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Geburtstag auf Wolke 7: Fotostrecke, Kommentare und weiterführende Links zur Künstlerfeier an meinem 60. Geburtstag, 4. Juni 2018, bei Terry Swartzberg in München

Runde Geburtstage verleiten mich regelmäßig zum Kassensturz: Wo genau stehe ich an diesem Stichtag, in Bezug auf meine Pläne, Ziele, Überzeugungen und auf meine Gefühlswelt? Und wer steht an meiner Seite, beziehungsweise mir zur Seite? Nehme ich den aktuellen, sechzigsten Geburtstag zum Maßstab, fällt meine biografische Zwischenbilanz um so vieles besser aus, als mir selbst bislang bewusst war. Von der Zuneigung meiner Gäste fühlte ich mich regelrecht eingelullt, von vielen liebevollen Gesten, Zuwendungen, Worten und künstlerischen Darbietungen. Dass die Gästeliste sich fast ausschließlich aus künstlerischen WegbegleiterInnen und engen KooperationspartnerInnen unterschiedlichstem Datums zusammensetzte, spielte dabei für mich keine Rolle, denn in meinem Leben verlaufen die Grenzen zwischen künstlerischer, beziehungsweise kultureller Arbeitswelt und Privatleben seit Jahrzehnten fließend.

Glücklich – Gaby dos Santos am 60. Geburtstag. Links im Hintergrund Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung

Die prägnantesten Momentaufnahmen, festgehalten von mehreren Gästen, habe ich in nachstehender Fotostrecke zusammengestellt, kommentierjt und verlinkt, weil diese nicht nur eine schöne Erinnerung für mich – und hoffentlich für meine Gäste – darstellen, sondern auch widerspiegeln, wofür die Kulturplattform jourfixe-muenchen steht. Nachfolgendes Gruppenfoto zeigt zwar nicht alle der geladenen !80 Gästen, aber einen guten Querschnitt:

Kurz vor Beginn der Künstler-Session: HINTEN von links: Manuela Rosenkind (Illustratorin, Autorin „Mia Meilenstein„), Harry Rosenkind (Musik-Promoter, Schlagzeuger der Kultrockband „Sahara“), Elisabeth Sorger (Malerin, Sprecherin der MKG-Münchner Künstlergenossenschaft), Reiner Mauthe, Catherine Houdayer (Modeexpertin), Jörn Pfennig (Lyriker, Bestseller mit „Grundlos zärtlich“), ganz an der Wand Arno Baum (Musik-Booker, Bassist der Progressive-Rockband PROGNOSTIC) und ansatzweise zu sehen Piaistin Masako Ohta; MITTLERE REIHE im Sessel: Ulrike Keil (Musikwissenschaftlerin, Pressechefin von Musikerlebnis/Tonicale, musica femina münchen) mit Ehemann, Michaila Kühnemann (Film- und Radiomacherin RADIO MÜNCHEN, Kabarettistin, Liedermacherin), Peter Lang (Inhaber Artist Studio München, als Musiker Mitbegründer der ungarischen Kultbands Hungaria und Omega), Claudia Cane (Rockröhre), VORNE, neben mir, Christine Weissbarth (Schauspielerin, Moderatorin und Referentin bei der Hanns-Seidel-Stiftung) sowie, halbverdeckt, Cecilia Gagliardi (Sängerin, Gitarristin, Theater im Roßstall/Germering)

Die  Kulturplattform jourfixe-muenchen steht seit fast zwanzig Jahren für kulturelle und künstlerische Vielfalt, mit dem Ziel gegenseitiger Inspiration und der Bildung von Synergien. Diese Vielfalt spiegelte sich in der Geburtstagsfeier wieder: Die Künstler- und Kulturschaffenden des jourfixe sind unterschiedlichster Couleur, doch bilden Know How, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kunstformen, Freude an künstlerischen Synergien und multidisziplinären Projekten einen kittenden, gemeinsamen Nenner. Als Mitglied kann man sich bei uns nicht bewerben; statt dessen spreche ich gezielt Kunst- und Kulturschaffende an, die ich mir als Bereicherung unseres künstlerischen Pools erhoffe, zur Entwicklung gemeinsamer Projekte und gegenseitigen Unterstützung.

Gastgeber Terry Swartzberg, Journalist, PR-Fachmann und Vorsitzender von „Stolpersteine für München e.V.“ stellte mir für meine Geburtstagsfeier sein historisches Häuschen am Nockerberg zur Verfügung und ermöglichte so einen unvergesslichen Abend! Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

Apropos gegenseitige Unterstützung: Eben mal sein ganzes Haus für die Feier zu meinem 60. Geburtstag zur Verfügung stellen – das macht ihm so schnell keiner nach und entspricht seinem Wesen: Für den Kosmopoliten Terry Swartzberg sind Aufgeschlossenheit, soziales Engagement (u.a. in seinen PR-Kampagnen) und phantasievoll gestaltete Lebensfreude zwei Seiten einer Medaille. Nach rund 25 Jahren als Korrespondent für die International Herald Tribune, gilt sein großes Engagement seit einigen Jahren dem Verein Stolpersteine für München e.V., dem er vorsteht und mit dem er aktuell ein großes Sommerfest vorbereitet, am Mittwoch, 20. Juni 2018, um 20 Uhr, bei freiem Eintritt im Jüdischen Museum München, mehr unter jourfixe-News. Und einmal mehr ist einfach jede/r herzlich willkommen! Ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt.

„Gabys gute Geister“ nannte meine Freundin Edith Grube Reiner Mauthe, Marianne Niederkofler, Sigi Blässer und Jon Michael Winkler; Letzterer ist nicht nur mein enger Vertrauter sondern auch Erster Vorsitzender des jourfixe-Vereins. Für mich bedeuten die vier Menschen auf obigem Foto weit mehr als Mainzelmännchen! Mit ihnen ist in Teilen mein Leben verwoben. Fest steht aber auch, dass  ohne deren Hilfe diese Geburtstagsfeier gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Der untere Bildteil zeigt einen Ausschnitt des üppigen Büffets: Alle Gäste waren gebeten worden, Speisen und Getränke anstelle von Geschenken mitzubringen. Foto: Stey

 

Geburtstagskind Gaby dos Santos führt Prof. Thomas Pekny, Intendant Komödie im Bayerischen Hof, durch Terry Swartzbergs historisches Domizil am Nockerberg, Foto: Oliver Stey

 

Theaterwelten: Angelica und Lili Fell, Geschäftsführung der inklusiven FBM-Freien Bühne München mit Thomas Pekny, Chef der Komödie im Bayerischen Hof; Foto: Dirk Schiff

 

Kommt Moses nicht zum Berg … Nachdem es im Winter wegen einer Endlosschlange nicht möglich gewesen war, das Rockmuseum im Olyimpiaturm zu erreichen, kam dessen Betreiber, Herbert Hauke eben zu uns. Neben ihm seine Frau Gabi, Tourbegleiterin und Assistentin von Sissi Perlinger; Foto: Schiff

 

Foto links: Die finnische Sängerin Tuija Komi im Gespräch mit musica-femina-Grafikerin Irmgard Voigt; Foto rechts: Claudia Strauch (Strauch Media) im Gespräch mit Behar Heinemann, links und  Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München)

 

Foto links: Das Sänger-Ehepaar Maya und Charles Logan; Rechts schneide ich eine der Geburtstagstorten an, die mir Gäste gebacken haben, assistiert von Gabi Hauke, dahinter jourfixe-Gründungsmitglied Angelika Grimm (Sozialpädagogin); Foto: Elisabeth Sorger

 

V.l. Alexander Diepold (Madhouse), hat gerade in München den alljährlichen Gedenktag für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma durchgesetzt, daneben Eva Giesel, Litag Theaterverlag, rechts Uta Horstmann, Bundesverdienskreuzträgerin für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma, auf den Stufen Esthera und Artur Silber (Musik-Manager DownTown Studios,PR–Agentur Silberpfeil, Schlagzeuger, u.a. PROGNOSTIC)

 

Unter den Nazis wurden ihre Ethnien unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt, doch hier ist Differenzierung angesagt: Von links: Oliver Stey, aus einer Zirkus- und Schausteller-Dynastie, der das größte Privatarchiv dazu führt, die schillernde Behar Heinemann, eine, wie sie es selbst formuliert „stolze Rom“ (Autorin und Kulturmanagerin) sowie der Sinto Alexander Diepold (Madhouse-Chef), dem München seit diesem Jahr einen festen Gedenktag für die verfolgten Sinti & Roma verdankt; Fotos: Dirk Schiff

 

Fotografin Anne Schiff – Mit ihr und ihrer Familie erlebe ich immer wieder kuschelige private Stunden; Rechts Stephanie Bachhuber (Bayer. Staatsoper) Am Vortrag meines Geburtstags feierten wir den 20. Jahrestag unserer Freundschaft! Fotos: Dirk Schiff

 

Geniales Geschenk von Naomi Isaacs (Institute for Charismology): Ein Kaleidoskop – zeitlose Freude! Links von ihr Reiner Mauthe, rechts Sänger Charles B. Logan, an der improvisierten Bar; Rechtes Bild: Ulrich Floßdorf, Traumatherapeuth etc. bei Alexander Diepolds Familienberatungsstelle Madhouse; Foto: Stey

 

Die finnische Sängerin Tuija Komi kam auf Krücken! Und verstand sich mit Gastgeber Terry Swartzberg offensichtlich prima. Für mich ist sie ein veritabler Sonnenschein, kann aber auch „traurig“ und sang später bei der Session à capella ein melancholisches finnisches Gänsehaut-Lied; Fotos: Dirk Schiff

 

Von links: Petra Windisch de Lates (Vorstand Lebensbrücke e.V. und J.I.M.-Jazzmusiker Initiative München), Kriminalautorin Sabine Vöhringer („Die Montez Juwelen„) Michaila Kühnemann, Radio München, Moderatorin, Filmemacherin, Kabarettistin, Musikerin, Foto/Ausschnitte von Oliver Stey

 

Blick von Terry Swarzbergs Terrasse in den Innenhof. Von vorne links: Dr. Ulrich Schäfert, Leiter Kunstpastoral der Erzdiözese,, Grafikerin/Illustratorin Elena Buono, Heidi und Peter Lang, Artist Studio und Kulturjournalistin Heidi Weidner; ganz re. Sängerin Tuija Komi; Foto: Oliver Stey

 

Totale des Innenhofs – Im Vordergrund zu sehen ist Regisseur Rüdiger Nüchtern, ganz hinten wird es Italienisch: An der Wand die Grafikerin und Illustratorin Elena Buono und vor Ihr die Sängerin und Kabarettistin Cecilia Gagliardi, die einer römischen Künstlerdynastie entstammt; Foto: Dirk Schiff

Links neben Musikerin Cecilia Gagliardi (Theater im Roßstall/Germerin) die japanische Pianistin Masako Ohta, bei der ich mich fragte, wie sie aus einem Keyboard in Schoß-Format derart perlende Klänge zu zaubern vermochte. Rechts Sängerin Linda Jo Rizzo, die kürzlich das Hippodrom zum Kochen brachte. Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

Höhepunkt der Feier waren sicherlich die Geburtstagsständchen der MusikerInnen unter den Gästen sowie ein eigens zu meinem Geburtstag getextetes Gedicht SIXTY SEXY GABY des Lyrikers Jörn Pfennig! Große Freude! …

Lyriker Jörn Pfennig, zwei Ausschnitte von Fotos von Dirk Schiff

Vorbemerkung:

Eines Deutschen Dichters Scheitern
ist für ihn und die Welt ein wahrer Graus.
Doch manchmal kann es beide auch erheitern –
probieren wir’s doch einfach mal aus:

Das Gedicht:

Der Deutsche Dichter muss ja nicht denken –
von dieser Pflicht hat sein Volk ihn befreit
um sie dem Deutschen Denker zu schenken
der sich immer schon sehr
aber seither noch mehr
schier unglaublicher Bedeutung erfreut.
(… mehr)

Stimmungsbild während der temperamentvollen Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans; rechts außen Hausherr Terry Swartzberg, neben ihm Jazz-Sänger Thomas de Lates, Foto: Oliver Stey

 

Zwei Momente der Performance von Jazz-Sängerin Jenny Evans: Ein peppiges Lied à capella und aus eigener Feder über die Vorzüge reifer Frauen; Jennys Auftritt berührte mich sehr, denn oft war ich früher in ihrem Jazz-Lokal Jenny’s Place zu Gast gewesen und hätte mir nie träumen lassen, sie einmal als Geburtstagsgast zu begrüßen … Foto-Ausschnitte: Dirk Schiff

 

Csaba Gal, Leiter des Künstlerkreises Kaleidoskop und Cecilia Gagliardi (‚Theater im Roßstall/Germering) singen „Bella Ciao“, das „House Of Rising Sun“ Italiens, Foto: Dirk Schiff

 

Mitwirkende an der Künstlersession: Jazz-Sänger Thomas de Lates und zwei der Musiker der Progressive-Rockband PROGNOSTIC: Keyborder Martin Stellmacher und Sänger Charles B. Logan

 

Vertraute aus wilden Zeiten: Journalistin Daniela Schwan (rechts neben mir). Links zu sehen ist Kabarettistin Karin Engelhard. Dahinter Klaus Onnich, Kurator MVG-Museums – Foto: Dirk Schiff

 

Ein schönes Portrait-Foto von Kulturjournalistin Daniela Schwan; Foto: Dirk Schiff (portraitiert.de)

 

Mit meinem alten Freund aus wilden Datscha-Zeiten, Zarko Mrdjanov, Gitarrist von Massel Tov, meiner Schwägerin Sigi und Heidi Lang vom Artist Studio, Foto: Dirk Schiff

 

Elisabeth Sorger, Malerin und Sprecherin der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft, Martin Hubensteiner, Ausstellungsmacher der LV1871, Gaby dos Santos und Christine Weissbarth, Referentin/Moderatorin der Hanns-Seidel-Stiftung, Foto: Dirk Schiff

 

In der Mitte Claudia Weigel, (Parlamentarische Beraterin Hochschul- und Kulturpolitik, Fauenpolitik für die BayernSPD Landtagsfraktion), links Autorin Gunna Wendt, nach deren Biografie über Franziska zu Reventlow wir zur Zeit, gemeinsam mit Musikerin Michaela Dietl, eine Collage zum 100. Todestag produzieren

 

Renate Lettenbauer und Lising Pagenstecher, wie ich Mitglieder von musica femina münchen    und Rockröhre Claudia Cane, die später Janis Joplins „Mercedes Benz“ sang; Foto: Dirk Schiff

 

Meine Freundin Edith Grube, Tochter und Nichte der KZ-Überlebenden Werner und Ernst Grube; Aktivistin (Stolpersteine für München e.V.) und Verwaltungssupervisor bei Madhouse, mit ihrem Mann Robert; Links: Harry Rosenkind (Musikpromoter und Schlagzeuger der Kult-Rockband „Sahara„)

 

Meine Collage über Textdichter Bruno Balz brachte mich mit diesen beiden Herren zusammen: Mein Bühnenpartner Lutz Bembenneck (li) und der „Experte“ für die Talkrunde nach der Aufführung, Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau und Vorstand des Forums Homosexualität München,

 

Unsere beiden jourfixe-Fotografen einmal selbst vor der Linse von Oliver Stey: Links: Dirk Schiff/ portraitiert.de und rechts Bernd Sannwald, ein As in abstraktv wirkender Detail-Fotografie

 

Dieses Portrait von Naomi Isaacs fand Dirk Schiff (portraitiert.de) so ansprechend, dass er spontan beschloss, es in seine neue Herbst-Ausstellung „Münchner und Zuagroste“ einzubeziehen. Wie bereits seine erfolgreiche Ausstellung im Vorjahr mit Uschi Glas, „We are all the same“, findet die Vernissage im Hotel Le Méridien statt, diesmal zugunsten von Jutta Speidels HORIZONT e.V.

 

Es ist spät geworden … Christiane von Nordenskjöld, Kustodin (Ateliermuseum) der Magda-Bittner-Simmet-Stiftung im Gespräch mit Jon Michael Winkler;; Foto: Stey

 

Ein glückliches Geburtstagskind sagt: „Danke!“


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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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Jürgen Draeger – Aus dem Füllhorn eines Künstlers und Kultur-Chronisten

Dass Jürgen Draeger schon mit 19 Jahren, menschlich wie künstlerisch, den erfolgreichen Textdichter Bruno Balz nachhaltig beeindruckte, wundert mich nicht: Der Schauspieler, Maler und Kultur-Chronist Jürgen Draeger zählt zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten, die mir je begegnet sind. Mitunter höre und sehe ich Jahre nichts von ihm. Lebt jedoch der Kontakt wieder auf, so kann ich davon ausgehen, dass er einmal mehr Überraschendes für mich in petto haben wird, denn diesem Mann gehen Ideen, weitreichende Pläne und künstlerische Inspirationen nie aus!

Der künstlerisch vielseitige Jürgen Draeger, 2013, in seinem Berliner Atelier; Quelle: Wikipedia

Da ich bis Ende der 70er Jahre im Ausland gelebt habe, erfuhr ich erst durch meine Freundin, der ehemaligen Prominentenwirtin in Münchens Altem Simpl,  Toni Netzle, von der künstlerischen Strahlkraft meines „Zeitzeugen“ während seiner Münchner Zeit. In der für sie typischen, baiuwarisch-trockenen Art kommentierte sie: „Jürgen Draeger?  Ja der war doch selbst eine DIVA!“

Jürgen Draeger bei der Uraufführung der Bruno-Balz-Collage, Allotria Keller, Münchner Künstlerhaus, 2004

In der Tat beeindruckt die Vielfalt der Lebensstationen Jürgen Draegers: Sein erster Bühnenerfolg wurde am Schillertheater Berlin eine Rolle in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Mit einer Hauptrolle in Jürgen Rolands Film „Polizeirevier Davidswache“ wurde Draeger 1964 über Nacht zum Idol der jungen Generation. (…) Für den Film „Roma“ engagierte ihn Federico Fellini 1971 als Kostüm- und Dekorzeichner. Draeger studierte 1975 auf Oskar Kokoschkas Sommerakademie in Salzburg die Technik von Radierungen und Kupferstichen. Für eine Reportage über den Maler Marc Chagall wurde Draeger vom Magazin Stern als Fotograf verpflichtet. Ebenso fotografierte er Porträts für das Zeit-Magazin. (…) In den 1970er-Jahren lebte der Künstler vor allem in München.  (Quelle: Wikipedia)

Von Jürgen Draeger – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0: Pastell auf handgeschöpften Büttenpapier 51,5 x 76,5 cm, März 1982 „Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau als Madame Lysiane“ in dem letzten Rainer Werner Fassbinder Film „QUERELLE“ nach dem gleichnamigen Roman von Jean Genet. Das Bildnis ist während einer Drehpause im CCC-Filmstudio Berlin in der Dekoration des Oscar-Preisträgers Rolf Zehetbauer („Cabaret„) entstanden. Das Kostüm stammt von Babara Baum.“

Auf Wunsch des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder begleitete Jürgen Draeger zeichnerisch 1982 die Verfilmung des „Skandal-Romans“ Querelle von Jean Genet im Berliner Filmstudio. (…)  Am 14. März 1988 verstarb sein Lebensgefährte Bruno Balz in BadWiessee.

Die Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical Kann denn Liebe Sünde sein?“ zeigt u.a.  Jürgen Draeger mit Bruno Balz auf einer gemeinsamen Schiffsreise

Jürgen Draeger überführt seinen Freund zurück in die Heimatstadt Berlin. Nach einer Karenzzeit von 10 Jahren, die sich Bruno Balz ausbedungen hatte, beginnt Draeger, vom wechselvollen und auch tragischen Schicksal des Menschen Bruno Balz hinter der Glamourfassade des  UFA-Texters Zeugnis abzulegen.

20 Jahre nach dem Tod des Textdichters Bruno Balz, veröffentlicht die Stadt Berlin folgende Pressemitteilung: Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen nimmt teil an der Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren des Textdichters Bruno Balz durch Kulturstaatssekretär André Schmitz am morgigen Mittwoch, dem 21.5.2008, um 16.00 Uhr, an dem Haus Fasanenstr. 60, 10719 Berlin. Die Würdigung werden der Komponist und Aufsichtsratsvorsitzende der GEMA, Prof. Christian Bruhn und der Schauspieler und Maler Jürgen Draeger vornehmen.

Auf Grundlage der Gedenktafel für Bruno Balz eine Bildcollage aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“

Jürgen Draeger sitzt auf einem mit rotem Samt bezogenen Sofa, das einst Zarah Leander gehörte, in seiner Wohnung in Berlin-Mitte am Monbijouxpark, 220 Quadratmeter groß. (…) So nachzulesen im Beitrag von Björn Stephan im SZ-Magazin (April 2018). Das erinnert mich an meine erste Begegnung mit Jürgen Draeger, 2004. Damals traute ich mich kaum, am Ende jener dunkelroten Polster Platz zu nehmen, auf denen Jahrzehnte zuvor  die legendäre Zarah zu ruhen pflegte 😉 Nach Berlin geführt hatte mich die Recherche zu meinem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz„. Geplant war lediglich ein Zeitzeugen-Interview mit Jürgen Draeger, als Grundlage für ein Musikportrait.

Textdichter Bruno Balz versorgte erfolgreich das „Who is Who“ der UFA mit Durchhaltesongs; Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem jourfixe-Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? „

Beim Abhören des Gespräch-Mitschnitts, der nur als Gedächtnisstütze hätte dienen sollen, stellte ich fest, wie sehr Jürgen Draegers Schilderungen fesselten! So sehr, dass ich sie nicht nur in das Skript abtippte, sondern auch gleich, in Form von O-Ton-Einblendungen, in die Produktion integrierte. Nicht immer weisen diese Tondateien Runfunk-Qualität auf, da sie aber spontan entstanden, bilden sie auf wahrhaftige Weise ein bis dahin beinahe unbekanntes Kapitel deutscher Kulturgeschichte ab: Der Überlebenskampf eines homosexuellen Künstlers, sowohl im Dritten Reich, als auch noch in der Adenauer-Ära, in der Homosexualität, laut Paragraph 175, weiterhin unter Strafe stand! 

Verwoben mit Bildcollagen aus dem umfassenden Bild- und Dokumente-Material, das Jürgen Draeger mir zur Verfügung stellte, entstand ein farbiger Multimedia-Teil, den ich mit Textvortrag und vor allem mit zahlreichen Livesongs aus dem umfassenden Repertoire von Bruno Balz kombinierte.

Während meines vierstündigen Interviews hatte mich Jürgen Draeger weit hinter die Gute-Laune-Fassade weltberühmter UFA-Songs wie „Sing, Nachtigall sing„, „Waldemar“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“ blicken lassen. Der Lebensrealität ihres Schöpfers gegenüber gestellt, eröffnete sich mir die ungeahnte Doppelbödigkeit der Balz’schen Texte, durch die sich der Autor stets seine Freiräume bewahrt hatte. Um diesen Umstand besser zu veranschaulichen, interpretiert in meiner Bühnenfassung inzwischen ein Mann, der Münchner Chansonnier Albrecht von Weech die unsterblichen Lieder. Mit Komponist und Musikproduzent Thomas Erich Killinger am Piano, habe ich das Konzept eines männlichen Lied-Interpreten für die Balz-Songs zuletzt 2016, im NS-Dokumentationszentrum in München, im Vorfeld der Eröffnung des Denkmals für die im Dritten Reich verfolgten Münchner Homosexuellen, umgesetzt. (Siehe hierzu auch den jourfixe-Blogbeitrag  „Rosa Winkel“ )

Meine Balz-Biografie wurde in den letzten Jahren in verschiedenen Bühnen, im Kulturzentrum Gasteig, in der VHS und schließlich auch im NS-Dokumentationszentrum in München aufgeführt. Tatsächlich aber gehört sie, mit all ihren Bilddokumenten, Texten sowie Draegers O-Tönen endlich einmal in Berlin erzählt, der Heimatstadt von Balz und Draeger. Und auch meine Geburtsstadt – und lebenslanger Sehnsuchtsort … Zurück in diese Stadt geführt hat mich letztlich immer wieder Bruno Balz, erstmals, nach Jahrzehnten der Abwesenheit, 2004 und zuletzt Anfang dieses Jahres, auf der Suche nach einer angemessenen Bühne für „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

Das „Delphi“-Theater in Berlin: Unscheinbare Aussenfassade, überwältigendes Innenleben …

Mit dem „Delphi-Theater“, einem ehemaligen Stummfilmkino aus den 20er Jahren wäre der ideale Spielort eigentlich auch schon gefunden. Berlin beschwört per se an allen Ecken  seine Vergangenheit als Mekka internationaler Kunst und Kultur herauf. Doch noch mehr Patina strahlt, in seiner Geschlossenheit, das Ambiente des Delphi aus, nicht zufällig kürzlich auch Drehort von Babylon Berlin! Zugleich vermittelt die wuchtige Gewölbestruktur ein Gefühl steinerner Dominanz, ideal für die Thematik meiner Biografie. Einer dortigen Aufführung im Weg steht bislang vor allem die noch ungeklärte Finanzierung, um die ich mich erst werde kümmern können, wenn meine aktuelle Produktion zum 100. Todestag der „barfüßigen“ Gräfin Franziska zu Reventlow Ende Juli abgeschlossen ist.

Inzwischen gibt es auch bezüglich Jürgen Draeger – wie könnte es anders sein 😉 – viel Neues zu vermelden. Im Oktober letzten Jahres hat er geheiratet. Sein Mann Pietro kümmert sich inzwischen als „Graue Eminenz“ um das Allround-Management des Künstlers.

Im Artist Studio von Peter Lang (links), UG, im Münchner Künstlerhaus, daneben Robert Eckert/Isarflimmern TV, Gaby dos Santos und ganz rechts Pietro Draeger

Letzten Freitag habe ich Pietro Draeger persönlich  im Artist Studio München kennengelernt, anlässlich eines Treffens gemeinsam mit Robert Eckert, Geschäftsführer von Isarflimmern TV und dabei erfahren, dass Jürgen Draeger derzeit eine autobiografische Werkschau auf !Kuba vorbereitet. Dazu hat das Ehepaar Draeger in letzter Zeit die Karibik-Insel häufiger besucht und steht in regem Austausch mit dem kubanischen Botschafter in Berlin und seinem deutschen Amtskollegen in Havanna.

Auch ein filmisches Portrait über Jürgen Draeger ist derzeit im Gespräch, und ich hoffe sehr, dass es verwirklicht wird, soviel Spannendes wie dieser Mann aus seinem „Jahrhundertleben“ (Zitat Süddeutsche Zeitung) als Künstler und Zeitzeuge zu berichten hat, und das, über die Geschichte seiner Lebensfreundschaft mit Bruno Balz hinaus, unbedingt dokumentiert gehört!

Was nicht bedeuten soll, dass Bruno Balz jemals jemanden ganz aus seinem Bann entlässt: Seit Januar 2013 arbeitet Jürgen Draeger an seinem neuen Bilderzyklus „Sünde sein“, einer Hommage an den Textdichter Bruno Balz …  (Quelle: Wikipedia)


Weiterführende Links:

 ATELIER DRAEGER im Rathenau-Saal   

Jürgen Draeger auf Wikipedia  –  SZ-Portrait 2018

Das Bruno Balz Archiv             www.bruno-balz.com

Kann denn Liebe Sünde sein? “ >  jourfixe-Historical von Gaby dos Santos, erzählt in O-Tönen von Jürgen Draeger


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Vom Wirtschaftswunder in die Unsterblichkeit: Die Malerin Magda Bittner-Simmet und ihr Schwabinger Ateliermuseum

Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und fein …“ so lautete ein beliebter Eintrag in die Poesie-Alben meiner Generation. Ich bin Jahrgang 1958. Der Feminismus steckte da noch in den Kinderschuhen und mir wäre daher nicht in den Sinn gekommen, es doch besser mit der „stolzen Rose“ zu halten, „die immer bewundert will sein„. Das Streben nach Anerkennung und Erfolg kam in den Lebensentwürfen für Frauen lange nicht vor, ganz zu schweigen von dem Wunsch, das eigene Lebenswerk über den Tod hinaus präsent zu halten. Doch genau dafür hat sich eine Künstlerin entschieden, die in eine Zeit hineingeboren wurde, in der noch nicht einmal das Wahlrecht für Frauen galt: Magda Bittner-Simmet, „akademische Kunstmalerin“, gefragte Portraitistin, Globetrotterin, Netzwerkerin, bayerische Gesellschaftslöwin und schließlich Stifterin in eigener Sache.

1916 wurde sie in eine großbürgerliche Erdinger Familie hineingeboren, der sie sich in puncto „Vita“ aber nur insofern fügte, als dass sie sich zur Lehrerin für Kurz- und Schönschrift ausbilden ließ. Dem schloss sie, nicht gerade zur Freude des Vaters, ein Studium an der Münchner Kunstakademie an, an der erst seit 1920 auch Studentinnen zugelassen waren. Dort studierte sie unter anderem bei Elke Brauneis, selbst eine der ersten Kunstdozentinnen, eine Begegnung, die wegweisend für Magda Bittner-Simmets eigene künstlerische Karriere gewesen sein dürfte.

Magda Simmet 1935 – Ganz offensichtlich schon damals eine ungewöhnlich selbstbewusste junge Frau, Quelle: Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung

Zu ihrem Werdegang ist auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung/Leben nachzulesen: „Um sich ihr Studium zu finanzieren, arbeitete die zielstrebige Studentin gleichzeitig als Fachlehrerin für Kurz- und Plakatschrift sowie als Zeichen- und Werklehrerin. (…) 1944 schloss sie ihr Studium mit einem Erfolgsdiplom ab und verwendete ihren Titel ‚akademische Kunstmalerin‘ seitdem mit Stolz.

Nach Kriegsende suchte sie trotz der allgemein schweren Lebens- und Arbeitsumstände beharrlich weiter ihre eigene Sprache der Malerei, die nun ihrem persönlichen Ausdruckswillen entsprechen sollte. Um ihren Porträtstil weiter zu verfeinern, wurde sie 1951 nochmals Gaststudentin bei dem für dieses Genre hochgeschätzen Münchner Akademieprofessor Hans Gött.

Ihre Eigenständigkeit rettete sie über die Tragödie ihres Lebens hinweg, als 1947, noch im Jahr der Hochzeit, ihr Mann, der Arzt Max Bittner, überraschend an einer Infektion verstarb, wahrscheinlich nach der Gabe von gepanschtem Penicillin, wie sie in jenen Zeiten oft und mit fatalen Folgen erfolgte und im Film „Der Dritte Mann“ thematisiert wird. Kein Jahr verheiratet und Witwe mit gerade 31 Jahren! Eine solche Lebenssituation hätte viele andere Frauen in die Selbstaufgabe getrieben, nicht so Magda Bittner-Simmet.

Schnappschuss eines Selbstportraits

Die Autorin Gunna Wendt beschrieb sie in einem aktuellen Kurzportait als eine Mischung aus Scarlett O’Hara,  Franziska zu Reventlow, in deren Tradition sie sich stilisierte und dabei,  wie Fassbinders Maria Braun, die Chancen des Wirtschaftswunders für sich zu nutzen verstand. Deren Vertreter konnten sich wieder Kunst leisten und sahen sich auch selber gerne auf Leinwand verewigt, oft von der bekannten Malerin Bittner-Simmet.

Magda Bittner Simmet 1972 in ihrem Atelier in der Schwabinger Leopoldstraße; bei dem Oben-Ohne-Portrait oben rechts handelt es sich um ein Selbstbildnis, Foto: MBS

Im Künstlerviertel Schwabing, das noch immer vom Flair seiner legendären Vergangenheit zehrte, eröffnete Magda Bittner-Simmet ein eigenes Atelier und portraitierte schon bald das „Who is who“ der Münchner Gesellschaft, in einer Zeit, in der laut Dr. Oettker Werbung eine Frau doch angeblich nur zwei Probleme umtrieben: Was ziehe ich an und was koche ich heute? Der Bundesverband deutscher Stiftungen schreibt dazu in einem seiner Archivportraits:

Magda Bittner Simmet 1960 mit Schriftsteller Oskar Maria Graf  am Stammtisch des Seerosenkreises

Entgegen der Zeitströmung malte sie gegenständlich. Ihre bevorzugten Sujets waren Landschaftsdarstellungen und ganz besonders Porträts. Modell saßen ihr viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Kultur, u.a. der Bayerische Innenminister Wilhelm Hoegner, Landesbischof Hans Lilje und der Schriftsteller Oskar Maria Graf.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Magda Bittner-Simmet durch den damaligen Kultusminister H. Zehetmaier, April 1989

Im Gegensatz zu vielen, auch heutigen Künstler-Kolleg_Innen, ging Bittner-Simmet pragmatisch mit Beruf UND Berufung um, wohl wissend, dass Schöpfertum alleine noch keine Existenz zementiert: Die Künstlerin setzte sich in verschiedenen Organisationen für die soziale Absicherung von Künstlerinnen ein, war Vorsitzende der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördererinnen e. V. (GEDOK) München und erhielt für ihr berufspolitisches Engagement das Bundesverdienstkreuz. (Bundesverband deutscher Stiftungen in einem Archivportrait)

Eine ihrer Leidenschaften war das Reisen, für sie auch Quelle neuer Bildmotive und Inspirationen. Sie organisierte auch Gruppenreisen für Kolleg_Innen, aber scheute sich dabei nicht, ihr „Revier“ energisch abzugrenzen und beispielsweise einen Maler auszuschließen, nachdem er, zumindest ihrer Auffassung nach, wiederholt Motive von ihr kopiert hatte, so Biografin Gunna Wendt in ihrem Kurzportrait.

Die Autorin Gunna Wendt trägt ein Kurzportrait zu Magda Bittner Simmet, in deren Ateliermuseum vor, März 2017, im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings

Nunmehr 40 Jahre alt ist das Künstlerhaus, das Magda Bittner-Simmet am Schwabinger Bach errichten ließ. Das Dachgeschoss baute sie zu einer großzügigen, lichtdurchfluteten Atelierwohnung aus, die Wohneinheiten in den beiden unteren Etagen vermietete sie.

Magda Bittner-Simmet bei einem ihrer Künstlerfeste im Atelier am Schwabinger Bach

Heute fließen diese Mieteinnahmen in die nach ihr benannten und bereits zu Lebzeiten geplanten Magda Bittner-Simmet Stiftung.

Vorstand Verena Walterspiel bei einer Einführungsrede, März 2017

Dank einer testamentarischen Verfügung erfüllte sich posthum Magda Bittner-Simmets großer Wunsch dieser eigenen Stiftung, und die Atelierwohnung verwandelte sich in ein Ateliermuseum, in dem Kustodin Christiane von Nordenskjöld, anhand von Führungen und Vorträgen regelmäßig an Werk und Leben einer bewundernswert zielorientierten Künstler-Persönlichkeit erinnert.

Mich fasziniert jeder Besuch aufs Neue, denn mit Betreten des Ateliers fühle ich mich in die Zeit meiner Kindheit und Jugend zurück katapultiert, angesichts der vielen Exponate aus dem persönlichen Besitz der Künstlerin. In der Mitte des Hauptraumes befindet sich der erhöhte Sessel, in dem einst ihre illustre Klientel Platz nahm, um sich von der Künstlerin in Öl verewigen zu lassen. Doch ich empfinde dieses Möbelstück eher als Thron der Künstlerin selbst, deren unsichtbare Präsenz bis heute den Ort dominiert.

Kustodin Christiane von Nordenskjöld während einer Führung. Rechts  der Portraitier-Stuhl

Das Ateliermuseum im Künstlerhaus am Schwabinger Bach bietet einen ungewöhnlichen ErfahrungsOrt für das Lebensgefühl der Nachkriegszeit und Wirtschaftswunderjahre. Ein Besuch im ehemaligen Atelier von Magda Bittner-Simmet ist wie eine Zeitreise (…), beschreibt die Homepage der Stiftung treffend die ganz spezielle Atmosphäre des Ortes, die zwar vorwiegend, aber nicht nur vom Nachlass der Stifterin geprägt wird, sondern auch von der liebevollen Akribie und dem Einfallsreichtum, die, seitens Kustodin und Vorstand, das vielseitige Veranstaltungsangebot begleiten, das ebenfalls den künstlerischen Nachlass der Malerin Magda Bittner-Simmet als Bildgedächtnis der Münchner Kunst- und Zeitgeschichte zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte.

So führte beispielsweise kürzlich der Vortrag „Kunst und Käseigel“ die Besucher_Innen zurück in die erfolgreichen Wirtschaftswunderjahre der Stifterin, einschließlich einer stimmigen kulinarischen Begleitung … [s. obiges Foto]

Aber nicht nur die Stifterin und ihr Werk werden hier thematisiert, sondern auch Biografien anderer Künstlerinnen, die selbstbestimmt ihre Laufbahn verfolgten, wie beispielsweise die Schwabinger „Traumprinzessin“ Bele Bachem.

Im Gegensatz zu manchen anderen Museen und Kunsttempeln empfinde ich dieses Ateliermuseum als einen Ort, der Kunst und Kultur regelrecht atmet, weil er einen ganz nah an seine Schöpferin heran führt. Dazu findet sich auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung ein Zitat:

„Die Wohnung, das Milieu, die Gegenstände, mit denen sich ein Mensch umgibt, verraten fast alles über ihn…“ (Jean Baudrillard)


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Gunna_Wendt_Liesl_Karlstadt_Schwabinger_Kunstpreis_2017_Franziska_zu_Reventlow
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Schwabinger Kunstpreis 2017 für Autorin und jourfixe-Mitglied GUNNA WENDT

Mit ihrer Feder hat Gunna Wendt nicht zuletzt München/Schwabing ein ganzes Stück weit auferstehen lassen, mit wunderbaren Biografien, z. B. zu Liesl Karlstadt (s. obige Fotomontage) oder zu „Franziska zu Reventlow – Die anmutige Rebellin„. Aus letzterer Biografie entsteht gerade ein jourfixe-Historical, mit Musiken von Michaela Dietl und einer Multimedia-Show mit historischen Bildcollagen von Gaby dos Santos verwoben mit Reventlow-Texten,  das 2018, zum 100sten Todestag der „barfüßigen Gräfin“ auf Tour gehen soll.

Franziska zu Reventlow – eine der Gallionsfiguren der legendären Schwabinger Bohème. Gunna Wendt widmete ihr eine Biografie

Nun ist es unter anderem dieser Gräfin (s. obiges Foto) bzw. deren Verbundenheit zu München, Zitat: „Schwabing ist ein Zustand„, zu verdanken, dass Gunna Wendts literarische Arbeit mit diesem renommierten Münchner Preis gewürdigt wird. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena Christ, Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen.

Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. Auch die Frauen aus Gunna Wendts jüngstem Projekt zählen dazu: es geht darin um die Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Thomas Manns Tochter Erika und der Schauspielerin Therese Giese. Doch die Autorin hält nicht nur mit ihren Biografien den Mythos Schwabing lebendig, sondern auch mit liebevoll recherchierten Ausstellungen. Obendrein hat sie eine charmante Anleitung verfasst zu einem Spaziergang durch die Kaffeehäuser der Schwabinger Bohème. Eine Einladung, mit allen Sinnen in die legendäre Zeit von damals einzutauchen.

Die Preisverleihung findet am 26. Juni im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung im Verwaltungszentrum der Stadtsparkasse München statt.

Informationen auch unter www.muenchen.de/kulturfoerderung unter ‚Preise‘.“

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Zu sehen und hören ist Gunna Wendt aber bereits am Sonntag, 26. März, um 14 Uhr, im Ateliermuseum der Magda Bittner–Simmet Stiftung, am Englischen Garten, gemeinsam mit der Autorin Renée Rauchalles >

Veranstaltung im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings 2017, bei freiem Eintritt!


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Ira Blazejewska, Blood Shit and Champagne, jourfixeBlog,
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Ira Blazejewska – Künstlerin in Münchner Avantgarde Tradition

Alter Simpl, Alt-München, Schwabing, Kati Kobus, Toni Netzle, jourfixeBlog

Der Alte Simpl
historischer Flyer

Mit München verbinden viele voller Nostalgie jene undefinierbar verklärten Bohème-Zeiten, als „München noch Schwabing war“, beseelt von großen Lebens/KünstlerInnen, wie die Literaten und Karikaturisten des Simplizissimus, wie Kati Kobus, Wirtin des nach der Satirezeitschrift benannten Künstlerlokals „Alter Simpl“ (wenn auch in Max-Vorstadt gelegen), wie Franziska von Reventlow.

Franziska von Reventlow, jourfixeBlog, Ira Blazejewska

Franziska von Reventlow
Schwabinger Freigist

Die barfüßige Gräfin, Künstlerin und Gelegenheitsprostituierte, pflegte Schwabing als „Wahnmoching“ zu bezeichnen und mit ihrem exzessiven Lebensstil unsicher  zu machen. Mit Nostalgie hatte das damalige Künstlertum keineswegs zu tun, die Protagonisten, wenn auch ihrer Stadt verbunden, waren im Denken und Schaffen vorwärts gerichtet  – Avantgardisten eben.

Längst vergangene Zeiten! Meiner Meinung nach dürfte man aber, bei aller Liebe zur Münchner Kulturgeschichte, auf die heutige Münchner Kunst – und Kulturszene ruhig ein wenig stolzer sein! Aber: Wenig gilt der Prophet im eigenen Land … Schließlich muss er in der gegenwärtigen Realität seiner Kunst nachgehen, in welcher  (noch) nichts und niemand Zeit genug hatte, sich zur Legende zu verklären.

Geblieben ist derweil eine weit verbreitete Sehnsucht, jenes vormalige  Münchner Camelot „wahrer“ Künstlerschaft wieder zu beleben und um sich zu scharen. An gutem Willen und entsprechend immer neu entstehenden Künstlertreffs mangelt es daher nicht. Aber die Anfangseuphorie solcher Unternehmungen erstickt meist schnell in der Erkenntnis, dass das Eröffnen eines solchen Treffs noch lange nicht den Laden füllt, weder mit Gästen noch mit Musen, die ihre zechenden Klientel vor Ort zu Meisterwerken inspirieren könnten. Gute Absicht alleine reicht nicht, den Geist der Kunst voran zu treiben; es bedarf vielmehr einer Persönlichkeit mit Ausdauer, Talent und vor allem mit Zugkraft.

Ira Blazejewska, Münchner Künstlerszene, Shit Blood and Champagne, jourfixe-muenchen, jourfixeBlog

Künstlerin
Ira Blazejewska

Eine davon ist sicher die schillernde Ira Blazejewska, eine künstlerische Allrounderin, die stetig zwischen Malerei, klassischem Gesang, Performance, Chanson und außergewönlichen Programm-Konzepten pendelt. Ihre Aktivitäten, ob in München oder in Paris entfaltet, kennzeichnet ein eigenwilliger Stil, geprägt von noch nicht dagewesenen, ausgefallenen bis schrägen Einfällen: „Avantgarde-Style“, der sich aber niemals in Verkopftheiten verliert. Dazu ist Ira eine viel zu leidenschaftliche Künstlerin! Und folgt damit jener avantgardistischen Tradition, die einst den Ruf der Münchner Kunstschaffenden begründete . Meiner Meinung nach verdienen unsere VorVorKollegInnen mehr als nur nostalgische Reminiszenzen, nämlich ein Fortführen des kreativen Schaffens in München, jetzt – und mit den künstlerischen Ausdrucksformen  unserer Zeit.

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Ira und Mitstreiter Karl Deterin beim „Zug der Krawallianer“

Zum 50. Jahrestag der Schwabinger Krawalle rief Blazejewska die „KrawallKarawane“ins Leben, eine Veranstaltung die im Vorfeld einiges Stirnrunzeln verursachte, weil sie ihr Projekt weder genauer definieren konnte, noch wollte. Ganz schlimm! 😉 Viele verstanden nicht, dass es keineswegs um ein konzeptionelles Festzurren ging, sondern um ein  „erst mal tun und dann wachsen lassen“. Inzwischen hat sich aus dieser KrawallKarawane eine Veranstaltungsreihe entwickelt, die  im Herzen Schwabings, bei Heppel und Ettlich, eine stimmige Heimat gefunden hat: „Blood, Shit & Champagne“, nennt Ira die Reihe, die sie unter wechselnden Mottos.

An dieser Stelle übergebe ich das virtuelle Wort direkt an Ira:

(…) „Nachdem wir im letzten Jahr mit unserer „KrawallKarawane“, einer Veranstaltung, die mehrere traditionelle Münchner Locations bespielte, und der Dada-Wiesn, die wir an der Schaustelle zur Wiedereröffnung der PdM mit unserem Co-Kurator Ecco Meinecke inszenierten,  eine Veranstaltungreihe unter dem Label „Blood, Shit & Champagne“eröffnet haben, nehmen wir uns nun erneut eines Themas an, das uns ein Anliegen ist: das Wasser.

Fern von jedem erhobenen Zeigefinger, mit viel schwarzem Humor und einer Prise Avantgarde mischen sich wieder sub – und high-culture in unserem „WasserSalon„. Erneut geht es darum, die Münchner Kultur-Energien aus den verschiedensten Ecken zu vereinen:

So gibt es Lieder der unterschiedlichsten Art, Brecht muss natürlich dabei sein, einen Opheliafilm mit Performance von Christa Sturm, die einen Lehrauftrag für Performance in München hat,  Nikolai Vogel, der die Wortspiele in der Muffathalle organisiert, liest über eine Überschwemmung aus seinem Roman  „Plug In“, den er auch beim Bachmannpreis vorgestellt hat; , Künstler veranstalten eine audiovisuelle Live –  Aktion, Rachmaninoff wird neben Beatboxing zu hören sein, unser comedy-man führt mit bösen harten Fakten durch den Abend.

Sonntag, den 11.Mai 2014 – Theater „Heppel & Ettlich“

Beginn: 20 Uhr (Einlass 19.00 Uhr)

Eintritt: 17 €/12 €

Für die ersten Gäste gibt’s ein Glas Champagner inklusive.

….und sonst gibt es natürlich wieder Champagner zu basisdemokratischem Preis. „

(… Ira Blazejewska)

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Wie viel Herzblut in einer solchen Veranstaltungsreihe steckt und was für ein Aufwand es ist, ein solches Programm thematisch auf den Punkt zu bringen und mit den richtigen Künstlern zu besetzen, kann ich Ira sehr gut aus meiner Zeit als Veranstalterin der jourfixe-Künstlertreffen nachempfinden. Zuletzt hatte ich Jon Michael Winkler bei seiner Café Bohème-Reihe zur Seite gestanden. Irgendwann hatten wir dann genug von Pannen, zickenden Gast-Darstellern und riesen PR-Aufwand für vergleichsweise wenig Publikum. Kurzum, wir wurden älter, so alt, dass für uns das Schmerzensgeld nicht mehr reichte 😉

Umso mehr freue ich mich, wenn mal wieder jemand vom Format von Ira Blazejewska sich dieser Lücke im Kulturleben annimmt. Von Herzen toi, toi, toi, liebe Ira!


http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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