„Das Wichtigste im Jazz ist die Personality“ – Reminiszenzen zum 80. Geburtstag des Schweizer Star-Drummers Charly Antolini, mit einem Portrait von Marcus Woelfle

Charly Antolini … Zuerst gehört habe ich den Namen um 1980 herum, erfürchtig, beinahe geflüstert ausgesprochen von einem gewissen Cookie, damals Besitzer einer Schwabinger Pianobar. Da ich gerade den Jazz für mich entdeckt hatte, spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass dieser damals schon international gefeierte Jazz-Drummer doch tatsächlich Cookies kleine Musikkneipe mit einem Gastspiel beehren würde! Charly war sich keineswegs zu schade für Club-Flair, weder damals, noch heute! Ganz im Gegenteil – Bei den diversen Auftritten, in unterschiedlichsten Münchner Musiklokalen, hatte ich stets das Gefühl, dass er gerade diesen unmittelbaren Kontakt zum Publikum besonders schätzte.  So spielte er beispielsweise für eine wunderbare Weile im Schwabinger Podium jeden Dienstag zusammen mit der Allotria-Jazz-Band Dixieland vom Feinsten, eine Jazzrichtung, die bei selbsternannten Jazz-Puristen damals verpönt war, ich aber liebte, nicht zuletzt, weil ich mit dem Sound von daheim her vertraut war.

Das Schwabinger Podium war eine Institution im Viertel rund um den Wedekindplatz, Quelle: muenchen.de

So gehörte ich bald zu den Stammgästen und Charly verpasste mir aus irgendeinem Grund den Spitznamen „brauner Engel“, was wohl mein er Haarfarbe geschuldet war, eine Reminiszenz, die mich bis heute zum Schmunzeln bringt, wenn der Name „Antolini“ fällt.

Unvergessen geblieben sind mir auch seine Gastspiele im Allotria von Gerry Hayes, zusammen mit Jazzgrößen wie dem Tastenvirtuosen Joe Haider und Charlys Landsmann, dem Schweizer Star-Saxophonisten Roman Schwaller. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt, in dem die drei gemeinsam Duke Elingtons „Caravan“ spielten, ein Paradestück im Repertoire von Charly, aber niemals vorher oder nachher hat mich dieser Jazz-Standard so begeistert, wie in dieser besonderen Kombination, die leider nicht aufgenommen wurde.

Mitte der 90er Jahre kreuzten sich unsere Wege erneut, als ich das Wirtshaus zum Isartal in Thalkirchen als Kleinkunstbühne eröffnete und er mit „Charly Antolinis Jazz Power“ einige Gigs bei mir spielte. Später erlebte ich ihn noch mehrfalls in Wolfi Kornemanns Nachtcafé. wo er zu den ganz wenigen Jazz-Acts zählte, die sich gegen Soul und Pop zu behaupten verstanden, wohl auch, weil Charly die Leidenschaft für seine Musik mitreißend auf das Publikum  zu übertragen versteht. Kürzlich habe ich entdeckt, dass er das neue Kulturzentrum Pelkovenschlößl in München-Moosach mit einem liebevoll konzipierten Jazzprogramm bespielt, so zum Beispiel im April mit Charly Antolini and his fabulous Jazz Ladies.

Dass Charlys „brauner Engel“ längst zum grauen Engel mutiert ist, wurde mir einmal mehr bewusst, als mir mein Freund und jahrelanger WG-Mitbewohner, Jazzman Marcus Woelfle berichtete, dass Charly heuer 80 geworden sei. Zum Gratulieren war es da leider schon zu spät, für ein Interview hat sich in diesem hektischen Jahr auf die Schnelle auch keine Gelegenheit gefunden, aber würdigen möchte ich diesen wunderbaren Künstler, der mir so viele schöne Stunden von Jugend an mit seiner Musik bereitet hat, unbedingt noch, bevor sein Jubiläumsjahr 2017 endet. Und dazu übergebe ich das Wort an Marcus Woelfle, der als Kultur- und Jazz-Journalist soviel kompetenter Charly porträtiert hat, als es sein brauner (Fan)Engel jemals könnte.  😉

Für die einen ist Charly Antolini der vollendetste Schlagzeuger Europas. So konnte sich Ulrich Ohlshausen bereits 1966 angesichts der ungeheuren Komplexität seines Spiels mit polyrhythmischen Verschiebungen und Überlagerungen nicht vorstellen, dass „all dies in einem einzigen Hirn ersonnen wird“. Anderen, denen Perfektionismus und überragende Fingerfertigkeit suspekt sind, gilt daher „der Mathematiker der Trommeln“ als menschlicher Drum-Computer, allenfalls als glanzvolles „Schweizer Präzisionsuhrwerk“.

Doch wer stellte sich beim Verdikt maschinenhafter Exaktheit einen der vitalsten und spielfreudigsten Musiker Europas vor? Und dies ist das sensible Kraftpaket schließlich auch! So teilt der Drummer, dem es ja nicht vorrangig um Technik, sondern um Ausdruck und Aussage geht, das Schicksal aller Virtuosen von Paganini bis Buddy Rich, als Künstler hinter dem Artisten nicht immer ernst genommen zu werden. Als Bandleader steht er seit je mit „Jazz Power“ stets für swingenden und boppenden Mainstream – gleichviel ob das gerade „in“ oder „out“ war. Zugleich ist Antolini auch eine Ikone der Hifi-Freaks seit bei seinem legendären Fusion-Direktschnitt „Knock Out“ (1979) einige Boxen kreischend ihr Leben aufgaben. Seither bietet die Industrie leistungsstärkere Lautsprecher an.

Lassen wir uns von Trademarks wie „Boxenkiller“ oder „Jazz Power“ nicht irreführen. Antolinis Ästhetik ist das Gegenteil blindwütigen Krawalls: „Power kommt von innen und ist eine Sache der Intensität, nicht der Lautstärke. Kraft ist erst dabei wenn’s zum Schlagzeugsolo kommt, ansonsten wollte ich immer musikalisch spielen, auch gerne mal leise mit Besen. Und hinhören was andere spielen und nicht einfach bloß drauflosklopfen!“

Antolini stammt aus der Schweiz, jener Schlagzeugerhochburg, der wir u.a. auch Pierre Favre und Daniel Humair verdanken. Der am 24.5.1937 in Zürich geborene Halbitaliener hielt mit 10 Jahren erstmals die Sticks in der Hand, in der Trommelschule der Stadt Zürich. Er erlernte die Basler Trommeltechnik und das Marschtrommeln. Im „Gegensatz zu den Heutigen“ erlernte er erst die Trommelkunst, bevor er sich mit 16 ein Schlagzeug kaufte „und mir alles, bis auf wenige Kleinigkeiten, selber aneignete. Dann war ich zwei Jahre Amateurschlagzeuger.“ Mit 17 besuchte er die Musikademie Zürich; noch keine 19 startete er schon seine Profikarriere in Paris und hatte bald die Möglichkeit, große Legenden wie Sidney Bechet oder Bill Coleman zu begleiten. Kaum zwanzig hatte er damit schon den Grundstein zum erstaunlichen Weggefährten-Who’s-Who seiner Karriere gelegt, das Größen fast jeglicher stilistischer Provenienz (Pianisten von Hines bis Dauner, Saxophonisten von B.Freeman bis Ervin, Klarinettisten von Nicholas bis Giuffre) umfassen sollte.

Der junge Antolini übte „wie ein Berserker. „Einige behaupten, ich hätte am Tag 8 oder 10 Stunden geübt. Stimmt gar nicht! Ich habe maximal 2, 3 Stunden geübt. Wenn man das aber kontinuierlich tut, nicht nur periodisch, sondern andauernd, bleibt der Erfolg nicht aus.“ Das erste Vorbild des Autodidakten war Louis Bellson. „Krupa schien mir anfangs zu stiffy. Je älter ich werde und je mehr ich Gene Krupa höre, desto mehr überzeugt er mich. Nicht umsonst hat er beim King Of Swing gespielt; ich durfte ja später auch bei Benny Goodman spielen.“ Einige Jahre später schlugen ihn Art Blakey und Buddy Rich in ihren Bann.Aber alle Schlagzeuger, die gut spielen, sind meine Vorbilder – und da gibt es sehr viele!Wiewohl er zu ihnen etwa auch die Europäer Ronnie Verrell, Kenny Clare und Daniel Humair  zählt, hat sich Antolini stilistisch stets an den Amerikanern orientiert und wurde dabei bald zu einer der unverwechselbarsten Stimmen Europas, mit typischen Kunststücken wie den mathematisch exakten, grundrhythmusbezogenen Wirbeln: „Er baut ‚komplizierte Wirbel‘, wie sie die weltberühmten Basler Trommler verwenden, in seine Soli ein, setzt sie in Kontrast zum Beat oder addiert sie mit anderen Wirbeln, bis sie aufgehen“. (Martin Kunzler)
Mit Willensstärke, Fanatismus und Persönlichkeit trommelte er sich an die Spitze – Eigenschaften, die er beim Nachwuchs vermißt: „Fast alle kopieren, ein bißchen von Buddy Rich, ein bißchen von Dave Weckl, von Steve Gadd und dann spielen sie, was mich sehr ehrt, teilweise meine Solos nach, vergessen aber, daß im Jazz das Wichtigste die ‚personality‘ ist.“

Antolinis „personality“ reifte 1957 bis 1961 überwiegend bei den „Tremble Kids“, mit denen er auch später immer wieder verbunden war und ab 1962 in Stuttgart fünf Jahre im Orchester von Erwin Lehn. Daraufhin war er für Bandleader der Schlagzeuger der Wahl, für deutsche wie Greger, Edelhagen oder Herbolzheimer oder gastierende Amerikaner wie Lionel Hampton oder Benny Goodman. Mitte der 60er Jahre wurde er ein gefragter Schlagzeuger für Schallplattenaufnahmen, vor allem als „Hausdrummer“ des Labels MPS, das in ihm einen geeigneten Sideman so unterschiedlicher Solisten wie Eugen Cicero, Stuff Smith oder Baden Powell sah.

1979 bis 1982 gehörte Antolini auch zur Hamburger Jazz-Szene und betrieb dort sogar ein Schlagzeug-Fachgeschäft. Sieht man von diesem Ausflug ab, wohnt Antolini seit 1969 in München „und ich gehe auch nicht mehr weg“. Warum sollte er auch? Hier beschloß er 1976 sein „eigener Herr“ zu sein und gründete die vielleicht erfolgreichste Jazz-Combo Deutschlands, seine „Jazz Power“; hier lebt er, seit 1980 glücklich verheiratet, „verdammt gern in Bayern“. Aber natürlich ist er, wie fast jeder Musiker seines Ranges, ständig unterwegs, denn er gibt jährlich an die 200 Konzerte. Da bedauert erdaß es keine Clubs mehr gibt, die ein Ensemble für mehrere Tage engagieren. Man bekommt nur noch Auftritte für einen Tag – und dann muß man weiter.

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit britischen Musikern, mit Pianisten wie Brian Lemon und Brian Dee, mit Saxophonisten wie Dick Morissey und Danny Moss, den er ins allgemeine Gedächtnis zurückrief. Zeitweise hatte Antolini neben seiner kontinentalen Stammbesetzung auch eine britische „Jazz Power“. Man kann sich jedesmal aufs neue überraschen lassen, wer sich hinter der „Jazz Power“ des deutschen Blakey verbirgt. Zum einen lädt Antolini gerne Gastsolisten wie Benny Bailey, Jiggs Whigham, Joe Gallardo oder Aladar Pege ein, zum anderen hat Antolini auch die Stammbesetzung häufig geändert:Ich komme auf mindestens 180 Musiker, die bei mir gespielt haben. Ich habe aber auch in 20 Jahren drei oder vier Fehlbesetzungen gehabt. Verzeichnen wir hier nur die erste und die gegenwärtige Formation. 1976 waren es Lee Harper (tp, flh), Hermann Breuer (tb), Otto Weiß (p) und Gary Todd (b). 1996 sind es Charlie Augschöll (ts, ss, as, fl, cl), Martin Schrack (p) und Karsten Gnettner (b). „Ich war zu Wechseln gezwungen. Manchmal lag es auch an den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe immer darauf geachtet, daß die Musiker zuverlässig sind, nicht zu sehr den Erfrischungen (Alkohol) frönen. Und auf der Bühne wird gespielt und nicht irgendwie geflirtet oder schon an die Pause gedacht. Bis man solche Musiker findet, können Jahre vergehen – genauso wie Jahre vergehen können, bis ein Schlagzeuger seinen eigenen Beckensatz hat, mit dem man ihn an seinen Sound erkennen kann.“

Antolini räumt ein, als impulsiver Leader auch nicht gerade „pflegeleicht“ zu sein, sieht sich als typischen Zwilling mit „zwei Gesichtern“, dessen Musiker immer wüssten, woran sie sind: „Ob mir was stinkt oder ob ich happy bin, merkt auch der Hinterste in der hintersten Reihe. Ich kann mich sehr schlecht verstellen. Die größten Probleme hatte ich immer mit Musikern, die sich für zu wichtig genommen haben. Keine Probleme habe ich mit Musikern gehabt, von denen ich etwas lernen konnte, also Leute wie Benny Bailey, Don Menza, Joe Haider – Leute die ich akzeptiere und respektiere – Roman Schwaller, Dusko Goykovich – Leute, die mir das musikalisch geben, was ich mir vorstelle.“ Antolini gehört nicht zu jenen Drummern, die ihre Position als Bandleader ausnutzend, die Solisten erdrücken oder ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen: „Ein guter Schlagzeuger muss, auch wenn er Bandleader ist, nicht in jedem Stück mit einem Solo hervorteten. Er paßt sich an, er dirigiert und kann die Band auch von hinten steuern.“

Die Zeiten, in denen Charly Antolini sich beweisen musste, sind schon lange vorbei.
(Marcus A. Woelfle)

Ergänzt habe ich den Text durch einige Youtube-Clips, von denen eine ganze Reihe kürzlich bei meinem Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang in dessen Artist Studio aufgenommen wurden.

Titelbild: Wikipedia


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link
(darunter auch eine Reihe weiterer Jazz-Portraits von Marcus Woelfle)

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Letzter Gig: Hannes Beckmanns Trauerfeier am 24. März 2016

Die letzte Bühne von Jazzgeiger und Komponist Hannes Beckmann, lag im vorderen Bereich des Saales, war in warmes Licht getaucht und mit Blumen geschmückt. Zwischendrin stand der Sarg, den ich aber nicht wirklich mit Hannes in Bezug zu bringen vermochte. Zu sehr hatte mich die Nachricht seines Todes überrascht, ja schockiert. Von der Verschlechterung seines Zustands in den letzten Monaten hatte ich nichts erfahren und gegen seine langjährige Krebserkrankung war er bislang erfolgreich mit dem selben Kampfgeist und eisernen Willen angetreten, mit dem er sich allen Herausforderungen des Lebens gestellt hatte, stets „direttissima“, ab durch die Menge, auch wenn die sich davon nicht immer begeistert zeigte, zumal er sich meist durchzusetzen verstand …

Die Trauerfeier begann mit einer Einspielung von „Tango des Friedens“, einer frühen Komposition Beckmanns, die noch aus der Zeit seiner spektakulären afro-brasilianischen Jazzband „Sinto“ stammt. Doch auch in späteren Konzerten hatte dieses Lied einen festen Platz in Hannes Repertoire und ist daher eng mit meinen Erinnerungen an ihn verbunden. Das Stück wird von stampfenden Tango-Rhythmen getragen, über die sich immer wieder ein fast jubelndes Geigensolo erhebt, befreit und triumphierend, mit dem unverwechselbaren Klang von Hannes Geigenspiel. Mit diesem Klang nahm Hannes noch einmal einen ganzen Raum für sich ein und in seine musikalische Präsenz mischten sich bruchstückhaft meine Erinnerungen; vor allem die an die frühen 80er Jahre, als ich ihn kennengelernt hatte, in jenem schrillen Jahrzehnt, in dem exzessiv und auf der Überholspur gelebt, die Nächte zum Tag gemacht wurden, ganz so als wolle man austesten, wo die Grenzen lagen. Die haben inzwischen viele von uns, nicht zuletzt ich, deutlich aufgezeigt bekommen und gesundheitlich Tribut zollen müssen,  für all die Gier auf Leben, Lust und Liebe in jungen Jahren. Die Erinnerung an deren Intensität aber möchte ich nicht missen und die spiegelt sich für mich in Hannes Musik und seiner Art zu spielen wieder, ganz besonders in „Tango des Friedens“, den Hannes sicher nicht ohne Grund an den Anfang seiner Trauerfeier gestellt hat. Gerade dadurch, dass das Stück den meisten Anwesenden vertraut war, vermittelte es in diesem Rahmen, was für mich vorher unfassbar gewesen war: Hier und jetzt fand ein Abschied statt, ein Lebewohl, kein „Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal in der Unterfahrt, im Prinzregententheater, im Resi, Gasteig oder spätestens beim nächsten Hannes-Geburtstagskonzert Ende August …

Vielen der Anwesenden, die dicht an dicht im Krematorium saßen oder auch standen, ging es scheinbar ähnlich. Die meisten hielten nun ihre Köpfe gesenkt, griffen verstohlen nach Taschentüchern. Glücklicherweise saß ich unter Freunden, neben Jazzsänger Thomas de Lates und Petra Windisch de Lates, Vorstandsvorsitzende der Deutsche Lebensbrücke e.V. Petra hatte ich zusammen mit Hannes und dessen Frau Brigitta 1984 kennengelernt, ebenso meinen späteren Mann Edir dos Santos, der als Schlagzeuger bei Sinto und später punktuell im Hannes-Beckmann-Quartett mitspielte. Edir und ich haben 1993 in Rio geheiratet, auf der anschließenden Hochzeitsparty im damaligen Multikulti-Lokal „Möwe“ hat auch Hannes für uns gespielt. Inzwischen sind wir geschieden, stehen aber in gutem Einvernehmen, und so freuten wir uns beide, den jeweils anderen bei dieser Trauerfeier nach längerer Zeit wieder zu sehen und durch Hannes Verbundenheit zu empfinden.

Auch sonst entdeckte ich unter den Trauergästen zahlreiche vertraute Gestalten, mit denen mich schöne wie hässliche, traurige oder auch irritierende Erlebnisse aus über drei Jahrzehnten verbinden, mit Hannes Beckmann als gemeinsamen Nenner. Noch einmal war es ihm gelungen, uns alle zusammenzuführen, zu einem Spektrum dessen, was die Künstlerszene einer Stadt ausmacht: Die Erfolgreichen neben denen, die über den Status des „Tingelns“ nie hinaus gekommen sind; die inzwischen Gebrechlichen, oft euphemistisch als „Grandames“ und „Grandseigneurs“ von … (irgendwas) tituliert, Seite an Seite mit dem künstlerischen Nachwuchs; gereifte Künstlerpersönlichkeiten neben ewig Frustrierten und dazwischen, ganz privat und bescheiden, unser Kulturreferent Hans-Georg Küppers. Neben ihm Michael Stephan, Direktor des Münchner Stadtarchivs, wobei beide unabhängig von einander gekommen waren.

Volksschauspielerin Ilse Neubauer verlas eine Grußbotschaft von Alt-OB Christian Ude, seit Studienzeiten ein Duzfreund von Hannes, der neben Violine und Komposition auch Jura studiert hat. Sehr berührt hat mich ein Beitrag von Ottfried Fischer, der es sich nicht nehmen ließ, obgleich von seiner Parkinson Erkrankung inzwischen deutlich gezeichnet, einen kleinen Text für Hannes zu verfassen und auch selbst vorzutragen.

Atemlose Stille herrschte, als Thomas Beckmann, ein renommierter klassischer Cellist, ein Solo für den verstorbenen Bruder spielte. Noch vor zwei Jahren hatte er launig durch ein Konzert zugunsten seiner Obdachlosenhilfe „Gemeinsam gegen Kälte e.V.“ geführt, dass er mit Hannes im Prinzregententheater gegeben hatte, und über das ich in meinem Blog „Warum sitzt der Mann da?“ berichtet habe …

Unter den Trauerrednern befand sich Hannes langjähriger Arzt, Dr. Michael Molls, emeritierter Professor an der TU für Strahlentherapie und Radiologische Onkologie. Aus seinem Nachruf wurde offenkundig, wie nachhaltig ihn sein Patient beeindruckt hatte. Auch Hannes Bruder Ludger erinnerte mit immer wieder stockender Stimme an die bewundernswerte Haltung, die Hannes während der gesamten Zeit seiner Erkrankung gezeigt hatte, der Einsicht folgend: „Was kann man verlangen, wenn man jahrelang in beiden Händen eine brennende Kerze hält?“ 

Auch mir gegenüber hat Hannes, bei unserer letzten Besprechung geäußert, dass es ihm noch nie so gut gegangen sei, wie jetzt, mit und gerade wegen seiner Krankheit. Kurz nach deren Ausbruch erlebte ich ihn sogar während einer Phase von Chemo und Bestrahlung bei einem Auftritt und zwar als den  ganz normalen „Teufelsgeiger“, als den man ihn kannte. Und nun, 2014, sah er so gut aus, wie lange nicht mehr: Drahtig, vorwärtsschauend, eloquent wie eh und je, den Sprachproblemen, unter denen er seit einem Schlaganfall 2012 litt, so gar keine Beachtung einräumend.

Ab den 90er Jahren, als ich selbst kulturell und künstlerisch aktiv wurde, herrschte zwischen Hannes und mir meist Funkstille, unterbrochen hauptsächlich von Phasen des Kräftemessens bis hin zum offenen Schlagabtausch. Perioden des Waffenstillstands oder der Allianz waren wertvoll und rar. Hannes vermittelte mir oft das Gefühl, mich gegen seine Dominanz und grenzenlose Zielstrebigkeit zur Wehr setzen zu müssen, um nicht von ihm überrannt zu werden und mitunter verwandelt mich mein Selbsterhaltungstrieb in eine kleine Bestie  … Geschenkt haben wir uns jedenfalls gegenseitig nichts.

Allerdings habe ich Hannes seinem unmittelbaren Umfeld gegenüber, ob Freunde oder Familie, als außergewöhnlich loyal erlebt, mitunter gepaart mit einem bestimmenden und fordernden Wesen. Offensichtlich bis zuletzt. Die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler berichtete in ihrer Trauerrede von der letzten Mail, die sie von Hannes kurz vor dessen Tod erhalten hatte, in der er sie in Du-Ansprache, das „DU“ wohlbemerkt in Großbuchstaben, anwies, ihre gemeinsame Produktion „Kreuzwegstationen ii“ nunmehr doch bitte verabredungsgemäß zu bewerben.

Diese letzte Produktion, moderne Passionsmusik für großes Ensemble und Chor von Hannes Beckmann, zu Bildprojektionen von Cäsar W. Radetzky und lyrischen Texten von Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, ist am 16.3.2016, gerade einmal einen Tag vor Hannes Tod auf CD erschienen und somit sein kompositorisches Vermächtnis. Spirituell wie leider auch existenziell schließt sich damit ein Kreis in Hannes Leben: Tragischerweise wurde der erste Teil „Die Blaue Krone – Kreuzwegstationen i“ unmittelbar vor Ausbruch von Hannes Krebserkrankung fertig gestellt, wie der der katholische Leiter der Traufeier, Dr. Ulrich Schäfert vom Kunstpastoral der Erzdiözese erinnerte. Einmal habe Hannes ihm gegenüber geäußert, dass sich das kompositorische Timing im Nachhinein anfühle, wie die Vorwegnahme seines eigenen Leidensweges. In Konzeption und Umsetzung beider Teile, so wurde in den Würdigungen sowohl seitens Ulrich Schäfert, wie auch seitens Susanne Breit-Kessler deutlich, verbirgt sich Spiritualität ohne Ende; eine Facette von Hannes Persönlichkeit, die ich nie kennen lernen durfte. In der Auseinandersetzung mit dieser Art von Themen, wie auch in der beiderseitigen interdisziplinären Umsetzung künstlerischer Projekte, hätten wir wirkliche Anknüpfungspunkte finden können. Allein diese Erkenntnis, die sich mir erst aus der Trauerfeier erschlossen hat, lässt mir Hannes Beckmann näher und vertrauter erscheinen, als jemals zu Lebzeiten. Das empfinde ich als schade und zugleich tröstlich.

Ausschnitte aus Hannes „Kreuzweg ii“-Kompostionen führten, im Wechsel mit den Ansprachen, durch die Trauerfeier. Genau auf den Punkt abgestimmt, schloss sich zu einer Passage aus dem letzten Stück „Surrection Hymn“ der Vorhang. Noch einmal hatte der Maestro virtuos dirigiert!

Die Blaue Krone – Kreuzweg i, Trailer

„Kreuzwegstationen ii“  > Hörproben und Bestell-Center

Früher sind wir uns bei Gigs über den Weg gelaufen, inzwischen sind es Trauerfeiern …„, merkte Jazzbassist Gary Todd an, der im Krematorium des Münchner Ostfriedhofs zu meiner Rechten saß. Und tatsächlich sind in der letzten Zeit bereits eine ganze Reihe alter Weggefährten verstorben, wie vor zwei Jahren Hannes enger Freund und Bandmitglied Michael Blam aus Belgrad,  der Saxophonist Klaus Kreuzeder oder im letzten Jahr Rudi Martini, Jazz-Drummer und Mitinitiator (neben Hannes und Doldinger-Bassist Wolfgang Schmid) der Jazzmusiker Initiative München (J.I.M.). Wir alle sind, ob mit-, für- oder gegeneinander, älter bis alt geworden, grau bis „friedhofsblond“ oder zumindest gefärbt. Dass die Zusammensetzung der Trauergäste dennoch nicht zu einem Abgesang in die Jahre gekommener Künstler_Innen und Kunstliebhaber_Innen tendierte, ist u.a. einer weiteren Facette von Hannes Persönlichkeit geschuldet: Seiner Zuwendung an junge Menschen, ob im privaten Rahmen oder als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater Münchenwo er das von ihm konzipierte Projekt „Jazz-Improvisation, Freies Spiel, Ethno-Elemente für Streichinstrumente“ leitete (Wikipedia), aber auch als Schöpfer und Leiter einer ganzen Reihe musikalischer Projekte, in die er vielversprechende Schüler_Innen eingebunden hatte, so zum Beispiel in seiner letzten Formation:

Maestro Beckmann und die Münchner BahnhofskapelleIn dieser Bahnhofskapelle vereinen sich Musiker verschiedenster Generationen und Nationen. Hierbei handelt es sich um ein professionelles, international besetztes, kleines Orchester (Kammerorchesterstärke) in dem neben erfahrenen, bekannten und erfolgreichen Musikern auch junge KünstlerInnen ihre Chance finden. Manche sind noch Beckmanns Studenten, einige starten nach Studienabschluß gerade ins Berufsleben. In der Rhythmusgruppe spielen brasilianische Musiker: Edir dos Santos aus Rio, „Alafin“ Marinho und sein 15-jähriger Sohn Lincoln aus Bahia. (Quelle: www.hannes-beckmann.de)

 Zu Besuch bei Jazzgeiger Hannes Beckmann – Merkur.de, 2.7.2014

Seine Kunst-/Fertigkeit an die Jugend weiterzugeben, das war ihm wichtig. Dito die multikulturelle Farbigkeit des Münchner Bahnhofviertels, mit dem er als Anwohner seit Jahrzehnten verwurzelt war und das ihn sowohl zum Namen seiner letzten Formation inspirierte, wie auch zu seiner Suite „Canto Migrando für großes, ungewöhnlich besetztes Orchester.

Typisch für den visionären Musiker Hannes Beckmann war, dass er bis zuletzt voller Pläne und Zielstrebigkeit steckte. Nie hätte er zu Lebzeiten sich oder ein Vorhaben einfach aufgegeben. Nun aber, so glaube ich, hat mein alter Freund und Gegner jenen Frieden gefunden, um den ich noch zu kämpfen habe.

Auf der Traueranzeige der Familie heißt es:

„Deine Geige ist verstummt, deine Töne klingen weiter!“


Im Sinne von Hannes Beckmann, der die Obdachlosenhilfe seines Bruders zeitlebens unterstützt hat, wurde in der Traueranzeige, statt um Blumen oder Kränze, um eine entsprechende Spende gebeten:

 SPENDENKONTO:

GEMEINSAM GEGEN KÄLTE e.V.
Commerzbank AG
IBAN: DE78 3004 0000 0110 9966 00
BIC: COBADEFFXXX


 Nachrufe: Bayerischer Rundfunk   Süddeutsche Zeitung


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