Allgemein

Zwischen „Europäischen Identitäten“ und nationaler Identität – Im Gespräch mit Dr. Roland Jerzewski, ESM

Anfang der 70er Jahre in den Dolomiten: Schülerinnen und Schüler Europäischer Schulen sind aus Brüssel, Luxemburg, Karlsruhe und Varese zu einem Ski-Urlaub angereist, indirekt gesponsert von Europäischen Forschungszentren und Institutionen, bei denen ihre Väter überproportional gut im Brot stehen, gemessen an den normalen Gehältern in den Herkunftsländern. Es ist schon später am Abend und man hat sich – nicht ganz erlaubterweise – in einem der Schlafräume zu einer kleinen Party zusammengefunden. Viel Kichern und Sprachengewirr, es wird geflirtet, sich gebalgt, Händchen gehalten, getan, was Teenager halt tun, nur in einem viel internationaleren Rahmen, den die Jugendlichen als vollkommen natürlich erleben, ebenso wie den reibungslosen Wechsel von einer Sprache in die andere. Europa lebt im Hier und Jetzt, bis es plötzlich ein zaghaftes Klopfen vernimmt, nicht an der Tür, sondern an einer der Wände. Nach und nach verstummen die Jungen und Mädchen, lauschen ein wenig ratlos, bis irgendjemand die Initiative ergreift und die Tür zu dem Raum öffnet, von dem aus man die Klopfzeichen vermutet. Überrascht blickt man in eine winzige Kammer mit nur einem Nachttisch und einem Stahlbett, auf dem zusammengekauert ein Junge sitzt, im selben Alter wie die Schülergruppe, aber ganz offensichtlich kein Hotelgast, sondern eine jugendliche Aushilfskraft. Bis heute habe ich diesen Jungen als irgendwie grau in Erinnerung und seine Kammer auch. Es bot sich uns, kurzum, das Bild einer grauen Realität, die uns fremd war, und auf die wir daher nur ebenso stumm wie hilflos zu blicken vermochten, bevor wir leise den Rückzug in den Schlafraum unserer Welt antraten. Uns allen war klar, dass sich dieser Junge aus Einsamkeit bemerkbar gemacht hatte, aber wir schlossen lieber rasch wieder die Tür zu seiner Wirklichkeit, weil sie uns überforderte.

Wir Europa-Schülerinnen und Schüler bekamen damals alle nur möglichen Rahmenbedingungen gestellt, um die Vision eines vereinten Europas schulisch zu leben, die Chance sie zu reflektieren bekamen wir jedoch nicht und bemerkten deshalb auch nicht die Glasglocke, unter der wir aufwuchsen, während sich irgendwo jenseits unzählige weitere Dienstbotenkammern befanden und mit den Jahren auch vermehrten. Die Fähigkeit, unsere Identität vor dem Background einer multikulturellen Erziehung nicht nur zu definieren, sondern auch in Bezug auf die Realitäten in anderen gesellschaftlichen Schichten und in anderen Ländern zu stellen, wurde uns nicht mit auf den Weg gegeben.

EU_Europaeische_Schule_Muenchen_Europaeische_Identitaeten_Roland_Jerzweski

Schüler_Innen der Europäischen Schule in München Neuperlach bei einer Veranstaltung; Quelle ESM 

Den Ansatz, den die Europäischen Schule München mit ihrem breit gefächerten Projekt „Europäische Identitäten“ – koordiniert von Dr. Roland Jerzewski – verfolgt, hätte ich mir daher für meine Schulzeit auch gewünscht. Während Europa gemeinhin als Auslauf-Modell wahrgenommen wird, findet im europäischen Mikrokosmos in Neuperlach tatsächlich ein europäisches Narrativ statt. mit der  Zielgebung: „Unsere lokale, regionale, nationale, europäische, aber auch weltanschauliche, ethnische, soziale, weibliche/männliche Identität auszuloten.“ Wie wünschenswert das ist, weiß ich nur zu gut aus meiner eigenen Lebenserfahrung als ehemalige Schülerin an der Europäischen Schule in Varese/Italien: Durch die internationale Struktur solcher Schulen fühlt man sich leicht mal  “ ‚zwischen den Stühlen‚ . Eine „nicht immer leicht definierbaren Identität könne Quelle von Zweifeln und Verunsicherung sein“,  so formuliert es die Projektdarstellung auf der Webseite der Schule. Und: „(…) gleichzeitig ist diese Polyvalenz aber auch eine große Chance in einer multipolaren, globalisierten Zukunft.“ Nicht zuletzt diesen Vorteil gilt es in der Wahrnehmung der Schüler_Innen nachhaltig herauszufiltern.

Dr. Roland Jerzweski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Dr. Roland Jerzewski mit Schüler_Innen auf Klassenfahrt nach Transsylvanien, März 2016

Das Projekt läuft dementsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab, alle mit dem Ziel, die Schüler nicht nur zum Ausleben ihrer eigenen Identität zu ermutigen, sondern sie auch zu reflektieren und zwar über die Workshops im Klassenzimmer und in Gemeinschaftsausstellungen hinaus. So finden regelmäßig Klassenfahrten ins europäische Ausland statt, bei denen interkulturelle Begegnungen das Programm bestimmen, wie eine Reise nach Toledo, mit Spurensuche im historischen Schmelztiegel der drei großen Religionen sowie Schülerbegegnungen in einem dortigen, von muslimischen Migranten geprägten Gymnasium. Zur Wahrnehmung unseres multikulturellen Europas schweift der Blick von Schüler- und Lehrerschaft aber nicht nur ins Ausland ab. Ebenso richtete das Projekt „Europäische Identitäten“ einen Fokus aber auf die unmittelbare Nachbarschaft, zum Beispiel auf die vielen muslimischen Schüler_Innen im Viertel und besuchte beispielsweise einen Fußballclub, der 25 Nationen umfasst, sich aber auf Deutsch als Clubsprache verständigt hat. Auch das jüdische Leben in Fürth, gestern und heute, war  Thema und Ausflugsziel der Projektreihe. Ganz oben auf der Agenda findet sich natürlich die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Europäischen Institutionen, ihrer Geschichte und ihren Aufgaben, vornehmlich derer in Brüssel, das alljährlich ein Reiseziel der Politik-Oberstufenkurse ist.

2014 im Europäischen Parlament in Brüssel

Im Europäischen Parlament in Brüssel, 2014

Im Zentrum dieser Bildungsreisen stehen aber nicht so sehr Simulationsspiele zum Brüsseler EU-Betrieb, sondern unmittelbare Begegnungen mit Abgeordneten und Experten, mit denen die Schüler auf Augenhöhe diskutieren, zu einem thematisch festgelegten Schwerpunkt. Die gesammelten Eindrücke werden alsdann im Rahmen von Seminaren erweitert und vertieft. „Ich habe noch nie Schülerinnen und Schüler erlebt, die von einer solchen Fahrt nicht als Vollblut-Europäer zurückgekehrt wären„, so Jerzewski.

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch "Wie man Baske wird" im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Autor und Übersetzer Ibon Zubiaur, lange Leiter des Instituto Cervantes München, präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ im Frühjahr 2015 an der Europäischen Schule

Einen wichtigen Beitrag zu den „Europäischen Identitäten“ leisten Autoren, Künstler, Wissenschaftler sowie Politker_Innen, die auf Initiative von Dr. Jerzewski und seinen Kolleg_Innen die Schule besucht haben, unter ihnen veritable Paradiesvögel unserer multikulturellen europäischen Gesellschaft, wie der spanisch-baskische Ibon Zubiaur, vormals Leiter des Instituto Cervantes München, inzwischen erfolgreicher Autor und Übersetzer in Berlin. An der Europäischen Schule begegnete ich ihm erstmals, als er, der spanische Baske, ausgerechnet über die Situation von Literaten in der DDR referierte, festgemacht an den Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner. Besonders spannend an seinem Vortrag fand ich, dass er dabei die literarische Fruchtbarkeit betonte, die sich häufig gerade in Ländern entwickelt, in denen die freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei, ein Aspekt, der auch die Schüler_Innen veranlasste, den Gast mit Fragen zu bestürmen. Das selbe Phänomen wiederholte sich ein Jahr später, als Zubiaur an der Schule seinen ersten Erzähl-Essay „Wie man Baske wird„, vorstellte, auf den ich bereits in meinem Beitrag „Streifzug“ im vergangenen Jahr eingegangen bin. Dafür, dass Wissen mit Lässigkeit und Tiefe gleichermaßen angegangen werden kann, ist Zubiaur ein Haut-überzognenes Beispiel erster Güte und damit Garant für einige Kultur-Phobiker weniger in den nachwachsenden Generationen.

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Roland Jerzewski mit Schriftsteller Peter Schneider (re.) 2014

Auch Peter Schneidereiner der wichtigsten Vertreter der 68-er Literaten der Bundesrepublik und bis heute unverzichtbarer gesellschaftspolitischer Seismograph , war wiederholt Gast im Rahmen der Projektreihe. Ich erlebte ihn bei der Präsentation seiner Autobiografie „Die Lieben meiner Mutter“ als versierten Schriftsteller ebenso wie als Zeitzeugen, auf den auch das Fernsehen regelmäßig zurückgreift, wenn es gilt, Vorgänge aus der jüngeren Vergangenheit zu kommentieren.

Ganz nah an diese heran führte auch eine Veranstaltung mit Tilo Schabert, einem hochdekorierten Historiker, der als Erster Einblick in das Geheimarchiv des Elysée-Palastes zur deutschen Einheit erhielt und fesselnd über die Zweifel und Ängste zu berichten wusste, die Mitterand angesichts der bevorstehenden Wiedervereinigung befallen hatten und wie er sich von ihnen zu lösen verstand und sich dann zu einem überzeugten Befürworter eines starken Deutschlands in der Mitte Europas wandelte.

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage "Genosse Rock'n Roll" über und mit Musiker Peter Lang

Das Info zur Aufführung der jourfixe-Collage „Genosse Rock’n Roll“ im Rahmen von „Europäische Identitäten“

Einblicke in ein Künstlerschicksal im „real existierenden Sozialismus“ Ungarns in den 6oer Jahren vermittelte unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen mit „Genosse Rock’n Roll„, in der Musiker und Artist-Studio-Betreiber Peter Lang in Spracheinblendungen zu Bildcollagen seine Karriere Revue passieren lässt. Die begleitende Musik, gewissermaßen Soundtrack seiner Künstler-Vita, spielte er selbst live dazu ein. In einer Zigarettenpause der Aufführung sprach mich eine Schülerin an und berichtete, ihre Großmutter habe im Jugendpark in Budapest Peter Lang noch selbst auf der Bühne erlebt, was mir einen Eindruck davon vermittelte, wie bekannt Peter damals in Ungarn gewesen sein musste, als er mit seiner Band „Hungaria“ Erfolge feierte wie den Sieg in „Ungarn sucht den Superstar“, als Bohlen noch in denWindeln lag …

Die jourfixe-Collage "Chopin mit zwei Gitarren" 2010 an der ESM

Die jourfixe-Collage „Chopin mit zwei Gitarren“ 2010 an der ESM

Einen ungewollt lässigen künstlerischen Moment bescherte unser jourfixe-Team dem jugendlichen Publikum bei der Aufführung von „Chopin mit zwei Gitarren„. Gerade trug ich einen Zeitzeugenbericht über die letzten Momente in Chopins Leben vor, dramatische Spannung in der Stimme, ab und an ein Gitarrenakkord, als Jon Michael Winklers Handy im Furioso-Modus zu klingeln begann. Leider befand es sich in Jons Manteltasche hinter der Bühne; keine Chance, es auszuschalten. Während die Lehrer zu unserem Glück ganz automatisch davon ausgingen, dass sich das Corpus delicti unter den Schülern befinden müsse, hatten diese längst den Standort des Handys geortet und lachten sich krumm …

Ende letzten Jahres habe ich schließlich den Münchner Regisseur Rüdiger Nüchtern zu einer Filmmatinée an die ESM vermittelt, über die Dr. Jerzewski in Folge ausführlich selbst berichtete: „Im Rahmen des Identitätsprojekts wird die ESM immer stärker zur Filmakademie: Auftakt am Europatag 2012 mit Dominik Graf und seinem Klassiker „München – Geheimnisse einer Stadt“,

2015 – ebenfalls am Europatag – Uraufführung des an unserer Schule gedrehten FWU-Lehrfilms „Die Entstehung der Europäischen Union“  von und mit dem Dokumentarfilmer Johannes Rosenstein

und als Weihnachts-Premiere 2015 Rüdiger Nüchterns gerade als DVD neu aufgelegter Kultfilm „Nacht der Wölfe“, eine deutsch-türkische West-Side-Story der 80er Jahre.

Der Jugendbandenkrieg zwischen „Revengers“ (Rächern) und „Kenli Kartal“ (Weißer Adler), zwischen deutschen Rockern und türkischen Newcomern in München-Haidhausen kann kaum aktueller sein, thematisiert der Film doch mit der ebenso aggressiven wie sentimental-tragischen Konfrontation zweier rivalisierender Gruppen allegorisch ein Leitmotiv unseres Hier und Jetzt: Wandel durch Migration. Gestern waren es die anatolischen Gastarbeiter, heute sind es die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, also nach wie vor überwiegend Muslime.

Gaby dos Santos vor dem Filmplakat von Rüdiger Nüchterns "Nacht der Wölfe, ESM im Dezember 2015

Gaby dos Santos vor dem Plakat von Rüdiger Nüchterns „Nacht der Wölfe“, ESM im Dezember 2015

Die 200 ESM-Oberstufenschüler (der Film ist „besonders wertvoll“, aber erst ab 16!) müssen sich zunächst einmal auf eine Filmerzählung einlassen, die – obgleich rasant genug – analoges Kino bietet und nicht sekundensequenzgewohnte Sehnerven bedient. Aber die aufgebaute Spannung kommt durchaus rüber, wird verstanden und anschließend leidenschaftlich diskutiert, denn Regisseur und Hauptdarsteller stellen sich 35 Jahre nach den Dreharbeiten unseren Schülern zur Diskussion. Rüdiger Nüchtern erläutert sein damaliges Filmkonzept, bestätigt die Vermutung der Schüler, die Story sei keine platte Reality Show, sondern eine Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion, also „Dichtung und Wahrheit“. Aber nur so werde die Realität zur Kenntlichkeit entstellt, so oder ähnlich krass seien damals Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und „Zugereisten“ abgelaufen und die heutige Flüchtlingskrise lasse sich damit durchaus vergleichen. Seinerzeit haben wir Gastarbeiter gerufen und Menschen sind gekommen, jetzt kommen Menschen in Not, ohne dass wir sie ausdrücklich gerufen hätten.

35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms "Nacht der Wölfe" Podiumsdiskussion mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm sein damaliger Hauptdarsteller Ali Arkadas

Regisseur Rüdiger Nüchtern, 35 Jahre nach den Dreharbeiten seines Spielfilms „Nacht der Wölfe“, nach einer Vorführung der DVD-Neufassung mit Schüler_Innen der ESM. Neben ihm Hauptdarsteller Ali Arkadas

Interessanterweise konzentrieren sich die Schüler mit ihren Fragen aber auf Ali Arkadas, den türkischen Hauptdarsteller, der im Film tragisch ums Leben kommt, aber „in echt“ eine Ausbildung zum Lackierermeister absolviert und als er als Gastarbeiterkind keine Stelle findet, seinen eigenen Betrieb gründet, der bis heute funktioniert und floriert. Seine Antworten auf die Fragen nach der Botschaft des Korans und dem Bild der Frau sind ebenso einfach wie menschenfreundlich und führen gern bediente beidseitige Fremdheitsmuster ad absurdum. Dabei werden keineswegs alle Fragen geklärt oder Skepsis angesichts der neuen Herausforderungen unter den Teppich gekehrt. Aber: So neu und fremd wirkt das Thema „Migration und Flüchtlinge“ nach der Veranstaltung dann doch nicht mehr und das ist auch gut so, finden alle Beteiligten“.

Als ehemalige Europa-Schülerin und Kooperationspartnerin via jourfixe-muenchen bin ich – wie gesagt – des öfteren in den Genuss einer Veranstaltung aus der Reihe „Europäische Identitäten“ gekommen und so wurde ich während meines Gesprächs mit Roland Jerzewski ein wenig wehmütig, denn er, der Initiator und Leiter dieser Projektreihe tritt im Herbst in den Ruhestand.

Am 6.5. zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto: SPD-Bundesparteitag 2015, Foto: Olaf Kosinsky

Am 6.5.2016 zu Gast in der ESM: Gesine Schwan; Foto O. Kosinsky

Zuvor wartet er aber noch mit einem ganz besonderen Gast auf: Die SPD-Politikerin und Osteuropa-Expertin Gesine Schwan wird zu und mit den Schüler_Innen sprechen, ein weiterer Höhepunkt der „Europäischen Identitäten“, gerade jetzt, wo das Thema „Polen“ uns Generationen übergreifend beschäftigt.

Und danach? Hoffentlich übernimmt eine/r der Kolleg_Innen, die schon in den vergangenen Jahren dem Projekt ihre Unterstützung mit Rat und Tat haben zukommen lassen, das Ruder! Sicher stellt die Reihe nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar, was den aktuellen Diskurs zur Zukunft der EU anbelangt, aber, um im Bild zu bleiben, aus Tropfen bilden sich mitunter Ströme und gar Ozeane …

Roland_Jerzewski_2016_Portrait_-jourfixe-Blog

Dr. Roland Jerzewski, Projekt-Koordinator der ESM bis Herbst 2016

Jerzewski zieht ein skeptisches Fazit: „Wir wähnten uns schon auf den Weg in einen europäischen Bundesstaat, mit so vielfältigen Regionen wie Katalonien oder Schottland und sehen uns jetzt Sperrgittern gegenüber, vor allem seitens jener relativ neuen Mitgliedern der EU, von denen man sich positive neue Impulse erwartet hatte, als sie euphorisch unter das Schutzdach der europäischen Gemeinschaft gedrängt waren. Und nun führen sie unter anderem ins Feld, sie hätten selbst noch nie längerfristig ihre nationale Identität ausleben können. Das ist ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten geworden.“

Aber auch die Versäumnisse seitens der EU-Kernstaaten kamen bei unserer Unterhaltung zur Sprache: Jahrzehntelange Saturiertheit durch unsere Lebensverhältnisse hätten uns lethargisch und unempfindlich für die geschichtlich einmalige Leistung eines Vereinigten Europas werden lassen, so Jerzewski.

Hinzu kommen, denke ich, 70 Jahre Frieden in weiten Teilen Europas, die die Schrecken eines Krieges offensichtlich beunruhigend abstrakt haben werden lassen, trotz der Jugoslawien-Kriege und der Ukraine-Krise vor unserer europäischen Haustür …

In der Europäischen Schule München

In der Europäischen Schule München Quelle: ESM-Homeage

Die Jugend dürfe dem europäischen Gedanken nicht verloren gehen, warnt Jerzewski eindringlich am Ende unseres Interviews.

Wer die Jugend für sich gewinne, der gewinne auch die Zukunft und die dürfe nicht rückwärtsgewandten Populisten überlassen werden.


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten
Vita von Dr. Roland Jerzewski, Projektkoordinator an der ESM – Europäische Schule München


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

Standard
Wolfgang_Bosbach_Pressegespraech_Griechenland-Krise_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos
Allgemein

Euros nach Athen tragen ..? Wolfgang Bosbach im Pressegespräch zu Griechenland

Ziemlich zu Anfang des heutigen Pressegesprächs mit Wolfgang Bosbach gab PresseClub Vize Peter Schmalz das Wortspiel „Euros nach Athen tragen“ statt der berühmten „Eulen“ zum besten. Und ja, nach den Ausführungen von Wolfgang Bosbach wird uns das Griechenland-Debakel noch viele Euros kosten, egal ob nun ein Grexit folgt oder neue Verhandlungen zu weiteren Hilfspaketen für Griechenland führen werden.

Griechenland_Krise_Wolfgang Bosbach_Peter_Schmalz_PresseClub_Marienplatz_Muenchen_joufixeBlog_Gaby_dosSantos

Wolfgang Bosbach und PresseClub Vize Peter Schmalz vor dem Eingang des PresseClubs vis à vis vom Münchner Rathaus; Foto: Johann Schwepfinger

Was mich schon jetzt bedrückt, ist der offensichtliche Abgesang des Europäischen Gedanken, mit dem ich, als Tochter eines Wissenschaftlers bei EURATOM und Schülerin der Europäischen Schule Varese/Italien, aufgewachsen bin. Für mich beinhaltete der Europäische Gedanke stets auch und vor allem Europäische Solidarität, ein Miteinanander von der Schulbank an, die wir gemeinsam mit den MitschülerInnen der anderen EU-Staaten teilten. Ich wurde mit Kinder aus Nationen zusammen eingeschult, mit denen wir uns noch etwas über 20 Jahre zuvor im Kriegszustand befunden hatten. Nun aber teilte ich 12 Jahren lang meine Gedanken mit anderen in mehreren Sprachen gleichzeitig, jeweils die Formulierung in der Sprache benützend, die am besten traf, ob nun Italienisch oder Deutsch, Französisch oder später Englisch. Und selbstverständlich beinhaltet diese Erfahrung für mich bis heute auch das Gefühl einer EUROPÄISCHEN SOLIDARITÄT. Dem entspricht für mich auch nachstehendes Zitat von Konstantin Wecker.

11666167_917525221639880_644026043154026835_n

In den letzten Tagen habe ich mich mit Zahlen und Prozentsätzen pro und Kontra konfrontiert gesehen und weiß inzwischen gar nicht mehr, was oder wem man als Normalbürger überhaupt Glauben schenken soll. Da wird gegen das griechische „Basta“ gegenüber weiterer Sparmaßnahmen angeführt, andere Länder, wie Spanien wären solchen Reform-Diktaten ja schließlich auch nach gekommen. Und wo käme man dahin, jetzt den Griechen bessere Konditionen einzuräumen! „Ja, aber“, kontert gestern bei Günther Jauch die Wirtschaftsjournalistin der TAZ, „Spanien sei schließlich auch ein Haushaltsdefizit von 6 % zugestanden worden“.

unnamed (2)Dem wiederum widerspricht heute Bosbach. Portugal und Spanien hätten sehr wohl ihre Hausaufgaben gemacht. Und – sinngemäß: Wohin würde es führen, wenn neue Regierungen sich einfach nicht an gültige Verträge von Vorgänger-Regierungen halten würden? Zweifellos ein Punkt, der aber postwendend von anderer Seite wieder relativiert wird, zum Beispiel von Gregor Gysi in seiner jüngsten Bundestagsrede:

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/07/01/sehr-starke-rede-zur-griechen-tragoede-gysi-entzaubert-die-selbstgefaellige-kanzlerin/

Deutschland und Frankreich hätten seinerzeit auch folgenlos den Stabilitätspakt gebrochen, warum jetzt Griechenland mit anderen Maßstäben messen? Hier ließe sich einwenden, dass dies auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit ist. Griechenland will ja schließlich ein Haufen neues Geld. Aber halt, wurde uns nicht immer versichert, Deutschland z. B. hafte ja nur, zahle aber nicht tatsächlich  – oder zumindest jetzt nicht und wahrscheinlich nicht, ohne Hilfspaket aber bestimmt ..?

Alle bisherigen Hilfspakete seien nicht dem griechischen Volk sondern den griechischen Banken zugute gekommen und letztlich profitiere gerade Deutschland von der momentanen Situation in Griechenland, geben viele Stimmen zu bedenken. Andere Stimmen, so auch heute Wolfgang Bosbach, halten dagegen: Nur ein Drittel der Gelder sei in Wirklichkeit den Banken zugute gekommen.

Die griechische Regierung habe mit Abbruch der Verhandlung und das griechische Volk mit seinem gestrigen Votum selbst alle Brücken abgerissen, echot es von vielen Seiten der Politik, inklusive Vertretern meiner eigenen Partei, der SPD. Man sei den Griechen schließlich über alle Massen entgegengekommen.

„Stimmt nicht“, hält Monitor in einem Beitrag dagegen:

http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/irre-griechen-100.html

Auch Günther Jauch bezieht sich gestern Abend auf ein als „geheim“ eingestuftes Dokument, das belegt, welche Härten in Wirklichkeit von Griechenland gefordert worden waren. Als ich gestern davon Kenntnis erhielt – jeweils einem Passus wurde eine gegenteilige Äußerung von Kanzlerin und Co. gegenüber gestellt – war ich geschockt. Sollte diese Information zutreffen, dieses Papier existieren, wären wir Bürger wieder einmal gehörig desinformiert worden. Günther Jauch konfronierte den CDU-Gast gestern Abend damit, dieser wich aber aus, und Jauch versäumte leider, nachzuhaken. WARUM?

PresseClub_Muenchen_Wolfgang_Bosbach_Gaby_dos_Santos_Griechenland_Krise_jourfixe-Blog

Einen Tag nach dem Griechenland-Referendum „full house“ im PresseClub München; in Reihe 1 Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in Reihe 3, Mitte, pink gewandet, Gaby dos Santos; Foto: Johann Schwepfinger

Also habe ich heute Wolfgang Bosbach auf die Beiträge in Monitor und „Günther Jauch“ angesprochen.

Aktualisierung vom 7.7.15: [Inzwischen hat Intermedia (Ungarn Panorama) Bosbachs erste Antwort auf meine Frage ins Netz gestellt, unter dem Titel:

Wolfgang Bosbach erzählt lustige Geschichten im PresseClub München
Ausschnitt aus „Wolfgang Bosbach im PresseClub München!
http://youtu.be/8uDiLUwozJg

Es war eine charmante Ausführung, doch ich empfand meine Frage als nicht wirklich beantwortet und hakte nochmals nach]

Er versicherte mir nun, dass er von einem solchen Paper keinerlei Kenntnis habe. Ja, bitte, was soll ich denn nun glauben?

Jenseits aller Zahlen: Ist es nicht verständlich, wenn ein Volk, das über einen Zeitraum von fünf Jahren in die humanitäre Katastrophe gespart worden ist, irgendwann sagt: „Wir können und wollen nicht mehr?“  Die vehemente Reaktion von Sigmar Gabriel, als Vorsitzender der SOZIALDEMOKRATISCHEN!? Partei Deutschlands und auch die von Martin Schulz haben mich enttäuscht. Herrscht hier vielleicht Verärgerung darüber, was die sich so alles trauen, die Griechen, statt zu tun, was man ihnen sagt, für „ihr“ Geld? Von deren Regierung mag man halten, was man will, gewählt worden ist sie demokratisch und aus der selben Verzweiflung heraus, aus der in Spanien jetzt „Podemus“ im Aufwind ist.

Sicher, das Auftreten des griechischen Finanzministers & Co. war in den letzten Tagen und Wochen schlichtweg unverschämt und der Sache alles andere als förderlich. ABER: Berechtigt das uns, in solch herablassender Art und Weise Griechenland gegenüber zu treten, wie es immer wieder, nicht zuletzt auch heute punktuell im PresseClub der Fall war? Da verglich jemand die Griechen tatsächlich mit Kindern oder Schülern, denen man den richtigen Weg weisen müsse, weil sie ganz offensichtlich dazu selbst außerstande wären. Sicher ist in Griechenland viel schief gelaufen, das kam heute sehr deutlich seitens Bosbach nochmals zur Sprache. Aber – so schwer es fällt – deshalb kann man nicht einen Staat verbal – und am liebsten auch faktisch? – entmündigen, erst recht nicht als Bürger eines Staates, der wohl eher zu den Nutznießern der jetzigen Situation in Griechenland zählt.

Im übrigen hätte man vorher besser überlegen sollen, wen man sich ins EU-Boot holt und damit meine ich nicht nur Griechenland. Ökonomische Erwägungen, so mein Fazit, nicht zuletzt nach den heutigen Ausführungen von Bosbach, haben zu einem wenig wünschenswerten Aufblähen der EU geführt. Bis hin zu einer Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone, die ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Dieses Land war seinerzeit (noch) nicht Euro-fähig. Da hat wohl wer gierig gepokert … Denn ganz gleich, wie sehr die Griechen seinerzeit ihre Bilanzen auch geschönt haben mögen, was ich gar nicht in Abrede stelle, so hat man auf der anderen Seite auch recht willig weg gesehen, aus eben jenem ökonomischem Kalkül heraus, das sich jetzt als Bumerang-Effekt erweist.

Ist dieses Europa dann aber nicht eine Totgeburt? Macht Europa überhaupt noch Sinn? Das habe ich heute Wolfgang Bosbach ebenfalls gefragt. Er meinte, dass „Ja“,  sonst drohe den einzelnen Nationen angesichts von Märkten wie in China und USA eine fatale Marginalisierung.“ Da ist sie schon wieder, diese verdammt vernünftige Argumentation, der sich kaum widersprechen lässt, außer vielleicht mit der Erkenntnis, dass sich wohl kaum eine von Kalkül diktierte Einigkeit dauerhaft halten lässt, die nicht von einer entsprechend solidarischen Haltung mitgetragen wird. Von jedem einzelnen Bürger der EU. So betrachtet, droht Europa (vorerst) zu scheitern. Pelz waschen ohne sich nass zu machen funktioniert nun einmal nicht.

Gespannt bin ich nun auf die die zweite – ebenfalls öffentliche – Veranstaltung bei freiem Eintritt diese Woche, über die ich ebenfalls berichten werde. Die Gravelottestr. befindet sich zwischen Ostbahnhof und Pariser PlatzChristian_Ude_Griechenland_SPD-Haidhausen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

Standard
Gaby dos Santos Werner Bauer Foto
Allgemein

Bin dann mal weg … Vorschau

Endlich einmal kann ich verwirklichen, was die meisten von uns nur gedanklich durchzuspielen vergönnt ist: Eine Auszeit von 5 Wochen! Es geht in den Schwarzwald, in die Gegend in der ich meine allererste Lebenszeit verbrachte, bevor es die Familie nach Italien verschlug. Nun heißt es wirklich eine ganze Weile Abschied nehmen von festgefahrenen Gewohnheiten und vielleicht wird die eine oder andere davon danach keinen Bestand mehr haben? Oder bitter vermisst werden? Ein wenig mulmig ist mir schon zumute, angesichts einer so langen Internet- und TV-freien Zeitspanne. Zumal es sich bei meinen letzten Tapetenwechseln immer um Reisen mit beruflichem Hintergrund handelte, zu Recherche- und Interview-Zwecken oder Auftritten. Entsprechend gewichtig in jeder Hinsicht fühlt sich mein Gepäck an: Ein Stapel jener Bücher, die ich schon seit langem zu lesen plante, Sportausrüstung und Freizeit-Kleidung.

Mitte Oktober erwartet mich dann – hoffentlich entsprechend frisch geölt – mein innig geliebtes Hamsterrad wieder: Die Vorbereitungen zu einer Reprise meiner Collage

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Genosse_Rock_n_Roll_Collage.htm

Peter Lang Genosse RocknRoll

Peter Lang um 1967 in der Collage „Genosse Rock’n Roll“ (Bildmontage: G. dos Santos)

die auf den Lebenserinnerungen des Musikers Peter Lang im Ungarn der 60ies beruhen. Zu Peter Langs 70. Geburtstag Mitte November wird die Produktion in der Europäischen Schule in München einmal als Schülervorstellung und später am Abend nochmals öffentlich vorgestellt werden. Für mich als ehemalige Schülerin der Europäischen Schule in Varese (Italien) eine Art Heim(kehr)spiel.

Und apropos Geburtstage: Im kommenden Mai wird Toni Netzle 85! Anlass genug, nochmals die Produktion

Der "Alte Simpl" zu Toni Netzles Zeiten (1962 - 1992)

Der „Alte Simpl“ zu Toni Netzles Zeiten (1962 – 1992)

„Nicht immer Simpl … 3 Jahrzehnte deutscher Geschichte aus der Tresen–Perspektive von Wirtin Toni Netzle“ aufzuführen, die spannende O-Töne unterschiedlichster Zeitzeugen wie Amelie Fried, Barbara Diekmann, Horst Ehmke, Hans Beierlein, Ralf Siegel, Peter Gauweiler, Max Strauß etc. enthält sowie natürlich Tonis eigene, herrlich lakonische Reminiszenzen.

Toni Netzle Alter Simpl Dieter Haanitzsch Franz-Joseph Straus

Karrikatur von Dieter Hanitzsch aus dem Alten Simpl

Die Arbeit an dieser Produktion war für mich eine der schönsten, nicht auf Grund der Bandbreite und Prominenz der Beteiligten, sondern wegen der positiven Grundstimmung, die sie begleitete. Ich fühlte mich beinahe wie auf einem Klassentreffen, weil alle diese Leute so beseelt von ihren ganz persönlichen Erinnerungen an Toni und „ihr Wohnzimmer“. Mit Toni selbst werde ich noch zeitnah ein Geburtstagsinterview führen.

Ingeborg_Schober_Poptragoedien

„PopTragödien“ hieß Ingeborg Schobers letztes Buch …

Die Neuproduktion 2015 „Ingeborg Schober – eine Poptragödie“ ist der 2010, viel zu früh verstorbenen Journalistin und Autorin gewidmet. Die Livemusik nimmt dabei diesmal eine durch und durch bluesig-rockige Wendung, mit Claudia Cane, auch als „Janis Joplin Münchens“ bezeichnet, als Sängerin.

Angesichts dieser vielen schönen Herausforderungen werden Sie es mir sicher nachsehen, wenn ich jetzt erst einmal alles stehen und liegen lasse – und erst einmal weg bin ;-))

Das Titelfoto stammt von Werner Bauer. Ein Blick auf seine Künstler- und sonstige Foto-Highlights lohnt:

http://www.bauerwerner.com/index.html

Das heutige Beitragsbild entstand 2006. Ein paar Jahre her, aber ich bin recht zuversichtlich, dass mich die bevorstehende Auszeit Foto konform verjüngen wird ;-))


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

Standard