Valentin trifft Asche – Gedanken, Fakten und Legenden zum heutigen Tag doppelter Vergänglichkeiten: Valentinstag & Aschermittwoch

Aschermittwoch UND St. Valentin an einem Tag! Soll ich mich denn nun heute, wie jedes Jahr, mit dem Motto aus Genesis 3, 19 auseinandersetzen: „Gedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst …“ ? Oder mit dem herrlichen Phänomen des, wissenschaftlich nachgewiesenen, akuten geistigen Rausches, das sich „Liebe“ nennt und rosarot durch unser Leben spukt? Doch verbindet beide Termine tatsächlich ein gemeinsamer Nenner: Sie stehen auf „Du per Du“ mit der Vergänglichkeit.

Inzwischen eine Institution bei ALLEN Parteien: Der Politische Aschermittwoch; Hier eine Kundgebung der SPD 2017, in Vilshofen an der Donau, Quelle Wikipedia

Desweiteren gilt für beide Termine, dass sich ganze Branchen die Hände reiben, angesichts des heute zu erwartenden Stroms an trinkfreudigen Gästen, des reißenden Absatzes an Fischgerichten und roter Rosen. Derweil blüht die Politik zu rhetorischer Hochform auf und so manche noch nicht – oder lange nicht mehr – ausgesprochene Liebe verlangt nach rosigem Bekenntnis, wovon nun wieder der Blumenhandel sowie Mon Chéri & Co. profitieren.

Somit dokumentiert der heutige Tag in doppelter Hinsicht den widersprüchlichen Umgang mit unserem „christlich-abendländischen“ Erbe, das wir ganz selbstverständlich dem Kommerz überlassen, während wir selbst die Trennung von Kirche und Staat sowie eine säkulare Lebensweise propagieren. Da lohnt es, spirituell, wie historisch, einmal einen Blick zurück auf den Ursprung sowohl von Aschermittwoch, wie auch des Valentin-Tags zu werfen:

Symbolische Verkörperung der Fastenzeit beim Karneval, Teilansicht eines Gemäldes von Pieter Brueghel dem Älteren

Seit dem 4. Jahrhundert leitet in der Westkirche der Aschermittwoch die Fastenzeit ein. die an die 40 Tage erinnert, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbrachte (Mt 4,2 EU), und auf Ostern vorbereiten. Höhepunkt des katholischen Gottesdienstes an diesem Tag ist das Auftragen eines Aschenkreuzes auf die Stirn der Gläubigen, wobei der Pfarrer für jeden einzeln den biblischen Spruch „Gedenke Mensch …“ wiederholt. Der Empfang des Aschenkreuzes zählt zu den heilswirksamen Zeichen, den Sakramentalien. Mehrfach habe ich selbst dieses Aschenkreuz empfangen, im Rahmen des Aschermittwochs der Künstler, der in München alljährlich von Reinhard Kardinal Marx gehalten wird. Zurück geht dieser Brauch auf den katholischen französischen Schriftsteller Paul Claudel, „der nach dem 2. Weltkrieg verschiedene Künstler in Paris zum Gedankenaustausch einlud. Der Kölner Kardinal Frings schloss sich der Idee an. Seither treffen sich am Aschermittwoch in vielen europäischen Städten Bischöfe, Seelsorger, Gläubige und Künstler. Gemeinsam beginnen sie die Zeit der Besinnung und Buße“. erläutert der Bayerische Rundfunk auf seiner Homepage und überträgt das Hochamt traditionell aus dem Münchner Liebfrauendom, am heutigen 14. Februar, um 16 Uhr im BR-Fernsehen.

Ein Tag der Rückbesinnung auf Buße, für das die Asche schon im Alten Testament steht:

  • „Ich richtete mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn mit Gebet und Flehen, bei Fasten in Sack und Asche, zu bitten.“– Dan 9,3

    Titelbild zu meinem jourfixe-Blogbeitrag „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist …“  mit Eindrücken vom Aschermittwoch der Künstler im Münchner Liebfrauendom 2015

Diese alljährliche Rückbesinnung auf die Vergänglichkeit erinnert mich wohltuend daran, dass Leben und Tod eine Einheit in meinem spirituellen Selbstverständnis bilden sollten, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, das zu akzeptieren, nicht zuletzt und gerade weil unsere Spaß-Gesellschaft dem Sensenmann gerne mal die Tarnkappe überstülpt.

Auf den Tod, nämlich den Märtyrertod, geht auch die Verehrung für mehrere, später heilig gesprochene Märtyrer namens „Valentin“ zurück, die mit diesem Tag in Verbindung gebracht werden. Wikipedia berichtet dazu: „Der 14. Februar wird als Valentinstag in verschiedenen christlichen Konfessionen gefeiert. Beispielsweise gilt er als Gedenktag im Heiligenkalender der anglikanischen Gemeinschaft. Darüber hinaus wird das Fest des Heiligen Valentin auch im Heiligenkalender der lutherischen Kirche aufgeführt. Bei der Revision des römisch-katholischen Heiligenkalenders im Jahre 1969 wurde jedoch der Festtag für St. Valentin am 14. Februar aus dem Römischen Generalkalender entfernt. In manchen Regionen, Diözesen und Ordensgemeinschaften wurde der Festtag in deren Eigenkalender aufgenommen (z. B. Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet)“.

Geoffrey Chaucer, Autor von, abgebildet als Pilger im „Ellesmere-Manuskript, ca. 1410

Es wird spekuliert, dass die erste Verbindung mit dem 14. Februar als Fest der Liebe auf Geoffrey Chaucers „Parlement of Foules“ (1382) zurückgeführt werden könne. Chaucer dichtete den Vers:

„Es geschah am Valentinstag
Als jeder Vogel kam, um seinen Partner zu wählen.“

Dieses hübsche Wortbild kann aber wohl nur sinnbildlich gemeint sein, denn Gesang und Paarung der Vögel Mitte Februar bringt in unseren Breitengraden noch nicht einmal die Erderwärmung zustande!

Die erste Beschreibung des 14. Februar als jährliches Fest der Liebe erscheint in der Charter of the Court of Love. Sie beschreibt große Festlichkeiten, mit denen ein opulentes Festmal, Wettbewerbe von Liebesliedern und -poesie einhergingen, sowie Turnierkämpfe und Tanz. Da jedoch zu diesem Ereignis keine weiteren Aufzeichnungen existieren, handelt es sich hierbei wohl um reines Wunschdenken, während die Große Pest vom Kontinent aus immer näher rückte …

Charles de Orléans im Wappen– und Statutenbuch des Ordens vom Goldenen Vlies (Den Haag, KB, 76 E 10, fol. 57r)

Das älteste erhaltene Werk zum Valentinstag ist ein Rondeau von Herzog Karl von Orléans aus dem 15. Jahrhundert an seine Frau, das wie folgt beginnt:

„Ich bin schon krank vor Liebe,
meine süße Valentine,“

– Karl von Orléans: Rondeau VI, Zeilen 1–2 (Quelle Wikipedia)

 Im Jahre 1797 brachte ein britischer Verleger das Werk The Young Man’s Valentine Writer heraus, das viele sentimentale Verse für junge Liebhaber enthielt, die selber keine eigenen zu dichten vermochten und somit begannt der – auch kommerzielle – Siegeszug des Valentintags als verallgemeinerndes Sprachrohr der Liebe. Der Umsatz an Valentinskarten stieg mit jedem Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert, man sagte „es“ auch mit Blumen und ist inzwischen vielfach zur virtuellen Liebeserklärung übergegangen.

Der Valentinstag steht für die Besiegelung von Liebe, als fragiles, leicht vergängliches Gut ebenso, wie für den Traum der Großen Liebe, als Notausgang der Seele.

In jedem Fall werden die Kassen weiter klingeln zum Valentinstag und auch zum ersten Tag der Fastenzeit … Ach Mensch, gedenke doch …!


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Große Musik in Taschenformat – PROGNOSTIC, die neue Progressive-Rockband überzeugt im Wohnzimmer

„Es ist Musik, die fortschreitet. Sie nimmt eine Idee und entwickelt sie, statt sie einfach zu wiederholen. Pop-Songs bestehen aus Wiederholung, Riffs und Einfachheit. Progressive Musik nimmt ein Riff, kehrt sein Inneres nach Außen, stellt es auf den Kopf, spielt es dann wieder andersherum und erkundet so sein Potenzial.“ So beschreibt der Musiker Keith Emerson  das von ihm mitgestaltete Genre „Progressive Rock„.

Musiker Keith Emerson 2010 bei einem Auftritt, Foto > Quelle

Ehrlich gesagt war mir bis dahin diese Musik aus meiner Jugend zwar bekannt, aber nie wirklich ein Begriff gewesen, bis mich Artur Silber, seines Zeichens Rock-Schlagzeuger, Studiobesitzer, Musikverleger und (PR)Manager vor einiger Zeit anrief.

Artur Silber, musikalisches Urgestein und Drummer u.a. von PROGNOSTIC

Überraschung und Freude auf meiner Seite. Überraschung, weil wir eine gefühlte Ewigkeit nichts von einander gehört hatten. Freude, weil ein Anruf von Artur, der sich in einem Feature der Jüdischen Allgemeinen selbst als „musikalisches Urgestein der Münchner Szene“ bezeichnete, auf jeden Fall was Spannendes versprach. Was mochte dieser kulturelle Tausendsassa da wohl wieder am Köcheln haben?

Unter dem was er dann berichtete, konnte ich mir zunächst nicht wirklich etwas vorstellen; vom Pressetext her klang das neue Bandprojekt allerdings vielversprechend: Mit PROGNOSTIC hat Münchens Bandszene ein neues Flaggschiff: Die vierköpfige Formation lädt bei ihren Konzerten ein zu einer musikalischen Hommage an den „Progressive Rock“ der 70er – vom Magazin Musikexpress als „Königsklasse der Rockmusik“ bezeichnet. Musik wie ein Sog aus geballter Leidenschaft und hoher Musikalität. Rockmusik also, in Zwischentexten kommentiert von einem versierten Rock-Journalisten und präsentiert im Wohnzimmer des Keyboarders. Der Hinweis auf einen kleinen privaten Rahmen, in dem ein ganzes Rockkonzert stattfinden sollte, ließ mich aufhorchen, beschwor doch gerade diese Musikrichtung Lautstärke, sehr viel Lautstärke, lange Haare, sehr lange Haare, sehr lässige Klamotten, viel Bier und riesige Hallen vor meinem Inneren Auge herauf – das Erscheinungsbild der Rebellion meiner Generation wider dem Establishment. Wie sich dies alles auf das Format eines Wohnzimmers würde zusammenfalten lassen, interessierte mich brennend.

Gaby dos Santos vor der Uraufführung von PROGNOSTIC im Wohnzimmer von Martin Stellmacher (Keyboards/Voc)

Zu Recht: Die Uraufführung, die ich in der Wohnzimmeratmosphäre bei Martin Stellmacher erlebte, dem Keyboarder der Band, entsprach dem so oft beschworenen und selten erreichten Revival eines klassischen Salonabends  in modernem Gewand: Gepflegtes Ambiente, konzentriertes Publikum und eine Interpretation auf hohem künstlerischem Niveau, allerdings nicht, wie Anno dazumal, dargeboten von der Dame des Hauses oder der Höheren Tochter, sondern von einer, klanglich wie optisch, homogen auftretenden Band, mit einem Leadsänger, der, dank seines Hintergrunds auch als Musical-Interpret, die Songs intensiv interpretierte.

Unvergessene Kompositionen wie „Tarkus“ von Emerson, Lake & Palmer wechseln sich ab mit Songs u.a. von Genesis, Rush, Peter Gabriel und UK. Ein wertvolles Stück Musikgeschichte – episch, melodisch, bombastisch. Nicht geklont, aber spannend interpretiert!“ so der Info-Text zur Band. In der Tat. Auch, dass weniger oft mehr ist, fand ich hier eindrucksvoll bestätigt.

Die reduziert, akustisch spielende Besetzung, inklusive eines noch viel reduzierteren Drum Sets, brachten mir die Komplexität der Kompositionen so nah wie nie und fokussierte auf das ausgefeilte Spiel jedes einzelnen der Musiker, deren Erscheinungsbild dem gepflegten Joe Cocker der letzten Jahre sehr viel näher kam, als dem Langhaar/T-Shirt-Look unser aller Jugendjahre. Dazu äußert PROGNOSTIC auf ihrer Homepage: Was kann der Grund dafür sein, dass ein paar „ältere Herren“ nach 30 oder mehr Jahren Bühnenerfahrung und unzähligen Konzerten noch nicht genug haben und eine neue Band starten? Richtig: die Leidenschaft für Musik. (…) 

Die Perspektive, sowohl in Bezug auf den Musikstil, als auch auf die Band, richtet sich somit nach vorne. Auf der Startseite von PROGNOSTIC findet sich  ein bezeichnendes Zitat von US-Schauspieler William Shatner, alias „Captain Kirk“ des Raumschiffs Enterprise:

„I think that prog rock is the science fiction of music. Science fiction speculates on what the future might be and look like and how we’ll get there, and yet there’s always a central theme of humanity, or there should be. Progressive rock has the same concept of exploration into the parts of the music world that hasn’t been explored.” 

 

Michael Fuchs-Gamböck

Doch wurde bei der Uraufführung auch der Vergangenheit Tribut gezollt, anhand der musikhistorischen Erläuterungen und Reminiszenzen des Journalisten und Autors Michael Fuchs-Gamböck.  Dass hier ein gewichtiger Vertreter des Rock-Journalismus moderierte, erschloss sich schnell,  denn die persönlich erlebten Anekdoten, die er hier Revue passieren ließ, betrafen die FrontRow-Protagonisten der internationalen Rockwelt. Die Schilderung unterhaltsamer Kuriositäten wechselte ab mit Zitaten von Rockstars, deren Tiefe bewies, was für komplexe Individualisten, mit entsprechenden Klangbotschaften, sich hinter der Einheitsfassade einer rebellischen Musikbewegung verbargen – und immer noch verbergen. Zwar sind wir Rebellen von damals längst Teil des Establishments, doch dieses „immer noch“ in puncto musikalischer und lebensphilosophischer Refelktion besteht weiterhin.

PROGNOSTIC – Von links: Arno Baum (b), Martin Stellmann (p), Charles B. Logan (voc), Artur Silber (dr)

Musik, Interpreten und Publikum sind gereift. Jenseits von Berufsjugendlichen und dem so viel beschworenen Zielpublikum der 20 bis 49jährigen, gibt es uns, das große ergraute Potential an Zuschauern –

Progressive Rock in Pocket Format

Und wir sind gerne bereit, in Eintrittsgelder zu investieren, die uns Acts mit der Art von Musik bieten, mit der wir groß geworden sind, die sich aber im Laufe der Jahre ebenso weiter entwickelt hat, wie wir, die wir von der Zahl her sicher weit mehr, als nur ein Nischenpublikum bilden. Hier würde ich mir mehr Mut seitens der Veranstalter wünschen und mehr Bereitschaft seitens staatlicher und städtischer Institutionen, sich mit dieser Form von Musik intensiver auseinander zu setzen und sie als kulturelles Gut zu fördern. Weil sie die Gründung eines Rockmuseums planten, sprachen die RockliebhaberInnen Gabi und Herbert Hauke vor Jahren bei dem Vertreter einer Kulturbehörde vor und bekamen sinngemäß zur Antwort, München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige. Zugegebenermaßen befindet sich besagter Mitarbeiter nicht mehr im Amt und das Rockmuseum längst im ersten Stock des Münchner Olympiaturms, aber auch weiterhin in privater Hand des Ehepaar Hauke, auf deren Risiko und Kosten. Exemplarisch?

Da nun mit dem Schwabinger Podium  auch das letzte Traditionslokal im Herzen Münchens für speziell diese Musikrichtung geschlossen hat, wählte die Band PROGNOSTIC für ihre Welturaufführung das Taschenformat und schaffte damit quasi ein neues Hörerlebnis innerhalb der Rockmusik. Hoffentlich wird dieses anspruchsvolle Projekt auch von kulturellen EntscheidungsträgerInnen wahrgenommen und dahingehend gewürdigt , dass auch dieses Genre gefördert und dadurch wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird, durchaus auch in konzertantem Rahmen, um den Facettenreichtum dieser Musik richtig zur Geltung kommen zu lassen, als vielschichtiges Musikangebot, dass sich im Übrigen keinesfalls nur an NostalgikerInnen aus unserer Generation wendet!

Welcome back my friends to the show that never ends … (Greg Lake)


The Show Goes On: Artur Silber vor dem Plakat zum nächsten Gig

… und da die Show nicht endet, geht sie schon nächsten Monat hochkarätig weiter:

27. und 28. Februar, Einl. 20.30 Uhr, Beginn 21 Uhr

im NightClub, Bayerischer Hof  > Reservierungen/Details

Martin Fuchs-Gamböck wird mit seinen Zwischenmoderationen weiterhin an einer Reihe der PROGNOSTIC-Konzerte teilnehmen.

Auch für private Veranstaltungen in den eigenen vier Wohnzimmerwänden kann die Band gebucht werden..

Über alle weiteren Termine informiert die PROGNOSTIC-Homepage, unter „wann“


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„Gedenke, Mensch, dass du Staub bist …“ Eindrücke vom Aschermittwoch der Künstler und vom Besuch des ehemaligen „Führerbaus“

 Gedenke Mensch, dass du Staub bist, und wieder zum Staub zurückkehren wirst. (Genesis 3, 19)

Ein Militärdekan, Monsignore Joachim Simon, zeichnete mir am diesjährigen Aschermittwoch im Münchner Dom das Aschenkreuz auf die Stirn und sprach dabei obigen traditionellen biblischen Vers, der die Vergänglichkeit symbolisiert …

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Das traditionelle Aschenkreuz symbolisiert die Vergänglichkeit

Mit diesem Spruch verbinden sich sowohl meine Erlebnisse vom Aschermittwoch, wie auch die vom darauffolgenden Abend, obgleich beide auf ersten Blick sehr unterschiedlich angelegt waren: Ganz im Zeichen einer katholischen Tradition stand der Aschermittwoch der Künstler, in der Sanitätsakademie der Bundeswehr und im Münchner Dom, während mich der Donnerstag Abend in den ehemaligen „Führerbau“ in der Arcisstraße 12 führte. Den gemeinsame Nenner bildete für mich der Aspekt der „Vergänglichkeit“, der sich als roter Faden durch beide Ereignisse zog.

Seit dem 4. Jahrhundert leitet der Aschermittwoch  die Fastenzeit ein. Höhepunkt des katholischen Gottesdienstes ist dabei das Auftragen eines Aschenkreuzes auf die Stirn der Gläubigen, wobei der Pfarrer für jeden einzeln den biblischen Spruch „Gedenke Mensch …“ wiederholt. Obgleich protestantisch, ist mir inzwischen dieses Ritual ans Herz gewachsen, denn es erinnert mich jeden Aschermittwoch erneut an die Vergänglichkeit und ruft somit auch zu mehr Gelassenheit gegenüber weltlichen Fragen und Zielsetzungen auf. Und es lädt mich ein, bewusster das zu schätzen, was mir im Augenblick gegeben ist.

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Bildausschnitt eines der monumentalen Grabmäler auf dem Alten Südlichen Friedhof in München  (Foto: Werner Bauer)

Die Rückbesinnung auf die Vergänglichkeit erinnert mich zugleich daran, dass Leben und Tod eine Einheit in meinem spirituellen Selbtverständnis bilden sollten, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, das zu akzeptieren, nicht zuletzt weil unsere Spaß-Gesellschaft dem Sensenmann gerne mal die Tarnkappe überstülpt. „Der Tod gehört zum Leben,“ äußerte Bischofsvikar Graf zu Stolberg in einem O-Ton zu meiner Collage über den Alten Südlichen Friedhof. Eine treffende Aussage gerade in Zusammenhang mit einem Ort, an dem sich Grabstätten einst einen regelrechten Wettstreit in puncto Kolossalität lieferten, um nun langsam aber sicher vor der Zeit zu kapitulieren. Den einen oder anderen Eigentümer hätte mein Enkel bei unserem ersten Friedhofsbesuch am liebsten ausgebuddelt, um nachzugucken, was von ihm „übrig“ sei …

Je besser es mir gelingen wird, Vergänglichkeit und Tod als unabänderliche Komponenten meines Lebens anzunehmen, umso leichter werde ich mich damit abfinden und hoffen können. Ein berühmter Cartoonist, sein Name ist mir entfallen, bezeichnete den Tod einmal als Grenzbeamten am Übergang in eine andere, bessere Welt. Ein schöner Gedanke, finde ich, und der Aschermittwoch ist eine gute Gelegenheit, sich dessen zu besinnen.

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Grabmal auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Foto: Werner Bauer)

Dabei kommt mir der  Aschermittwoch der Künstler entgegen, den alljährlich die Erzdiözese München-Freising organisiert. Zurück geht dieser Brauch auf den katholischen französischen Schriftsteller Paul Claudel. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er eine Begegnung katholischer Künstler ins Leben, eine Initiative, die vielerorts von katholischen Kirchen aufgegriffen wurde und sich bis heute erhalten hat. Seit drei Jahren folge ich sehr gerne der Einladung der Erzdiözese, die bereits nachmittags mit einer Veranstaltung beginnt, in welcher der Begriff  „Vergänglichkeit“ mit aktuellen Themen verbunden wird. Dies führte uns im letzten Jahr in die historischen Räumlichkeiten der Münchner Anatomie und dieses Jahr in die Sanitätsakademie der Bundeswehr. Bilder im Spannungsfeld von Militär – Kunst – Religion lautete das diesjährige Motto.

Über diesen Themenbereich hatte ich bereits anlässlich des Blogs zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015 nachgedacht und machte mich umso gespannter – und in Pirelli-Männchen-Outfit den Wettern trotzend – auf den Weg zur Kaserne. Bereits am Hartof, auf der Suche nach der Bushaltestelle, erhielt ich Verstärkung durch weitere suchende Gäste in spe und traf dabei erfreulicherweise wieder einmal Christoph Schwarz, zuständig für Film, Comic-Kunst und Theater beim Kulturreferat München. Von ihm erfuhr ich, während der Ausweiskontrolle am Eingang der Kaserne, dass seine ehemalige Chefin Angelika Baumann (s. auch meinen Blog vom Sommer 2014) inzwischen als Friedensbeobachterin an der israelisch-palästinensischen Grenze tätig ist! Alle Achtung, Chapeau und viel Glück, liebe Frau Dr. Baumann!

In der Einlass-Zeit wurde im Hörsaal der Sanitätsakademie das Video „Protest“ der Medienkünstlerin und Malerin Monika Huber gezeigt. „Journalistische Berichterstattung hat sich in den letzten Jahren durch die Möglichkeit der Sozialen Medien und der schnellen Übermittlung von Bildern per Handytechnik gravierend verändert – als unbeteiligter Zuschauer hatte ich das Gefühl, mitten in die Auseinandersetzungen geraten zu sein. Das Video PROTEST ist eine filmische Arbeit zum Thema des täglichen Aufbegehrens und Widerstandes der Menschen, die sich für mehr Demokratie und Veränderung auf die Straßen begeben,“ so die Künstlerin im Info zur Veranstaltung. In ihrem vierminütigen, in Endlosschleife gezeigten Film waren ganz unterschiedliche Sequenzen von Protestaktionen zu sehen, via Handy aufgenommen und bewusst durch zusätzliche Unschärfe verfremdet.

Die einführenden Worte sprach Frau Generalstabsarzt Dr. Erika Franke, Kommandeurin dieser Kaserne! und aktuell ranghöchste Soldatin der Bundeswehr, gefolgt von Vertretern der Erzdiözese und der Militärseelsorge sowie von Wolfgang Küpper, Bayerischer Rundfunk, der auch die anschließende Gesprächsrunde moderierte.

In dieser äußerte u. a. Oberstleutnant Rufin Melletin, dass bei weiten Teilen der Bevölkerung der Anblick uniformierter Soldaten die Assoziation „da kommt der Krieg um die Ecke“ hervorrufe. Tatsächlich aber habe sich das Selbstverständnis der Truppe, im Gegensatz zur einstigen kriegerischen Verklärung, längst zu dem einer „Friedens“-Truppe gewandelt. Anliegen der Bundeswehr sei die Friedenssicherung, nicht der Krieg, was durch neue Bild- Kampagnen verstärkt zum Ausdruck gebracht werden solle. Angesichts seiner Ausführungen wünschte ich mir einmal mehr eine größere gesellschaftliche Aufgeschlossenheit den SoldatInnen und der Institution „Bundeswehr“ gegenüber.

Frauenkirche_David_Russo_Aschermittwoch_der_Kuenstler_Erzdioezese_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosIn diese Kerbe schlug auch Militärdekan Monsignore Joachim Simon, indem er speziell an uns Kunstschaffende appellierte, den Soldatinnen und Soldaten mit weniger Berührungsängsten gegenüber zu treten. Persönlich denke ich, dass Kunst- und Kulturschaffende, als Spiegelbilder der Gesellschaft, sich unbedingt mit deren Gegebenheiten intensiv befassen sollten. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch eine ausgewogene Auseinandersetzung mit unseren MitbürgerInnen in Uniform. Fesselnd fand ich Simons Schilderung der Lebensumstände der Truppen in den Einsatzgebieten. Dabei schilderte er auch, wie, trotz strikt vorgegebenem Säkularismus, das Kreuz bei Gedenkveranstaltungen nach wie vor für die Betroffenen wichtig sei, ganz gleich, ob im Protokoll vorgesehen oder nicht.

„Das „größte, bewegendste, intensivste Bild aber ist das Kreuz“, sagte Kardinal Reinhard Marx in seiner Predigt beim anschließenden Hochamt im Münchner Dom.. „Es ist Ausdruck der erlittenen Gewalt und der Heilung und der Versöhnung.“ Gerade in der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit „sind wir eingeladen, auf den Gekreuzigten zuzugehen, der unsere Kräfte freisetzt für die Liebe“.  (Zitat: Pressestelle/Erzbischöfliches Ordinariat)

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page006352_27678.aspx

Auf den Beitrag, den dabei Kunst und KünstlerInnen leisten können, kam Marx ebenfalls zu sprechen und nannte Picassos „Guernica“-Gemälde als prominentes Beispiel.

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Momentaufnahme aus der Performance von Choreograf David N. Russo am Aschermittwoch der Künstler in der Münchner Frauenkirche

Zuvor hatte der Choreograf David Russo

http://david-russo.com/

unter dem Titel Liebe ist stärker als der Hass – Kehre um und glaube“ ein internationales Tanztheaterprojekt mit 50 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 – 18 Jahren aus 10 Nationen aufgeführt, unter ihnen allein stehende Flüchtlingskinder. Den intensiven Emotionen, die das Zusammenspiel dieser jungen Menschen weckte, vermochte sich wohl kaum jemand der Anwesenden zu entziehen. Untermalt wurde die Tanz-Installation von wohltuend sparsam eingesetzter Musik; ungewöhnlich der dominierende Klang einer Flöte.

Als Wermutstropfen empfand ich, dass ich am anschließenden Abendmahl als Protestantin nicht teilnehmen durfte, was mir gerade  am Aschermittwoch ein besonderes Bedürfnis gewesen wäre. Ich fühlte mich, nach so vielen gemeinschaftlich erlebten, emotionalen Momenten plötzlich ausgeschlossen. Diesbezüglich hoffe ich auf ein Umdenken der katholischen Kirche irgendwann in nicht all zu ferner Zukunft.

jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosDie Lokalität am Donnerstag Abend zeugte ebenfalls von Vergänglichkeit – und von Neubeginn: Der PresseClub München hatte zu einer Führung in die Arcisstr. 12, der Hochschule für Musik und Theater geladen, unter dem Motto: „Vom Münchner Führerbau zur Wiege der Tonkunst“

„Thomas Manns Schwiegereltern Pringsheim residierten in einer Neo-Renaissance-Villa in der Nähe des Königsplatzes, damals Arcisstr. 12. Die Nationalsozialisten sahen im klassizistischen Rahmen dieses Platzes einen geeigneten Standort für ihre Selbstinszenierung und errichteten zwei 1937 eingeweihte zentrale Parteigebäude an der Kreuzung Arcisstr. Brienner Str. , das südliche für die Verwaltung, das nördliche als sogenannter „Führerbau“ für Hitler und seinen Stab – die heutige Arcisstr. 12. Nach 1945 war im ehemaligen „Führerbau“ zunächst das Amerika Haus mit dem Art Collection Point untergebracht, seit 1957 ist es das Hauptgebäude der heutigen Hochschule für Musik und Theater München.“ (Zitat Homepage PresseClub/Archiv)

http://www.presseclub-muenchen.de/veranstaltung-detail/fuehrung-arcisstr-12.html

20150219_190557Dr. Alexander Krause, Kanzler der Musikhochschule, lud zunächst zu einem einführenden Vortrag in das ehemalige Arbeitszimmer Adolf Hitlers. Ich glaube, uns alle überkam ein merkwürdiges Gefühl, als uns klar wurde, an welchem Ort wir uns tatsächlich befanden. Hier hatten 1938 Hitler, Mussolini, Daladier und Chamberlain das sogenannte „Münchner Abkommen“ unterzeichnet, unter der selben Lampe, die nun für uns den Raum beleuchtete! Der Kamin, die Holztäfelungen, das Parkett waren unverändert geblieben. Lediglich hatte man, wie überall im Gebäude, den ursprünglichen Raum etwas verkleinert. Dr. Krause berichtete, dass es bis heute Dozenten gäbe, die sich weigerten, in diesem Raum zu unterrichten! Persönlich empfinde ich es allerdings eher als eine Art Exorzismus, wenn sich gerade hier inzwischen junge Leute dem „Schönen Klang“ widmen.

Stilistisch verkörpert das Haus den marmorisierten Größenwahn nationalsozialistischer Architektur. Daher hatte man es seinerzeit auch, aus rein repräsentativen Erwägungen heraus, mit gleich zwei wuchtigen Eingängen ausgestattet und mit Endlosfluren. Auch für das leibliche Wohl der Gäste war reichlich gesorgt worden, durch eine große Küchenanlage im weitläufigen Untergeschoss, das später als Aufbewahrungsort für Raubkunst diente.

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Dr. Krause schilderte, wie die Münchner bei Kriegsende den Keller geplündert hatten und führte uns zur zerschossenen Stahltür des ehemaligen Kartoffelkellers, die buchstäblich von Kugeln durchsiebt worden war. Damals herrschten Mangel und entsprechender Pragmatismus, so dass wohl manches Kunstwerk aus diesen Katakomben als Füllmaterial für beschädigte Fenster endete. 1945 kamen die Amerikaner, wovon bis heute Graffittis an den Kellerwänden zeugen. Auf einem Graffitti listet ein G.I. sogar alle seine Kriegsetappen quer durch Europa bis nach München, in den Keller der Arcisstraße, auf! Ein in Stein gemeißeltes Zeitdokument der besonderen Art, ganz im Gegenteil zu eingeritzten Botschaften aus späteren Jahrzehnten, die schließlich dazu führten, dass man diesen Teil der Wand hinter Glas setzte.

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Im München des Dritten Reichs war der „Führerbau“ Teil eines großen Gebäudekomplexes im Besitz der Partei. Bei Bombenangriffen wurde er durch Tarnnetze geschützt, was vermutlich erklärt, warum ausgerechnet ein NS-Regierungskomplex, im Gegensatz zum Großteil der Münchner Altstadt, bis heute so gut erhalten ist – was für die Musikhochschule einige Probleme mit sich bringt: In ihren Zuständigkeitsbereich fallen auch die beiden ehemaligen „Ehrentempel“, einst NS-Kultstätten für die gefallenen Putschisten von 1923. Mit ziemlichem Aufwand ist nun die Musikhochschule verantwortlich für deren „kontrollierten Verfall …“ 

Allgemeine Informationen zum jourfixe-Blog sowie ein Link zur Übersicht aller bisherigen Blog-Beiträge finden sich unter:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe-muenchen_Blog.html

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