Allgemein

Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

Jorma-Panula_Dirigent_2009

Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

mfm-Konferenz2016_PodiumsteilnehmerInnen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger 



Aktuell:

Jubiläumskonzert 30 Jahre musica femina münchen, 29. April 2018, 11:00 Uhr | Black Box im Gasteig:  Matinee mit 10 Werken von Mitgliedern des Vereins

Podcast auf KLASSIK AKTUELL, 25.04.2018: 30 Jahre mfm-musica femina münchen >>> „Wir möchten uns arbeitslos machen“

Seit der Gründung kümmert sich der Verein musica femina münchen um die Entdeckung und Bewahrung der Werke von Komponistinnen der Vergangenheit, aber auch um die Unterstützung und Präsentation zeitgenössischer Komponistinnen, Dirigentinnen und Musikerinnen. Am 29. April feiert der Verein sein 30-jähriges Jubiläum mit einem Konzert in München.


Einzelbeiträge zu mfm/Mitgliedern im > jourfixe-Blog

20 Männer + 1 Frau! – Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

Archiv Frau und Musik – vorgestellt von mfm-Vorstand Susanne Wosnitzka M.A., Musikwissenschaftlerin

Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018, via mfm-Vorstand, Chorleiterin und Dirigentin Mary Ellen Kitchens

Im Herztakt der Liebe – Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“

Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait–Reihe im loser Folge im > jourfixe-Blog

Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

Klangbegegnungen der Dritten Art – Konzert unter Mitwirkung von mfm-Mitglied Laura Konzietzky, mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München


 

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

 

 

Advertisements
Standard
Archiv_Frau_und_Musik_Susanne_Wosnitzka_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos_Titelbild
Allgemein

GastBlog „Archiv Frau und Musik“ vorgestellt von Susanne Wosnitzka

 

Archiv_Frau_und_Musik_Schauraum1_Susanne_Wosznitzka_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Einer der Schauräume des Archivs Frau und Musik. © Susanne Wosnitzka

Von außen ein unscheinbarer, heller Backsteinbau entpuppen sich die „hoffmanns höfe“ als erstaunlich lebendig. In diesem Konglomerat aus Tagungsräumen, einem Hotel und Bürozimmern – einer gemeinnützigen Gesellschaft für Bildung und berufliche Integration – befindet sich das Archiv Frau und Musik, das weltweit älteste, größte und bedeutendste Archiv zu Musik von Frauen aus aller Welt.

Stille. Hin und wieder knarzendes Parkett. Das knitzerige Geräusch umblätternder Seiten. Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fallen, in denen vereinzelt winzige Staubpartikel schillern, die langsam, langsam zu Boden driften. Ein gewisser Geruch in der Luft, der altem Papier zu eigen ist. Friedvolle Häuslichkeit. Räume, die Geschichte atmen. Eine ganz besondere, verkannte, unglaublich aufregende Geschichte.

Ein längerer Flur mit einem Regal für aktuelle Flyer und Musikzeitschriften führt in die Schau-, Arbeits- und Aufbewahrungsräume für mittlerweile knapp 23.000 Materialien aller Art: hinter mir unzählige Ordner voll „Grauer Literatur“ wie Flyer, Zeitungsausschnitte, Plakate, Konzertprogramme, Eintrittskarten etc. Schauvitrinen mit aufgeschlagenen Notenheften, historischen Fotografien von Komponistinnen, vereinzelt persönliche Gegenstände – ein großer Metallständer, in dem geschützt hinter Kunststoffhüllen riesige Plakate mit Konzertankündigungen im Design ihrer Zeit zu sehen sind, die das Auge wie magisch anziehen.

Susanne Wosnitzka_Archiv_Frau_und_Musik_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Nach einem ausgefeilten System geordnete Noten. © Susanne Wosnitzka

Mit Betreten des Hauptraums fallen einem zuerst die kunterbunten Ordner in großen, hohen Regalen an den Wänden auf, in denen sich nach einem ganz bestimmten, über Jahre ausgefeilten System Noten befinden: Teils Nachlässe, teils Schenkungen, teils Ankäufe, um ganze Sammlungen zu komplettieren. Man fühlt sich etwas beobachtet, denn zwischen diesen Ordnern findet man kleine Portraits von den Frauen an der Wand, die den Inhalt dieser Ordner erst möglich gemacht haben: Antlitze von Komponistinnen aus alter und heutiger Zeit, die oft ernst und auch fragend schauen: was möchtest Du über mich wissen, was darf ich Dir erzählen, bist Du bereit für mich? Ein großer hölzerner Tisch lädt wie eine Tafel zum Schmausen ein, am Sich-Laben-Können an all den wie verwunschen ruhenden Objekten. Rechts von mir schmiegt sich Buch an Buch in hohen Metallregalen: bislang teils unveröffentlichte Dissertationen, Magister- und Diplomarbeiten, Biografien und Autobiografien zu und von Komponistinnen, Sängerinnen, Instrumentalistinnen und Dirigentinnen, dazu zahlreiche weiterführende Bücher, die noch über diese Tellerränder hinausblicken lassen. Hunderte. Weiter vor mir – aufgereiht wie Perlen an einer Kette – aberhunderte CDs und Tonträger mit höchst verlockenden Inhalten – Werke aus Frauenhand, die bereits Eingang in die Musikproduktion gefunden haben. Ganz hinten ein penibel verschlossener Raum. Die „Schatzkammer“. Dazu später mehr.

Der Kopf.

„Es war einmal“ – damit beginnen viele Märchen. In vielen Märchen geschehen wundersame Dinge – im „Froschkönig“ reißen z.B. dem „eisernen Heinrich“ auf dem Kutschbock die metallenen Riemen, die ihn eingeengt hatten und ohne die er endlich befreit atmen, lachen und leben kann.

PlakatSammlung_AFM_Susanne_Wosznitka-_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Sammlung von Konzertplakaten. © Susanne Wosnitzka

Elke Mascha Blankenburg (1943-2013) war Musikerin und eine der ersten Dirigentinnen, die sich gefragt hatte, wo all die Musik geblieben ist, die von Frauen komponiert worden war. Sie erlebte ihre Ausbildung zur Dirigentin selbst nämlich so: „Dramatischer Höhepunkt war der Besuch eines Meisterkurses als einzige Frau unter 70 Männern. Sie tritt ans Pult, dirigiert die ersten Takte, da stürzt der Leiter des Kurses auf sie zu und zerrt sie vom Pult. Nach dieser Demütigung erklärt er ihr: ‚Wie können Sie es wagen, hier qualifizierten Männern den Platz wegzunehmen! Sie sind eine Null, sie gehören in die Küche!‘“1

Leopoldinge_Blahetka_Archiv_Frau_und_Musik_Susanne_Wosnitzka_Gastblog_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Josephine Blahetka, höchstbegabte Wiener Glasharmonikaspielerin und Komponistin (1809-1885), schaut uns hier an. © Susanne Wosnitzka. http://www.sophie-drinker-institut.de/cms/index.php/blahetka-leopoldine%5D

Im Zuge der Zweiten Frauenbewegung, die sich gegen Ende der 1960er Jahre aus – zu Recht – wütendem Ungerechtigkeitsempfinden heraus gebildet hatte, erhielten Frauen nach und nach zwar mehr Rechte, ihre Leistungen waren dennoch kaum honoriert und geachtet, die Leistungen von Frauen über Jahrhunderte hindurch verlacht und kleingehalten worden, ihre Kunst und Persönlichkeit kaum im Kulturbetrieb angekommen. Frauen wollten wissen, was ihre Geschichte war, wohin ihre Geschichte verschwunden ist und wer oder was dafür verantwortlich war. Wer danach fragte, bekam nämlich oft als Antwort: „Frauen haben keine Geschichte“ oder „Frauenmusik ist nicht relevant“.

Elke Mascha Blankenburg ließ nicht locker und hakte nach, denn sie hatte in gewisser Weise als Dirigentin auch die immer gleiche Musikwelt satt, die bis dahin aus Haydn, Mozart, Beethoven und einigen modernen Komponisten bestand. Sie wollte anderes haben und sah die Zeit dafür gekommen. In Köln begab sie sich in die Archive und fand binnen kurzer Zeit eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Werken von Frauen, fand aber kaum Biografien oder keine Literatur dazu, weil sich bislang noch niemand damit befasst hatte: „Ich platzte vor Spannung. Wie mochte diese Musik klingen? Wird sie so gut sein, wie die der männlichen Kollegen? Wie haben diese Frauen gelebt?“ Ihre Entdeckung gab den Anstoß, noch intensiver in diesem Bereich zu forschen – bis heute. Schnell formierte sich ein Verein dazu, der Internationale Arbeitskreis Frau und Musik. Innerhalb eines Jahres waren mit Hilfe der interessierten Mitglieder rund 300 weibliche Namen in diversen Musikbibliotheken gefunden. Ein Artikel von Elke Mascha Blankenburg, 1979 in der feministischen Zeitschrift emma erschienen, klärte über vergessene Komponistinnen auf, der den Funken hin zum Lauffeuer entfachte, das durch die BRD fegte. Sprunghaft erhöhte sich die Mitgliederzahl auf über 100. Das Archiv Frau und Musik war geboren.

jourfixe-Blog_Archiv_Frau_und Musik _Francesca_Caccini _Oper_Susanne Wosnitzka_jourfixe-muenchen_Gaby_dos_Santos

Faksimile-Nachdruck von Francesca Caccinis Oper © Susanne Wosnitzka

1980 wurde ein weiterer Paukenschlag gesetzt, der teils riesige Begeisterung freisetzte, teils aber auch großen Hass schürte: die Wiederaufführung der bis dahin vergessenen ersten Oper, die je von einer Frau geschrieben war, La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina (1625) aus der Hand Francesca Caccinis (1587-1640). Aufgeführt im Rahmen des 1. Internationalen Frauenmusikfestivals in Köln stand Elke Mascha Blankenburg vor einer wahren Wand an männlichen, empörten Kritikern. Allen Unkenrufen zum Trotz war die Veranstaltung ausverkauft und ging sensationell über die Bühne. Dank der Leistung von Elke Mascha Blankenburg und der Arbeit des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik können diese Komponistinnen – wie Heinrich auf dem Wagen – freier atmen und gehört werden. Vorausgesetzt, das entsprechende Hintergrundwissen dazu kann bedient werden.

Die Schwester.

Nach Elke Mascha Blankenburgs Vorbild wurden ähnliche Initiativen auf die Beine gestellt. In München ist dies der seit 27 Jahren für ein Aufhorchen sorgende Verein musica femina münchen, der derzeit die Spitze des weiblichen musikalischen Schaffens in der Isarstadt bildet und erst kürzlich mit dem musikalischen Rahmenprogramm zur Ausstellung „Ab nach München! Künstlerinnen um 1900“ im Münchner Stadtmuseum Aufsehen erregt hat.

Susanne_Wosnitzka_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos_Archiv_Frau_und_Musik_Frankfurt

Mehr als 3.000 Tonträger zu Komponistinnen im AFM © Susanne Wosnitzka

Die Materialien zu Münchner Komponistinnen, die mfm über Jahre hinweg zusammengetragen hatte und den Grundstock zum Komponistinnen-Archiv München (KAM) bildeten, befinden sich heute als geschlossene Sammlung im Archiv Frau und Musik.

Das Gehirn.

Zurück zum Kopf des Archivs. Nach wechselvoller Geschichte betreuen seit 2013 drei Vorstandsfrauen die Führung von Archiv als auch des Vereins nebenberuflich ehrenamtlich: Mary Ellen Kitchens M.A. (Leiterin Hörfunkarchiv BR, auch gewesene Mitvorstandsfrau von mfm), Dr. Vera Lasch (Kulturnetz Kassel) und Dr. Vivienne Olive (Komponistin in Nürnberg). Als Angestellte bzw. freischaffende Mitarbeiter_innen sind Matthias Gerhold M.A. für alle internen Angelegenheiten des Archivs und ich v.a. für Internetpräsenz zuständig. Derzeit arbeiten wir beide auch als Redaktion/Lektorat an der 100. Ausgabe der VivaVoce, des einzigen Fachmagazins für Komponistinnen weltweit, das Informationen zu historischen als auch modernen Komponistinnen, Essays zu Wiederaufgefundenem, zu Musik(ur)aufführungen, zu neuen Publikationen etc. bietet. Mit Elisabeth Treydte M.A. haben wir eine Kollegin, die beauftragt ist, sich als Projektarbeit um die eingegangenen Nachlässe zu kümmern, derzeit um den Nachlass von Elke Mascha Blankenburg und Leni Alexander (1924-2005). Die Leiterin des Archivs, Lydia Hasselbach M.A., sowie eine weitere Mitarbeiterin, Rebekka Brienen M.A., befinden sich derzeit in Elternzeit. Täglich erreichen uns Anrufe um Archivsführungen, Auskünfte zu Komponistinnenbiografien, zu im Archiv vorhandenen Werken, zu Werksempfehlungen für Konzerte. Doktorand_innen forschen dort für ihre Arbeiten, ab und zu kommen Filmteams, um gedruckte als auch noch unveröffentlichte Werke von Komponistinnen einsehen zu können v.a. für biografische Dokumentationen.

Archiv_Frau_und_Musik_Susanne_Wosnitzka_Alma_Mahler_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Eine der Schauvitrinen im AFM, hier zu Alma Mahler © Susanne Wosnitzka

Komponistinnen kommen nach und nach im Konzertbetrieb an, aber noch immer schleppend. Das liegt u.a. daran, dass z.B. Komponistinnen als Schulstoff und auch an den allermeisten Universitäten und Musikhochschulen noch immer keine Rolle spielen, dass ihre Werke teils schlicht nicht gespielt werden, weil neue bzw. alte unbekannte Werke schwieriger einzustudieren sind, als bereits bekannte, die zum Standardrepertoire zählen. Vorurteile herrschen vor, oft auch eingeschworene „Männerbünde“ an den wichtigen Knüpfstellen (Intendanz, Dramaturgie etc.). Wegen fehlender weiblicher Vorbilder gibt es noch oft kaum Anreize für junge Frauen, diesen Weg zu gehen. „If she can see it, she can be it“, lautet eine aktuelle Aktion der Schauspielerin und Aktivistin Geena Davis („Thelma & Louise“). Beispielhafte Projekte, die dringend auch in Europa ins Gespräch kommen müssen – der Girl’s Day ist zwar ein guter Anfang. Weil aber solche „Tage der offenen Tür“ noch immer einmalige und spezielle Projekte sind, finden die (historischen) Leistungen von Frauen trotzdem keinen Eingang ins reguläre Unterrichtsprogramm an Schulen, Hochschulen und Universitäten. Und genau diese „Teufelskreise“ müssen durchbrochen werden – sonst hat die Gleichberechtigung keine Chance.

Viele international höchst renommierte Komponistinnen wie Tsippi Fleischer und Violeta Dinescu stellen dem Archiv bereits jetzt ihre kompletten Kompositionen sowie weitere Arbeitsmaterialien zur Verfügung – Erstere besucht ein- bis zweimal pro Jahr das Archiv und schaut nach ihren „Kindern“. Ein ganz besonderes Zimmer im Archiv ist der sog. „Kukuck-Raum“: ein Raum nur für den Nachlass der Paul-Hindemith-Schülerin Felicitas Kukuck (1914-2001), die dem Archiv ihren Schreibtisch, ihr Telefon, ihre Adressbücher, ihre Musikinstrumente und NotenNotenNoten hinterließ. Sie schrieb einige Werke für Blockflöte, das einzige Instrument, das sie in der Nazizeit auf ihrer Flucht wegen ihrer teiljüdischen Abstammung verstecken und mitnehmen konnte. Noch heute werden viele ihrer Werke v.a. in ihrer Heimatstadt Hamburg aufgeführt, die dort nach wie vor wichtige Bestandteile der Gottesdienste sind. Frauengeschichte ist nicht tot, sondern höchst lebendig. Mittlerweile sind im Archiv Frau und Musik mehr als 1.800 Komponistinnen verzeichnet. Ohne den Anteil der Frauenmusikgeschichte in Musikwissenschaft und Musiklehre wird unsere Musikgeschichte nach wie vor verfälschend dargestellt und ebenso verfälscht gelernt und wiedergegeben. Deshalb sind auch die Genderwissenschaften ein unabdingbarer Teil davon, da damit dem Rollen- und Geschlechterverständnis der Menschen in diesem Kontext auf den Grund gegangen wird.

Archiv_Frau_und_Musik_Frankfurt_Susanne_Wosnitzka_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Blick in die „Schatzkammer“ des Archivs Frau und Musik in Frankfurt a.M. © Susanne Wosnitzka

Die Schatzkammer

„Ich sehe wunderbare Dinge“, raunte Howard Carter 1922 andächtig, als er durch eine kleine Öffnung mit seiner Taschenlampe in die Grabkammer von Pharao Tutanchamun leuchtete. So ähnlich fühlt es sich an, wenn man die „Schatzkammer“ des Archivs betritt. Die Schatzkammer ist ein tresorartiger Raum, in dem sich die wichtigsten und bedeutendsten Kostbarkeiten des Archivs befinden. Dazu gehört ein beachtlicher Fundus an Erstdrucken – insbesondere aus dem 19. Jahrhundert – und wertvolle Brief-Autografe z.B. von Clara Schumann. Besonders beliebt und betrachtenswert ist die absolut einmalige geschlossene Postkartensammlung mit Damenblaskapellen aus der Kaiserzeit. Eine Sondersammlung zum Bereich Rock, Pop, Jazz, Chanson und Weltmusik ist das Sahnehäubchen des „klassischen” Bestandes und erweitert diesen um weitere musikalische Genres. Das Archiv Frau und Musik verfügt über eine eigene Schriftenreihe, angefangen von der Geschichte des Archivs über die Jubiläumsausgabe 25plus bis hin zum bislang einzigartigen Europäischen Dirigentinnenreader, der 2001 erschienen ist und in dem sämtliche Dirigentinnen aus Europa, die in großen Häusern dirigierten, dokumentiert sind

http://www.dirigentinnen.de

Ein Werk, das dringend aktualisiert werden muss, um Dirigentinnen weltweit besser miteinander vernetzen zu können.

Das Archiv bietet zudem alle zwei Jahre das Projekt Composer in Residence (CiR), ein Arbeitsstipendium für Komponistinnen, die damit für einige Zeit in Ruhe an einem größeren Werk arbeiten können, das dann im Rahmen eines Konzerts seine Uraufführung erlebt. Derzeit arbeitet Manuela Kerer aus Südtirol/Italien in Frankfurt. Das Archiv hat zahlreiche Kooperationen z.B. mit dem Südwestdeutschen Bibliotheksverbund, dem i.d.a.-Dachverband der deutschsprachigen Frauen-/Lesben-/Genderarchive, der International Alliance for Women in Music, der AIBM – Association Internationale des Bibliothèques , Archives et Centres de Documentation Musicaux – Internationale Vereinigung der Musikbibliotheken, Musikarchive und Dokumentationszentren (IVMB) Gruppe Bundesrepublik Deutschland e.V., dem Deutschen Musikrat, der GEMA – Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte sowie dem Verbund Museumsbibliotheken.

Das Herz. Der Infarkt.

Komponistinnen – auch moderne, aktiv arbeitende – hatten mit und durch das Archiv Frau und Musik eine Anlaufstelle gefunden, die Musikwissenschaft der Welt hat ein komplett neues Gebiet für die Forschung erhalten, das nicht singulär steht, sondern die bis dahin – durch das Weglassen der Frauen – verfälschte Musikgeschichte ergänzt und vervollkommnet.

Im Jahr 1988 war ein Umzug des Archivs von Köln nach Kassel notwendig geworden, weil sich dort bessere Finanzierungsmöglichkeiten auftaten. In Kassel hatte sich auch der Furore-Verlag gegründet, der sich rein auf Werke von Frauen spezialisiert und damit – auf Grundlage der Materialien im Archiv Frau und Musik – eine international begehrte Marktlücke geschlossen hatte.

Für die herausragende Arbeit und den Dienst an der Musik erhielt das Archiv Frau und Musik zahlreiche Preise. Bald begann sich die Stadt Frankfurt für das Archiv zu interessieren und holte es im Jahr 2001 in die Mainmetropole – ins Herz von Deutschland –, wo es bis Mitte 2014 vom Land Hessen als auch von der Stadt Frankfurt jeweils zur Hälfte finanziert wurde. 2013 erlitt das Archiv allerdings einen herben Schlag, als die Stadt Frankfurt ihre finanzielle Zusicherung für 2014 und darüber hinaus aus Spargründen absagte. Seitdem ist das Archiv trotz Marketing- und Finanzierungsmaßnahmen auf wackeligen Beinen. Das Land Hessen hält seine Finanzierung zwar weiter aufrecht, die Zukunft des Archivs ist dennoch ungewiss, da nur auf äußerster Sparflamme gearbeitet werden kann bzw. ein regulärer Betrieb nur schwer möglich ist.

Das Fragezeichen.

Trotz all dieser weltweit herausragenden Bedeutung – v.a. auch im Rahmen des vom Staat geforderten und geförderten Gender Mainstreamings – wurde das Archiv auf die „Rote Liste“ für gefährdete Kultureinrichtungen gesetzt (Stufe 2): „Wir brauchen vor allem dringend mehr Zeit für neue Lösungen“, meinte Archiv-Leiterin Lydia Hasselbach Ende 2014. Es sei unmöglich, in kurzer Frist kostengünstigere oder gar frei nutzbare Räume zu finden. Das Archiv benötigt aktuell für seine rund 23.000 Medieneinheiten knapp 100 m² in den hoffmanns höfen. Die hoffmans höfe haben bereits auf Mieterhöhungen verzichtet. Hilfe muss her, sonst drohen all diese Errungenschaften der letzten gut 35 Jahre wieder in der Vergessenheit zu versinken – ein höchst bedeutender Teil der Musikgeschichte würde untergehen, der zur Vielfalt unseres Musikwelterbes beiträgt. Ohne die Werke von Frauen, die sich im Archiv Frau und Musik erhalten haben, wird auch eine Arbeit des Vereins musica femina münchen so nicht mehr gut möglich sein, da der Erfolg von mfm auch mit der Auffindbarkeit von musikalischen Schätzen und Raritäten aus Frauenhand zusammenhängt. Es muss dafür gekämpft werden, dass der Fortschritt nicht zum Rückschritt wird. Jede Hilfe ist willkommen!

Back to the roots.

Mit der erstmaligen (konzertanten) Aufführung der Caccini-Oper La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina in München erinnern mfm und Tonicale Musik & Event GmbH an den Paukenschlag und Auftakt zur Wertschätzung der Frauenmusikgeschichte.

Montag, 1. Februar 2016, Herkulessaal der Münchner Residenz

Francesca Caccini La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina (1625)

Huelgas Ensemble/Tonicale Musik & Event GmbH (Dr. Ulrike Keil)

unter Mitwirkung/Förderung von musica femina münchen e.V.

______________________________________________________________

1 Zitiert nach http://www.mathilde-frauenzeitung.de/archiv/125-34nachrufmaschablankenburg.html

(Stand: 5. Mai 2015).

www.archiv-frau-musik.de

www.musica-femina-muenchen.de

Susanne Wosnitzka – Musik und Geschichte entdecken > www.susanne-wosnitzka.de

Susanne Wosnitzka, Archiv_Frau_und_Musik_Vorstand_mfm_musica-femina-muenchen_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Susanne Wosnitzka, Autorin dieses GastBlogs und u.a. Musikwissenschaftlerin; Foto: Edith Schmidt gen. Steinhoff

Susanne Wosnitzka M.A. studierte nach ihrer Ausbildung zur Tischlerin und Möbelrestauratorin Musikwissenschaft, Klass. Archäologie, Europ. Ethnologie/Volkskunde und Kunstgeschichte an der Universität Augsburg. Während ihres Studiums entwickelte sie – aus Mangel daran – die Vortragsreihe „Komponistinnen und ihre Werke im Spiegel ihrer Zeit“. Susanne Wosnitzka arbeitet freischaffend u.a. für das Archiv Frau und Musik/Frankfurt a. M., als Stadtführerin in Augsburg zum Thema FrauenMusikKulturGeschichte, als Dozentin der Ulmer Frauenakademie, ist wiss. Beirätin der Deutschen Mozart-Gesellschaft, im Vorstand von musica femina münchen e.V. und Doktorandin. Susanne Wosnitzka interessiert sich nebenbei auch für Mumienforschung, Medizingeschichte und historische Gartenkultur. Zurzeit entstehen Publikationen zur Augsburger und süddeutsch-reichsstädtischen Musikgeschichte.

Standard