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Sängerin Linda Jo Rizzo, die Februarvögel & ich – eine Geschichte aus der Künstlerszene

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Aktuelles Foto von Linda Jo Rizzo, am 28.2. live im „KIRR ROYAL“, München http://www.kirr-royal.de/

„Frühlings-Aufwärmer“ nennt sich – nomen est omen – die Show von Sängerin Linda Jo Rizzo, mit der ich am 28. Februar meinen mentalen Winter-Kehraus begehen werde! Eingeleitet wurde er bereits durch den Gesang der „Februarvögel„, die irgendwann zur Monatsmitte hin, wenn das Licht beginnt sich zu verändern, ein ganz spezielles Gezwitscher anstimmen.  Gesang in zwei Varianten zum Monatsausklang also, zwei Sounds, die mich bereits seit Anfang der 90er Jahre begleiten …

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Gaby dos Santos 1993, Foto: Wolf-Dieter Roth

Kurz bevor mir Linda zum ersten Mal begegnete, hatte ich mich gerade in einem Liebeskummer häuslich eingerichtet, in den eines Februar Morgens unvermittelt gut gelauntes Vogelzwitschern hereinplatzte! Der Gesang der  – wie ich sie seither nenne – „Februarvögel„,  der den Zeitenwechsel ankündigt: Im selben Jahr stellten sich die Weichen für mein künftiges Bohème-Leben, heiratete ich Edir dos Santos und lernte über diesen neuen Mann auch die Sängerin und Entertainerin Linda Jo Rizzo kennen, eine Bekanntschaft, die nun schon länger als meine Ehe andauert …

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Pressefoto von Linda Jo Rizzo um 1994

Der Veranstalter Peter Günther und seine Frau Renée hatten in eine gehobene italienische Gaststätte im Elisenhof geladen: Da Domenico. Zwischen Antipasti-Auslagen und italienischen Delikatessen trat, für mich ganz unerwartet, eine Sängerin auf und überzog das Italo-Ambiente mit einem Hauch von Vegas: Linda Jo Rizzo. Sofort erkundigte ich mich, wer diese Sängerin sei. Eine ehemalige Chart-Königin, die mit der US Girlband The Flirts nach Europa gekommen und dort der Liebe wegen geblieben sei, erfuhr ich.

Linda_Jo_Rizzo_New-York_Festival_di_Sanremo_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosAls Italo-Amerikanerin war Linda das Singen in die Wiege gelegt. Und so wundert es nicht, dass bei einer New Yorker Version des legendären „Festival di Sanremo“ ihre Gesangskarriere begann, siehe obiges Foto.

 

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Bei einem der ersten Fotoshootings, 1976 in Mailand

Doch zunächst verschlug es sie als Model nach Italien. Patent, wie sie schon damals war, begann sie, die Lücken zwischen den einzelnen Shooting-Jobs mit Auftritten als Sängerin zu füllen. Jahre später traf sie ihre alten Musikkontakte aus Italien bei einem Abendessen in New York …

Mit am Tisch sass ausgerechnet auch Musikproduzent Bobby Orlando …

 

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The Flirts/Linda Jo Rizzo 1983

Nach einem kurzfristig angesetzten Vorsingen engagierte Orlando Linda vom Fleck weg für die Girlgroup „The Flirts“.

Cover 1983

Cover 1983

Nach einem ersten Album in USA begann das Trio durch Europa zu touren und eroberte dort in verschiedenen Ländern die Top-Ten-Charts.

 

Linda_Jo_Rizzo_The_Flirts_Disco _Time_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosGerne erinnert sich Linda an ihre schillernden Auftritte während der Disco-Ära und an den positiven Sound der 80ies-Musik, der inzwischen wieder gefragt ist.

1985

Linda 1985, zu Beginn ihrer Solo-Karriere

Mitte der 80er Jahre startete Linda in eine Solo-Karriere und wäre nicht Linda gewesen, hätte sie sich nicht umgehend neu orientiert, kaum dass die Disco-Welle abebbte: So konzentrierte sie sich in den 90er Jahren auf Gala-Auftritte und lernte, nach Partitur zu singen, um mit großen Orchestern aufzutreten. Sie, die so gerne improvisiert, konnte und kann auch „punktgenau“.

Und genau so auf den Punkt erlebte ich Linda, als ich sie 1994 für meine allererste Kleinkunstbühne im Wirtshaus zum Isartal buchte. „Alles unter einem Wirtshausdach“ lautete mein damaliges Konzept, mit dem ich mich stilistisch nach allen Kunstrichtungen hin öffnen wollte. Kunst unterschiedlichster Art, in lockerer Atmosphäre präsentiert, mit dem Ziel kreativer Reibung. Das Konzept auf die Spitze trieben die „Seifenblasen-Feste“, eine Reihe, bei der endgültig künstlerische Stile, Talent und Selbstdarstellung in Reinkultur auf einander prallten! Und Linda, mit ihrem US-Show-Glamour, mitten drin ..!

Wirtshaus_zum Isartal_Gaby_dos_Santos_Seifenblasenfest_Linda_Jo_Rizzo_jourfixe-Blog

1994 fand sich Linda Jo Rizzo, mit ihrer typischen professionellen Coolness, in einem der schrägen „Seifenblasenfeste“ meiner damaligen Kleinkustbühne „Wirtshaus zum Isartal“ wieder …

Sie erschien zum Soundcheck, stellte knapp fest:“Gaby, this here will not be my audience,“ und sollte Recht behalten. Ihre Fans passten überhaupt nicht zu denen der französischen Ab-und-An-Chansonette und ihr Entertainment-Stil kontrastierte allzu sehr mit der Bühnendramatik der Conférenciere und Sängerin Susan Avilés. Wen ich noch in die Veranstaltung mixte, weiß ich nicht mehr, aber vor lauter Breitband-Programm kam nichts und niemand zur Geltung. Glücklicherweise hat mir Linda, die ich danach für eine ganze Zeit aus den Augen verlor, diesen Anfängerinnen-Flop, trotz ihrer ausgesprochenen Professionalität, nie nachgetragen!

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Von  1999 – 2002 betreute ich meinen Kultur-Treff jourfixe-muenchen sowie die PR  im Münchner Nachtcafé

Erst 2000 traf ich sie bei einer Veranstaltung im Münchner Nachtcafé wieder, als sich meine Aktivitäten ebenfalls von Kleinkunstbühne zu einem der Münchner Top-Clubs verlagert hatten. „Gaby, I got to talk to you“, sprach sie mich an und lud mich zu ihrem Auftritt in den Nightclub des Bayerischen Hofs. In diesem Hochglanz-Ambiente kamen ihr Können und ihre künstlerische Präsenz ganz anders zur Geltung als seinerzeit im Brettl-Ambiente des Isartals. Ich war begeistert und empfahl sie dem Booking-Zuständigen im Nachtcafé, denn wenn ein Act und eine Künstlerin dort ins Programm gepasst hätten, dann Linda und ihre Show. Aus irgendwelchen Gründen, die nur persönlicher Natur sein konnten, stieß ich aber in puncto Nachtcafé-Engagement auf Granit.

Linda Jo Rizzo 2013 bei der Verleihung des Sigi-Sommer-Talers

Linda Jo Rizzo 2013 bei der Verleihung des Sigi-Sommer-Talers

Inzwischen hatte Linda, deren zweite Leidenschaft schon seit immer das Kochen war – als Tochter eines italienischen Kochs auch dies genetisch bedingt 😉 das einzige Restaurant mit Livemusik in München eröffnet, das „Piazza Linda“, das von 2000 bis 2008 nicht nur als beliebte Anlaufstelle für allgemeines Publikum galt, sondern auch für die Künstlerszene, vor und auf der Bühne. Linda war es auch, die den heute gut etablierten Jazz-Sänger Thomas de Lates bei sich im Lokal entdeckte, als er ganz unbedarft seiner heutigen Frau Petra Windisch de Lates ein Geburtstagsständchen darbrachte.

Des öfteren gesellte sich Linda samt Küchenschürze auf der Bühne dazu und sorgte trotzdem für Glamour-Einlagen. Oft habe ich mich gefragt, wie sie diesen Spagat zwischen Kulinarik und Kunst hin bekommt, ohne dabei an Allure einzubüßen.

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Linda tritt beim Oktoberfest von 1999 bis 2012 im Hippodrom von Sepp Krätz als Stargast auf

Nach der Zeit von „Piazza Linda“ dauerte es bis Januar 2014, ehe wir uns wieder begegneten, diesmal bei der Geburtstagsfeier von besagtem Thomas de Lates, dessen Gesangstalent Linda Jahre zuvor entdeckt hatte. Wir unterhielten uns bis weit nach Mitternacht, zwei Frauen, die gemeinsame Erinnerungen teilten und ähnlich gelagerte Erfahrungen, auch wenn wir künstlerisch ganz unterschiedlich aufgestellt sind. Wir nahmen uns fest vor, uns bald zu einem Blog-Interview im Artist Studio von Peter Lang, einem gemeinsamen Weggefährten, zu treffen. Dieses „bald“ dauerte bis Dezember. Früher hatte sich kein gemeinsamer Termin finden lassen …

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Linda Jo Rizzo und Gaby dos Santos im Artist Studio München beim Interview für den jourfixe-Blog

Zum Schluss einer intensiven Interview-Session fragte ich sie nach ihrem persönlichen Lieblingssong. Die Antwort viel so vielschichtig aus, wie Linda es selbst ist >>>

Linda_Jo_Rizzo_live_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosFreedom’s just another word for nothin‘ left to lose
Nothin‘, it ain’t nothin‘ honey, if it ain’t free
And feelin‘ good was easy, Lord, when he sang the blues
You know feelin‘ good was good enough for me
Good enough for me and my Bobby McGee …

Mehr über Linda und ihre nächsten Auftritte unter:

http://www.lindajorizzo.de/

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Verzeichnis aller jourfixe-Blogs >>>

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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„Die Stille schluckt den Schlussakkord …“ Fazit des Künstlers Jon M. Winkler

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Musiker und Komponist Jon M. Winkler fotografiert von Werner Bauer

Es ist vorbei, verklungen längst der letzte Ton,
das Publikum ging schon nach Haus,
und ich schreib‘ stumm die Rezension:

„Wie oft stand schon im Rampenlicht
als Orpheus ich oder als Clown?
War beides ich? Ich weiß es nicht,
bin viel zu müd‘ mich anzuschau’n.

Wie oft hab‘ ich mich schon gefragt,
ob all das wirklich jemand nützt?
Warum, obwohl ich mich geplagt,
mir stets die Not im Nacken sitzt?

Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt‘ den Schlussakkord,
geh‘ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.

Jetzt bin ich aus dem Traum erwacht,
der jäh im Morgenlicht zerstiebt,
das mit Verstandes greller Macht
das Trugbild zeigt, das ich geliebt:

„Wie oft schon hat man mich verletzt
mit einem flücht’gen Kommentar,
der Schnäbel Messer laut gewetzt,
meist eines echten Grundes bar.

Wie oft erklang schon laut Applaus,
der schürte hell den blanken Wahn,
mein Traum würd‘ wahr – Jetzt ist es aus
und morgen kräht danach kein Hahn.“

Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt‘ den Schlussakkord,
geh‘ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.

So ward, was einst schien höchstes Glück,
am Ende mir zur größten Qual:
Musik – als gäb‘ es kein Zurück,
als hätt‘ ich keine andre Wahl…

Doch gleich bett‘ ich in grünen Samt
Gitarre, dich, zur guten Ruh‘.
Sei stets bedankt, niemals verdammt,
wenn ich den Koffer sperre zu.

Wenn um den Hals den Schal ich wand,
ich nahm den abgewetzten Hut
und stumm die Klinke in die Hand,
dann ist’s vorbei – und endlich gut!

Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt‘ den Schlussakkord,
geh‘ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.   (JMW 04.01.14)

Bei diesem Fazit handelt es sich um den Text eines Songs, den Jon M. Winkler zum jourfixe-Jahresthema „Von Sein, Schein und Schöner Scheitern unter Künstlern“ geschrieben hat. Nach der Uraufführung herrschte unter den Anwesenden lange Stille. Sicher, im ersten Moment schwingt viel Bitterkeit aus dem Text nach, eine Bitterkeit, in der sich  jede(r) Kunstschaffende aus eigener Erfahrung wiederfindet. Liest man den Text jedoch mehrfach, so erscheint er schlicht als realistische Darstellung jener Bretter, DIE EBEN DOCH NICHT DIE WELT BEDEUTEN (SOLLTEN)!

Persönlich stehe ich auf dem Standpunkt, dass, wer sich zur Kunst berufen fühlt, dabei nicht übersehen sollte, dass er sich damit in eine Parallelwelt unserer Gesellschaft begibt, wozu einen diese niemals aufgefordert hat und in welcher sie einen auch niemals ganz begreifen wird. Wie denn auch, von Parallelwelt zu Parallelwelt?

Ganz angenommen fühle ich mich jedoch bei ehrlichem Applaus, der mich für jegliche Härten im Vorfeld der Aufführung entschädigt; ein sogenannter „geldwerter Vorteil“, den ich mir möglichst oft vor Augen halte, um  auch weiterhin relativ frei von Frustrationen durch meine Bohème-Welt zu wandeln ;-))

Das Vorhandensein gewisser ideeller Vorteile des Kunstschaffens sollten unserer Gesellschaft aber nicht als Freibrief dafür dienen dürfen, Kunst und Kultur permanent unterzubewerten und stiefmütterlich abzufertigen! Eine, wie ich finde, bedenkliche historische Gewohnheit, garniert mit und entschuldigt durch verlogene Bohème-Romantik – in der doch letztlich immer, man bedenke bitte, eine Mimi den Kürzeren zieht …

Natürlich, solange es um andere Menschen viel, viel schlechter steht, als um uns Künstler, denen in Deutschland immerhin die Existenz sicher und das Dasein abwechslungsreich ist, sollten wir zwar weiterhin für mehr Verständnis und eine Verbesserung unserer Situation in der Gesellschaft kämpfen, aber das Mass dabei nicht aus den Augen verlieren, ebenso wenig wie die Freude an der Kunst an sich, die sich mit kommerziellen Erwägungen sowieso nicht wirklich verträgt – oder?


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