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Geburtstag auf Wolke 7: Fotostrecke, Kommentare und weiterführende Links zur Künstlerfeier an meinem 60. Geburtstag, 4. Juni 2018, bei Terry Swartzberg in München

Runde Geburtstage verleiten mich regelmäßig zum Kassensturz: Wo genau stehe ich an diesem Stichtag, in Bezug auf meine Pläne, Ziele, Überzeugungen und auf meine Gefühlswelt? Und wer steht an meiner Seite, beziehungsweise mir zur Seite? Nehme ich den aktuellen, sechzigsten Geburtstag zum Maßstab, fällt meine biografische Zwischenbilanz um so vieles besser aus, als mir selbst bislang bewusst war. Von der Zuneigung meiner Gäste fühlte ich mich regelrecht eingelullt, von vielen liebevollen Gesten, Zuwendungen, Worten und künstlerischen Darbietungen. Dass die Gästeliste sich fast ausschließlich aus künstlerischen WegbegleiterInnen und engen KooperationspartnerInnen unterschiedlichstem Datums zusammensetzte, spielte dabei für mich keine Rolle, denn in meinem Leben verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer, beziehungsweise kultureller Arbeitswelt und Privatleben seit Jahrzehnten fließend.

Glücklich – Gaby dos Santos am 60. Geburtstag. Links im Hintergrund Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung

Die prägnantesten Momentaufnahmen, festgehalten von mehreren Gästen, habe ich in nachstehender Fotostrecke zusammengestellt, kommentierjt und verlinkt, weil diese nicht nur eine schöne Erinnerung für mich – und hoffentlich für meine Gäste – darstellen, sondern auch widerspiegeln, wofür die Kulturplattform jourfixe-muenchen steht. Nachfolgendes Gruppenfoto zeigt zwar nicht alle der geladenen !80 Gästen, aber einen guten Querschnitt:

Kurz vor Beginn der Künstler-Session: HINTEN von links: Manuela Rosenkind (Illustratorin, Autorin „Mia Meilenstein„), Harry Rosenkind (Musik-Promoter, Schlagzeuger der Kultrockband „Sahara“), Elisabeth Sorger (Malerin, Sprecherin der MKG-Münchner Künstlergenossenschaft), Reiner Mauthe, Catherine Houdayer (Modeexpertin), Jörn Pfennig (Lyriker, Bestseller mit „Grundlos zärtlich“), ganz an der Wand Arno Baum (Musik-Booker, Bassist der Progressive-Rockband PROGNOSTIC) und ansatzweise zu sehen Piaistin Masako Ohta; MITTLERE REIHE im Sessel: Ulrike Keil (Musikwissenschaftlerin, Pressechefin von Musikerlebnis/Tonicale, musica femina münchen) mit Ehemann, Michaila Kühnemann (Film- und Radiomacherin RADIO MÜNCHEN, Kabarettistin, Liedermacherin), Peter Lang (Inhaber Artist Studio München, als Musiker Mitbegründer der ungarischen Kultbands Hungaria und Omega), Claudia Cane (Rockröhre), VORNE, neben mir, Christine Weissbarth (Schauspielerin, Moderatorin und Referentin bei der Hanns-Seidel-Stiftung) sowie, halbverdeckt, Cecilia Gagliardi (Sängerin, Gitarristin, Theater im Roßstall/Germering)

Die  Kulturplattform jourfixe-muenchen steht seit fast zwanzig Jahren für kulturelle und künstlerische Vielfalt, mit dem Ziel gegenseitiger Inspiration und der Bildung von Synergien. Diese Vielfalt spiegelte sich in der Geburtstagsfeier wieder: Die Künstler- und Kulturschaffenden des jourfixe sind unterschiedlichster Couleur, doch bilden Know How, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kunstformen, Freude an künstlerischen Synergien und multidisziplinären Projekten einen kittenden, gemeinsamen Nenner. Als Mitglied kann man sich bei uns nicht bewerben; statt dessen spreche ich gezielt Kunst- und Kulturschaffende an, die ich mir als Bereicherung unseres künstlerischen Pools erhoffe, zur Entwicklung gemeinsamer Projekte und gegenseitigen Unterstützung.

Gastgeber Terry Swartzberg, Journalist, PR-Fachmann und Vorsitzender von „Stolpersteine für München e.V.“ stellte mir für meine Geburtstagsfeier sein historisches Häuschen am Nockerberg zur Verfügung und ermöglichte so einen unvergesslichen Abend! Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

Apropos gegenseitige Unterstützung: Eben mal sein ganzes Haus für die Feier zu meinem 60. Geburtstag zur Verfügung stellen – das macht ihm so schnell keiner nach und entspricht seinem Wesen: Für den Kosmopoliten Terry Swartzberg sind Aufgeschlossenheit, soziales Engagement (u.a. in seinen PR-Kampagnen) und phantasievoll gestaltete Lebensfreude zwei Seiten einer Medaille. Nach rund 25 Jahren als Korrespondent für die International Herald Tribune, gilt sein großes Engagement seit einigen Jahren dem Verein Stolpersteine für München e.V., dem er vorsteht und mit dem er aktuell ein großes Sommerfest vorbereitet, am Mittwoch, 20. Juni 2018, um 20 Uhr, bei freiem Eintritt im Jüdischen Museum München, mehr unter jourfixe-News. Und einmal mehr ist einfach jede/r herzlich willkommen! Ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt.

„Gabys gute Geister“ nannte meine Freundin Edith Grube Reiner Mauthe, Marianne Niederkofler, Sigi Blässer und Jon Michael Winkler; Letzterer ist nicht nur mein enger Vertrauter sondern auch Erster Vorsitzender des jourfixe-Vereins. Für mich bedeuten die vier Menschen auf obigem Foto weit mehr als Mainzelmännchen! Mit ihnen ist in Teilen mein Leben verwoben. Fest steht aber auch, dass  ohne deren Hilfe diese Geburtstagsfeier gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Der untere Bildteil zeigt einen Ausschnitt des üppigen Büffets: Alle Gäste waren gebeten worden, Speisen und Getränke anstelle von Geschenken mitzubringen. Foto: Stey

 

Geburtstagskind Gaby dos Santos führt Prof. Thomas Pekny, Intendant Komödie im Bayerischen Hof, durch Terry Swartzbergs historisches Domizil am Nockerberg, Foto: Oliver Stey

 

Theaterwelten: Angelica und Lili Fell, Geschäftsführung der inklusiven FBM-Freien Bühne München mit Thomas Pekny, Chef der Komödie im Bayerischen Hof; Foto: Dirk Schiff

 

Kommt Moses nicht zum Berg … Nachdem es im Winter wegen einer Endlosschlange nicht möglich gewesen war, das Rockmuseum im Olyimpiaturm zu erreichen, kam dessen Betreiber, Herbert Hauke eben zu uns. Neben ihm seine Frau Gabi, Tourbegleiterin und Assistentin von Sissi Perlinger; Foto: Schiff

 

Foto links: Die finnische Sängerin Tuija Komi im Gespräch mit musica-femina-Grafikerin Irmgard Voigt; Foto rechts: Claudia Strauch (Strauch Media) im Gespräch mit Behar Heinemann, links und  Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München)

 

Foto links: Das Sänger-Ehepaar Maya und Charles Logan; Rechts schneide ich eine der Geburtstagstorten an, die mir Gäste gebacken haben, assistiert von Gabi Hauke, dahinter jourfixe-Gründungsmitglied Angelika Grimm (Sozialpädagogin); Foto: Elisabeth Sorger

 

V.l. Alexander Diepold (Madhouse), hat gerade in München den alljährlichen Gedenktag für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma durchgesetzt, daneben Eva Giesel, Litag Theaterverlag, rechts Uta Horstmann, Bundesverdienskreuzträgerin für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma, auf den Stufen Esthera und Artur Silber (Musik-Manager DownTown Studios,PR–Agentur Silberpfeil, Schlagzeuger, u.a. PROGNOSTIC)

 

Unter den Nazis wurden ihre Ethnien unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt, doch hier ist Differenzierung angesagt: Von links: Oliver Stey, aus einer Zirkus- und Schausteller-Dynastie, der das größte Privatarchiv dazu führt, die schillernde Behar Heinemann, eine, wie sie es selbst formuliert „stolze Rom“ (Autorin und Kulturmanagerin) sowie der Sinto Alexander Diepold (Madhouse-Chef), dem München seit diesem Jahr einen festen Gedenktag für die verfolgten Sinti & Roma verdankt; Fotos: Dirk Schiff

 

Fotografin Anne Schiff – Mit ihr und ihrer Familie erlebe ich immer wieder kuschelige private Stunden; Rechts Stephanie Bachhuber (Bayer. Staatsoper) Am Vortrag meines Geburtstags feierten wir den 20. Jahrestag unserer Freundschaft! Fotos: Dirk Schiff

 

Geniales Geschenk von Naomi Isaacs (Institute for Charismology): Ein Kaleidoskop – zeitlose Freude! Links von ihr Reiner Mauthe, rechts Sänger Charles B. Logan, an der improvisierten Bar; Rechtes Bild: Ulrich Floßdorf, Traumatherapeuth etc. bei Alexander Diepolds Familienberatungsstelle Madhouse; Foto: Stey

 

Die finnische Sängerin Tuija Komi kam auf Krücken! Und verstand sich mit Gastgeber Terry Swartzberg offensichtlich prima. Für mich ist sie ein veritabler Sonnenschein, kann aber auch „traurig“ und sang später bei der Session à capella ein melancholisches finnisches Gänsehaut-Lied; Fotos: Dirk Schiff

 

Von links: Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München), Kriminalautorin Sabine Vöhringer („Die Montez Juwelen„) Michaila Kühnemann, Radio München, Moderatorin, Filmemacherin, Kabarettistin, Musikerin, Foto/Ausschnitte von Oliver Stey

 

Blick von Terry Swarzbergs Terrasse in den Innenhof. Von vorne links: Dr. Ulrich Schäfert, Leiter Kunstpastoral der Erzdiözese,, Grafikerin/Illustratorin Elena Buono, Heidi und Peter Lang, Artist Studio und Kulturjournalistin Heidi Weidner; ganz re. Sängerin Tuija Komi; Foto: Oliver Stey

 

Totale des Innenhofs – Im Vordergrund zu sehen ist Regisseur Rüdiger Nüchtern, ganz hinten wird es Italienisch: An der Wand die Grafikerin und Illustratorin Elena Buono und vor Ihr die Sängerin und Kabarettistin Cecilia Gagliardi, die einer römischen Künstlerdynastie entstammt; Foto: Dirk Schiff

Links neben Musikerin Cecilia Gagliardi (Theater im Roßstall/Germerin) die japanische Pianistin Masako Ohta, bei der ich mich fragte, wie sie aus einem Keyboard in Schoß-Format derart perlende Klänge zu zaubern vermochte. Rechts Sängerin Linda Jo Rizzo, die kürzlich das Hippodrom zum Kochen brachte. Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

Höhepunkt der Feier waren sicherlich die Geburtstagsständchen der MusikerInnen unter den Gästen sowie ein eigens zu meinem Geburtstag getextetes Gedicht SIXTY SEXY GABY des Lyrikers Jörn Pfennig! Große Freude! …

Lyriker Jörn Pfennig, zwei Ausschnitte von Fotos von Dirk Schiff

Vorbemerkung:

Eines Deutschen Dichters Scheitern
ist für ihn und die Welt ein wahrer Graus.
Doch manchmal kann es beide auch erheitern –
probieren wir’s doch einfach mal aus:

Das Gedicht:

Der Deutsche Dichter muss ja nicht denken –
von dieser Pflicht hat sein Volk ihn befreit
um sie dem Deutschen Denker zu schenken
der sich immer schon sehr
aber seither noch mehr
schier unglaublicher Bedeutung erfreut.
(… mehr)

Stimmungsbild während der temperamentvollen Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans; rechts außen Hausherr Terry Swartzberg, neben ihm Jazz-Sänger Thomas de Lates, Foto: Oliver Stey

 

Zwei Momente der Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans: Ein peppiges Lied à capella und aus eigener Feder über die Vorzüge reifer Frauen; Jennys Auftritt berührte mich sehr, denn oft war ich früher in ihrem Jazz-Lokal Jenny’s Place zu Gast gewesen und hätte mir nie träumen lassen, sie einmal als Geburtstagsgast zu begrüßen … Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

 

Csaba Gal, Leiter des Künstlerkreises Kaleidoskop und Cecilia Gagliardi (‚Theater im Roßstall/Germering) singen „Bella Ciao“, das „House Of Rising Sun“ Italiens, Foto: Dirk Schiff

 

Mitwirkende an der Künstlersession: Jazz-Sänger Thomas de Lates und zwei der Musiker der Progressive-Rockband PROGNOSTIC: Keyborder Martin Stellmacher und Sänger Charles B. Logan

 

Vertraute aus wilden Zeiten: Journalistin Daniela Schwan (rechts neben mir). Links zu sehen ist Kabarettistin Karin Engelhard. Dahinter Klaus Onnich, Kurator MVG-Museums – Foto: Dirk Schiff

 

Ein schönes Portrait-Foto von Kulturjournalistin Daniela Schwan; Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

 

Mit meinem alten Freund aus wilden Datscha-Zeiten, Zarko Mrdjanov, Gitarrist von Massel Tov, meiner Schwägerin Sigi und Heidi Lang vom Artist Studio, Foto: Dirk Schiff

 

Elisabeth Sorger, Malerin und Sprecherin der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft, Martin Hubensteiner, Ausstellungsmacher der LV1871, Gaby dos Santos und Christine Weissbarth, Referentin/Moderatorin der Hanns-Seidel-Stiftung, Foto: Dirk Schiff

 

In der Mitte Claudia Weigel, (Parlamentarische Beraterin Hochschul- und Kulturpolitik, Fauenpolitik für die BayernSPD Landtagsfraktion), links Autorin Gunna Wendt, nach deren Biografie über Franziska zu Reventlow wir zur Zeit, gemeinsam mit Musikerin Michaela Dietl, eine Collage zum 100. Todestag produzieren

 

Renate Lettenbauer und Lising Pagenstecher, wie ich Mitglieder von musica femina münchen    und Rockröhre Claudia Cane, die später Janis Joplins „Mercedes Benz“ sang; Foto: Dirk Schiff

 

Meine Freundin Edith Grube, Tochter und Nichte der KZ-Überlebenden Werner und Ernst Grube; Aktivistin (Stolpersteine für München e.V.) und Verwaltungssupervisor bei Madhouse, mit ihrem Mann Robert; Links: Harry Rosenkind (Musikpromoter und Schlagzeuger der Kult-Rockband „Sahara„)

 

Meine Collage über Textdichter Bruno Balz brachte mich mit diesen beiden Herren zusammen: Mein Bühnenpartner Lutz Bembenneck (li) und der „Experte“ für die Talkrunde nach der Aufführung, Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau und Vorstand des Forums Homosexualität München,

 

Unsere beiden jourfixe-Fotografen einmal selbst vor der Linse von Oliver Stey: Links: Dirk Schiff/ portraitiert.de und rechts Bernd Sannwald, ein As in abstraktv wirkender Detail-Fotografie

 

Dieses Portrait von Naomi Isaacs fand Dirk Schiff (portraitiert.de) so ansprechend, dass er spontan beschloss, es in seine neue Herbst-Ausstellung „Münchner und Zuagroste“ einzubeziehen. Wie bereits seine erfolgreiche Ausstellung im Vorjahr mit Uschi Glas, „We are all the same“, findet die Vernissage im Hotel Le Méridien statt, diesmal zugunsten von Jutta Speidels HORIZONT e.V.

 

Es ist spät geworden … Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung im Gespräch mit Jon Michael Winkler;; Foto: Stey

 

Ein glückliches Geburtstagskind sagt: „Danke!“


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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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Jürgen Draeger – Aus dem Füllhorn eines Künstlers und Kultur-Chronisten

Dass Jürgen Draeger schon mit 19 Jahren, menschlich wie künstlerisch, den erfolgreichen Textdichter Bruno Balz nachhaltig beeindruckte, wundert mich nicht: Der Schauspieler, Maler und Kultur-Chronist Jürgen Draeger zählt zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten, die mir je begegnet sind. Mitunter höre und sehe ich Jahre nichts von ihm. Lebt jedoch der Kontakt wieder auf, so kann ich davon ausgehen, dass er einmal mehr Überraschendes für mich in petto haben wird, denn diesem Mann gehen Ideen, weitreichende Pläne und künstlerische Inspirationen nie aus!

Der künstlerisch vielseitige Jürgen Draeger, 2013, in seinem Berliner Atelier; Quelle: Wikipedia

Da ich bis Ende der 70er Jahre im Ausland gelebt habe, erfuhr ich erst durch meine Freundin, der ehemaligen Prominentenwirtin in Münchens Altem Simpl,  Toni Netzle, von der künstlerischen Strahlkraft meines „Zeitzeugen“ während seiner Münchner Zeit. In der für sie typischen, baiuwarisch-trockenen Art kommentierte sie: „Jürgen Draeger?  Ja der war doch selbst eine DIVA!“

Jürgen Draeger bei der Uraufführung der Bruno-Balz-Collage, Allotria Keller, Münchner Künstlerhaus, 2004

In der Tat beeindruckt die Vielfalt der Lebensstationen Jürgen Draegers: Sein erster Bühnenerfolg wurde am Schillertheater Berlin eine Rolle in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Mit einer Hauptrolle in Jürgen Rolands Film „Polizeirevier Davidswache“ wurde Draeger 1964 über Nacht zum Idol der jungen Generation. (…) Für den Film „Roma“ engagierte ihn Federico Fellini 1971 als Kostüm- und Dekorzeichner. Draeger studierte 1975 auf Oskar Kokoschkas Sommerakademie in Salzburg die Technik von Radierungen und Kupferstichen. Für eine Reportage über den Maler Marc Chagall wurde Draeger vom Magazin Stern als Fotograf verpflichtet. Ebenso fotografierte er Porträts für das Zeit-Magazin. (…) In den 1970er-Jahren lebte der Künstler vor allem in München.  (Quelle: Wikipedia)

Von Jürgen Draeger – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0: Pastell auf handgeschöpften Büttenpapier 51,5 x 76,5 cm, März 1982 „Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau als Madame Lysiane“ in dem letzten Rainer Werner Fassbinder Film „QUERELLE“ nach dem gleichnamigen Roman von Jean Genet. Das Bildnis ist während einer Drehpause im CCC-Filmstudio Berlin in der Dekoration des Oscar-Preisträgers Rolf Zehetbauer („Cabaret„) entstanden. Das Kostüm stammt von Babara Baum.“

Auf Wunsch des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder begleitete Jürgen Draeger zeichnerisch 1982 die Verfilmung des „Skandal-Romans“ Querelle von Jean Genet im Berliner Filmstudio. (…)  Am 14. März 1988 verstarb sein Lebensgefährte Bruno Balz in BadWiessee.

Die Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical Kann denn Liebe Sünde sein?“ zeigt u.a.  Jürgen Draeger mit Bruno Balz auf einer gemeinsamen Schiffsreise

Jürgen Draeger überführt seinen Freund zurück in die Heimatstadt Berlin. Nach einer Karenzzeit von 10 Jahren, die sich Bruno Balz ausbedungen hatte, beginnt Draeger, vom wechselvollen und auch tragischen Schicksal des Menschen Bruno Balz hinter der Glamourfassade des  UFA-Texters Zeugnis abzulegen.

20 Jahre nach dem Tod des Textdichters Bruno Balz, veröffentlicht die Stadt Berlin folgende Pressemitteilung: Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen nimmt teil an der Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren des Textdichters Bruno Balz durch Kulturstaatssekretär André Schmitz am morgigen Mittwoch, dem 21.5.2008, um 16.00 Uhr, an dem Haus Fasanenstr. 60, 10719 Berlin. Die Würdigung werden der Komponist und Aufsichtsratsvorsitzende der GEMA, Prof. Christian Bruhn und der Schauspieler und Maler Jürgen Draeger vornehmen.

Auf Grundlage der Gedenktafel für Bruno Balz eine Bildcollage aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“

Jürgen Draeger sitzt auf einem mit rotem Samt bezogenen Sofa, das einst Zarah Leander gehörte, in seiner Wohnung in Berlin-Mitte am Monbijouxpark, 220 Quadratmeter groß. (…) So nachzulesen im Beitrag von Björn Stephan im SZ-Magazin (April 2018). Das erinnert mich an meine erste Begegnung mit Jürgen Draeger, 2004. Damals traute ich mich kaum, am Ende jener dunkelroten Polster Platz zu nehmen, auf denen Jahrzehnte zuvor  die legendäre Zarah zu ruhen pflegte 😉 Nach Berlin geführt hatte mich die Recherche zu meinem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz„. Geplant war lediglich ein Zeitzeugen-Interview mit Jürgen Draeger, als Grundlage für ein Musikportrait.

Textdichter Bruno Balz versorgte erfolgreich das „Who is Who“ der UFA mit Durchhaltesongs; Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? „

Beim Abhören des Gespräch-Mitschnitts, der nur als Gedächtnisstütze hätte dienen sollen, stellte ich fest, wie sehr Jürgen Draegers Schilderungen fesselten! So sehr, dass ich sie nicht nur in das Skript abtippte, sondern auch gleich, in Form von O-Ton-Einblendungen, in die Produktion integrierte. Nicht immer weisen diese Tondateien Runfunk-Qualität auf, da sie aber spontan entstanden, bilden sie auf wahrhaftige Weise ein bis dahin beinahe unbekanntes Kapitel deutscher Kulturgeschichte ab: Der Überlebenskampf eines homosexuellen Künstlers, sowohl im Dritten Reich, als auch noch in der Adenauer-Ära, in der Homosexualität, laut Paragraph 175, weiterhin unter Strafe stand! 

Verwoben mit Bildcollagen aus dem umfassenden Bild- und Dokumente-Material, das Jürgen Draeger mir zur Verfügung stellte, entstand ein farbiger Multimedia-Teil, den ich mit Textvortrag und vor allem mit zahlreichen Livesongs aus dem umfassenden Repertoire von Bruno Balz kombinierte.

Während meines vierstündigen Interviews hatte mich Jürgen Draeger weit hinter die Gute-Laune-Fassade weltberühmter UFA-Songs wie „Sing, Nachtigall sing„, „Waldemar“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“ blicken lassen. Der Lebensrealität ihres Schöpfers gegenüber gestellt, eröffnete sich mir die ungeahnte Doppelbödigkeit der Balz’schen Texte, durch die sich der Autor stets seine Freiräume bewahrt hatte. Um diesen Umstand besser zu veranschaulichen, interpretiert in meiner Bühnenfassung inzwischen ein Mann, der Münchner Chansonnier Albrecht von Weech die unsterblichen Lieder. Mit Komponist und Musikproduzent Thomas Erich Killinger am Piano, habe ich das Konzept eines männlichen Lied-Interpreten für die Balz-Songs zuletzt 2016, im NS-Dokumentationszentrum in München, im Vorfeld der Eröffnung des Denkmals für die im Dritten Reich verfolgten Münchner Homosexuellen, umgesetzt. (Siehe hierzu auch den jourfixe-Blogbeitrag  „Rosa Winkel“ )

Meine Balz-Biografie wurde in den letzten Jahren in verschiedenen Bühnen, im Kulturzentrum Gasteig, in der VHS und schließlich auch im NS-Dokumentationszentrum in München aufgeführt. Tatsächlich aber gehört sie, mit all ihren Bilddokumenten, Texten sowie Draegers O-Tönen endlich einmal in Berlin erzählt, der Heimatstadt von Balz und Draeger. Und auch meine Geburtsstadt – und lebenslanger Sehnsuchtsort … Zurück in diese Stadt geführt hat mich letztlich immer wieder Bruno Balz, erstmals, nach Jahrzehnten der Abwesenheit, 2004 und zuletzt Anfang dieses Jahres, auf der Suche nach einer angemessenen Bühne für „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

Das „Delphi“-Theater in Berlin: Unscheinbare Aussenfassade, überwältigendes Innenleben …

Mit dem „Delphi-Theater“, einem ehemaligen Stummfilmkino aus den 20er Jahren wäre der ideale Spielort eigentlich auch schon gefunden. Berlin beschwört per se an allen Ecken  seine Vergangenheit als Mekka internationaler Kunst und Kultur herauf. Doch noch mehr Patina strahlt, in seiner Geschlossenheit, das Ambiente des Delphi aus, nicht zufällig kürzlich auch Drehort von Babylon Berlin! Zugleich vermittelt die wuchtige Gewölbestruktur ein Gefühl steinerner Dominanz, ideal für die Thematik meiner Biografie. Einer dortigen Aufführung im Weg steht bislang vor allem die noch ungeklärte Finanzierung, um die ich mich erst werde kümmern können, wenn meine aktuelle Produktion zum 100. Todestag der „barfüßigen“ Gräfin Franziska zu Reventlow Ende Juli abgeschlossen ist.

Inzwischen gibt es auch bezüglich Jürgen Draeger – wie könnte es anders sein 😉 – viel Neues zu vermelden. Im Oktober letzten Jahres hat er geheiratet. Sein Mann Pietro kümmert sich inzwischen als „Graue Eminenz“ um das Allround-Management des Künstlers.

Im Artist Studio von Peter Lang (links), UG, im Münchner Künstlerhaus, daneben Robert Eckert/Isarflimmern TV, Gaby dos Santos und ganz rechts Pietro Draeger

Letzten Freitag habe ich Pietro Draeger persönlich  im Artist Studio München kennengelernt, anlässlich eines Treffens gemeinsam mit Robert Eckert, Geschäftsführer von Isarflimmern TV und dabei erfahren, dass Jürgen Draeger derzeit eine autobiografische Werkschau auf !Kuba vorbereitet. Dazu hat das Ehepaar Draeger in letzter Zeit die Karibik-Insel häufiger besucht und steht in regem Austausch mit dem kubanischen Botschafter in Berlin und seinem deutschen Amtskollegen in Havanna.

Auch ein filmisches Portrait über Jürgen Draeger ist derzeit im Gespräch, und ich hoffe sehr, dass es verwirklicht wird, soviel Spannendes wie dieser Mann aus seinem „Jahrhundertleben“ (Zitat Süddeutsche Zeitung) als Künstler und Zeitzeuge zu berichten hat, und das, über die Geschichte seiner Lebensfreundschaft mit Bruno Balz hinaus, unbedingt dokumentiert gehört!

Was nicht bedeuten soll, dass Bruno Balz jemals jemanden ganz aus seinem Bann entlässt: Seit Januar 2013 arbeitet Jürgen Draeger an seinem neuen Bilderzyklus „Sünde sein“, einer Hommage an den Textdichter Bruno Balz …  (Quelle: Wikipedia)


Weiterführende Links:

 ATELIER DRAEGER im Rathenau-Saal   

Jürgen Draeger auf Wikipedia  –  SZ-Portrait 2018

Das Bruno Balz Archiv             www.bruno-balz.com

Kann denn Liebe Sünde sein? “ >  jourfixe-Historical von Gaby dos Santos, erzählt in O-Tönen von Jürgen Draeger


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem außergewöhnlichen Tag, den die Landeshauptstadt München, nach 75 Jahren, erstmals dem Gedenken an die deportierten und zum größten Teil ermordeten Sinti, Reisenden, RomaJenischen, Gaukler & Komödianten widmete. Siehe dazu auch den jourfixe-Blogbeitrag „Porajmos“: „Das Verschlingen“.

Sinteza Ramona Röder im Herbst 2016 bei Eröffnung der Ausstellung über die Verfolgung der Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler & Komödianten in der NS-Zeit – Ramonas Vater wurde ein Opfer der Experimente an Zigeunerkindern von NS-Arzt Josef Mengele. Ramonas Kommentar: „Der Mengele war so ein schöner Mann! Wie konnte er nur?“ Foto: Stey

Wie schon im Herbst 2016, bei der Eröffnung der ersten Münchner Ausstellung, die der Verfolgung der Sinti und Roma gewidmet war, herrschte auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine sehr familiäre Atmosphäre, was leider auch daran lag, dass sich seitens der Münchner „Mehrheitsgesellschaft“ weniger BürgerInnen vor Ort einfanden, als erhofft, ein Umstand, der sicher auch der Uhrzeit geschuldet war, tagsüber, mitten in der Arbeitswoche … sowie dem eisigen Wind.

Vertrauter Umgang: Ganz links. Dipl. Sozialarbeiterin Uta Horstmann, die für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt; sitzend Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender im Verband deutscher Sinti & Roma, li. dahinter Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern deutscher Sinti und Roma, daneben der KZ-Überlebende Peter Höllenreiner, re. Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren von Madhouse – Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma und Initiator dieser erstmaligen Münchner Gedenkreihe, neben ihm Archivar Oliver Stey (Angehöriger der „Gaukler & Komödianten“)

Mitglieder der Familie Höllenreiner, die ich schon beim Gedenkgottesdienst getroffen hatte, den Angelika (hinten) als Sängerin mitgestaltet hatte; Foto: O. Stey

Das „Hallo“ dafür war umso lebhafter. Man kennt einander, ist oft, zumindest über drei Ecken, mit einander verwandt und beklagt gemeinsam zahlreiche Familienmitglieder unter den Opfern des Holocaust.

Mit Initator Alexander Diepold , selbst ein Sinto und Gründer/Leiter von Madhouse München, Foto: Roberto Paskowski

 

 

Auch für mich fanden an diesem Nachmittag viele Wiedersehen statt, mit FreundInnen und lieben Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zum Bestandteil meines engeren Umfelds geworden sind.

An diesem Dienstag waren wir auch im Bibbern vereint, da sich der Platz als äußerst zugig erwies. Mir taten vor allem die Musiker leid: Violinist Sandro Roy und Gitarrist Walter Abt spielten auf einer Bühne, die zwar überdacht, seitlich und hinten aber nicht geschützt war!  Ich tippte auf Fingerübungen „in ganz klamm“. 😦 Das tat jedoch dem Wohlklang keinen Abbruch.  Profi-Künstler entfalten auch unter widrigen Umständen ihr Können!

Mit Gitarrist Walter Abt und Violinist Sandro Roy mochte man an diesem Tag mit Sicherheit nicht tauschen! Es zog gnadenlos von allen Seite, doch das Duo hielt sich souverän.

Das Ausmass der Deportationswelle, die die Münchner Sinti und Roma Gemeinde im März 1943 überrollte, wurde bei der Gedenkfeier dadurch veranschaulicht, dass die Namen der Opfer, ergänzt durch die Daten zu Festnahme,  dem Ziel der Deportation und – in den meisten Fällen – auch dem Tag der Ermordung, verlesen wurden.

Marco, ein Mitglied der Familie Höllenreiner verliest die Namen und Daten zu den Deportationen in seiner Familie, die besonders massiv betroffen war. Im Hintergrund Alexander Adler, ein junger Sinto, der sich als Mediator in Schulen engagiert

Die Liste der „ziganen“ Münchner NS-Opfer nahm gefühlt kein Ende, und ich fragte mich, warum nur, bis zur Anerkennung des erlittenen Leids der Sinti und Roma während des Krieges und auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten, soviel Zeit hatte vergehen müssen?

Im obigen Video  von Gerhard Hallermayer (gh-film) finden sich die Reden von OB Reiter, Erich Schneeberger und Alexander Diepold

Eine junge Sinteza verliest Namen ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen, ein Sinto hört bewegt zu; Foto: Oliver Stey

Die Ausgrenzung von Holocaust-Opfern nach dem Krieg griff auch Madhouse-Chef Alexander Diepold in seiner Rede auf, aus der ich ausschnittsweise zitiere:

Alexander Diepold bei seiner Rede; Foto Roberto Paskowski

„75 Jahre hat es gedauert, dass auch der Minderheit der Sinti und Roma in der Weise erinnert wird, dass sie hier, am Platz der Opfer der Nationalsozialisten geehrt und gewürdigt werden. (…) Vor einigen Jahren waren hier die Opfergruppen einzeln benannt, nicht aber Sinti und Roma. (…) Dieser Platz, an dem das Ewige Licht brennt und nicht mehr ausgeht, ist nun der Ort, an dem allen, wirklich ALLEN Opfern des Holocaust gedacht wird. (…) Das Licht steht dafür, dass Menschlichkeit, auch unter der Unterdrückung, nicht ausgelöscht werden kann.“ (Die ganze Rede im obigen Video)

Die Ansprache von OB Dieter Reiter, wurde seitens der Münchner Sinti & Roma durchweg sehr positiv aufgenommen; Foto: R. Paskowski

Dieser Gedenktag kam – ebenso wie der Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern im Februar 2018 – wie Oberbürgermeister Dieter Reiter es in seiner Rede formulierte – „nicht zu früh, aber besser heute als nie“. Stimmt! Schließlich gibt es immer noch genug zu tun, nicht nur in Hinblick auf die historische Aufarbeitung des „Porajmos“  (deutsch: „das Verschlingen“), dem Holocaust der Sinti und Roma, sondern auch in Hinblick auf die weiterhin bestehenden Defizite bzgl. einer kompletten Gleichstellung dieser Volksgruppe innerhalb unserer Mehrheitsgesellschaft in München, in Bayern, in Deutschland und europaweit!

Alexander Diepold, Initator der Gedenkwoche, im Interview; Foto: Behar Heinemann

Entsprechend schloss Alexander Diepold seine Ansprache mit den Worten: Wir hoffen, dass ein solcher Gedenktag und ein entsprechendes Rahmenprogramm auf die Sensibilisierung politischer Handlungsträger sowie zur Überwindung antiziganistischer Wahrnehmung in der Verwaltung beitragen kann. (…)“  – „… und ebenso in weiten Teilen der Bevölkerung,“ möchte ich hinzufügen. Wie viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich noch vonnöten ist, stelle ich in meinem eigenen Umfeld immer wieder fest … Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von “Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. (…)  Oft gar nicht als solche wahrgenommen werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen und oft sind sie es selbst, die noch immer ihre Identität verschleiern, aus – leider durchaus begründeter – Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen. (mehr in meinem jourfixe-Blogbeitrag 25.7.17).

Solidarisch: CSU-Stadtrat Marian Offman (re), Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, mit dem bayerischen Landesvorsitzenden deutscher Sinti & Roma, E. Schneeberger

Daher bemühe ich mich, durch Berichterstattung über die Social-Media-Seiten meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie im jourfixe-Blog ein wenig zu einer den Tatsachen entsprechenden Wahrnehmung beizutragen. Was für mich als journalistisches Interesse im Herbst 2016 begann, ist mir inzwischen zu einer persönliches Herzensangelegenheit geworden!

Behar Heinemann, eine „stolze Rom“, wie sie sich selbst bezeichnet,  führt die Klischees einer „Zigeunerin“ ad absurdum: Attraktiv, gebildet, weitläufig vernetzt, arbeitet sie als Fotografin, Coach und Autorin, u.a. der vielbeachteten Biographie „Romani Rose, ein Leben für die Menschenrechte

Als unser aller Aufwärm-Station, bis zur Abendveranstaltung im Rathaus, diente dann der „Pub“ im Münchner Ratskeller, nicht wirklich zur Freude des Personals, das sich wenig fröhlich zeigte, angesichts der großen, bunten Menschengruppe, die sich unvermittelt eingefunden hatte.

„Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation, Sinteza Ramona Röder, Patrick Treuvelot, Edith Grube/Kuratorin Madhouse, Sonja Günther-Mamudova, Münchner Ratskeller, Foto: Stey

Meine Freundin Ramona meinte, es läge daran, dass man sie als Sinti identifiziert habe. Beweisen ließ sich Ramonas Vermutung nicht, jedoch zeigte die Äußerung, wie sehr Ramona die Vorurteile sensibilisiert haben, denen sie ihr ganzes Leben lang als Sinteza ausgesetzt war …

Soziologin „Die starken Frauen der Sinti“ und preisgekrönte Filmemacherin Duii Roma„, Iovanca Gaspar, mit Ehemann Josef, beide Madhouse-Mitarbeiter

Jedenfalls setzte ich mich mit der Soziologin und Filmemacherin (Duii Roma), Iovanca Gaspar, an einen Tisch, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Adrian Gaspar (s. Foto u.), der für den Dokumentarfilm seiner Mutter einen bemerkenswerten Soundtrack vertont und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs uraufgeführt hat. Adrian lebt und arbeitet vorwiegend in der Wiener Szene, leitet aber seit Januar in München die Impro-Musikreihe BRIDGEBEAT Jam, jeweils am letzten Mittwoch im Monat, im Kulturzentrum 2411.

Ein Roma-Pianist und ein Sinti-Geiger = zwei ausgezeichnete Musiker, beim kollegialen Plausch im Münchner Ratskeller: Adrian Gaspar, ein Macher der Wiener Musikszene (li) und der bereits international gefeierte Sandro Roy (re)

Die letzte Station der Gedenkfeierlichkeiten führte ins Münchner Rathaus, zu einem dieser hochoffiziellen Empfänge. Erstmals in der bundesrepublikanischen Chronik Münchens hatten sich dazu zahlreiche RepräsentantInnen der hiesigen Sinti- und Roma-Gemeinde im großen Sitzungssaal, der Schaltzentrale unserer Stadt eingefunden und teilweise ganz selbstverständlich in der ersten Reihe niedergelassen, die protokollarisch normalerweise, neben den Veranstaltern und unmittelbar Mitwirkenden, den Honoratioren der Stadt vorbehalten ist.

Gaby dos Santos, dahinter Ramona Röder, Romani Rose

Mir gefiel dieser ungewohnte Ausbruch aus den ehernen Regularien des Protokolls -mitten hinein in die zwischenmenschliche Parität. Doch standen auch genug leere Stühle zur Verfügung, da von städtischen FunktionsträgerInnen an diesem Abend eher wenige zu sehen waren, abgesehen von  der unermüdlichen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie einigen wenigen anderen, die durch ihre Anwesenheit Solidarität bekundeten,

Romani Rose im Gespräch mit Ilse Snopkowski, Foto: O. Stey

wie Ilse Ruth Snopkowski, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, für die ich 2011/2012 die Büroleitung und Organisation der 25. Jüdischen Kulturtage übernommen hatte. Als krank extra entschuldigt hatten sich der Grünen-Stadtrat Florian Roth sowie Claudia Stamm – Vorsitzende der Partei mut. Beide Politiker unterstützen die Interessen der Münchner Sinti und Roma schon seit einiger Zeit.

Bei der Rede von Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender der deutschen Sinti & Roma: V. l. Dr. Andreas Häusler/Stadtarchiv, 3. vor dem Gang: Zeitzeuge Peter Höllenreiner, Romani Rose/Vorsitzender des deutschen Zentralrats der Sinti & Roma, Christine Strobl/SPD/2. Bürgermeisterin. Nach dem Mittelgang, v.li.: Polizeipräsident Hubertus Andrä, daneben Charlotte Knobloch/Vorsitzende der IKG München, neben ihr zwei Damen aus der Sinti-Gemeinde, eine davon, rechts außen, ist die Großmutter eines der Opfer des OEZ-Anschlags

Doch Sitzordnung hin oder her, befand man sich, mit dem Rathaus als Veranstaltungsort, im städtischen „LaLa-Land“ des Protokolls, das  – für mich – oft schwer nachvollziehbaren Hierarchien und Regeln folgt.

Behar Heinemann u. Marcella Reinhard/Regionalverband dt. Sinti & Roma in Augsburg (Bildmitte) im Gespräch mit Polizeipräsident Andrä; Foto: Stey

So begrüßte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD),  neben dem Bundesvorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose  und dem bayerischen  Landesvorsitzenden, Erich Schneeberger, die protokollarischen V.I.P.s und die Redner des Abends, wie der Münchner Polizeipräsident, Hubertus Andrä, außerdem die zwei anwesenden Stadträte, darunter mein SPD-Parteigenosse Christian Vorländer.

Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl  (SPD) bei ihrer Begrüßungsrede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Behar Heinemann

Nur Alexander Diepold, Initiator, in Kooperation mit u.a. der Landeshauptstadt München sowie dem Stadtarchiv UND Schlüsselfigur von Gedenktag und Themenwoche, blieb unerwähnt!? War möglicherweise einfach versäumt worden, seinen Namen unserer Bürgermeisterin in die Rede zu schreiben? Kann vorkommen, würde aber auch gewisse Schwachpunkte eines „Protokolls“ belegen, das, in den Spähren des „Honorigen“ konzipiert, Gefahr läuft, die eigentlichen ProtagonistInnen einer Veranstaltung zeitweilig zur Staffage geraten zu lassen. Selbst seit Jahrzehnten Veranstalterin, tat mir Alexander Diepold in diesem Moment menschlich sehr leid, da ich, auf Grund eigener Erfahrungen ahnte, wie viel Kraft und noch mehr Zeit er in die Verwirklichung dieses Anlasses gesteckt haben musste.

Romani Rose, Bundesvorsitzender Zentralrat deutscher Sinti & Roma

Dass in Folge auch der Bundesvorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der von mir stets verehrte Romani Rose, Alexander Diepold und dessen Verdienste ebenfalls mit keinem Wort erwähnte, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sind ihm doch das Engagement und die Verdienste Alexander Diepolds bekannt? Aber, wie gesagt, bleibt das Protokoll für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Erich Schneeberger; Foto: R. Paskowski

Glücklicherweise erwähnte danach zumindest der bayerische Landesvorsitzende deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, Alexander Diepold namentlich und sprach ihm seinen Dank aus! Außerdem begrüßte er in seiner Ansprache – vermutlich ein protokollarischer Routine geschuldeter Lapsus, „die hohe Geistlichkeit“, die tatsächlich aber komplett fehlte. Was für ein Manko, angesichts der unrühmlichen historischen Rolle einer zumindest unterlassenen Hilfeleistung, die die Kirche bei der Verfolgung der „Zigeuner“ im Dritten Reich spielte! > Siehe dazu Romani Roses Schilderungen im ZDF/bei Markus Lanz/12.09.14, Passage ab ca. Minute 6.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hielt im Rathaus eine ungeschönte Rede zur Rolle der Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma

Als Respekt einflößend, weil ebenso ungeschönt wie zukunftsweisend, empfand ich hingegen die Rede des Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: (…) „Die Deportation von Münchner Kindern, Frauen und Männern heute vor 75 Jahren war ein Verbrechen. Es war ein Verbrechen aus rassistischen Gründen, begangen durch Angehörige und unter Mitwirkung der Münchner Polizei. Daran gibt es nichts zu deuteln. (…) Es ist mir eine Ehre, vor den Überlebenden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen, die nicht müde wurden, auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen, ein Grußwort sprechen zu dürfen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Die Münchner Polizei ist sich ihrer Verantwortung vor der Vergangenheit bewusst. Wir schließen unsere Augen nicht vor der Schuld, die Münchner Polizeibeamte im
Nationalsozialismus auf sich geladen haben. (…) Die Diskriminierung der Sinti und Roma hat eine lange europäische Geschichte. Vorbehalte sind teilweise tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert.

Die Rolle der (Münchner) Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma war auch Thema einer gesonderten Veranstaltung im Polizeipräsidium; Foto: Oliver Stey

Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet. Für die Münchner Polizei geht es bei Ermittlungen um Taten und Täter, ohne Ansehen der jeweiligen Person, aber niemals um Abstammung oder Herkunft. Wir verstehen uns als Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und treten für die Sicherheit aller hier lebenden Menschen ein. (…) Die Vergangenheit sei  für die Gegenwart unerlässlich und würde an die jungen Polizeibeamten weitergegeben, als Hüter unserer demokratischen Gesellschaftsform. Solche Reden, in denen, statt irgendwelcher Floskeln, persönliche Empfindungen und Reflexionen spürbar werden, werten offizielle Empfänge für mich immer wieder auf, weil DER MENSCH hinter den WürdenträgerInnen, in berührenden Momentaufnahmen, wieder sichtbar wird …

Zu solchen besonderen Momenten – wie hätte es anders sein können – zählte auch die Rede von Peter Höllenreiner, der als Kind die medizinischen Versuche und Höllen verschiedener NS-Konzentrationslager überlebt hat. „Ich bin ein verfolgter DEUTSCHER.“  So bezeichnete sich der Münchner Sinto und Zeitzeuge selbst bei seiner Gänsehaut-Rede, die immer wieder – unter dem Druck seiner Gefühle – ins Stocken geriet.

Der Münchner Sinto und Zeitzeuge Peter Höllenreiner mit Alexander Diepold (Madhouse) während seiner Rede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Edith Grube

Peter Höllenreiner, Alexander Diepold; Foto: Roberto Paskowski, 13.3.2018

Die Rede von Peter Höllenreiner machte mehr als betroffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählte. Nur wenige Tage vor seinem 4ten Geburtstag wurde er mit seiner Familie und weiteren Sinti von München in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Insgesamt waren es über 140 Münchner Sinti und Roma die man als „Zigeuner“ diffamierte und verfolgte. Viele der Deportierten wurden ermordet. So verlor die Familie Höllenreiner allein 36 Familienmitglieder,“ erinnert Aktivistin Edith Grube in der Beschreibung zu ihrem Facebook-Foto weiter oben.

Die Rede von Zeitzeuge Peter Höllenreiner ist eine einzige Anklage, nicht zuletzt auch der Umgang der Bundesrepublik mit der „ziganen“ Minderheit in den Jahrzehnten nach dem Krieg. „Eine große Enttäuschung“, so Peter Höllenreiner.

Der Junge aus Auschwitz, E-Book, Paperback, ISBN: 9783745053517 von Maria Anna Willer

„Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hat, kommt Peter Höllenreiner 1945 als Sechsjähriger zurück in seine Geburtsstadt München. Seine Schulzeit beginnt und die Welt begegnet ihm, als ob nichts gewesen wäre. ‚Hintere, in die letzte Bank!‘, heißt es in der Schule. Die Ausgrenzung geht weiter. Peter Höllenreiner und seine Familie waren der nationalsozialistischen Verfolgung als sogenannte „Zigeuner“ ausgesetzt gewesen. Trotz Demokratie, neuer Regierungsform und der Erklärung von Menschenrechten – die alten Vorurteile blieben weiterhin: „Zick zack Zigeunerpack!“ Eine Lehrstelle hätte er als Sinto nie bekommen. Seine Kinder bekamen später auch keine. Die Ausgrenzung zog sich weiter durch die nächsten Generationen. Und immer wieder stand er als Sinto unter Generalverdacht. Er habe das Schlechte mit der Mutterbrust eingesogen, unterstellt ihm ein Richter. Doch Peter (….) schafft es, nach den traumatischen Kinderjahren ein erfolgreiches Leben zu führen – trotzdem er ohne Schulabschluss und Berufsausbildung ist. Er hat eine Gabe und weiß sie zu nutzen: Er kann Altes von Neuem unterscheiden. Er handelt mit Antiquitäten, später mit Schmuck. Er pachtet ein Geschäft in der Theatinerstraße. Inkongnito natürlich, als Sinto hätte er ein Geschäft in dieser Lage nie bekommen. ‚Wir mussten uns immer beweisen.‘ Seine Vergangenheit streift er ab, so gut es geht. Auch seine Tätowierung am linken Unterarm.“ 

(Quellen der o.g. Zitate: Klappentext der Biografie (kursiv) und meine zeitnahen Posts, 13.3., direkt aus dem Rathaus)

Der Junge aus Auschwitz, Edition Kindle,

Erst 2015 Jahren besucht Peter Höllenreiner erstmals wieder Auschwitz und erlebt er dort, nach eigenem Bekunden,einen der Höhepunkte seines Lebens: Papst Franziskus trifft holocaustüberlebenden Sinto Peter Höllenreiner beim stillen Gebet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau 

Aus meinem Post 13.3.: Lange war es ihm gelungen, seine Erinnerungen zu verdrängen. Nun holen sie ihn immer stärker ein. ‚Jetzt habe ich jede Nacht Alpträume.‘ Sichtlich schwer fällt ihm auch, von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Immer wieder bricht ihm die Stimme … Ich ertrage es kaum noch, ihm zuzuhören. Abschließend wünscht er sich, die aktuellen Fortschritte im Umgang mit „seinen Menschen“ hätte er in seiner Jugend erleben dürfen und fügt in seiner Rede, an den Polizeipräsidenten gewandt, hinzu: „Ich wünsche mir, dass das jetzt begonnene Gespräch weitergeführt wird. Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden“ (…) „Wir möchten uns nie mehr verstecken müssen!“

Zu Recht „Stehende Ovationen“ für Peter Höllenreiner nach seiner Rede im Rathaus; Foto Erich Neubauer

Nach seiner Rede gab es Standig Ovations für Peter Höllenreiner. In meinem Facebook-Post notierte ich: Musikalischer Ausklang mit Sandro und seinem Trio. Zum dahin schmelzen. Begeisterter Applaus und würdiger Abschluss dieses Tages ganz im Zeichen des Gedenkens an die Deportation und Ermordung der Münchner Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler und Komödianten. Und hoffnungsvoller Auftakt zu einem neuen festen Termin in der jährlichen Münchner Kulturagenda.

Bürgermeisterin Christine Strobl u. Peter Höllenreiner, Foto: Stey

Bürgermeisterin Christine Strobl schließt die Veranstaltung, wohltuend abseits aller protokollarischen Diktate, mit der für sie typischen Münchner Herzlichkeit und dem Fazit, dass sie selten eine so berührende Veranstaltung erlebt habe, nicht zuletzt wegen der Rede Peter Höllenreiners. Sie dankt ihm mit der Feststellung, dass sie beide die Münchnerische Färbung in der Aussprache verbinde. Liebenswert.😊Und quot erat demonstrandum: Wir ALLE sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, in dem die Sinti schon seit Jahrhunderten unter uns leben! Und augenscheinlich allmählich auch immer mehr mit uns! Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich fast schon wieder versöhnt mit den protokollarischen Gegebenheiten solcher Veranstaltungen   Fast. .. (Ende meiner Posts vom 13.3.18)

… denn auf die vielen emotionalen Höhepunkten folgte … ein abruptes Ende der Veranstaltung! Seit Beginn meiner Kulturarbeit 1994 habe ich unzählige städtische und staatliche Empfänge erlebt, aber noch nie, dass nicht zumindest ein Getränk im Anschluss an eine Veranstaltung gereicht worden wäre, zumal eine ganze Reihe von Gästen extra angereist und schon seit dem Nachmittag vor Ort in München gewesen waren.

Am Ende, ganz jenseits des Protokolls, begrüßt Christine Strobl „Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation Neben ihm der wunderbar einfühlsame Psychologe Aldo Rivera der Münchner Beratungsstelle Madhouse; Foto: Stey

Journalist Erich Neumann schreibt dazu auf My Heimat.deObwohl sogar eine Delegation aus Spanien und Serbien vor Ort war, zeigte sich die Weltstadt mit Herz nicht gerade von ihrer besten Gastgeberseite, als mit dem offiziellen Ende auch keine Möglichkeit zu einem weiteren Austausch mehr bestand und ein abruptes Auseinanderdriften der Teilnehmer wenig schönen Ausklang bedeutete, obwohl ein kleiner Stehempfang dies ebenso abgefangen hätte, als es dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Mein Fazit: In den vergangenen beiden Jahren hat sich mehr in Bezug auf die Aufarbeitung des „Porajmos“ und die Gleichstellung der Sinti & Roma in München getan, als in den 73 Jahren zuvor. Einen ersten Meilenstein setzte 1980 ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, der eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisierte. Abgesehen von der überfälligen Unterzeichnung des Staatsvertrages, hat sich nun in München vor allem Alexander Diepold Siebenmeilen-Stiefel übergestreift:

Vor einem Jahr noch, am  berichtete Viktoria Spinrad in der Süddeutschen Zeitung, unter dem Titel Soll das alles sein?“:  Sie sind von den Nazis verfolgt worden, bis heute fühlen sich viele von ihnen diskriminiert: Die Sinti und Roma in München wollen stärker gehört werden. Bei einer Veranstaltung im Eine-Welt-Haus fordern sie unter anderem einen Gedenktag und ein würdiges Mahnmal (…)

Dieser feste Münchner Gedenktag, alljährlich am 13.März, ist nun eingeführt! Chapeau allen, die mit unermüdlichem Engagement dazu beigetragen haben, ihn für uns Münchnerinnen und Münchner zu verwirklichen, seitens der Stadt ebenso wie seitens der Sinti- und Roma-AktivistInnen!


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Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
Verbitterung aus ziganen Kreisen
nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Der „eingebettete“ Video-Clip stammt – mit herzlichem Dank – von Gerhard Hallermayer, GH-Film HD, YouTube Kanal


Ein ausführlicher und ergänzender Artikel von Erich Neumann zu dieser Veranstaltung findet sich unter www.myheimat.de


Auf der Homepage des BR findet sich eine ausführliche Übersicht mit zahlreichen Illustrationen Zur Geschichte der Sinti und Roma: Der lange Weg von Indien nach Deutschland“ 


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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MASSEL TOV: Eine Band, fünf virtuose Solisten und ein fulminantes Potpurri osteuropäischer Musiken

Masel tov (מזל טוב) ist jiddisch bzw. hebräisch und bedeutet frei übersetzt Viel Glück oder Viel Erfolg. Der hat die gleichnamige Band durch eine bemerkenswerte musikalische Laufbahn begleitet, die in meiner damaligen Kleinkunstbühne Wirtshaus zum Isartal begann.

Das „Wirtshaus zum Isartal“ in München, 1994 als Kleinkunstbühne von Gaby dos Santos (Bildcollage) eingeführt

Aus diesem Grund liegt mir bis heute diese Band persönlich am Herzen. Deren Debüt allerdings gestaltete sich für mich alles andere als reibungslos, denn ich hielt sie versehentlich für ein Duo, bestehend aus einem Gitarristen, an dessen Namen ich mich nicht mehr  erinnere und der Sängerin Andrea Pancur, damals – und für viele Jahre in Folge – die treibende Kraft dieses Ensembles. Anlass für das Engagement war meine jiddische Trilogie „Lachen und Weinen – Beinahe ein Fest!“ und für den Abend hatte ich bereits die Klezmer-Jazzband „Nunu“ engagiert und somit plötzlich eine Band zuviel! Aber schon damals entfachte Massel Tov aus dem Stand ein Klangfeuerwerk, dem sich niemand zu entziehen vermochte, auch ich nicht, schnöder Mammon hin oder her. Bald darauf überwarf sich der Front-Gitarrist mit der Band.

Zarko Mrdjanov, nicht nur virtuoser Gitarrist, sondern auch versierter Conférencier mit kabarettistischen Anleihen

Daraufhin vermittelte ich an Massel Tov meinen serbischen Freund Zarko Mrdjanov, den ich Jahre zuvor, während Vodka durchtränkter Nächte, in einer „Russischen Datscha“ im Lehel kennengelernt hatte, als versierten Gitarristen, zudem ausgestattet mit schelmischer Beobachtungsgabe – Qualitäten, die ihn noch heute, als Gitarristen und nicht zuletzt Conférencier der Band auszeichnen!

Die blickt auf eine nunmehr 18jährige Erfolgschronik zurück, die das Ensemble on tour durch ganz Europa und weiter bis nach Israel führte, letzteres sogar auf Einladung des Israelischen Staates, eine seltene Ehre für eine nicht jüdische Klezmerband! Ein Höhepunkt der Band-Karriere war sicher der Auftritt vor Klezmer-Legende Giora Feidman höchst persönlich, für den jemand privat Massel Tov als personifiziertes Geburtstagsgeschenk engagiert hatte!
Entsprechend breitgefächert ist inzwischen die Referenzliste. Nach der Trennung von Leadsängerin und Band-Gründerin Andrea Pancur hat sich das Kernensemble akribisch ein neues musikalisches Konzept erarbeitet.

Mit Leidenschaft und Hingabe … Die Ensemble-Mitglieder Florian Ewald (vorne), Tatjana Mischenko und Steffen Müller während eines Auftritts des Massel Tov Quintetts

Als Quintett legt Massel Tov seinen Schwerpunkt nunmehr
  • auf 3–stimmigen Gesang
  • auf das Ausarbeiten solistischer Höhepunkte der einzelnen Bandmitglieder
  • auf ein themenorientiertes Programmangebot, welches sich konkreter darstellen/bewerben und in Veranstaltungsreihen/Festivalprogramme einfügen läßt (…) Quelle: www.masseltov.com

Über ihr großes Repertoire an Klezmer und jüdischer Musik hinaus, wendet sich das Quintett in seinem neuen Programm auch der Musik anderer Volksgruppen Osteuropas zu, die in Beziehung zum Klezmer steht oder ihn unmittelbar beeinflusst hat, wie z.B. die der Bulgaren, Rumänen oder auch der Roma. In einer gelungenen Mischung legt Massel-Tov auf wunderbare Weise die musikalische Wechselwirkung zwischen diesen verschiedenen und doch ähnlichen Klangwelten offen. Das führt die Musiker über die traditionelle Spielweisen reiner Klezmerbands hinaus. Auch auf die Spuren jüdischer Emigranten „vom Schtetl in die Neue Welt“ begibt sich die Band, mit einigen Preziosen aus dem Repertoire des „Jiddisch Swing“ Amerikas.

Durch solcherart Vielfalt, gepaart mit fantasievollen Arrangements, innig empfunden und virtuos intoniert, begeistert und überrascht mich Massel Tov auch nach fast zwei Jahrzehnten noch immer und immer wieder neu, nicht zuletzt auf Grund der ausgeprägten Persönlichkeit der einzelnen MusikerInnen, die ich daher auch im Musikteil eigener Produktionen eingesetzt habe.

Titelbild „Kein Applaus für Podmanitzki“: Zarko Mrdjanov, Andrea Pancur, Florian Ewald vor dem Münchner Künstlerhaus; Foto Werner Bauer

So begleiteten Pancur, Ewald und Mrdjanov musikalisch meine Adaption der Satire „Kein Applaus für Podmanitzki“ bei der Uraufführung 2006, im Programm der Jüdischen Kulturtage. Flötistin Tatjana Mischenko wiederum verzauberte 2013 im Musikteil meines Historicals „450 Jahre Alter Südlicher Friedhof„, unter anderem im direkten Duett-Vergleich mit dem Gesang von Vögeln (als Toneinspielung) …

Tatjana Mischenko und Steffen Müller 2017 beim „Dance Mob“ von Terry Swartzberg

Bassist Steffen Müller gehört zu den Musikern, die, neben konzertanten Auftritten, auch immer wieder die unmittelbarste Begegnung mit dem Publikum suchen, die es gibt: Die als Straßenmusiker in spannenden Formationen.

Vervollständigt wird das Quintett durch Harald Starken, der seit 2011 bei Massel Tov als Perkussionist den Takt angibt.

Jeder ein herausragender Solist, sind sie gemeinsam: Massel Tov


MASSEL TOV im März in München:

SO. 04.03.18. Einl.: 10 Uhr. Beginn: 11 Uhr.
Frühschoppen mit Massel Tov – Fraunhofer Wirtshaus Fraunhoferstr. 9

DI, 06.03.2018 Beginn: 20:00 Uhr, Konzert mit Massel Tov 
„KLEZMER TRIFFT BALKAN“
Ars Musica im Stemmerhof, Plinganserstr. 6,
Vorverkauf: reservierung@ars-musica-muenchen.de


„MASSEL TOV fünf“ – Die aktuelle CD 
€ 18,- zzgl. € 1,45 Versandkosten  –  ab sofort zu bestellen im   Massel–Tov–Shop
Produziert im   Artist Studio von  Peter Lang


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„Der Turm rockt!“ – Zur Entstehung des Rockmuseums im Olympiaturm und zum Jubiläumsprogramm am SO, 25.2.18: Führungen ab 11 Uhr, Claudia Cane & Band, 15 Uhr

50 Jahre Olympiaturm und der Turm rockt! Das hätten sich die Erbauer des Münchner Olympiaturms seinerzeit so nicht träumen lassen: Dass sich eines Tages „ihr Turm“, das höchste Gebäude Münchens, zur Anlaufstelle für Rockmusik-Fans aus aller Welt entwickeln würde!

Dank einer visionären Initiative, im Alleingang von Herbert und Gabi Hauke sowie Arno Frank Eser gestemmt, eröffnete 2004 das Rockmuseum Munich im ersten Stock des Olympiaturms. Die BesucherInnen erwarten dort faszinierende Exponate aus der internationalen Rockszene: “ (…) signierte Schallplatten, Poster, Bühnen-Outfits, Fotos, Dokumente, Instrumente, Tickets und vieles mehr. Darüber hinaus viele Events wie Konzerte, Lesungen und spezielle Foto-Ausstellungen. Seit kurzem gibt es sogar eine App, die all das zeigt, was aus Platzmangel auf dem Olympiaturm nicht live zeigt werden kann,“ erläutern die Betreiber. Für ihr Museum hatten sie Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, Klinken putzen müssen. Ein ehemaliger städtischer Vertreter der Münchner Kulturszene beschied Hauke und Eser damals (sinngem.) München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige …

Längst freut sich auch die Landeshauptstadt München über diese weitere, originelle Adresse in ihrer Museenlandschaft und erwähnt sie ganz selbstverständlich auf ihrem offiziellen Internetportal: „Bei der Eröffnung war reichlich Rock-Prominenz vertreten: Uriah Heep, Drummer Pete York, Leslie Mandoki oder der Isarindianer Willy Michl. ( mehr …)

Tja, … und eine gewisse Gaby dos Santos mischte sich damals auch unter das Eröffnungspublikum 😉 Als Begleiterin der Musikjournalistin Ingeborg Schober. Zu der Zeit ahnte niemand, dass Schober dort, im Duo mit ihrem Gitarristen Bernhard Weber, einige der letzten Auftritte ihres Lebens bestreiten würde; Lesungen aus ihren zahlreichen Musikbiografien, zu Jim Morrison oder Janis Joplin sowie aus ihrer letzten Veröffentlichung Poptragödien, in denen sie tragische Momentaufnahmen im Leben internationaler Popstars skizziert. Damals hatte ihr eigenes Leben bereits eine tragische Wendung genommen, vor allem finanziell. Daher organisierten mein Freund Henning Halfpap, damals beim  jourfixe-muenchen für IT- und Technik zuständig, und ich kostenlos Equipment aus dem Artist Studio München und fuhren via Lift – gefühlt – jedes Teil einzeln  in den ersten Stock zur Lesung. Der Aufwand lohnte: Die intime Atmosphäre auf Tuchfühlung mit Exponaten unserer Jugendidole, von denen uns Ingeborg Schober mit der ihr eigenen, rauchigen Stimme erzählte, dazu der Rundumblick über das nächtlich beleuchtete München …

Janis Joplin, dahinter Claudia Cane und im Vordergrund Ingeborg Schober, vereint in einer Bildcollage aus „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“, für die mir auch Herbert Hauke einen O-Ton beisteuerte

2015 interviewte ich dann Rockmuseum-Chef Herbert Hauke zum 5. Todestag von Ingeborg Schober, zu dem ich ein gerade ein Portrait vorbereitete: Ingeborg Schober – eine Poptragödie. In selbiger Produktion übernahm unser jourfixe-Mitglied – und Deutschlands Antwort auf Janis Joplin – Claudia Cane, den Gesangspart. Ende Februar 2018 schließen sich nun wieder einmal Kreise:

Am 25.2.18, 15 Uhr, rocken Claudia Cane & Band dem Oly-Turm ein Geburtstagsständchen

Zum 50. Geburtstag des Münchner Olympiaturms, am So, 25.2.2018, neben launigen Führungen der Museumsgründer durch die kleine, feine Ausstellung, um 11:00 Uhr, um 14:00 Uhr und um 16:00 Uhr, spielen Claudia Cane und Band um 15:00 Uhr im Rockmuseum auf„weil Rock nur lebt, wenn er rockt,“ so die Veranstalter.

Sollte Ingeborg Schober, die die Idee eines Rockmuseums in München von Anfang an unterstützt hatte, am Sonntag von Wolke Sieben aus zusehen, wird ihr das bunte Treiben im ersten Stock des „Oly-Turms“ gefallen, dessen bin ich mir ganz sicher …

Yeahhh …

Das Rockmuseum Munich auf Facebook     sowie auf der Homepage unter >>>  www.rockmuseum.de


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Im Herztakt der Liebe … Musikalische Gedichte neu interpretiert von Pianistin Masako Ohta auf der CD „Poetry Album“

Die japanische Pianistin Masako Ohta und Stefan Winter, Labelchef von Winter & Winter: Zwei Kreative, die ich mit einem ungewöhnlichen Zugang zu künstlerischen Stoffen verbinde … Nun ist ihr erstes gemeinsames „Poetry Album“ erschienen, mit der Liebe als DEM verbindenden Element aller Stücke. Die ist thematisch normalerweise dem Schlagerhimmel vorbehalten, doch bei dieser Klassik-Produktion bildet sie den Roten Faden im Repertoire, wie der Info-Text erläutert: „Hinter jedem Werk verbirgt sich eine – manchmal geheime, manchmal viel zu kurze, machmal lebenslange – Liaison. Das berühmteste Stück stammt aus der Feder Ludwig van Beethovens, aber möglicherweise heißt es in Wirklichkeit nicht »Für Elise«, sondern »Für Therese«. Im Alter von 40 Jahren verliebt sich Ludwig in die 19-jährige Therese Malfatti … Johann Sebastian Bachs »Prelude und Fugue C-Dur« ist seiner großen Liebe Anna Magdalena gewidmet. Komponisten schreiben musikalische Gedichte. Was geschieht zwischen Johannes Brahms, ein enger Freund und Helfer der Schumann Familie, und Clara, dessen Mann Robert Gesundung im Sanatorium sucht? Wie klingen Clara und Robert Schumanns und Johannes Brahms Kompositionen? Die Reise der Werke geht durch die Jahrhunderte. (…) 

Auf eine intensive Klangreise hatte mich Stefan Winter schon einmal, 1999, entführt, querfeldbeet durch das Argentinien des Tangos. Dabei setzte die Produktion einen für mich faszinierenden Schwerpunkt auf Authentizität statt auf Perfektion: Da sangen alte Männer ein wenig angetrunken in Kneipen, da stützte eine Geräuschkulisse das klagende Bandoneon, Tango in unterschiedlichsten Erscheinungsformen, an seinen Originalschauplätzen vorgestellt! Diese Form der Darstellung zog mich ganz tief in das musikalische Gesehen hinein … Nun bin ich natürlich sehr gespannt auf die aktuelle Produktion, noch dazu im Tandem mit Masako, die sowohl Mitglied bei unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen ist, wie auch bei musica femina münchen.

Masako Ohta spielt sich im Meta-Theater warm. Dezember 2016

Masako Ohta ist mir immer wieder als Pianistin in ungewöhnlichen Projekten aufgefallen und persönlich erstmals begegnet bei der Aufführung der „No Trilogie“ in Axel Tangerdings Meta Theater.

„Die aus Tokyo stammende japanische Pianistin Masako Ohta ist – sowohl solistisch als auch kammermusikalisch – im Bereich der klassischen und Neuen Musik sowie der Improvisation unterwegs. Ihr Klavierstudium absolvierte sie an der Toho Gakuen School (Universität) of Music Tokyo und an der Universität der Künste Berlin, außerdem Meisterkurse bei András Schiff, György Sebök und György Kurtag.

Sie beschäftigt sich intensiv mit Poesie, Klang und Musik aus Japan, Europa und anderen Kulturkreisen und kreiert interkulturelle und interdisziplinäre Projekte und Konzertreihen wie „Phantasiestücke“, „Kammermusik-GENund „Wurzeln & Flügel“. (…) Mit dem Motto „ganzheitliches Klavierspiel“ verbindet sie ihre Klavierlehre mit japanischer Kalligraphie.“ Mehr unter www.masako-ohta.de.

Masako Ohta in Grandsberg, Foto: © Winter & Winter

Die CD-Präsentation findet statt am:

Sa, 24. Februar 2018, um 20:00 Uhr, Einstein Kultur, in Halle 4, in München

Masako Ohta mit jourfixe-Kollegin Cornelia Prössl am 24.2. im Einstein, bei der CD-Präsentation; Bild-Collage: Gaby dos Santos


Rezension aus dem Münchner Feuilleton, Februar 2018 – Nr. 71, von Klaus von Seckendorff

Masako Ohta: Poetin des Klaviers: Der freie Fluss


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