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Geburtstag auf Wolke 7: Fotostrecke, Kommentare und weiterführende Links zur Künstlerfeier an meinem 60. Geburtstag, 4. Juni 2018, bei Terry Swartzberg in München

Runde Geburtstage verleiten mich regelmäßig zum Kassensturz: Wo genau stehe ich an diesem Stichtag, in Bezug auf meine Pläne, Ziele, Überzeugungen und auf meine Gefühlswelt? Und wer steht an meiner Seite, beziehungsweise mir zur Seite? Nehme ich den aktuellen, sechzigsten Geburtstag zum Maßstab, fällt meine biografische Zwischenbilanz um so vieles besser aus, als mir selbst bislang bewusst war. Von der Zuneigung meiner Gäste fühlte ich mich regelrecht eingelullt, von vielen liebevollen Gesten, Zuwendungen, Worten und künstlerischen Darbietungen. Dass die Gästeliste sich fast ausschließlich aus künstlerischen WegbegleiterInnen und engen KooperationspartnerInnen unterschiedlichstem Datums zusammensetzte, spielte dabei für mich keine Rolle, denn in meinem Leben verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer, beziehungsweise kultureller Arbeitswelt und Privatleben seit Jahrzehnten fließend.

Glücklich – Gaby dos Santos am 60. Geburtstag. Links im Hintergrund Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung

Die prägnantesten Momentaufnahmen, festgehalten von mehreren Gästen, habe ich in nachstehender Fotostrecke zusammengestellt, kommentierjt und verlinkt, weil diese nicht nur eine schöne Erinnerung für mich – und hoffentlich für meine Gäste – darstellen, sondern auch widerspiegeln, wofür die Kulturplattform jourfixe-muenchen steht. Nachfolgendes Gruppenfoto zeigt zwar nicht alle der geladenen !80 Gästen, aber einen guten Querschnitt:

Kurz vor Beginn der Künstler-Session: HINTEN von links: Manuela Rosenkind (Illustratorin, Autorin „Mia Meilenstein„), Harry Rosenkind (Musik-Promoter, Schlagzeuger der Kultrockband „Sahara“), Elisabeth Sorger (Malerin, Sprecherin der MKG-Münchner Künstlergenossenschaft), Reiner Mauthe, Catherine Houdayer (Modeexpertin), Jörn Pfennig (Lyriker, Bestseller mit „Grundlos zärtlich“), ganz an der Wand Arno Baum (Musik-Booker, Bassist der Progressive-Rockband PROGNOSTIC) und ansatzweise zu sehen Piaistin Masako Ohta; MITTLERE REIHE im Sessel: Ulrike Keil (Musikwissenschaftlerin, Pressechefin von Musikerlebnis/Tonicale, musica femina münchen) mit Ehemann, Michaila Kühnemann (Film- und Radiomacherin RADIO MÜNCHEN, Kabarettistin, Liedermacherin), Peter Lang (Inhaber Artist Studio München, als Musiker Mitbegründer der ungarischen Kultbands Hungaria und Omega), Claudia Cane (Rockröhre), VORNE, neben mir, Christine Weissbarth (Schauspielerin, Moderatorin und Referentin bei der Hanns-Seidel-Stiftung) sowie, halbverdeckt, Cecilia Gagliardi (Sängerin, Gitarristin, Theater im Roßstall/Germering)

Die  Kulturplattform jourfixe-muenchen steht seit fast zwanzig Jahren für kulturelle und künstlerische Vielfalt, mit dem Ziel gegenseitiger Inspiration und der Bildung von Synergien. Diese Vielfalt spiegelte sich in der Geburtstagsfeier wieder: Die Künstler- und Kulturschaffenden des jourfixe sind unterschiedlichster Couleur, doch bilden Know How, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kunstformen, Freude an künstlerischen Synergien und multidisziplinären Projekten einen kittenden, gemeinsamen Nenner. Als Mitglied kann man sich bei uns nicht bewerben; statt dessen spreche ich gezielt Kunst- und Kulturschaffende an, die ich mir als Bereicherung unseres künstlerischen Pools erhoffe, zur Entwicklung gemeinsamer Projekte und gegenseitigen Unterstützung.

Gastgeber Terry Swartzberg, Journalist, PR-Fachmann und Vorsitzender von „Stolpersteine für München e.V.“ stellte mir für meine Geburtstagsfeier sein historisches Häuschen am Nockerberg zur Verfügung und ermöglichte so einen unvergesslichen Abend! Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

Apropos gegenseitige Unterstützung: Eben mal sein ganzes Haus für die Feier zu meinem 60. Geburtstag zur Verfügung stellen – das macht ihm so schnell keiner nach und entspricht seinem Wesen: Für den Kosmopoliten Terry Swartzberg sind Aufgeschlossenheit, soziales Engagement (u.a. in seinen PR-Kampagnen) und phantasievoll gestaltete Lebensfreude zwei Seiten einer Medaille. Nach rund 25 Jahren als Korrespondent für die International Herald Tribune, gilt sein großes Engagement seit einigen Jahren dem Verein Stolpersteine für München e.V., dem er vorsteht und mit dem er aktuell ein großes Sommerfest vorbereitet, am Mittwoch, 20. Juni 2018, um 20 Uhr, bei freiem Eintritt im Jüdischen Museum München, mehr unter jourfixe-News. Und einmal mehr ist einfach jede/r herzlich willkommen! Ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt.

„Gabys gute Geister“ nannte meine Freundin Edith Grube Reiner Mauthe, Marianne Niederkofler, Sigi Blässer und Jon Michael Winkler; Letzterer ist nicht nur mein enger Vertrauter sondern auch Erster Vorsitzender des jourfixe-Vereins. Für mich bedeuten die vier Menschen auf obigem Foto weit mehr als Mainzelmännchen! Mit ihnen ist in Teilen mein Leben verwoben. Fest steht aber auch, dass  ohne deren Hilfe diese Geburtstagsfeier gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Der untere Bildteil zeigt einen Ausschnitt des üppigen Büffets: Alle Gäste waren gebeten worden, Speisen und Getränke anstelle von Geschenken mitzubringen. Foto: Stey

 

Geburtstagskind Gaby dos Santos führt Prof. Thomas Pekny, Intendant Komödie im Bayerischen Hof, durch Terry Swartzbergs historisches Domizil am Nockerberg, Foto: Oliver Stey

 

Theaterwelten: Angelica und Lili Fell, Geschäftsführung der inklusiven FBM-Freien Bühne München mit Thomas Pekny, Chef der Komödie im Bayerischen Hof; Foto: Dirk Schiff

 

Kommt Moses nicht zum Berg … Nachdem es im Winter wegen einer Endlosschlange nicht möglich gewesen war, das Rockmuseum im Olyimpiaturm zu erreichen, kam dessen Betreiber, Herbert Hauke eben zu uns. Neben ihm seine Frau Gabi, Tourbegleiterin und Assistentin von Sissi Perlinger; Foto: Schiff

 

Foto links: Die finnische Sängerin Tuija Komi im Gespräch mit musica-femina-Grafikerin Irmgard Voigt; Foto rechts: Claudia Strauch (Strauch Media) im Gespräch mit Behar Heinemann, links und  Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München)

 

Foto links: Das Sänger-Ehepaar Maya und Charles Logan; Rechts schneide ich eine der Geburtstagstorten an, die mir Gäste gebacken haben, assistiert von Gabi Hauke, dahinter jourfixe-Gründungsmitglied Angelika Grimm (Sozialpädagogin); Foto: Elisabeth Sorger

 

V.l. Alexander Diepold (Madhouse), hat gerade in München den alljährlichen Gedenktag für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma durchgesetzt, daneben Eva Giesel, Litag Theaterverlag, rechts Uta Horstmann, Bundesverdienskreuzträgerin für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma, auf den Stufen Esthera und Artur Silber (Musik-Manager DownTown Studios,PR–Agentur Silberpfeil, Schlagzeuger, u.a. PROGNOSTIC)

 

Unter den Nazis wurden ihre Ethnien unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt, doch hier ist Differenzierung angesagt: Von links: Oliver Stey, aus einer Zirkus- und Schausteller-Dynastie, der das größte Privatarchiv dazu führt, die schillernde Behar Heinemann, eine, wie sie es selbst formuliert „stolze Rom“ (Autorin und Kulturmanagerin) sowie der Sinto Alexander Diepold (Madhouse-Chef), dem München seit diesem Jahr einen festen Gedenktag für die verfolgten Sinti & Roma verdankt; Fotos: Dirk Schiff

 

Fotografin Anne Schiff – Mit ihr und ihrer Familie erlebe ich immer wieder kuschelige private Stunden; Rechts Stephanie Bachhuber (Bayer. Staatsoper) Am Vortrag meines Geburtstags feierten wir den 20. Jahrestag unserer Freundschaft! Fotos: Dirk Schiff

 

Geniales Geschenk von Naomi Isaacs (Institute for Charismology): Ein Kaleidoskop – zeitlose Freude! Links von ihr Reiner Mauthe, rechts Sänger Charles B. Logan, an der improvisierten Bar; Rechtes Bild: Ulrich Floßdorf, Traumatherapeuth etc. bei Alexander Diepolds Familienberatungsstelle Madhouse; Foto: Stey

 

Die finnische Sängerin Tuija Komi kam auf Krücken! Und verstand sich mit Gastgeber Terry Swartzberg offensichtlich prima. Für mich ist sie ein veritabler Sonnenschein, kann aber auch „traurig“ und sang später bei der Session à capella ein melancholisches finnisches Gänsehaut-Lied; Fotos: Dirk Schiff

 

Von links: Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München), Kriminalautorin Sabine Vöhringer („Die Montez Juwelen„) Michaila Kühnemann, Radio München, Moderatorin, Filmemacherin, Kabarettistin, Musikerin, Foto/Ausschnitte von Oliver Stey

 

Blick von Terry Swarzbergs Terrasse in den Innenhof. Von vorne links: Dr. Ulrich Schäfert, Leiter Kunstpastoral der Erzdiözese,, Grafikerin/Illustratorin Elena Buono, Heidi und Peter Lang, Artist Studio und Kulturjournalistin Heidi Weidner; ganz re. Sängerin Tuija Komi; Foto: Oliver Stey

 

Totale des Innenhofs – Im Vordergrund zu sehen ist Regisseur Rüdiger Nüchtern, ganz hinten wird es Italienisch: An der Wand die Grafikerin und Illustratorin Elena Buono und vor Ihr die Sängerin und Kabarettistin Cecilia Gagliardi, die einer römischen Künstlerdynastie entstammt; Foto: Dirk Schiff

Links neben Musikerin Cecilia Gagliardi (Theater im Roßstall/Germerin) die japanische Pianistin Masako Ohta, bei der ich mich fragte, wie sie aus einem Keyboard in Schoß-Format derart perlende Klänge zu zaubern vermochte. Rechts Sängerin Linda Jo Rizzo, die kürzlich das Hippodrom zum Kochen brachte. Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

Höhepunkt der Feier waren sicherlich die Geburtstagsständchen der MusikerInnen unter den Gästen sowie ein eigens zu meinem Geburtstag getextetes Gedicht SIXTY SEXY GABY des Lyrikers Jörn Pfennig! Große Freude! …

Lyriker Jörn Pfennig, zwei Ausschnitte von Fotos von Dirk Schiff

Vorbemerkung:

Eines Deutschen Dichters Scheitern
ist für ihn und die Welt ein wahrer Graus.
Doch manchmal kann es beide auch erheitern –
probieren wir’s doch einfach mal aus:

Das Gedicht:

Der Deutsche Dichter muss ja nicht denken –
von dieser Pflicht hat sein Volk ihn befreit
um sie dem Deutschen Denker zu schenken
der sich immer schon sehr
aber seither noch mehr
schier unglaublicher Bedeutung erfreut.
(… mehr)

Stimmungsbild während der temperamentvollen Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans; rechts außen Hausherr Terry Swartzberg, neben ihm Jazz-Sänger Thomas de Lates, Foto: Oliver Stey

 

Zwei Momente der Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans: Ein peppiges Lied à capella und aus eigener Feder über die Vorzüge reifer Frauen; Jennys Auftritt berührte mich sehr, denn oft war ich früher in ihrem Jazz-Lokal Jenny’s Place zu Gast gewesen und hätte mir nie träumen lassen, sie einmal als Geburtstagsgast zu begrüßen … Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

 

Csaba Gal, Leiter des Künstlerkreises Kaleidoskop und Cecilia Gagliardi (‚Theater im Roßstall/Germering) singen „Bella Ciao“, das „House Of Rising Sun“ Italiens, Foto: Dirk Schiff

 

Mitwirkende an der Künstlersession: Jazz-Sänger Thomas de Lates und zwei der Musiker der Progressive-Rockband PROGNOSTIC: Keyborder Martin Stellmacher und Sänger Charles B. Logan

 

Vertraute aus wilden Zeiten: Journalistin Daniela Schwan (rechts neben mir). Links zu sehen ist Kabarettistin Karin Engelhard. Dahinter Klaus Onnich, Kurator MVG-Museums – Foto: Dirk Schiff

 

Ein schönes Portrait-Foto von Kulturjournalistin Daniela Schwan; Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

 

Mit meinem alten Freund aus wilden Datscha-Zeiten, Zarko Mrdjanov, Gitarrist von Massel Tov, meiner Schwägerin Sigi und Heidi Lang vom Artist Studio, Foto: Dirk Schiff

 

Elisabeth Sorger, Malerin und Sprecherin der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft, Martin Hubensteiner, Ausstellungsmacher der LV1871, Gaby dos Santos und Christine Weissbarth, Referentin/Moderatorin der Hanns-Seidel-Stiftung, Foto: Dirk Schiff

 

In der Mitte Claudia Weigel, (Parlamentarische Beraterin Hochschul- und Kulturpolitik, Fauenpolitik für die BayernSPD Landtagsfraktion), links Autorin Gunna Wendt, nach deren Biografie über Franziska zu Reventlow wir zur Zeit, gemeinsam mit Musikerin Michaela Dietl, eine Collage zum 100. Todestag produzieren

 

Renate Lettenbauer und Lising Pagenstecher, wie ich Mitglieder von musica femina münchen    und Rockröhre Claudia Cane, die später Janis Joplins „Mercedes Benz“ sang; Foto: Dirk Schiff

 

Meine Freundin Edith Grube, Tochter und Nichte der KZ-Überlebenden Werner und Ernst Grube; Aktivistin (Stolpersteine für München e.V.) und Verwaltungssupervisor bei Madhouse, mit ihrem Mann Robert; Links: Harry Rosenkind (Musikpromoter und Schlagzeuger der Kult-Rockband „Sahara„)

 

Meine Collage über Textdichter Bruno Balz brachte mich mit diesen beiden Herren zusammen: Mein Bühnenpartner Lutz Bembenneck (li) und der „Experte“ für die Talkrunde nach der Aufführung, Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau und Vorstand des Forums Homosexualität München,

 

Unsere beiden jourfixe-Fotografen einmal selbst vor der Linse von Oliver Stey: Links: Dirk Schiff/ portraitiert.de und rechts Bernd Sannwald, ein As in abstraktv wirkender Detail-Fotografie

 

Dieses Portrait von Naomi Isaacs fand Dirk Schiff (portraitiert.de) so ansprechend, dass er spontan beschloss, es in seine neue Herbst-Ausstellung „Münchner und Zuagroste“ einzubeziehen. Wie bereits seine erfolgreiche Ausstellung im Vorjahr mit Uschi Glas, „We are all the same“, findet die Vernissage im Hotel Le Méridien statt, diesmal zugunsten von Jutta Speidels HORIZONT e.V.

 

Es ist spät geworden … Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung im Gespräch mit Jon Michael Winkler;; Foto: Stey

 

Ein glückliches Geburtstagskind sagt: „Danke!“


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Künstlerisch „dazwischen“ – nicht „daneben“! Zur Dankesrede von Autorin Gunna Wendt, Schwabinger Kunstpreisträgerin 2017

Neben Schauspieler Thorsten Krohn und Wolfgang Schlick mit seiner Express Brass Band, war es Gunna Wendt, die den diesjährigen Schwabinger Kunstpreis erhielt, persönlich überreicht von einem wie immer geistreich launigen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers.

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Gunna, seit letztem Jahr auch Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, nutzte ihre Dankesrede zu einer überfälligen Betrachtung bezüglich des Umgangs mit der „literarischen Biografie“, was sich leider genau so auf alle künstlerischen Genres übertragen lassen, die nicht in eine Schublade passen und deren Kernaussage ich, nach nochmaliger Lektüre, ungekürzt wiedergeben möchte:

„(…) Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. Sie ist fast aus allen Förderprogrammen – allen voran der Deutsche Literaturfonds – ausgeschlossen.

Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. Werden Fußnoten verwendet, heißt es, das störe den Lesefluss. Wenn nicht, erfolgt oft der Vorwurf der mangelnden Wissenschaftlichkeit, obwohl diese gar nicht beansprucht wurde. Ja, die professionelle Rezeption tut sich schwer mit diesem Genre, aber die Leserinnen und Leser zum Glück nicht!

Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. Und hatte nicht schon der argentinische Autor Julio Cortázar, der neben Thomas Bernhard, einer meiner großen literarischen Favoriten ist, sich selbst als „hartnäckigen Bewohner von Zwischenbereichen“ bezeichnet. Durch ihn habe ich viel zum Thema Biografie gelernt – genauso wie von dem französischen Philosophen Gilles Deleuze, dessen schmaler Band „Kafka – für eine kleine Literatur“ nach wie vor unerreicht ist, wenn man Elementares über Kafka und über Biografie erfahren will.

Aber die Zeiten ändern sich – „The times they are a-changing“ – Bob Dylan hat den Literatur-Nobelpreis bekommen, auch wenn die Diskussionen darüber, ob seine Songtexte Literatur sind, nicht abreißen. (…)“

First Row in der Verwaltungszentrale der Stadtsparkasse München: Schwabinger Kunstpreisträger_Innen 2017, vierte von links etwas verdeckt: Gunna Wendt, Stifter: ganz rechts Stefan Hattenkofer/Vorstand Stadtsparkasse München, daneben Kulturreferent Hans-Georg Küppers; Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Danke, Gunna, für Deine Bücher, die ich gerade deshalb so liebe, weil sie einer realen Vergangenheit entstammen, die Du zum Leben erweckst, danke, weil Deine Protagonist_Innen immer auch Querdenker_Innen sind, in denen ich mich oft und gerne wiederfinde und danke für obigen Ausschnitt aus Deiner gestrigen Rede, in der sich auch die Problematik meines künstlerischen Schaffens wiederspiegelt, das sich auch keinem festen Fördertopf zuordnen lässt – und, wie ich gerade sehe, auch auf eine ganze Reihe anderer Kolleg_Innen zutrifft.

Zur Verleihung des Schwabinger Kunstpreises 2017 an Gunna Wendt siehe auch meinen Ankündigungs-Beitrag mit der Jury-Begründung im jourfixe-Blog

Das Titelbild stammt von Journalist und Autor Johann Türk und wurde von mir durch das jourfixe-Logo ergänzt.


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Stiften gehen … Momentaufnahmen und Gedanken zur Eröffnung des Münchner StiftungsFrühling 2017 in der BMW-Welt

Bis 2013 die Münchner Kultur-GmbH den ersten Münchner Stiftungsfrühling ins Leben rief, hatte ich nur eine vage Vorstellung von den Begriffen „Stiftung/stiften„, und die war eher negativ belegt: Da gab es doch den Skandal um den Preis der „Gelbe-Engel-Stiftung“ des ADAC, in dessen Strudel dann auch noch die Stiftung Warentest geraten war ..? Letztere kennt natürlich jeder, spätestens als durch den Boulevard die Klage von Schauspielerin Uschi Glas geisterte, deren Kosmetik von der Stiftung verrissen worden war. Und nennen sich nicht Altersresidenzen für betuchte Senioren gerne „Wohnstift“, als begrifflich angenehmere Alternative zu „Altenheim“? Und apropos alt: Bewohnten nicht einst altjüngferliche Damen schon zu Luthers Zeiten religiöse „Stifte“, die von Königen, Herzögen oder begüterten Adelsfamilien gestiftet worden waren, die sich auf diesem Wege, neben politischen Vorteilen, ihr Seelenheil sichern wollten?

Der MünchnerStiftungsFrühling möchte mit dem Mythos der „verstaubten Stiftung“ brechen. Hier soll der Münchner Bevölkerung gezeigt werden, welch spannendes Handlungsfeld in einer Stiftung liegt, wie vielseitig die Projekte und die Förderungen der Stiftungen sind und wo das Wirken der Stiftungen überhaupt sichtbar wird. Und er möchte den Blick schärfen für diese Facette unserer Stadt, die vielen oft verborgen bleibt„, räumt Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort zum diesjährigen MünchnerStiftungsFrühling mit so manchem Vorurteil auf.

Marktplatz einmal anders, im Stiftungsforum der BMW-Welt: Stände und Besucher dicht an dicht, zum Auftakt des MünchnerStiftungsFrühlings 2017

In der Tat, so wie die Lange Nacht der Musik/Museen dazu beiträgt, die Kunst in unserer Stadt sichtbarer zu machen, verhält es sich seit sechs Jahren auch mit dem biennal abgehaltenen MünchnerStiftungsFrühling: Dann stellt das Team der Kultur GmbH, um Geschäftsführer Ralf Gabriel und Projektleiterin Julia Landgrebe, pünktlich zum Frühlingserwachen, ein breitgefächertes Programm-Angebot unterschiedlichster Stiftungen zusammen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: „Frühling bedeutet Aufbruch, Stiften auch. Wer stiftet, schafft Möglichkeiten und setzt damit den Keim für neue Wege, lässt Ideen sprießen und Projekte erblühen. Wieso also nicht diese bunte Wiese allen zugänglich machen? Und genau dieses Ziel verfolgt der MünchnerStiftungsFrühling. Wer weiß schon, wo überall in der Stadt Stiftung drin steckt? Dass Stiftungen unseren Alltag durchweben, weiß kaum einer – und doch sind sie unentbehrlich für unsere Gesellschaft,“ erklärt die Münchner Kultur GmbH die Idee hinter dahinter.

„Vorhang auf und Bühne frei!“ hieß es in der BMW-Welt für diesen Chor der Castringius Kinder- und Jugend-Stiftung München 

Das Herzstück der Veranstaltungswoche, die 2017 vom 24. bis 30 März läuft, bildet die BMW-Welt, Stiftungs-Forum und Schauplatz unterschiedlichster Veranstaltungen; ein kongenialer Standort dank seiner offenen Architektur und Glasfassaden. Bereits im Außenbereich empfing mich gestern ein erster Vorgeschmack der thematischen Bandbreite, in der Stiftungen aufgestellt sind:

Als erstes spazierte ich durch „das größte Darmmodell Europas„.

An den Innenwänden fanden sich zunächst die Innenansicht eines gesunden Darms, danach, in Übergröße, harmlose Polypen, dann Polypen im Grenzstadium zum Krebs und schließlich Krebsgeschwüre in fortgeschrittenem Zustand. Direkt abstoßend wirkten die Konstrukte zwar nicht, dezent in lachsfarbenen Schattierungen wuchernd, aber die erläuternden Texttafeln ließen mich schon darüber nachdenken, mich endlich einmal einer Darmkrebs-Vorsorge zu unterziehen, wofür sich die Felix-Burda-Stiftung seit 2001 einsetzt.

Neben den Superlativen, die der MünchnerStiftungsfrühling zu bieten hat, begeistern mich oft gerade kleinere, jedoch mit viel Herzblut geführte Stiftungen:

Dazu zählt die engagierte Magda Bittner–Simmet Stiftung: Kustodin ist Christiane von Nordenskjöld, die ich schon seit ihrer Zeit als Assistentin bei der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition kenne und als Kollegin über die Jahre ins Herz geschlossen habe. Nun betreut sie das künstlerische Erbe von Magda Bittner-Simmet mit, einer erfolgreichen Münchner Malerin. Deren Atelier unmittelbar am Englischen Garten, in dem sie einst Berühmtheiten portraitierte, dient heute als Museum, das die Besucher hautnah an die Welt der Kunstschaffenden im allgemeinen und an die von Magda Bittner-Simmet insbesondere heranführt. Darüber hinaus finden hier, ganz im Sinne der Stifterin, Veranstaltungen statt, die thematisch um starke, emanzipierte Frauenpersönlichkeiten kreisen, wie sie Bittner-Simmet selbst in den konservativen 50er und 60er Jahren darstellte.

Im Rahmen des MünchnerStiftungsFrühlings 2017 referieren hier u.a. die Autorinnen Renée Rauchalles sowie Gunna Wendt, die gerade den Schwabinger Kunstpreis 2017 zugesprochen bekommen hat.

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Am Montag, 27.03. 15:30 Uhr – 17:30 Uhr, Stiftung Seniorenarbeit im Diakoniewerk München-Maxvorstadt, lädt die Argula-von-Grumbach-Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu einem Vortrag über „Argula von Grumbach – eine bayerische Reformatorin“. Sie war eine mutige Adelige zur Zeit Luthers, mischte sich in die religiösen Dispute der Reformationszeit ein und war mit ihren Flugblättern eine Bestsellerautorin, die auch in Briefkontakt mit Luther stand, der sie ausdrücklich schätzte.

[Argula von Grumbach – Ausschnitt einer Münze – Quelle ELKB]

„Die Frauen in der Reformation“ möchte ich in einem Artikel in den nächsten Wochen aufgreifen und besuchte daher Dorothee Burkhardt (Foto), Erste Vorsitzende des Beirats der Argula-von-Grumbach-Stiftung an ihrem Stand. Sie hielt dort Stellung in einem Mantel, der dem von Argula auf historischen Abbildungen nachempfunden war. Sicherlich muss es ihr darin sehr warm gewesen sein, aber dieses Kleidungsstück zog viel Aufmerksamkeit auf sich, nicht zuletzt auf Grund von Details, wie Armlöcher, durch die man an unterschiedlichen Stellen schlupfen kann, je nachdem ob kurzärmlig oder langärmlig saisonal angesagt ist. Dennoch: Argulas häufige Langstrecken-Ritte dürften kaum in diesem Modell stattgefunden haben! Das Kostüm kann künftig ausgeliehen werden, die Leihgebühren kommen der Stiftung zugute. Diese fördert die Gleichstellung von Mann und Frau in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie will die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext unterstützen.“ 2007, unter Federführung von Kirchenrätin Dr. Johanna Beyer, wurde sie ins Leben gerufen: „Rund um die Person Argula von Grumbachs hat die Frauengleichstellungsstelle der ELKB viele Angebote und Aktionen entwickelt: von einer Radtour zu den Wirkungsstätten über eine eigene Stiftung bis hin zu einem nach ihr benannten Gleichstellungsförderpreis.“ (Quelle: ELKB)

Gute zwei Stunden habe ich das Stiftungsangebot der unterschiedlichsten Stände durchstöbert. Nachstehend einige Momentaufnahmen mit weiterführenden Links >

Die Münchner Schachstiftung: Bildungsförderung auf der Grundlage von Schach

Die Nemetschek Stiftung möchte als unabhängige, überparteiliche und gemeinnützige Stiftung einen Beitrag zur demokratischen Kultur in Deutschland leisten. Dafür setzt die 2007 gegründete Stiftung innovative Projekte um, die überraschende Perspektiven auf gesellschaftspolitische Fragen eröffnen. Im Foyer/Auditorium der BMW-Welt lud sie zu einer interaktiven „Reise zu den Grundrechten“, die das Geheimnis um DAS GEHEIMNIS zu lüften suchte …

Schlichtes Plakat, großes Anliegen und viel Herzblut steckt in der TuaRes Stiftung, deren Ziel es ist, besonders benachteiligte Mädchen in Afrika zu fördern

Dieser plüschige Vogel der Stiftung Kindergesundheit, c/o Dr. von Haunersches Kinderspital, brachte mehr als ein paar Kinderkulleraugen zum Strahlen und mich auch, als er mir so nett zuwinkte und einen Flyer in die Hand drückte … Dieser Kinderklinik ist, glaube ich, so gut wie jede/r verbunden, der in München Kinder großgezogen hat –

Und natürlich fehlte auch das wohl bekannteste Stiftungsmaskottchen Deutschlands nicht, der Drache Tabaluga, am Stand der Peter-Maffay-Stiftung

Mein Fazit? Dass es zwar leider an viel zu vielen Ecken auf unserer Erde und in unserer Gesellschaft brennt, dass sich aber auch unzählige Menschen, unterschiedlichster Couleur, helfend einbringen, im Rahmen ebenso unterschiedlicher Möglichkeiten und Motivationen, die jedoch alle etwas zum Besseren bewegen. Ein Lichtblick, den uns der MünchnerStiftungsFrühling alle zwei Jahre vor Augen führt …


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Gunna_Wendt_Liesl_Karlstadt_Schwabinger_Kunstpreis_2017_Franziska_zu_Reventlow
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Schwabinger Kunstpreis 2017 für Autorin und jourfixe-Mitglied GUNNA WENDT

Mit ihrer Feder hat Gunna Wendt nicht zuletzt München/Schwabing ein ganzes Stück weit auferstehen lassen, mit wunderbaren Biografien, z. B. zu Liesl Karlstadt (s. obige Fotomontage) oder zu „Franziska zu Reventlow – Die anmutige Rebellin„. Aus letzterer Biografie entsteht gerade ein jourfixe-Historical, mit Musiken von Michaela Dietl und einer Multimedia-Show mit historischen Bildcollagen von Gaby dos Santos verwoben mit Reventlow-Texten,  das 2018, zum 100sten Todestag der „barfüßigen Gräfin“ auf Tour gehen soll.

Franziska zu Reventlow – eine der Gallionsfiguren der legendären Schwabinger Bohème. Gunna Wendt widmete ihr eine Biografie

Nun ist es unter anderem dieser Gräfin (s. obiges Foto) bzw. deren Verbundenheit zu München, Zitat: „Schwabing ist ein Zustand„, zu verdanken, dass Gunna Wendts literarische Arbeit mit diesem renommierten Münchner Preis gewürdigt wird. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena Christ, Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen.

Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. Auch die Frauen aus Gunna Wendts jüngstem Projekt zählen dazu: es geht darin um die Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Thomas Manns Tochter Erika und der Schauspielerin Therese Giese. Doch die Autorin hält nicht nur mit ihren Biografien den Mythos Schwabing lebendig, sondern auch mit liebevoll recherchierten Ausstellungen. Obendrein hat sie eine charmante Anleitung verfasst zu einem Spaziergang durch die Kaffeehäuser der Schwabinger Bohème. Eine Einladung, mit allen Sinnen in die legendäre Zeit von damals einzutauchen.

Die Preisverleihung findet am 26. Juni im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung im Verwaltungszentrum der Stadtsparkasse München statt.

Informationen auch unter www.muenchen.de/kulturfoerderung unter ‚Preise‘.“

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Zu sehen und hören ist Gunna Wendt aber bereits am Sonntag, 26. März, um 14 Uhr, im Ateliermuseum der Magda Bittner–Simmet Stiftung, am Englischen Garten, gemeinsam mit der Autorin Renée Rauchalles >

Veranstaltung im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings 2017, bei freiem Eintritt!


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Die runden Ecken der Balalaika – 25 Jahre MIR – Zentrum für russische Kultur in München!

Blut und Klang im Doppelpack … Ausgerechnet die Tartaren sollen im 13. Jahrhundert die Domra als Musikinstrument nach Russland eingeführt haben. domra_jourfixe-blogDort avancierte sie schnell zum bevorzugten Instrument fahrender Spielleute, die ein ganze Land mit diesem der Laute verwandten Instrument verzauberten. Dermaßen verzauberten, das es das Volk an Sonntagen eher zum Open Air auf den Marktplatz zog, als in die Messe. Die Reihen der Gläubigen bei den sonntäglichen Gottesdiensten sollen sich unaufhaltsam gelichtet haben. Schließlich beschwerte sich die Kirche bei der Obrigkeit im Namen des Herren. Darauf erging ein Erlass, alle Domras zu konfiszieren und alle runden Saiteninstrumente künftig zu verbieten. Nur wollte das Volk sich diese Art von Klang-Genuss auf Dauer nicht verbieten lassen. Dies war die Geburtsstunde der – nicht länger runden – sondern nunmehr dreieckigen Balalaika.

Maria Belanovskaya, Domra-Spielerin aus St. Petersburg auf unserem Zimmer im Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Maria Belanovskaya übt auf ihrer Domra, Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Diese faszinierende Geschichte erzählte mir die Domra-Spielerin Maria (Mascha) Belanovskaya, meine Zimmergenossin beim russischen Festival in Coburg. Sie selbst gilt als eine der besten russischen Domra-Spielerinnen, wie mir MIR-Präsidentin Tatjana Lukina später verriet. Dass dieses Instrument inzwischen wieder Kernbestandteil der russischen Volksmusik ist, verdanken wir  Wassili Wassiljewitsch Andrejew, der  die Domra um 1896 auf der Basis von alten Zeichnungen und Instrumentenfragmenten rekonstruierte. Doch war dieses traditionelle Instrument für Mascha keineswegs erste Wahl. „Ich wollte Klavier spielen“, gestand sie mir. „Und ich war begabt!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. Doch die Mutter drängte sie, wohlmeinend, sich an der Domra ausbilden zu lassen. Damals bestand noch der Eiserne Vorhang und die Chancen auf internationale Tourneen, auch in den Westen, schienen mit diesem traditionellen russischen Instrument aussichtsreicher, als mit dem Klavier, das weltweit beherrscht wird. Die gleiche Mascha, die mir eben noch mit blitzenden Augen die Entstehungsgeschichte ihres Instruments geschildert hatte, wirkte plötzlich traurig, als sie fragte: „Aber heute? Wer braucht denn schon heute noch eine Domra-Spielerin?“

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

In Deutschland lebt die St. Petersburger Künstlerin erst seit Ende letzten Jahres, ist hier frisch verheiratet, spricht jedoch bereits hervorragend Deutsch. – Und erwies sich im Verlauf unseres langen Pyjama-Talks ganz unerwartet als Bindeglied zu einer entscheidenden Phase in meinem Leben: Mascha berichtete nämlich, dass ihr geschiedener Mann, der Balalaika-Spieler Alexander Kutschin, mit dem sie bis heute im Trio arbeitet, 1991 für kurze Zeit in einer russischen Datscha in München aufgetreten sei. „In der Paradiesstraße 8“, ergänzte sie, worauf es bei mir „klick“ machte. Zu jener Zeit hatte ich um die Ecke im Lehel gewohnt und mich in die Atmosphäre dieses Lokals verliebt, das in seiner Anfangszeit viele kleine und auch größere Besonderheiten „made in Russia“ auszeichnete: So fanden sich fast dreißig verschiedene Vodka-Sorten auf der Getränkekarte, und das geleerte Glas durfte man in eine eigens dazu eingerichtete Ecke schleudern, was sich nicht nur als idealer Blitzableiter bei aggressiven Befindlichkeiten erwies, sondern auch zu so manchen Exzessen verführte. Die schummrige Atmosphäre des Lokals und die sentimentale Stimmung, in die mich russische Klänge seit jeher versetzen, sollte für mich zur Kulisse einer Reihe von Begegnungen und Erlebnissen werden, die die Weichen für meinen weiteren Werdegang stellten … Rückblickend bezeichne ich diese Zeit als meine „russische Phase“ , begleitet natürlich vom entsprechenden Soundtrack an russischer Livemusik.

Natalia Lupina in "Herr Ober bitte!"

Natalia Lupina in
„Herr Ober bitte!“

Deren nostalgischer Schmelz wurde in dieser Datscha anfangs von der rauchigen Stimme der Sängerin und Schauspielerin Natalia Lapina dargeboten, einem ebenso liebenswürdigen wie verführerisch-kapriziösem Geschöpf … Wenn sie bei uns im Lehel unterwegs war, stach sie mit ihrem Aussehen sofort ins Auge. Blond, kurvig, in einem ganz eigenwilligen Stil gekleidet … Damals lag bereits eine heftige Affäre mit einem internationalen Tennisstar (nein, nicht Boris) hinter ihr, sie hatte die Rolle der Geliebten in Gerhard Polts „Herr Ober, bitte!“ ergattert, verdrehte jedem den Kopf und zeigte sich zugleich von ihrer warmherzigsten Seite, als ich mich einmal um Rat an sie wandte. Schon bald versuchte jedoch der Besitzer des Lokals das Trio zu übervorteilen; das Arbeitsverhältnis endete vor Gericht und ich verlor die drei aus den Augen. Mascha berichtete mir nun in Coburg, dass Natalia inzwischen in den USA lebe, sich aber die Erwartungen an das Leben für sie wohl nicht erfüllt hätten.

Natalia Lapina stellt für mich, mit den vielen verschiedenen,  oft  kontrastierenden doch stets schillernden Facetten ihrer Persönlichkeit eine Russin par exellence dar.

Die Statue des Dichters Fjodor Tjutschew im Münchner Dichtergarten schmückt das Herbstprogramm von MIR

Die Statue von Fjodor Tjutschew (Münchner Dichtergarten) auf dem MIR Herbstprogramm

Auf das ganze Land übertragen, formuliert es der große russische Dichter Fjodor Tjutschew so:

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen, Gewöhnlich Maß misst es nicht aus: 

Man muss ihm sein Besond’res lassen – Das heißt, dass man an Russland glaubt.

Diese so anrührend treffende Beschreibung wählte die Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina zum Motto jenes Vereins, den sie im selben Jahr meiner Datscha-Abenteuer ins Leben rief: MIR (Russisch für „Frieden“) – Verein für kulturelle Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, gegründet 1991.

Tatjana Lukina Präsidentin MIR

Tatjana Lukina
Präsidentin MIR

Nur wer selbst mit Kulturarbeit in Berührung gekommen ist, kann ermessen, was es heißt, eine kulturelle Institution über einen so langen Zeitraum mit immer neuen Inhalten zu füllen und am Leben zu halten. Verdientermaßen erhielt sie dafür

  • 2006 die Puschkin-Medaille für Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung sowie der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker.
  • 2011 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Und Tatjana Lukinas Arbeit scheint mir nie wichtiger gewesen zu sein, als heute, denn sie vermag kulturell Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland leider wieder auf eine neue Eiszeit zuzusteuern scheint. Als gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1958, stimmt mich das besonders traurig, noch zu präsent ist mir das Schreckensszenario meiner Kindheit, das da lautete: „wenn der Russe kommt …“.

Die Gründung von MIR fiel mit dem Fall der Sowjetunion zusammen, auf die eine kurze Phase politischen Tauwetters folgte. Der bedrohliche Russe meiner Kindheit schien endgültig Makulatur. Um die Jahrtausendwende setzte sogar ein kurzer Putin-Hype in Deutschland ein, schließlich wirkte er drahtig, beherrschte eine asiatische Kampfsportart und sprach sogar fließend Deutsch … Nun fällt Volkes Meinung ja gerne von einem Extrem ins andere und so ist zwischenzeitlich wieder viel Porzellan zertrümmert worden, international, quer durch alle politischen Lager und insbesondere seinerzeit seitens der Bush-Administration. Inzwischen genügt es hierzulande, lediglich für eine ausgewogenere Berichterstattung in puncto Russland/Putin zu plädieren, um einen halben Shit Storm im Netz auszulösen. Um so härter muss es für Tatjana Lukina sein, in solcherart Stimmungslage unbeirrt russische Kultur auf hohem Niveau zu präsentieren …

Tatjana Lukina bei einer Anmoderation im "Riesensaal" von Schloß Ehremburg im Rahmen des Festival russischer Kultur am 3./4.9.2016, Coburg

Tatjana Lukina, Gründerin und Präsdidentin von MIR, bei einer Anmoderation im „Riesensaal“ von Schloß Ehrenburg, im Rahmen des Festivals russischer Kultur am 3./4.9.2016 in Coburg

Leider fühlen sich viele Menschen im Moment, so scheint es mir, auf Grund ihrer Ablehnung gegenüber der Politik Putins auch zu einer Ablehnung Russlands insgesamt genötigt.  Dabei wird leicht übersehen, dass ganz Europa historisch verwoben ist, so auch, beispielsweise, die russische Geschichte mit der bayerischen. So hat MIR im Jahr seines 25. Jubiläums konsequenterweise eine kulturhistorische Spurensuche ausgerufen:

Schirmherr des Festivals: Der Coburger Oberbürgermeister Norbert Tessner (SPD)

Schirmherr des Festivals: Der Coburger OB Norbert Tessner (SPD)

Bereits Anfang September lud MIR zu einem Kulturwochenende nach Coburg. Anlass war der 140. Geburtstag von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876 – 1936), der späteren Großfürstin Victoria Fjodorowna von Rußland. Diese Dame blickt auf eine  Vita zurück, die bezüglich ihrer Dramatik Caroline von Monaco und den gesamten Grimaldi-Clan – damals wie heute – blass aussehen lässt. Victoria, eine der zahllosen Enkel_Innen von Europas Queen Victoria, verlor schon früh ihr Herz an den russischen Großfürsten Kyril Romanov, ein Cousin. Auf Grund dieser familiären Verhältnisse verbot sich laut dem orthodoxen Glaubenskodex eine Ehe. Stattdessen heiratete sie in das Haus Hessen ein. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor. Diese Ehe jedoch nicht glücklich.

Victoria Melita mit ihrem ersten Mann, Großherzog Ludwig von Hessen

Victoria Melita mit ihrem 1. Mann Großherzog Ludwig von Hessen

Als Victoria ihren Mann schließlich in Flagranti mit einem Kammerdiener ertappte, trennte sie sich von ihm, ein für damalige Zeiten unerhörter Schritt. Dennoch blieb ihr zunächst eine Scheidung verwehrt, maßgeblich seitens ihrer mächtigen englischen Großmutter, der eine Scheidung in der Familie als „no go“ galt. Erst nach deren Ableben erfüllte sich für Viktoria ihr Herzenswunsch und sie wurde Kyrils Frau Vicoria Fjodorowna, Großfürstin von Russland und später Zarin im Exil. „Prinzessin Ducky, eine Europäerin mit drei Schicksalen“ lautete der Titel der ihr gewidmeten literarisch-musikalischen Lesung, der der Oberbürgermeister, Norbert Tessner (SPD), beiwohnte, der auch die Schirmherrschaft des Festivals, das bereits zum dritten Mal in in Coburg stattfand, übernommen hatte.

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für ihren Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für den Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Um Schicksalsschläge und die Dramatik großer Gefühle ging es auch in den weiteren Programmpunkten. Einer davon war die weltberühmte Liaison des jungen Rainer Maria Rilke mit der älteren Russin Lou Andreas Salome, die in einer Collage aus historischen Dokumenten und Briefen von Schauspielerin Karin Wirz und ihrem Partner intensiv nachempfunden wurde. Für mich noch spannender, weil mir das Thema dank der Biografie von Gunna Wendt: Lou Andreas Salome und Rilke, „Eine amour fou“ bereits vertraut war. »War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist« schrieb diese starke Frauenpersönlichkeit an ihren Geliebten. Als aus ähnlich hartem Holz geschnitzt erwies sich auch die St. Petersburger Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitskaja. Ihretwegen drehte sich Walzerkönig Johann Strauß Sohn, normalerweise ein notorischer Frauenheld, regelrecht im Karree  und schrieb ihr 100 Liebesbriefe.

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Dieser weiteren Romanze hauchten Anna Sutyagina und Artur Galiandin an diesem Abend Leben ein.

Der bedingungslosen Hingabe, mit der Ehefrauen ihren Männern zu Weltruhm verhalfen und dabei selbst weitgehend im Schatten blieben, widmete sich die Lesung aus dem Buch „Am Anfang war die Frau“ von Tatjana Kuschtewskaja, wobei mich während der Lesung die Frage beschäftigte, inwieweit diese Bedingungslosigkeit der Tatsache geschuldet war, dass sich Frauen damals nur über ihren Ehegatten definieren konnten und ihnen daher gar keine andere Wahl geblieben war.

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Nicht zufällig trugen Frauen früher die Titel des Gatten mit im Namen.  In ihrer Reihe biografischer Miniaturen kommt Tatjana Kuschtewskaja auch auf die unglückliche Liebe von Antonina Iwanowna Miljukowa zu sprechen, die eine aussichtslose Leidenschaft zu dem großen Pyotr Iljitsch Tschaikowski hegte. Zwar mündete ihre Liebe 1877 in eine Ehe, doch war auf Betreiben des Komponisten von Anfang an vereinbart, dass beide lediglich „in geschwisterlicher Verbundenheit“ zusammenleben würden. Dennoch verließ Tschaikowski bereits nach drei Monaten das eheliche Heim. Tschaikowski, dem sich auch die abschließende Soirée „Tschaikowski und der Kini“ widmete, war aller Wahrscheinlichkeit nach schwul und daher zu einem Doppelleben gezwungen, das sein nach außen hin so erfolgreiches Leben dramatisch überschattete, bis zu seinem unerwarteten und Geheimnis umwitterten Tod. Hierzu fasst Wikipedia zusammen:

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowski starb überraschend im Herbst 1893, im Alter von 53 Jahren in St. Petersburg. Wenige Tage zuvor hatte er noch seine Pathétique dirigiert. Die Todesursache konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. (…) Die eine besagt, er habe sich mit der damals in St. Petersburg grassierenden Cholera, infinziert, als er ein Glas unabgekochten Wassers (…) trank.  (…)  Nach der anderen These hat sich Tschaikowski mit Arsen vergiftet (…) Angeblich war er von einem „Ehrengericht“, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, an der er selbst studiert hatte, mit dem Hinweis auf seine Homosexualität aufgefordert worden, sich das Leben zu nehmen. 

Auf beide Thesen ging Artur Galiandin in der Soiree ein; eine von vielen historischen Randnotizen, die mir während des Kultur-Wochenendes in Coburg begegneten und sehr berührten, sind es doch solche Details, die Geschichte wieder nachvollziehbar in Form lebendiger Geschichten machen. Nicht mehr und nicht weniger strebt auch unser Team bei der Produktion von jourfixe-Collagen an, mit einem Konzept, das dem von MIR-Präsidentin Tatjana Lukina sehr nah kommt. Sie wolle Wissen vermitteln, dies aber auf eine unterhaltsame Art und vor allem dabei im Publikum auch Emotionen wecken, erklärte sie mir. Gerade letzteres Anliegen teile ich und finde es bei MIR-Veranstaltungen immer wieder wunderbar umgesetzt, nicht zuletzt auf Grund der Musik-Beiträge, die fester Bestandteil von Lukinas Programmen sind, zu denen sie auch stets selbst das Skript formuliert; ein zusätzlicher kreativer Kraftakt, den Lukina auch dank eines festen Ensembles aus versierten Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig stemmt. Dank dieser festen Konstante wirkte die breit aufgestellte Themenpalette des Festivals wohltuend „wie aus einem Guss“ und sorgte auch jenseits der Veranstaltungen für eine familiäre Bindung zwischen dem künstlerischen Ensemble und dem mitgereisten Teil des Publikums, weitgehend MIR-Stammpublikum, wie mir schien. Grundsätzlich erlebe ich das Umfeld von MIR wie eine große Familie, die sich in regelmäßigen Abständen, vor und auf der Bühne, der russischen Kunst und Kultur widmet.

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen:

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen: v. li.: Anna Sutyagina, Frits Kamp, Maria Belanovskaya, Vladimir Panteleev, Ekaterina Medvedeva, Arthur Medvedev, Alexej Kudryashov, Michael Tschernov und Cornelia Pollak

Flair „für mau“ bot der Veranstaltungsort selbst, das prächtige Schloss Ehrenburg in der Coburger Altstadt. Oft verströmt das Interieur von Schlössern tote Pracht. Nicht so die Räumlichkeiten dieses Schlosses, in dem ich mir am Sonntag Vormittag in der Künstlergarderobe einen improvisierten Arbeitsplatz geschaffen hatte.

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art ...

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art …

Vom Aufenthaltsraum aus, in dem barockes Weiß, Silbergrau und Gold dominierten, führten verschachtelte Gänge in immer neue Räume, ausgekleidet in farblich wechselnden Seiden-Tapeten, ausgestattet mit großformatigen Portraitbildern in Öl, die von anderen Zeiten erzählten, deren Sitten und Moden.

Schauspielerin Cornelia Pollak vor illustrer Kulisse

Schauspielerin Cornelia Pollak

Die Werke, unter denen Bassbariton Frits Kamp auch einen Rembrandt vermutete, wie mir meine improvisierte Schlossführerin, Schauspielerin Cornelia Pollak berichtete, zeigten hochwohlgeborene Familien, die einst hier wohnten, lebten und natürlich auch ausgiebig – sonst wären einige von ihnen nicht Protagonist_Innen eines russischen Festivals – liebten …

Schloss Ehrenburg

Schloss Ehrenburg

Später setzte ich meinen Rundgang alleine fort, wann hat man schon ein ganzes Schloss für sich, von dem Gefühl begleitet, die früheren Bewohner_Innen seien nur eben einmal ausgeritten und bald wieder zurück.

Auch als Kulisse für die Vorstellungen erwies sich der Ort als kongenial, besonders bei Auftritten von  Sopranistin Tatjana Furtas, deren Roben sich optisch perfekt in das Gesamtbild einfügten.

Arthur Medvedev, Tatjana Furtas, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva

Arthur Medvedev, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva Tatjana Furtas

Lichtregie führten die Tages- und Abendzeiten, die den Festsaal in wechselnde aber stets intensive Stimmungen tauchten. Neben den Darbietungen selbst faszinierte mich auch die Atmosphäre Backstage, zwischen den Veranstaltungen. Meine Eindrücke habe ich vor Ort festgehalten: Glockenhelle Sopranstimmen, vereinzelte Klavier-Klänge aus dem Festsaal, von anderswo her vernehme ich Fragmente russischer Volksmusik, russische Sprachfetzen mischen sich unter deutsche Konversation, hier geht jemand noch seinen Text durch, dort wird gebügelt, die typische Backstage-Szenerie in Barock-Version, heimelig in das schummerige Licht eines verregneten Mittags getaucht. Das ist meine – Künstler – Welt, hier fühle ich mich ganz bei mir …

Das "Stille Örtchen" anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett ...

Das „Stille Örtchen“ anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett …

Entsprechend melancholisch war mir während der Heimfahrt zumute, zumal die beständige Abfolge von Programmen während der beiden Festival-Tage eine Art poetischen Sog entwickelt hatten, den ich nun jäh vermisste. Nach zwei hauptsächlich in den Gemächern eines Schlosses, mit Geschichten aus vergangenen Zeiten und klassischer Musik verbrachten Tagen, kam ich mir vor, als würde ich nach einer durchzechten Nacht in das grelle Licht der Realität zurück kehren. Gnädigerweise zeigte sich der Himmel allerdings wolkenverhangen und der Vorplatz des Schlosses hatte sich in eine Budenlandschaft mit kulinarischen Angeboten von A bis Z verwandelt, was mir den Weg zurück in die Sachlichkeit des Alltags erleichterte. Während der Bus sich ein letztes Mal einen Weg durch die Altstadtgassen bahnt, fühle ich mich, abgesehen von einer leisen Melancholie, glücklich und erfüllt.

Das Coburger Festival endete mit einem berühmten Zitat von Tschaikowski:

Musik beginnt dort, wo Worte enden …

Ein Seele und Geist bereicherndes Wechselspiel, das an diesem September-Wochenende, 24./25.9.2016, im Münchner Kulturzentrum Gasteig fortgesetzt wird:

2016_09_24_mir_russisches_bayern_gasteig

Wieder hat Tatjana Lukina mit ihrem Ensemble und einigen Gästen aus Kunst und Kultur ein opulentes Programm für zwei Festival-Tage vorbereitet, zur Feier des 25. Jubiläums bei freiem Eintritt! Auch hinsichtlich dieses Programmes bleibt MIR sich treu; erzählt in der Veranstaltung: „Ein Schwiegersohn für den Zaren“ von der Romanze von Maximilian Herzog von Leuchtenberg (1817-1852) – Sohn von Napoleons Stiefsohn, Eugène de Beauharnais und Enkel des ersten bayerischen Königs Maximilian I. – und der Tochter des Zaren Nikolaus I., Großfürstin Maria Romanowa (1819-1876). Mit ihrer Heirat 1839 gründeten sie die einzige bayerisch-russische Dynastie (…)

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Ebenfalls in München unterschrieb ein Russe zum ersten Mal mit einem Pseudonym: Lenin! Über seinen zweijährigen Aufenthalt in unserer Stadt berichtet die Lesung: „Wladimir Uljanows (Lenin) Exil in München“. Weitere Veranstaltungen sind so unterschiedlichen russischen Persönlichkeiten gewidmet, wie Väterchen Timofej, bekannt, bis zu seinem Tod 2004, als DER Eremit von München oder Alexander Schmorell (seit 2012 Hl. Alexander von München). Über sein Leben und Sterben berichtet  der Dokumentarfilm  „Widerstand der Weißen Rose„. An der Diskussion nach dem Film nimmt u. a. der Biograf von Schmorell, Dr. Igor Chramow (Orenburg) teil. Regie: Sergej Lintsow und Roman Saulskij, Direktor Alexej Egorytschew (Filmgesellschaft „Sozwezdije Kino“, Produzent Wadim Aslanjan, 2015).

Samstag, 24.9. 16.00 Uhr Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

MIR präsentiert: SA, 24.9. 16 Uhr, Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig
Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

Selbstverständlich stehen auch Portaits russischer Frauen wieder im Mittelpunkt: Besonders schöne, wie UFA-Star Olga Tschechowa, besonders Geheimnis umwitterte, wie Anna Anderson-Manahan, die als angebliche Zarentochter Anastasja weltweit für Aufsehen sorgte oder besonders begabte, wie Malerin Marianne von Werefkin in dem Dokumentarfilm „Ich lebe nur durch das Auge“ von Stella Tinbergen, mit Lena Stolze in der Hauptrolle … Alle Programmpunkte finden sich im virtuellen MIR-Flyer

Russische Spuren in Bayern

Am Ende meiner Ausführungen zu 25 Jahren MIR und den damit verbundenen aktuellen Festivitäten, gestatte ich mir aus dem Grußwort des damaligen Generalkonsuls der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, zu zitieren, geschrieben 2010, für die Festschrift zum 20jährigen MIR-Bestehen:

Mich als Generalkonsul der Ukraine in München freut es sehr anzumerken, dass viele kulturelle Veranstaltungen und Gedenkabende der Ukraine gewidmet waren. (…) Viele haben noch in Erinnerung: Gogol-Tage in München, die unter der Schirmherrschaft der ukrainischen und russischen Generalkonsule durchgeführt wurden und dem 200 Geburtstag des Schriftstellers gewidmet waren. Mein besonderer Dank gilt für die Aufführungen der ukrainischen Theater(Stücke), die dank Ihren Bemühungen auf den angesehenen Theaterbühnen Münchens vorgestellt werden konnten. Heute setzen Sie Ihre mühsame Arbeit zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen fort. Die neuen Ideen, Veranstaltungen und Publikationen gewährleisten eine lebendige Verbindung zwischen den Ländern, Zeiten und Kulturen.

Hier findet sich auf den Punkt gebracht, was Kultur leisten kann und das Team von MIR, allen voran Tatjana Lukina, über ein Vierteljahrhundert geleistet hat und hoffentlich noch lange leisten wird,  wenn es sich mit Veranstaltungsreihen und Publikationen wie „Russische Spuren in Bayern“ und „Das russische München“ (beide von MIR), auf die Spuren dessen begibt, was uns verbindet und uns hier in München am vielfältigen Erbe der Kulturnation Russland teilhaben lässt.

Samstag, 24.09.
Sonntag, 25.09.
„Das russische Bayern“


Festival des russischen Kulturzentrums MIR
aus Anlass des 25. Jubiläums

Vortragssaal der Bibliothek/Gasteig

Details s. auch     jourfixe–News

Programm

Eintritt frei!

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Das russische München“
ISBN: 978-3-98-05300-9-5

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 22,-

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Russische Spuren in Bayern“
ISBN: 3-9805300-2-7

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 20,-

Fotos: Raissa Konovalova, Elena Weich/MIR und Gaby dos Santos

Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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