Die runden Ecken der Balalaika – 25 Jahre MIR – Zentrum für russische Kultur in München!

Blut und Klang im Doppelpack … Ausgerechnet die Tartaren sollen im 13. Jahrhundert die Domra als Musikinstrument nach Russland eingeführt haben. domra_jourfixe-blogDort avancierte sie schnell zum bevorzugten Instrument fahrender Spielleute, die ein ganze Land mit diesem der Laute verwandten Instrument verzauberten. Dermaßen verzauberten, das es das Volk an Sonntagen eher zum Open Air auf den Marktplatz zog, als in die Messe. Die Reihen der Gläubigen bei den sonntäglichen Gottesdiensten sollen sich unaufhaltsam gelichtet haben. Schließlich beschwerte sich die Kirche bei der Obrigkeit im Namen des Herren. Darauf erging ein Erlass, alle Domras zu konfiszieren und alle runden Saiteninstrumente künftig zu verbieten. Nur wollte das Volk sich diese Art von Klang-Genuss auf Dauer nicht verbieten lassen. Dies war die Geburtsstunde der – nicht länger runden – sondern nunmehr dreieckigen Balalaika.

Maria Belanovskaya, Domra-Spielerin aus St. Petersburg auf unserem Zimmer im Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Maria Belanovskaya übt auf ihrer Domra, Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Diese faszinierende Geschichte erzählte mir die Domra-Spielerin Maria (Mascha) Belanovskaya, meine Zimmergenossin beim russischen Festival in Coburg. Sie selbst gilt als eine der besten russischen Domra-Spielerinnen, wie mir MIR-Präsidentin Tatjana Lukina später verriet. Dass dieses Instrument inzwischen wieder Kernbestandteil der russischen Volksmusik ist, verdanken wir  Wassili Wassiljewitsch Andrejew, der  die Domra um 1896 auf der Basis von alten Zeichnungen und Instrumentenfragmenten rekonstruierte. Doch war dieses traditionelle Instrument für Mascha keineswegs erste Wahl. „Ich wollte Klavier spielen“, gestand sie mir. „Und ich war begabt!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. Doch die Mutter drängte sie, wohlmeinend, sich an der Domra ausbilden zu lassen. Damals bestand noch der Eiserne Vorhang und die Chancen auf internationale Tourneen, auch in den Westen, schienen mit diesem traditionellen russischen Instrument aussichtsreicher, als mit dem Klavier, das weltweit beherrscht wird. Die gleiche Mascha, die mir eben noch mit blitzenden Augen die Entstehungsgeschichte ihres Instruments geschildert hatte, wirkte plötzlich traurig, als sie fragte: „Aber heute? Wer braucht denn schon heute noch eine Domra-Spielerin?“

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

In Deutschland lebt die St. Petersburger Künstlerin erst seit Ende letzten Jahres, ist hier frisch verheiratet, spricht jedoch bereits hervorragend Deutsch. – Und erwies sich im Verlauf unseres langen Pyjama-Talks ganz unerwartet als Bindeglied zu einer entscheidenden Phase in meinem Leben: Mascha berichtete nämlich, dass ihr geschiedener Mann, der Balalaika-Spieler Alexander Kutschin, mit dem sie bis heute im Trio arbeitet, 1991 für kurze Zeit in einer russischen Datscha in München aufgetreten sei. „In der Paradiesstraße 8“, ergänzte sie, worauf es bei mir „klick“ machte. Zu jener Zeit hatte ich um die Ecke im Lehel gewohnt und mich in die Atmosphäre dieses Lokals verliebt, das in seiner Anfangszeit viele kleine und auch größere Besonderheiten „made in Russia“ auszeichnete: So fanden sich fast dreißig verschiedene Vodka-Sorten auf der Getränkekarte, und das geleerte Glas durfte man in eine eigens dazu eingerichtete Ecke schleudern, was sich nicht nur als idealer Blitzableiter bei aggressiven Befindlichkeiten erwies, sondern auch zu so manchen Exzessen verführte. Die schummrige Atmosphäre des Lokals und die sentimentale Stimmung, in die mich russische Klänge seit jeher versetzen, sollte für mich zur Kulisse einer Reihe von Begegnungen und Erlebnissen werden, die die Weichen für meinen weiteren Werdegang stellten … Rückblickend bezeichne ich diese Zeit als meine „russische Phase“ , begleitet natürlich vom entsprechenden Soundtrack an russischer Livemusik.

Natalia Lupina in "Herr Ober bitte!"

Natalia Lupina in
„Herr Ober bitte!“

Deren nostalgischer Schmelz wurde in dieser Datscha anfangs von der rauchigen Stimme der Sängerin und Schauspielerin Natalia Lapina dargeboten, einem ebenso liebenswürdigen wie verführerisch-kapriziösem Geschöpf … Wenn sie bei uns im Lehel unterwegs war, stach sie mit ihrem Aussehen sofort ins Auge. Blond, kurvig, in einem ganz eigenwilligen Stil gekleidet … Damals lag bereits eine heftige Affäre mit einem internationalen Tennisstar (nein, nicht Boris) hinter ihr, sie hatte die Rolle der Geliebten in Gerhard Polts „Herr Ober, bitte!“ ergattert, verdrehte jedem den Kopf und zeigte sich zugleich von ihrer warmherzigsten Seite, als ich mich einmal um Rat an sie wandte. Schon bald versuchte jedoch der Besitzer des Lokals das Trio zu übervorteilen; das Arbeitsverhältnis endete vor Gericht und ich verlor die drei aus den Augen. Mascha berichtete mir nun in Coburg, dass Natalia inzwischen in den USA lebe, sich aber die Erwartungen an das Leben für sie wohl nicht erfüllt hätten.

Natalia Lapina stellt für mich, mit den vielen verschiedenen,  oft  kontrastierenden doch stets schillernden Facetten ihrer Persönlichkeit eine Russin par exellence dar.

Die Statue des Dichters Fjodor Tjutschew im Münchner Dichtergarten schmückt das Herbstprogramm von MIR

Die Statue von Fjodor Tjutschew (Münchner Dichtergarten) auf dem MIR Herbstprogramm

Auf das ganze Land übertragen, formuliert es der große russische Dichter Fjodor Tjutschew so:

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen, Gewöhnlich Maß misst es nicht aus: 

Man muss ihm sein Besond’res lassen – Das heißt, dass man an Russland glaubt.

Diese so anrührend treffende Beschreibung wählte die Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina zum Motto jenes Vereins, den sie im selben Jahr meiner Datscha-Abenteuer ins Leben rief: MIR (Russisch für „Frieden“) – Verein für kulturelle Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, gegründet 1991.

Tatjana Lukina Präsidentin MIR

Tatjana Lukina
Präsidentin MIR

Nur wer selbst mit Kulturarbeit in Berührung gekommen ist, kann ermessen, was es heißt, eine kulturelle Institution über einen so langen Zeitraum mit immer neuen Inhalten zu füllen und am Leben zu halten. Verdientermaßen erhielt sie dafür

  • 2006 die Puschkin-Medaille für Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung sowie der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker.
  • 2011 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Und Tatjana Lukinas Arbeit scheint mir nie wichtiger gewesen zu sein, als heute, denn sie vermag kulturell Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland leider wieder auf eine neue Eiszeit zuzusteuern scheint. Als gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1958, stimmt mich das besonders traurig, noch zu präsent ist mir das Schreckensszenario meiner Kindheit, das da lautete: „wenn der Russe kommt …“.

Die Gründung von MIR fiel mit dem Fall der Sowjetunion zusammen, auf die eine kurze Phase politischen Tauwetters folgte. Der bedrohliche Russe meiner Kindheit schien endgültig Makulatur. Um die Jahrtausendwende setzte sogar ein kurzer Putin-Hype in Deutschland ein, schließlich wirkte er drahtig, beherrschte eine asiatische Kampfsportart und sprach sogar fließend Deutsch … Nun fällt Volkes Meinung ja gerne von einem Extrem ins andere und so ist zwischenzeitlich wieder viel Porzellan zertrümmert worden, international, quer durch alle politischen Lager und insbesondere seinerzeit seitens der Bush-Administration. Inzwischen genügt es hierzulande, lediglich für eine ausgewogenere Berichterstattung in puncto Russland/Putin zu plädieren, um einen halben Shit Storm im Netz auszulösen. Um so härter muss es für Tatjana Lukina sein, in solcherart Stimmungslage unbeirrt russische Kultur auf hohem Niveau zu präsentieren …

Tatjana Lukina bei einer Anmoderation im "Riesensaal" von Schloß Ehremburg im Rahmen des Festival russischer Kultur am 3./4.9.2016, Coburg

Tatjana Lukina, Gründerin und Präsdidentin von MIR, bei einer Anmoderation im „Riesensaal“ von Schloß Ehrenburg, im Rahmen des Festivals russischer Kultur am 3./4.9.2016 in Coburg

Leider fühlen sich viele Menschen im Moment, so scheint es mir, auf Grund ihrer Ablehnung gegenüber der Politik Putins auch zu einer Ablehnung Russlands insgesamt genötigt.  Dabei wird leicht übersehen, dass ganz Europa historisch verwoben ist, so auch, beispielsweise, die russische Geschichte mit der bayerischen. So hat MIR im Jahr seines 25. Jubiläums konsequenterweise eine kulturhistorische Spurensuche ausgerufen:

Schirmherr des Festivals: Der Coburger Oberbürgermeister Norbert Tessner (SPD)

Schirmherr des Festivals: Der Coburger OB Norbert Tessner (SPD)

Bereits Anfang September lud MIR zu einem Kulturwochenende nach Coburg. Anlass war der 140. Geburtstag von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876 – 1936), der späteren Großfürstin Victoria Fjodorowna von Rußland. Diese Dame blickt auf eine  Vita zurück, die bezüglich ihrer Dramatik Caroline von Monaco und den gesamten Grimaldi-Clan – damals wie heute – blass aussehen lässt. Victoria, eine der zahllosen Enkel_Innen von Europas Queen Victoria, verlor schon früh ihr Herz an den russischen Großfürsten Kyril Romanov, ein Cousin. Auf Grund dieser familiären Verhältnisse verbot sich laut dem orthodoxen Glaubenskodex eine Ehe. Stattdessen heiratete sie in das Haus Hessen ein. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor. Diese Ehe jedoch nicht glücklich.

Victoria Melita mit ihrem ersten Mann, Großherzog Ludwig von Hessen

Victoria Melita mit ihrem 1. Mann Großherzog Ludwig von Hessen

Als Victoria ihren Mann schließlich in Flagranti mit einem Kammerdiener ertappte, trennte sie sich von ihm, ein für damalige Zeiten unerhörter Schritt. Dennoch blieb ihr zunächst eine Scheidung verwehrt, maßgeblich seitens ihrer mächtigen englischen Großmutter, der eine Scheidung in der Familie als „no go“ galt. Erst nach deren Ableben erfüllte sich für Viktoria ihr Herzenswunsch und sie wurde Kyrils Frau Vicoria Fjodorowna, Großfürstin von Russland und später Zarin im Exil. „Prinzessin Ducky, eine Europäerin mit drei Schicksalen“ lautete der Titel der ihr gewidmeten literarisch-musikalischen Lesung, der der Oberbürgermeister, Norbert Tessner (SPD), beiwohnte, der auch die Schirmherrschaft des Festivals, das bereits zum dritten Mal in in Coburg stattfand, übernommen hatte.

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für ihren Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für den Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Um Schicksalsschläge und die Dramatik großer Gefühle ging es auch in den weiteren Programmpunkten. Einer davon war die weltberühmte Liaison des jungen Rainer Maria Rilke mit der älteren Russin Lou Andreas Salome, die in einer Collage aus historischen Dokumenten und Briefen von Schauspielerin Karin Wirz und ihrem Partner intensiv nachempfunden wurde. Für mich noch spannender, weil mir das Thema dank der Biografie von Gunna Wendt: Lou Andreas Salome und Rilke, „Eine amour fou“ bereits vertraut war. »War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist« schrieb diese starke Frauenpersönlichkeit an ihren Geliebten. Als aus ähnlich hartem Holz geschnitzt erwies sich auch die St. Petersburger Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitskaja. Ihretwegen drehte sich Walzerkönig Johann Strauß Sohn, normalerweise ein notorischer Frauenheld, regelrecht im Karree  und schrieb ihr 100 Liebesbriefe.

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Dieser weiteren Romanze hauchten Anna Sutyagina und Artur Galiandin an diesem Abend Leben ein.

Der bedingungslosen Hingabe, mit der Ehefrauen ihren Männern zu Weltruhm verhalfen und dabei selbst weitgehend im Schatten blieben, widmete sich die Lesung aus dem Buch „Am Anfang war die Frau“ von Tatjana Kuschtewskaja, wobei mich während der Lesung die Frage beschäftigte, inwieweit diese Bedingungslosigkeit der Tatsache geschuldet war, dass sich Frauen damals nur über ihren Ehegatten definieren konnten und ihnen daher gar keine andere Wahl geblieben war.

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Nicht zufällig trugen Frauen früher die Titel des Gatten mit im Namen.  In ihrer Reihe biografischer Miniaturen kommt Tatjana Kuschtewskaja auch auf die unglückliche Liebe von Antonina Iwanowna Miljukowa zu sprechen, die eine aussichtslose Leidenschaft zu dem großen Pyotr Iljitsch Tschaikowski hegte. Zwar mündete ihre Liebe 1877 in eine Ehe, doch war auf Betreiben des Komponisten von Anfang an vereinbart, dass beide lediglich „in geschwisterlicher Verbundenheit“ zusammenleben würden. Dennoch verließ Tschaikowski bereits nach drei Monaten das eheliche Heim. Tschaikowski, dem sich auch die abschließende Soirée „Tschaikowski und der Kini“ widmete, war aller Wahrscheinlichkeit nach schwul und daher zu einem Doppelleben gezwungen, das sein nach außen hin so erfolgreiches Leben dramatisch überschattete, bis zu seinem unerwarteten und Geheimnis umwitterten Tod. Hierzu fasst Wikipedia zusammen:

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowski starb überraschend im Herbst 1893, im Alter von 53 Jahren in St. Petersburg. Wenige Tage zuvor hatte er noch seine Pathétique dirigiert. Die Todesursache konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. (…) Die eine besagt, er habe sich mit der damals in St. Petersburg grassierenden Cholera, infinziert, als er ein Glas unabgekochten Wassers (…) trank.  (…)  Nach der anderen These hat sich Tschaikowski mit Arsen vergiftet (…) Angeblich war er von einem „Ehrengericht“, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, an der er selbst studiert hatte, mit dem Hinweis auf seine Homosexualität aufgefordert worden, sich das Leben zu nehmen. 

Auf beide Thesen ging Artur Galiandin in der Soiree ein; eine von vielen historischen Randnotizen, die mir während des Kultur-Wochenendes in Coburg begegneten und sehr berührten, sind es doch solche Details, die Geschichte wieder nachvollziehbar in Form lebendiger Geschichten machen. Nicht mehr und nicht weniger strebt auch unser Team bei der Produktion von jourfixe-Collagen an, mit einem Konzept, das dem von MIR-Präsidentin Tatjana Lukina sehr nah kommt. Sie wolle Wissen vermitteln, dies aber auf eine unterhaltsame Art und vor allem dabei im Publikum auch Emotionen wecken, erklärte sie mir. Gerade letzteres Anliegen teile ich und finde es bei MIR-Veranstaltungen immer wieder wunderbar umgesetzt, nicht zuletzt auf Grund der Musik-Beiträge, die fester Bestandteil von Lukinas Programmen sind, zu denen sie auch stets selbst das Skript formuliert; ein zusätzlicher kreativer Kraftakt, den Lukina auch dank eines festen Ensembles aus versierten Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig stemmt. Dank dieser festen Konstante wirkte die breit aufgestellte Themenpalette des Festivals wohltuend „wie aus einem Guss“ und sorgte auch jenseits der Veranstaltungen für eine familiäre Bindung zwischen dem künstlerischen Ensemble und dem mitgereisten Teil des Publikums, weitgehend MIR-Stammpublikum, wie mir schien. Grundsätzlich erlebe ich das Umfeld von MIR wie eine große Familie, die sich in regelmäßigen Abständen, vor und auf der Bühne, der russischen Kunst und Kultur widmet.

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen:

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen: v. li.: Anna Sutyagina, Frits Kamp, Maria Belanovskaya, Vladimir Panteleev, Ekaterina Medvedeva, Arthur Medvedev, Alexej Kudryashov, Michael Tschernov und Cornelia Pollak

Flair „für mau“ bot der Veranstaltungsort selbst, das prächtige Schloss Ehrenburg in der Coburger Altstadt. Oft verströmt das Interieur von Schlössern tote Pracht. Nicht so die Räumlichkeiten dieses Schlosses, in dem ich mir am Sonntag Vormittag in der Künstlergarderobe einen improvisierten Arbeitsplatz geschaffen hatte.

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art ...

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art …

Vom Aufenthaltsraum aus, in dem barockes Weiß, Silbergrau und Gold dominierten, führten verschachtelte Gänge in immer neue Räume, ausgekleidet in farblich wechselnden Seiden-Tapeten, ausgestattet mit großformatigen Portraitbildern in Öl, die von anderen Zeiten erzählten, deren Sitten und Moden.

Schauspielerin Cornelia Pollak vor illustrer Kulisse

Schauspielerin Cornelia Pollak

Die Werke, unter denen Bassbariton Frits Kamp auch einen Rembrandt vermutete, wie mir meine improvisierte Schlossführerin, Schauspielerin Cornelia Pollak berichtete, zeigten hochwohlgeborene Familien, die einst hier wohnten, lebten und natürlich auch ausgiebig – sonst wären einige von ihnen nicht Protagonist_Innen eines russischen Festivals – liebten …

Schloss Ehrenburg

Schloss Ehrenburg

Später setzte ich meinen Rundgang alleine fort, wann hat man schon ein ganzes Schloss für sich, von dem Gefühl begleitet, die früheren Bewohner_Innen seien nur eben einmal ausgeritten und bald wieder zurück.

Auch als Kulisse für die Vorstellungen erwies sich der Ort als kongenial, besonders bei Auftritten von  Sopranistin Tatjana Furtas, deren Roben sich optisch perfekt in das Gesamtbild einfügten.

Arthur Medvedev, Tatjana Furtas, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva

Arthur Medvedev, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva Tatjana Furtas

Lichtregie führten die Tages- und Abendzeiten, die den Festsaal in wechselnde aber stets intensive Stimmungen tauchten. Neben den Darbietungen selbst faszinierte mich auch die Atmosphäre Backstage, zwischen den Veranstaltungen. Meine Eindrücke habe ich vor Ort festgehalten: Glockenhelle Sopranstimmen, vereinzelte Klavier-Klänge aus dem Festsaal, von anderswo her vernehme ich Fragmente russischer Volksmusik, russische Sprachfetzen mischen sich unter deutsche Konversation, hier geht jemand noch seinen Text durch, dort wird gebügelt, die typische Backstage-Szenerie in Barock-Version, heimelig in das schummerige Licht eines verregneten Mittags getaucht. Das ist meine – Künstler – Welt, hier fühle ich mich ganz bei mir …

Das "Stille Örtchen" anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett ...

Das „Stille Örtchen“ anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett …

Entsprechend melancholisch war mir während der Heimfahrt zumute, zumal die beständige Abfolge von Programmen während der beiden Festival-Tage eine Art poetischen Sog entwickelt hatten, den ich nun jäh vermisste. Nach zwei hauptsächlich in den Gemächern eines Schlosses, mit Geschichten aus vergangenen Zeiten und klassischer Musik verbrachten Tagen, kam ich mir vor, als würde ich nach einer durchzechten Nacht in das grelle Licht der Realität zurück kehren. Gnädigerweise zeigte sich der Himmel allerdings wolkenverhangen und der Vorplatz des Schlosses hatte sich in eine Budenlandschaft mit kulinarischen Angeboten von A bis Z verwandelt, was mir den Weg zurück in die Sachlichkeit des Alltags erleichterte. Während der Bus sich ein letztes Mal einen Weg durch die Altstadtgassen bahnt, fühle ich mich, abgesehen von einer leisen Melancholie, glücklich und erfüllt.

Das Coburger Festival endete mit einem berühmten Zitat von Tschaikowski:

Musik beginnt dort, wo Worte enden …

Ein Seele und Geist bereicherndes Wechselspiel, das an diesem September-Wochenende, 24./25.9.2016, im Münchner Kulturzentrum Gasteig fortgesetzt wird:

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Wieder hat Tatjana Lukina mit ihrem Ensemble und einigen Gästen aus Kunst und Kultur ein opulentes Programm für zwei Festival-Tage vorbereitet, zur Feier des 25. Jubiläums bei freiem Eintritt! Auch hinsichtlich dieses Programmes bleibt MIR sich treu; erzählt in der Veranstaltung: „Ein Schwiegersohn für den Zaren“ von der Romanze von Maximilian Herzog von Leuchtenberg (1817-1852) – Sohn von Napoleons Stiefsohn, Eugène de Beauharnais und Enkel des ersten bayerischen Königs Maximilian I. – und der Tochter des Zaren Nikolaus I., Großfürstin Maria Romanowa (1819-1876). Mit ihrer Heirat 1839 gründeten sie die einzige bayerisch-russische Dynastie (…)

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Ebenfalls in München unterschrieb ein Russe zum ersten Mal mit einem Pseudonym: Lenin! Über seinen zweijährigen Aufenthalt in unserer Stadt berichtet die Lesung: „Wladimir Uljanows (Lenin) Exil in München“. Weitere Veranstaltungen sind so unterschiedlichen russischen Persönlichkeiten gewidmet, wie Väterchen Timofej, bekannt, bis zu seinem Tod 2004, als DER Eremit von München oder Alexander Schmorell (seit 2012 Hl. Alexander von München). Über sein Leben und Sterben berichtet  der Dokumentarfilm  „Widerstand der Weißen Rose„. An der Diskussion nach dem Film nimmt u. a. der Biograf von Schmorell, Dr. Igor Chramow (Orenburg) teil. Regie: Sergej Lintsow und Roman Saulskij, Direktor Alexej Egorytschew (Filmgesellschaft „Sozwezdije Kino“, Produzent Wadim Aslanjan, 2015).

Samstag, 24.9. 16.00 Uhr Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

MIR präsentiert: SA, 24.9. 16 Uhr, Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig
Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

Selbstverständlich stehen auch Portaits russischer Frauen wieder im Mittelpunkt: Besonders schöne, wie UFA-Star Olga Tschechowa, besonders Geheimnis umwitterte, wie Anna Anderson-Manahan, die als angebliche Zarentochter Anastasja weltweit für Aufsehen sorgte oder besonders begabte, wie Malerin Marianne von Werefkin in dem Dokumentarfilm „Ich lebe nur durch das Auge“ von Stella Tinbergen, mit Lena Stolze in der Hauptrolle … Alle Programmpunkte finden sich im virtuellen MIR-Flyer

Russische Spuren in Bayern

Am Ende meiner Ausführungen zu 25 Jahren MIR und den damit verbundenen aktuellen Festivitäten, gestatte ich mir aus dem Grußwort des damaligen Generalkonsuls der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, zu zitieren, geschrieben 2010, für die Festschrift zum 20jährigen MIR-Bestehen:

Mich als Generalkonsul der Ukraine in München freut es sehr anzumerken, dass viele kulturelle Veranstaltungen und Gedenkabende der Ukraine gewidmet waren. (…) Viele haben noch in Erinnerung: Gogol-Tage in München, die unter der Schirmherrschaft der ukrainischen und russischen Generalkonsule durchgeführt wurden und dem 200 Geburtstag des Schriftstellers gewidmet waren. Mein besonderer Dank gilt für die Aufführungen der ukrainischen Theater(Stücke), die dank Ihren Bemühungen auf den angesehenen Theaterbühnen Münchens vorgestellt werden konnten. Heute setzen Sie Ihre mühsame Arbeit zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen fort. Die neuen Ideen, Veranstaltungen und Publikationen gewährleisten eine lebendige Verbindung zwischen den Ländern, Zeiten und Kulturen.

Hier findet sich auf den Punkt gebracht, was Kultur leisten kann und das Team von MIR, allen voran Tatjana Lukina, über ein Vierteljahrhundert geleistet hat und hoffentlich noch lange leisten wird,  wenn es sich mit Veranstaltungsreihen und Publikationen wie „Russische Spuren in Bayern“ und „Das russische München“ (beide von MIR), auf die Spuren dessen begibt, was uns verbindet und uns hier in München am vielfältigen Erbe der Kulturnation Russland teilhaben lässt.

Samstag, 24.09.
Sonntag, 25.09.
„Das russische Bayern“


Festival des russischen Kulturzentrums MIR
aus Anlass des 25. Jubiläums

Vortragssaal der Bibliothek/Gasteig

Details s. auch     jourfixe–News

Programm

Eintritt frei!

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Das russische München“
ISBN: 978-3-98-05300-9-5

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 22,-

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Russische Spuren in Bayern“
ISBN: 3-9805300-2-7

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 20,-

Fotos: Raissa Konovalova, Elena Weich/MIR und Gaby dos Santos

Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

Standard

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998)

Ein Zeitzeugengespräch mit dem Komponisten Vladimir Genin, geführt und niedergeschrieben sowie durch Hörbeispiele ergänzt von Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen Redaktion und Text-Gestaltung: Gaby dos Santos

Tatjana_Lukina_MIR_Leiterin_mit_Arthur_Galiandin

Anmoderation der Swiridow-Gala: Tatjana Lukina, Arthur_Galiandin

„Georgi Swiridow? Nie gehört ..!“ Mit dieser Wissenslücke steht man hier in Deutschland alles andere als alleine da. Auch mir ging es kürzlich so! Auf Einladung von Tatjana Lukina, Gründerin und Präsidentin des russischen Kulturzentrums in München MIR, saß ich mit meiner Kollegin und Freundin Gaby dos Santos im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Gebannt lauschten wir den Werken, die auf der Gala zu Ehren des 100. Geburtstags von Swiridow geboten wurden, ein Künstler, der mir bis dato vollkommen unbekannt gewesen war.

Die Ränge und Reihen waren zum großen Teil von Russisch sprechenden ZuhörerInnen besetzt, was die außerordentliche Popularität des Komponisten in seiner Heimat unterstrich.

Die Büste Swiridows vor seinem Grab auf dem Nowodewitschi Friedhof

Die Büste Swiridows vor seinem Grab

Dort gilt er als ein ganz Großer; anlässlich seines Todes bezeichnete Russlands damaliger Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin ihn als „wahren russischen Musiker“  …  Und die zu Gehör gebrachten Werke schlossen in der Tat bei mir eine Bildungslücke: Ich erlebte Swiridow als einen großartigen Komponisten, der auch hierzulande einen größeren Bekanntheitsgrad verdient hätte! Auffällig war dabei seine stilistische Bandbreite:

Shostakovich-Briefmarke, Russland 2000

Shostakovich-Briefmarke Russland 2000

Der Einfluss seines wenige Jahre älteren Lehrers Dimitri Schostakowitsch (z.B. 1940 in seiner Kammersymphonie ), von dem sich Swiridow aber bald löste, um sich der Quelle der russischen Musik zuzuwenden, dem Volkslied sowie – in seiner letzten Schaffensperiode – der geistlichen Chormusik der russisch-orthodoxen Tradition. Dieser Zuwendung verdankt seine Musik die eingängige Melodik, die ihm von der „modernistischen“ Seite als „Anpassung“ zum Vorwurf gemacht wurde. Seine russischen Hörer aber haben es ihm gedankt und seine Musik begleitete sie mitunter bis in den Alltag hinein: Sobald sie die Nachrichten einschalteten, erklangen zur Einleitung – und passend zur sowjetischen Selbstdarstellung der Epoche – die packend-treibenden Klänge seiner Ouvertüre „Zeit, vorwärts!“, die auch zur Namensgeberin dieses abwechslungsreichen und liebevoll gestalteten Gala-Konzerts wurde.

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete Eigenkomposition, begleitet von hilipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete eigene Komposition, begleitet von Philipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Einen besonderen Höhepunkt stellte für uns dabei ein Wortbeitrag dar. Mit federndem Schritt hatte der auf Anhieb sympathisch und agil wirkende Komponist Vladimir Genin die Bühne betreten und trug mit wachen, lachenden Augen, die durch seine Brille hervorblitzten, Ausschnitte aus zwei Briefen vor, die Georgi Swiridow an ihn geschrieben hatte. Gaby und ich waren sofort elektrisiert und tief berührt von deren Inhalt. Wir wollten mehr erfahren und entschlossen uns spontan, Genin zu einem Gespräch ins Artist Studio München, unserem Lieblingsort für solche Begegnungen, einzuladen.

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio, Dez. 2015

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio München, Dezember 2015

Jon Michael Winkler (JMW):  Ich muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt der Gala nicht einmal Swiridows Namen kannte, obwohl ich von jeher die Musik russischer Komponisten liebe. Und mit dieser Unkenntnis stehe ich hierzulande sicher nicht alleine da. In russischen Kreisen hingegen genießt er offensichtlich eine sehr hohe Wertschätzung, ja immense Beliebtheit. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen West und Ost?

Vladimir Genin (VG): Wissen Sie, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wehte der Wind immer von Westen nach Osten. So haben wir in Russland immer die Bücher gelesen und die Filme angeschaut, die im Westen berühmt wurden. Umgekehrt aber gelangte wenig von der russischen Kultur in den Westen. Viele der dort entstanden großen Werke wurden im Westen kaum wahrgenommen und nicht richtig eingeschätzt. Daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Der wichtigere Grund im Fall Georgi Swiridows dürfte allerdings sein, dass er als zu „offiziös“ abgestempelt wurde und dass er zudem für einen modernen Komponisten als „zu traditionell“ galt. Beim Volk beliebt und zugleich Tonschöpfer ernster zeitgenössischer Musik zu sein, ist – oder scheint zumindest – unvereinbar.

Jon_Michael_Winkler_musikal_Ltg_Kulturplattform_jourfixe-muenchen_Swiridow_Artist_Studio_Dezember_2015_jourfixe-Blog_Portrait3JMW: Das gilt auch für Komponisten in Deutschland. Die Kriterien für „ernste Musik“ des Wertungsausschusses bei der GEMA lauten, vereinfacht gesagt: Ein im heutigen Sinn „ernstes“ Werk darf keine sangbare Melodik aufweisen, keinen durchgehenden Rhythmus und keine harmonischen Zusammenklänge. Außerdem muss die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Aufführung nach der Uraufführung äußerst gering ausfallen, eine Wahrscheinlichkeit, die nach den ersten drei Kriterien natürlich sehr hoch ist…

VG: (lacht): Ja, das trifft zu! Selbst Carl Orffs „Carmina Burana“ fällt unter die Rubrik „Unterhaltungsmusik“, wenn sie z.B. bei den beliebten Konzerten am Odeonsplatz gespielt wird…

JMW: Und Mozart könnte seine Werke heute nicht mehr als E-Musik anmelden… Aber Spaß beiseite!…

Hat die Diskrepanz hinsichtlich des Bekanntheitsgrades Swiridows in Russland und hierzulande möglicherweise auch politische Hintergründe? Im Klima des „Kalten Krieges“ wurde hier ja misstrauisch beäugt, wer nicht als Dissident oder „Opfer des Systems“ galt, sondern erfolgreich seiner Berufung nachging und darüber hinaus offizielle Ämter bekleidete, wie Swiridow – Als Vorstandsmitglied des Komponistenverbandes der UdSSR und Erster Sekretär der Komponistenunion der Russischen Föderation – konnte er im Westen leicht für einen linientreuen Genossen oder zumindest opportunistischen Mitläufer gehalten werden.

VG: Das ist bei Swiridow allerdings ein komplexes Thema. Er war sicher kein Mitläufer der Partei, ja nicht einmal Parteimitglied, aber er bekleidete von ihr verliehene, hohe Ämter, wie die von Ihnen genannten. Und sicher trat er für ein starkes Russland ein, wie auch sein Umgang mit patriotischen, als „dubios“ gewerteten Künstlern zeigt.

Autor Walentin Rasputin1976

Autor Walentin Rasputin 1976

Er war z.B. befreundet mit dem Schriftsteller Walentin Rasputin , der in seiner Anfangszeit gewiss ein großer Schriftsteller war, der schonungslos über das harte, ja grausame Leben der Bauern auf dem Land schrieb, später aber immer nationalistischere Töne anschlug, bis er schließlich ganz verstummte. Zu dieser Zeit freundete sich Swiridow mit ihm an, doch konnte ich nicht offen mit ihm über diesen Umgang streiten. Dazu war seine Stellung zu hoch und der Altersunterschied zu groß. Ich hätte ihn auch nicht vom Gegenteil überzeugen können…

JMW: Könnte man denn sagen, dass es sich bei Swiridow um einen „romantisch verklärten“ Patriotismus handelte, der auch vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts eigen war, als die sogenannten „Nationalstile“ in Westeuropa wie in Russland aufkamen? Die Berliner Zeitung schrieb anlässlich seines Todes ja, dass Teile Swiridows Musik „mächtig“ seien, weshalb sich die sonst einander feindlich gesonnenen Kräfte der Gesellschaft an seinem Sarg vereinten. Ist seine Musik also Klang gewordene Heimatliebe?

VG: Es war viel mehr als Heimatliebe! – Swiridow hat geweint über Russland, über das, was daraus geworden war. Das hat er zwar nicht öffentlich gesagt, aber man kann das aus vielen seiner  Werke heraushören:

Der russische Dichter Sergej Jessenin

Dichter Sergej Jessenin

In Vertonungen von Texten des unter Stalin verbotenen Dichters Sergej Jessenin oder das „Poem zum Gedenken an Sergej Jessenin“ (1956), über die Auslöschung des bäuerlichen Lebens nach der Revolution oder von Gedichten Alexander Blocks, die zwar keinen expliziten Protest darstellen, aber als Lieder so dramatisch sind, dass sie mit dem „sozialistischen Realismus“ eigentlich nicht vereinbar sind.

Es gibt außerdem eine kleine Kantate Es schneit (1965) nach Texten des vom Regime kritisch beäugten Boris Pasternak, in der ein Kinderchor ein berühmtes philosophisches Gedicht vorträgt. Der durch diesen Kunstgriff entstehende, surrealistisch anmutende Effekt verstärkt die an sich selbst gerichteten Worte und wird so zur Aufforderung an jeden Künstler:

     „…Versäum nicht, ruh nicht, Dichter!
Und halt dem Schlafe stand,
Der Ewigkeit verpflichtet,
Und von der Zeit gebannt.“

Doch damit nicht genug! Zuvor erklingt ein in der Sowjetunion wegen seines Inhalts NIE veröffentlichtes Gedicht Pasternaks, das Swiridow wohl aus einer ausländischen Ausgabe hatte, in dem es um das Leid und den qualvollen Tod der Insassen in Stalins Lagern geht. Dass es sich um diese Lager handelt, wird zwar nicht explizit gesagt, aber aus dem Kontext heraus ist es eindeutig:

Душа – Seele:

Swiridow vertonte das Gedicht von Boris Pasternak "Seele"

Georgi Swiridow – Foto – vertonte u. a. das Gedicht „Seele“ von Boris Pasternak

VG: Es ist völlig unglaublich, dass dieses Werk veröffentlicht, aufgeführt und auf Schallplatte gepresst wurde!

JMW: Das passt gar nicht zu der teilweisen Darstellung Swiridows als opportunistischen Mitläufer, wie sie 1998 als Nachruf im SPIEGEL veröffentlicht worden war und aufgrund dessen Sie bei Ihrem Auftritt in Gasteig mit leidenschaftlicher Schärfe eine Gegendarstellung vortrugen. Wie man allein am Beispiel dieser Kantate sehen kann, hat Swiridow angesichts des sowjetischen Machtapparats eine Menge gewagt! – Und die Partei hat wirklich nichts dagegen unternommen?…

G. Swiridow

Komponist Georgi Swiridow

VG: Nein, gar nichts! Und es bleibt auch ein Rätsel, wie er damit durchgekommen ist. Das sogenannte „Tauwetter“ („Ottepel“) unter Nikita Chruschtschow war mit dessen Sturz 1964 schon wieder vorbei gewesen. War es wegen seiner übrigen Verdienste – denn niemand anderes entsprach dem Bild des „Volkskomponisten“ besser als er – die ihn zu einer sakrosanten Person gemacht haben? Hat man ihm diese Vertonung quasi als „Ausrutscher“ stillschweigend verziehen? Oder lag es schlicht und einfach am Unverständnis oder der Schlamperei der Zensoren, die nicht verstanden hatten, worum es in diesem Text wirklich ging? Diese Frage wird sich vermutlich nicht mehr mit Sicherheit klären lassen …

Aber auch in seinem Pathetischen Oratorium über die Oktoberrevolution, nach Texten von Wladimir Majakowski, das als Auftragswerk unmittelbar nach dem tragischen Verlust seines Sohnes entstand, gibt es eine kaum verhüllte Provokation. Der emotional berührendste Part als Höhepunkt des Werks ist nicht das Gespräch mit dem Genossen Lenin, sondern der bewegende Abschied auf immer, den ein General der Weißen Armee, also ein Gegner der Revolution, von seiner geliebten Heimat Russland nimmt. Ich fragte ihn einmal, ob er das absichtlich so gestaltet hätte und er bejahte. Außerdem vertraute er mir an, dass er die Revolution als ein „sich Berauschen von Wahnsinnigen“ empfunden habe. So muss man diese suggestive und mitreißende Musik hören!…“

Jon Michael Winkler

Jon Michael Winkler

JMW: Ja, ein wahrhaft pathetisches Klanggemälde der historischen Ereignisse! Und durch meinen Aufenthalt in Polen vor 30 Jahren und meinen Erfahrungen mit dem kulturellen Leben und dem unglaublich aufmerksamen Publikum dort bin ich überzeugt, dass die Zuhörer in der ehemaligen Sowjetunion solche Zwischentöne auch hörten und verstanden. Musik, Literatur und Kunst waren im Ostblock mehr als ein dekoratives Beiwerk. Sie waren so unverzichtbar wie das tägliche Brot: Nahrung für die Seele eben!

Vladimir Genin

Vladimir Genin

VG: Ja, Kultur war für uns kein Luxus, sondern ein Mittel, das uns half, dort, wo kein offener Protest möglich war, Mensch zu bleiben. Und so hatte Jurij, wie ihn seine Freunde nannten, trotz unterschwelliger Ablehnung gegen die „Apparatschiks“ doch die hohen Ämter in den Komponistenverbänden angenommen, wohl in der Hoffnung die Situation in seinem Umfeld verbessern zu können.  Doch war das nicht wirklich seine Welt. Weder war er ein Funktionär noch ein Organisator. Swiridow wollte sich seiner Musik widmen und das aus ganzem Herzen. In einem seiner Briefe an mich schrieb er später (1983) von der „Generation unserer „Wunderknaben“, die inzwischen aufgewachsen, geschäftig und aggressiv geworden seien, doch keine geistige Kraft besäßen und diese durch fades Handwerk ersetzen würden. „In den Werken dieser Epigonen, die sich wahrscheinlich gerade in unserem Lande die entscheidenden Positionen gekrallt haben, spürt man überall einen Mangel an Geist…“, so Swiridow. Aus diesen Worten kann man entnehmen, dass die vielfache Behauptung, er sei gegen die Avantgarde gewesen und hätte sie unterdrückt, nicht wahr ist, denn er spricht in seinem Brief ja ausdrücklich von „Epigonen“…

JMW: Das alles passt auch ganz und gar nicht zum Vorwurf in dem bereits erwähnten SPIEGEL-Artikel, laut dem ihn der Komponist Edison Denissow jener „Mafia“ zurechnete, deren Angehörige nur für sich, für höhere Honorare und ihre eigene Popularität gearbeitet hätten. Dieser Behauptung bin ich nachgegangen und fand heraus, dass sich Denissow wohl auf einen Vorfall bezog, mit dem Swiridow gar nichts zu tun hatte, weil er zu der Zeit schon nicht mehr dem Vorstand angehörte.

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Vielmehr hatte 1979 ein anderes Vorstandsmitglied, Generalsekretär Tichon Chrennikow  eigenmächtig sieben KomponistInnen scharf wegen „avantgardistischer Tendenzen“ kritisiert, unter anderem jenen Denissow sowie die später in die BRD emigrierten Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin . Ein weiterer Komponist dieser Gruppe, Dimitri Smirnov, sprach gar von einer „schwarzen Liste“, die zu einer Unterbindung der Aufführungen ihrer Werke geführt hätte, doch belegt eine musikhistorische Untersuchung, dass die Rede Chrennikovs keineswegs zu einem Konzertboykott geführt hat. Alle sieben Komponisten wurden bei Konzerten in der Sowjetunion weiterhin aufgeführt. Die Bezeichnung „Chrennikows Sieben“ wurde eher im Westen genutzt, um zu Zeiten des kalten Krieges die „Interpretationshoheit über die sowjetische Kunst“ zu erlangen und Konzerte und Notenausgaben zu bewerben.

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

VG: Diese Komponisten wurden aber tatsächlich unterdrückt! Ihre Werke wurden nur sehr selten aufgeführt, wenn überhaupt und dann nicht in Moskau. Außerdem bekamen sie keine Kompositionsaufträge vom Kultusministerium. Ein fantastischer Komponist, Andrej Wolkonski , wurde aus dem Komponistenverband ausgeschlossen. Alfred Schnittke musste sich jahrelang von seinen Arbeiten für Kino und Theater über Wasser halten. Ich erinnere mich an ein vom Moskauer Komponistenverband veranstaltetes Konzert, bei dem – nach einer kurzfristigen Entscheidung – überraschenderweise Werke von Schnittke gespielt wurden. Der Publikumsandrang war so groß, dass die Eingangstüren aus den Angeln gerissen wurden. Swiridow hat mir gegenüber immer sein großes Interesse an Schnittkes Arbeit bekundet – und ich habe nie erlebt, dass er schlecht über ihn oder einen anderen Avantgardisten gesprochen hätte.

JMW: Schnittke, der übrigens im selben Jahr wie Swiridow starb, war ja im Westen hoch angesehen.

Ñîâåòñêèé êîìïîçèòîð Àëüôðåä Øíèòêå çà ðîÿëåì.

Alfred Schnittke, russischer Komponist 1937 – 1998

VG: Aber, natürlich! Er war schließlich offen gegen das Regime und wurde von ihm unterdrückt, weshalb er 1990 auch nach Hamburg auswanderte. Er entsprach im Westen damit dem Bild des „guten“ weil verfolgten Sowjetkünstlers; Swiridow, aufgrund seines Erfolgs und seiner hohen Ämter, entsprach hingegen dem des „bösen“. Dieses Bild stimmt aber einfach nicht.

JMW: Dieses Bild muss dringend korrigiert werden! Selbst ein ansonsten so seriöses Nachrichtenmagazin wie der SPIEGEL hat Swiridow zu Unrecht, wie wir Ihrer Darstellung entnehmen können,  als „angepassten Komponisten“ deklassiert, der dem „amtlich verordneten Wohlklang“ als „parteigenehmen Reglement“ folgte und als „Sohn eines Postbeamten“ aus Kursk sich mit seinem Schaffen deshalb niemals im Westen habe durchsetzen können. – Ich glaube, dass solche Verzerrungen dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland – und im Westen allgemein – so wenig über Swiridows Leben und Werk wissen.

VG: Ja, aber auch der Neid und die Intrigen der russischen Kollegen im Moskauer Komponistenverband haben da eine große Rolle gespielt, und ich vermute, dass hinter diesem Artikel,  angesichts seiner Schreibweise, auch ein Kollege von damals stecken könnte. – Ich selbst habe das am eigenen Leib erlebt, als mich Swiridow bei der Organisation eines Chorfestivals zu seiner rechten Hand ernannte, da er für solche Aufgaben völlig ungeeignet war. Dabei verfügte er im Komponistenverband bereits über einen offiziellen Assistenten, der zudem der Sohn des stellvertretenden sowjetischen Kultusministers war. Das führte zu vielen Irritationen und Eifersucht bei den Kollegen, die sich wunderten, wie ich als junger Mann zu solch einer Stellung gekommen war. Selbst solche, die ich für Freunde hielt, begannen Unwahrheiten über mich zu verbreiten.

Theater_Wladimir_Andrej_Bogolubsky_Vladimir_Genin_Swiridow_jourfixe-BlogRichtig schlimm wurde es, als ich ein Auftragswerk der Stadt Wladimir, das Mysterienspiel Die Klage um Andrei Bogolubsky (1987) schrieb. Es entstand am Vorabend von Glasnost und Perestroika zur 1000-Jahrfeier des Bekenntnisses Russlands zum Christentum und es war zu der Zeit völlig offen, ob das Jubiläum staatlich gefeiert und damit das Verbot der Aufführung „religiöser“ Werke aufgehoben würde. Doch das geschah tatsächlich! Und mein Stück wurde ein großer Erfolg – allein in Wladimir wurde es 60 Mal gespielt, bei der Firma „Melodia“ in einer Auflage von 20 000 Stück auf Schallplatte gepresst – eine für die damaligen Verhältnisse große Zahl.

Plakat der USA-Tournee von 1989

Plakat der USA-Tournee von 1989

Sogar eine Amerikatournee von Seattle bis San Francisco fand 1989 mit diesem Werk statt. Besonders die auf Chorwerke spezialisierten Kollegen neideten mir das ungemein und sprachen hinter vorgehaltener Hand von „Fehlern“ in meinem Werk, aber keiner sagte mir offen seine Meinung. Sogar in den Sitzungsprotokollen des Moskauer Komponistenverbands wurden Aussagen über mich festgehalten, die nicht den Tatsachen entsprachen. Sollte ich das weiter aushalten, um mir alle paar Jahre bei einem vom Verband veranstalteten Konzert den Applaus auf der Bühne abholen zu können? Nein, ab 1991 entschied ich, mich nur noch so oft wie nötig beim Komponistenverband sehen zu lassen, was selten geschah und in der Folge auch zum allmählichen „Einschlafen“ meiner Freundschaft mit Swiridow führte.

JMW: Mit der Ernennung zu seiner rechten Hand für das Chorfestival hatte er Ihnen also einen Bärendienst erwiesen…. Hat er andere junge Komponisten oder auch Sie auf andere Weise gefördert?

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

VG: Nein, er hat sich zwar für die „neue“ Generation interessiert – und für ihn war ich deren Verkörperung – er hat aber weder mich, noch jemand anderen im herkömmlichen Sinn „gefördert“. Er hat lediglich viel mit mir gesprochen, sah meine Partituren durch, hörte sich Aufnahmen an, für die er mir meistens Lob aussprach. Er ging dabei nicht so sehr ins Detail, der Gesamteindruck war ihm das Wichtigste. – Einmal hatte auch ich Gelegenheit den großen Kollegen zu unterstützen. Seine Augenkrankheit, eine Lichtempfindlichkeit, wegen der er getönte Brillen trug, hatte sich verschlechtert, darum bat er mich ihm zu helfen und nach seinen Anweisungen seine Kantate „Kursker Lieder“ für eine kleinere Besetzung umzuschreiben. Bei dieser Arbeit lernte ich seine Denkweise noch viel besser kennen.

JMW: Wie kam es eigentlich zu Ihrer Bekanntschaft?

VG: Durch meinen damaligen Professor im Musikstudium. Er hatte mir damals die Aufgabe erteilt, ein Werk von Swiridow zu analysieren. Ich war zunächst nicht begeistert davon, aber als ich daran arbeitete, erkannte ich die Tiefe und Kunstfertigkeit seiner Musik und dementsprechend motiviert schrieb ich darüber. Ich wusste ja nicht, dass mein Professor die Arbeit an Swiridow zum Lesen weiterleiten würde. Darauf folgte eine Einladung an mich auf seine Datscha in der Nähe von Moskau, wo viele bekannte russische Künstler und Wissenschaftler lebten. Auf der einstündigen Autofahrt schärfte mir mein Professor ein, Swiridow ja nicht zu widersprechen und auf keinen Fall mit ihm zu diskutieren, denn er wusste, wie aufbrausend und stur Swiridow sein konnte.

JMW: Und haben Sie sich daran gehalten?

VG: Nein, das konnte ich nicht! Als er über einen Zeitungsartikel sprach, war ich anderer Meinung und eröffnete mit der, spätestens seit der öffentlichen Verdammung Dr. Schiwagos , in Russland eigentlich fatalen Floskel: „Also, ich habe das zwar nicht gelesen, aber…“. Schon war die Diskussion in vollem Gang. Mein Professor wollte eingreifen, aber das verbat sich Swiridow. Er schickte ihn in die Küche, um seiner Frau bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen, damit er ungestört mit mir reden konnte. Das tat er übrigens immer wieder. (Lacht.)

JMW: Da hatten sich wohl zwei Feuerköpfe getroffen! Das passt auch sehr gut zu dem Brief den er Ihnen nach Ihrer ersten Begegnung schrieb und den Sie bei der Gala ihm zu Ehren vorgetragen haben:

Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

Komponist Georgi Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

„Ich bin dem Schicksal sehr dankbar für die Gelegenheit, durch die Begegnung mit Ihnen das intensive Leben der neuen Generation empfinden zu dürfen. Behalten Sie dieses Feuer – das wertvollste auf der Welt, weil das Leben ohne es verlischt, verfault… Ich habe viel in meinem Leben gesehen und lernte dieses Feuer zu schätzen. Aber seien Sie geduldig – keiner wird von den Leuten sofort verstanden. Man muss viel sagen, bevor die Leute anfangen zuzuhören, geschweige denn anfangen zu verstehen.“

VG: Den Brief hat er mir erst nach mehreren Begegnungen geschrieben, aber der Anfang davon war natürlich dieser Tag.

JMW: Bleibt zum Abschluss unseres Gesprächs noch der andere Brief, den sie als sein Vermächtnis bezeichnet haben; ein Vermächtnis, das an Sie und Ihre Freunde und damit ganz allgemein an die Generation nach ihm gerichtet ist. Swiridow schreibt darin unter anderem:

Georgi Swiridow

Georgi Swiridow

„Ihre Aufgabe ist groß und schwierig: Vieles aufzuklären und den wahren Maßstab der Werte wiederzufinden – den Maßstab, der verloren gegangen ist... (Unter den geistlosen und opportunistischen „Epigonen“) … Meine Aufgabe an Sie und Ihre Freunde ist es, zu suchen. Sonst wird unsere Musik nicht mehr zum Ausdruck der Essenz menschlichen Lebens, der Essenz, die verborgen ist und erst durch die Kunst offenbart wird.“

JMW: In wie weit hat Sie dieses Vermächtnis inspiriert? Was genau meinte er mit dem verlorenen Maßstab und der verborgenen Essenz?

VG: Der Maßstab war sicher musikalisch wie menschlich gemeint.

"Nur der Ewigkeit verpflichtet" - Komponist Swiridow in jüngeren Jahren

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Komponist Georgi Swiridow

Es ging Swiridow um den wahren und bleibenden Wert, wie wir ihn in der Musik der großen Komponisten verehren.

Und er selbst schien „riesig“, in seiner Ausstrahlung, seinem Charisma. Er hatte zwar nicht die Stimme dazu, aber niemand hat vom Ausdruck her seine Lieder besser vorgetragen als er selbst, wie eine private Aufnahme mit meinem Freund, dem Pianisten Michail Arkadiev es zeigt. So wie er da singt, das ist reine Essenz, ohne jedes Theater!

Schon vor meiner Begegnung mit Swiridow hatte ich immer Menschen gesucht, die so eine Sicht vertreten. Auch meinen Professoren beim Studium ging es um diesen Ausdruck, um eine Musik, die etwas über den Menschen aussagt.

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Swiridow aber wirkte in dieser Hinsicht wie ein gewaltiges Schiff und die anderen um ihn herum nur wie kleine Boote. Er hatte zwar seine Fehler, er war unpraktisch, manchmal stur und aufbrausend, doch letztlich war er ein grandioser Mensch. Aber „vergöttert“ habe ich ihn nie! Mit der Zeit habe ich immer mehr das Wesentliche in seiner Musik entdeckt, zwar auch in seinen präzisen handwerklichen Fähigkeiten und seiner ganz speziellen Sparsamkeit in der Wahl der Mittel, aber noch vielmehr in der spirituell-geistigen Essenz dahinter.

JMW: Ich habe gelesen, dass er über 34 Jahre an seinen geistlichen Chorwerken gearbeitet hat, die sicher als Ausdruck dieser geistig-spirituellen Essenz zu verstehen sind; viele davon entstanden erst in den 80er und 90er Jahren. Obwohl es die Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche zu jener Zeit schon nicht mehr gab, wurden viele dieser Werke erst nach seinem Tod herausgegeben. Sie erzählten, dass zudem in seiner Wohnung noch stapelweise unveröffentlichte Werke in seinen Schränken lagerten und angesichts dessen frage ich mich, wie es um das musikalische Erbe Swiridows steht? Wird seine Musik heute noch gespielt und wird sie auch in Zukunft gespielt werden?

VG: Ja, sie wird noch gespielt und auch gespielt werden, denn es gibt wohl kaum einen besseren Ausdruck dessen, was man die „russische Seele“ nennt. Wenn Sie Filme von typisch russischen Landschaften sehen, sind diese zu 50 Prozent mit Musik von Swiridow unterlegt – dafür gibt es einfach nichts besseres. Allerdings läuft sie gerade deswegen auch immer Gefahr, von allen Seiten missbraucht zu werden, von den Anhängern der alten Brigaden wie von den neuen Nationalisten. Im Ausland gestaltet sich die Lage für Aufführungen schon schwieriger, da sein Name dort wenig bekannt ist und daher weniger „zahlendes Publikum“ zieht; das gilt natürlich auch für die Veröffentlichung von Noten und Tonträgern. –

Swiridow in jüngeren Jahren am Piano

Swiridow in mittleren Jahren am Piano

Verstanden aber wird Swiridows Musik nur von denen werden, die ihre Essenz begreifen – und da gibt es nicht so viele in unserer schnelllebigen und auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Zeit. Die innere Einstellung zum wahren Wert der Kunst, des Geistigen müsste sich dazu erst einmal ändern und meist geschieht das nur durch dramatische äußere Umstände…

„Russische Seele“ – Plakat zu einem gleichnamigen Konzert 2015

JMW:  Abschließen möchte ich mit einem Zitat, dass mir in den von Ihnen gesendeten Unterlagen ins Auge gestochen ist. Für mich trifft es sehr gut die Essenz der „russischen Seele“ in der Kunst, der Musik und in Georgi Swiridows Werk. Es stammt von der amerikanischen Autorin Suzanne Massie, die in ihrem Buch „Land des Feuervogels“ schreibt:

„Das Vermögen, die Schönheit der spirituellen Welt und die Fähigkeit, diese Schönheit durch Verehrung auszudrücken, war eine besondere Gabe Russlands. Durch die Jahrhunderte haben die Russen, selbst in ihrer weltlichen Kunst, ihre Sicht erhalten, dass Kunst vor allem ein göttliches Geschenk ist, dessen grundlegender Zweck es ist, Gott zu dienen und die Menschheit zu erheben.“

 


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