Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Standard

Vom Kreativ-Wirtschaften in der vogelfreien Künstlerszene – Zum Gespräch mit Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur – und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München

Jeder will ein großer Schauspieler sein, aber keiner ein kleiner Bühnenarbeiter,“ schreibt Ephraim Kishon in einer Episode aus seiner Satirensammlung „Kein Applaus für Podmanitzki„. Sie handelt vom „Tingel-Tangel“ Schauspieler Jarden Podmanitzki, „dem (sinngem.) berühmtesten Unbekannten“ seiner Zunft, dessen Narzißmus vor dem stoischen, da gewerkschaftlich abgesicherten Selbstverständnis des Kulissenschiebers Mundek kapitulieren muss. Podmanitzki ist so sehr auf sich und seine Kunst fokussiert, dass er die Umwelt und alle mit ihr verbundenen – profanen – Erfordernisse übersieht und den Intendanten vor ein fatales Ultimativ stellt: „Mundek oder ich!“ Podmanitzki ist überzeugt, dass sich der Chef den Verlust eines so großen Künstlers wie ihn nicht würde leisten können. Tatsächlich aber kann und will sich der Intendant keinen Ärger mit der Gewerkschaft der Bühnenarbeiter einhandeln. Am Ende zieht der „große Künstler“ gegenüber dem „kleinen“, aber besser organisierten Bühnenarbeiter den Kürzeren …

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Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft im Kreativquartier, Dachauer Str. 114, fotografiert nach unserem Gespräch am 25.2.16

Hätte Podmanitzki sich doch vom Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt München beraten lassen … 🙂

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.2016

Datenreport mal anders: Kreativwirtschaft-Muenchen umgesetzt von Wolfgang Irber, 28.01.16, Copyright LHM

„Hier finden professionelle Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende und Kreative bei der Stadt fachkundige Unterstützung und Beratung. Wir helfen mit Tipps zur Qualifizierung und zur Finanzierung Ihrer Vorhaben, Hinweisen zu Verwaltungsverfahren und Anlaufstellen bei Behörden und Verbänden, vorübergehenden Raumangeboten und bei der Vernetzung. (…)“ [Auszüge aus deren Homepage]

Hierbei handelt es sich um ein Beratungsangebot an die Kreativ-Szene, zu der auch wir Kunst- und Kulturschaffenden zählen. Kastanien aus dem Feuer können dort zwar keine geholt werden, es wird jedoch fachliche Hilfe zur Selbsthilfe geboten. Die anzunehmen lohnt in jedem Fall, da die Beratungen kostenlos erfolgen und das Kompetenzteam, auf die breit gefächerten Bedürfnisse der Klientel zugeschnitten, mit Fachkräften aus unterschiedlichen Segmenten der Kreativ-Branche besetzt ist, zu der die nachstehend aufgeführten Fachbereiche gezählt werden:

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Foto: Werner Bauer, aus der jourfixe-Produktion „Kein Applaus für Podmanitzki“ von Gaby dos Santos

Musik    ~  Presse    ~   Werbung    ~   Film    ~  Buchmarkt   ~  Bildende Kunst    ~   Design  Rundfunkwirtschaft  ~  Architektur   ~   Games und Software  ~  Darstellende Kunst

Jede/r kann einen Termin per Email: kreativ@muenchen.de anfragen, sollte aber bitte ein wenig Geduld aufbringen; die Wartezeit kann einige Wochen betragen.

Alle Beratungen des Kompetenzteams finden im Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114 statt, 2. Eingang links, 2. OG rechts, nur 3 Gehminuten entfernt von der Haltestelle „Leonrodplatz“, Tramlinien 20/21.

Die Beratung stützt sich auf fünf Kernpunkte zur Verbesserung der allgemeinen Arbeitssituation und zur Optimierung der jeweiligen Projekte:

  • Sichtbarkeit (z. B. durch gezieltere PR/Marketing-Strategien, Pop-up-Stores)
  • Unterstützung bei der Suche nach Räumlichkeiten (Probenräume, Ateliers)
  • Vermittlung von wirtschaftlichem Know How (z. B. zur Anlage von Business-Plänen und/oder Förderanträgen)
  • Vernetzung (z. B. die Branchen.meet.up’s, s. Absatz am Ende des BlogBeitrags)
  • Wertschätzung

Was die Wertschätzung anbelangt, so stellt sie meiner Meinung nach die größte Herausforderung dar:

Es herrscht zwar vage ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass: „Ohne Kunst keine Kultur keine Zivilisation!“ und einige wenige unserer Zunft überstrahlen unseren Künstler-Kosmos. Diese werden verehrt. Aber wie steht es mit dem Respekt gegenüber der breiten Mehrheit aller Kunst- und Kulturschaffenden, die zwar weitestgehend „No Names“ sind, zugleich aber die Basis dafür bilden, dass Kunst und Kultur überhaupt stattfinden können? Eine eher rhetorische Frage, zu der sich endlos Anekdoten der unschönen Art erzählen ließen!

Kreative, die sich weder einer festen Anstellung in städtischen oder staatlichen Kulturbetrieben, noch einer guten Auftragslage erfreuen, bewegen sich in einem Bereich, der euphemistisch als „Freie Szene“ bezeichnet wird und unter dem Begriff „La Bohème“ (s. Szenenfoto unten) verklärend durch die Kulturgeschichte geistert.

[Szene aus der

Szene aus der „La Bohème“ von Franco Zeffirelli, in der  Metropolitan Opera, N.Y.

„Frei“ an der Bohème-Szene ist jedoch vor allem der Umstand, dass man dort ohne Netz und doppelten Boden schöpferisch tätig ist. Nicht selten endet man dabei via freiem Fall in einem Prekariat, das ich gern als „Vogelfreie Szene“ bezeichne (in Anlehnung an den Bann in die Rechtslosigkeit früherer Zeiten). Schon Carl Spitzweg [s. Titelmotiv] setzte mit seinem Gemälde „Der Arme Poet“ diesem Zustand ein zeitloses Denkmal, dito Puccini mit seiner „La Bohème„-Oper. Dazu äußerte eine Kollegin jüngst auf Facebook: „Neulich in Pucchinis La Boheme: Heute auch wieder möglich, wenn man sich keine Krankenversicherung mehr leisten kann …

[Bild aus der jourfixe-Collage

Foto von Werner Bauer, jourfixe-Collage „Kein Applaus für Podmanitzki“ zur Hörprobe „Vogelfrei“

 Martin Wichmann (Foto), Kleindarsteller und Regisseur „vogelfreier“ Bühnenprojekte schildert in meiner Adaption von „Kein Applaus für Podmanitzki“ überspitzt, aber realitätsnah seine spartanischen Arbeitsverhältnisse. Keine Probengelder vorhanden? Nun gut, dann muss in der eigenen Küche der Ghettoblaster „zum Abhören all meiner Rollen“ her. Der lakonische Tonfall deutet an, dass sich da einer, exemplarisch für viele, mit seiner Vita als Haut überzogene Anekdote abgefunden hat, die einer Satirensammlung zum Künstlerleben entsprungen scheint. Ganz so, wie Kishons Podmanitzki eben.

Das ewige Problem von Sichtbarkeit und Selbstdarstellung … Foto: Werner Bauer  aus  „Kein Applaus für Podmanitzki“

Dass mag Heiterkeit erwecken, nicht aber Respekt. Gezwungen, mit beschränkten Mitteln zu arbeiten, wird einem zudem ganz schnell der Stempel mangelnder Professionalität aufgedrückt, ohne dass dabei der Ideenreichtum, das Talent und die Leidenschaftlichkeit dahinter bemerkt, geschweige denn gewürdigt würden.

Hier mangelt es schlichtweg an der vom Kompetenzteam eingeforderten „Sichtbarkeit„, ohne die kein Weg aus der künstlerischen Bredouille führt. Die wiederum setzt voraus, dass der schöpferische Wildwuchs in eine Struktur gebracht wird, sowohl im Sinne einer optimierten Selbstdarstellung, wie auch einer gewissen, auf Dauer unverzichtbaren Wirtschaftlichkeit.

Mehr Selbstbewusstsein seitens der Künstler und mehr Markt-Orientierung!

… forderte daher im August 2014 Frau Dr. Angelika Baumann, Abteilungsleiterin im Kulturreferat der Abt. 1: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Literatur, Musik, Stadtgeschichte und Wissenschaft in einem Interview für den jourfixe-Blog: Und lieferte zugleich die Überschrift mit:

„Ohne Künstler und Kunstschaffende wäre keine Stadt lebenswert“

Dem hat die Landeshauptstadt München inzwischen konkret Taten folgen lassen und mit dem Kreativquartier, in der Dachauer Straße 114, ein detailliert durchdachtes, großzügig und langfristig angelegtes Projekt angestoßen, das unsere Stadt in der internationalen Wahrnehmung ein Stück weit zurück in jene Blütezeit beamen könnte, als München noch Schwabing war.

Der Kulturausschuss beschloss einstimmig, im sogenannten „Kreativ-Park“ an der Dachauer Straße zwei große Industriehallen zu sanieren und der freien Szene zur Verfügung zu stellen. Zwei große Säle, Studios, Proben- und Arbeitsräume, Ateliers, eine Gaststätte und weitere Angebote sollen dort allen Sparten der Kunst eine Heimat geben. (Aus „Das Kreativquartier wächst„, 07.10.16, SZ.de).

Vermittlung von Know How an Münchner Kreative - Hier eine Veranstaltung des Kompetenzteams

Vermittlung von Know How an Kreative: Bei einer Veranstaltung des Kompetenzteams,  Copyright LHM, Fotograf Michael Schinharl

Die Überlegung, dieses Bauvorhaben durch eine Anlaufstelle für die kreative Ziel-Klientel zu ergänzen, besagtem Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft, ist bundesweit bislang einmalig und macht offensichtlich Schule. Der entsprechende Stadtratsbeschluss diene inzwischen sogar anderen Städten als Blaupause, erläuterte mir Jürgen Enninger im Interview.

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Die Idee, Kunst in einem lebendigen Umfeld anzusiedeln, wird meiner Ansicht nach schöpferische Impulse fördern. Zugleich wird das Kreativquartier, nach Fertigstellung, beträchtliche Kapazitäten bieten, diese Impulse dort auch zu verwirklichen! Bereits im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, an einer Führung von Marc Gegenfurtner, Nachfolger im Kulturreferat von Frau Dr. Baumann, teilzunehmen. Was er uns zeigte und erläuterte, hat mich zunächst in seinen Dimensionen schlichtweg geplättet. Erst jetzt, nach dem Gespräch mit Herrn Enninger, ist mir so richtig bewusst geworden, was und in welchen Größenordnungen in der Dachauer Straße gerade entsteht und welche Chancen das für viele von uns beinhalten kann.

Das Münchner Kreativquartier in der Dachauer Str. 114, Quelle: FB-Seite

Schon jetzt verströmt das Areal kreative Geschäftigkeit. Entsprechend gespannt bin ich auf die Zeit, wenn die fertigen Locations mit Inhalten gefüllt werden. Dazu sind dann die Kreativen selbst aufgerufen. Wenn auch nicht jede/r, so werden doch viele mehr als bisher, auf die eine oder andere Weise, eine schöpferische Heimat dort finden können. Auf dem Weg dahin führt gleich am zweiten Eingang links eine Treppe zu den Büros des Kompetenzteams für Kultur- und Kreativwirtschaft …


MO, 27.3., 17 Uhr, HochX, Entenbachstr. 73, 81541 München-Au

Branchentreffen Darstellende Kunst logo_lhm142_25-png


HochX Theater und Live Art, Foyer Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Jean-Marc Turmes / HochX, Foyer

Einladung an alle Aktiven in der Darstellenden Kunst

Am 27. März 2017 sind alle in der Darstellenden Kunst aktiven Freiberufler und Unternehmen eingeladen zum Branchentreffen in die Räume des HochX. Gastgeber ist das Münchner Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft in der Reihe kreativ@muenchen.

Mit Münchens darstellenden Künstlerinnen und Künstlern soll das Treffen die Rahmenbedingungen und Bedarfe der Branche im Großraum München ausloten und der Frage nachgehen: Wie kann ich von meiner Tätigkeit in diesem Bereich auch leben?
Eine Anmeldung zur Veranstaltung ist möglich bis zum 20. März unter kreativ@muenchen.de

Einlass ist um 16.30 Uhr, Programmbeginn 17.00 Uhr

Programmpunkte

Nach der Begrüßung durch Herrn Dr. Hans-Georg Küppers (Leiter des Kulturreferats der Landeshauptstadt München) und einem Impulsvortrag werden bei einer Podiumsdiskussion die aktuellen Herausforderungen und künftigen Perspektiven der Branche diskutiert. Anschließend können die Akteure der Branche in zwei Werkstattgesprächen ihre Bedarfe und Ideen formulieren. Abschließend laden wir ein zum Netzwerken am Buffet.

Gäste

Christina Baumer, Schauspielerin:
Christiane Brammer, Hofspielhaus München
Cornelia Melian, MicroOper München
Richard Oehmann, Josef Parzefall, Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater

Das Branchen.meet.up DARSTELLENDE KUNST ist Teil der Veranstaltungsserie kreativ@muenchen des Kompetenzteams, in die alle elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren spezifischen Bedürfnissen zu Wort kommen. Es findet in Kooperation mit dem HochX statt. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die im Herbst 2016 wieder eröffnet wurde.

Text-Quelle obiger Einladung ist muenchen.de

Das sichtbare Ergebniss eines Branchentreffen für die Münchner Musikschaffenden

Das sichtbar fruchtbare Ergebnis eines Branchentreffens für die Münchner Musikschaffenden der Veranstaltungsserie kreativ@muenchen, Copyright LHM

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