Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard

Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4. und Nachtrag zum Blogbeitrag 20.4.

Nach Absage bzw. „Vertagung“ der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik!“ nun, via SZ-Artikel vom 21.4.17,  geht es nun um die Gründe, die zur Absage einer Veranstaltung geführt haben, bei welcher der Dialog und das gemeinsame palästinensisch-israelische Ringen um Frieden im Vordergrund gestanden wäre. Mit der Evangelischen Akademie in Tutzing als stimmigem Veranstaltungsort:

Diese Gründe, die diesmal der Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn, der SZ gegenüber ausführt, erscheinen mir wie eine vertraute, gute alte Platte mit Sprung: Unter den Organisator_Innen der geplanten Tagung befand sich eine Person, die der Boykottkampagne „BDS“ („Boykott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel nahe steht , mit dem Ziel, die Regierung zu einer Kursänderung in Bezug auf Palästina zu bewegen. Allerdings wäre das Thema „BDS“ in keiner Weise Gegenstand der Tagung gewesen, so dass für mich diese Absage – wieder einmal – unverständlich ist. Es stimmt mich bedenklich, mitzuerleben, dass hier in München und Umgebung Israel kritische Haltungen/Äußerungen dazu führen können, dass Menschen ausgegrenzt und Veranstaltungen abgesagt werden, wobei  Charlotte Knobloch und ihr Umfeld in der IKG München eine entscheidende Rolle spielen.
„Israel kritisch“ wird dabei automatisch mit „Israel feindlich“ gleichgesetzt und das wiederum mit „Antisemitismus“. Eine Argumentationskette, die ich für konstruiert halte. Können denn nicht Kritik und daraus abgeleitete Maßnahmen, gerade auch aus dem Wunsch heraus erfolgen, endlich den Frieden in Israel und damit auch nachhaltig dessen Existenz zu sichern? Abgesehen davon, dass sich durchaus auch israelische Staatsbürger_Innen und jüdische Mitbürger_Innen für BDS-Sanktionen aussprechen. Und sind nicht Boykott-Maßnahmen  (meiner Ansicht nach „leider“) weltweit als politisches Druckmittel verbreitet und akzeptiert?

Was die Wahl politischer Mittel anbelangt, muss um diese in einer demokratischen Gesellschaft gestritten werden dürfen, aber bitte in angemessener Form und ohne Repressalien für Andersdenkende! Genau das Gegenteil davon habe ich jedoch in letzter Zeit immer wieder erlebt, wenn es um Themen ging, zu denen die Vertreter_Innen der IKG München um Charlotte Knobloch herum ein Meinungsmonopol für sich beanspruchen. Was mich an deren Anspruch schockiert, ist nicht der – nachvollziehbare – Wunsch, eigene Vorstellungen durchzusetzen, sondern die Wahl der Mittel dazu, durch die der Ruf von Kontrahent_Innen massiv in Frage gestellt, wenn nicht gar nachhaltig beschädigt wird. (Details dazu in den unten aufgelisteten Blogbeiträgen)

Da werden Fluten von Mails an Entscheidungsträger_Innen versandt oder Beiträge in anonymen! Blogs lanciert, in denen in aggressivem Ton die Absage von nicht genehmen Veranstaltungen gefordert und immer wieder auch erreicht wird. So wie diesmal in Tutzing.

Auf der Strecke bleiben engagierte Mitbürger_Innen, anregende Veranstaltungen und auf Dauer auch ein gutes Stück Meinungsfreiheit. Leider blicken wir Bürger_Innen ja nicht bis in die Hinterzimmer unserer Entscheidungsträger_Innen, können also nicht genau benennen, welcher Druck von wem, wann, auf was ausgeübt wird. Dass aber Druck ausgeübt wird, zeigt sich spätestens, wenn wieder einmal, wie jetzt, eine Veranstaltung abgesagt bzw. auf Nimmerwiedersehen verschoben wird.


Im SZ-Artikel finden sich Details zur Absage, sowie der Link zu einem weiteren SZ-Bericht, der ähnliche Vorgänge in der Schwabinger Erlöserkirche im September letzten Jahres beschreibt, als dort ein Benefiz-Konzert abgesagt wude


Details zu meinen o.g. zusammengefassten Beobachtungen finden sich in meinen nachstehenden jourfixe-Blogbeiträgen:
April 2017: Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“
Juli 2016: Stolpersteine auch in München
Frühjahr 2016: Verliehen aber nicht vergeben – Zur Aberkennung des Anita-Augspurgpreises 2015
Herbst 2016: Terry Swartzbergs Steine des Anstosses


Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jew. Link

Standard

Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“

Dass Versöhnung möglich ist, zeigen die israelisch-palästinensischen Friedensgruppen, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten und sich um Ausgleich der Interessen bemühen. Ihre VertreterInnen haben wir nach Tutzing eingeladen und wollen herausfinden, was von ihnen zu lernen ist (…), formulierte auf ihrer Homepage die Evangelischen Akademie in Tutzing. in ihrer Einladung zu obiger Tagung.

Für den 12. bis 14 Mai 2017 hatte die Akademie, in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie München und mit der Petra Kelly-Stiftung zu obigem Symposium geladen:

Herzliche Einladung, sich an einem Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing auf einen Perspektivwechsel einzulassen und Wege jenseits der ausgetretenen Pfade kennen zu lernen.


 Als OrganisatorInnen unterzeichneten:
 
Dr. Ulrike Haerendel, Stellv. Direktorin, Evangelische Akademie Tutzing
Jutta Höcht-Stöhr, Direktorin, Evangelische Stadtakademie München
sowie
Judith Bernstein, Publizistin, Friedensaktivistin, München
Ralph M. Deja, Vorstand Chaverim und Diözesanvorstand Pax Christi, München
Alexandra Senfft, Schriftstellerin und Publizistin, Fuchstal 
Gesa Tiedemann, Geschäftsführerin, Petra-Kelly-Stiftung, München

Evangelische Akademie in Tutzing; Foto: Gaby dos Santos, Referentin bei der Tagung „Erster Weltkrieg – Eine europäische Erfahrung„, Dezember 2014

Diese Einladung klang vielversprechend. Es überraschte mich aber auch, dass eine solche Tagung überhaupt angesetzt war, nachdem in letzter Zeit thematisch ähnliche Veranstaltungen regelmäßig be– oder auch ganz verhindert worden waren. Immer wieder war dabei der Vorwurf des Antisemitismus erhoben worden, ein Vorwurf, dessen inzwischen inflationärer Gebrauch ich für gefährlich kontraproduktiv halte, wie ich auch schon in meinem Artikel Verliehen, aber nicht vergeben, 2016, geäußert habe.  Damals wurde der Münchner Sektion der Frauenliga für Frieden und Freiheit, (IFFF/WILPF), der bereits zugesprochene Anita-Augspurg-Preis 2015 in letzter Minute wieder aberkannt, auf massiven Druck seitens Charlotte Knobloch und ihrem Umfeld in der IKG München. Vorgeworfen wurde der IFFF, der BDS-Bewegung nahe zu stehen (“Boycott, Divestment, Sanctions“), die zum Boykott israelischer Waren als politisches Druckmittel aufruft. Von solchen Maßnahmen halte ich persönlich nichts, aber noch viel weniger halte ich von Eingriffen in unser demokratisches Gefüge, zu Lasten der freien Meinungsäußerung, mit der immer gleichen Unterstellung, dass eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Palästina-Politik Israels mit Antisemitismus gleichzustellen und daher in jeglicher (eben auch veranstalterischer) Form zu unterbinden sei.

Und so überrascht es nicht, dass die Vorfreude auf diesen überparteilichen, palästinensisch-israelischen Austausch nicht lange währte. Offensichtlich blieben Angriffe auch gegen diese geplante Veranstaltung nicht aus:

So heißt es – auszugsweise – in einer „Richtigstellung“  von Jutta Höchst-Stöhr auf der Homepage der Evangelischen Stadtakademie München, vom 6.4.17: (…) gibt es infame Verleumdungen im Internet. Dort wird behauptet, wir plädierten für den Boykott Israels, der unter dem Logo BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) von Palästinensern initiiert wurde und dem sich viele, auch Juden und Israelis, angeschlossen haben. Dies ist nicht der Fall. Als Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München habe ich mir bei mehreren Reisen und vielen Begegnungen in Israel und Palästina ein Bild über die Lage vor Ort gemacht. Dezidiert finde ich den Beziehungsabbruch von beiden Seiten keine Lösung, also auch nicht den kulturellen oder sonstigen Boykott, der die Zusammenarbeit unter Verdikt stellt. Deshalb haben wir die Tagung in Tutzing so angelegt, dass wir Friedensgruppen eingeladen haben, in denen Israelis und Palästinenser heute noch zusammenarbeiten. (…)

Veranstaltungsfoto „Struggle for a Just Peace in Palestine-Israel“ der East Liberty Presbyterian Church, Pittsburgh,  Quelle

Am 12. April folgte das offizielle – vorläufige? – Aus: Auf der Veranstaltungsseite teilt der Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing, Udo Hahn, mit: (…)Wir haben uns jetzt entschieden, diese Tagung zu verschieben, da es uns nicht gelungen ist, alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen. Wir werden das Thema zu gegebener Zeit wieder aufgreifen.

Judith Bernstein

Dazu schrieb mir die Publizistin und Friedensaktivistin, Judith Bernstein,  eine der OrganisatorInnen der Tagung, in einer ebenso bewegenden wie bewegten Mail: Es ist wirklich ein Skandal, vor allem wenn man überlegt, dass unter den Referenten z.B. Eltern sind, die ihre Kinder im Konflikt verloren haben und dennoch im Dialog stehen und zusammenarbeiten. Wir haben auch einen ehemaligen palästinensischen Widerstandskämpfer eingeladen, der zusammen mit seinem israelischen Partner für den Friedensnobelpreis nominiert ist. Alle Referenten gehören zu den letzten Stimmen, die aus Sorge um die Zukunft beider Völker auf der Suche nach Alternativen zum jetzigen Stillstand sind. Ich frage mich, was ist da „christlich“, wenn solche Leute ausgeladen werden.

„Christlich“ ist der Aspekt, der mich, als Mitglied der EKD, an diesem Vorkommnis besonders beschäftigt, und zu dem ich mich Judith Bernstein gegenüber, in Zusammenhang mit der Absage, geäußert hatte. Dass ein gewisses Taktieren im politischen Geschäft, mit bestimmten Mauscheleien und Rücksichtnahmen – sozusagen als Kollateralschaden – im demokratischen Miteinander dazu gehören, vermag ich nicht immer nachzuvollziehen, habe mich aber damit einigermaßen abgefunden. Von einer Institution wie die Evangelische Akademie wünsche ich mir jedoch  Unparteilichkeit in politisch-weltlichen Hinsicht, zugunsten eben jener Werte, die sie namentlich vertritt.

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, The Hebrew University Of Jerusalem, Foto:

„Dass eine deutsche evangelische Akademie in einem Land, dessen Verfassung die Meinungsfreiheit fest verankert hat, daran teilnimmt, die Meinungsfreiheit von Friedensbewegten aus dem Nahen Osten zu verletzen, bestürzt uns. Die israelische Besatzungspolitik zu kritisieren und das palästinensische Recht auf nationale Selbstbestimmung zu befürworten, ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen und somit durch die Meinungsfreiheit geschützt.“, schreibt am 19.4.2017 Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, Hebrew University Of Jerusalem, an den evangelischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford–Strom und an Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Diesen Offenen Brief schreibt er  im Namen aller „Wir, die zur Tagung eingeladenen ‚Intellektuellen aus Palästina und Israel‘ „ – und er schreibt ihn auch in meinem Namen.


Link zum vollständigen Brief von Prof. Dr. Zimmermann, datiert 19.4.2017

NACHTRAG: Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4.2017


Zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link


Standard

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

2016_07_04_Helene_Simons_Portraitfoto_Sibylle_Schwarzbeck

Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

Terry_Swartzberg_Stolpersteine_fuer_Muenchen

Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter http://www.stolpersteine-muenchen.de – ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


Zum Verzeichnis aller bisherigen Blog-Beiträge mit jeweiligem Link

Standard

Verliehen aber nicht vergeben – Der Anita-Augspurg-Preis 2015 zwischen Posse und Politikum

„Wenn die israelitische Kultusgemeinde die Vergabe des Preises als Angriff sieht, steht es uns angesichts unserer Geschichte gut an, das ernst zu nehmen“, sagte Fraktionschef Hans Podiuk. Damit ließ die CSU die Preisverleihung platzen (…), schrieb SZ.de zur Aberkennung des Anita-Augspurg-Preises 2015 an die Münchner Gruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF).

Die Namensgeberin des Preises, Anita Augspurg, Foto 1902, war 1915 Mitbegründerin der IFFF/WILPF

Die Namensgeberin des Preises, Anita Augspurg, Foto 1902, war 1915 Mitbegründerin der IFFF; Quelle

Der Preis wird zu Ehren der Namensgeberin und Aktivistin für Frieden und Frauenrechte Anita Augspurg seit 1994 von der Landeshauptstadt München verliehen und zeichnet Frauenorganisationen aus,„die zu mehr Gleichberechtigung von Frauen beitragen“. Verliehen wird der Preis seitens einer Jury aus Frauenverbänden unter dem Vorsitz von Stadträtin Lydia Dietrich /Die Grünen.

Der Münchner Merkur zitiert dazu Dietrich in einem Artikel vom 9.3.16: „Sie (Anm.: die IFFF-München) sind seit langem aktiv in der Friedens- und Frauenpolitik, engagieren sich gegen Waffenexporte und Militarismus“, sagt Dietrich im Merkur und verweist darauf, „dass die IFFF auch bei den Vereinten Nationen berät und Frauenperspektiven bei der Klimaschutzkonferenz in Paris eingebracht hätte. In München, schätzt sie, sind 20 bis 30 Frauen aktiv. (Anm.: tatsächlich ca. 60 Mitglieder) Aber auch Dietrich räumt ein, es seien bei IFFF-Texten „problematische Formulierungen“ dabei. „Aber ich will nicht, dass die IFFF darauf reduziert wird.

Wurde sie aber offensichtlich doch, denn seinen Artikel hatte Felix Müller im Merkur überschrieben mit: „Frauenpolitik: Städtischer Preis für Israel-Feinde?

Logo der deutschen Sektion der IFFF/WILPF

Logo der deutschen Sektion der IFFF/WILPF

Bereits Mitte Februar waren Stimmen laut geworden, die der IFFF vorwarfen, der BDS-Bewegung (Anm.:“Boycott, Divestment, Sanctions“ als politisches Druckmittel) nahe zu stehen, so nachzulesen im anonymen Blog Schlamassel vom 18.2., Titel:  Anita-Augspurg-Preis für BDS-Organisation?. Des weiteren wird dort beanstandet: „(…) wer auf der offiziellen Seite der ‚Frauenliga für Frieden und Freiheit‘ auf den Link „Nahostkonflikt“ klickt, findet dort ausschließlich wortgewaltige Verurteilungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates. Unter anderem macht die Münchner IFFF-Aktivistin Heidi Meinzolt ihrem Ärger Luft und fordert ein Ende der „internationalen Rücksichtnahme auf die schwierige Situation des Staates Israel“.

Auf welche Weise die zu dem Zeitpunkt eigentlich noch geheime Entscheidung zugunsten der IFFF durchgesickert war, ist nicht bekannt, aber der Stein wurde so ins Rollen gebracht … 

Protest am Marienplatz gegen ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis, gegen den erstarkenden Militarismus in Deutschland. Zweite von links: Brigitte Obermayer, dann Eleonore Broitzmann, Brigitte Schuchard

Protest am Marienplatz gegen ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis, gegen den erstarkenden Militarismus in Deutschland. 2. von  links: Brigitte Obermayer, dann Eleonore Broitzmann, Brigitte Schuchard

Am 22. Februar fand eine Anhörung der Münchner IFFF-Aktivistinnen Brigitte Obermayer und Heidi Meinzolt statt, unter Leitung von CSU-Stadtrat Marian Offman, der auch Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München ist. Desweiteren anwesend: Nicole Lassal, neue Leiterin der Frauengleichstellungsstelle der LH München, die für die Preisvergabe verantwortlich zeichnet, außerdem Jury-Vorsitzende Lydia Dietrich. Brigitte Obermayer und Heidi Meinzolt gaben an, dass die Münchner Sektion der IFFF selbst nicht mit der BDS-Kampagne befasst gewesen sei und persönlich dieses politische Druckmittel auch ablehne, da es die Falschen treffe. Damit schienen die Vorbehalte gegenüber einer Auszeichnung der IFFF München mit dem Anita-Augspurg-Preis ausgeräumt; die IFFF-München erhielten ein offizielles Gratulationsschreiben (Ausschnitte), datiert 25. Februar.

Die wichtigsten Passagen aus dem Gratualtionsschreiben an die IFFF-München, vom 25.02.2016

Die wichtigsten Passagen aus dem Gratualtionsschreiben von Nicole Lassal, Leiterin der Frauengleichstellungsstelle der LH München, an die IFFF-München, vom 25.02.2016

Doch hinter den Kulissen brodelte es offensichtlich weiter: Die Kritik des „Schlamassel“-Blogs wurde in Folge vom Online-Portal „Hagalil“  unter dem Titel: „Die Obsession zu Israel aufgegriffen, weitere Blogs, wie „Planet dissi/Antisemitismus schlossen sich an.

Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF-München, 17.3.16, Seidlvilla

Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF-München, 17.3.16, Seidlvilla

Im Zuge einer erneuten Debatte im Personalausschuss des Münchner Stadtrates erreichte Brigitte Obermayer, Sprecherin der IFFF München, die Aufforderung zu einer nochmaligen Stellungnahme und zwar „ad hoc“, da nunmehr eine Entscheidung über die Preisvergabe nicht länger vertagt werden könne. Obermayer blieb daher keine Zeit, ihre Liga-Kolleginnen zu erreichen, um sich mit ihnen bezüglich einer neuen Formulierung zu besprechen; vielmehr musste sie sich ganz allein die geforderte weitere Stellungnahme „aus dem Ärmel schütteln„, wie sie es später ausdrückte.

„Die Sprecherin der Gruppe München, Brigitte Obermayer, versichert dass die BDS-Kampagne in München nicht unterstützt wurde, da die Gruppe München andere Arbeitsschwerpunkte hat:

* Kampf gegen Gewalt an Frauen mit den Schwerpunkten Zwangsprostitution, Frauen- und Menschenhandel

* Einsatz für internationale Abrüstung

* Verbreitung und Unterstützung der UN Resolution 1325, für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Konfliktlösungsfällen

Wir in München sehen Sanktionen und Boykottmaßnahmen durchaus kritisch. Sie treffen immer auch Menschen, die nichts dafür können. Es gab umfassende Wirtschaftssanktionen, z.B. gegen den Irak, gegen Jugoslawien oder Haiti mit verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung. Daraus haben wir gelernt, dass Sanktionen und Boykottmaßnahmen meist keine geeigneten Maßnahmen sind, um nachhaltigen Frieden zu erreichen; deshalb setzen wir uns immer für Konfliktlösung im Dialog ein.“ (Brigitte Obermayer)

Diesen Text jedoch, vor allem das Wort „meist“ gegen Ende der Stellungnahme, interpretierten Teile des Stadtrats als „Rücktritt vom Rücktritt“ seitens der Münchner Liga-Frauen, also als eine Distanzierung von ihrer vorhergehenden Distanzierung gegenüber den BDS-Forderungen ihrer Dachorganisation. Einen Tag später informierte die Gleichstellungsbeauftragte Lassal die zur Verleihung des Anita-Augspurg-Preises geladenen Gäste in einem Schreiben, dass der Festakt am 17.3. im Alten Rathaussaal abgesagt und eine Entscheidung bzgl. der Preisvergabe vertagt worden sei.

Der Münchner Merkur berichtete zeitgleich: Doch kein städtischer Preis für umstrittene Frauengruppe“ (…) Das hat die CSU im Stadtrat durchgesetzt. Die Preisvergabe wurde abgesagt. (…) Der Stadtrat verschob die Entscheidung über die Vergabe des frauenpolitischen Anita-Augspurg-Preises am Mittwoch, nachdem unsere Zeitung über Vorwürfe, die Organisation sei israelfeindlich, berichtet hatte (…)

Dass die Preisverleihung nicht nur vertagt, sondern definitiv abgesagt worden war, erfuhr die IFFF – ausschließlich! – durch eine weitere, knappe Pressemeldung in der SZ vom 11.3. Dort stand auch zu lesen, dass im Ältestenrat nun überdacht werde, die Jury des Frauenrechtspreises anders zu besetzen, um Probleme mit Kandidatinnen vorab zu klären. (…)“ 

Da stellt sich mir die Frage, ob und welches politische Kalkül hinter einer solchen Umbesetzung stecken könnte. Sollte eine Jury nicht eher für Unabhängigkeit als für Harmlosigkeit stehen?

Die Frauen der "Women's International League for Peace an Freedeom" (WILPF/IFFFF) Im Kampf um den Frieden, 1915 wie 2015, Quelle

Die Frauen der „Women’s International League for Peace an Freedeom“ (WILPF/IFFF): Aktiv im Kampf um den Frieden, 1915 wie 2015; Das Foto rechts stammt aus den Gründertagen | Quelle: wilpfinternational.org (Peace)

Einen Beigeschmack hat für mich auch die Tatsache, dass zum ersten Mal, seit 1994 der Anita-Augspurg-Preis ausgelobt wurde, mit der IFFF-München eine Frauenorganisation geehrt werden sollte, die eben nicht eher unverfängliche soziale bzw. kulturelle Ziele verfolgt, sondern politische. Diesen Kurs vertrat schon IFFF-Mitbegründerin und Preis-Namensgeberin Anita Augspurg (1857 – 1943). Ihr und ihren Mitstreiterinnen, denen damals noch nicht einmal das Wahlrecht zustand, gelang es in den Kriegswirren von 1915, im neutralen Den Haag zu einer transnationalen Friedenskonferenz zusammen zu kommen; Frauen verbündeter wie verfeindeter Staaten gleichermaßen! Geeint durch die vehemente Ablehnung des Krieges, wagten sie sich damit auf Konfrontationskurs mit dem damals vorherrschenden militaristisch-nationalen Zeitgeist.

1915 treffen Frauen aus befreundeten und verfeindeten Nationen zum ersten transnationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag zusammen; Quelle

1915 treffen Frauen aus befreundeten und verfeindeten Nationen zum 1. transnationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag zusammen; Quelle

„Wir Frauen so vieler verschiedener Nationalitäten, die wir uns, um unsere Gefühle auszudrücken, verschiedener Sprachen bedienen müssen, von denen eine jede ihre eigenen nationalen Charakterzüge trägt, sind hierher gekommen, in dem gleichen Bewußtsein, mit den gleichen Hoffnungen, dem einen Wunsch, daß unsere Stimme bis ans Ende der Erde dringe im Protest gegen diesen fürchterlichen Massenmord und gegen die Annahme, Krieg sei der einzige Weg, internationale Konflikte auszutragen.“ Mit diesen Worten eröffnete Dr. Aletta Jacobs, erste praktizierende Ärztin in den Niederlanden und Vorsitzende des niederländischen Zweiges der Internationalen Frauenstimmrechtsbewegung, den Ersten Internationalen Kongress europäischer und amerikanischer Frauen.

Zu den Organisatorinnen zählte auch Anita Augspurg, deren Friedensarbeit von der IFFF-München von Generation zu Generation und mit großem ehrenamtlichen Einsatz bis heute weiter getragen wurde  …

Video der Feierlichkeiten von 2015, zum 100. Jahrestag des Frauenfriedenskongresses in Den Haag:

 In unser aller Interesse sollten Bemühungen um dauerhaften globalen Frieden auf breite Zustimmung stoßen, auch seitens der Politik. Die aber wird nicht wirklich aus dem Stadium diplomatischer Lippenbekenntnisse hinaus kommen, solange Waffenlobbies, territoriale Interessen und nationales Machtbewusstsein eine Rolle spielen. Dem wiederum widersetzen sich Friedensaktivist_Innen in aller Welt, so auch die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF/WILPF), die dadurch von Anfang an Vorbehalten bis hin zu Repressalien ausgesetzt war.

Brigitte Schuchard, Historikerin und Aktivistin der Münchner IFFF-Gruppe

Brigitte Schuchard, Historikerin und Aktivistin der Münchner IFFF-Gruppe

Daran erinnerte die Historikerin und IFFF-Mitglied Brigitte Suchard  bei einem  „Gedankenaustausch“, der am 17. März in der Seidlvilla stattfand, anstelle der Preisverleihung im Alten Rathaussaal:  „Immer wieder wird die IFFF in ungerechtester Art herabgesetzt, diffamiert, verfolgt – durch die Nationalsozialisten, durch die bayerische Landesregierung der 50er bis in die späten 60er Jahre (Anmerk: Verdacht eventueller kommunistischer Umtriebe);  und heute, 2016, kann sich der Münchner Stadtrat nicht entschließen, der Münchner Gruppe den bereits zugesagten Preis zu verleihen (…)  Auch ich persönlich fühle mich von dem Vorwurf des Antisemitismus und der Israelfeindlichkeit gekränkt, denn ich habe mich vor allem in meinen beruflichen Jahren (als Referentin für Zeitgeschichte am MPZ) mit großem Engagement in Schulen und der Erwachsenenbildung dafür eingesetzt, über die unsäglichen nationalsozialistischen Verbrechen genau zu informieren und damit das Bewusstsein und den Willen zu einem „Nie Wieder“ in die Menschen zu pflanzen und ich habe – und das war mir ein Herzensanliegen – in vielen Führungen und Stadtrundgängen versucht, vergangene und gegenwärtige jüdische Kultur lebendig werden zu lassen. Ich habe versucht, Sensibilität zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen in Bezug auf die deutsche Geschichte und den Holocaust.“

„(…)  die IFFF ist aus meiner Sicht kein würdiger Empfänger“, urteilt hingegen  Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden München und Oberbayern in einem Kommentar, ebenfalls im Münchner Merkur vom 10.3.  Die internationale Dachorganisation der IFFF beschäftige sich „völlig übermäßig und obssesiv mit Israel und schreckt dabei nicht vor üblen, überzogenen Diffamierungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates zurück. Haltlose Anschuldigungen gehen einher mit den inzwischen um sich greifenden Boykottforderungen der BDS-Bewegung, mit der die Organisation offen sympathisiert.“ (…) Abschließend äußert Charlotte Knobloch in ihrem Merkur-Statement, das Recht auf freie Meinungsäußerung relativierend: (…) „Dass jedoch israelfeindliche Gruppierungen auch noch ausgezeichnet werden, übersteigt die Schmerzgrenze der jüdischen Gemeinschaft“.

Anita Augspurg in den 40er Jahren

Anita Augspurg in den 40er Jahren

Die IFFF erwidert auf ihrer Homepage: „Arme Anita Augspurg!  73 Jahre nach deinem Tod im Schweizer Exil  wird nun die Organisation, die du mit so viel Herzblut und Engagement mitten im 1. Weltkrieg gegründet hast und die als Gruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit noch immer in deiner Heimatstadt München für Frieden und Gerechtigkeit arbeitet, nach „aktueller Lesart“ des Antisemitismus bezichtigt. (…) Du, die mit Jüdinnen, mit Frauen aus kriegsführenden und nicht kriegsführenden Ländern eng zusammengearbeitet hast und immer Rechtsverletzungen und Gewalt angeprangert hast, würdest dich fragen, warum man immer noch nicht Unrecht beim Namen nennen darf und Wege aus der Gewaltspirale ignoriert!“

Man kann die Haltung der IFFF/WILPF gegenüber der Politik Israels befürworten oder auch ablehnen; in Zusammenhang mit dem Anita-Augspurg-Preis sollte das jedoch keine Rolle spielen, weil es hier um die Auszeichnung ganz anderer Meriten geht, was sowohl aus der Selbstdarstellung des Preises hervorgeht, wie auch aus der Bewerbung der IFFF-München um selbigen. Auch IFFF-Sprecherin Brigitte Obermayer betonte mir gegenüber nochmals in einem Schreiben: “Wir haben uns als Münchner Gruppe um den Anita Augspurg Preis beworben, weil  Münchner Frauen seit 1915 in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit/IFFF mitarbeiten. Wir haben eine 100jährige Geschichte in dieser Stadt. Das Wissen um diese klugen und mutigen Frauen ist ein Auftrag an die jüngeren Generationen dort anzusetzen, wo sie für uns vorgedacht haben. Ein Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Das geht nur, wenn sich viele für das Weiterleben auf diesem Planeten einsetzen. Das geht nur, wenn wir zusammen entscheiden, dass die Menschen wichtiger sind als der Profit und die Habgier. Das geht nur, wenn wir die Ziele unserer Vorfahrinnen umsetzen, dafür setzen wir uns ein.”Anita_Augspurg_Lida_Gustava_Heymann_1868

Daher – und nicht zuletzt angesichts des historischen Hintergrunds, ist die Aberkennung des Preises für mich, selbst noch nach wochenlanger Recherche, nicht nachvollziehbar. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wie es heutzutage für eine Friedensorganisation möglich sein soll, Friedenspolitik zu betreiben und dabei die Palästina-Frage auszuklammern?

Ein Artikel wie der von IFFF-Nahost-Koordinatorin Heidi Meinzolt 10.1.2009: Israel außerhalb der Staatengemeinschaft, auf der Homepage der Organisation, mag vielfach als „starker Tobak“ empfunden werden, auf „Dämonisierung“ zielt er jedoch, meinem Empfinden nach, nicht ab. Vielmehr skizziert er in sehr direkter Sprache Verhältnisse, die hierzulande in der Regel diplomatischer umschrieben werden.

Heidi Meinzolt, Nahost-Koordinatorin der IFFF nimmt Stellung zu den gegen ihren Homepage-Artikel geäußerten Vorwürfen; 17.3.2016, Seidlvilla

Heidi Meinzolt, Nahost-Koordinatorin der IFFF, nimmt Stellung zu den gegen ihren Artikel geäußerten Vorwürfen; 17.3.16, Seidlvilla

Meinzolts Artikel jedoch entstand unter dem Einfluss persönlicher Eindrücke, die sie selbst kurz zuvor in Palästina gesammelt hatte und fiel entsprechend emotional aus. Dass aber Emotionalität in einer (politischen) Auseinandersetzung ein schlechter Stichwortgeber ist, äußert Meinzolt inzwischen selbst in ihrer Stellungnahme auf der IFFF-Homepage: (…) „ich habe gelernt, dass Wut und Empörung immer auch Verletzungen anderer in Kauf nehmen und einen möglichen Dialog über Grenzen hinweg behindern. Das bedauere ich, gerade auch in der Münchner Diskussion, weil sie falsche Debatten auslöst. Ich sehe mich jedoch nach wie vor in der 100-jährigen Tradition der IFFF/WILPF, Unrecht zu analysieren und auch gegen den jeweiligen Mainstream zu benennen.“ (…)

Natürlich stehen wir Deutschen gegenüber unseren jüdischen Mitbürger_Innen in der Pflicht eines sensiblen Umgangs; zu Vasallentreue gegenüber der israelischen Politik sollte das meiner Meinung nach aber nicht führen müssen. Sollte nicht gerade unter befreundeten Staaten Kritik zwingend erlaubt sein?

"Gedankenaustausch in der Seidlvilla statt Preisverleihung im Alten Rathaus, v li.: Heidi Meinzolt, Brigitte Obermayer, Brigitte Schuchard von der IFFF-München, 17.3.2016

„Gedankenaustausch in der Seidlvilla statt Preisverleihung im Alten Rathaus, v li.: Heidi Meinzolt, Brigitte Obermayer, Brigitte Schuchard von der IFFF-München, 17.3.2016

Statt dessen sehe ich im Zusammenhang mit den Vorfällen rund um den Anita-Augspurg-Preis 2015  eine Entwicklung bestätigt, die Erika Christmann der  Projektgruppe „Frauen wagen Frieden„, (Evangelische Arbeitsstelle Arbeit und Gesellschaft/Pfalz) in einem Schreiben an den Münchner Stadtrat, mit Kopie an die IFFF-München, zusammenfasst:

Mit großer Enttäuschung und auch Zorn erleben wir immer wieder, wie auch vor einigen Wochen bei den deutsch-israelischen Konsultationen, dass die Freude an weiteren gemeinsamen Projekten in die Öffentlichkeit getragen wird, von Kritik an der israelischen Besatzungspolitik aber nichts zu hören ist. Besonders entmutigend ist natürlich auch, dass Sie die Kritik der Münchner IFFF (Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit) an der israelischen Politik als israelfeindlich, ja auch antisemitisch bewerten.“ (…)

Die US-Aktivistinnen von Code Pink erhalten am 15.4.2016 den Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt der Stadt Bayreuth; Quelle

Die US-Aktivistinnen von Code Pink erhalten am 15.4.2016 den Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt der Stadt Bayreuth; Quelle

Vielleicht ist Ihnen die Debatte um die Preisverleihung in Bayreuth an die Code-Pink-Frauen, die bereits den Aachener-Friedenspreis 2014 erhalten haben, entgangen. (Anm.: Sie waren ähnlichen Vorwürfen wie die IFFF-München ausgesetzt.) Man hat sich aufgrund genauerer Informationen und vielleicht auch durch gezielteres Nachdenken über Antisemitismus durch eine erneute Abstimmung im Stadtrat entschlossen, den Preis zu verleihen, übrigens auch unter besonderer Fürsprache der CSU. Vielleicht ist Ihnen auch entgangen, dass in den letzten Monaten verstärkt jüdische Gruppierungen oder auch Einzelpersonen gezielt Preisverleihungen und Veranstaltungen, bei denen auch Kritik an der israelischen Politik zu erwarten ist, in Verruf bringen, ja Bürgermeister, Volkshochschulen und andere Institutionen mit der sogenannten Antisemitismuskeule erpressen, so dass diese Veranstaltungen abgesagt, die Referenten ausgeladen bzw. die Zusage für die Räumlichkeiten zurückgenommen werden.“ (…)

Die im obigen Absatz beschriebenen Absagen scheinen mir zwar nicht unbedingt gerechtfertigt, aber durchaus nachvollziehbar: Das Ausmass der Verbrechen, in die der Antisemitismus im Dritten Reich gipfelte, wirkt auf die meisten von uns bis heute mit solcher Nachhaltigkeit, dass wir nicht annähernd in den Verdacht des Antisemitismus geraten wollen. Dieses Bedürfnis nach Distanzierung spricht für uns und muss bewahrt bleiben. Erpressbar sollte uns das aber nicht machen! Nun sind die Grenzen zwischen angemessener und unverhältnismäßiger Rücksichtnahme fließend, was gerade Entscheidungsträger_Innen im unmittelbaren Umgang mit Vertreter_Innen Israelitischer Kultusgemeinden und deren Anliegen immer wieder vor Probleme stellen dürfte. Wären aber nicht gerade deshalb offen ausgetragene Debatten, zum deutsch-jüdischen Leben in München, zu Gedenkformen wie den Stolpersteinen und auch zur Politik Israels zielführender, als Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand? Die halte ich für wesentlich bedenklicher, als offen und demokratisch geführte Kontroversen, gerade jetzt, wo der braune Ungeist wieder an Terrain gewinnt.

Dem gilt es, gemeinsam mit unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern entschieden Paroli zu bieten, nicht aber Gruppierungen wie der IFFF-München. Kritisch hinterfragen zu dürfen, ohne nachteilige Konsequenzen fürchten zu müssen, ist eine Voraussetzung für Demokratie. Durch die Aberkennung des Anita-Augspurg-Preises sehe ich sie ein Stück weit in Frage gestellt. Für mich ist es das falsche Signal in unserer Stadt, die doch für Weltoffenheit einsteht, und ich hoffe, dass ihr Stadtrat, dem Beispiel Bayreuths Folge leistend, den Status quo noch einmal zur Diskussion stellt.

Offiziell aberkannt wurde der Preis an die Frauen der IFFF-München ja bis heute nicht!

***************************************************

Anlässlich der Verleihung des Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis für Humanität und Toleranz in Bayreuth, am Freitag, den 15. April  sind 7 Delegierte von CODEPINK  – Women for Peace – auf einer Vortrags-Tour in Deutschland.

Für CODEPINK sprachen: Toby Blomé, Ann Wright, Elsa Rassbach
Weiterer Redner: Thomas Rödl, Sprecher der DFG-VK Bayern
In der anschließenden Diskussion wurde zu den Ereignissen in München eine Resolution verfasst. (Text folgt in Kürze)


Nachtrag am 27.04.: Eine neue Friedensinitiative stellt sich der Öffentlichkeit vor:

BIB BÜNDNIS ZUR BEENDIGUNG DER ISRAELISCHEN BESATZUNG E.V.I.G.
Deren ersten Blog mit allem Wissenswerten habe ich reblogged.
Infos siehe auch unter www.BIB-JETZT.de


Standard

Terry Swartzbergs Steine des Anstoßes

In der Reihe „Nymphenburger Gespräche, veranstaltet von diversen Institutionen, die sich für interkulturellen und interreligiösen Dialog einsetzen, stand heute Abend ein Gespräch mit Terry Swartzberg auf dem Programm, seines Zeichens Journalist, PR-Fachmann, Autor, Aktivist etc. …
Abgesehen davon, dass der interkulturelle und interreligiöse Dialog für mich generell ein wichtiger Aspekt ist, freute ich mich, in diesem besonderen Rahmen mehr über Terry Swartzberg zu erfahren, den ich im Lauf der letzten Jahre bei unterschiedlichsten Anlässen kennen und schätzen gelernt habe. Umso mehr interessierte mich nun, Einzelheiten über den Lebenslauf und die Beweggründe eines Mannes zu erfahren, der für mich zu den „Mitbürger/Innen zählt, die dazu beitragen unsere Stadt im positiven Sinne bunter und somit froher zu gestalten“, wie ich es einmal in einem Post formuliert habe.
Terry_Schwarzberg_Tzaddhik_jourfixe-Blog_

Terry Schwarzberg 2012 auf dem Münchner Ostfriedhof in seinem Stück „Tzaddhik“, Foto AZ

Getroffen habe ich Terry erstmals 2012 anlässlich der Aufführung des von ihm geschriebenen Theaterstücks „Tzaddhik„, das die talmudische Vorstellung von den 36 Gerechten im Zusammenhang mit Frieden und Krieg aufgreift. In dieser Inszenierung übernahm Terry auch gleich die männliche Hauptrolle, an der Seite der vielseitigen jüdischen Künstlerin Nirit Sommerfeld und legte aus dem Stand eine beachtliche schauspielerische Leistung hin – Eine solche Rolle, als Nicht-Schauspieler über fast zwei Stunden auszufüllen, das muss man erst einmal schaffen!

Ein Jahr später besuchte ich eine seiner Veranstaltungen der Initiative Stolpersteine für München e.V., die eine Aufhebung des Verbots der Verlegung von Gedenk-Stolpersteinen in München erreichen möchte. Schöpfer dieser Stolpersteine ist der Künstler Gunter Demnig.

Gunter Demnig ist der Schöpfer der Stolpersteine; Quelle: Wikipedia

Gunter Demnig ist der Schöpfer der Stolpersteine; Quelle: Wikipedia

Seine „Stolpersteine“ sollen „an Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und meist dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Steine, die auf der Oberseite kleine Metallplatten mit den Namen der Opfer tragen, verlegt er vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Das Projekt hatte sich mit 40.000 Steinen im Juli 2013 in rund 820 deutschen und 200 ausländischen Städten zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. (Quelle: Wikipedia)

Wie Terry Swartzberg auch an diesem Abend nochmals detailliert darlegte, wird jeder Antrag auf Herstellung eines Stolpersteins, Kostenpunkt um die 100 €, vom „Stolpersteine“-Verein darauf hin geprüft, ob dies auch im Sinne der betroffenen Person, respektive der Hinterbliebenen ist. Dennoch dürfen solche Gedenksteine bislang in München nicht verlegt werden, was angesichts ihrer zwischenzeitlichen Verbreitung über die Grenzen Deutschlands hinaus für mich unverständlich ist – und peinlich für München, als ehemalige Hauptstadt der Bewegung. Es wird ja niemand gezwungen, in dieser Form zu gedenken. Dass es aber auch all denjenigen verwehrt bleiben soll, die sich eben dies wünschen, kann ich nicht nachvollziehen. Sicher empfinden ich und alle Anhänger der Stolpersteine eben anders, als zum Beispiel mein geschätzter Mitbewohner, der Kulturjournalist Marcus Woelfle, für den solche Stolpersteine ein nochmaliges Nachtreten auf die Opfer darstellt. Damit steht er argumentativ auf der Seite der Gegner. Empfindungen sind eben immer eine individuelle Angelegenheit und entsprechend gegenseitig zu respektieren. Meiner Meinung nach jedenfalls …
Im Fall der Münchner Stolperstein-Debatte geht vor allem von Teilen der jüdischen Gemeinde eine starke Opposition aus, allen voran seitens Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Wie auch immer, konnten sich die Befürworter der Stolpersteine auch in diesem Jahr wieder nicht durchsetzen, die Verlegung bleibt verboten, nicht nur die von Stolpersteinen für jüdische Opfer, sondern automatisch für die anderer NS-Opfergruppen gleich mit … Eine Klage gegen diese Entscheidung des Münchner Stadtrats läuft.
Terry Swartzberg bei einer Kundgebung; Quelle Wikipedia

Terry Swartzberg bei einer Kundgebung; Quelle Wikipedia

Desweiteren erregte Terry Aufsehen durch seinen Selbstversuch, tagtäglich mit der Kippa durch Deutschland zu laufen. Eine dieser Kippas wird inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt, das hierzu schreibt: „Die blaue Kippa mit Davidstern, die Terry Swartzberg bei einem Stadtratshearing in München trug, bei dem die Verlegung der sogenannten ‚Stolpersteine‘ von Gunter Demnig diskutiert wurde, nimmt die Stiftung Haus der Geschichte als Objekt der Zeitgeschichte in ihre Sammlung auf.

Nun also hat Terrys „Kippa der städtischen Renitenz“ auch noch historische Weihen erlangt und damit wohl für manche seiner Gegnerinnen und Gegner das Fass zum Überlaufen gebracht. Bereits bei meiner Ankunft im PresseClub, die Veranstaltung war kurzfristig vom Rathaus dorthin verlegt worden, registrierte ich verwundert die Anwesenheit von Leuten, die sich zuvor auf Facebook in ziemlich eifernder Sprache gegen Terry geäußert hatten. Warum besuchten sie nun ausgerechnet eine Veranstaltung, die die Person Terry Swartzberg zum Thema hatte? Offensichtlich um seine Positionen anzugreifen. Natürlich ist Terry Swarzberg ein Tausendsassa und als begnadeter PR-Mann wird alles, was er anpackt, garantiert zu einer sehr öffentlichen Geschichte, mit ihm im Zentrum. Und vermutlich ist der Antisemitismus in Deutschland verbreiteter, als es für den – in meinen Augen wohltuend – optimistischen Terry Swartzberg vielleicht den Anschein hat, wie Jan Mühlstein, der Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom zu bedenken gab. Diese Bedenken äußerte er aber sachlich und in liebevollen Ton; umso irritierender empfand ich die teilweise Aggressivität, mit der ein Großteil der Wortmeldungen vorgebracht wurden. Sie gaben eben nicht zu bedenken, sie klagten an, vehement und des öfteren schlichtweg am Thema des Abends „Terry Swartzberg – die Person“ vorbei, unbeirrbar, wieder und immer wieder, regelrecht „Platte mit Sprung“.
Glücklicherweise moderierte Ralph Deja souverän und setzte auch dem obligaten „Knobloch“-Bashing (wie er es nannte), das bei solchen Diskussionen seitens der Stolperstein-Befürworter unweigerlich aufkommt, ebenfalls ein sehr berechtigtes Ende. Ebenso dem Versuch, ihn und die katholische Friedensbewegung „Pax Christi“ gleich mit anzugreifen, wegen deren Israel-Haltung (wenn ich es richtig mitbekommen habe). Zugegeben, es können einem mal die Gäule durchgehen, aber hier bedurfte es schon sehr energischer verbaler Zügelungen: das Thema laute „Terry Schwartzberg“ und nicht „Ralph Deja/Pax Christi“, bis die Tirade einer besonders insistenten Rednerin endlich verstummte (bis zu ihrem nächsten Einsatz, siehe Absatz oben).
Aus der Seele sprach mir Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr der Evangelischen StadtakademieSie brachte in einer wohl formulierten, ruhigen Wortmeldung ihr Bedauern zum Ausdruck, dass uns die Diskussionen, am Thema vorbei, um die Chance gebracht hätten, die schillernde Vita Terry Swartzbergs näher kennen zu lernen.
Schon auf Facebook hat mich wiederholt die aggressive Art befremdet, mit der jüdische Themen und auch Israels Politik diskutiert werden. Ich denke, angesichts der erstärkenden Rechten, sollten wir den Zusammenhalt im Dialog vorantreiben, gerne und unvermeidlich auch kontrovers. Nur so, gemeinsam, können wir uns denen entgegenstellen, die dabei sind, die unseligen Geister der Vergangenheit erneut heraufzubeschwören! Wie ein solcher Dialog sich formulieren lässt, hat – wie gesagt – Jan Mühlstein in bemerkenswerter Weise mit seiner Wortmeldung gezeigt und voller Wärme und Menschlichkeit eine abweichende Meinung vorgetragen.
Abschließend zitiere ich wieder einmal den von mir hochgeschätzten EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich-Bedford-Strohm:
Wir müssen lernen, einander auszuhalten.
Wir, die demokratischen Bürgerinnen und Bürger.

Zur Übersicht aller bisherigen jourfixe-Bogs

mit Link zu den jew. Beiträgen

Standard

„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

 „Wo war ich und wo warst Du, als am 26. September die Bombe explodierte?“ Als 1980, mitten das geschäftige Treiben aus Spaß, Tradition und Kommerz die Tragödie hereinbrach, legte sich über die Betriebsamkeit des größten Volksfests der Welt eine dumpfe Stimmung. Tiefes Mitleid für die Opfer, 13 Tote und 211 Verletzte, 68 davon schwer, mischte sich mit Abscheu über die Tat und der erschreckenden Erkenntnis: Man hätte selbst unter den Opfer sein können und/oder Angehörige hätte dieses Los treffen können. Wer Kinder hatte, den erschütterte ganz besonders das Schicksal der Familie Platzer. Vater Platzer hatte seinen Kindern, Ignaz, 6 Jahre alt und Ilona, 8 Jahre alt, einen Wies’n-Besuch gönnen wollen. Um 22.20 Uhr starben ihm beide von der Hand weg.

Haimo_Liebich_Gedenkfeier_2015_Oktoberfest_Attentat_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ein Blumengruß für die toten Kinder … Berührende Momentaufnahme der Gedenkfeierlichkeiten zum 35. Jahrestag, Foto: Haimo Liebich

„Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich der  73 jährige Kommissar Joseph Ottowitz in einem Beitrag des Spiegel: Betrunkene trampelten einfach über die Anschlagsstelle, manche sogar über die Leichen, während die Blasmusik weiter aus den Bierzelten dröhnte. Die Gummistiefel, die Ottowitz beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.

Oktoberfest_Bierzelt_Attentat_Gaby_dos_Santos_Bildcollage_Wiesnwahnsinn_jourfixe-BlogDer Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgerechnet München, die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, war, nach dem Geiseldrama der Münchner Olymiade von 1972, nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Terroraktes geworden! Da der Anschlag an einem der Ausgänge des Oktoberfests verübt worden war, blieb das eigentliche Fest-Areal unberührt und über das verwüstete Terrain schüttete man eiligst Teer, im eigentlichen, wie im übertragenen Sinn … Der berühmt-berüchtigte Spruch „The Show Must Go On“ fand zynische Anwendung: Nach gründlicher Reinigung eröffnete das Oktoberfest pünktlich am nächsten Vormittag, für zwei weitere Tage „buisness as usual“.  Am Mittwoch, ein Wochentag, der als relativ Umsatz schwach für das Oktoberfest gilt, unterbrach man die „Wies’n-Gaudi“ endlich für einen Tag.

Wiesn_geschlossen_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Erst vier Tage nach dem Anschlag blieb die Wies’n für einen Gedenktag geschlossen

Ebenso eilig hatte das bayerische Landeskriminalamt, im Tandem mit der Bundesstaatsanwaltsschaft, einen Täter zur Hand, den Studenten Gundolf Köhler, der selbst bei dem Anschlag zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich während der Untersuchungen heraus, dass Köhler zeitweilig der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann angehört hatte, die erst im Frühjahr vom damaligen Innenminister Gerhard Baum, FDP, verboten worden war.

Franz_Joseph_Strauss_1980_Wahlplakat_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-BlogDer amtierende bayerische Ministerpräsident Franz-Joseph Strauß hatte die Gruppierung jedoch lediglich für Spinner gehalten. Entsprechend vermutete er unmittelbar nach dem Attentat linke Terroristen am Werk und äußerte dies öffentlich. Doch leider – und ungünstig für Partei und Kanzler-Kandidat Strauß im Wahlkampf – erwies sich diese Theorie als vorschnell, da nicht haltbar, denn unter den Opfern entdeckte man bald, schwerst verstümmelt, den bekanntermaßen rechtsradikalen Attentäter selbst.

Koehler_Gundolf_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Der halbverbrannte Ausweis des Attentäters

Schnell präsentierte man ihn der Öffentlichkeit als frustrierten Einzeltäter, der schlichtweg einen grausam erweiterten Selbstmord begangen habe. Punkt. Obgleich die Ermittlungsergebnisse schon damals zahlreiche Widersprüche und Lücken aufwiesen. 1982 wurden die Ermittlungen dann für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Bildausschnitt der Gedenkstele

Bildausschnitt der Gedenkstele

Das Attentat blieb für die Landeshauptstadt München ein „Schweres Erbe“, so bezeichnet in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Katja RiedelVor zehn Jahren, zum 25. Gedenktag des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980, hatte die Stadt Hans Roauer offiziell zur Gedenkstunde eingeladen. Freunde hatten ihn überredet, gemeinsam zur Theresienwiese nach München zu fahren. Zu der schmalen Gedenkstele am Eingang der Festwiese, die damals noch mehr im Gedränge der Menschenmassen verschwand als heute, wo sie immerhin von einem durchlöcherten Metallrund umgeben ist. Es soll Schutz und Aufmerksamkeit zugleich bieten.

Oktoberfest - Gedenken an Attentat

Doch als Roauer an dem Ort ankam, der ihm bis heute Angst macht, da habe es für ihn und die anderen, oft schwerst behinderten Attentatsopfer nicht einmal einen Sitzplatz gegeben, sagt er. „Nur die Honoratioren saßen hinter der Absperrung, wir standen mitten in der Meute. Und dann die salbungsvollen Worte. Ich habe das nur fünf Minuten ausgehalten“, sagt Roauer.

Werner_Dietrich_Ulrich_Chaussy_Oktoberfest_Attentat_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ihre Lebensaufgabe ist die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats: Oben: Journalist Ulrich Chaussy darunter Opferanwalt Werner Dietrich

Dass sich das Mäntelchen des Schweigens nicht für immer über das Attentat legen konnte, ist maßgeblich der Hartnäckigkeit von Journalist Ulrich Chaussy (BR) zu verdanken. Ihm entgehen nicht die vielen Ungereimtheiten, die der offiziellen Einzeltäter-Version widersprechen. Bald vermutet er, dass passend gemacht wurde, was nicht passte und recherchiert auf eigene Faust weiter, gemeinsam mit dem ebenso engagierten Opferanwalt Werner Dietrich. Gemeinsam tragen sie neues Beweismaterial zusammen und setzen sich persönlich mit Zeugen in Verbindung. Auf Grund der Ergebnisse ihrer Suche beantragt RA Dietrich mehrfach eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch sein Antrag wird jedes Mal abgelehnt. Mehr noch: In den 90er Jahren werden alle gelagerten Asservate  „aus Platzmangel“ vernichtet!

Oktoberfest_Attentat_Der_blinde_Fleck_Film_jourfixe-BlogDie Fragwürdigkeit der Einzeltäter-These erhält 2013 neue Nahrung durch den Film „Der blinde Fleck“, ein dokumentarischer Spielfilm, der die Fragen und Erkenntnisse bündelt, die Chaussy und Dietrich im Zuge ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben:

Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) recherchiert den angeblich gelösten Fall und stößt auf rechtsradikale Hintergründe und ungeklärte Todesfälle. Warum hat die Polizei Zeugenaussagen ignoriert? Warum gab Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) geheime Informationen an die Presse weiter? Warum hat die Bundesanwaltschaft wichtige Beweismittel vernichten lassen? Ulrich Chaussy und der Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) machen sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit, die auch heute noch vertuscht wird. iiiiiiiiiiii Quelle:  Homepage zum Film (mit anschaulichem Trailer)

Den Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ergänzen zusätzliche Dokumentationen zu neuen Fakten und weiteren möglichen Hintergründen und stoßen jetzt auf eine Öffentlichkeit, die bereits durch den NSU-Skandal hochgradig sensibilisiert ist, was „Blindheit auf dem rechten Auge“ und Verquickungen zwischen Nachrichtendiensten, V-Männern und rechter Szene anbelangt. Zudem treten neue Zeugen in Erscheinung. Im Dezember 2014 wird schließlich die Soko „26. September“ ins Leben gerufen und das Verfahren neu aufgerollt.
iiiiiiiiiiii
Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Toni_Netzle

Toni Netzle, Autorin, Schauspielerin und legendäre Simpl-Wirtin im Alten Rathaus-Saal, am 26.9.2015

Schon länger hatte ich diese neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Umso mehr freute ich mich über die Einladung zur Podiumsdiskussion im Alten Rathaussaal am 35. Jahrestag des Attentats und darüber, Details zu Attentat und den neuen Ermittlungen aus erster Hand zu erfahren sowie durch meine Anwesenheit Anteilnahme bekunden zu dürfen … So wie mir ging es vielen Münchnerinnen und Münchnern, angefangen bei dem Münchner Urgestein Toni Netzle, die mich begleitete. Auch im Publikum sah ich viele vertraute Gesichter aus dem Münchner Stadtleben, allen voran die zwei Ehrenbürgerinnen Getraud Burkhardt, ehemalige Bürgermeisterin und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultursgemeinde München, desweiteren Ellen Presser, Leiterin des jüdischen Kulturzentrums sowie Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München. Gut vertreten war natürlich auch die Landeshauptstadt selbst, u. a. durch meine SPD-Parteifreunde, Bürgermeisterin Christine Strobel sowie die Stadträte Bettina Messinger und Haimo Liebich, der mir liebenswürdigerweise sein Bildmaterial für diesen Blog überlassen hat.

Simone_Burger_DGB_Muenchen_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Für den DGB war Regionsgeschäftsführerin Simone Burger vor Ort und hielt die Einführungsrede. 1982, so eröffnete sie uns, hatte die DGB-Jugend vergeblich gegen die Einstellung der Ermittlungen protestiert. Doch damals fehlte es an Rückhalt in breiteren Schichten der Gesellschaft.

Annette_Ramelsberger_SZ_Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Annette Ramelsberger, SZ, moderierte

Diese sei inzwischen wesentlich kritischer geworden, urteilte Annette Ramelsberger, von der Süddeutschen Zeitung, in ihrer Anmoderation. Auf den Punkt, mit großer Sachkompetenz und zugleich einfühlsam führte Rammelsberger, die sich bereits mit der Berichterstattung über den NSU-Prozess verdient gemacht hat, durch den Abend.

Als Podiumsgäste waren, neben Ulrich und Chaussy, zwei Überlebende des Attentats geladen. Rammelsberger stellte sie vor als „Herr und Frau Müller.  Aber sie heißen anders.“  Für mich war das der erste Gänsehaut-Moment, Opfern gegenüber zu sitzen, die sich genötigt sehen, das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens im Alltag für sich zu behalten „um nicht ständig darauf angesprochen zu werden„.
Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats

Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats; Rechts außen sitzt das Ehepaar „Müller“, Foto: Haimo Liebich

„Herr Müller“ begann dann mit überraschend ruhiger Stimme und sehr detailliert zu schildern, wie er das Attentat erlebt hatte. Mit einer kleinen Freundesgruppe waren er und seine damalige Verlobte in Richtung Ausgang geschlendert. Herr Müller rauchte damals noch und eilte kurz voraus, um eine leere Zigarettenpackung im nächsten Abfalleimer zu entsorgen. Dann ging er wieder einige Meter zurück zu seiner Gruppe. Man diskutierte noch, für welchen Heimweg man sich nun entscheiden sollte, als die Bombe explodierte und zwar in genau dem Abfalleimer, an dem sich Herr Müller eben noch befunden hatte! Die Rückkehr zu seiner Gruppe rettete ihm das Leben …

„Herr Müller“ schildert wie er das Oktoberfest-Attentat überlebte

Er findet sich auf dem Boden wieder, halb über der Kante des Bürgersteigs liegend. In Gedanken fühlt er sich durch seinen Körper. „Was fehlt mir?“ Als nächstes registriert er eine große Stille, seine Trommelfelle sind durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Welt scheint still zu stehen. Dann bricht unvermittelt Betriebsamkeit aus. Die ersten Verletzten werden mit Taxis abtransportiert, Sanitäter eilen herbei. – „Ich lag immer noch da.“ Ein Mann steht mit seinem Fuß auf Herrn Müller. Dieser will ihn darauf aufmerksam machen, erkennt dann, dass dem Mann die Gedärme aus dem Bauch quellen.

Oktoberfest_Attentat_Erste_Hilfe_jourfixe-Blog

Foto: Keystone PD

Ein junges Ehepaar möchte helfen. Weiß aber nicht wie, bittet Herrn Müller um Anweisungen. Er nimmt Feuchtigkeit wahr, die sich unter ihm ausbreitet. Es ist sein Blut. Unbedingt muss diese Blutung gestoppt werden.  Es gelingt seinen Helfern halbwegs. Das ist auch gut so, denn alle Sanitäter sind anderweitig beschäftigt. Herr Müller wird insgesamt vier Liter Blut verlieren und bleibt, wie durch ein Wunder, dennoch bei Besinnung, die er bald brauchen wird … Als man ihn endlich auf eine Bahre legt, knicken ihm beide Beine nach außen weg. Später wird sich herausstellen, dass sie nur noch von einigen wenigen Muskelfasern am Oberschenkel gehalten werden. Die Trage passt nicht in den Rettungswagen – wieder wird er ausgeladen, umgebettet und wieder kippen die Beine auseinander. Endlich verlässt der Wagen den Unglücksort …

Quelle: n-tv

Quelle: n-tv

Am Luise-Kieselbach-Platz gerät die Fahrt ins Stocken. Der Verletzte soll in ein Krankenhaus außerhalb der Stadt verbracht werden. Große Diskussion zwischen den Sanitätern und der Leitstelle. Die Sanitäter, auf Grund des Katastrophen-Alarms aus Starnberg herbei geeilt, sind nicht ortskundig. Herr Müller rettet die Lage und vermutlich seine beiden Beine, indem er den Rettungswagen nach Großhadern lotst, wo ihn die bestmögliche medizinische Versorgung erwartet. In einem Kreiskrankenhaus – so vermutet er heute – hätte man nicht bis zum Heilungserfolg chirurgisch „experimentiert“, sondern gleich beide Beine amputiert.
 

„Frau Müller“ schildert, wie ihre Handtasche sie vor den Bombensplittern schützte und ihr so das Leben rettete

Frau Müllers Schilderungen kreisen um ihr „Glück im Unglück“. Sie hält an jenem Schicksalsabend ihre Handtasche, ein beiges Fabrikat Marke 70er Jahre, aus Achtsamkeit (vor Taschendieben) auf der linken Seite, eng an ihren Körper gepresst, als sich die Explosion ereignet. Die Tasche, „ist gut gefüllt, wie alle Damentaschen“ und fängt einen Großteil der Bombensplitter auf. Frau Müller hat die Splitter, in Glasampullen eingefasst, zusammen mit der Tasche bis heute aufbewahrt …

Herr und Frau Müller heirateten im Mai des darauf folgenden Jahres; er ging dabei auf Krücken. Gleich am nächsten Tag musste er sich einer weiteren von vielen Operationen unterziehen; bis heute insgesamt 90! Inzwischen leidet er auch unter resistenten Keimen, die er sich bei einem seiner Krankenhaus-Aufenthalte eingefangen hat. Schmerzen bleiben ein konstantes Thema im Leben von Herrn Müller und seiner Frau, die mit ihrem Mann mit leidet.
Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats, Foto: Haimo Liebich

Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im Alten Rathaussaal. Annette Ramelsberger, SZ, im Gespräch mit „Herrn und Frau Müller, beide Opfer des Oktoberfest-Anschlags; Foto: Haimo Liebich

Sie sind Ehepaaar und Schicksalsgenossen zugleich, deren Dasein das Attentat in ein „Leben vor“ und ein „Leben danach“ entzweit hat. Die Müllers schildern auch, wie der Anschlag das Leben anderer Mitglieder ihrer kleinen Gruppe beschädigt hat; erzählen von dem Finanz-Angestellten, der damals kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit stand. Vor dem Schicksalsabend war er täglich zwischen Ingolstadt und München gependelt. Nun sah er sich dazu gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ein Umstand, der ihn Job und Verbeamtung kostete, mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Opferanwalt Dietrich wies darauf hin, dass ein sozialer Abstieg immer schwer zu verkraften sei, erst recht von jemanden, der nicht Verursacher sondern Opfer seines Schicksals sei. Eine solche Situation ließe sich seelisch kaum verarbeiten.
ooo 
Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Oktoberfest ...

Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Münchner Oktoberfest …

Eine Reihe ehemaliger Opfer verlässt regelmäßig vor dem Oktoberfest die Stadt, seit nunmehr 35 Jahren. Nichts soll sie an jenen 26. September erinnern … Diese Haltung hängt auch damit zusammen, dass man die Opfer seinerzeit weitgehend sich selbst überließ. Sie erhielten damals keinerlei psychologische Betreuung, so Dietrich.
Eine weitere Belastung habe der fragwürdige Ermittlungsstil dargestellt, der zur Einstellung des Verfahrens führte. Letzteres war ein weiterer Schlag für die Opfer und ein besonders unrühmliches Kapitel in der deutschen Justizgeschichte. Gestern blätterten Chaussy und Dietrich es nochmals auf.
iii 
Attentat_Opfer_Oktoberfest_Muenchen_jourfixe-Blog

„Herr Müller“ berichtet von fragwürdigen Ermittlungsmethoden der Polizei, Foto: Haimo Liebich

Herr Müller erlebte selbst fragwürdige Befragungsmethoden. Er gab bei der Polizei an, dass er gesehen habe, wie rechts von ihm eine 40 cm bis 60 cm hohe Stichflamme aus dem Gulli aufstieg. Darauf widersprach ihm der Vernehmungsbeamte vehement. Müller würde sich täuschen, die Explosion sei links von ihm erfolgt.

Dazu wurde uns erläutert, dass Herr Müller über Fachwissen sowie eine vierjährige Erfahrung bei der Bundeswehr verfüge und somit durchaus in der Lage sei, einen Knallkörper von einer Explosion zu unterscheiden. Hätte man damals aber Müllers Beobachtung zur Kenntnis genommen, so hätte man zwingend von  einer zweiten Bombe ausgehen müssen. Das wiederum hätte die Theorie einer Einzeltäterschaft widerlegt, und genau das hatte man offensichtlich mit allen Mitteln vermeiden wollen.

Oktoberfest_Attentat_Polizei_jourfixe-BlogAuch andere Zeugenaussagen wurden damals durch Suggestiv-Fragen zurecht gebogen, beispielsweise die Aussage, man habe Köhler eine Stunde vor der Explosion mit zwei Männern heftig streiten gesehen. Die Polizei bohrte nach, ob es denn nicht auch so gewesen sein könne, dass sich Köhler nach einer Unterkunft erkundigt habe?Diese Möglichkeit musste natürlich von Zeugenseite aus eingeräumt werden, schließlich hatte man den Inhalt der Diskussion nicht verstehen können. Seltsam … Würde sich ein frustrierter Einzeltäter, der seinen Selbstmord plant und ihn eine Stunde später auch begehen wird, zuvor noch nach einer Bleibe erkundigen? Unerklärlich bleibt auch das Auftauchen und plötzliche Verschwinden eines Fingers mit Handresten am Tatort, der sich serologisch keinem der Opfer zuordnen ließ …
iii
Harald_Range_Generalbundesanwalt_aD_Wiederaunahme_Verfahren_Oktoberfesst_Attentat_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Generalbundesanwalt a.D. Harald Range eröffnete im Dezember 2014 das Wiederaufnahmeverfahren

Was mich gestern Abend besonders beschäftigte: Auf Grund der jetzigen Beweislage schließen Chaussy und Dietrich, analog zum NSU-Skandal, auf eine mögliche Verwicklung des BND. Uwe Behrendt, Vizevorsitzender der Wehrsportgruppe Hoffmann und nach dem Attentat in den Nahen Osten abgetaucht, soll als V-Mann tätig gewesen sein. Und er soll sich Dritten gegenüber als Mittäter bekannt haben … Da frage ich mich, wer in diesem Fall welche Anordnungen an wen weitergegeben hat und wer für welchen Maulkorb wo verantwortlich sein mag?

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, Foto: Haimo Liebich

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, fotografiert von Haimo Liebich im Alten Rathaussaal

Entsprechend wenig begeistert zeigte sich Ulrich Chaussy gegenüber dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range darüber, dass ausgerechnet das bayerische Landeskriminalamt, das seinerzeit so lückenhaft ermittelt und möglicherweise Material unterschlagen hatte, nun federführend bei der Wiederaufnahme der Untersuchungen sein sollte. Tatsächlich befinden sich die heutigen Ermittler in der unguten Lage, die Ergebnisse ehemaliger Kollegen anzweifeln und nachrecherchieren zu müssen. Laut Chaussy melden sich nachträgliche Zeugen wohlweislich bei ihm und Dietrich, statt beim LKA vorzusprechen. Chaussy und Dietrich beklagten beim Podiumsgespräch die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachrichtendienste, die in der Vergangenheit nur widerwillig und lückenhaft Auskünfte erteilt hätten. Diesbezüglich sei es wichtig, sehr konkret nachzufragen, welche Informationen zu welchen Personen vorhanden seien. Das Fazit der beiden lautete: Es geht hier um das Rechtsstaatswohl. Die Interessen eines Nachrichtendienstes dürfen daher niemals über das Schicksal der Opfer gestellt werden! 

Die_Toten_des_Oktoberfest_Anschlags_jourfixe-Blog

Rote Nelken erinnern 35 Jahre nach dem Anschlag an die Toten, Foto: Haimo Liebich

Laut Herrn und Frau Müller lässt die Arbeit der jetzigen Soko „26. September“ hoffen. Herr Müller berichtete, dass er sich zum ersten Mal als Zeuge ernsthaft wahrgenommen gefühlt habe. Auch Frau Müllers Handtasche, inklusive aller Splitter, ist nach 35 Jahren endlich in den Fokus der Ermittlungen gerückt, denen, nach Vernichtung der früheren Asservate, nunmehr nur die wenigen Beweisstücke zur Verfügung stehen, die die Opfer privat gehortet haben.

Nelke_Trauer_Oktoberfest_Attentat_Gedenkfeier_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos„Für wen schreiben Sie?“, fragte mich die freundliche ältere Dame, die den Abend über mit ihrem Mann neben mir gesessen und ein wenig verloren gewirkt hatte. Dass meine Notizen für einen Blog seien, vermochte ich ihr nicht wirklich zu vermitteln, aber dass ich schreiben wollte, schien ihr zu gefallen. „Wissen Sie, mein Mann, mein Sohn und ich waren auch unter den Opfern. Aber wir sind kurz vorher stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einem Wägelchen saß und wunderschön Mundharmonika gespielt hat. Sogar mein Sohn, er war damals 13, ist zu uns zurück gelaufen, so schön hat der Mann gespielt. Das hat uns das Leben gerettet, sonst wären wir bei der Explosion genau am Abfalleimer gewesen.“ Der Frau standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Wissen Sie, wir sind eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr  am Eingang der Wies’n trifft. Auch der Herr Platzer, der damals seine beiden Kinder verloren hat, kommt immer. Auch heuer. Er hat uns gleich erkannt, uns umarmt und eine rote Nelke geschenkt …“

Der Vater der jüngsten Opfer des Attentats, Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier

Der Vater der jüngsten Opfer Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre, kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier; hier auf einem Bildausschnitt vom 26. September 2015

Das letzte Wort auf dem Podium ging an Herrn Müller. Er gab uns allen eine klare Botschaft auf den Weg, die ich versuche, aus meinen Notizen so sinngemäß wie möglich wiederzugeben:

„Bislang hat sich der Staat bei diesem Thema verhalten, wie eine Bananenrepublik und nicht wie die Bundesrepublik. Hoffen wir, dass sich das ändern wird, sonst hätten wir heute Abend hier umsonst gesessen …“

Link zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs

Standard