Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie mit 16 Jahren das Leben! Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von Rosa Mittereder und Tochter Erna Wilhelmine – Klartext von Drehbuch/Autor Peter Probst

Sie sank dahin, ein Hauch von Gold, violetten hingemäht, gedenkt in einem Gedicht die Auschwitz Überlebende und Künstlerin Rachel Knobler ihrer mit sieben Jahren von den Nazis ermordeten Schwester … Ein solcher Hauch goldenen Gedenkens legte sich am 27. Juni 2017 über eine (weitere) Reihe Münchner Hauseingänge, aus denen man einst Mitbürger_Innen auf eine Reise – meist ohne Wiederkehr – in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt hatte.  Nun aber fanden wieder zwei Namen zurück in ihre Heimatstadt …

Rosi und Erna Mittermeyer: Auf individuellen Gedenksteinen im Geiste zurückgekehrt in die Münchner Römerstraße, unter großer Anteilnahme von Freund_Innen der Nachkommen und Anwohner_Innen:  Li. im Vordergrund: Regisseurin Doris Dörrie (Foto: Peter Probst/Amelie Fried)

„Gedenken auf den Spuren der Ermordeten“ titelte dazu die Süddeutsche Zeitung und zitierte den umtriebigen Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine für München„, Terry Schwarzberg:„(…). „Ein Tag der Trauer, weil es um das Gedenken an unschuldig ermordeten Menschen geht, aber auch ein Tag der Freude.“ Diese hat Gunter Demnig ausgelöst, auf dessen Idee diese Art der Erinnerungskultur beruht. Da die Stadt München keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund duldet, können sie nur auf privatem Gelände verlegt werden. Vor dem Hauseingang in der Ickstattstraße zum Beispiel, oder bei den Anwesen Herzog-Heinrich-Straße 5 und Römerstraße 7, wo Demnig am Dienstag weitere acht Stolpersteine zum Gedenken an die einstigen Bewohner in den Boden einließ.“ (Ende Zitat SZ)

Die beiden letzten Steine wurden diesmal in der Schwabinger Römerstraße verlegt, womit sich ein Traum für Peter Probst erfüllte. Er postete: Ich bin sehr glücklich, dass die Steine endlich fast da liegen, wo sie hingehören. 10 Zentimeter vom öffentlichen Raum entfernt. Und traurig für die Angehörigen, die die Verlegung gestern nicht (mehr) miterleben konnten. 

„Stolperstein-Schöpfer“ Gunter Demnig waltet einmal mehr seines Amtes und schafft Platz für die Stolpersteine von Rosi und Erna

Die Zeremonie begann gewohnt archaisch, mit dem ohrenbetäubenden Lärm des Preßlufthammers, mit dem der Schöpfer und Vater aller Stolpersteine, Bildhauer Gunter Demnig, Raum für seine goldenen Gedenk-Miniaturen schaffte. Die wenigen, aber umso präziser eingesetzten Handgriffe verrieten, wie viel Gewandtheit sich Demnig inzwischen bei seinen Verlegungen angeeignet hat. Geräuschkulisse und Staub, gepaart mit kleinen Menschenansammlungen, die das Geschehen gebannt verfolgen, unterbrechen zumindest für einen Moment auch den Alltag unbeteiligter Passanten. Nicht wenige bleiben stehen, erkundigen sich und erhalten von den Mitgliedern des Münchner Vereins „Stolpersteine für München“ Auskunft sowie Info-Material. Wessen Schicksal jeweils gedacht wird, erschließt sich allen Anwesenden aus den kurzen Ansprachen, die jede Stolperstein-Verlegung begleiten.

Für eine eben solche übergebe ich an dieser Stelle das – virtuelle – Wort an Peter Probst, um dessen Angehörige es bei der Verlegung in der Schwabinger Römerstraße 7 es diesmal ging.

Drehbuch/Autor Peter Probst hielt eine bewegende Ansprache, die aber auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Rechts neben ihm der PR-Fachmann, Netzwerker und Vorstand von „Stolpersteine auch in München“, Terry Schwartzberg

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Familienangehörige, ich möchte mich zuallererst ganz herzlich bedanken. Bei Gunther Demnig, dem Schöpfer des weltweit größten dezentralen, mittlerweile in zwanzieuropäischen Ländern verwirklichten Kunstwerks „Stolpersteine“. Die Bedeutung seines Beitrags zur Erinnerungskultur für die Nachkommen von NS-Opfern, aber auch für die junge Generation ist kaum zu ermessen. Ich danke weiter der unermüdlichen Münchner Stolpersteine-Initiative, die sich von schwer nachvollziehbaren Entscheidungen der Politik und Kultusgemeinde, aber auch persönlichen Angriffen nicht entmutigen lässt und sich weiter für ein würdiges und allen Bürgern zugängliches Gedenken einsetzt. Mit ganz herzlicher Dank aber gilt heute den Eigentümern des Anwesens Römerstraße 7, im Besonderen Frau Billon dank deren Initiative der heutige Tag erst möglich wurde.

Am 16.7.1923 heiratet die aus Mittelfranken stammende Jüdin Rosa Loewi den katholischen Münchner Rechtsanwalt Franz Mittereder. Vor allem für Franz’ Vater, den Oberpostrat Alois Mittereder, ist die Heirat ein Skandal. Seine Tochter Josephine – meine Großmutter – hat ihn als so bigott wie brutal beschrieben, als Mann, der tagsüber ganz vorne in der Fronleichnamsprozession mitmarschierte und nachts seine Frau verprügelte.

Dass Alois nur einen Monat nach der Eheschließung seines Sohnes stirbt, ist wohl eher eine Erleichterung für das frischvermählte Paar. Übrigens auch für meinen Vater, der als uneheliches Kind – als „Kind der Schande“ – vom Großvater aus dem Familienverbund ausgeschlossen wird.

Sie unterbrechen mit ihrem leuchtenden Gold den Alltagslauf der Passanten. Dazu sind sie konzipiert und werden auch regelmäßig seitens Anwohnern und Mitgliedern des „Stolperstein“-Vereins gereinigt.

Am 20.4.1925 bekommen die Mittereders ein Kind, sie nennen es Erna Wilhelmine. Schon ein Jahr später (am 19.4.1926) stirbt Franz gerade einmal 41jährig, und das Mädchen ist Halbwaise. Rosa Mittereder und ihre Tochter leben bis zum November 1941 in der Maxvorstadt und in Schwabing, ab dem 10.7.1930 in der Römerstraße 7. Ab Mitte 1940 ist Erna offiziell in der Bauerstraße 20 gemeldet. Sie hat im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe (dem sogenannten Antonienheim) einen Kurs in Hauswirtschaft absolviert und hilft der 75jährigen Jüdin Flora Böhm im Haushalt. Als diese im Frühjahr 1941 ins Altenheim der Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße zieht, kehrt Erna zu ihrer Mutter zurück.

Am 20.11.1941 müssen Rosa und Erna Mittereder die Römerstraße 7 unter Zwang verlassen. Offiziell geht es zum „Arbeitseinsatz im Osten“ nach Riga. Da das Ghetto Riga jedoch völlig überfüllt ist, wird der Zug mit etwa 1000 Münchner Juden unterwegs nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Im nahe der Stadt gelegenen Fort IX kommt es auf Befehl des Chefs des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A, Karl Jäger, zu einer Massenexekution. Nach fünf Tagen lebt kein einziger der tausend Münchner Juden mehr, auch nicht Rosa und Erna Mittereder.

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Die Kennkarte von Erna Mittereder, ausgestellt im März 1939. Wie bei allen Bürgerinnen jüdischer Abstammung findet sich der Name „Sara“ beigefügt. Das Dokument wäre bis 1944 gültig gewesen, lange nach Ernas Tod … Quelle: Peter Probst

Über das Schicksal von Rosa und Erna wurde in unserer Familie fast nie gesprochen. Mein Vater handelte das Thema Krieg, trotz seiner mutigen, antifaschistischen Biographie, möglichst mit einigen, wenig aussagekräftigen, Anekdoten ab. So hielt ich Rosa und Erna lange für entfernte Verwandte und begann viel zu spät nachzufragen. Mein Vater hätte mir allerdings auch wenig erzählen können. Er erfuhr erst mit über 80 Jahren durch meine Recherche, dass seine Tante und Kusine nicht, wie von ihm vermutet, nach Auschwitz deportiert worden waren.

Eine für unser Bild der beiden zentrale Geschichte allerdings hat er mir hinterlassen. Danach hatte im November 1941 nur Rosa Mittereder den Befehl erhalten, sich mit 50 Kilo Gepäck zur Verschickung in den Osten bereit zu machen. Ihre Tochter war nach der Rassenlehre der Nazis nur „Halbjüdin“ und sollte vorerst verschont bleiben. In der Wohnung in der Römerstraße kam es dann zu einer dramatischen Szene. Die Gestapo traf ein, um Rosa abzuholen. Erna sollte der Obhut Kreszentia Gnams, einer Kusine meiner Großmutter übergeben werden. Doch plötzlich weigerte sich das 16jährige Mädchen, seine Mutter alleine gehen zu lassen. Es klammerte sich so lange an ihr fest, bis die Polizisten die Geduld verloren. „Dann kommst du halt auch mit, du Judenfratz“, diesen Satz hat mein Vater mehrfach wörtlich zitiert.

Die Mittereders schickten noch ein Familienmitglied, das eine etwas höhere Parteifunktion innehatte, zum Deportationsbahnhof Milbertshofen, um den Irrtum aufzuklären – vergeblich. Inzwischen stand auch Ernas Name auf der Liste und wurde nicht mehr gelöscht – die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben …

Ich stelle mir vor, dass vor den Stolpersteinen Schüler stehenbleiben und sagen: „Schau mal, diese Erna war genauso alt wie ich, als die Nazis sie abgeholt haben“, und dass das bei dem einen oder anderen der Auslöser dafür ist, sich näher mit der Geschichte der beiden und der Juden in unserer Stadt zu beschäftigen. Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. Die Verlegung der Stolpersteine für Rosa und Erna Mittereder auf dem privaten Grund des Anwesens Römerstraße 7 ist für uns Nachkommen ein großes Glück und ein gewisser Trost. Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann …“

Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen, seitens der zuständigen Hausgemeinschaft am Färbergraben wie auch der Landeshauptstadt München verwehrt. Links Aktivist, Autor und Journalist Johann Türk (Foto: Edith Grube)

Seine Rede beendete Peter Probst mit Worten, die meiner Meinung nach berechtigter nicht hätten sein können: „Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen.

Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. Und glauben Sie uns, jüdische Familien und auch solche mitjüdischen Verwandten blicken auch in der Bundesrepublik Deutschland auf eine lange Folge von Demütigungen zurück.“

Amelie Frieds Mutter schilderte, dass in Ulm die Stadt selbst, anhand von PR-Maßnahmen und Shuttle-Bussen alles unternehme, um Stolpersteinverlegungen  zu unterstützen. Ihren Ausführungen folgen u.a: im Hintergrund Politikerin Claudia Stamm (mut-bayern.de), im roten Kleid Aktivistin Edith Grube, re. mit Strohhut, Aktivist Dr. Thomas (Tom) Nowottny, Er hatte für das individuelle Recht auf die Verlegung von Stolpersteinen gegen die Landeshauptstadt geklagt. Verdeckt: Bestseller-Autor/Biograf Christian Sepp („Sophie Charlotte“)

Peter Probst fügt seiner Rede hinzu: Helfen Sie uns auch deswegen dabei, die Aufhebung des Verlegungsverbots in München durchzusetzen. Was heute in der Römerstraße 7 dank der Offenheit und des historischen Bewusstseins der Eigentümer und Bewohner gelungen ist, muss Schule machen. Denn München ist eine in vieler Hinsicht reiche Stadt – definitiv arm, ja armselig aber ist sie beim Thema Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund. Ich danke Ihnen!

(Ende der Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst)

Der Tod gehört zum Leben und das Gedenken an die Verstorbenen also mitten unter uns, gerade wenn es darum geht, deren mahnendes Schicksal sichtbar in Erinnerung zu halten, jedes einzelne, kostbare und doch vorzeitig ausgelöschte Menschenleben für sich …

Zuletzt wurde, wie immer ein Kaddish, ein jüdisches Totengebet zu Ehren der Ermordeten gesprochen. Ein lebensbejahendes, von vielen Anwesenden, u.a. Janne Weinzierl, Reiner und Judith Bernstein, Riva Neust u.v.m. mitgesungenes „Shalom“-Lied auf Hebräisch schloss sich dem kontemplativen Moment an und erinnerte einmal mehr daran, dass der Tod zum Leben gehört und somit unbedingt mitten unter uns, entlang der Straßen unseres Alltags!

Zur demokratisch unschön ausgetragenen Stolperstein-Debatte in München habe ich bereits in der Vergangenheit zwei jourfixe-Blogbeiträge veröffentlicht >>>

Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“ (Nov. 2015)

Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Pyramidale Party zum 10jährigen Bestehen des August Dreesbach Verlags

Am Freitag, den 3. Februar 2017, feierte der August Dreesbach Verlag sein 10jähriges Jubiläum; Grund zum gratulieren, in einer Zeit in der, wie es der Publizist Christian Nürnberger einmal formulierte, „immer mehr Menschen Bücher schreiben“ (möchten) „doch immer weniger Menschen Bücher lesen“. Der Don-Quichottismus, sich gerade in einer solchen Zeit mit einem kleinen, feinen Verlag auf dem enger werdenden Literaturmarkt zu engagieren, zeugt von Kampfgeist und einem Individualismus, der sich auch in der Gästeschar wiederspiegelte, die meine Freundin, die Autorin und ehemalige Simpl-Wirtin Toni Netzle und ich stundenlang mit Gusto beobachteten.

Die Münchner Autorin, Schauspielerin und ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle (re) zusammen mit Gaby dos Santos, 03.02.17,  August Dreesbach Verlag, Foto: Elisabeth Sorger

Nicht der gewohnte Einheitsbrei aus der bildungsbürgerlichen Kulturelite unserer Stadt, die sich vor lauter „elitär“ nicht einmal selbst zu zelebrieren traut, bevölkerte die Verlagsräumlichkeiten, sondern eine bunte Mischung ausgeprägter Persönlichkeiten, mit viel Nonchalance in Kleidung und Auftreten, dem Kosmos von Historie und Literatur entsprungen; darunter eine ganze Reihe Autor_Innen des Verlags, die sich hier einer individuellen Betreuung in einem Umfang erfreuen dürfen, den ein großer Verlag so gar nicht zu leisten imstande oder auch willens wäre, da sich dort die Betreuung auf die jeweiligen Top-Literaten des Hauses konzentrieren muss. Entsprechend formuliert auch der Verlag in der Selbstdarstellung auf der Homepage: Gemeinsam mit unseren Autoren wollen wir ansprechende Bücher machen: gründlich recherchiert und gut geschrieben, sorgfältig lektoriert, ästhetisch gestaltet und professionell hergestellt.

Benannt wurde der Verlag nach dem deutschen Poltiker August Dreesbach (1844 – 1906), wozu der Verlag auf seiner Website schreibt: (…) 1890 zog er als erster badischer Sozialdemokrat in den Reichstag ein. Als Geschäftsleiter der Mannheimer Volksstimme und Redakteur des Pfälzisch-Badischen Volksblattes war ihm zudem das Recht der freien Meinungsäußerung ein Anliegen, außerdem setzte er sich für den Zugang aller Schichten zu Bildung und Wissen ein. August Dreesbach starb am 25.11.1906 in Berlin. Geradlinigkeit und das Einstehen für die eigenen Ansichten, gepaart mit politischem Idealismus – diese Eigenschaften machten August Dreesbach im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem individuellen, starken Charakter, dessen Vorstellungen und Bestrebungen in der damaligen Zeit manches Mal aneckten.

Gründe genug, August Dreesbach ein Denkmal zu setzen und unseren von Optimismus und Idealismus geprägten Verlag nach ihm zu benennen, der sich zunächst das Verlegen historischer Bücher zur Aufgabe machte. Dass wir mit den neu hinzugekommenen Schwerpunkten Kunst und Typografie neue Wege beschreiten, wäre sicherlich auch im Sinne von August Dreesbach gewesen! (…)

Nomen est omen … und so steht an der Spitze des Verlags die junge, charismatische Leiterin Dr. Anne Dreesbach, die sich auch als Autorin einbringt. Als Gastgeberin der Jubiläumsfeier empfing sie ihre Gäste in stimmungsvoll dekoriertem Ambiente und mit einer Büffetbandbreite an – vor allem – süßen Sünden, die durchaus mit dem Catering der legendären Lambertz-Parties konkurrieren konnten … Das Auge aß und trank, via Champagner-Pyramide, eifrig mit. Nur Toni Netzle widerstand, erlag statt dessen einer Biografie über König Otto I. von Bayern, dem unglücklichen Bruder von „Kini“ Ludwig II. und verzog sich in eine Ecke, um sofort mit der Lektüre zu beginnen. Das Buch hat sie seitdem nicht mehr verlassen 😉

Natürlich war auch dessen Autor Jean Louis Schlim zugegen, ein Luxemburger, der sich ausgerechnet dem königlich-bayerischen Colorit verschrieben hat: (…) Im Besonderen befasst er sich mit der Technikbegeisterung des bayerischen Königs Ludwig II., zu der er mehrere Publikationen veröffentlicht hat … „ und über eine mehr als umfangreiche Sammlung über den unvergessenen bayerischen Kini verfügt.

Autor Christian Sepp, Foto

Es war unser Freund, Autor Christian Sepp (Foto) gewesen, der einen Teil unserer jourfixe-Clique eingeladen hatte. Beim Verlag brachte er vor einiger Zeit seine vielbeachtete Biografie über „Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester“ heraus.“ Die Prinzessin verbrannte an ihrer Leidenschaftlichkeit buchstäblich mit Seele und Leib. In Kürze kommt die dritte Auflage dieser spannenden Biografie auf den Markt. Details zu Autor und Buch habe ich vor einiger Zeit in dem jourfixe-Blogbeitrag „Sophie Charlotte -eine Frau, die zu früh lebte“ zusammengefasst.

Dazu habe ich Christians Sepps Biografie geradezu verschlungen, weil sie gleich zwei meiner persönlichen Themen-Schwerpunkte abdeckt: (Bayerische) Geschichte und das Schicksal von Frauen, die, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, tragischerweise zu früh lebten und/oder denen es tatsächlich gelang, sich in einer von Männern dominierten Geschäftswelt durchzusetzen, wie die frühere Grande Dame des Filmgeschäfts Ilse Kubaschewski (1907 – 2001). Der Co-Gastgeber, Autor und Historiker Dr. Michael Kamp (www.historische-projekte.de) hat für seine Biografie über Kubaschewski kürzlich Toni Netzle als Zeitzeugin interviewt, da es kaum prominente (deutsche und punktuell internationale) Protagonist_Innen des 20. Jahrhunderts gibt, denen Toni nicht begegnet ist. Aus diesem Grund nutze auch ich meine Freundin des öfteren als Haut überzogenes Nachschlagewerk der Zeitgeschichte. Auch auf die Biografie von Dr. Kamp, die in Kürze vorgestellt werden wird, bin ich schon sehr gespannt. Eine Frau im Filmgeschäft der UFA und der Adenauer-Ära? Beide Epochen standen nun wahrlich nicht für emanzipierte Frauenbilder!

„Na, wo soll ich denn jetzt bloß hingucken?“ Gaby dos Santos etwas desorientiert neben Malerin Elisabeth Sorger

Mit von der Partie (obiges Foto) an diesem Abend war auch unsere jourfixe-Freundin, die Malerin Elisabeth Sorger, Pressesprecherin der MKG (Münchner Künstlergenossenschaft). Auch in diesem Jahr ist sie wieder mit Exponaten unter den ausstellenden Künstler_Innen bei der MKG Jahresausstellung 2017 (3. 3. – 26. 3.) im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München vertreten. Auf der Party ging es uns allerdings mal nicht um die unser aller Leben so sehr bestimmende Kunst, vielmehr testete ich Spaßes halber mit Elisabeth die Foto-Box vor Ort, ein herrlicher aber auch irritierender Zeitvertreib, denn: Elisabeth groß, ich klein und die Technik bzw. der Fokus der Linse nicht ganz nachvollziehbar 😉 Entsprechend desorientiert wirkt mein Blick im fotografischen Endergebnis, siehe Fotostrecke oben.

Ein herzliches „merci“ für eine in vielerlei Hinsicht pyramidale Party, alles Gute und vor allem noch ein langes erfolgreiches Bestehen dem August Dreesbach Verlag und viel Fortune bei seinem individuellen Kampf gegen alle Windmühlen unserer virtuellen Welt!


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Herzogin Sophie Charlotte – Eine Frau, die zu früh lebte

‚Emanzipiert, für geisteskrank erklärt, entmündigt. Herzogin Sophie Charlotte war mit König Ludwig II. verlobt, heiratete einen französischen Adligen und wollte diesen dann für einen bürgerlichen Arzt verlassen‘.

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Sophie Charlotte um 1866, Foto: Christian Sepp

Biograf Christian Sepp über eine Frau, die zu früh lebte“, resümiert Oliver Das Gupta nach einem SZ-Interview mit dem Autor. Die Rede ist von  Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester – So lautet auch der Titel des Buches, erschienen 2014 im August Dreesbach Verlag und jetzt auch als Taschenbuch erhältlich.

In diesem SZ-Interview bringt Autor und Historiker Christian Sepp das Außergewöhnliche dieser Frau auf den Punkt: „Ihr Wertesystem war ein anderes als im 19. Jahrhundert im Hochadel üblich. Gefühle und persönliches Glück waren ihr im zentralen Augenblick ihres Lebens wichtiger als alles andere.“

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Edgar Hanfstaengl, portraitiert von seinem Vater Franz Hanfstaengl, um 1866; Quelle: Wikipedia

Spuren dieser emotionalen Hingabe führen  auf den Alten Südlichen Friedhof. Im Familiengrab der Familie Hanfstaengl liegt der Prokurist Edgar Hanfstaengl begraben,  Sophies „theurer, lieber Freund“, zu dem sie eine heimliche Beziehung während ihrer Verlobung mit König Lugwig II. unterhielt. „Als ihr Verlobter in Paris weilt, schreibt sie an Edgar gleich in ihrem ersten Brief: ‚Hoffnung gibt es keine für uns. Was bleibt uns – Entsagen.

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Das Verlobungsbild 1867: Ludwig II und Sophie Charlotte

Mit Schauder blicke ich in die Zukunft, der Tag meiner Trauung steht wie ein schwarzer Schatten vor meiner Seele, ich möchte entfliehen dem unbarmherzigen Schicksal. Warum mußte ich Dich kennen lernen, jetzt da meine Freiheit in Feßeln geschlagen ist?“  ist in Christian Sepps Biografie nachzulesen, denn Sophie Charlottes Briefe hat ihr Geliebter aufbewahrt, entgegen ihren ausdrücklichen Wunsch.

Fünf dieser Briefe sind bis heute erhalten und Koenig_LudwigII_und_seine_verbrannte_Braut_Heinz_Gebhardt_Sophie_Charlotte_jourfixxe-Blogwurden von Hanfstaengls Tochter 1980 dem Münchner Autor und Fotografen Heinz Gebhardt übergeben, der auf Grund dieser Dokumente das Buch König Ludwig II. und seine verbrannte Braut schrieb – und mir 2013 davon erzählte, als ich zu meinem Projekt über den Alten Südlichen Friedhof in München recherchierte. Mich faszinierte die Geschichte sosehr, dass ich sie auf Facebook postete, wo sie mein Freund, der Historiker Christian Sepp las, der bereits zu Sophie Charlotte recherchierte und darauf hin Heinz Gebhardt kontaktierte.

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Christian Sepp, Autor der Biografie „Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester“ vor Schloss Possenhofen am Starnberger See, ehemaliges Sommerschloss der Herzöge in Bayern

Darüber hinaus recherchiert Christian Sepp u. a. intensiv  im Geheimen Hausarchiv und im Münchner Stadtarchiv und stößt über Ebay schließlich auf einen Fund, der es ihm ermöglicht, wichtige Wissenslücken zu schließen.

Nachlass_Louise_d-Alencon_Christian_Sepp_jourfixe-Blog

Aus dem Nachlass von Louise von Bayern, Tochter von Sophie Charlotte. Die Dokumente und Fotos befinden sich nunmehr in Besitz des Autors und Historikers Christian Sepp

In seinem Vorwort schreibt er: „Ein Brief aus dem 19. Jahrhundert zum Verkauf auf eBay. Aber es kommt noch besser: Denn der Brief entpuppt sich als Teil eines kleinen Nachlasses, der von einer Privatperson angeboten wird. Briefschatulle_Nachlass_Louise_d_Orleans_Christian_Sepp_jourfixe-BlogIch zögere nicht wirklich lange und wenige Tage später, mitten im Hochsommer, steht eine blau-weiße Briefschatulle auf meinem Küchentisch, dazu zwei Ordner gefüllt mit Briefen, Bildern, Postkarten, Sterbebildchen, Zeitungsausschnitten und vielem mehr. Bei der ersten Durchsicht stelle ich fest, dass all diese liebevoll gesammelten Erinnerungen aus dem Nachlass der Prinzessin Louise von Bayern, Sophie Charlottes Tochter, einer geborenen d’Orléans stammen müssen (…) Und mir wird klar: Wenn das kein Auftrag ist, die Geschichte zu erzählen, was dann?

Liebevoll gestaltete Taschenbuchausgabe

Liebevoll gestaltete Taschenbuchausgabe

Als ich die ersten Kapitel des Buches gelesen hatte, schickte ich Christian Sepp spontan eine Mail: „Frage mich, wie Du die akribische Recherche, die man hinter jeder Zeile des Buches spürt, in nur so kurzer Zeit hinbekommen hast? Ich lerne dank Dir gerade viel Neues über die jüngere bayerische Geschichte.“ Darauf antwortete er: „Reine Recherchezeit waren ca. sieben Monate, aber nebenher habe ich gearbeitet. Dann habe ich mir sieben Wochen freigeschaufelt und ca. ein Drittel des Textes geschrieben. Danach habe ich wieder Arbeit und Schreiben kombiniert und mir immer einzelne Wochen freigenommen. Vom Vertragsabschluss mit dem Verlag bis zur Abgabe des Manuskripts lagen in etwa zwanzig Monate. Es war einfach meine Sympathie für Sophie, die mich so vorangetrieben hat – und dass mich die Geschichte so berührt hat, vor allem je mehr ich darüber herausgefunden habe.“

Sophie Charlotte

Sophie Charlotte

An Christian Sepps Biografie fesselt mich in der Tat besonders, wie sensibel und detailliert er die Lebensumstände dieser Adligen des 19. Jahrhunderts nachempfindet. Gefangen in den Konventionen und patriachalischen Strukturen ihrer Zeit, steht Sophie Charlotte (1847 – 1897) exemplarisch für die untergeordnete Rolle der Frauen damals. Entsprechend stellt Christian Sepp an den Anfang seines Buches die letzte Strophe von Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht, „Am Turme“. Es endet mit den Zeilen:

Annette_von_Droste_Hülshoff_um_1845

Droste-Hülshoff um 1845

Nun muß ich sitzen so fein und klar,

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar,

Und lassen es flattern im Winde!

Ferdinand von Orléans, Herzod von Alencon, Sophie-Charlottes Ehemann

Ferdinand von Orléans, Herzog von Alencon, Sophie Charlottes Ehemann

Als zwanzigjährige Braut des Königs von Bayern fügt sich Sophie Charlotte noch dem gesellschaftlichen Diktat ihrer Zeit und beendet die Romanze. Doch nur kurz darauf löst der König, der sich Hals über Kopf in Richard Horning verliebt hat, selbst die Verlobung. Sophie Charlotte muss sich damals doppelt vom Schicksal verhöhnt gefühlt haben, folgt aber zunächst weiter dem einer Frau ihres Standes vorgezeichneten Weg und ehelicht Ferdinand von Orléans, Herzog von Alencon.

Sophie_Charlotte_von_Alencon_Christian_Sepp_jourifxe-BlogAls sich aber Herzogin Sophie Charlotte mit vierzig Jahren noch einmal unsterblich verliebt, ist sie fest entschlossen, diesmal alle Standesraison fallen zu lassen und ihrem Herzen zu folgen. Sie fordert von ihrem Mann die Scheidung, um den bürgerlichen Arzt, Dr. Franz Glaser zu heiraten. Ein solches Anliegen vorzutragen, hat sich in der 700jährigen Geschichte des Hauses Wittelsbach noch keine Frau getraut! Auch musste Sophie Charlotte klar gewesen sein, wie ausgeprägt bei ihrem Mann, noch dazu ein strenggläubiger Katholik, das Standesbewusstsein war. Entsprechend groß gestalteten sich seine Bemühungen, Sophie, mit Unterstützung der ganzen Familie, von ihrem Vorhaben abzubringen. Als weder gute Worte noch Drohungen fruchteten, erklärte man sie für geistesgestört und sperrte sie für einige Zeit in das Sanatorium Maria Grün bei Graz weg. „Wollen sie es mit mir machen, wie mit dem König?“ hält Sophie Charlotte bei ihrer Einlieferung dagegen.

"Für die Nervenleidenden aus den höheren Klassen der Gesellschaft": Das Sanatorium Maria Grün vor den Toren von Graz; Foto: C. Sepp

„Für die Nervenleidenden aus den höheren Klassen der Gesellschaft“: Das Sanatorium Maria Grün vor den Toren von Graz; Foto: C. Sepp

Schließlich resigniert sie und wird nach einiger Zeit wieder in die Obhut beziehungsweise unter die Kuratel ihrer Familie entlassen. Während des letzten Jahrzehnts ihres Lebens wendet sie sich verstärkt ihrem Glauben und karitativen Aufgaben zu, mit der selben leidenschaftlichen Hingabe, die ihr in der Liebe auszuleben verwehrt geblieben war. Ihren Tod  ahnt sie voraus und verfügt, mit kahl geschorenem Schädel und im Gewand einer Ordensschwester beigesetzt zu werden. So entledigt sie sich mit ihrem letzten Willen auch endgültig der  Insignien ihrer Weiblichkeit. Das wirft bei mir die Frage auf, ob sich ihr Gewissen zuletzt doch noch dem Zeitgeist gebeugt hat?

Zeitgenossische Zeichnung des furchtbaren Brands auf dem Wohltätigkeitsbazar

Zeitgenossische Zeichnung des Unglücks

Sie stirbt in einem Feuer, das 1897 auf einem Wohltätigkeitsbazar in Paris ausbricht. Sophie Charlotte wird nur fünfzig Jahre alt, doch betrachtet man ihre Fotos im Verlauf der Jahre, so hat sie eine innere Flamme längst selbst verzehrt, eh es die wirklichen Flammen vollenden. Identifiziert werden kann sie nur noch durch ihren Zahnarzt.

Die Toten-Skulptur Sophie Charlottes auf dem Sakrophag in der königlichen Familienkapelle in Dreux/FR

Die Toten-Skulptur Sophie Charlottes auf dem Sakrophag in der königlichen Familiengruft der Orléans in Dreux/FR

Sophie Charlotte war ein Opfer der Konventionen ihrer Zeit, eines von vielen, denen Theodor Fontane mit seinem Gesellschaftsroman „Effi Briest“ ein tragisches Denkmal setzte. Darin mahnt Luise von Briest ihre Tochter: „Nicht so wild Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer, wenn ich dich so sehe …“

Sophie als junges Mädchen posiert am Boden sitzend auf Augenhöhe mit ihren geliebten Hunden, Foto Jean Schlim / C. Sepp

Sophie Charlotte, als junges Mädchen, posiert am Boden sitzend auf Augenhöhe mit ihren geliebten Hunden

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, denke ich oft, wie viel mehr Welt und Wahlmöglichkeiten mir offen gestanden sind und noch immer stehen, als selbst noch der Generation meiner Eltern. Obgleich Konventionen heutzutage in weiten Kreisen glücklicherweise eine eher zweitrangige Rolle spielen, so habe ich, in der mir eigenen Maßlosigkeit des öfteren so über die Stränge geschlagen, dass immer wieder die eine oder andere Stimme laut wurde, ich wäre nicht ganz dicht … Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Sophie_Charlotte_von_AlenconIn eine Anstalt eingewiesen hat mich aber niemand; dazu ist unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zu tolerant geworden. Den 68ern sei herzlich gedankt!

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten eine freiheitliche Gesellschaftsordnung erkämpft, die Tragödien wie die literarische einer „Effi Briest“ oder die reale einer Sophie Charlotte heute undenkbar machen. Mögen wir sie uns erhalten!


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