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„Auch Heilige liegen am Boden“ Zum „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München“ eine Pressenkonferenz – Zu Gast: Avi Primor, von 1993 – 1999 Israelischer Botschafter in Deutschland

Nach seiner Meinung zu den Stolpersteinen befragt, fand Avi Primor auf der Pressekonferenz der neuen Initiative  BÜRGERBEGEHREN für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München deutliche Worte: Er verneige sich vor dieser Form des Gedenkens. In Israel sei es von Bedeutung, wie Deutschland sich heute darstelle und inzwischen könnten andere europäische Länder in Bezug auf das „Wiedergutmachen“ von Deutschland lernen. Im übrigen gehe es nicht darum, israelische Bräuche nach Deutschland zu bringen, sondern darum, dass sich Gedenken in Landessitte vollziehe. Und führte als Beispiel die in steinernen Sarkophagen in den Boden eingelassenen Heiligen unserer Kathedralen an. „Auch Heilige liegen in Deutschland am Boden …“

Avi Primor, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999, zu Gast auf der Pressekonferenz des Vereins „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V.„, mit den Vorstandsmitgliedern, v.l. RALPH DEJA, Berater und Aktivist für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, DOROTHEE PIERMONT, ehem. Mitglied im Europäischen Parlament (vorm. b. Die Grünen), HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker und DAGMAR FÖST-REICH, Dipl. Kauffrau

„Durch das Lesen der Inschriften der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen,“ heißt es auf der Homepage des Zentralrats der Juden auf die Frage

UNTERSTÜTZT DER ZENTRALRAT DER JUDEN DIE VERLEGUNG VON STOLPERSTEINEN?

Und weiter: Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, und das Präsidium des Zentralrats, halten die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. > MEHR

Wartet auf seine Verlegung: Ein Stolperstein für Hans Scholl, Gallionsfigur der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, gezeigt bei der PK

Damit bezieht der Zentralrat eine gegensätzliche Position zu Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in deren Augen durch Stolpersteine die Opfer des Holocaust erneut mit Stiefeln getreten würden. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Interventionen bleibt in München, anders als in unzähligen Städten bundes- und europaweit, das Verlegen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt, nach zwei entsprechenden Stadtratsbeschlüssen, 2005 und 2015.

Stattdessen schlägt München einen kostspieligen Sonderweg ein. Statt Stolpersteinen (120 €, Fläche 10×10 cm) sollen Stelen (1.000 €, 6×6 cm) oder Tafeln an Hauswänden (500 €, 16×16 cm) an die Opfer erinnern. Stelen machen u.a. wegen ihrer tiefen Verankerung im Boden ein aufwendiges Genehmigungsverfahren und Tafeln die Zustimmung jedes einzelnen Miteigentümers eines Gebäudes erforderlich. Es ist daher abzusehen, dass nur wenige Stelen und Tafeln installiert werden. So wird aber das ungeheure Ausmaß der Massenvernichtung von Menschen nicht erkennbar, führt der neu gegründete Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V. auf seiner Homepage an und beginnt ab nächster Woche mit dem Sammeln der für ein Bürgerbegehren erforderlichen Mindestzahl von 35.000 Unterschriften. Bei diesem Verein handelt es sich um eine überparteiliche Gruppierung, die, mit dem demokratischen Instrument eines Bürgerbegehrens, das Thema „Stolpersteine auch in München“ erneut vor den Stadtrat bringen möchte.

Juni 2017, alles bereit zur Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße; Quelle: Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60453194

Für eine Aufhebung dieses Verbotes setzt sich seit vielen Jahren bereits unermüdlich die Initiative Stolpersteine auch für Münchenein, unter Vorsitz von Terry Swartzberg und hat zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Verlegungen auf privatem Grund durchgeführt. Eine weitere und bislang größte Verlegung von Stolpersteinen ist für Montag, den 11. November 2018 angesetzt, mit 34 weiteren Stolpersteinen an 11 unterschiedlichen Verlegungsorten! Ein Meilenstein, doch ist die Verlegung von Stolpersteinen auf privatem Grund meiner Meinung nach nur als  Interimslösung geeignet, denn, wie der Münchner Drehbuchautor Peter Probst, nach einer Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer aus seiner Verwandschaft anmerkte: Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. (…) Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann (…)

Juni 2017: Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen verwehrt.

Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen. Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. (…) MEHR

Umso mehr freut mich, dass sich jetzt in München eine weitere Initiative anschickt, das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund, diesmal mit politischen Mitteln, zu kippen und hoffe auf eine Bündelung von Kräften seitens beider Münchner Stolperstein-Initiativen, die dringend benötigt wird, angesichts einer äußerst engagierten Opposition.

Dem Sammeln von Unterschriften für das Bürgerbegehren sehe ich deshalb auch aus statistischer Neugier gerne entgegen, da mich brennend interessiert, ob es sich bei den Stolperstein-Gegner_Innen um tatsächlich eine Mehrheit innerhalb unserer Stadtgesellschaft handelt, wie teilweise kolportiert, oder vielmehr um die persönliche Einstellung einzelner, aber umso einflussreicher Bürgerinnen und Bürger … So äußert der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude am Ende eines Interviews 2017 in der ZEIT: Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger. MEHR

Eine derart einseitige Darstellung und Entscheidungsfindung seitens des vormals Ersten Vertreters unserer Stadt, in mehreren Passagen des Interviews, empfinde ich, als jemand, die die Vorgänge um die Stolpersteine ausgiebig recherchiert und verfolgt hat, schon bedenklich! Und unfair gegenüber uns Stolperstein-Befürwortern! Gedenken an sich ist doch ein sehr individueller, emotionaler und daher subjektiver Vorgang, dessen Wahrnehmung sich entsprechend schwer auf sachlicher Ebene erfassen oder gar bewerten lässt.

AVI PRIMOR, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999 zwischen HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker, RALPH DEJA, Berater und aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie Dorothee Piermont, ehemaliges Mitglied im Europäischen Parlament für DIE GRÜNEN, alle drei Vorstandsmitglieder des „Bürgerbegehrens“

Somit bleibt für mich auch unverständlich, dass gerade München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, heute den Nachkommen von Holocaust-Opfern verwehrt, sich für eine Form des Gedenkens zu entscheiden, die sie sich wünschen, und die in anderen Städten und Ländern Gang und Gebe ist, nämlich die der Stolpersteine, als ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig konzipiert.

Bildhauer Gunter Demnig ist nicht nur der Schöpfer der Stolpersteine – Ein Kunstprojekt für Europa, vielmehr reist er auch persönlich zur Verlegung an, hier im August 2018, in Pitten; Quelle: Wikipedia

Zumal die Genehmigung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, IN KEINEM FALL bedeuten würde, dass diese gegen den Willen von Nachkommen und ohne eingehende vorherige Prüfung seitens einer zeitgeschichtlich kompetenten Kommission erteilt würde.

Längst ist die Debatte zu einem Politikum geworden, zu dessen Leidtragenden leicht die Betroffenen werden können, wie im Fall von Peter Jordan. Seine Eltern hat er zuletzt als 15jähriger gesehen und im Holocaust verloren. Nachdem in Berlin, in den späten 1990er Jahren, erstmals Stolpersteine verlegt worden waren, die zwar erst im Nachhinein, dann aber problemlos vom Senat genehmigt wurden, folgte Peter Jordan in München diesem Beispiel und verlegte in der Mauerkircher Straße, dem letzten Domizil seiner Eltern Fritz und Paula Jordan, Stolpersteine. Die Stadt jedoch ließ diese postwendend, da nicht genehmigt, wieder herausreißen, was bei mir die Frage nach Pietät aufwirft: Muss denn etwas unbedingt ausgeführt werden, nur weil einem die Macht dazu gegeben ist? Erst im Sommer dieses Jahres wurden für die ermordeten Eltern des mittlererweile 96jährigen Peter Jordan, seitens der Landeshauptstadt München, Stelen aufgestellt.

26. Juli 2018: Eine Stele für seine ermordete Mutter! Dass er diesen Moment noch erleben durfte … Der 96jährige Peter Jordan war extra aus London angereist.

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kommentiert postwendend nach der Pressekonferenz Martin Bernstein, Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung, in der Ausgabe vom 04.09.2018, unter dem Titel Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch.  Als „falsch“ empfinde ich vielmehr, dass in München, was die Gedenkkultur anbelangt, nicht nur Verbote noch immer Persönlichkeitsrechte beschneiden, sondern dass darüber hinaus oft verunglimpft wird, wer dagegen hält! Solche Mittel der Auseinandersetzung zeugen nicht von Demokratieverständnis, ein Bürgerbegehren anzustreben hingegen schon!


Das Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in München e.V.

wird telefonisch betreut von Vorstandsmitglied Dorothee Piermont. Unter Tel. (089) 33 03 78 04 beantwortet sie gerne Frage zu Punkten, die möglicherweise aus der, weil brandneuen, Homepage http://www.buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de noch nicht hervorgehen.

Natürlich können Anliegen auch via Email übermittelt werden: info@buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de


Wir bitten um Ihre Mithilfe, vor allem um Ihre Unterschrift
Wenn Sie uns weiter unterstützen und spenden wollen, bitte auf das Konto:

IBAN: DE95 7015 0000 1005 3156 74

Wir sind gemeinnützig und stellen Spendenbescheinigungen aus. (O-Ton der Homepage)


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

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„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem außergewöhnlichen Tag, den die Landeshauptstadt München, nach 75 Jahren, erstmals dem Gedenken an die deportierten und zum größten Teil ermordeten Sinti, Reisenden, RomaJenischen, Gaukler & Komödianten widmete. Siehe dazu auch den jourfixe-Blogbeitrag „Porajmos“: „Das Verschlingen“.

Sinteza Ramona Röder im Herbst 2016 bei Eröffnung der Ausstellung über die Verfolgung der Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler & Komödianten in der NS-Zeit – Ramonas Vater wurde ein Opfer der Experimente an Zigeunerkindern von NS-Arzt Josef Mengele. Ramonas Kommentar: „Der Mengele war so ein schöner Mann! Wie konnte er nur?“ Foto: Stey

Wie schon im Herbst 2016, bei der Eröffnung der ersten Münchner Ausstellung, die der Verfolgung der Sinti und Roma gewidmet war, herrschte auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine sehr familiäre Atmosphäre, was leider auch daran lag, dass sich seitens der Münchner „Mehrheitsgesellschaft“ weniger BürgerInnen vor Ort einfanden, als erhofft, ein Umstand, der sicher auch der Uhrzeit geschuldet war, tagsüber, mitten in der Arbeitswoche … sowie dem eisigen Wind.

Vertrauter Umgang: Ganz links. Dipl. Sozialarbeiterin Uta Horstmann, die für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt; sitzend Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender im Verband deutscher Sinti & Roma, li. dahinter Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern deutscher Sinti und Roma, daneben der KZ-Überlebende Peter Höllenreiner, re. Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren von Madhouse – Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma und Initiator dieser erstmaligen Münchner Gedenkreihe, neben ihm Archivar Oliver Stey (Angehöriger der „Gaukler & Komödianten“)

Mitglieder der Familie Höllenreiner, die ich schon beim Gedenkgottesdienst getroffen hatte, den Angelika (hinten) als Sängerin mitgestaltet hatte; Foto: O. Stey

Das „Hallo“ dafür war umso lebhafter. Man kennt einander, ist oft, zumindest über drei Ecken, mit einander verwandt und beklagt gemeinsam zahlreiche Familienmitglieder unter den Opfern des Holocaust.

Mit Initator Alexander Diepold , selbst ein Sinto und Gründer/Leiter von Madhouse München, Foto: Roberto Paskowski

 

 

Auch für mich fanden an diesem Nachmittag viele Wiedersehen statt, mit FreundInnen und lieben Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zum Bestandteil meines engeren Umfelds geworden sind.

An diesem Dienstag waren wir auch im Bibbern vereint, da sich der Platz als äußerst zugig erwies. Mir taten vor allem die Musiker leid: Violinist Sandro Roy und Gitarrist Walter Abt spielten auf einer Bühne, die zwar überdacht, seitlich und hinten aber nicht geschützt war!  Ich tippte auf Fingerübungen „in ganz klamm“. 😦 Das tat jedoch dem Wohlklang keinen Abbruch.  Profi-Künstler entfalten auch unter widrigen Umständen ihr Können!

Mit Gitarrist Walter Abt und Violinist Sandro Roy mochte man an diesem Tag mit Sicherheit nicht tauschen! Es zog gnadenlos von allen Seite, doch das Duo hielt sich souverän.

Das Ausmass der Deportationswelle, die die Münchner Sinti und Roma Gemeinde im März 1943 überrollte, wurde bei der Gedenkfeier dadurch veranschaulicht, dass die Namen der Opfer, ergänzt durch die Daten zu Festnahme,  dem Ziel der Deportation und – in den meisten Fällen – auch dem Tag der Ermordung, verlesen wurden.

Marco, ein Mitglied der Familie Höllenreiner verliest die Namen und Daten zu den Deportationen in seiner Familie, die besonders massiv betroffen war. Im Hintergrund Alexander Adler, ein junger Sinto, der sich als Mediator in Schulen engagiert

Die Liste der „ziganen“ Münchner NS-Opfer nahm gefühlt kein Ende, und ich fragte mich, warum nur, bis zur Anerkennung des erlittenen Leids der Sinti und Roma während des Krieges und auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten, soviel Zeit hatte vergehen müssen?

Im obigen Video  von Gerhard Hallermayer (gh-film) finden sich die Reden von OB Reiter, Erich Schneeberger und Alexander Diepold

Eine junge Sinteza verliest Namen ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen, ein Sinto hört bewegt zu; Foto: Oliver Stey

Die Ausgrenzung von Holocaust-Opfern nach dem Krieg griff auch Madhouse-Chef Alexander Diepold in seiner Rede auf, aus der ich ausschnittsweise zitiere:

Alexander Diepold bei seiner Rede; Foto Roberto Paskowski

„75 Jahre hat es gedauert, dass auch der Minderheit der Sinti und Roma in der Weise erinnert wird, dass sie hier, am Platz der Opfer der Nationalsozialisten geehrt und gewürdigt werden. (…) Vor einigen Jahren waren hier die Opfergruppen einzeln benannt, nicht aber Sinti und Roma. (…) Dieser Platz, an dem das Ewige Licht brennt und nicht mehr ausgeht, ist nun der Ort, an dem allen, wirklich ALLEN Opfern des Holocaust gedacht wird. (…) Das Licht steht dafür, dass Menschlichkeit, auch unter der Unterdrückung, nicht ausgelöscht werden kann.“ (Die ganze Rede im obigen Video)

Die Ansprache von OB Dieter Reiter, wurde seitens der Münchner Sinti & Roma durchweg sehr positiv aufgenommen; Foto: R. Paskowski

Dieser Gedenktag kam – ebenso wie der Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern im Februar 2018 – wie Oberbürgermeister Dieter Reiter es in seiner Rede formulierte – „nicht zu früh, aber besser heute als nie“. Stimmt! Schließlich gibt es immer noch genug zu tun, nicht nur in Hinblick auf die historische Aufarbeitung des „Porajmos“  (deutsch: „das Verschlingen“), dem Holocaust der Sinti und Roma, sondern auch in Hinblick auf die weiterhin bestehenden Defizite bzgl. einer kompletten Gleichstellung dieser Volksgruppe innerhalb unserer Mehrheitsgesellschaft in München, in Bayern, in Deutschland und europaweit!

Alexander Diepold, Initator der Gedenkwoche, im Interview; Foto: Behar Heinemann

Entsprechend schloss Alexander Diepold seine Ansprache mit den Worten: Wir hoffen, dass ein solcher Gedenktag und ein entsprechendes Rahmenprogramm auf die Sensibilisierung politischer Handlungsträger sowie zur Überwindung antiziganistischer Wahrnehmung in der Verwaltung beitragen kann. (…)“  – „… und ebenso in weiten Teilen der Bevölkerung,“ möchte ich hinzufügen. Wie viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich noch vonnöten ist, stelle ich in meinem eigenen Umfeld immer wieder fest … Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von “Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. (…)  Oft gar nicht als solche wahrgenommen werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen und oft sind sie es selbst, die noch immer ihre Identität verschleiern, aus – leider durchaus begründeter – Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen. (mehr in meinem jourfixe-Blogbeitrag 25.7.17).

Solidarisch: CSU-Stadtrat Marian Offman (re), Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, mit dem bayerischen Landesvorsitzenden deutscher Sinti & Roma, E. Schneeberger

Daher bemühe ich mich, durch Berichterstattung über die Social-Media-Seiten meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie im jourfixe-Blog ein wenig zu einer den Tatsachen entsprechenden Wahrnehmung beizutragen. Was für mich als journalistisches Interesse im Herbst 2016 begann, ist mir inzwischen zu einer persönliches Herzensangelegenheit geworden!

Behar Heinemann, eine „stolze Rom“, wie sie sich selbst bezeichnet,  führt die Klischees einer „Zigeunerin“ ad absurdum: Attraktiv, gebildet, weitläufig vernetzt, arbeitet sie als Fotografin, Coach und Autorin, u.a. der vielbeachteten Biographie „Romani Rose, ein Leben für die Menschenrechte

Als unser aller Aufwärm-Station, bis zur Abendveranstaltung im Rathaus, diente dann der „Pub“ im Münchner Ratskeller, nicht wirklich zur Freude des Personals, das sich wenig fröhlich zeigte, angesichts der großen, bunten Menschengruppe, die sich unvermittelt eingefunden hatte.

„Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation, Sinteza Ramona Röder, Patrick Treuvelot, Edith Grube/Kuratorin Madhouse, Sonja Günther-Mamudova, Münchner Ratskeller, Foto: Stey

Meine Freundin Ramona meinte, es läge daran, dass man sie als Sinti identifiziert habe. Beweisen ließ sich Ramonas Vermutung nicht, jedoch zeigte die Äußerung, wie sehr Ramona die Vorurteile sensibilisiert haben, denen sie ihr ganzes Leben lang als Sinteza ausgesetzt war …

Soziologin „Die starken Frauen der Sinti“ und preisgekrönte Filmemacherin Duii Roma„, Iovanca Gaspar, mit Ehemann Josef, beide Madhouse-Mitarbeiter

Jedenfalls setzte ich mich mit der Soziologin und Filmemacherin (Duii Roma), Iovanca Gaspar, an einen Tisch, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Adrian Gaspar (s. Foto u.), der für den Dokumentarfilm seiner Mutter einen bemerkenswerten Soundtrack vertont und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs uraufgeführt hat. Adrian lebt und arbeitet vorwiegend in der Wiener Szene, leitet aber seit Januar in München die Impro-Musikreihe BRIDGEBEAT Jam, jeweils am letzten Mittwoch im Monat, im Kulturzentrum 2411.

Ein Roma-Pianist und ein Sinti-Geiger = zwei ausgezeichnete Musiker, beim kollegialen Plausch im Münchner Ratskeller: Adrian Gaspar, ein Macher der Wiener Musikszene (li) und der bereits international gefeierte Sandro Roy (re)

Die letzte Station der Gedenkfeierlichkeiten führte ins Münchner Rathaus, zu einem dieser hochoffiziellen Empfänge. Erstmals in der bundesrepublikanischen Chronik Münchens hatten sich dazu zahlreiche RepräsentantInnen der hiesigen Sinti- und Roma-Gemeinde im großen Sitzungssaal, der Schaltzentrale unserer Stadt eingefunden und teilweise ganz selbstverständlich in der ersten Reihe niedergelassen, die protokollarisch normalerweise, neben den Veranstaltern und unmittelbar Mitwirkenden, den Honoratioren der Stadt vorbehalten ist.

Gaby dos Santos, dahinter Ramona Röder, Romani Rose

Mir gefiel dieser ungewohnte Ausbruch aus den ehernen Regularien des Protokolls -mitten hinein in die zwischenmenschliche Parität. Doch standen auch genug leere Stühle zur Verfügung, da von städtischen FunktionsträgerInnen an diesem Abend eher wenige zu sehen waren, abgesehen von  der unermüdlichen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie einigen wenigen anderen, die durch ihre Anwesenheit Solidarität bekundeten,

Romani Rose im Gespräch mit Ilse Snopkowski, Foto: O. Stey

wie Ilse Ruth Snopkowski, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, für die ich 2011/2012 die Büroleitung und Organisation der 25. Jüdischen Kulturtage übernommen hatte. Als krank extra entschuldigt hatten sich der Grünen-Stadtrat Florian Roth sowie Claudia Stamm – Vorsitzende der Partei mut. Beide Politiker unterstützen die Interessen der Münchner Sinti und Roma schon seit einiger Zeit.

Bei der Rede von Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender der deutschen Sinti & Roma: V. l. Dr. Andreas Häusler/Stadtarchiv, 3. vor dem Gang: Zeitzeuge Peter Höllenreiner, Romani Rose/Vorsitzender des deutschen Zentralrats der Sinti & Roma, Christine Strobl/SPD/2. Bürgermeisterin. Nach dem Mittelgang, v.li.: Polizeipräsident Hubertus Andrä, daneben Charlotte Knobloch/Vorsitzende der IKG München, neben ihr zwei Damen aus der Sinti-Gemeinde, eine davon, rechts außen, ist die Großmutter eines der Opfer des OEZ-Anschlags

Doch Sitzordnung hin oder her, befand man sich, mit dem Rathaus als Veranstaltungsort, im städtischen „LaLa-Land“ des Protokolls, das  – für mich – oft schwer nachvollziehbaren Hierarchien und Regeln folgt.

Behar Heinemann u. Marcella Reinhard/Regionalverband dt. Sinti & Roma in Augsburg (Bildmitte) im Gespräch mit Polizeipräsident Andrä; Foto: Stey

So begrüßte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD),  neben dem Bundesvorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose  und dem bayerischen  Landesvorsitzenden, Erich Schneeberger, die protokollarischen V.I.P.s und die Redner des Abends, wie der Münchner Polizeipräsident, Hubertus Andrä, außerdem die zwei anwesenden Stadträte, darunter mein SPD-Parteigenosse Christian Vorländer.

Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl  (SPD) bei ihrer Begrüßungsrede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Behar Heinemann

Nur Alexander Diepold, Initiator, in Kooperation mit u.a. der Landeshauptstadt München sowie dem Stadtarchiv UND Schlüsselfigur von Gedenktag und Themenwoche, blieb unerwähnt!? War möglicherweise einfach versäumt worden, seinen Namen unserer Bürgermeisterin in die Rede zu schreiben? Kann vorkommen, würde aber auch gewisse Schwachpunkte eines „Protokolls“ belegen, das, in den Spähren des „Honorigen“ konzipiert, Gefahr läuft, die eigentlichen ProtagonistInnen einer Veranstaltung zeitweilig zur Staffage geraten zu lassen. Selbst seit Jahrzehnten Veranstalterin, tat mir Alexander Diepold in diesem Moment menschlich sehr leid, da ich, auf Grund eigener Erfahrungen ahnte, wie viel Kraft und noch mehr Zeit er in die Verwirklichung dieses Anlasses gesteckt haben musste.

Romani Rose, Bundesvorsitzender Zentralrat deutscher Sinti & Roma

Dass in Folge auch der Bundesvorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der von mir stets verehrte Romani Rose, Alexander Diepold und dessen Verdienste ebenfalls mit keinem Wort erwähnte, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sind ihm doch das Engagement und die Verdienste Alexander Diepolds bekannt? Aber, wie gesagt, bleibt das Protokoll für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Erich Schneeberger; Foto: R. Paskowski

Glücklicherweise erwähnte danach zumindest der bayerische Landesvorsitzende deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, Alexander Diepold namentlich und sprach ihm seinen Dank aus! Außerdem begrüßte er in seiner Ansprache – vermutlich ein protokollarischer Routine geschuldeter Lapsus, „die hohe Geistlichkeit“, die tatsächlich aber komplett fehlte. Was für ein Manko, angesichts der unrühmlichen historischen Rolle einer zumindest unterlassenen Hilfeleistung, die die Kirche bei der Verfolgung der „Zigeuner“ im Dritten Reich spielte! > Siehe dazu Romani Roses Schilderungen im ZDF/bei Markus Lanz/12.09.14, Passage ab ca. Minute 6.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hielt im Rathaus eine ungeschönte Rede zur Rolle der Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma

Als Respekt einflößend, weil ebenso ungeschönt wie zukunftsweisend, empfand ich hingegen die Rede des Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: (…) „Die Deportation von Münchner Kindern, Frauen und Männern heute vor 75 Jahren war ein Verbrechen. Es war ein Verbrechen aus rassistischen Gründen, begangen durch Angehörige und unter Mitwirkung der Münchner Polizei. Daran gibt es nichts zu deuteln. (…) Es ist mir eine Ehre, vor den Überlebenden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen, die nicht müde wurden, auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen, ein Grußwort sprechen zu dürfen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Die Münchner Polizei ist sich ihrer Verantwortung vor der Vergangenheit bewusst. Wir schließen unsere Augen nicht vor der Schuld, die Münchner Polizeibeamte im
Nationalsozialismus auf sich geladen haben. (…) Die Diskriminierung der Sinti und Roma hat eine lange europäische Geschichte. Vorbehalte sind teilweise tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert.

Die Rolle der (Münchner) Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma war auch Thema einer gesonderten Veranstaltung im Polizeipräsidium; Foto: Oliver Stey

Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet. Für die Münchner Polizei geht es bei Ermittlungen um Taten und Täter, ohne Ansehen der jeweiligen Person, aber niemals um Abstammung oder Herkunft. Wir verstehen uns als Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und treten für die Sicherheit aller hier lebenden Menschen ein. (…) Die Vergangenheit sei  für die Gegenwart unerlässlich und würde an die jungen Polizeibeamten weitergegeben, als Hüter unserer demokratischen Gesellschaftsform. Solche Reden, in denen, statt irgendwelcher Floskeln, persönliche Empfindungen und Reflexionen spürbar werden, werten offizielle Empfänge für mich immer wieder auf, weil DER MENSCH hinter den WürdenträgerInnen, in berührenden Momentaufnahmen, wieder sichtbar wird …

Zu solchen besonderen Momenten – wie hätte es anders sein können – zählte auch die Rede von Peter Höllenreiner, der als Kind die medizinischen Versuche und Höllen verschiedener NS-Konzentrationslager überlebt hat. „Ich bin ein verfolgter DEUTSCHER.“  So bezeichnete sich der Münchner Sinto und Zeitzeuge selbst bei seiner Gänsehaut-Rede, die immer wieder – unter dem Druck seiner Gefühle – ins Stocken geriet.

Der Münchner Sinto und Zeitzeuge Peter Höllenreiner mit Alexander Diepold (Madhouse) während seiner Rede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Edith Grube

Peter Höllenreiner, Alexander Diepold; Foto: Roberto Paskowski, 13.3.2018

Die Rede von Peter Höllenreiner machte mehr als betroffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählte. Nur wenige Tage vor seinem 4ten Geburtstag wurde er mit seiner Familie und weiteren Sinti von München in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Insgesamt waren es über 140 Münchner Sinti und Roma die man als „Zigeuner“ diffamierte und verfolgte. Viele der Deportierten wurden ermordet. So verlor die Familie Höllenreiner allein 36 Familienmitglieder,“ erinnert Aktivistin Edith Grube in der Beschreibung zu ihrem Facebook-Foto weiter oben.

Die Rede von Zeitzeuge Peter Höllenreiner ist eine einzige Anklage, nicht zuletzt auch der Umgang der Bundesrepublik mit der „ziganen“ Minderheit in den Jahrzehnten nach dem Krieg. „Eine große Enttäuschung“, so Peter Höllenreiner.

Der Junge aus Auschwitz, E-Book, Paperback, ISBN: 9783745053517 von Maria Anna Willer

„Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hat, kommt Peter Höllenreiner 1945 als Sechsjähriger zurück in seine Geburtsstadt München. Seine Schulzeit beginnt und die Welt begegnet ihm, als ob nichts gewesen wäre. ‚Hintere, in die letzte Bank!‘, heißt es in der Schule. Die Ausgrenzung geht weiter. Peter Höllenreiner und seine Familie waren der nationalsozialistischen Verfolgung als sogenannte „Zigeuner“ ausgesetzt gewesen. Trotz Demokratie, neuer Regierungsform und der Erklärung von Menschenrechten – die alten Vorurteile blieben weiterhin: „Zick zack Zigeunerpack!“ Eine Lehrstelle hätte er als Sinto nie bekommen. Seine Kinder bekamen später auch keine. Die Ausgrenzung zog sich weiter durch die nächsten Generationen. Und immer wieder stand er als Sinto unter Generalverdacht. Er habe das Schlechte mit der Mutterbrust eingesogen, unterstellt ihm ein Richter. Doch Peter (….) schafft es, nach den traumatischen Kinderjahren ein erfolgreiches Leben zu führen – trotzdem er ohne Schulabschluss und Berufsausbildung ist. Er hat eine Gabe und weiß sie zu nutzen: Er kann Altes von Neuem unterscheiden. Er handelt mit Antiquitäten, später mit Schmuck. Er pachtet ein Geschäft in der Theatinerstraße. Inkongnito natürlich, als Sinto hätte er ein Geschäft in dieser Lage nie bekommen. ‚Wir mussten uns immer beweisen.‘ Seine Vergangenheit streift er ab, so gut es geht. Auch seine Tätowierung am linken Unterarm.“ 

(Quellen der o.g. Zitate: Klappentext der Biografie (kursiv) und meine zeitnahen Posts, 13.3., direkt aus dem Rathaus)

Der Junge aus Auschwitz, Edition Kindle,

Erst 2015 Jahren besucht Peter Höllenreiner erstmals wieder Auschwitz und erlebt er dort, nach eigenem Bekunden,einen der Höhepunkte seines Lebens: Papst Franziskus trifft holocaustüberlebenden Sinto Peter Höllenreiner beim stillen Gebet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau 

Aus meinem Post 13.3.: Lange war es ihm gelungen, seine Erinnerungen zu verdrängen. Nun holen sie ihn immer stärker ein. ‚Jetzt habe ich jede Nacht Alpträume.‘ Sichtlich schwer fällt ihm auch, von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Immer wieder bricht ihm die Stimme … Ich ertrage es kaum noch, ihm zuzuhören. Abschließend wünscht er sich, die aktuellen Fortschritte im Umgang mit „seinen Menschen“ hätte er in seiner Jugend erleben dürfen und fügt in seiner Rede, an den Polizeipräsidenten gewandt, hinzu: „Ich wünsche mir, dass das jetzt begonnene Gespräch weitergeführt wird. Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden“ (…) „Wir möchten uns nie mehr verstecken müssen!“

Zu Recht „Stehende Ovationen“ für Peter Höllenreiner nach seiner Rede im Rathaus; Foto Erich Neubauer

Nach seiner Rede gab es Standig Ovations für Peter Höllenreiner. In meinem Facebook-Post notierte ich: Musikalischer Ausklang mit Sandro und seinem Trio. Zum dahin schmelzen. Begeisterter Applaus und würdiger Abschluss dieses Tages ganz im Zeichen des Gedenkens an die Deportation und Ermordung der Münchner Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler und Komödianten. Und hoffnungsvoller Auftakt zu einem neuen festen Termin in der jährlichen Münchner Kulturagenda.

Bürgermeisterin Christine Strobl u. Peter Höllenreiner, Foto: Stey

Bürgermeisterin Christine Strobl schließt die Veranstaltung, wohltuend abseits aller protokollarischen Diktate, mit der für sie typischen Münchner Herzlichkeit und dem Fazit, dass sie selten eine so berührende Veranstaltung erlebt habe, nicht zuletzt wegen der Rede Peter Höllenreiners. Sie dankt ihm mit der Feststellung, dass sie beide die Münchnerische Färbung in der Aussprache verbinde. Liebenswert.😊Und quot erat demonstrandum: Wir ALLE sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, in dem die Sinti schon seit Jahrhunderten unter uns leben! Und augenscheinlich allmählich auch immer mehr mit uns! Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich fast schon wieder versöhnt mit den protokollarischen Gegebenheiten solcher Veranstaltungen   Fast. .. (Ende meiner Posts vom 13.3.18)

… denn auf die vielen emotionalen Höhepunkten folgte … ein abruptes Ende der Veranstaltung! Seit Beginn meiner Kulturarbeit 1994 habe ich unzählige städtische und staatliche Empfänge erlebt, aber noch nie, dass nicht zumindest ein Getränk im Anschluss an eine Veranstaltung gereicht worden wäre, zumal eine ganze Reihe von Gästen extra angereist und schon seit dem Nachmittag vor Ort in München gewesen waren.

Am Ende, ganz jenseits des Protokolls, begrüßt Christine Strobl „Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation Neben ihm der wunderbar einfühlsame Psychologe Aldo Rivera der Münchner Beratungsstelle Madhouse; Foto: Stey

Journalist Erich Neumann schreibt dazu auf My Heimat.deObwohl sogar eine Delegation aus Spanien und Serbien vor Ort war, zeigte sich die Weltstadt mit Herz nicht gerade von ihrer besten Gastgeberseite, als mit dem offiziellen Ende auch keine Möglichkeit zu einem weiteren Austausch mehr bestand und ein abruptes Auseinanderdriften der Teilnehmer wenig schönen Ausklang bedeutete, obwohl ein kleiner Stehempfang dies ebenso abgefangen hätte, als es dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Mein Fazit: In den vergangenen beiden Jahren hat sich mehr in Bezug auf die Aufarbeitung des „Porajmos“ und die Gleichstellung der Sinti & Roma in München getan, als in den 73 Jahren zuvor. Einen ersten Meilenstein setzte 1980 ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, der eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisierte. Abgesehen von der überfälligen Unterzeichnung des Staatsvertrages, hat sich nun in München vor allem Alexander Diepold Siebenmeilen-Stiefel übergestreift:

Vor einem Jahr noch, am  berichtete Viktoria Spinrad in der Süddeutschen Zeitung, unter dem Titel Soll das alles sein?“:  Sie sind von den Nazis verfolgt worden, bis heute fühlen sich viele von ihnen diskriminiert: Die Sinti und Roma in München wollen stärker gehört werden. Bei einer Veranstaltung im Eine-Welt-Haus fordern sie unter anderem einen Gedenktag und ein würdiges Mahnmal (…)

Dieser feste Münchner Gedenktag, alljährlich am 13.März, ist nun eingeführt! Chapeau allen, die mit unermüdlichem Engagement dazu beigetragen haben, ihn für uns Münchnerinnen und Münchner zu verwirklichen, seitens der Stadt ebenso wie seitens der Sinti- und Roma-AktivistInnen!


Weitere themenverwandte jourfixe-Blogbeiträge:

Gedenkgottesdienst für die in der NS–Zeit ermordeten Sinti & Roma
Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
Verbitterung aus ziganen Kreisen
nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Der „eingebettete“ Video-Clip stammt – mit herzlichem Dank – von Gerhard Hallermayer, GH-Film HD, YouTube Kanal


Ein ausführlicher und ergänzender Artikel von Erich Neumann zu dieser Veranstaltung findet sich unter www.myheimat.de


Auf der Homepage des BR findet sich eine ausführliche Übersicht mit zahlreichen Illustrationen Zur Geschichte der Sinti und Roma: Der lange Weg von Indien nach Deutschland“ 


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Todeszug in die Freiheit“ – MO, 29.1.2018, 23.55 Uhr, ARD, Impressionen der Vorschau im Jüdischen Museum München

„Wir wussten nicht, in welcher Sprache … zu welchem Gott sie in Ihrer Verzweiflung gebetet hatten … kannten nicht ihre Namen“, hieß es sinngemäß in einer Trauerrede, die 1945 für ermordete KZ-Häftlinge in einer kleinen Ortschaft bei Prag gehalten wurde. Die Toten waren Opfer der mörderischen Willkür einiger SS-Wachen geworden, die während eines Zugstopps wahllos auf Häftlinge geschossen hatten, als diese sich mit etwas Proviant versorgen wollten, das ihnen von der einheimischen Bevölkerung gespendet wurde. Nun, tragischerweise nur wenige Tage vor Kriegsende, trug man sie zu Grabe, doch wurden sie einzeln und respektvoll beigesetzt, anstatt, wie sonst bei KZ-Häftlingen üblich, in einem Massengrab verscharrt zu werden; ein Akt stiller Auflehnung dem NS-Regime gegenüber und  eine weitere, letzte Geste der Menschlichkeit, der viele, ganz unterschiedliche Hilfsmaßnahmen vorangegangen waren, mit denen die Bevölkerung entlang der Bahnstrecke Zeichen von Solidarität, Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesetzt hatte.

Waggon mit weiblichen Häftlingen auf dem Bahnhof Roztoky, heimliche Aufnahme von Vladimír Fyman, 30. April 1945. Mittelböhmisches Museum, Roztoky; Bildquelle: Gedenkstelle Flossenbürg

Mit dem Näherrücken der Allierten war begonnen worden, Häftlinge aus den Konzentrationslagern zu evakuieren; zu diesem Zweck wurden zahlreiche Züge eingesetzt. Was diesen „Todeszug“ von den anderen unterschied, war nicht nur seine Größe von !77 offenen Güterwagons voller Häftlinge, oder die Hilfs- und Sabotagemaßnahmen, mit denen die Bevölkerung seine Fahrt begleitete, sondern dass dieser Zug die meisten seiner Insassen in die Freiheit führte, die am Ende der Reise Partisanen für sie erkämpften! Durch glückliche Umstände sind zu den Ereignissen um diesen Zugtransport eine ganze Reihe filmischer und fotografischer Zeugnisse  in tschechischen Archiven erhalten geblieben. Sie bilden die Grundlage zum Dokumentarfilm „Todeszug in die Freiheit“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks:

„Jahrelang haben die beiden Filmer Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, die für den Film „Verbrechen Liebe„/Bayerischer Rundfunk, mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, diese Geschichte recherchiert. Es ist ihnen gelungen, zahlreiche Zeitzeugen zu finden, Menschen, die damals in den Waggons ihrem Schicksal entgegen fieberten, genauso aber auch viele tschechische Helfer, die damals dabei waren“, so das ERSTE auf der Homepage zum Dokumentarfilm Todeszug in die Freiheit

Aus dem Vorspann des Dokumentarfilms „Todeszug in die Freiheit“

Hilfe und Rettung erfolgten auf unterschiedlichste Weise. Einige Häftlinge, die ihren Waggon hatten verlassen dürfen, wurden von der Bevölkerung in den Wartesaal des kleinen Bahnhofs geschleust, dort heimlich neu eingekleidet und dann ins Freie geleitet. Manche versteckten sich in der örtlichen Typhus-Station, deren Betreten den SS- und Wehrmachtstruppen wegen der Ansteckungsgefahr untersagt war. Auch unter den Häftlingen fanden sich Typhus-Patienten, die selbstlos vor Ort versorgt wurden, was einer Helferin das Leben kostete … Mehr zu den damaligen Vorkommnissen berichtete im Anschluss an die Filmvorführung auch die Witwe eines der damaligen Ärzte  in Roztoky.

Zug mit KZ-Häftlingen, 1945, Quelle: Mittelböhnmisches Museum/ARD-Homepage

An der Produktion beteiligt und im Film auch als Kommentator präsent, ist Jörg Skribeleit, seit fast zwanzig Jahren Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dass er sich nicht allein als institutionalisierter Verwalter eines NS-Tatorts versteht, sondern sich mit Leidenschaft für dessen historische Aufarbeitung und Dokumentation einsetzt, wurde nicht nur anhand seiner Erläuterungen im Film selbst spürbar, sondern auch im anschließenden Gespräch mit Mocellin und Muggenthaler. Andrea Mocellin erinnerte, wie ihnen nach einer einstündigen Vorbesprechung zum Film mit Schaudern aufgefallen war, dass dabei zwanzig unterschiedliche Begriffe für „sterben“ gebraucht worden waren!

Nachbesprechung von „Todeszug in die Freiheit“ von Thomas Muggentaler (ganz links) und Andrea Mocellin (2. von re.), moderiert von Andreas Bönte/BR (Mitte); ganz rechts Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg; Jüdisches Museum München, 23.1.18

Einfühlsam moderiert wurde die Nachbesprechung von Andreas BönteFernsehjournalist und stellvertretender Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks sowie Leiter des Programmbereichs BR FernsehenARD-alpha und 3sat. Entsprechend kündigte er Reprisen im BR-Fernsehen an, ebenso einen ganzen Themenabend rund um den Film auf ARD-alpha. Der Zeitpunkt stehe allerdings noch nicht fest.

Erfreulich und wohlverdient empfand ich den Großen Bahnhof, mit dem das Publikum, darunter hochrangige Münchner Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, den Film aufnahm. Zusätzliche Würdigung erhielt dieser durch das Erscheinen von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kultusminister Ludwig Spaenle

Als hingegen nicht ganz befriedigend empfand ich die einleitende Rede von Dr. Ludwig Spaenle, bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (CSU). Leider sprach er einseitig den Antisemitismus und die „Shoah“ an, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas, obgleich im Film auch das Schicksal von Häftlingen eine Rolle spielt, die aus anderen, politischen Gründen zu Opfern wurden. Ebenso erschien mir überflüssig, da im Kontext unverständlich, Dr. Spaenles abschließende Versicherung seiner Verbundenheit mit dem Staat Israel, der hier in keiner Weise Thema war. Vielmehr ging es doch an diesem Abend um eine beeindruckende Dokumentation zu Leid und Zivilcourage am Ende des Dritten Reiches? Einmal mehr stellte sich mir die Frage nach dem Sinn von Reden aus den Reihen der Politik bei solchen Anlässen.

Der geschäftsführende Vorstand der Freien Bühne München, vertreten durch Gründerin Angelica (Mitte) und Marie-Elise Fell (rechts) im Jüdischen Museum

Zu verdanken hatte ich diesen Filmabend unserem jourfixe-Neumitglied Angelica Fell. Die gelernte Journalistin (BR, ZDF, Print) und Initiatorin der inklusiven Freien Bühne München (FMB e.V.), entpuppt sich immer wieder  als begnadete Netzwerkerin, die es nicht nur versteht, Menschen zusammenzuführen, sondern dazu auch stets einen anregenden Rahmen auftut, wie eben diese Filmvorschau im Jüdischen Museum, zu der sich zahlreiche Kolleginnen des ehemaligen ZDF-Kultmagazins „Mona Lisa“ zusammengefunden hatten –„lauter Monalisen“, wie Angelica sie scherzhaft nannte, zumal mit Andrea Mocellin eine weitere Ex-Kollegin sogar im Mittelpunkt der Veranstaltung stand! Allerdings lebt diese, wie sie mir beim anschließenden Empfang berichtete, inzwischen in Berlin und arbeitet für den rbb – Rundfunk Berlin Brandenburg.

Allererstes Treffen im Jüdischen Museum, nach monatelangen Telefonaten und Emails: Constanze Hegetusch, Autorin der TV-Doku „Die unheilvolle Narbe“, die am Vorabend im BR gelaufen war und Gaby dos Santos

Angelica verdanke ich auch die erste persönliche Begegnung mit Dokumentarfilmerin Constanze Hegetusch. Ihr Film Die unheilvolle Narbe, über das Schicksal der Sinteza und Holocaust-Überlebenden Rita Prigmore war am Vorabend, in der Reihe „Lebenslinien„, im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt worden, und ich hatte ihn  über meine Social-Media-Kanäle und die jourfixe-Seiten auf Facebook mitbeworben. Zwar hatte ich nicht damit gerechnet, die Dokumentarfilmerin, nach monatelangen Emails und Telefonaten ausgerechnet an diesem Abend endlich persönlich kennen zu lernen, aber ein erstes Treffen gerade in diesem, ebenfalls NS-Opfern gewidmeten Rahmen, fühlte sich für mich sehr stimmig an!

Beim Empfang im Jüdischen Museum nach der Filmvorführung: Von links: Angelica Fell, Thomas Muggenthaler, Andrea Mocellin und Gaby dos Santos, Hintergrund li.: Jörg Skribeleit

Ende Januar, rund um den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar, erfolgen regelmäßig Publikationen, TV- und Radio-Sendungen sowie Veranstaltungen zum Thema, natürlich auch im Jüdischen Museum München, dessen  Veranstaltungen, betreut von der Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin und Galeristin Anne Uhrland, ich sehr schätze. Unvergessen bleibt mir dabei der Gedenkabend am 27.1.2015, mit Holocaust–Zeitzeugin Helga Verleger, in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der mich zum jourfixe-Blogbeitrag „Naja …“ Holocaust-Zeitzeugin Helga Verleger im Jüdischen Museum inspirierte –

Allmählich versterben solche ZeitzeugInnen. Für umso wichtiger halte ich jede Art von Dokumentationsarbeit, die dazu beiträgt, die Erinnerung mahnend wach zu halten, wie dieser „Roadmovie der besonderen Art“, der uns Zuschauerinnen und Zuschauer moralisch in die Pflicht nimmt: Für mich persönlich lautet seine Botschaft, dass Menschlichkeit und Zivilcourage auch unter widrigen Umständen, in vielfältiger Form möglich sind, die Bereitschaft vorausgesetzt, sich sehenden Auges und mit Empathie der Not anderer zu stellen! Insofern halte ich diesen Film gerade aktuell für gesellschaftlich relevant und finde es schade, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Bildungsauftrag einem solchen Beitrag, wie überhaupt der Reihe „Geschichte im ERSTEN“, keinen prominenteren Sendeplatz einräumt, als montags am späten Abend!


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Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4. und Nachtrag zum Blogbeitrag 20.4.

Nach Absage bzw. „Vertagung“ der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik!“ nun, via SZ-Artikel vom 21.4.17,  geht es nun um die Gründe, die zur Absage einer Veranstaltung geführt haben, bei welcher der Dialog und das gemeinsame palästinensisch-israelische Ringen um Frieden im Vordergrund gestanden wäre. Mit der Evangelischen Akademie in Tutzing als stimmigem Veranstaltungsort:

Diese Gründe, die diesmal der Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn, der SZ gegenüber ausführt, erscheinen mir wie eine vertraute, gute alte Platte mit Sprung: Unter den Organisator_Innen der geplanten Tagung befand sich eine Person, die der Boykottkampagne „BDS“ („Boykott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel nahe steht , mit dem Ziel, die Regierung zu einer Kursänderung in Bezug auf Palästina zu bewegen. Allerdings wäre das Thema „BDS“ in keiner Weise Gegenstand der Tagung gewesen, so dass für mich diese Absage – wieder einmal – unverständlich ist. Es stimmt mich bedenklich, mitzuerleben, dass hier in München und Umgebung Israel kritische Haltungen/Äußerungen dazu führen können, dass Menschen ausgegrenzt und Veranstaltungen abgesagt werden, wobei  Charlotte Knobloch und ihr Umfeld in der IKG München eine entscheidende Rolle spielen.
„Israel kritisch“ wird dabei automatisch mit „Israel feindlich“ gleichgesetzt und das wiederum mit „Antisemitismus“. Eine Argumentationskette, die ich für konstruiert halte. Können denn nicht Kritik und daraus abgeleitete Maßnahmen, gerade auch aus dem Wunsch heraus erfolgen, endlich den Frieden in Israel und damit auch nachhaltig dessen Existenz zu sichern? Abgesehen davon, dass sich durchaus auch israelische Staatsbürger_Innen und jüdische Mitbürger_Innen für BDS-Sanktionen aussprechen. Und sind nicht Boykott-Maßnahmen  (meiner Ansicht nach „leider“) weltweit als politisches Druckmittel verbreitet und akzeptiert?

Was die Wahl politischer Mittel anbelangt, muss um diese in einer demokratischen Gesellschaft gestritten werden dürfen, aber bitte in angemessener Form und ohne Repressalien für Andersdenkende! Genau das Gegenteil davon habe ich jedoch in letzter Zeit immer wieder erlebt, wenn es um Themen ging, zu denen die Vertreter_Innen der IKG München um Charlotte Knobloch herum ein Meinungsmonopol für sich beanspruchen. Was mich an deren Anspruch schockiert, ist nicht der – nachvollziehbare – Wunsch, eigene Vorstellungen durchzusetzen, sondern die Wahl der Mittel dazu, durch die der Ruf von Kontrahent_Innen massiv in Frage gestellt, wenn nicht gar nachhaltig beschädigt wird. (Details dazu in den unten aufgelisteten Blogbeiträgen)

Da werden Fluten von Mails an Entscheidungsträger_Innen versandt oder Beiträge in anonymen! Blogs lanciert, in denen in aggressivem Ton die Absage von nicht genehmen Veranstaltungen gefordert und immer wieder auch erreicht wird. So wie diesmal in Tutzing.

Auf der Strecke bleiben engagierte Mitbürger_Innen, anregende Veranstaltungen und auf Dauer auch ein gutes Stück Meinungsfreiheit. Leider blicken wir Bürger_Innen ja nicht bis in die Hinterzimmer unserer Entscheidungsträger_Innen, können also nicht genau benennen, welcher Druck von wem, wann, auf was ausgeübt wird. Dass aber Druck ausgeübt wird, zeigt sich spätestens, wenn wieder einmal, wie jetzt, eine Veranstaltung abgesagt bzw. auf Nimmerwiedersehen verschoben wird.


Im SZ-Artikel finden sich Details zur Absage, sowie der Link zu einem weiteren SZ-Bericht, der ähnliche Vorgänge in der Schwabinger Erlöserkirche im September letzten Jahres beschreibt, als dort ein Benefiz-Konzert abgesagt wude


Details zu meinen o.g. zusammengefassten Beobachtungen finden sich in meinen nachstehenden jourfixe-Blogbeiträgen:
April 2017: Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“
Juli 2016: Stolpersteine auch in München
Frühjahr 2016: Verliehen aber nicht vergeben – Zur Aberkennung des Anita-Augspurgpreises 2015
Herbst 2016: Terry Swartzbergs Steine des Anstosses


Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

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Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“

Dass Versöhnung möglich ist, zeigen die israelisch-palästinensischen Friedensgruppen, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten und sich um Ausgleich der Interessen bemühen. Ihre VertreterInnen haben wir nach Tutzing eingeladen und wollen herausfinden, was von ihnen zu lernen ist (…), formulierte auf ihrer Homepage die Evangelischen Akademie in Tutzing. in ihrer Einladung zu obiger Tagung.

Für den 12. bis 14 Mai 2017 hatte die Akademie, in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie München und mit der Petra Kelly-Stiftung zu obigem Symposium geladen:

Herzliche Einladung, sich an einem Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing auf einen Perspektivwechsel einzulassen und Wege jenseits der ausgetretenen Pfade kennen zu lernen.


 Als OrganisatorInnen unterzeichneten:
 
Dr. Ulrike Haerendel, Stellv. Direktorin, Evangelische Akademie Tutzing
Jutta Höcht-Stöhr, Direktorin, Evangelische Stadtakademie München
sowie
Judith Bernstein, Publizistin, Friedensaktivistin, München
Ralph M. Deja, Vorstand Chaverim und Diözesanvorstand Pax Christi, München
Alexandra Senfft, Schriftstellerin und Publizistin, Fuchstal 
Gesa Tiedemann, Geschäftsführerin, Petra-Kelly-Stiftung, München

Evangelische Akademie in Tutzing; Foto: Gaby dos Santos, Referentin bei der Tagung „Erster Weltkrieg – Eine europäische Erfahrung„, Dezember 2014

Diese Einladung klang vielversprechend. Es überraschte mich aber auch, dass eine solche Tagung überhaupt angesetzt war, nachdem in letzter Zeit thematisch ähnliche Veranstaltungen regelmäßig be– oder auch ganz verhindert worden waren. Immer wieder war dabei der Vorwurf des Antisemitismus erhoben worden, ein Vorwurf, dessen inzwischen inflationärer Gebrauch ich für gefährlich kontraproduktiv halte, wie ich auch schon in meinem Artikel Verliehen, aber nicht vergeben, 2016, geäußert habe.  Damals wurde der Münchner Sektion der Frauenliga für Frieden und Freiheit, (IFFF/WILPF), der bereits zugesprochene Anita-Augspurg-Preis 2015 in letzter Minute wieder aberkannt, auf massiven Druck seitens Charlotte Knobloch und ihrem Umfeld in der IKG München. Vorgeworfen wurde der IFFF, der BDS-Bewegung nahe zu stehen (“Boycott, Divestment, Sanctions“), die zum Boykott israelischer Waren als politisches Druckmittel aufruft. Von solchen Maßnahmen halte ich persönlich nichts, aber noch viel weniger halte ich von Eingriffen in unser demokratisches Gefüge, zu Lasten der freien Meinungsäußerung, mit der immer gleichen Unterstellung, dass eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Palästina-Politik Israels mit Antisemitismus gleichzustellen und daher in jeglicher (eben auch veranstalterischer) Form zu unterbinden sei.

Und so überrascht es nicht, dass die Vorfreude auf diesen überparteilichen, palästinensisch-israelischen Austausch nicht lange währte. Offensichtlich blieben Angriffe auch gegen diese geplante Veranstaltung nicht aus:

So heißt es – auszugsweise – in einer „Richtigstellung“  von Jutta Höchst-Stöhr auf der Homepage der Evangelischen Stadtakademie München, vom 6.4.17: (…) gibt es infame Verleumdungen im Internet. Dort wird behauptet, wir plädierten für den Boykott Israels, der unter dem Logo BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) von Palästinensern initiiert wurde und dem sich viele, auch Juden und Israelis, angeschlossen haben. Dies ist nicht der Fall. Als Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München habe ich mir bei mehreren Reisen und vielen Begegnungen in Israel und Palästina ein Bild über die Lage vor Ort gemacht. Dezidiert finde ich den Beziehungsabbruch von beiden Seiten keine Lösung, also auch nicht den kulturellen oder sonstigen Boykott, der die Zusammenarbeit unter Verdikt stellt. Deshalb haben wir die Tagung in Tutzing so angelegt, dass wir Friedensgruppen eingeladen haben, in denen Israelis und Palästinenser heute noch zusammenarbeiten. (…)

Veranstaltungsfoto „Struggle for a Just Peace in Palestine-Israel“ der East Liberty Presbyterian Church, Pittsburgh,  Quelle

Am 12. April folgte das offizielle – vorläufige? – Aus: Auf der Veranstaltungsseite teilt der Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing, Udo Hahn, mit: (…)Wir haben uns jetzt entschieden, diese Tagung zu verschieben, da es uns nicht gelungen ist, alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen. Wir werden das Thema zu gegebener Zeit wieder aufgreifen.

Judith Bernstein

Dazu schrieb mir die Publizistin und Friedensaktivistin, Judith Bernstein,  eine der OrganisatorInnen der Tagung, in einer ebenso bewegenden wie bewegten Mail: Es ist wirklich ein Skandal, vor allem wenn man überlegt, dass unter den Referenten z.B. Eltern sind, die ihre Kinder im Konflikt verloren haben und dennoch im Dialog stehen und zusammenarbeiten. Wir haben auch einen ehemaligen palästinensischen Widerstandskämpfer eingeladen, der zusammen mit seinem israelischen Partner für den Friedensnobelpreis nominiert ist. Alle Referenten gehören zu den letzten Stimmen, die aus Sorge um die Zukunft beider Völker auf der Suche nach Alternativen zum jetzigen Stillstand sind. Ich frage mich, was ist da „christlich“, wenn solche Leute ausgeladen werden.

„Christlich“ ist der Aspekt, der mich, als Mitglied der EKD, an diesem Vorkommnis besonders beschäftigt, und zu dem ich mich Judith Bernstein gegenüber, in Zusammenhang mit der Absage, geäußert hatte. Dass ein gewisses Taktieren im politischen Geschäft, mit bestimmten Mauscheleien und Rücksichtnahmen – sozusagen als Kollateralschaden – im demokratischen Miteinander dazu gehören, vermag ich nicht immer nachzuvollziehen, habe mich aber damit einigermaßen abgefunden. Von einer Institution wie die Evangelische Akademie wünsche ich mir jedoch  Unparteilichkeit in politisch-weltlichen Hinsicht, zugunsten eben jener Werte, die sie namentlich vertritt.

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, The Hebrew University Of Jerusalem, Foto:

„Dass eine deutsche evangelische Akademie in einem Land, dessen Verfassung die Meinungsfreiheit fest verankert hat, daran teilnimmt, die Meinungsfreiheit von Friedensbewegten aus dem Nahen Osten zu verletzen, bestürzt uns. Die israelische Besatzungspolitik zu kritisieren und das palästinensische Recht auf nationale Selbstbestimmung zu befürworten, ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen und somit durch die Meinungsfreiheit geschützt.“, schreibt am 19.4.2017 Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, Hebrew University Of Jerusalem, an den evangelischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford–Strom und an Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Diesen Offenen Brief schreibt er  im Namen aller „Wir, die zur Tagung eingeladenen ‚Intellektuellen aus Palästina und Israel‘ „ – und er schreibt ihn auch in meinem Namen.


Link zum vollständigen Brief von Prof. Dr. Zimmermann, datiert 19.4.2017

NACHTRAG: Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4.2017


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Allgemein

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter www.stolpersteine-muenchen.de  ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


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