername ist und in ihren Pässen, wenn ich mich richtig erinnere, „Reichstatt“ steht. Ich wollte die beiden noch zum Essen einladen, aber Esther wollte ins Bett, Abi eigentlich auch, aber vorher erledigten wir noch den finanziellen Teil, sie wollten später noch ein bisschen einkaufen gehen.

»Alles ok. Ich hole Euch um 20 Uhr ab. Bitte seid pünktlich!«

Wie aus dem Ei gepellt erschienen Esther und Abi am Abend zu ihrem ersten Auftritt im Theater an der Leopoldstraße, dem offiziellen Auftakt zur »Schwabinger Woche«. Abi war erstaunt über die Zusammenstellung des Programms, eine Mischung aus literarischem Kabarett und Musiknummern. Er kannte so etwas nicht. Endlich waren die beiden an der Reihe. Der »Ansager«, wie das damals noch hieß, hatte wohl wenig Ahnung, wer dieses Popduo sei und präsentierte sie nicht als etwas Besonderes. Als er dann die Namen sagte, brach ein rauschender Applaus los, der kaum enden wollte, auch als Esther und Abi schon lange auf der Bühne standen. Der »Ansager« konnte das gar nicht fassen und erkundigte sich bei jedem hinter der Bühne, wer denn das wirklich sei. Aber schließlich war auch er fasziniert.

In der Wartezeit vorher war ich schnell in meinem Laden gefahren, um zu sehen, ob überhaupt Gäste sich für »meine« Ofarims interessierten. Schon kurz nach neun Uhr Abends war der SIMPL gesteckt voll. Noch mehr Leute waren gar nicht mehr unterzubringen. Glücklich fuhr ich wieder in das Theater zurück, und erlebte den sensationellen Erfolg der beiden mit, packte sie dann in mein Auto, was sich aber als schwierig und langwierig erwies, da sie schon von Autogrammjägern umringt waren.

Im SIMPL ging ich mit Esther und Abi durch den Kücheneingang direkt in mein kleines Büro, das ich als Garderobe hergerichtet hatte. Esther setzte sich auf meinen Stuhl, den sie für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr verlassen sollte. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.  Abi und ich gingen einen Blick in die Kneipe werfen. Es waren mindestens nochmal so viele Gäste da, wie bei meinem ersten Besuch vorhin. Die Freunde saßen auf- und übereinander. Mein erster Gedanke war nur: »Hoffentlich passiert nichts!« Ich hatte eine solche Freude, dass ich mit meiner Idee, die Ofarims in den SIMPL zu holen, richtig lag, dass ich das kleine Drama, das sich in meinem Büro abspielte, zuerst gar nicht mitbekam.

Esther weigert sich, im Simpl aufzutreten!

Esther weigerte sich, nochmal aufzutreten. Sie habe ihre Arbeit für heute schon erledigt. Nun sei Schluss, sie gehe jetzt zu Bett. Ich war außer mir und musste feststellten, dass Abi ihr von unserem Deal nichts gesagt hatte. Ich versuchte mit allen Mitteln Esther zu überreden. Wollte sie mit Champagner in bessere Laune bringen, brachte ihr etwas zu essen – alles umsonst. Ich versuchte ihr ganz lieb zu erklären, wie lange die Menschen da draußen schon auf sie warteten, dass sie nur ihretwegen gekommen seien. Esther glaubte mir kein Wort: »Die Leute kennen uns doch gar nicht, die wissen überhaupt nicht wer wir sind. Die haben keine Ahnung, was für Lieder wir singen!« Wieder kam das sehr bestimmte NEIN.

Meine letzte Rettung schienen Renate und Imo Moszkowicz. Mit vielen Mühen holte ich die Beiden aus dem total überfüllen Gastraum in mein Büro. Auch ihnen gelang es nicht Esther umzustimmen. Für mich bahnte sich eine Katastrophe an. Sollte ich jetzt in der Tat gezwungen sein, auf die Bühne zu gehen, um dem Publikum zu sagen, dass Esther Ofarim sich weigert aufzutreten? Man hätte mich gesteinigt. Die meisten saßen schon seit 20 Uhr da und wollten endlich ihre Lieblinge sehen. Esther redete sich immer darauf hinaus, dass sie von einem zweiten Auftritt nichts gewusst habe, Abi habe ihr, wohl wissend, dass sie sich nie darauf eingelassen hätte, das verschwiegen. Ich solle ihr doch den Vertrag zeigen, wenn ich es schriftlich habe, werde sie auftreten. Aber einen Vertrag gab es ja nicht. »Um so besser. Dann gehe ich jetzt. Kann ich bitte ein Taxi haben?«, bat sie sehr bestimmt, aber höflich. Unsere ganzen Gespräche spielten sich natürlich in Englisch ab – ich verstand aber sowieso immer nur die Hälfte!

Auf einmal legte Abi in seiner Muttersprache los. Esther sah ihn mit großen Augen und ganz verschüchtert an, und ich ging aus meinem winzigen Büro. Das war ein richtiger Ehekrach, da wollte ich nicht dabei sein. Kurze Zeit später rumste es ungeheuer. Als ich wieder ins Büro kam, saß Esther wie ein kleines Kind unter dem Gardeobenständer. Abi erklärte mir, dass der Stuhl mit Esther plötzlich umgefallen sei. Aber jetzt meinte sie auf einmal, sie ginge auf die Bühne, sänge ein einziges Lied, und würde danach sofort ins Hotel fahren.

Hurra – wir hatten gewonnen!

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich mit wenigen Worten, schweißgebadet und total erschöpft »Esther und Abi Ofarim zum ersten mal in der Bundesrepublik und natürlich im SIMPL« ankündigte. Ein Sturm der Begeisterung brach los. Schon bevor sie auch nur einen Ton gesungen hatten, kamen die Titelwünsche aus dem Publikum. Esther muss gespürt haben, dass ihre Einschätzung unseres Publikums völlig falsch war. Sie ging nach dem ersten Lied nicht von der kleinen Bühne! Fast zwei Stunden lang war ihr Konzert – immer wieder wunderten sie sich, dass die Zuschauer eigentlich alles kannten, was bis dahin veröffentlicht war.

Toni hat gewonnen! Triumphaler Auftritt der Ofarims im Alten Simpl

Sie waren so mitreißend gut, so voller Freude, auch Esther wurde auf einmal richtig witzig. Das Publikum spornte die beiden mit seiner Begeisterung zu immer neuen Höchstleistungen an. Fast möchte ich sagen, dass ich sie nie mehr so gut erlebt habe. Vielleicht ist das aber auch zu subjektiv!

Mir ist es gelungen einen Traum, meinen Traum, in Erfüllung gehen zu lassen! Zum Schluss wussten die beiden schon gar nicht mehr, was sie singen sollten, sie wiederholten einige Nummern, und die Leute tobten.

Der SIMPL glich einem Hexenkessel. Nach Beendigung ihres Konzertes fuhr Esther auch nicht gleich weg.

Nach dem Konzert im Simpl mit Wirtin Toni Netzle, links und dem Ehepaar Moszkowicz

Noch lange saß sie mit ihren alten und neuen Freunden zusammen – ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass wir morgens um 10 Uhr im Bayerischen Rundfunk noch eine Verabredung hätten – Abi nahm sie liebevoll in den Arm und brachte sie weg. (…)

Toni Netzle heute als Zeitzeugin, Foto um 2016

Nachtrag 1: Unsere Verabschiedung wurde fast dramatisch, wir hatten uns lieb gewonnen und wollten uns nicht trennen! Wir haben uns nie mehr aus den Augen verloren.

Nachtrag 2: Leider hat sich Esther recht schnell aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Einige Male habe ich sie aber doch noch bei einem Konzert oder einer Fernsehsendung gesehen. Nach wie vor singt sie so, dass mir das Herz aufgeht!


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Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

Der Journalist und PR-Fachmann Terry Swartzberg hatte sich des Themas „Antisemitismus“ schon vor einigen Jahren angenommen: „Selbstversuch – Mit Kippa durch München„, titelte die SZ 2015, in einem Beitrag von Jakob Wetzel. Das Experiment sollte ein Jahr dauern, doch er trägt seine Kippa bis heute, besser gesagt, eine seiner über 80 Kippas, die er mir bei sich zu Hause vor einiger Zeit zeigte: Kippas von einer Vielfalt an Motiven, Farben und Materialien, wie ich sie nie vermutet hätte.

Terry Swartzberg, 2017

Inzwischen könnte ich mir Terry ohne eine Kippa schon gar nicht mehr vorstellen. Das Exemplar von Stunde Null seines Versuches befindet sich inzwischen im Haus der  Geschichte in Bonn.

Terry Swartzberg gehört der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München an und engagiert sich, neben seinen beruflichen Kampagnen, für das Gedenken an die Opfer des Holocaust. namentlich als Vorsitzender des Vereins Stolpersteine München. Seit 2017 ist er auch ein geschätztes  Vereinsmitglied  unserer Kulturplattform  jourfixe-muenchen.

Terry in seiner Küche mit der ehemaligen Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle, als Gastgeber bei einem Treffen der jourfixe-Mitglieder, Februar 2018

Nun hat Terry Swartzberg einen Offenen Brief an „alle Jüdinnen und Juden“ in Deutschland verfasst, der mich beeindruckt und in seiner Leidenschaftlichkeit auch bewegt hat, denn er differenziert in meinen Augen die aktuellen Ereignisse, Debatten und Reaktionen zum Antisemitismus in unserem Land, OHNE sie jedoch zu verharmlosen:

Terry Swartzberg

Liebe Mispacha!

Seit 1. Dezember 2012 – seit 1970 Tagen – trage ich eine Kippa in Deutschland.

Wahr ist, dass ich damit keine einzige negative Erfahrung damit gemacht habe. Ganz im Gegenteil: Egal, wo ich hingehe, sei es München, Zwickau oder Berlin-Neukölln, erlebe ich Zuspruch – wenn überhaupt etwas. Den meisten Menschen ist ein Jude mit Kippa überhaupt nicht bemerkenswert.

Und das ist gut so.

Wahr ist, dass neulich ein Mensch mit Kippa schändlichst in Berlin angegriffen wurde. Zur Tatzeit war ich Luftlinie 500 Meter von diesem bedauernswürdigen Mensch entfernt.

Als Jude, der in einem antisemitischen Land – den USA der 50. Jahre – aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener und bitterer Erfahrung, wie schrecklich sich Antisemitismus anfühlt – und welche seelischen Schmerzen er verursacht. Ich leide mit dem Opfer. Als Junge musste ich mich in Oshkosh, Wisconsin, oft mehrere Male am Tag mit Antisemiten prügeln. Wir Juden in Deutschland dürfen und werden keinen einzigen Übergriff tolerieren.

Wahr ist, dass es nicht der einzige Übergriff auf Juden war. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 32 antisemitische Übergriffe – bei schätzungsweise 300.000 hier lebenden Jüdinnen und Juden.

Wahr ist, dass 99.9% aller Jüdinnen und Juden in Deutschland nie in ihren Leben irgend eine Form von Anfeindung erleben.

Wahr ist auch, dass 16% der Deutschen virulent Antisemiten sind. Diese Zahl ist nicht zu relativieren. Es ist mir unverständlich, dass ein Sechstel der Bevölkerung mich hasst. Wahr ist aber auch, dass dieser erschreckende Prozentsatz der niedrigste auf der Welt ist.

Ebenfalls wahr ist, dass sich in Deutschland, seit Ende des 2. Weltkriegs, ein vielfältiges, schnell wachsendes und freudiges Judentum etabliert hat – bestehend aus mehr als 160 Gemeinden und aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Sozial-, Kultur, Freizeit bzw. Theologie-Einrichtungen und -Organisationen. Jüdische Jugendtreffen, Sommercamps, Wandervereine – die Liste ist lang.

Auch wahr ist, dass nirgends auf der Welt das jüdische Kultur so zelebriert wird wie in Deutschland. Man kann in Deutschland fast jeden Tag jüdische Kultur-, Film- oder Literaturtage besuchen. Darin spiegelt sich das große Interesse an der jüdischen Religion. Die Besuchergottesdienste in „meiner“ Gemeinde Beth Shalom München sind oft ausgebucht.

Auch wahr ist, dass es nirgendwo auf der Welt so viele Gruppen gibt, die sehr erfolgreich Brücken – durch Dialoge – zwischen den Religionen bauen.

Terry Swartzberg bei einer Verlegung von Stolpersteinen in München 2016, s. a. > jourfixe-Blogbeitrag

Auch wahr ist, dass kein anderes Land auf der Welt so eine vitale und sich schnell entwickelnde Erinnerungskultur wie Deutschland hat. Und dadurch ist Deutschland – die Brutstätte des Holocaust – das Land mit einer einmaligen Präsenz an jüdischer Geschichte geworden. Kern dieser Kultur und dieser Präsenz sind die Stolpersteine, von denen es mehr als 60.000 in 1.250 Städten und Gemeinden gibt. Durch die Stolpersteine sind „deutsche Städte zu begehbaren und dauerhaften Atlanten vom jüdischen Leben und Leid geworden“ sagt Professor Galit Noga-Banai von der Hebrew University in Jerusalem.

Auch wahr ist, dass diese wichtigen und zentralen Leistungen der vorbildlichen deutschen Zivilgesellschaft jetzt verteidigt werden müssen – gegen einen aufkommenden Rechtspopulismus, der sich oft antisemitisch äußert und der auch deswegen gegen die Stolpersteine poltert.

Auch wahr ist, dass viele der Politiker, die sich so vehement gegen Antisemitismus äußern, eigene Gründe für ihre Solidarität mit uns Juden haben – Gründe, die häufig mit Wahlen zu tun haben.

Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen einer anti-muslimischen Hysterie instrumentalisieren, die in Statements wie diesen zum Ausdruck kommt: „Wir müssen unsere Juden gegen den rabiaten islamischen Antisemitismus schützen“.

Und die Wahrheit ist: All das, was wir Juden in der deutschen Zivilgesellschaft darstellen und erreicht haben, lässt sich nicht verteidigen – und der Kampf gegen aufkeimende Bedrohungen lässt sich nicht gewinnen – indem wir uns verstecken und wieder die Opferrolle annehmen.

Wenn wir tatsächlich so bedroht sind, wie von Herrn Dr. Schuster des Zentralrats der Juden – den ich sehr verehre – avisiert, dann ist die Zeit wirklich gekommen, in der wir 300.000 Jüdinnen und Juden Kippot, Davidsterne und alle anderen Symbole unserer uralten und schönen Religion anziehen und auf die Straße gehen müssen!

Wir müssen jetzt tagtäglich die Konfrontation mit den Antisemiten suchen.

Ich bin bereit dazu.

Ich bin Jude, und ich lehne es ab, in einem Land zu leben, in dem ich eine zentrale Komponente meiner Identität – meine religiöse Zugehörigkeit – verstecken muss, um sicher durch den Tag zu kommen.

Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa.

Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018

Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.

Falls Ihr keine Kippot habt: Ich habe über 80 in meiner Sammlung – manche wild, manche pietätvoll, alle schön. Sie stehen Euch zu Verfügung.

Kadima! Kadima! [hebräisch für „vorwärts“]

Euer

Terry Swartzberg


Terry Swartzberg auf Wikipedia     –     Mehr zur KIPPA

Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München


Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, 25.4.2018

Zur Homepage von  www.stolpersteine.eu   –

Zur Homepage von  www.stolpersteine-muenchen.de


Weitere jourfixe-Blogbeiträge in Zusammenhang mit Terry Swartzberg:

Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von
Rosa Mittereder und Tochter Erna Wihelmine
mit einer Klartext–Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst 
Hintergründe und Details zur Kunstperformance des
„Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“
Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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Allgemein, Gstanzl

„Porajmos“: „das Verschlingen“ Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943, eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19. März 2018

Das Romanes-Wort Porajmos [poraɪmos] (auch Porrajmos, deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Er bildet einen Höhepunkt der langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt sie innerhalb einer großen Spannbreite, ist jedoch sechsstellig. Wie der Völkermord an den Juden (Shoa) steht Porajmos für den Versuch der kollektiven Vernichtung. Jeder, der von den nationalsozialistischen  Erfassungsinstanzen – im Altreich ein Verbund aus pseudowissenschaftlichen und kriminalpolizeilichen Gutachtern, außerhalb oft spontan entscheidende Akteure der Verfolgung – dem „Zigeunertum“ zugeordnet wurde, war grundsätzlich von Vernichtung bedroht. Dem lag die rassistische Deutung der Angehörigen der Minderheit als „fremdrassige“ „geborene Asoziale“ zugrunde. „Zigeuner“ wurden zu Objekten eines „doppelten“, des ethnischen wie des sozialen Rassismus. (Quelle: Wikipedia )

Familie Höllenreiner 1942; Viele Angehörige der großen Familie wurden am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten .© Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Dass somit auch Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist bis heute in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich präsent. Oft nur vage entsinnt man sich, von medizinischen Experimenten an „Zigeunerkindern“ gehört zu haben, wie zuletzt im TV-Beitrag „Die unheilvolle Narbe“ von Constanze Hegetusch oder von „Zigeunerlagern“. Über die tatsächliche Dimension des  Porajmos jedoch ist noch immer wenig bekannt. Ebenso wurde die fortwährende Ausgrenzung der Sinti & Roma in der Bundesrepublik lange nicht wirklich thematisiert. Auch der Kampf Betroffener um Wiedergutmachung zog sich über Jahrzehnte hin; viele Opfer, körperlich wie seelisch durch den Porajmos gezeichnet, gaben vorzeitig auf. Erstmals 1980 sensibilisierte ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema.

Beendigung des Hungerstreiks in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, 1980: Uta Horstmann, Anton Franz, Dronja Peter, Hans Braun, Romani Rose, Jakob Bamberger, Fritz Greußing, Franz Wirbel (v.l.n.r.) (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Bis heute Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti & Roma in Deutschland, engagiert Romani Rose sich weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft für die Gleichstellung dieser Minderheit in unserer Gesellschaft und für die bewusste Erweiterung des Begriffes „Holocaust“ AUCH auf seine Ethnie, im Sinne einer verbesserten Wahrnehmung des „Porjamos“ in unserer Mehrheitsgesellschaft. Leider erlebe auch ich immer wieder – und habe wiederholt darüber geschrieben – dass in offiziellen Reden oft ausschließlich der „Antisemismus“ zur Sprache kommt, „Antiziganismus“ oder  „Rassismus“ jedoch unerwähnt bleiben.

Engagierte Aktivisten: Romani Rose rechts, mit Alexander Diepold/Madhouse, Bildmitte, 2016, im NS-Dokumentationszentrum München, links Drehbuchautor Peter Probst; Foto: Oliver Stey

Doch jetzt stellt die Landeshauptstadt München, gemeinsam mit dem Stadtarchiv München, die Geschichte und aktuelle Lebenssituation der Sinti und Roma in München in den Mittelpunkt einer umfassenden Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018: Dies geschieht in Kooperation mit der Familienberatungs- und Begegnungsstätte Madhouse, die seit über 30 Jahren von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold geleitet wird. Auszug aus dem Programm-Flyer:

Cover des Programm-Flyers

Am 13. März 2018 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Münchner Polizei 130 Sinti und Roma aus München und Umgebung in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportieren ließ. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ hatte Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 den Auftakt für die reichsweiten Deportationen der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz gegeben, auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet. Schon am 8. März 1943 begannen in München die Verhaftungen ganzer Familien. Bis heute ist die Zahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. (…)

Die Landeshauptstadt München ehrt die Opfer dieses Völkermords in einer Gedenkveranstaltung am 13. März 2018 im Rathaus.

Sandro Roy, Foto: Ch. Hartmann

Den musikalischen Teil dieses Festakts für geladene Gäste bestreitet der virtuose Sandro Roy, einer der schillernsten  Namen der jungen Generation von Klassik- und Jazzgeigern, mit seinem Trio.

Zuvor werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der deportierten Münchner Sinti und Roma verlesen.

Die Veranstaltungsreihe umfasst Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER

Adrian Gaspar – Quelle

Musik und deren Interpreten – wie könnte es anders sein 😉 – wird bei der gesamten Veranstaltungsreihe eine Rolle spielen. Neben Geiger Sandro Roy ist u.a. das Lancy Falta Syndicate vertreten. Einen interaktiven Antiziganismus-Workshop gestaltet der Pädagoge und Musiker Adrian Gaspar, mit dem Ziel, Vorurteile gegenüber Sinti und Roma abzubauen.

Schon im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe eine erfreuliche Nachricht:

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern; Quelle

Bayern hat am 20. Februar 2018 einen Staatsvertrag mit dem Landesverband der Sinti und Roma unterschrieben, der deren Rechte schützen und Wiedergutmachung sein soll …  >>>  BR-Mediathek


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„Todeszug in die Freiheit“ – MO, 29.1.2018, 23.55 Uhr, ARD, Impressionen der Vorschau im Jüdischen Museum München

„Wir wussten nicht, in welcher Sprache … zu welchem Gott sie in Ihrer Verzweiflung gebetet hatten … kannten nicht ihre Namen“, hieß es sinngemäß in einer Trauerrede, die 1945 für ermordete KZ-Häftlinge in einer kleinen Ortschaft bei Prag gehalten wurde. Die Toten waren Opfer der mörderischen Willkür einiger SS-Wachen geworden, die während eines Zugstopps wahllos auf Häftlinge geschossen hatten, als diese sich mit etwas Proviant versorgen wollten, das ihnen von der einheimischen Bevölkerung gespendet wurde. Nun, tragischerweise nur wenige Tage vor Kriegsende, trug man sie zu Grabe, doch wurden sie einzeln und respektvoll beigesetzt, anstatt, wie sonst bei KZ-Häftlingen üblich, in einem Massengrab verscharrt zu werden; ein Akt stiller Auflehnung dem NS-Regime gegenüber und  eine weitere, letzte Geste der Menschlichkeit, der viele, ganz unterschiedliche Hilfsmaßnahmen vorangegangen waren, mit denen die Bevölkerung entlang der Bahnstrecke Zeichen von Solidarität, Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesetzt hatte.

Waggon mit weiblichen Häftlingen auf dem Bahnhof Roztoky, heimliche Aufnahme von Vladimír Fyman, 30. April 1945. Mittelböhmisches Museum, Roztoky; Bildquelle: Gedenkstelle Flossenbürg

Mit dem Näherrücken der Allierten war begonnen worden, Häftlinge aus den Konzentrationslagern zu evakuieren; zu diesem Zweck wurden zahlreiche Züge eingesetzt. Was diesen „Todeszug“ von den anderen unterschied, war nicht nur seine Größe von !77 offenen Güterwagons voller Häftlinge, oder die Hilfs- und Sabotagemaßnahmen, mit denen die Bevölkerung seine Fahrt begleitete, sondern dass dieser Zug die meisten seiner Insassen in die Freiheit führte, die am Ende der Reise Partisanen für sie erkämpften! Durch glückliche Umstände sind zu den Ereignissen um diesen Zugtransport eine ganze Reihe filmischer und fotografischer Zeugnisse  in tschechischen Archiven erhalten geblieben. Sie bilden die Grundlage zum Dokumentarfilm „Todeszug in die Freiheit“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks:

„Jahrelang haben die beiden Filmer Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, die für den Film „Verbrechen Liebe„/Bayerischer Rundfunk, mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, diese Geschichte recherchiert. Es ist ihnen gelungen, zahlreiche Zeitzeugen zu finden, Menschen, die damals in den Waggons ihrem Schicksal entgegen fieberten, genauso aber auch viele tschechische Helfer, die damals dabei waren“, so das ERSTE auf der Homepage zum Dokumentarfilm Todeszug in die Freiheit

Aus dem Vorspann des Dokumentarfilms „Todeszug in die Freiheit“

Hilfe und Rettung erfolgten auf unterschiedlichste Weise. Einige Häftlinge, die ihren Waggon hatten verlassen dürfen, wurden von der Bevölkerung in den Wartesaal des kleinen Bahnhofs geschleust, dort heimlich neu eingekleidet und dann ins Freie geleitet. Manche versteckten sich in der örtlichen Typhus-Station, deren Betreten den SS- und Wehrmachtstruppen wegen der Ansteckungsgefahr untersagt war. Auch unter den Häftlingen fanden sich Typhus-Patienten, die selbstlos vor Ort versorgt wurden, was einer Helferin das Leben kostete … Mehr zu den damaligen Vorkommnissen berichtete im Anschluss an die Filmvorführung auch die Witwe eines der damaligen Ärzte  in Roztoky.

Zug mit KZ-Häftlingen, 1945, Quelle: Mittelböhnmisches Museum/ARD-Homepage

An der Produktion beteiligt und im Film auch als Kommentator präsent, ist Jörg Skribeleit, seit fast zwanzig Jahren Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dass er sich nicht allein als institutionalisierter Verwalter eines NS-Tatorts versteht, sondern sich mit Leidenschaft für dessen historische Aufarbeitung und Dokumentation einsetzt, wurde nicht nur anhand seiner Erläuterungen im Film selbst spürbar, sondern auch im anschließenden Gespräch mit Mocellin und Muggenthaler. Andrea Mocellin erinnerte, wie ihnen nach einer einstündigen Vorbesprechung zum Film mit Schaudern aufgefallen war, dass dabei zwanzig unterschiedliche Begriffe für „sterben“ gebraucht worden waren!

Nachbesprechung von „Todeszug in die Freiheit“ von Thomas Muggentaler (ganz links) und Andrea Mocellin (2. von re.), moderiert von Andreas Bönte/BR (Mitte); ganz rechts Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg; Jüdisches Museum München, 23.1.18

Einfühlsam moderiert wurde die Nachbesprechung von Andreas BönteFernsehjournalist und stellvertretender Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks sowie Leiter des Programmbereichs BR FernsehenARD-alpha und 3sat. Entsprechend kündigte er Reprisen im BR-Fernsehen an, ebenso einen ganzen Themenabend rund um den Film auf ARD-alpha. Der Zeitpunkt stehe allerdings noch nicht fest.

Erfreulich und wohlverdient empfand ich den Großen Bahnhof, mit dem das Publikum, darunter hochrangige Münchner Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, den Film aufnahm. Zusätzliche Würdigung erhielt dieser durch das Erscheinen von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kultusminister Ludwig Spaenle

Als hingegen nicht ganz befriedigend empfand ich die einleitende Rede von Dr. Ludwig Spaenle, bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (CSU). Leider sprach er einseitig den Antisemitismus und die „Shoah“ an, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas, obgleich im Film auch das Schicksal von Häftlingen eine Rolle spielt, die aus anderen, politischen Gründen zu Opfern wurden. Ebenso erschien mir überflüssig, da im Kontext unverständlich, Dr. Spaenles abschließende Versicherung seiner Verbundenheit mit dem Staat Israel, der hier in keiner Weise Thema war. Vielmehr ging es doch an diesem Abend um eine beeindruckende Dokumentation zu Leid und Zivilcourage am Ende des Dritten Reiches? Einmal mehr stellte sich mir die Frage nach dem Sinn von Reden aus den Reihen der Politik bei solchen Anlässen.

Der geschäftsführende Vorstand der Freien Bühne München, vertreten durch Gründerin Angelica (Mitte) und Marie-Elise Fell (rechts) im Jüdischen Museum

Zu verdanken hatte ich diesen Filmabend unserem jourfixe-Neumitglied Angelica Fell. Die gelernte Journalistin (BR, ZDF, Print) und Initiatorin der inklusiven Freien Bühne München (FMB e.V.), entpuppt sich immer wieder  als begnadete Netzwerkerin, die es nicht nur versteht, Menschen zusammenzuführen, sondern dazu auch stets einen anregenden Rahmen auftut, wie eben diese Filmvorschau im Jüdischen Museum, zu der sich zahlreiche Kolleginnen des ehemaligen ZDF-Kultmagazins „Mona Lisa“ zusammengefunden hatten –„lauter Monalisen“, wie Angelica sie scherzhaft nannte, zumal mit Andrea Mocellin eine weitere Ex-Kollegin sogar im Mittelpunkt der Veranstaltung stand! Allerdings lebt diese, wie sie mir beim anschließenden Empfang berichtete, inzwischen in Berlin und arbeitet für den rbb – Rundfunk Berlin Brandenburg.

Allererstes Treffen im Jüdischen Museum, nach monatelangen Telefonaten und Emails: Constanze Hegetusch, Autorin der TV-Doku „Die unheilvolle Narbe“, die am Vorabend im BR gelaufen war und Gaby dos Santos

Angelica verdanke ich auch die erste persönliche Begegnung mit Dokumentarfilmerin Constanze Hegetusch. Ihr Film Die unheilvolle Narbe, über das Schicksal der Sinteza und Holocaust-Überlebenden Rita Prigmore war am Vorabend, in der Reihe „Lebenslinien„, im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt worden, und ich hatte ihn  über meine Social-Media-Kanäle und die jourfixe-Seiten auf Facebook mitbeworben. Zwar hatte ich nicht damit gerechnet, die Dokumentarfilmerin, nach monatelangen Emails und Telefonaten ausgerechnet an diesem Abend endlich persönlich kennen zu lernen, aber ein erstes Treffen gerade in diesem, ebenfalls NS-Opfern gewidmeten Rahmen, fühlte sich für mich sehr stimmig an!

Beim Empfang im Jüdischen Museum nach der Filmvorführung: Von links: Angelica Fell, Thomas Muggenthaler, Andrea Mocellin und Gaby dos Santos, Hintergrund li.: Jörg Skribeleit

Ende Januar, rund um den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar, erfolgen regelmäßig Publikationen, TV- und Radio-Sendungen sowie Veranstaltungen zum Thema, natürlich auch im Jüdischen Museum München, dessen  Veranstaltungen, betreut von der Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin und Galeristin Anne Uhrland, ich sehr schätze. Unvergessen bleibt mir dabei der Gedenkabend am 27.1.2015, mit Holocaust–Zeitzeugin Helga Verleger, in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der mich zum jourfixe-Blogbeitrag „Naja …“ Holocaust-Zeitzeugin Helga Verleger im Jüdischen Museum inspirierte –

Allmählich versterben solche ZeitzeugInnen. Für umso wichtiger halte ich jede Art von Dokumentationsarbeit, die dazu beiträgt, die Erinnerung mahnend wach zu halten, wie dieser „Roadmovie der besonderen Art“, der uns Zuschauerinnen und Zuschauer moralisch in die Pflicht nimmt: Für mich persönlich lautet seine Botschaft, dass Menschlichkeit und Zivilcourage auch unter widrigen Umständen, in vielfältiger Form möglich sind, die Bereitschaft vorausgesetzt, sich sehenden Auges und mit Empathie der Not anderer zu stellen! Insofern halte ich diesen Film gerade aktuell für gesellschaftlich relevant und finde es schade, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Bildungsauftrag einem solchen Beitrag, wie überhaupt der Reihe „Geschichte im ERSTEN“, keinen prominenteren Sendeplatz einräumt, als montags am späten Abend!


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„Nicht die Bequemen verteidigen die Demokratie …“ Eindrücke zur Verleihung des Georg–Elser–Preises 2017 an Ernst Grube, Link zur Dankesrede, Videoclips, Fotos

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Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

2016_07_04_Helene_Simons_Portraitfoto_Sibylle_Schwarzbeck

Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter www.stolpersteine-muenchen.de  ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


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