Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Gottes verstoßene Kinder? – Über die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität, Gastbeitrag von Jon Michael Winkler >Teil 1: Die Bibel unterm Regenbogen

„Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Sprüche Salomos, 11,24-12,1)

Jon Michael Winkler, Komponist, Musiker und  Autor,  Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen

Vergleichsweise leben wir als schwule und lesbische BürgerInnen der westlichen Welt auf den „Inseln der Glückseligen“. Und es gibt viele Stimmen, die meinen, dass wir als Homosexuelle nun doch alles erreicht hätten und es eigentlich keine Gründe mehr gäbe, uns zu beklagen oder öffentliche Diskussionen zum Thema „queerer“ Gleichberechtigung zu führen. Das halte ich für einen Irrtum, denn eigentlich fangen wir erst damit an, die jahrhundertelange Geschichte der Ächtung und Verfolgung aufzuarbeiten, gesellschaftlich und im eigenen Innern. Was ist da schon ein halbes Jahrhundert öffentlich artikulierter Emanzipationsversuche im Vergleich zu fast 2000 Jahren der Unterdrückung? Immerhin ist die „freie Wahl der sexuellen Orientierung“ immer noch kein Bestandteil der Menschenrechtscharta und in über 70 Ländern der Erde werden Menschen dafür strafrechtlich verfolgt und sogar umgebracht. Wie könnten wir, die wir hier das Privileg haben, offen über das Thema zu sprechen, also darüber schweigen? Machten wir uns da nicht mitschuldig am Verbrechen an unseren Brüdern und Schwestern?

Verbrennung von Templern wegen angeblicher Sodomie; Anonym – Bibliothèque Municipale, Besançon, France. Erich Lessing/Art Resource, NY.

2011 scheiterte der letzte Vorstoß der Aufnahme dieser Rechte in die Charta am Widerstand religiös-fundamentalistischer Staaten, muslimisch wie christlich, hauptsächlich aus dem arabischen und afrikanischen Raum. Und daraus wird ersichtlich, dass das Urteil über Homosexualität oder richtiger gesagt, das Vorurteil im Bereich des Religiösen wurzelt, d.h. in der homophoben Interpretation der sog. „heiligen Schriften“, die sich über Jahrhunderte auch in der Gesetzgebung und damit auch im Verhalten der ihr untergeordneten Völker niedergeschlagen hat. Auch in unseren Breitengraden ist, trotz aller rechtlichen Errungenschaften zu Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz, der Begriff der „Homosexualität“ immer noch dazu geeignet bei vielen diffuse Emotionen auszulösen. Diese verstärken sich noch, wenn er mit dem der „Spiritualität“ (auch als Synonym für „Religion“) in Verbindung gebracht wird. Spüren Sie doch einmal kurz in sich selbst hinein, wie Sie selbst das empfinden.

Erste Nennung der Worte „Monosexual“, „Homosexual“ und „Heterosexual“ in einem Brief vom 6. Mai 1868, aus Hannover

Nach wie vor haftet für viele dem Begriff der Homosexualität etwas „Schmutziges“ an, das mit den „reinen Gefilden“ der Spiritualität nicht vereinbar scheint. Doch ist diese Beurteilung auch berechtigt und wie ist es dazu gekommen? Und wenn sie es nicht ist, was ist dagegen zu tun? Diesen Fragen ging ich am Dienstag, 15.11.2016 in meinem essayistischen Vortrag im Münchner SUB  nach: „Gottes verstoßene Kinder? – Sind Homosexualität und Spiritualität wirklich unvereinbar?“. Essay heißt ja nichts anderes als Versuch und als solchen verstand ich auch meinen Vortrag. Es war ein erster Versuch meinerseits mich der Gestaltung dieser komplexen Fragestellung anzunähern, die Stofffülle auf ein verdauliches Maß zu komprimieren.

Jon Michael Winkler, Author dieses Essays, vor seinem Vortrag im Münchner SUB  mit Gaby dos Santos, die den Abend moderierte

Dabei war ich sehr gespannt, wie groß das Interesse am Thema überhaupt sein würde und wer zur Veranstaltung käme. Da ich die Fragestellung auf dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte abhandeln wollte und damit zwangsläufig die betreffenden Textstellen des Alten und des Neuen Testaments beleuchten musste, hatten Gaby dos Santos und ich Vertreter der katholischen und evangelischen Amtskirchen eingeladen: Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ–Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und Wolfgang Scheel, evangelischer Pfarrer der bayrischen Landeskirche, Mitglied im lesbisch–schwulen Konvent und im Redaktionsteam der Zeitschrift „Werkstatt Schwule Theologie„, sowie einen politischen Vertreter, Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe. Eine echte Herausforderung für mich als Nicht-Theologen…

Am Anfang der Betrachtungen stand der Versuch einer annähernden Definition der zentralen Begriffe der Homosexualität und der Spiritualität. Offen gesagt ist Begriff „Homosexualität“ aus verschiedenen Gründen ein völlig irreführendes Wort, für die Außenstehenden wie die Bezeichneten selbst. Dieses von Karl Maria Kertbeny 1868 geschaffene griechisch-römische Kunstwort betont in seinem Wortstamm eben nur das Sexuelle. Das emotionale und intellektuelle Innenleben eines „homosexuellen“ Menschen wird darin nicht abgebildet, als wäre es für den Unterschied zum sog. „Normalen“ nicht relevant oder gar inexistent.

Karl Maria Kertbeny, Lithographie von Eduard Kaiser, 1856

Dabei ist das Ausschlaggebende ja gerade nicht das von der Norm abweichende sexuelle Begehren, von dem der Heranwachsende oft selbst noch gar nichts weiß. Es ist sein Anderssein, das er meist von Kindesbeinen als unfreiwilliges Außenseitertum erlebt. Die Welt um ihn herum, Familie, Mitschüler, Lehrer, scheinen ihm oft fremd, weil er anders empfindet als sie. Durch seine besondere Sensibilität entwickle er oft ein hohes Maß an Reflexion und Skepsis, Dinge zu hinterfragen und nicht als gegeben zu nehmen. Da er aber sowohl die von der Mehrheit stillschweigend akzeptierte Sicht des „Mainstreams“ kennt, als auch seine eigene Perspektive, die mehr als die scheinbar festgeschriebenen Geschlechterrollen in Frage stellt, wird er zum Grenzgänger zwischen zwei Welten. Sein Blick reicht weiter und kann, sofern seine „Veranlagung“ nicht als „Makel“, sondern als „Begabung“ verstanden wird, auch die restliche Gesellschaft bereichern.

Das behaupten etliche Autoren zum Thema, wie z.B. Toby Johnson in seinem preisgekrönten Buch „Gay Spirituality“, wenn er vom Homosexuellen als „weird wall walker“ spricht und auf die besondere Achtung homosexueller Schamanen in primären Stammeskulturen aufmerksam macht. Auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung gesteht in seiner ansonsten ambivalenten Bewertung gleichgeschlechtlich Liebenden eine besondere Begabung für Spiritualität zu. Das erklärte auch den überdurchschnittlich hohen Anteil an schwulen Männern im katholischen Klerus – aber nicht nur dort, auch in buddhistischen Klöstern Japans und Chinas oder auch unter werdenden Mullahs islamischer Universitäten ist der Prozentsatz außerordentlich hoch.

Der alte und der junge Mönch zu Besuch beim reichen Mann (Ende der Ching Periode)

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über „Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Die bisherigen Begegnungen homosexueller Menschen mit den Amtskirchen und ihren Gemeinden war bis vor einigen Jahren allerdings nicht unbedingt von Sympathie und Offenheit geprägt. Kein Wunder also, dass sie sich hier nicht angenommen und geborgen gefühlt haben. Viele haben auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und rundheraus alles abgelehnt, was mit dem Thema „Religion“ zu tun hat. Andere sind aufgrund ihres Glaubensbedürfnisses geblieben, dazu gezwungen ihre Neigungen zu verbergen und ein geradezu „schizophrenes“ Doppelleben zu führen. Der Rest suchte Zuflucht bei anderen Weltreligionen oder -anschauungen und fanden sich nicht selten mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert, wegen derer sie die Heimat ihres früheren Bekenntnisses verlassen hatten und fühlten sich damit noch heimatloser.

Ich hatte für meinen Vortrag deshalb auch ganz bewusst den Begriff der „Spiritualität“ statt dem der „Religiosität“ verwendet. Spiritualität ist schlichtweg der weitere Begriff und verhält sich zur Religion, wie der Begriff der Ethik zu dem der Moral. Religion und Moral sind meist starr definierte, tradierte Normen und Werte einer Gesellschaft, wo hin gegen Ethik und Spiritualität eine Frage des individuellen Gewissens wie der persönlichen Erfahrung sind. Spiritualität kann ganz wie ihre begriffliche Vorgängerin, die „Frömmigkeit“, einem religiösen Bekenntnis entspringen.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Sie kann aber auch völlig losgelöst von jeglicher Religion sein – sie radikal infrage und sich sogar gegen sie stellen. Maßstab kann hier nur das eigene Gewissen sein oder wie der indische Denker und Lehrer Jiddu Krishnamurti es in seinem Buch „Vollkommene Freiheit“ formulierte: „Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe. Das ist die absolute, unbedingte Wahrheit, sie ist das Leben selbst.“

Papst Franziskus 2015

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Dalai Lama – Foto: Christopher Michel

Und auch der Dalai Lama als Oberhaupt der tibetischen Buddhisten hat entsprechende Worte gefunden: „Alle großen Weltreligionen, mit ihrer Betonung der Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Vergebung können innere Werte fördern. Die Realität unserer heutigen Welt ist jedoch, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, unsere Ethik auf Religionen zu gründen…Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen, …einer Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich und brauchbar ist… In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden… Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.“

Diese Haltung als Basis eines über die Grenzen von Religion und Weltanschauung hinausgehenden Dialogs auf Augenhöhe kann ich dabei nur begrüßen und halte ihn für äußerst friedensstiftend. Wohin das wortwörtliche Festhalten an einer „heiligen Schrift“ und die Bekämpfung „Andersgläubiger“ führt können wir tagtäglich in betrübenden Nachrichten sehen. Dies kann keinesfalls der zukünftige Umgang der Menschheit mit dem Thema Religion sein oder wie Hermann Hesse in „Narziss und Goldmund“ so treffend formulierte: „Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.“

Die „Unbestechlichkeit des Selbst“, das Vertrauen auf das sich selbst prüfende Gewissen als letzte Instanz und die intellektuelle Redlichkeit werden sicherlich die Instanzen sein, mit dem wir uns dem Thema „Spiritualität“ zu nähern haben. Zusammen mit dem Verständnis der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Psychologie und speziell mit der von C.G.Jung entwickelten Tiefenpsychologie, in der wohl als erster der Zusammenhang zwischen traditionellen, spirituellen Entwicklungswegen und moderner Psychotherapie erkannt und formuliert wurden.

Sascha Schneider, Winnetous Himmelfahrt, 1904, Buchcover zu Winnetou III von Karl May

So gesehen steht am Anfang der Religionsgeschichte der Schamane oder Zauberer als Prototyp und Archetyp des Propheten, Priesters und Therapeuten. Das zentrale, ihn bezeichnende Motiv ist die Fähigkeit zur Verwandlung. In Tierfelle gehüllt kam er in Kontakt mit jenen überweltlichen Mächten, die über einen erfolgreichen Ausgang der Jagd entschieden und einen fortdauernd reichen Wildbestand sicherten. Doch es gibt noch eine ganz andere Art der Verwandlung von männlichen Schamanen, nämlich den Geschlechtswechsel oder die sog. „Transvestition“, das Tragen der typischen Frauenkleidung als äußerliches Merkmal der inneren Metamorphose, die vom Betroffenen als so real empfunden wird, dass er mitunter die Verbindung mit einem sog. „Geistergatten“ eingeht. Durch diese Affinität zum Weiblichen genießen diese Schamanen in den ursprünglich matrizentrischen Gesellschaften eine besondere Achtung. Ist die Transvestition total, übernimmt er auch die soziale und sexuelle Geschlechtsrolle und gibt männliche Tätigkeiten auf, gilt fortan in seiner Gruppe als Frau. Nicht selten geht er eine Ehe mit einem anderen Mann ein, sehr oft mit einem führenden Clanmitglied. Sein Prestige ist wahrscheinlich das höchste für einen Schamanen erreichbare schlechthin… (nach Gisela Bleibtreu-Ehrenberg)

Sexuell agieren transvestitische Schamanen dabei als – passive – Homosexuelle. Das heißt, sie übernehmen im Sexualverkehr die später als unterlegen betrachtete Stellung der Frau, in dem sie sich anal penetrieren lassen. Mit dem Niedergang dieser Gesellschaften und dem Aufstieg des Patriarchats, setzte mit der Geringschätzung der Frau und des weiblichen Prinzips auch seine Verachtung, Ächtung und zunehmende Verfolgung ein. Auch in den biblischen Überlieferungen taucht dieses Urbild in verzerrter Form als verachteter männlicher Tempelprostituierter wieder auf.

Grabrelief eines Hohepriesters des Kybele-Kults (Lavinium 200 n.Chr.)

Dies als kurze Vorbemerkung zu meinen Betrachtungen zum Alten Testament, von dem der deutsche Philosoph Erich Fromm sagt, dass es der „Triumphgesang der siegreichen Männerreligion, ein Siegeslied der Vernichtung der matriarchalischen Reste in Religion und Gesellschaft“ sei und die „die wichtigste literarische Grundlage dieser Gefühlseinstellung in der europäischen und amerikanischen Kultur wurde“. Es gibt nur wenige Stellen, die sich im Alten Testament explizit auf Homosexualität beziehen. In der heutigen Begrifflichkeit, gar als „schwuler Lebensstil“ existierte sie zu jener Zeit auch nicht. Namensgebend für homosexuelles Verhalten wird die Geschichte von Sodom und Gomorrha im 1. Buch Mose, Kapitel 19. Im heutigen sprachlichen Gebrauch auf den Geschlechtsverkehr mit Tieren verengt, bezeichnete die Sodomie ursprünglich jeden geschlechtlichen Umgang, der nicht der Fortpflanzung diente. Im christlichen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein meinte man damit vor allem den Analverkehr zwischen Männern, daneben die „Bestialität“ mit Tieren, aber auch den Geschlechtsverkehr mit andersgläubigen Frauen.

Zerstörung Sodoms, Mosaik der Kathedrale Monreale in Palermo, 12. Jhdt.

Schlüsselszene der Sodom-Geschichte ist die versuchte Massenvergewaltigung der zwei Gäste Lots, Engel in Gestalt von zwei fremden Männern, die unter konservativen Exegeten zur Verdammung der Homosexualität führte, da ihr allein – oder zumindest vorzugsweise ihr – das Strafgericht über Sodom und der Untergang ihrer Bewohner geschuldet sei. Das ist aber unlogisch, weil die Zerstörung schon vor dem Besuch der Engel beschlossen war. Beachtet man außerdem andere Textstellen zu Sodom und Gomorrha im Alten Testament, kann man bei Jesaja, Jeremiah und Hesekiel eindeutig nachlesen, dass der Grund für die Zerstörung nicht Homosexualität war, sondern hemmungslose Hingabe an allgemeine Schlechtigkeit und Bosheit, vor allem die Missachtung des in der lebensfeindlichen Umgebung überlebenswichtigen Gastrechts führte in den Augen der frühen Kirchenlehrer zur Bestrafung, nicht der versuchte Übergriff auf die Engel.

Der finnische Historiker Martti Nissinen wies durch die Auswertung altorientalischer Quellen außerdem nach, dass Massenvergewaltigung von Männern durch – wohlgemerkt – heterosexuelle Männer im Altertum ein verbreitetes Mittel zur sexuellen Erniedrigung von Feinden war. Die Evangelische Kirche in Deutschland vertritt den gleichen Standpunkt und lässt die Geschichten um Sodom und Gomorrha in Stellungnahmen zur Homosexualität seit 1992 außer Betracht, weil es dort „um Demütigungen und um einen Gewaltakt geht“.

Erste Seite des Leviticus, Warschauer Ausgabe 1860 (Ausschnitt)

Die nächsten Passagen, die in der abendländischen Geschichte einen fatalen Einfluss auf das Leben homosexueller Männer hatte, sind die zwei Abschnitte aus dem 3. Buch Mose, dem sog. „Leviticus“, Kapitel 18, 22 und 20,13: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie man beim Weibe liegt; solches ist eine Gräuel“ und die daraus folgende Sanktion: „Und wenn jemand bei einem Manne liegt, wie man beim Weibe liegt, so haben beide eine Gräueltat verübt; mit dem Tode sollen sie bestraft werden, ihr Blut soll über sie kommen.“ Um diese Aussagen richtig bewerten zu können, müssen wir ihren Kontext beachten: Der Leviticus ist eine Sammlung von Anweisungen, die die „rituelle Reinheit“ im Kult der Israeliten betreffen. Diese Reinheitsvorschriften spielten eine bedeutende, ja identitätsstiftende Rolle für die israelitische Gemeinde, mit der sie sich scharf von anderen Kulten und deren Angehörigen abgrenzte, speziell von den kanaanäischen Nachbarn mit denen sie über Jahrhunderte in engster Nachbarschaft lebten.

Betrachtet man weitere Verbote in unmittelbarer Nähe zu dem des Analverkehrs , findet man Merkmale, die zum orgiastischen Fruchtbarkeitskult der Kanaanäer und seiner Anhänger gehörten: Kreisrunder Haarschnitt, Tätowierungen, Wahrsagerei, Zauberei und Geschlechtsverkehr während der Menstruation. All dies war Jahwe ein „Gräuel“. – Das hebräische Wort dafür ist „to’ebah“, das dem ähnlich klingenden Wort „Tabu“ nahe kommt. Dabei handelte es sich nicht um den Begriff der Sünde oder eines moralischen Versagens, sondern um den „ritueller Unreinheit“ und das Gebot ihres Ausschlusses aus dem Umfeld des Kults – sagte daher nichts über gleichgeschlechtliche Liebe im gelebten Alltag jenseits des Kults.

Dies unterstreicht auch die folgende Stelle im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, 23. Kapitel: „Es soll keine Hure sein unter den Töchtern Israels und kein Hurer unter den Söhnen Israels. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen aus irgend einem Gelübde; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, beides ein Gräuel.“ Der Begriff „Hure“ ist hier eine ungenaue Übersetzung, denn so wie das ähnlich klingende kanaanäische Wort „Quadishtu“ ähnelt, ist eine „quadesha“ eine weibliche Tempelprostituierte. Die männliche Entsprechung, in englischen Versionen ungenau als „Sodomit“ und im Deutschen als „Hurer“ übersetzt, wird „qadesh“ genannt und hat als Wortwurzel das hebräische Wort „quadash“, „heilig sein“.

Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis Erleuchtung

Auffällig ist auch, dass in keinem der alttestamentarischen Bücher ein einziger Fall der Ausführung der Todesstrafe nach Leviticus 20:13 erwähnt wird. Neben einigen Erklärungsversuchen ist die plausibelste Begründung, dass der Passus zur damaligen Zeit noch gar nicht im Tanach, dem biblischen Kerntext enthalten war. Er wurde erst im 6. vorchristlichen Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des babylonischen Talmuds während des Exils der Judäer hinzugefügt oder sogar noch später. Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis ErleuchtungAuch die judenfreundlichen Perser kannten strikte kultische Reinheitsgebote und trotz aller Bemühungen sich von fremden Kulten abzuschotten, gerieten wohl aufgrund vieler metaphysischer Gemeinsamkeiten zwischen der parsischen und jüdischen Religion auch dieses Gebote aus dem zoroastrischen Zendavesta in den Leviticus: „Wer ist ein Dämon?“Ahura Mazda antwortete: Der Mann, der mit einem Mann liegt, wie mit einer Frau oder der Mann, der wie eine Frau mit einem Mann liegt, der ist ein Dämon.“ Ein Indiz dafür ist, dass nur in diesen beiden Schriften beide Männer sich strafwürdig gemacht hatten und nicht der freiwillig Passive allein, wie in den umgebenden Kulturen. An anderer Stelle der parsischen Schriften wird auch die Erlaubnis gegeben Männer, die beim Analverkehr auf frischer Tat ertappt werden, sofort zu töten. Damit verfolgte man die Absicht die früheren Praktiken homosexueller Schamanen wie der späteren Tempelprostituierten und damit den alten Kult der großen Mutter, dem sie angehörten, mit Stumpf und Stil auszurotten.

Inwiefern die Bestimmungen des Leviticus oder des Deuteronomiums überhaupt noch von Bedeutung für die christliche Tradition sein kann oder soll, ist vor allem bei konservativen Kirchenvertretern und Theologen immer noch Ursache heftiger Diskussionen. Obwohl schon der Apostel Paulus immer wieder betonte, dass mit Jesu Tod das alte Gesetz „vollbracht“ und dadurch aufgehoben sei. In den Galaterbriefen 2 und 3 schreibt er :„Christus hat uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes“ und „Ich stoße die Gnade Gottes nicht um; wenn es eine Gerechtigkeit gäbe durch das Gesetz, dann wäre Christus umsonst gestorben.“ Ausgerechnet den Passus über homosexuellen Geschlechtsverkehr als für weiterhin gültig und andere Bestimmungen für nichtig zu erklären, ist reine Willkür. Eine Lesart, die den Inhalten der Bibel gerecht wird, ist es jedenfalls nicht.

David und Jonathan „La Somme le Roy“, illustrierte französische Handschrift, 13. Jhdt.

Denn es gibt darüber hinaus auch positiv bewertete, gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen im Alten Testament, deren homoerotische Untertöne nicht geleugnet, wenn sie auch nicht unbedingt als Beweis für ein homosexuelles Verhältnis gedeutet werden können. Die berühmteste Geschichte aus dem 10. Jhdt. vor unserer Zeit dazu, ist die von David und Jonathan, die zusammen mit dessen Vater, König Saul eigentlich eine Dreiecksgeschichte ist. Der bedeutsamste Hinweis auf das homoerotische Element in der Liebe zwischen David und Jonathan findet sich am Ende der Erzählung. Als David die Botschaft von Jonathans Tod überbracht wird, zerreißt er seine Kleider und dichtet er ein Klagelied auf den verlorenen Gefährten: “Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan: wie warst du mir so hold! Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe!…“

Vertreter einer konservativen Sicht deuten das Verhältnis als „platonische“ Freundschaft in einem religiös-politischen Bund, sprechen dem Küssen mit Verweisen auf anderen Stellen des Alten Testaments jegliche sexuelle Konnotation ab. Ebenso dem Entkleiden Jonathans und der Übergabe seines Rocks, Mantels, Schwerts, Bogens und sogar des Gürtels an David, die lediglich als Abtretung des Thronanspruchs durch die Übergabe der Insignien der Macht und Würde gesehen werden. Dass sich nur Andeutungen einer körperlichen Intimität vorweisen lassen, ist keineswegs ein Beweis dafür, dass es keinen sexuellen Umgang gegeben hätte. Auch in anderen traditionellen Liebesgeschichten wird auf die Darstellung des konkreten Aktes verzichtet, weil er im Verständnis der Leserschaft stillschweigend vorausgesetzt werden kann.

Dafür spricht auch die Analyse der hebräischen Originaltextes: Als Jonathan nach Davids Sieg über Goliath und seiner Rede an seinen Vater David lieb gewinnt wie sein „eigenes Herz“, steht dort im hebräischen Original, dass sich die „nephesh“ Jonathans mit der Davids verbindet. Diese Bezeichnung im Gegensatz zur denen anderer seelischer Bereiche steht eindeutig für die vitale, sog. „Triebseele“, welche auch der Sitz erotischen Begehrens ist. Besonders die Übergabe des Gürtels, der sich in räumlicher Nähe zu den Genitalien befindet und kein Insignium königlicher Macht ist, unterstreicht dies.

Auch Sauls Wutausbruch seinem Sohn Jonathan gegenüber, kann durch diese Sicht eine sehr plausible neue Bedeutung gewinnen: „Du Sohn einer entarteten Mutter! Ich weiß wohl, dass du dem Sohne Isais anhängst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach!“ – Der Vorwurf ist, wie wir es auch heute noch von Vätern schwuler Söhne erleben, Ausdruck unverhohlener Homophobie, die die Verleugnung der eigenen weiblichen Seite beinhaltet, wie der eigenen, latent homoerotisch gefärbten Zuneigung zu David, der ihm „wohl gefiel“, den er „lieb gewann“ und den er deshalb an seinem Hof behalten hatte. So reagiert er wie viele Väter schwuler Söhne und gibt der Mutter die Schuld an dessen „Veranlagung“. Der Bund zwischen David und Jonathan wird im 1. Buch Samuel explizit dreimal bekräftigt und wenn es auch ein Bund vor Gott mit politischen Folgen ist, so liegt doch sein Ursprung in der tiefen Zuneigung der beiden Männer zueinander und nicht umgekehrt, wie es die dritte Bekräftigung dramatisch beschwört: „Und sie küssen einander und weinen aneinander überlaut…“ Der Geschichtsprofessor John Boswell macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das althebräische Wort „ahaba“ für „Liebe“ speziell für einen solchen Freundesbund vor Gott verwendet wurde.

Die Märtyrer und Heiligen St. Sergius und St. Bacchus, Ikone 7. Jhdt.

Höchstwahrscheinlich war dies auch die Ursache, dass die christlichen Zeremonien beim Schließen eheähnlicher Bünde zwischen Freunden des gleichen Geschlechts Jahrhunderte vor den kirchlichen Riten zur Heirat von Mann und Frau existierten. Letztere hatten bis zum Ende des Mittelalters in den Händen von Lehensherren und der weltlichen Gerichtsbarkeit gelegen. Die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist also keineswegs etwas, was kirchlichen Traditionen entgegensteht.

Auch eine weitere berühmte Liebesgeschichte enthält Worte, die heute bei traditionellen Hochzeitszeremonien gern zitiert werden: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und jenes antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“

Philip Hermogenes Calderon (1833-1898): Ruth, Naomi und Boas

Die Moabiterin Ruth richtet sie an ihre verwitwete judäische Schwiegermutter, welche sie auffordert in ihrer Heimat zu bleiben. Doch die ebenfalls verwitwete Ruth besteht darauf sie nach Bethlehem zu begleiten. In Juda gelingt es Ruth, durch ihre Arbeit als Ährenleserin bei einem entfernten Verwandten Naomis, die beiden zu versorgen – und heiratet den Verwandten auf Naomis Anraten schließlich. Von der judäischen Gemeinde anerkannt bringt sie ein Kind zur Welt, das von allen als Sohn Naomis bezeichnet wird: Obed, den Großvater König Davids, der auch von den Evangelisten Matthäus und Lukas als direkter Vorfahr Jesu aufgeführt wird.

Das Buch Ruth aus dem 10. vorchristlichen Jahrhundert sticht aus dem Kanon alttestamentarischer Bücher auch deshalb so hervor, da es die Ereignisse aus weiblicher Perspektive beschreibt. Die emotionale Bindung der Frauen aneinander steht dabei im Vordergrund. Das belegt auch die, in einer patriarchalischen Gesellschaft äußerst provokative Aussage, dass „Naomi Ruth teurer war als sieben Söhne“. Bei genauerer Analyse aber fehlen unterschwellige erotische Anspielungen nicht. Als Naomi ihre Schwiegertöchter auffordert nach Moab zurückzukehren und sie zum Abschied küsst, da „hängt“ sich Ruth an sie. Dies ist aber dasselbe Wort, dass in der Paradiesgeschichte verwendet wird, als Adam und Eva sich vereinen, um ein Fleisch zu werden. Explizite, sexuelle Handlungen werden aber auch hier nicht beschrieben. Den biblischen Autoren scheint lesbische Sexualität auch völlig unbekannt gewesen sein, zumal etwas als Sexualität nur galt, wenn dabei Sperma abgeben wurde. Einig sind sich die meisten Bibelforscher aber darin, dass sexuelle Handlungen zwischen Frauen für die Israeliten nicht strafwürdig gewesen seien. Diese Haltung wird sich auch bis in die Neuzeit immer wieder finden.

Fragment des Codex Boernarianus, 9. Jhdt., Brief an die Römer 1:15

Womit wir beim neuen Testament angelangt wären. Eine explizite Äußerung Jesu zum Thema Homosexualität werden wir in den Evangelien nicht finden, wohl aber Andeutungen, auf die ich später eingehen werde. Zunächst aber möchte ich die wenigen, betreffenden Stellen in den Briefen Paulus beleuchten. – Im ersten Brief des Paulus an die Römer lesen wir im ersten Kapitel: „Aus diesem Grund hat Gott sie auch dahingegeben an schändliche Lüste…auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie sie es verdient haben) an sich selbst empfangen.“ Diese Stelle im neuen Testament wird und wurde von konservativen Interpreten gerne als eine Legitimation zur allgemeinen Verdammung von Homosexualität herangezogen. Das mag auf den ersten Blick auch ziemlich überzeugend scheinen, doch heißt es: „Aus diesem Grund hat Gott…“, d.h. man muss zum richtigen Verständnis auch die Sätze davor betrachten: „Sie haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und den Vögeln und den vierfüßigen und den kriechenden Tieren. Darum hat sie Gott auch dahingegeben… …zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst…“ Es geht also wieder um Götzenverehrung und den damit verbundenen sexuelle Riten in heidnischen Kulten, also die Tempelprostitution. Diese waren den frisch bekehrten Heidenchristen im religiös pluralistischen Vielvölkergemisch des Alten Roms natürlich präsent und Paulus musste den ehemaligen Heiden also erst beibringen, dass diese im christlichen Kult nichts zu suchen hatten.

Bronzestatue des kanaanitischen, ammonitischen und phönizischen Gottes Moloch aus dem Film Cabiria von Giovanni Pastrone im „Museo nazionale del Cinema“ (Turin)

Zum anderen gab es in der Gemeinde Roms, an die sich die Epistel ja explizit richtete, viele sog. Judenchristen, die stolz darauf waren sich noch an das mosaische Gesetz mit seinen Reinheitsgeboten aus dem Leviticus zu halten. Paulus wollte ihre Sympathie gewinnen, indem er gegen die Vorurteile seitens der Heidenchristen vorging und deren Toleranz forderte, zum anderen tadelte er sie genau für die Überheblichkeit, die sie aus ihrer Treue zur jüdischen Tradition bezogen. Im 14. Kapitel wird es dann vollends klar, warum er das Thema der „Reinheit“ aufgegriffen hat, als er sagt: „Ich weiß und bin es fest überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selber unrein ist; doch wird es so für den, der es so ansieht.“ Der ganze Diskurs diente also dem Zweck, dass die Gemeinde in Rom, bestehend aus Juden- und Heidenchristen nicht zersplitterte und in zwei unversöhnliche Lager zerfiel. Den gleichgeschlechtlichen Akt wählte er als Beispiel, um seine Haltung zu illustrieren. Er war deshalb ein geeignetes Thema, weil er den jüdischstämmigen Gemeindemitgliedern allbekannt war, aber offensichtlich kein so großer Zankapfel wie die Beschneidung oder die Speisevorschriften. Es war auch nicht dazu angetan, die Heidenchristen zu beleidigen, die die Eigenheiten der Judenchristen in diesen Dingen und Paulus eigenen Standpunkt als „Apostel der Heiden“ dazu kannten.

Missionsreisen des Apostel Paulus, Karte des Abraham Ortelius, 1598

Die zwei weiteren Stellen, die in einem Zug abgehandelt werden sollen, finden sich im im ersten Brief an die Korinther, im sechsten und im ersten Brief an Timotheus, im ersten Kapitel, wobei die Autorschaft Paulus bei letzterem insbesondere von der deutschen Bibelwissenschaft in Frage gestellt wird. Beide Textstellen sind dunkel und nicht eindeutig, weil es darin Begriffe gibt, deren Bedeutung nicht gesichert ist und durch verschiedene Übersetzer unterschiedlich gedeutet wurden, die griechischen Begriffe „arsenokoitai“ und „malakoi“.
Letzteres im Deutschen als „Weichling“ übersetzt, was dem originalen Wortsinn von „malakos“, nämlich „sanft“ entgegen kommt. Es wurde insbesondere benutzt, um die, im Patriarchat verächtlich betrachteten, angeblich minderen, weiblichen Qualitäten zu bezeichnen, die auf einen Mann angewandt, eine entehrende Beleidigung darstellten. Das noch weniger eindeutig bestimmbare Wort „arsenokoites“, wird im Englischen schlicht als „homosexuals“ und auf Deutsch als „Männerschänder“ übersetzt. Dabei kann man nur spekulieren, dass es sich um eine nicht genauer definierte sexuelle Praxis unter Männern gehandelt hat, bei der auch betrügerische, finanzielle Absichten eine Rolle gespielt zu haben scheinen. Nach David Helminiak könnte es sich dabei um eine bestimmte Formen der Prostitution, sexuellen Missbrauch von Jungen und/oder Handel mit ihnen als Lustsklaven gedreht haben, wie er im ersten nachchristlichen Jahrhundert im römischen Reich gang und gäbe war. John Boswell weist außerdem darauf hin, dass das wenig gebräuchliche Wort leicht mit dem gebräuchlicheren, nur in einem Buchstaben abweichenden „arrenokoites“ verwechselt worden sein könnte, welches Männer mit einer natürlichen Neigung zum eigenen Geschlecht bezeichnete. „Arsenokoites“ hingegen wurden seiner Auffassung nach nur männliche Tempelprostituierte genannt und nur diese hätte Paulus in seinem Brief gemeint, was den Tenor dieser Betrachtungen zu den Episteln abrunden würde.

Moderne Bibelverkündung: Ein „Truth Truck„, 2009, Ohio

Auch wenn Jesus sich scheinbar nicht direkt zur gleichgeschlechtlichen Liebe geäußert hat, so gibt es in der Bergpredigt. Matthäus 5:22 doch einen versteckten Hinweis. „…wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig“. Was aber bedeutet „Racha“? Erst nach dem Fund einiger Papyri in Ägypten konnte der deutsche Experte in altaramäischen Dialekten, Friedrich Schultheiß, 1922 die Bedeutung des aramäischen Lehnworts ermitteln: In der Vulgärsprache der griechischen Siedler wurde es als abwertender Begriff, vergleichbar dem heutigen Schimpfwort „Tunte“ benutzt. Jesus verbat seinen Jüngern und Anhängern nicht nur die physische, sondern auch die verbale Gewalt. Verbale Attacken waren und sind im vorderen Orient immer noch häufig das Vorspiel zu brutalem Blutvergießen, besonders dann, wenn die „Ehre der Männlichkeit“ eines Kontrahenten beleidigt wird. Daher sollte jeder, der behauptet Jesu Spuren zu folgen, auch tunlichst jede Form von „gay bashing“ unterlassen!

Rembrandt, Die Taufe des Eunuchen, 1626, Museum Catharijneconvent, Utrecht

Es ist ja geradezu ein Markenzeichen Jesu, dass er sich – gegen die Gepflogenheit seiner Zeit – für ausgestoßene Randgruppen einsetzt. Verachteten Zöllnern und Prostituierten, ausgegrenzten Leprakranken, religiös abweichenden Samaritern und auch den verabscheuten Eunuchen (mit denen in dieser Umschreibung auch Homo-sexuelle gemeint sein können) wendet er sich zu und verspricht ihnen einen bevorzugten Platz im Königreich Gottes.

Selbst einem Besatzer, einem römischen Zenturion hilft er, wie wir es im unmittelbaren Anschluss an die Bergpredigt bei Matthäus und Lukas lesen können und heilt den „Knecht“, der ihm wert war. Bei Matthäus steht dort aber nicht „Knecht“ – „doulos“ wie bei Lukas, sondern „pais“, ein Begriff der einen Jungen bezeichnet. „Pais“ findet sich nicht umsonst als Wortwurzel im Begriff „Päderastie“ wieder und da ein Zenturion in der Fremdenlegion nicht heiraten durfte, war solch ein Verhältnis in Militärkreisen sehr üblich.
Jesus kommt der Bitte ohne Zögern nach, doch der Zenturion lehnt den „Hausbesuch“ mit den bekannten Worten ab: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du unter mein Dach tretest; aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht geheilt werden.“

Jesus heilt den Knecht des Zenturio, Gemälde von Paolo Veronese, 16. Jhdt

Und ergänzt, dass er darauf vertraut, dass so, wie seine Soldaten seine Befehle ausführen, auch Jesu Wort aus der Ferne seine heilende Wirkung tun wird.Jesus machte auch keine Anstalten die vermeintliche „Krankheit“ des Zenturions und seines Knechts, sprich ihre Homosexualität, „auszutreiben“. Nein, er heilte den Knecht, der zur selben Stunde wieder gesund wurde und sprach sich darüber hinaus lobend vor den Versammelten über den Zenturion aus: „Wahrlich ich sage euch, bei niemand in Israel habe ich solchen Glauben gefunden.“
Doch wie hielt Jesus selbst es mit der Liebe? Tatsächlich spricht er in besonders hohem Maß nur im Johannesevangelium von ihr. Ja, nur hier erfahren wir, dass er Gott oder gar ein anderes menschliches Wesen liebte. An fünf Stellen ist hier die Rede vom „Jünger, den Jesus liebte“, der dadurch aus der restlichen Schar der Jünger hervorgehoben wird. War Jesus selbst homophil oder gar homosexuell? Darüber schweigen sich die Evangelien als einzige Quelle über sein Leben aus. Auszuschließen ist es nicht, aber auch nicht unbedingt anzunehmen. Auf keinen Fall aber war Jesus homophob, wie der Umgang mit seinem Lieblingsjünger beim letzten Abendmahl zeigt, der „zu Tische in dem Schoß Jesu lag“ und sich „an seine Brust lehnte“. Diese intime körperliche Nähe unterscheidet eindeutig diese besondere Liebe Jesu von der, die er für die anderen Jünger empfand.

Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Johannesminne), Bodenseegebiet, um 1310

Dies wird auch von den folgenden Stellen unterstrichen, in denen vom „Jünger, den Jesus liebte“ die Rede ist: Bei der Kreuzigung bleibt er als einziger Jünger mit den drei Marien auf Golgatha. „Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.“ In jener Zeit war es der Brauch, dass beim Tod eines Familienmitglieds die „angeheiratete“ Familie eine verwitwete Schwiegertochter bzw. -mutter bei sich aufnahmen. Und wie würden wir heute die Verhältnisse interpretieren, hätte Jesus seine Worte an Maria Magdalena statt an seinen Lieblingsjünger gerichtet? Dieser ist noch vor Petrus bei der Gruft. Er erkennt den auferstandenen Jesus am See Tiberias vor allen andern Jüngern. Und obwohl ihm im Gegensatz zu Petrus kein besonderes Amt verliehen wird, so fragt Jesus ihn nicht wie diesen nach seiner Liebe zu ihm, denn „der Jünger, den Jesus liebte“ ist sich dessen Liebe gewiss und folgt ihm aus eigenen Stücken. Als Petrus ihn bei seiner Nachfolge hinter sich entdeckt, spricht er zu Jesus: „Herr, was soll aber dieser?“ Jesus antwortet ihm: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach.“
Interessant ist hier, dass auf Petrus Nachfrage und die Spekulation der übrigen Jünger über die Unsterblichkeit des Lieblingsjüngers, zweimal der gleiche Satz gesagt wird: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ – Das klingt in Anbetracht der unter diesen Umständen besonders hervortretenden Bevorzugung des Lieblingsjüngers fast schon trotzig, nach dem Motto „was gehen dich meine privaten Angelegenheiten an?“ Kein Wunder, dass auch die anderen Jünger über die Ursache seiner besonderen Bevorzugung zu spekulieren beginnen.

Ich will hier der „intellektuellen Redlichkeit“ die Ehre gebend nicht das Spekulieren beginnen. Eines aber kann ich aber zum Abschluss meiner Betrachtungen zu den, die Homosexualität betreffenden Passagen der Bibel mit Sicherheit sagen und schließe mich darin der Sicht des Autors und Theologen Theodore W. Jennings an. Er postuliert, dass eine homophobe Deutung der Bibel, wie sie sich die letzten Jahrhunderte als christliche Tradition etabliert hat, die Bedeutung besonders exponierter Textstellen sträflich verzerrt. In seinem Buch „Plato oder Paulus?“ schreibt er: „Dieser unnatürliche Bund von Christenheit und Homophobie muss aufgelöst werden, wenn die Christenheit sich nicht weiterhin des wahren Verbrechens Sodoms schuldig machen will: des Missbrauchs der Verletzlichen. Zu viele Menschenleben sind durch diese unheilige Allianz schon zerstört oder irreparabel geschädigt worden. Es gab eine Zeit, bevor sich die Homophobie ins Christentum eingeschlichen hatte. Es ist schon lange höchste Zeit, dass wir in eine neue Ära eintreten, die Ära der Posthomophobie.“ 

Nicolas Beatrizet,* 1515 in Thionville  † 1565  in Rom – Der Raub des Ganymed, Kupferstich nach einem Motiv von Michelangelo, 16. Jhdt.

Darüber herrschte auch bei allen Diskutanten im Münchner SUB Einigkeit. Die evangelische Kirche hat diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten gewaltige Schritte getan, sowohl lesbische und schwule Gläubige als auch Geistliche sind, mit Ausnahme einiger evangelikaler Vertreter, in Kirche und Gemeinde voll akzeptiert und integriert. Es gibt inzwischen entsprechende Bibelkreise, Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und sogar einen lesbisch-schwulen Konvent, der offen für die sexuelle Gleichbehandlung eintritt. In der katholischen Kirche vollzieht sich der Emanzipationsprozess noch immer sehr langsam. Seit Jahrzehnten würde die Homosexualität in den eigenen Reihen zwar geduldet, aber nur so lange sie nicht öffentlich gemacht würde, wie Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe aufgrund seines Berufsverbots als Religionslehrers schmerzlich erfahren musste … Es bleibt zu hoffen, dass den Worten Papst Franziskus nun auch Taten folgen, die über seine Amtszeit hinaus nachhaltige Wirkung zeigen. Wie die praktische Umsetzung des von ihm geäußerten Integrationswunsches, dass sich Lesben und Schwule im Schoß der Kirche rundherum angenommen und akzeptiert fühlen können, aussehen könnte, ist dabei offen. Diese Frage wird nach Meinung einiger der hier zitierten schwulenfreundlichen Interpreten der Bibel aber entscheidend für die weitere Entwicklung und die zukünftige Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche sein.


(Bruder Robert Lentz OFM über seine Ikone von Harvey Milk)

Ende von Teil 1; Fortsetzung folgt… Ein Gastbeitrag von  Jon Michael Winkler


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Im Schatten der Laterne – Nachlese zur Aufführung des „Lili Marleen“-Historicals in der Hanns-Seidel-Stiftung München

Am Ende war das Publikum eingeladen, selbst „Lili Marleen“ zu singen, an der Gitarre begleitet von Artur Kolbe, Referatsleiter bei der Hanns-Seidel-Stiftung und Gastgeber des Abends, von dem auch die Idee stammte.

Artur Kolbe, Referatsleiter bei der HSS und Gastgeber des Abends; Foto: Julia Forbes

Zugegebenermaßen: Im Vorfeld stand ich diesem Vorhaben ziemlich skeptisch gegenüber – Publikumsreaktionen sind schwer einzuschätzen – und Toni Netzle befand, in der ihr eigenen, drastischen Art, das Lied im Publikum zu singen, sei ein „Sakrileg“. Mir hingegen bescherte es wider Erwarten einen hoch emotionalen Moment, den ich als Echo des Publikums auf das empfand, was wir zuvor hatten Revue passieren lassen: Die Geschichte des Liedes von „Lili Marleen“, ihrer Soldat_Innen und der an ihrem Erfolg beteiligten Künstler_Innen.

Toni Netzle und ich während der Präsentation; Foto: Julia Forbes

Einigen Gästen standen beim Singen Tränen in den Augen,  verbanden sich doch für sie, wie sie mir teilweise später erzählten, mit diesem Lied ganz persönliche und auch tragische Erinnerungen. Andere Zuschauer_Innen hingegen sahen in diesem Augenblick das Gespenst des Nationalsozialismus erneut heraufbeschworen, zu eng schien ihnen das Lied mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verwoben …

Vor der HSS: Filmemacherin Iovanka Gaspar, die die beeindruckende Dokumentation „Dui Rroma“  über die Begegnung zweier ziganer Generationen vor dem Hintergrund des Holocaust gedreht hat; neben ihr unsere Sinteza-Freundin Ramona Röder, Foto: Edith Grube

Einige unserer Gäste mit ziganem Hintergrund erinnerte „Lili Marleen“ nicht nur an das Leid, dass ihren Familien im Dritten Reich widerfahren war, sondern auch an die traumatische Zeit der Balkan Kriege vor zwanzig Jahren, denn dieses Lied ist weitaus mehr, als nur Relikt aus nationalsozialistischen Schreckenszeiten. Zwar trat es 1941, über den Wehrmacht-Sender Radio Belgrad, seinen internationalen Siegeszug an, der Text des Lieds  jedoch fügte sich in keiner Weise in die Diktion der Nazi-Propaganda ein:

(…) Alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang
Und sollte mir ein Leid gescheh’n
Wer wird bei der Laterne stehen
Mit dir, Lili Marleen?

Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund
Küßt mich wie im Traume, dein verliebter Mund

Eine so deutliche Anspielung auf den Soldatentod konnte einem Regime mit dauerhaftem Bedarf an Kanonenfutter nicht gefallen, insbesondere, weil in dem Lied auch noch die Sinnlosigkeit eines solchen Endes angesprochen wird: „(…) mich vergaß sie lang …“.  Goebbels befand, dem Lied „hafte Leichengeruch an“, konnte aber nichts gegen dessen Erfolg ausrichten! Der große Zuspruch, vor allem unter den Soldaten, erklärt sich unter anderem dadurch, das der Text von einem der ihren, einem Gardefüsilier, zwischen 1915 und 1935 geschrieben worden war, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, dem Autor und Grafiker Hans Leip.

„Lili Marleen“ Originalaufnahme des Orchesters Seidler-Winkler, gesungen von Lale Andersen

In dessen Worten, ergänzt durch die eingängige Musik von Norbert Schultze sowie den Zapfenstreich des Orchesters Seidler-Winkler, fanden im Zweiten Weltkrieg insbesondere die Soldaten sich selbst wieder und ein Stück Heimat in der Fremde –

Bis heute besteht diese Identifikation, wie zu Anfang und Ende meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“ dargestellt und im anschließenden Vortrag von Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D.,  erläutert. Ohlert berichtete über seine Begegnung mit „Lili Marleen“ im Kosovo, wo das Lied inzwischen als Zapfenstreich diente, ausgestrahlt vom Bundeswehrsender Radio Andernach,  in der Originalfassung mit Lale Andersen, während Kollegin Marlene Dietrich, mit ihrer englischen Coverversion, die amerikanischen Soldaten ins Bett schickte.

Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. während seines Vortrags, daneben ein Foto aus seinem Vortrag

Wie sehr das Lied bis heute die Soldat_Innen anspricht, schildert auch Hauptmann Cordula Hochstrate,  in einer O-Ton-Einblendung der Produktion: „… dass man damit konfrontiert ist, auch zu sterben.  Ich glaube, das ist das, was alle Soldaten verbindet,  was auch der Text mit vermittelt, dass es gerade eben auch nicht gut ausgeht in dem Lied. (…)  Jeder (von uns) der das Lied hört, hat seine Vorstellung davon, wie die Kaserne aussieht, wie er selber davor steht und wie er sein Mädchen oder (lacht) ich dann eben meinen Jungen in den Arm nehme und ich seh mich vor der Laterne …“

Solange diese Laterne nicht verlischt, wird das Lied auch weiterhin Kriegsschauplätze in aller Welt beschallen. Nur spielt sich das inzwischen weit entfernt von unserem Alltagsleben ab. Eine wenig zielführende Verdrängung von Tatsachen, wenn die Laterne eines Tages verlöschen soll. Insofern fand ich es schade, dass die Soldat_Innen der Bundeswehr, die an diesem Abend zu Gast waren, in Zivil erschienen, vermutlich der momentanen politischen Stimmung geschuldet. Camouflage einmal anders herum? Dabei ging es diesmal eben nicht um die große Politik selbst, sondern um diejenigen, die im Ernstfall dafür gerade stehen müssen, verewigt in einem Lied, das bis heute die Menschen in Uniform anspricht, deren Sehnsucht und Schicksal.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Das Lied von Lili Marleen“

Die Geschichte dieses Liedes enttarnt auch die Sinnlosigkeit des Krieges. In einem Feature des Hessischen Rundfunks „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith und Sabine Milewski, berichtet 2000 Komponist Norbert Schultze: „Ich bekam sehr viele Briefe von der Front. … Und zu diesen vielen Briefen gehörten vor allem solche aus Afrika … von der Afrikafront … Dass die gesagt haben: „Wir spielen abends Lili Marleen, und drüben, da lassen wir die Lautsprecher extra so, dass die drüben mithören können. Und es hat sich herausgestellt, dass wir eine Art Waffenruhe machen, damit wir in Ruhe unser Lied hören können. Das ist eine gegenseitige Vereinbarung, ohne, dass darüber gesprochen wird. Aber sie wird eingehalten. Und wir wissen genau: Nach dem letzten Ton von ‚Lili Marleen‘ geht die Ballerei wieder los. … „

Vor diesem Hintergrund  finde ich es inzwischen sehr, sehr gut, dass „Lili Marleen“ nach der Show vom Publikum gesungen wurde! Bleibt nur zu hoffen, dass das Lied nicht verstummen und seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten möge, bis die Laterne verlischt …


Die Titelcollage zeigt, zwischen Schauspielerin und Autorin Toni Netzle und HSS-Referatsleiter Artur Kolbe, die Betreuerin und Moderatorin der dortigen Filmseminare, Christine Weissbarth.


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Lili Marleen untot im Simpl       Mythos Lili Marleen


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Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“

Dass Versöhnung möglich ist, zeigen die israelisch-palästinensischen Friedensgruppen, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten und sich um Ausgleich der Interessen bemühen. Ihre VertreterInnen haben wir nach Tutzing eingeladen und wollen herausfinden, was von ihnen zu lernen ist (…), formulierte auf ihrer Homepage die Evangelischen Akademie in Tutzing. in ihrer Einladung zu obiger Tagung.

Für den 12. bis 14 Mai 2017 hatte die Akademie, in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie München und mit der Petra Kelly-Stiftung zu obigem Symposium geladen:

Herzliche Einladung, sich an einem Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing auf einen Perspektivwechsel einzulassen und Wege jenseits der ausgetretenen Pfade kennen zu lernen.


 Als OrganisatorInnen unterzeichneten:
 
Dr. Ulrike Haerendel, Stellv. Direktorin, Evangelische Akademie Tutzing
Jutta Höcht-Stöhr, Direktorin, Evangelische Stadtakademie München
sowie
Judith Bernstein, Publizistin, Friedensaktivistin, München
Ralph M. Deja, Vorstand Chaverim und Diözesanvorstand Pax Christi, München
Alexandra Senfft, Schriftstellerin und Publizistin, Fuchstal 
Gesa Tiedemann, Geschäftsführerin, Petra-Kelly-Stiftung, München

Evangelische Akademie in Tutzing; Foto: Gaby dos Santos, Referentin bei der Tagung „Erster Weltkrieg – Eine europäische Erfahrung„, Dezember 2014

Diese Einladung klang vielversprechend. Es überraschte mich aber auch, dass eine solche Tagung überhaupt angesetzt war, nachdem in letzter Zeit thematisch ähnliche Veranstaltungen regelmäßig be– oder auch ganz verhindert worden waren. Immer wieder war dabei der Vorwurf des Antisemitismus erhoben worden, ein Vorwurf, dessen inzwischen inflationärer Gebrauch ich für gefährlich kontraproduktiv halte, wie ich auch schon in meinem Artikel Verliehen, aber nicht vergeben, 2016, geäußert habe.  Damals wurde der Münchner Sektion der Frauenliga für Frieden und Freiheit, (IFFF/WILPF), der bereits zugesprochene Anita-Augspurg-Preis 2015 in letzter Minute wieder aberkannt, auf massiven Druck seitens Charlotte Knobloch und ihrem Umfeld in der IKG München. Vorgeworfen wurde der IFFF, der BDS-Bewegung nahe zu stehen (“Boycott, Divestment, Sanctions“), die zum Boykott israelischer Waren als politisches Druckmittel aufruft. Von solchen Maßnahmen halte ich persönlich nichts, aber noch viel weniger halte ich von Eingriffen in unser demokratisches Gefüge, zu Lasten der freien Meinungsäußerung, mit der immer gleichen Unterstellung, dass eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Palästina-Politik Israels mit Antisemitismus gleichzustellen und daher in jeglicher (eben auch veranstalterischer) Form zu unterbinden sei.

Und so überrascht es nicht, dass die Vorfreude auf diesen überparteilichen, palästinensisch-israelischen Austausch nicht lange währte. Offensichtlich blieben Angriffe auch gegen diese geplante Veranstaltung nicht aus:

So heißt es – auszugsweise – in einer „Richtigstellung“  von Jutta Höchst-Stöhr auf der Homepage der Evangelischen Stadtakademie München, vom 6.4.17: (…) gibt es infame Verleumdungen im Internet. Dort wird behauptet, wir plädierten für den Boykott Israels, der unter dem Logo BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) von Palästinensern initiiert wurde und dem sich viele, auch Juden und Israelis, angeschlossen haben. Dies ist nicht der Fall. Als Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München habe ich mir bei mehreren Reisen und vielen Begegnungen in Israel und Palästina ein Bild über die Lage vor Ort gemacht. Dezidiert finde ich den Beziehungsabbruch von beiden Seiten keine Lösung, also auch nicht den kulturellen oder sonstigen Boykott, der die Zusammenarbeit unter Verdikt stellt. Deshalb haben wir die Tagung in Tutzing so angelegt, dass wir Friedensgruppen eingeladen haben, in denen Israelis und Palästinenser heute noch zusammenarbeiten. (…)

Veranstaltungsfoto „Struggle for a Just Peace in Palestine-Israel“ der East Liberty Presbyterian Church, Pittsburgh,  Quelle

Am 12. April folgte das offizielle – vorläufige? – Aus: Auf der Veranstaltungsseite teilt der Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing, Udo Hahn, mit: (…)Wir haben uns jetzt entschieden, diese Tagung zu verschieben, da es uns nicht gelungen ist, alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen. Wir werden das Thema zu gegebener Zeit wieder aufgreifen.

Judith Bernstein

Dazu schrieb mir die Publizistin und Friedensaktivistin, Judith Bernstein,  eine der OrganisatorInnen der Tagung, in einer ebenso bewegenden wie bewegten Mail: Es ist wirklich ein Skandal, vor allem wenn man überlegt, dass unter den Referenten z.B. Eltern sind, die ihre Kinder im Konflikt verloren haben und dennoch im Dialog stehen und zusammenarbeiten. Wir haben auch einen ehemaligen palästinensischen Widerstandskämpfer eingeladen, der zusammen mit seinem israelischen Partner für den Friedensnobelpreis nominiert ist. Alle Referenten gehören zu den letzten Stimmen, die aus Sorge um die Zukunft beider Völker auf der Suche nach Alternativen zum jetzigen Stillstand sind. Ich frage mich, was ist da „christlich“, wenn solche Leute ausgeladen werden.

„Christlich“ ist der Aspekt, der mich, als Mitglied der EKD, an diesem Vorkommnis besonders beschäftigt, und zu dem ich mich Judith Bernstein gegenüber, in Zusammenhang mit der Absage, geäußert hatte. Dass ein gewisses Taktieren im politischen Geschäft, mit bestimmten Mauscheleien und Rücksichtnahmen – sozusagen als Kollateralschaden – im demokratischen Miteinander dazu gehören, vermag ich nicht immer nachzuvollziehen, habe mich aber damit einigermaßen abgefunden. Von einer Institution wie die Evangelische Akademie wünsche ich mir jedoch  Unparteilichkeit in politisch-weltlichen Hinsicht, zugunsten eben jener Werte, die sie namentlich vertritt.

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, The Hebrew University Of Jerusalem, Foto:

„Dass eine deutsche evangelische Akademie in einem Land, dessen Verfassung die Meinungsfreiheit fest verankert hat, daran teilnimmt, die Meinungsfreiheit von Friedensbewegten aus dem Nahen Osten zu verletzen, bestürzt uns. Die israelische Besatzungspolitik zu kritisieren und das palästinensische Recht auf nationale Selbstbestimmung zu befürworten, ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen und somit durch die Meinungsfreiheit geschützt.“, schreibt am 19.4.2017 Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, Hebrew University Of Jerusalem, an den evangelischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford–Strom und an Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Diesen Offenen Brief schreibt er  im Namen aller „Wir, die zur Tagung eingeladenen ‚Intellektuellen aus Palästina und Israel‘ „ – und er schreibt ihn auch in meinem Namen.


Link zum vollständigen Brief von Prof. Dr. Zimmermann, datiert 19.4.2017

NACHTRAG: Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4.2017


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„Nur mit dem Herzen sieht man gut!“​ Vom Umgang mit Bildender Kunst und zur Eröffnungsrede von MKG-Präsident Nikos W. Dettmer zur Jahresausstellung 2017

Der Kaiser ist nackt, dennoch jubelt das Volk ihm und insbesondere seinem neuen, angeblich maßgeschneiderten Outfit zu. Zwei Hochstapler haben ihnen versichert, dass NUR die Klugen des Kaisers neue Kleider würden wahrnehmen können. Unter diesen Umständen ziehen es alle Bürger vor, den neuen Look ihres Souveräns mit Begeisterung zu quittieren, gerade weil sie nichts sehen. Nur nicht vor den anderen als dumm gelten! In die allgemeine Heuchelei hinein platzt die Stimme eines Kindes. Noch frei von gesellschaftlichem Geltungsdrang, ruft es erstaunt: „Aber der Kaiser ist doch nackt?“ Erst jetzt trauen sich die Erwachsenen, das Offensichtliche auch auszusprechen …

Das vielsagende Märchen „Des Kaiserns neue Kleider„, von Hans Christian Andersen, in einer Umsetzung des Malers Jos Huber [s. nachstehendes Bild], ist das Plakatmotiv zur Jahresausstellung 2017 der MKG; eines, das mir inhaltlich nahe steht:

In meinen bald 20 Jahren als Leiterin der Kulturplattform „jourfixe-muenchen bin ich vielen „nackten Kaisern“ begegnet. Stets wurden und werden sie von einer Entourage begleitet, die bejubelt, was zu bejubeln angemessen scheint, weil es der Zeitgeist so diktiert, auf Kosten der individuellen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur. Doch schrieb nicht Antoine de Saint Exupéry, in „Der Kleine Prinz“ so treffend: „Nur mit dem Herzen sieht man gut.“ Diese Worte plädieren, jenseits aller intellektuellen Verkopfungen, für Wahrnehmung auf persönlicher und vor allem sinnlicher Ebene. Nicht zufällig ist oft davon die Rede, ob ein Kunstwerk einem etwas „sagt“, ob es also in einen Dialog mit dem Betrachter zu treten vermag; eine grundsätzliche Frage, die sich als solche jedem Zeitgeist entzieht.

MKG-Präsident Nikos W. Dettmer Foto:  Homepage

Die Auswirkungen des Zeitgeistes auf die Situation der Bildenden Kunst in München, insbesondere auf die der „Realistischen Kunst„, analysierte in seiner Eröffnungsrede vom 2. März 2017, Nikos W. Dettmer, seit 2014 Präsident der MKG/Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868.

Nachstehend, Passagen aus seiner Rede: „Als ich vor drei Jahren die Präsidentschaft der MKG übernehmen durfte, hatte ich die Vision, diese Künstlergemeinschaft wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Diese Vision nahm durch das Buch über die MKG Gestalt an, das von unserem Ehrenpräsidenten Jochen Oberländer initiiert und von Charlotte Mosebach verwirklicht wurde.

Seitenansicht aus dem aktuellen Ausstellungskatalog – Copyright Buchcover: Nikos W. Dettmer/Paul Martin Cambeis, alle Rechte vorbehalten; zum Internet-Shop der MKG

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Schon Jahre vorher war ich, mittels Internet, durch die Welt gereist und habe festgestellt, dass die Realistische Kunst in anderen Ländern niemals an Bedeutung verloren hat. In München dagegen führte die MKG, trotz aller Bemühungen, ein mediales Schattendasein. Wir erinnern uns an so manchen Presse-Beitrag, der die Arbeiten der MKGler in die Ecke altmodischer „Blümchenmalerei“ schob. Das gipfelte in der Interview-Frage: “Ach, bei Ihnen sind ja viele über fünfzig, kann man denn da noch kreativ sein?“

Bild links: Von wegen „Blümchen-Malerei“! Die Werke des Malers, Bildhauers und künstlerischen Allrounders Paul Martin Cambeis prägt in diesem Jahr eine regelrechte Primaten-Invasion: Ob zwei- oder drei-dimensional, ob uni oder mehrfarbig, stehen unsere tierischen Verwandten im Mittelpunkt und finden sich mit zwei Werken (ein Bild, eine Skulptur) in der aktuellen Jahresausstellung der MKG wieder. In Cambeis‘ Affenwelt gähnt es sich gern viel, mit Auswirkungen auch auf den Schöpfer selbst 😉

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Dass die MKG im Haus der Kunst bis zu zweitausend Vernissage-Besucher anzog, blieb offensichtlich für Print und Medien ohne Belang. Wahrscheinlich wurden diese Besucher als ebenso altmodisch eingestuft, wie die Exponate selbst und zählten daher nicht als Argument für eine ernsthafte mediale Auseinandersetzung mit der MKG.“

Eine Hommage an das Münchner Urgestein Karl Valentin zeigt Präsident Nikos W. Dettmer bei der diesjährigen MKG-Ausstellung 2017

 Aus der Rede von NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Ich widme mich seit Anfang der 80-ziger Jahre beruflich der Kunst. Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich!
  • Wo sind die alteingesessenen Kunsthandlungen geblieben, wie Koestler, Fuchs, Otto und andere, die die Realistische Kunst vertraten?
  • Wo sind die schlitzohrigen Zwischenhändler, die im Atelier die Arbeiten von der Staffelei noch nass weg kauften?
  • Wo sind die Zeiten , als es noch Sinn machte, die Maximilianstraße zu betreten? Kein Security-Mann starrte einen grimmig hinter Glastüren von Nobelmarken an. Monaco Franze konnte man begegnen und im „Roma“ die Prominenz beim Kaffee treffen, während ein paar Meter weiter der schillernde Rudolf Moshammer seiner kleinen Mutter aus dem Rolls Royce half. Zeitgleich drehte Klaus Lemke in Schwabing seinen neusten Film …

Vorbei! Vorbei …! Geschichte! Der Kunstbetrieb hat sich verändert. Das Goldene Kalb blökt lauter und ohne Hemmungen!“

Kein „Goldenes Kalb“, aber goldene Farbe auf und unter den hinteren Kühen in der Installation „Als die Sonne durch die Wolken brach“ des südkoreanischen Künstlers Oh Seok Kwon, MKG-Katalog 2017/Nr. 70

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Den Platz der Kunsthandlung hat die Kunstgalerie eingenommen, mit dem Ziel, an einem Kunstbetrieb teilzuhaben, bei dem es um viel Geld geht. Galerien, Sammler, Museen, Kunst-Presse, Kunstvermittler und Auktionshäuser bilden für den einfachen Kunstkonsumenten ein undurchsichtiges Netzwerk. Angeblich sollen weltweit 10000 Mitspieler dieses Netzwerk am Leben halten, davon 2000 in Deutschland!

„Warten auf die Königstochter …“, eines der MKG-Exponate 2017 von Dr. Elisabeth Sorger

Künstler werden heutzutage im Internet „geranked„. Ihr derzeitiger Wert zeigt sich in Tabellen. Soll man „ihn“ jetzt kaufen oder noch etwas warten? Weltweit finden sich schwer bewachte Hallen, in denen Kunstwerke im Wert von Abermillionen als reine Spekulationsobjekte gebunkert werden! Junge Künstler können in Kursen lernen, wie sich ihre Kunst am besten vermarkten lässt. Viel Energie fließt in die all entscheidende Frage: „Wie komme ich auf den Kunstmarkt?“

Am Anfang der Internet-Ära waren meine Kunsthändler noch empört, wenn irgendwo meine Adresse auftauchte. Heute genügt ein Klick um den Künstler zu finden, weil er eine Webseite besitzen muss, um seine Professionalität zu beweisen. Nicht zu vergessen die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Konsorten. Innerhalb dieser neuen Gegebenheiten hat sich die MKG mit Webseite, Facebook und vielem mehr, in den letzten drei Jahren etabliert.

In diesem Jahr nun freuen wir uns ganz besonders, dass auch junge Talente der Münchner Kunstkademie den Weg zu uns gefunden haben und dass unseren Bemühungen, die MKG ins rechte Licht zu rücken, Erfolg beschieden war! (…)“

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Das Potential dieser Künstlervereinigung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Warum ich dies behaupte? Eine Vereinigung, die 149 Jahre existiert, wird von einem bestimmten Geist, einer Idee beseelt, die, unabhängig von Trends, in eine Form drängt, sich realisiert und Menschen nachhaltig inspiriert. Ich glaube, dass dank der Begeisterung der alteingesessenen Mitglieder und der Energie neuer,  junger Talente, die MKG dabei ist, an den Glanz historischer Zeiten anzuschließen.“

Vor Zeittafeln zur langen Historie der Münchner Künstlergenossenschaft: MKG- Pressesprecherin und Malerin Dr. Elisabeth Sorger mit Dr. h.c. Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Auch glaube ich daran, dass der künstlerische Stellenwert des Realismus niemals veralten kann, weil er Mensch und Natur spiegelt und so, behaupte ich, ein Grundbedürfnis des Menschen erfüllt. Denn die ganze Welt, jede Begegnung, jedes Ereignis, hat mit uns persönlich zu tun und birgt daher in sich,  für jeden von uns, eine Chance: Erkenne Dich selbst! Und das Kunstwerk kann dabei helfen!

Aus dem Abschluss der Rede von NIKOS W. DETTMER, am 2. März 2017: „Daher wird unsere gute alte MKG lächelnd die vorüberziehenden Karawanen auf Innovationsuche beobachten und zugleich gelassen ihren eigenen Weg voranschreiten! …“

(Soweit aus der Rede von Nikos W. Dettmer)

Malerin und MKG-Pressesprecherin Dr. Elisabeth Sorger mit Gaby dos Santos

Und ob die MKG lächelnd die Karawanen zeitgenössischer Kunst an sich vorüberziehen lassen kann! Müssen diese doch erst noch erreichen, was die MKG, allen Unkenrufen zum Trotz, längst geschafft hat: Wurzeln in unserer Stadt zu schlagen und nachhaltig künstlerisch zu wirken. In diesem Sinne freue ich mich schon auf die Jubiläumsausstellung der MKG, 2018 und halte mich ansonsten, was mein Kunst(Selbst)Verständnis anbelangt, an den visionären Apple-Begründer Steve Jobs:

„Lass nicht den Lärm anderer Meinung deine innere Stimme verstummen. Und vor allem, hab den Mut deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Die wissen nämlich irgendwie bereits, was du tatsächlich [werden] willst. Alles andere ist zweitrangig.” (Steve Jobs’ Stanford Commencement Address, 2005)


Die Ausstellung läuft noch bis Freitg, 26. März 2017, im  Ägyptischen Museum, im Münchner Kunstareal, Gabelsberger Str. 35, UG;

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 Uhr – 18 Uhr,  zusätzlich am Dienstag bis 20 Uhr


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Pyramidale Party zum 10jährigen Bestehen des August Dreesbach Verlags

Am Freitag, den 3. Februar 2017, feierte der August Dreesbach Verlag sein 10jähriges Jubiläum; Grund zum gratulieren, in einer Zeit in der, wie es der Publizist Christian Nürnberger einmal formulierte, „immer mehr Menschen Bücher schreiben“ (möchten) „doch immer weniger Menschen Bücher lesen“. Der Don-Quichottismus, sich gerade in einer solchen Zeit mit einem kleinen, feinen Verlag auf dem enger werdenden Literaturmarkt zu engagieren, zeugt von Kampfgeist und einem Individualismus, der sich auch in der Gästeschar wiederspiegelte, die meine Freundin, die Autorin und ehemalige Simpl-Wirtin Toni Netzle und ich stundenlang mit Gusto beobachteten.

Die Münchner Autorin, Schauspielerin und ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle (re) zusammen mit Gaby dos Santos, 03.02.17,  August Dreesbach Verlag, Foto: Elisabeth Sorger

Nicht der gewohnte Einheitsbrei aus der bildungsbürgerlichen Kulturelite unserer Stadt, die sich vor lauter „elitär“ nicht einmal selbst zu zelebrieren traut, bevölkerte die Verlagsräumlichkeiten, sondern eine bunte Mischung ausgeprägter Persönlichkeiten, mit viel Nonchalance in Kleidung und Auftreten, dem Kosmos von Historie und Literatur entsprungen; darunter eine ganze Reihe Autor_Innen des Verlags, die sich hier einer individuellen Betreuung in einem Umfang erfreuen dürfen, den ein großer Verlag so gar nicht zu leisten imstande oder auch willens wäre, da sich dort die Betreuung auf die jeweiligen Top-Literaten des Hauses konzentrieren muss. Entsprechend formuliert auch der Verlag in der Selbstdarstellung auf der Homepage: Gemeinsam mit unseren Autoren wollen wir ansprechende Bücher machen: gründlich recherchiert und gut geschrieben, sorgfältig lektoriert, ästhetisch gestaltet und professionell hergestellt.

Benannt wurde der Verlag nach dem deutschen Poltiker August Dreesbach (1844 – 1906), wozu der Verlag auf seiner Website schreibt: (…) 1890 zog er als erster badischer Sozialdemokrat in den Reichstag ein. Als Geschäftsleiter der Mannheimer Volksstimme und Redakteur des Pfälzisch-Badischen Volksblattes war ihm zudem das Recht der freien Meinungsäußerung ein Anliegen, außerdem setzte er sich für den Zugang aller Schichten zu Bildung und Wissen ein. August Dreesbach starb am 25.11.1906 in Berlin. Geradlinigkeit und das Einstehen für die eigenen Ansichten, gepaart mit politischem Idealismus – diese Eigenschaften machten August Dreesbach im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem individuellen, starken Charakter, dessen Vorstellungen und Bestrebungen in der damaligen Zeit manches Mal aneckten.

Gründe genug, August Dreesbach ein Denkmal zu setzen und unseren von Optimismus und Idealismus geprägten Verlag nach ihm zu benennen, der sich zunächst das Verlegen historischer Bücher zur Aufgabe machte. Dass wir mit den neu hinzugekommenen Schwerpunkten Kunst und Typografie neue Wege beschreiten, wäre sicherlich auch im Sinne von August Dreesbach gewesen! (…)

Nomen est omen … und so steht an der Spitze des Verlags die junge, charismatische Leiterin Dr. Anne Dreesbach, die sich auch als Autorin einbringt. Als Gastgeberin der Jubiläumsfeier empfing sie ihre Gäste in stimmungsvoll dekoriertem Ambiente und mit einer Büffetbandbreite an – vor allem – süßen Sünden, die durchaus mit dem Catering der legendären Lambertz-Parties konkurrieren konnten … Das Auge aß und trank, via Champagner-Pyramide, eifrig mit. Nur Toni Netzle widerstand, erlag statt dessen einer Biografie über König Otto I. von Bayern, dem unglücklichen Bruder von „Kini“ Ludwig II. und verzog sich in eine Ecke, um sofort mit der Lektüre zu beginnen. Das Buch hat sie seitdem nicht mehr verlassen 😉

Natürlich war auch dessen Autor Jean Louis Schlim zugegen, ein Luxemburger, der sich ausgerechnet dem königlich-bayerischen Colorit verschrieben hat: (…) Im Besonderen befasst er sich mit der Technikbegeisterung des bayerischen Königs Ludwig II., zu der er mehrere Publikationen veröffentlicht hat … „ und über eine mehr als umfangreiche Sammlung über den unvergessenen bayerischen Kini verfügt.

Autor Christian Sepp, Foto

Es war unser Freund, Autor Christian Sepp (Foto) gewesen, der einen Teil unserer jourfixe-Clique eingeladen hatte. Beim Verlag brachte er vor einiger Zeit seine vielbeachtete Biografie über „Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester“ heraus.“ Die Prinzessin verbrannte an ihrer Leidenschaftlichkeit buchstäblich mit Seele und Leib. In Kürze kommt die dritte Auflage dieser spannenden Biografie auf den Markt. Details zu Autor und Buch habe ich vor einiger Zeit in dem jourfixe-Blogbeitrag „Sophie Charlotte -eine Frau, die zu früh lebte“ zusammengefasst.

Dazu habe ich Christians Sepps Biografie geradezu verschlungen, weil sie gleich zwei meiner persönlichen Themen-Schwerpunkte abdeckt: (Bayerische) Geschichte und das Schicksal von Frauen, die, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, tragischerweise zu früh lebten und/oder denen es tatsächlich gelang, sich in einer von Männern dominierten Geschäftswelt durchzusetzen, wie die frühere Grande Dame des Filmgeschäfts Ilse Kubaschewski (1907 – 2001). Der Co-Gastgeber, Autor und Historiker Dr. Michael Kamp (www.historische-projekte.de) hat für seine Biografie über Kubaschewski kürzlich Toni Netzle als Zeitzeugin interviewt, da es kaum prominente (deutsche und punktuell internationale) Protagonist_Innen des 20. Jahrhunderts gibt, denen Toni nicht begegnet ist. Aus diesem Grund nutze auch ich meine Freundin des öfteren als Haut überzogenes Nachschlagewerk der Zeitgeschichte. Auch auf die Biografie von Dr. Kamp, die in Kürze vorgestellt werden wird, bin ich schon sehr gespannt. Eine Frau im Filmgeschäft der UFA und der Adenauer-Ära? Beide Epochen standen nun wahrlich nicht für emanzipierte Frauenbilder!

„Na, wo soll ich denn jetzt bloß hingucken?“ Gaby dos Santos etwas desorientiert neben Malerin Elisabeth Sorger

Mit von der Partie (obiges Foto) an diesem Abend war auch unsere jourfixe-Freundin, die Malerin Elisabeth Sorger, Pressesprecherin der MKG (Münchner Künstlergenossenschaft). Auch in diesem Jahr ist sie wieder mit Exponaten unter den ausstellenden Künstler_Innen bei der MKG Jahresausstellung 2017 (3. 3. – 26. 3.) im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München vertreten. Auf der Party ging es uns allerdings mal nicht um die unser aller Leben so sehr bestimmende Kunst, vielmehr testete ich Spaßes halber mit Elisabeth die Foto-Box vor Ort, ein herrlicher aber auch irritierender Zeitvertreib, denn: Elisabeth groß, ich klein und die Technik bzw. der Fokus der Linse nicht ganz nachvollziehbar 😉 Entsprechend desorientiert wirkt mein Blick im fotografischen Endergebnis, siehe Fotostrecke oben.

Ein herzliches „merci“ für eine in vielerlei Hinsicht pyramidale Party, alles Gute und vor allem noch ein langes erfolgreiches Bestehen dem August Dreesbach Verlag und viel Fortune bei seinem individuellen Kampf gegen alle Windmühlen unserer virtuellen Welt!


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Hochprozentig politisch im Alten Simpl – Drei Jahrzehnte Bonner Republik aus der Tresenperspektive

„Man sollte auch mit seinen politischen Feinden immer ein Bier trinken können!“ , so lautet bis heute das Credo von Toni Netzle, der ehemaligen Prominentenwirtin im historischen Münchner Lokal Alter Simpl. „Der Simpl war hochpolitisch“, erinnert sich auch CSU-Politiker Peter Gauweiler und berichtet, wie dennoch die energische Toni es verstand, die Diskussionen stets über der Gürtellinie und in zivilisiertem Rahmen zu halten. O-Ton Gauweiler: „Schließlich wollte jeder wiederkommen.0000elefantenrunde_titel

Toni Netzle ging dabei mit gutem Beispiel voran und suchte, obgleich politisch links eingestellt, beispielsweise den Kontakt zu Franz-Josef Strauß. Zwar lieferten sich der damalige bayerische Ministerpräsident und die schlagfertige Toni mehr als einen rhetorischen Schlagabtausch, blieben einander aber zeitlebens herzlich verbunden. Vor laufenden Kameras verriet Franz-Josef Strauß Toni sogar, dass er von ihrem Vor-Vorgänger Theo Prosel Lokalverbot auf Lebenszeit erhalten habe.

Marianne Strauß mit dem noch blutjungen Peter Gauweiler (CSU) im Alten Simpl

Marianne Strauß mit dem noch blutjungen Peter Gauweiler (CSU) im Alten Simpl

Dieser Umstand wurde natürlich in Folge schleunigst bereinigt, so dass Marianne Strauß ihre Kinder im Teenager-Alter in die Obhut des Alten Simpls geben konnte, „denn irgendwohin ausgehen müssten Kinder ja schließlich …“ Im Simpl, unter Tonis Ägide, wusste die besorgte Mutter sie gut aufgehoen.

Toni Netzles Dialogbereitschaft und gelebte Toleranz kamen jedoch nicht überall gut an. Dazu schreibt sie schmunzelnd in der Autobiografie „Mein Alter Simpl“: “ (…) Gäste kamen und berichteten stotternd, um mich nicht zu verletzen, dass in jener Kneipe um die Ecke, dem »Chez Margot«, eine riesige Wandzeitung mit einem ganz fiesen Text über mich hängt. Ich sei eine »Kapitalistensau«, ein »Arbeitgeber-Bonze« und noch so einiges mehr.  Eine kurze Diskussion mit Freunden und Mitarbeitern schloss sich an. Das Fazit: Mein Bruder Peter und ein Freund beschlossen, die Wandzeitung zu klauen und im SIMPL an einem besonders prominenten Platz aufzuhängen. (…)“

Horst Ehmke (SPD) flippert im Alten Simpl, rechts neben ihm Wirtin Toni Netzle

Das hielt aber selbst angehende RAF-Terroristen nicht davon ab, das eine oder andere Mal ihr Herz der Simpl-Wirtin auszuschütten – einige ganz und gar unrevolutionäre Tränen inklusive … Ebenso machte das politische Bonn, ganz gleich welcher Couleur, bei Besuchen in München gerne Station im Simpl, allen voran Horst Ehmke, der sich fernab der Medien, blendend mit dem damaligen CSU-Hardliner Gauweiler verstand, der privat ein ebenso kluger wie humorvoller Gesprächspartner ist.

Axel Springer und Journalist Peter Böhnisch planten konspirativ im Simpl mit Karsten Peters (AZ) ein "Linkes Blatt"

Axel Springer und Journalist Peter Böhnisch planten konspirativ im Simpl mit Karsten Peters, (AZ) ein „Linkes Blatt“

Politisch besonders abenteuerlich gestaltete sich ein Projekt, das Journalist Peter Böhnisch, im Auftrag Axel Springers, mit Karsten Peters, dem damaligen Feuilleton-Chef der Münchner Abendzeitung austüftelte: Ein Linkes Blatt! Besprochen wurde das Projekt „top secret“ in einer von Toni Netzles Simpl-Nischen …

Was daraus wurde und wie sie an einem Vormittag im Wiener Café Demel mit den zukünftigen Protagonisten der mörderischen Lucona-Affäre in Berührung kam, wie Willy Brand im Simpl das Scheitern des Münchner SPD-Kandidaten gegen Erich Kiesl bei den Oberbürgermeister-Wahlen von 1978 voraussagte und was die Stasi im Simpl verloren hatte, sowie einige Geschichten mehr, schildert

Toni Netzle am 12.Novemer 2016, um 19.30, Münchner Künstlerhaus, in einer Lesung zu Bild- und Tonprojektionen von Gaby dos Santos:  „Große Politik am Simpl Tresen“ aus ihrer Lesereihe „Nicht immer Simpl“

Aktuelles Bild von Toni Netzle in ihren „Alten Simpl“  montiert …

Toni Netzles Lesungen beruhen alle auf ihrer liebevoll illustrierten Autobiografie Mein Alter Simpl

Mehr über Toni Netzle findet sich auch in den jourfixe–Blogbeiträgen:
Toni Netzle zum 85. Geburtstag   und   Lili Marleen untot im Simpl


Die Fotos und Foto-Ausschnitte des Beitrags stammen von  München-Foto, Heinz Gebhardt

Das Bildmotiv „Die Elefantenrunde“  ist ein Cartoon, den Dieter Olaf Klama für die Simpl-Wahlparty 1972 gestaltet hat.


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