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Abschied von Abi Ofarim, Weltstar und Wahlmünchner, mit einer Reminiszenz von Toni Netzle aus ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“

Wie verwoben Abi Ofarim mit München und auch mit der Münchner Künstlerszene zeitlebens war, zeigten die Reaktionen der vielen MusikerInnen, Kunst- und Kulturschaffenden in den Social Medias, unmittelbar nachdem sich die Meldung seines Todes am gestrigen Freitag in Windeseile verbreitete: R.I.P.’s mit unterschiedlichsten Bild- und Textbotschaften der Anteilnahme. Als Medienkünstlerin mit nur indirektem Kontakt zur Musikbranche und zudem wenig Affinität zu Roten Teppichen, habe ich Abi nur selten gesehen, seit ich ihn vor 23 Jahren in einer griechischen Taverne in der Münchner Leopoldstraße kennen lernte. Damals war Abi der erste internationale Star, dem ich auf Tuchfühlung gegenüberstand, aber er gab sich so locker und zugewandt, dass mir für Schüchternheit gar keine Zeit blieb, zumal unsere Kinder dabei waren: Tal, Abis jüngerer Sohn, war fast noch ein Kind, während sich Gil und meine gleichaltrige Tochter Marika an der Schwelle zur Pubertät befanden und daher auf Anhieb gut miteinander klar kamen. „Gaby hat die selben Augen wie Esther“, bemerkte Abi irgendwann Gil gegenüber. Der nickte, und ich fühlte mich mehr als geschmeichelt über den Vergleich mit der so aparten Sängerin. Doch diesmal trat Abi nicht mit ihr, sondern mit seinen beiden Söhnen, aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Sandra, im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf.

Für sein Alter besaß Gil Ofarim bereits damals eine besondere Ausstrahlung und starke Bühnenpräsenz – außergewöhnlich für einen so jungen Menschen! Gils spätere Erfolge überraschen mich daher nicht. An jenem Abend stach mir zudem die ungewöhnlich starke Bindung zwischen Vater und Söhnen ins Auge. „Sein größter Stolz: seine Söhne Gil und Tal“, schreibt auch Kimberly Hoppe, am 04.05.2018, in ihrem Nachruf auf Abendzeitung.de, „die Musik im Blut haben und ihn damit stolz machen.“ Grund für mein Treffen mit den Ofarims war der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau im kommenden Jahr, zu dem ich eine Veranstaltungsreihe plante. Mit Abi besprach ich eine mögliche Zusammenarbeit, zu der es leider nie kam, sehr wohl aber zu einigen weiteren Treffen in jener Zeit. Dabei gab mir Abi einen Rat auf den Weg, in Bezug auf meine Unfähigkeit, aus meinen vielfachen Engagements auch Gewinne zu erzielen: „Gaby, wenn Du geben willst, musst Du lernen, auch zu nehmen.“  Dieser Satz begleitet mich …

Toni Netzle und Abi Ofarim Anfang der 1990er Jahre; Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Reihe „Nicht immer Simpl- Toni Netzle

Jahre später lernte ich Toni Netzle kennen, die ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl und erfuhr, dass sie in den 60er Jahren die erste war, die das damals weltberühmte Duo Esther & Abi Ofarim nach Deutschland, München und in ihren Alten Simpl holte. Sie erzählt davon in einem Kapitel ihrer Autobiografie „Mein Alter Simpl“, das ich später für eine Folge der multimedialen Lesereihe  „Nicht immer Simpl – Toni Netzle adaptiert und bebildert habe. In Erinnerung an Abi Ofarim finden sich nachfolgend die Skript-Passage und einige meiner Bildcollagen aus der Produktion, als Hommage, zum Abschied von einem Großen des internationalen Musikgeschäfts, der zugleich einer von uns Münchner Künstlerinnen und Künstlern war – und darüber hinaus eine ausgesprochene Kämpfernatur durch alle Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens hindurch.

Intro: Abi und Esther Ofarim waren in den 60er Jahren das wohl erfolgreichste Popduo der Welt. Nur in Deutschland hatten sie noch nie gastiert. Beide waren „Sabre“, das heißt in Israel geborene Juden und sicher nicht besonders erpicht darauf, jenes Land zu besuchen, das für den Holocaust verantwortlich gewesen war. Abgesehen davon, spielten sie bereits in der internationalen Top-Liga, als sich Toni Netzle in den Kopf setzte, das Paar nicht nur nach Deutschland sondern gleich auch noch auf die kleine Bühne ihres Simpls zu holen.

Toni: Ich rief meine Freunde Renate und Imo Moszkowicz an, von denen ich wusste, dass zumindest Esther so etwas wie ein »Ziehkind« von ihnen war. Imo hatte in Israel einen Film mit Esther gedreht. Renate gab mir eine Telefonnummer in Genf, wo die Ofarims damals wohnten. Ich könne einen schönen Gruß ausrichten, ansonsten werde sie sich aber heraushalten.

In Genf bekam ich die Telefonnummer eines Londoner Plattenstudios. Dort rief ich einfach an. Nach wenigen Minuten hatte ich Abi am Telefon. In meinem entsetzlichen Englisch versuchte ich ihm zu erklären, was ich wollte, und er meinte, wenn die Gage und der Termin stimmten, würden sie kommen! Ich war baff und vor Schreck wäre mir beinahe der Hörer aus der Hand gefallen. Der Termin war schnell festgelegt, doch dann hörte ich mein Todesurteil: die Gage! Sicher war sie für heutige Verhältnisse geradezu lächerlich, aber man muss bedenken, dass es Mitte der 60er Jahre war und der SIMPL eine kleine Kneipe.

Es ging um 5.000 Mark Gage, zwei Flugtickets 1.Klasse London – München – London und eine Suite im Bayerischen Hof. Den Namen des Hotels kannten sie, davon hatte ihnen jemand vorgeschwärmt. Jetzt stellte ich die alles entscheidende Frage an Abi: »Was tut ihr dafür?«

Und Abi antwortete: »Wir stehen 24 Stunden zu deiner Verfügung!« Ohne auch nur die kleinste Rückversicherung zu haben, sagte ich fest zu. Woher ich die viele Kohle nehmen sollte, stand in den Sternen.

»Kann ich mich auf Sie verlassen? Wollen Sie einen Vertrag?«

»Wenn du wirklich eine Freundin von Renate und Imo bist, geht alles ok. Ich werde mich erkundigen. Wir sind noch drei Tage unter dieser Telefonnummer zu erreichen.«

Mein Plan war, diese Stars an eine Vorstellung der Stadt München zu verkaufen, die an diesem Abend ein gemischtes Programm präsentieren wollte. Ich war mir ganz sicher, dass mir Herr Huber, der Veranstalter, um den Hals fallen würde. Ich betrat sein Büro und sagte: »Herr Huber, ich habe die Ofarims!«

»Wen?«

»Esther und Abi Ofarim!«

»Wer ist das?«

»Das beste Gesangduo der Welt!«

»Leben die in München?«   

»Nein, in Israel.«

»Und warum wollen die bei uns singen?«

»Ich will, dass sie hier singen, weil die einfach wahnsinnig gut sind!«

»Wo singen die?«

»Auf Platten!«

»Kenne ich nicht. Habe auch noch nie ein Wort über sie gehört. Was soll mit denen sein?«

»Ich will, dass Sie sie in Ihr Programm nehmen.«

»Ich? Warum?«

»Weil Sie damit einen sensationellen Erfolg haben werden!«

»Ich will niemand, den ich nicht kenne. Außerdem würden die sicher Geld kosten und ich habe keines!«

Alle meine Träume waren dahin. Ich wollte gleich in London anrufen und den Termin absagen. Allein brachte ich das Geld nicht auf. Da stürzte aus einem angrenzenden Zimmer eine junge Frau und schrie: »Was, die Ofarims kommen! Waaahnsinn!«

»Na, die brauch ma net«, war Hubers Antwort.

Was jetzt losging, war nicht zu beschreiben. Die junge Mitarbeiterin brüllte so laut, dass aus allen Zimmern Leute zusammen liefen. Die Stadt bekomme die Ofarims angeboten und dieser Trottel lehne sie ab, das war der Tenor von allen. Um es kurz zu machen: die junge Dame scherte sich nicht um ihren Chef, gab mir schriftlich, dass sie bereit sei für einen Auftritt 1.500 DM zu bezahlen. Auch den Termin machten wir fest.

Gewonnen. Einen kleinen Teil des Geldes hatte ich also schon. Auf zum nächsten Termin.

Korridor im Bayerischen Rundfunk; hier handelt Toni Netzle den fehlenden Teil der Gage für die Ofarmis aus

Zu meinem über alles geliebten Dr. Rolf Didczhuhn, genannt Pieto, Hauptabteilungsleiter Unterhaltung beim Bayerischen Rundfunk. Bekannt als Helfer und Retter in der Not.

»Hallo, Pieto.«

»Grüß dich, Toni, was kann ich für dich tun?«, sagte er in seinem wunderbaren breiten baltischen Tonfall.

»Ich bringe dir die Ofarims zu Aufnahmen in dein Studio.«

»Danke, das ist lieb von dir, aber ich brauche sie nicht. Wir haben alles, was es von ihnen gibt.«

Er merkte, wie ich auf meinem Sessel einknickte. »Komm, erzähl mir bitte deine Geschichte. Was ist mit den Ofarims?«

Wahrheitsgetreu erzählte ich die ganze Story: Dass ich die zwei unbedingt bei mir im SIMPL auftreten lassen wolle, es aber finanziell nicht alleine verkrafte.

»Ja«, sagte Pieto nach einer Weile, »du hast recht, wenn die sowieso schon in München sind, ist es für uns doch auch viel billiger, sie zu engagieren – so ohne Spesen. Im Übrigen ist mir eingefallen, dass wir ganz dringend drei oder vier israelische Volklieder brauchen, die uns fehlen. Gut, ich halte das Studio am Vormittag frei. Gage 3.000 DM. Ich danke dir, dass du uns die Ofarims vermittelt hast.«

Ich war gerettet. Ein ganz großes Dankeschön an Pieto! Auch wenn es schon so ungeheuer lange her ist!

Mit Abi sprach ich den ganzen Ablauf telefonisch durch. Ich hatte nichts als sein Wort am Telefon und dennoch hatte ich komischer Weise überhaupt keine Angst, dass irgendetwas schief gehen könnte. Abi bot sogar noch an, die Flugtickets in London zu kaufen, weil sie dort erheblich billiger seien als in Deutschland. Ich sollte ihm dann in München das Geld geben. Ich war richtig begeistert über soviel Entgegenkommen.

Am 5. September 1964 holte ich die beiden um die Mittagszeit am Flughafen ab. Ich kannte sie von Fotos, sie mich nicht. Als ich sie von weitem sah, erschrak ich für einen kurzen Moment – ich kannte sie ja nur durchgestylt von Kopf bis Fuß. Was da auf mich zukam, war ein hinreißendes Hippie-Pärchen.

Er unrasiert, strähnige, lange Haare, in irgendwelchen undefinierbaren Klamotten und Jesuslatschen, Esther im bodenlangen Schlabberlook, barfuß, die Schuhe in der Hand. Die Begrüßung durch Abi war außergewöhnlich herzlich, Esther war äußerst schüchtern und offensichtlich todmüde. Wir fuhren zum Bayerischen Hof.

Dort bat ich sie um ihre Pässe, um ihnen das lästige Einchecken abzunehmen. Hocherhobenen Hauptes ging ich zur Rezeption. Ich brachte ja nicht irgendjemand, sondern zwei Topstars. Aus dem Augenwinkel hatte ich schon beobachtet, wie die anderen Gäste die beiden begutachteten. Esther hatte eben kein Chanel-Kostümchen an, wie die meisten der mittlerweile ganz schön blöd dreinschauenden Damen. Außerdem hatten die beiden wenig Gepäck, dafür aber zwei Gitarrenkoffer. Zu dieser Zeit war es überhaupt noch nicht normal, dass Popstars in First Class Hotels absteigen. Heute würde kein Mensch mehr auch nur einen Blick vergeuden.

An der Rezeption sagte ich stolz:

»Ich habe für Herrn und Frau Ofarim eine Suite reserviert.«

»Ja. Sind die Herrschaften denn schon da?«

»Ja natürlich, da stehen sie. Hier sind die ihre Pässe.«

Ein kurzer Blick in die israelischen Pässe.

»Leider, Frau Netzle, sind das die falschen Pässe. Haben Sie noch jemand dabei?«

»Nein. Aber wieso falsche Pässe? Da stehen die Ofarims – und hier sind ihre Pässe.«

Der Rezeptionist, sehr streng: »Für gewöhnlich stimmen Reservierung und Pass überein. Ich kann Ihnen die Suite leider nicht geben. Ich bin verpflichtet, auf Herrn und Frau Ofarim zu warten.«

»Aber Sie sehen doch, da stehen sie! Das sind die Ofarims.«

»Tut mir sehr leid, dann haben sie falsche Pässe. Ich muss das melden. Einen Moment bitte.«

Abi musste gespürt haben, dass etwas nicht stimmte und klärte das Pass-Missverständnis sofort auf. Im Grunde genommen war es meine Schuld – ich hätte wissen müssen, dass »Ofarim« ein Künstlername ist und in ihren Pässen, wenn ich mich richtig erinnere, „Reichstatt“ steht. Ich wollte die beiden noch zum Essen einladen, aber Esther wollte ins Bett, Abi eigentlich auch, aber vorher erledigten wir noch den finanziellen Teil, sie wollten später noch ein bisschen einkaufen gehen.

»Alles ok. Ich hole Euch um 20 Uhr ab. Bitte seid pünktlich!«

Wie aus dem Ei gepellt erschienen Esther und Abi am Abend zu ihrem ersten Auftritt im Theater an der Leopoldstraße, dem offiziellen Auftakt zur »Schwabinger Woche«. Abi war erstaunt über die Zusammenstellung des Programms, eine Mischung aus literarischem Kabarett und Musiknummern. Er kannte so etwas nicht. Endlich waren die beiden an der Reihe. Der »Ansager«, wie das damals noch hieß, hatte wohl wenig Ahnung, wer dieses Popduo sei und präsentierte sie nicht als etwas Besonderes. Als er dann die Namen sagte, brach ein rauschender Applaus los, der kaum enden wollte, auch als Esther und Abi schon lange auf der Bühne standen. Der »Ansager« konnte das gar nicht fassen und erkundigte sich bei jedem hinter der Bühne, wer denn das wirklich sei. Aber schließlich war auch er fasziniert.

In der Wartezeit vorher war ich schnell in meinem Laden gefahren, um zu sehen, ob überhaupt Gäste sich für »meine« Ofarims interessierten. Schon kurz nach neun Uhr Abends war der SIMPL gesteckt voll. Noch mehr Leute waren gar nicht mehr unterzubringen. Glücklich fuhr ich wieder in das Theater zurück, und erlebte den sensationellen Erfolg der beiden mit, packte sie dann in mein Auto, was sich aber als schwierig und langwierig erwies, da sie schon von Autogrammjägern umringt waren.

Im SIMPL ging ich mit Esther und Abi durch den Kücheneingang direkt in mein kleines Büro, das ich als Garderobe hergerichtet hatte. Esther setzte sich auf meinen Stuhl, den sie für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr verlassen sollte. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.  Abi und ich gingen einen Blick in die Kneipe werfen. Es waren mindestens nochmal so viele Gäste da, wie bei meinem ersten Besuch vorhin. Die Freunde saßen auf- und übereinander. Mein erster Gedanke war nur: »Hoffentlich passiert nichts!« Ich hatte eine solche Freude, dass ich mit meiner Idee, die Ofarims in den SIMPL zu holen, richtig lag, dass ich das kleine Drama, das sich in meinem Büro abspielte, zuerst gar nicht mitbekam.

Esther weigert sich, im Simpl aufzutreten!

Esther weigerte sich, nochmal aufzutreten. Sie habe ihre Arbeit für heute schon erledigt. Nun sei Schluss, sie gehe jetzt zu Bett. Ich war außer mir und musste feststellten, dass Abi ihr von unserem Deal nichts gesagt hatte. Ich versuchte mit allen Mitteln Esther zu überreden. Wollte sie mit Champagner in bessere Laune bringen, brachte ihr etwas zu essen – alles umsonst. Ich versuchte ihr ganz lieb zu erklären, wie lange die Menschen da draußen schon auf sie warteten, dass sie nur ihretwegen gekommen seien. Esther glaubte mir kein Wort: »Die Leute kennen uns doch gar nicht, die wissen überhaupt nicht wer wir sind. Die haben keine Ahnung, was für Lieder wir singen!« Wieder kam das sehr bestimmte NEIN.

Meine letzte Rettung schienen Renate und Imo Moszkowicz. Mit vielen Mühen holte ich die Beiden aus dem total überfüllen Gastraum in mein Büro. Auch ihnen gelang es nicht Esther umzustimmen. Für mich bahnte sich eine Katastrophe an. Sollte ich jetzt in der Tat gezwungen sein, auf die Bühne zu gehen, um dem Publikum zu sagen, dass Esther Ofarim sich weigert aufzutreten? Man hätte mich gesteinigt. Die meisten saßen schon seit 20 Uhr da und wollten endlich ihre Lieblinge sehen. Esther redete sich immer darauf hinaus, dass sie von einem zweiten Auftritt nichts gewusst habe, Abi habe ihr, wohl wissend, dass sie sich nie darauf eingelassen hätte, das verschwiegen. Ich solle ihr doch den Vertrag zeigen, wenn ich es schriftlich habe, werde sie auftreten. Aber einen Vertrag gab es ja nicht. »Um so besser. Dann gehe ich jetzt. Kann ich bitte ein Taxi haben?«, bat sie sehr bestimmt, aber höflich. Unsere ganzen Gespräche spielten sich natürlich in Englisch ab – ich verstand aber sowieso immer nur die Hälfte!

Auf einmal legte Abi in seiner Muttersprache los. Esther sah ihn mit großen Augen und ganz verschüchtert an, und ich ging aus meinem winzigen Büro. Das war ein richtiger Ehekrach, da wollte ich nicht dabei sein. Kurze Zeit später rumste es ungeheuer. Als ich wieder ins Büro kam, saß Esther wie ein kleines Kind unter dem Gardeobenständer. Abi erklärte mir, dass der Stuhl mit Esther plötzlich umgefallen sei. Aber jetzt meinte sie auf einmal, sie ginge auf die Bühne, sänge ein einziges Lied, und würde danach sofort ins Hotel fahren.

Hurra – wir hatten gewonnen!

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich mit wenigen Worten, schweißgebadet und total erschöpft »Esther und Abi Ofarim zum ersten mal in der Bundesrepublik und natürlich im SIMPL« ankündigte. Ein Sturm der Begeisterung brach los. Schon bevor sie auch nur einen Ton gesungen hatten, kamen die Titelwünsche aus dem Publikum. Esther muss gespürt haben, dass ihre Einschätzung unseres Publikums völlig falsch war. Sie ging nach dem ersten Lied nicht von der kleinen Bühne! Fast zwei Stunden lang war ihr Konzert – immer wieder wunderten sie sich, dass die Zuschauer eigentlich alles kannten, was bis dahin veröffentlicht war.

Toni hat gewonnen! Triumphaler Auftritt der Ofarims im Alten Simpl

Sie waren so mitreißend gut, so voller Freude, auch Esther wurde auf einmal richtig witzig. Das Publikum spornte die beiden mit seiner Begeisterung zu immer neuen Höchstleistungen an. Fast möchte ich sagen, dass ich sie nie mehr so gut erlebt habe. Vielleicht ist das aber auch zu subjektiv!

Mir ist es gelungen einen Traum, meinen Traum, in Erfüllung gehen zu lassen! Zum Schluss wussten die beiden schon gar nicht mehr, was sie singen sollten, sie wiederholten einige Nummern, und die Leute tobten.

Der SIMPL glich einem Hexenkessel. Nach Beendigung ihres Konzertes fuhr Esther auch nicht gleich weg.

Nach dem Konzert im Simpl mit Wirtin Toni Netzle, links und dem Ehepaar Moszkowicz

Noch lange saß sie mit ihren alten und neuen Freunden zusammen – ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass wir morgens um 10 Uhr im Bayerischen Rundfunk noch eine Verabredung hätten – Abi nahm sie liebevoll in den Arm und brachte sie weg. (…)

Toni Netzle heute als Zeitzeugin, Foto um 2016

Nachtrag 1: Unsere Verabschiedung wurde fast dramatisch, wir hatten uns lieb gewonnen und wollten uns nicht trennen! Wir haben uns nie mehr aus den Augen verloren.

Nachtrag 2: Leider hat sich Esther recht schnell aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Einige Male habe ich sie aber doch noch bei einem Konzert oder einer Fernsehsendung gesehen. Nach wie vor singt sie so, dass mir das Herz aufgeht!


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„Mit Laptop und Staffelei“ – Fotos, Impressionen und Pressespiegel zum Festakt der MKG im Ägyptischen Museum (noch bis 25.2.)

„150 Jahre sind ein dickes Brett.“ Mit dieser knappen Feststellung beschrieb Paul Martin Cambeis,  der amtierende, 19. Präsident der MKG, die gewichtige Nachfolge, die er 2017 angetreten hat. Dass er diese durchaus auszufüllen versteht, belegen nicht nur seine fundierte Ausbildung an der Münchner Kunstakademie und die überbordende künstlerische Vita in gefühlt allen nur möglichen Kunstsparten, sondern ebenso sein pointierter und zugleich lässiger Stil, ob er nun einen Pinsel, einen Hobel oder eben eine traditionsreiche Künstlergemeinschaft ins „21. Jahrhundert führt“.

Paul Martin Cambeis vor dem Gemälde „Die Regie verliert die Kontrolle“, von Professor Zhao Yangbo, Öl/Leinwand, 180 cm x 240 cm, Katalog 2018/S. 84; Foto: Lippert

„Feiern mit Weggefährten und Kollegen“, lautete das Motto der diesjährigen Jubiläumsveranstaltung. Dementsprechend sinnbildlich wiedervereinigt zeigt ein Foto Paul Martin Cambeis vor einem beeindruckenden Gemälde von Professor Zhao Yangbo, prominenter zeitgenössischer Vertreter der Münchener Secession, die sich vor 125 Jahren, nach künstlerischen Differenzen, von der MKG Münchner Künstlergenossenschaft abgespalten hatte. „Bestimmt trug Lenbach durch seinen Eigensinn maßgeblich dazu bei“, räumt Cambeis in seinem Grußwort zu Katalog/Festschrift ein, „doch heute, 125 Jahre danach, haben wir die Trennung überwunden.

Paul Martin Cambeis „Selbst das Maul offen haltend“ Bronze, 30 x 50 x 48 / Katalog 2018/S. 132; Foto Ravasz

Gut so! Ein – vorübergehender -„Theaterdonner“ sei ab und an auch unseren Kolleginnen und Kollegen der Bildenden Künste vergönnt.  Ein recht leidenschaftliches Gemüt zeichnet uns Kunst- und Kulturschaffende ja angeblich alle aus, und so verwundert es auch nicht weiter, dass die „Schwimmende“ von Brigitte Yoshiko Pruchnow das erhitzte Selbstbildnis des MKG-Vorsitzenden auf dem Foto links nicht wirklich zu besänftigen scheint. 😉

Das Motto „Feiern mit Weggefährten und Kollegen“ gipfelte in der Auszeichnung des Ehepaars Maja und Peter Grassinger, deren Lebenswerk die Erhaltung und der künstlerische Betrieb des Münchner Künstlerhauses am Lenbachplatz ist.

Ein Leben für das Münchner Künstlerhaus – Dafür wurde das Ehepaar Maja und Peter Grassinger mit der MKG-Ehrenmedaille 2018 ausgezeichnet; Neben ihnen: S.K.H. Prinz Christoph von Bayern und Gemahlin IKH Prinzessin Gudila von Bayern, Foto: Lippert

MKG-Ehrenpräsident Nikos W. Dettmer bei Eröffnung der Jubiläumsausstellung, Foto Lippert

Dafür hatte Maler und Bildhauer Nikos W. Dettmer , Ehrenpräsident der MKG und Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, eigens eine Medaille gestaltet, die ab sofort jedes Jahr im Rahmen der Ausstellungseröffnung der MKG an Münchnerinnen und Münchner verliehen wird, die sich in besonderer Weise um die Künstler und das kulturelle Leben in München verdient gemacht haben. In seiner Laudatio in der Festschrift äußert sich Dettmer:“ Nach Jahrzehnten aufopfernder Arbeit steht das Künstlerhaus heute als Begegnungs- und Aufführungsstätte für Künstler aller Sparten zur Verfügung. Unermüdlich schaffen Maja Grassinger und ihr hervorragendes Team den anstrengenden Drahtseilakt zwischen Ökonomie und Kunst.“ (…)

Peter Lang kann nicht nur „seriös mit Fliege“, sein Alias ist „Genosse Rock’n Roll„, Hier spielt er neben dem „Jazztrio“ von Franz Hämmerle (Allotrianer); Pappel, 238 cm x 90 cm x 80 cm, Katalog S. 138, Foto: Radesz

Auch mit der musikalischen Umrahmung schloss sich historisch ein Kreis: Engagiert war unser Freund und jourfixe-Mitglied Peter Lang, Inhaber des Artist Studio im UG des Münchner Künstlerhauses. Der ungarische Multiinstrumentalist bespielte, in bewährt souveräner Manier, mit seiner EinMannBigBand, das Untergeschoss des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst, in dem seit einigen Jahren die Jahresausstellung der MKG stattfindet – und durch sie eine Verbindung zwischen zeitgenössischer Gegenständlicher Kunst und antiker Kunst hergestellt wird. Peter Lang für den Musikteil vorgeschlagen hatte MKG-Sprecherin Dr. Elisabeth Sorger.  Wie sie uns einmal bei einer jourfixe-Versammlung verriet, hatte sie Peter und seine Bandcollegen als blutjunges Mädchen angehimmelt, als diese im Budapester Jugendpark ihr Publikum musikalisch verzückten. Peter war nämlich Gründungsmitglied der beiden ungarischen Kultbands Omega und Hungaria“. Damals hätte Elisabeth sich nie träumen lassen, dass sie eines Tages Peter selbst engagieren würde!

Überfülltes Auditorium bei den Festansprachen zum 150. MKG-Jubiläum – Bildmitte: Dr. Elisabeth Sorger, Sprecherin der MKG, links außen Promi-Journalistin Daniela Schwan, meine Freundin aus wilderen Zeiten, heute u.a. Redakteurin von WIR! in Bayern Foto: Lippert

Brigitta Rambeck, Leiterin des traditionsreichen Münchner Seerosenkreises

Herzog Franz von Bayern schreibt in seinem Grußwort: „Genau 100 Jahre ist es her, dass zum letzten Mal ein Mitglied meiner Familie die Schirmherrschaft für die Jahresausstellung der Münchner Künstlergenossenschaft übernahm. Umso mehr bin ich erfreut, dass diese Verbindung 2018 wieder belebt wird. (…) Sie (die MKG) besteht weiterhin und passt sich den Anforderungen an eine moderne Künslerorganisation an, als ein Forum für den Austausch im Zeitalters des Internets und der Digitalisierung. Dafür wünsche ich der Künstlergenossenschaft und ihren Mitglieder alles Gute.

Nach Sichtung des aktuellen Pressespiegels zum Jubiläum der MKG, mit vielen Statements von Präsident Paul Martin Cambeis zum künftigen Kurs dieser altehrwürdigen Münchner Institution, tippe ich auf das erfolgreiche Prinzip „Laptop mit Lederhosen„, also auf das ur-bayerische Talent, Tradition zu bewahren und mit modernen Errungenschaften aufzupeppen.

Besucher der Vernissage, Foto: Lippert

Der Bayerische Rundfunk widmete der MKG zum 150. Jubiläum bereits einen Beitrag, aufrufbar in der ARD-Mediathek:

28.01.2018 | 9 Min. | Verfügbar bis 27.01.2019 | Quelle: © Bayerischer Rundfunk

 Sie waren Malerfürsten ebenso wie arme Künstlerkreaturen als König Ludwig II. die „Münchener Künstlergenossenschaft“ 1868 mit königlichen Privilegien versah. Hundert Künstlerinnen und Künstler zählt die MKG heute – keine Avantgarde, sondern meisterhafte Traditionalisten der Malerei, Grafik und der Bildhauerei.

Vernissage der Jahresausstellung 2018 der MKG, Foto Radesz


Zur MKG-Münchner Künstlergenossenschaft s. a.

jourfixe-Blogbeitrag 2018: Ein Meilenstein der Münchner Kunstgeschichte

jourfixe-Blogbeitrag 2017: Nur mit dem Herzen sieht man gut“   

jourfixe-Blogbeitrag 2016: Unkuratiert streiten


Ausstellungsdauer noch bis Sonntag, 25. Februar 2018

Zeiten: MO geschl./ DI: 10 – 20 Uhr / MI – SO: 10 – 18 Uhr


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„Todeszug in die Freiheit“ – MO, 29.1.2018, 23.55 Uhr, ARD, Impressionen der Vorschau im Jüdischen Museum München

„Wir wussten nicht, in welcher Sprache … zu welchem Gott sie in Ihrer Verzweiflung gebetet hatten … kannten nicht ihre Namen“, hieß es sinngemäß in einer Trauerrede, die 1945 für ermordete KZ-Häftlinge in einer kleinen Ortschaft bei Prag gehalten wurde. Die Toten waren Opfer der mörderischen Willkür einiger SS-Wachen geworden, die während eines Zugstopps wahllos auf Häftlinge geschossen hatten, als diese sich mit etwas Proviant versorgen wollten, das ihnen von der einheimischen Bevölkerung gespendet wurde. Nun, tragischerweise nur wenige Tage vor Kriegsende, trug man sie zu Grabe, doch wurden sie einzeln und respektvoll beigesetzt, anstatt, wie sonst bei KZ-Häftlingen üblich, in einem Massengrab verscharrt zu werden; ein Akt stiller Auflehnung dem NS-Regime gegenüber und  eine weitere, letzte Geste der Menschlichkeit, der viele, ganz unterschiedliche Hilfsmaßnahmen vorangegangen waren, mit denen die Bevölkerung entlang der Bahnstrecke Zeichen von Solidarität, Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesetzt hatte.

Waggon mit weiblichen Häftlingen auf dem Bahnhof Roztoky, heimliche Aufnahme von Vladimír Fyman, 30. April 1945. Mittelböhmisches Museum, Roztoky; Bildquelle: Gedenkstelle Flossenbürg

Mit dem Näherrücken der Allierten war begonnen worden, Häftlinge aus den Konzentrationslagern zu evakuieren; zu diesem Zweck wurden zahlreiche Züge eingesetzt. Was diesen „Todeszug“ von den anderen unterschied, war nicht nur seine Größe von !77 offenen Güterwagons voller Häftlinge, oder die Hilfs- und Sabotagemaßnahmen, mit denen die Bevölkerung seine Fahrt begleitete, sondern dass dieser Zug die meisten seiner Insassen in die Freiheit führte, die am Ende der Reise Partisanen für sie erkämpften! Durch glückliche Umstände sind zu den Ereignissen um diesen Zugtransport eine ganze Reihe filmischer und fotografischer Zeugnisse  in tschechischen Archiven erhalten geblieben. Sie bilden die Grundlage zum Dokumentarfilm „Todeszug in die Freiheit“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks:

„Jahrelang haben die beiden Filmer Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, die für den Film „Verbrechen Liebe„/Bayerischer Rundfunk, mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, diese Geschichte recherchiert. Es ist ihnen gelungen, zahlreiche Zeitzeugen zu finden, Menschen, die damals in den Waggons ihrem Schicksal entgegen fieberten, genauso aber auch viele tschechische Helfer, die damals dabei waren“, so das ERSTE auf der Homepage zum Dokumentarfilm Todeszug in die Freiheit

Aus dem Vorspann des Dokumentarfilms „Todeszug in die Freiheit“

Hilfe und Rettung erfolgten auf unterschiedlichste Weise. Einige Häftlinge, die ihren Waggon hatten verlassen dürfen, wurden von der Bevölkerung in den Wartesaal des kleinen Bahnhofs geschleust, dort heimlich neu eingekleidet und dann ins Freie geleitet. Manche versteckten sich in der örtlichen Typhus-Station, deren Betreten den SS- und Wehrmachtstruppen wegen der Ansteckungsgefahr untersagt war. Auch unter den Häftlingen fanden sich Typhus-Patienten, die selbstlos vor Ort versorgt wurden, was einer Helferin das Leben kostete … Mehr zu den damaligen Vorkommnissen berichtete im Anschluss an die Filmvorführung auch die Witwe eines der damaligen Ärzte  in Roztoky.

Zug mit KZ-Häftlingen, 1945, Quelle: Mittelböhnmisches Museum/ARD-Homepage

An der Produktion beteiligt und im Film auch als Kommentator präsent, ist Jörg Skribeleit, seit fast zwanzig Jahren Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dass er sich nicht allein als institutionalisierter Verwalter eines NS-Tatorts versteht, sondern sich mit Leidenschaft für dessen historische Aufarbeitung und Dokumentation einsetzt, wurde nicht nur anhand seiner Erläuterungen im Film selbst spürbar, sondern auch im anschließenden Gespräch mit Mocellin und Muggenthaler. Andrea Mocellin erinnerte, wie ihnen nach einer einstündigen Vorbesprechung zum Film mit Schaudern aufgefallen war, dass dabei zwanzig unterschiedliche Begriffe für „sterben“ gebraucht worden waren!

Nachbesprechung von „Todeszug in die Freiheit“ von Thomas Muggentaler (ganz links) und Andrea Mocellin (2. von re.), moderiert von Andreas Bönte/BR (Mitte); ganz rechts Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg; Jüdisches Museum München, 23.1.18

Einfühlsam moderiert wurde die Nachbesprechung von Andreas BönteFernsehjournalist und stellvertretender Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks sowie Leiter des Programmbereichs BR FernsehenARD-alpha und 3sat. Entsprechend kündigte er Reprisen im BR-Fernsehen an, ebenso einen ganzen Themenabend rund um den Film auf ARD-alpha. Der Zeitpunkt stehe allerdings noch nicht fest.

Erfreulich und wohlverdient empfand ich den Großen Bahnhof, mit dem das Publikum, darunter hochrangige Münchner Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, den Film aufnahm. Zusätzliche Würdigung erhielt dieser durch das Erscheinen von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kultusminister Ludwig Spaenle

Als hingegen nicht ganz befriedigend empfand ich die einleitende Rede von Dr. Ludwig Spaenle, bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (CSU). Leider sprach er einseitig den Antisemitismus und die „Shoah“ an, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas, obgleich im Film auch das Schicksal von Häftlingen eine Rolle spielt, die aus anderen, politischen Gründen zu Opfern wurden. Ebenso erschien mir überflüssig, da im Kontext unverständlich, Dr. Spaenles abschließende Versicherung seiner Verbundenheit mit dem Staat Israel, der hier in keiner Weise Thema war. Vielmehr ging es doch an diesem Abend um eine beeindruckende Dokumentation zu Leid und Zivilcourage am Ende des Dritten Reiches? Einmal mehr stellte sich mir die Frage nach dem Sinn von Reden aus den Reihen der Politik bei solchen Anlässen.

Der geschäftsführende Vorstand der Freien Bühne München, vertreten durch Gründerin Angelica (Mitte) und Marie-Elise Fell (rechts) im Jüdischen Museum

Zu verdanken hatte ich diesen Filmabend unserem jourfixe-Neumitglied Angelica Fell. Die gelernte Journalistin (BR, ZDF, Print) und Initiatorin der inklusiven Freien Bühne München (FMB e.V.), entpuppt sich immer wieder  als begnadete Netzwerkerin, die es nicht nur versteht, Menschen zusammenzuführen, sondern dazu auch stets einen anregenden Rahmen auftut, wie eben diese Filmvorschau im Jüdischen Museum, zu der sich zahlreiche Kolleginnen des ehemaligen ZDF-Kultmagazins „Mona Lisa“ zusammengefunden hatten –„lauter Monalisen“, wie Angelica sie scherzhaft nannte, zumal mit Andrea Mocellin eine weitere Ex-Kollegin sogar im Mittelpunkt der Veranstaltung stand! Allerdings lebt diese, wie sie mir beim anschließenden Empfang berichtete, inzwischen in Berlin und arbeitet für den rbb – Rundfunk Berlin Brandenburg.

Allererstes Treffen im Jüdischen Museum, nach monatelangen Telefonaten und Emails: Constanze Hegetusch, Autorin der TV-Doku „Die unheilvolle Narbe“, die am Vorabend im BR gelaufen war und Gaby dos Santos

Angelica verdanke ich auch die erste persönliche Begegnung mit Dokumentarfilmerin Constanze Hegetusch. Ihr Film Die unheilvolle Narbe, über das Schicksal der Sinteza und Holocaust-Überlebenden Rita Prigmore war am Vorabend, in der Reihe „Lebenslinien„, im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt worden, und ich hatte ihn  über meine Social-Media-Kanäle und die jourfixe-Seiten auf Facebook mitbeworben. Zwar hatte ich nicht damit gerechnet, die Dokumentarfilmerin, nach monatelangen Emails und Telefonaten ausgerechnet an diesem Abend endlich persönlich kennen zu lernen, aber ein erstes Treffen gerade in diesem, ebenfalls NS-Opfern gewidmeten Rahmen, fühlte sich für mich sehr stimmig an!

Beim Empfang im Jüdischen Museum nach der Filmvorführung: Von links: Angelica Fell, Thomas Muggenthaler, Andrea Mocellin und Gaby dos Santos, Hintergrund li.: Jörg Skribeleit

Ende Januar, rund um den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar, erfolgen regelmäßig Publikationen, TV- und Radio-Sendungen sowie Veranstaltungen zum Thema, natürlich auch im Jüdischen Museum München, dessen  Veranstaltungen, betreut von der Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin und Galeristin Anne Uhrland, ich sehr schätze. Unvergessen bleibt mir dabei der Gedenkabend am 27.1.2015, mit Holocaust–Zeitzeugin Helga Verleger, in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der mich zum jourfixe-Blogbeitrag „Naja …“ Holocaust-Zeitzeugin Helga Verleger im Jüdischen Museum inspirierte –

Allmählich versterben solche ZeitzeugInnen. Für umso wichtiger halte ich jede Art von Dokumentationsarbeit, die dazu beiträgt, die Erinnerung mahnend wach zu halten, wie dieser „Roadmovie der besonderen Art“, der uns Zuschauerinnen und Zuschauer moralisch in die Pflicht nimmt: Für mich persönlich lautet seine Botschaft, dass Menschlichkeit und Zivilcourage auch unter widrigen Umständen, in vielfältiger Form möglich sind, die Bereitschaft vorausgesetzt, sich sehenden Auges und mit Empathie der Not anderer zu stellen! Insofern halte ich diesen Film gerade aktuell für gesellschaftlich relevant und finde es schade, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Bildungsauftrag einem solchen Beitrag, wie überhaupt der Reihe „Geschichte im ERSTEN“, keinen prominenteren Sendeplatz einräumt, als montags am späten Abend!


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„Integrierst Du noch oder schreibst Du schon?“ > > > Maria-Jolanda Boselli zum Fachgespräch der *Autorinnenvereinigung über Sprache als Weg zur Integration

Gibt es den Königsweg zur erfolgreichen Integration? Die Frage ist falsch gestellt, darüber waren sich die Autorinnen Silvija Hinzmann Fadumo Korn Gertraud Klemm und Tunay Önder einig.

Bloggerin Tunay Önder

Beim Expertengespräch im Münchner Pelkovenschlössl stellten sie gemeinsam fest: Es geht nicht darum, woher du kommst, welche Traditionen du pflegst oder welchen Hintergrund du hast. Beurteilt wirst du nur danach, wie du handelst.

Die Soziologin und Bloggerin Tunay Önder („Migrantenstadl“) rät ihren Freunden, die wie sie als Kinder von Gastarbeitern in der zweiten Generation in Deutschland sind, inzwischen provokativ zur „Desintegration.“ Statt Kultur und Riten der elterlichen Heimat abzuschwören, sollten Einheimische, Migranten der ersten und zweiten Stunde und Flüchtlinge, aus bestehenden Strukturen und vielfältigen Einflüssen, ein neues Ganzes zusammenfügen.

Unter dem Motto „Die Kraft von Worten“ widmete sich die Autorinnenvereinigung ein Wochenende lang der Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das von BR-Redakteurin Özlem Sarikaya und Journalistin und AV-Vorstandsmitglied Maria Jolanda Boselli moderierte Expertengespräch diente dazu, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte zur Förderung des deutschsprachigen Autorinnennachwuchses zu finden.

Expertinnenrunde bei der abschließenden AV- Matinée am 26.11.2017 im Moosacher Pelkovenschlössl vlnr: Silvija Hinzmann, Gertraud Klemm, Fadumo Korn, Özlem Sarikaya, Maria-Jolanda Boselli, Tunay Önder, Hebatallah Fahty

Multikulturelles Selbstbewusstsein als Chance gegen Fremdenhass
Gerade angesichts der wachsenden nationalistischen Strömungen sei dieses neue, multikulturelle Selbstbewusstsein wichtig und die einzige Chance gegen Radikalisierung und Ausländerhass, betonte auch Gertraud Klemm.

Gertraud Klemm

Die österreichische Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises bedauerte, dass öffentliche Leistungen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse dramatisch einbrechen. Sie beobachte schon in der Schule eine Ausgrenzung ausländischer nicht europäischer Kinder. „Aber wenn ich einen Pressetermin mit Kommunalpolitikern habe, wollen sie immer eines meiner Kinder als „Toleranz Accessoire“ auf dem Foto“, berichtete die Mutter zweier adoptierter Kinder mit afrikanischen Wurzeln. In unserer europäischen Gesellschaft fehle es trotz aller Multikultur an farbigen Vorbildern – die im Moment nur im Sport präsent seien.

Professor Hebathalla Fathy vom Institut Deutsch als Fremdsprache der LMU vermisst bis heute in höheren Positionen eine kulturelle Durchmischung. Sie unterstützt junge Flüchtlinge dabei, in Deutschland Fuß zu fassen – und das auf eine ganz besondere Art. Einer Kultur nähere man sich am besten mit Büchern, sagt sie, und ermutigt die jungen Männer und Frauen zu lesen – und im zweiten Schritt, selbst zu schreiben.

Silvija Hinzmann

Sprache ist eine starke Waffe

Genau so eroberte sich auch Silvija Hinzmann ihren Platz in Stuttgart. Als die 14jährige nach Deutschland kam, hatte sie in der Schule bereits Deutsch gelernt – „um mich wenigstens unterhalten zu können, wenn ich meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchte.“ Aus Urlaub wurde Alltag und Deutsch zur zweiten Muttersprache. „Damals las ich alles, was ich finden konnte. Ich stenografierte sogar die Schlagertexte aus Dieter Thomas Hecks Hitparade mit“, erinnerte sich die Krimiautorin. Ob in Kroatien oder in Deutschland – sie habe nie etwas anderes machen wollen als Schreiben. In welcher Sprache, das sei für sie sekundär gewesen.

Fadumo Korn

Fadumo Korn kam als Teenager aus Somalia über Italien nach München. „Ich habe schnell Deutsch gelernt“, erzählte sie. „Wie davor Italienisch.“ Sie habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass Worte mächtige Waffen seien, mit denen gerade Frauen auch scheinbar stärkere Männer „erschlagen“ können. Starke Worte sind bis heute das Markenzeichen der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Aktivistin für Frauenrechte und gegen Beschneidung. Wenn es darum geht, damit ein Unrecht zu bekämpfen, wägt sie nicht ab, ob es gefährlich ist, sich einzuschalten. Dass sie als Afrikanerin in Deutschland nach wie vor auffällt, macht ihr nichts aus: „Die Unsicherheit liegt ja nicht bei mir, sondern bei denen, die nicht genau wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“

Integrieren sich Frauen schneller als Männer? Ihre Mutter habe sich in der deutschen Sprache besser zurechtgefunden als ihr Vater, sagte Tunay Önder. Denn der habe am Arbeitsplatz mit Migranten aus Italien, Griechenland und Jugoslavien eher ein Kauderwelsch gesprochen.

Schreibworkshops für jungen Frauen

Marion Tauschwitz, Vorsitzende der AV

Tatsächlich finden Familien heute leichter ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft, wenn die Mütter sich dieser öffnen, besagen Studien. „Hier möchten wir Autorinnen helfen“, sagt Marion Tauschwitz, die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung AV. „In Workshops und beim Coaching können wir junge Frauen und Mädchen dabei unterstützen, über die Sprache einen Zugang zu einer neuen Umwelt zu finden. Sehr gerne kooperieren wir mit interessierten Institutionen und Einrichtungen. Wir haben in vielen deutschen Städten regionale Gruppen und nehmen das Thema als einen Arbeitsschwerpunkt aus diesem Gespräch mit.“


Maria-Jolanda Boselli

Mehr zur Jahrestagung 2017 der Autorinnenvereinigung (AV) im jourfixe–Blogbeitrag von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der AV  >>> Literarische Frauenpower im Pelkovenschlössl

Von ihr stammt auch der vorliegende jourfixe-Blogbeitrag „Integrierst Du noch – oder schreibst Du schon?“


*Die Autorinnenvereinigung ist der welweit einzige Zusammenschluss von Schriftstellerinnen, die in deutscher Sprache publizieren. Sie setzt sich seit rund 20 Jahren für die Rechte schreibender Frauen ein und unterstützt diese durch Netzwerke, Stipendien und Preise.

Fulminanter Auftakt der Tagung mit einem Poetry Slam unter dem Motto: „Was genau ist dahoam?“ Acht junge Poetinnen und Poeten mit und ohne Migrationshintergrund dichteten, rappten, slammten zum Thema „Integration“. Moderation: Franziska Ruprecht, Münchner Performance Poetin (links außen im Bild) Dazu „Intro und Outro“: Traditionelle Musik aus dem Iran mit Gitarre und Gesang

* Das Titelbild zeigt AV-Autorinnen während der Jahrestagung, 24.-26.11.2017/Pelkovenschlössl: von links nach rechts >  Sylvia Tornau, Undine Marion Pelny, Maria-Jolanda Boselli, Marion Tauschwitz, Yvonne Powell, Ulrike Schäfer, Regina Lehrkind,  Billie Rubin und Gertraud Klemm.


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Literarische Frauenpower im Moosacher Pelkovenschlössl vom 24. bis 26. November 2017: Zur Jahrestagung der Autorinnenvereinigung ein Beitrag von Sprecherin und Autorin Maria Jolanda Boselli

„Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold„, lautet der Titel einer Veranstaltung der diesjährigen Tagung 2017 der Autorinnenvereinigung, die erstmals in München stattfindet, aber er benennt ebenso gut, was die Autorinnenvereinigung seit Jahren motiviert. Dabei handelt es sich um den einzigen Zusammenschluss deutschsprachiger Autorinnen und  internationales Netzwerk für Schriftstellerinnen aller Genres, die in deutscher Sprache schreiben und publizieren. Die Autorinnenvereinigung

  • vergibt jährlich ein Projektstipendium
  • kürt regelmäßig eine AV-Autorin des Jahres
  • organisiert die Internationalen Gespräche am Literarischen Colloquium Berlin LCB
  • führt die Goldstaub-Wettbewerbe in den Genres Prosa und Lyrik durch
  • ruft zu den Poetischen Experimenten in NRW
  • steht für die internationalen Foren in Berlin und Rheinsberg
  • initiiert die Vergabe des Deutschen Schriftstellerinnenpreises
  • unterstützt Autorinnentreffen, Diskussionen, Lesungen, Weiterbildungen und anderes

Die Autorinnenvereinigung will Selbstbewusstsein für ein freies künstlerisches Leben und die Präsenz von Autorinnen in der literarischen Welt.

Kommen Sie dazu! » mehr Informationen, so nachzulesen auf deren Webseite.

Einige Autorinnen im Programm der Jahrestagung 2017

Im Rahmen ihrer  Jahrestagung, vom 24. bis 26. November 2017, sprechen, singen, slammen und lesen Künstlerinnen und Künstler im Pelkovenschlössl in München-Moosach zum Thema  Integration. „Drei Tage lang feiern wir weibliche Literatur. Mitten in München und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Münchner Literaturfest wollen wir einen ganz besonderen Schwerpunkt setzen – auf Frauen, die schreiben, um zu leben. In Deutschland und Österreich, als Einheimische und als neu hier Beheimatete“, erklärt Maria-Jolanda Boselli, Publizistin, Mitglied im Vorstand der Autorinnenvereinigung und – unter dem Pseudonym Marie Bastide – Krimiautorin. „Wir freuen uns sehr, dass die Stadt München unsere Veranstaltung unterstützt. Das zeigt die Brisanz unseres Anliegens“, sagt sie.

PROGRAMM  der Konferenz 2017, erstmals in München

„Wie funktioniert Integration? Die Antwort darauf geben am besten Frauen. Denn Frauen sind erwiesenermaßen Motor und Indikator, wenn es darum geht, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Die Internationale Autorinnenvereinigung AV zeigt im Rahmen ihrer Jahrestagung ein Wochenende lang, was Frauen unter Integration verstehen: prickelnde Spannung, Unterhaltung auf hohem Niveau, gute Gespräche. Und jede Menge Spaß“, erläutert Boselli den diesjährigen Themenschwerpunkt ihrer Organisation, die seit über 15 Jahren  für die Rechte schreibender Frauen kämpft. Seitdem vernetzt sie deutschsprachige Autorinnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern. Mit Informationen zu Verlagen, Agenten und dem Buchmarkt gibt sie wertvolle Hinweise für Veröffentlichungen. Gemeinsam mit anderen Verbänden engagiert sie sich für das Urheberrecht. Sie schreibt selbst Preise und Stipendien aus – und bietet ihren Mitgliedern neben einem virtuellen Forum einmal im Jahr die Gelegenheit zum persönlichen Treffen und literarischen Austausch.

„In der Literatur ist es wie beim Kochen, der Mode oder dem Friseur. Es gibt viel mehr Frauen, die diese Tätigkeit ausüben, als Männer. Aber ganz oben, an der Spitze, im Rampenlicht, stehen die Männer. Es gibt mehr männliche als weibliche Literaturpreisträger, absolut und prozentual. ‚Männer schreiben einfach besser als Frauen“, hat mir einmal ein männlicher Autor ins Gesicht gesagt. Er sah so aus, als sei er davon überzeugt‘, berichtet Maria-Jolanda Boselli. „Dabei sind Frauen die eifrigeren Leser. Wenn man sie in in einer repräsentativen Umfrage abstimmen ließe, welche Bücher ihnen am besten gefallen, stünden ganz sicher mehr Frauen ganz oben auf den Beststellerlisten. Aber wer fragt sie schon. Denn Frauen lesen nicht nur mehr, sie lesen auch anders. Und sie lesen leise. Aber – wie schreiben sie? Und vor allem: wann?

Bildmotiv zur Veranstaltung am 25.11.: „Lesen ist Silber – Schreiben ist Gold“

Männliche Autoren müssen natürlich auch einen Brotberuf ausüben, wenn oder solange sie nicht vom Schreiben leben können. Aber nach getaner Brotarbeit setzen sie sich an den Schreibtisch. Wenn sie Single sind, bestellen sie sich was vom Lieferservice oder machen sich ein Brot. Wenn sie Familie haben – kümmert sich die Ehefrau darum, dass daheim alles läuft. Und ihr Mann die Atmosphäre hat, die er braucht, um kreativ zu sein. Wenn der Ehemann ein Literaturstipendium erhält, gönnt er sich die Auszeit, denn die Frau hält ihm den Rücken frei. Ist hingegen eine Autorin in der glücklichen Lage, eines dieser begehrten Stipendien ergattert zu haben (und wir klammern jetzt mal solche aus, die in Länge und Ausschreibungsinhalt eine Variante eines selbstfinanzierten Praktikums darstellen), geht der Stress für sie erstmal so richtig los und beinhaltet Checkposten wie: unbezahlten Urlaub einreichen, Auslandsaufenthalt für die Kinder organisieren oder alternativ die Schwiegermutter als Dauergast im ehelichen Schlafzimmer einquartieren.

Denn Autorinnen müssen im Normalfall Brotarbeit, Familie und Schreiben vereinbaren. Und wenn am Ende ihres Arbeits- und Familientages die Kinder im Bett sind, die Wäsche gebügelt, die Küche aufgeräumt und der Ehemann zufrieden ist, dann, und erst dann, können sie sich an den Schreibtisch setzen und versuchen, kreativ zu sein. Wie viele Autorinnen mit Beruf und Familie im Rucksack haben leidvoll erlebt, dass an solchen Abenden in ihrem Kopf nicht einmal ein kleines „und“ mehr übrig ist, das sie hätten aufschreiben können. Nein, das ist nicht übertrieben. Ebensowenig wie das immer noch weit verbreitete Vorurteil, erfolgreiche Schriftstellerinnen seien mindestens Emanzen, schlimmstenfalls sogar Lesben, jedenfalls keine ordentlichen Mitglieder einer – bis heute immer noch männlich getönten – Gesellschaft.
Und trotzdem schreiben Autorinnen. Setzen sich über Hürden hinweg, nehmen Einschränkungen und Vorurteile in Kauf, mindestens aber Mitleid.Warum tun sie das? Weil Schreiben für sie Leben bedeutet. „Diesen Frauen gibt die Autorinnenvereinigung ein Forum. Und mehr.

Diejenigen, die es „geschafft“ haben, die als Autorinnen erfolgreich sind, veröffentlichen, lesen, um Autogramme gebeten und zu Buchmessen und Literaturfesten eingeladen werden, diejenigen machen den anderen Mut. Geben Tipps, machen Mentoring – und lesen auf Veranstaltungen wie der Jahrestagung der Autorinnenvereinigung im Moosacher Pelkovenschlössl.

Und wie ist das mit Frauen, die ihre Heimat verlassen und sich ein neues Zuhause einrichten müssen? Hilft ihnen die Beschäftigung mit der fremden Sprache dabei, Fuß zu fassen? Und hilft es ihnen, wenn sie ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Wünsche aufschreiben? Ist Schreiben ein Weg zur Integration? Wo genau ist „daheim“?

Um all diese Fragen geht es an den drei Veranstaltungsabenden im malerischen Pelkovenschlössl in Moosach. Passend zum Thema gestaltet sich auch das ungewöhnliche Musikprojekt „Die Newcomer“.

„Die Newcomer“ (25.11.)
ist ein spannender Zusammenschluss junger Rap–Formationen in englischer, spanischer, persischer und deutscher Sprache.
Dabei handelt es sich sowohl um in München aufgewachsene MusikerInnen, wie KünstlerInnen mit aktuellem Migrationshintergrund
Mehr im PROGRAMM

Die Autorin dieses Gastblogs, Maria Jolanda Boselli, veröffentlicht unter ihrem Autorinnen-Namen „Marie Bastide“ jedes Jahr einen mörderischen Adventskalender, mit mindestens einer Leiche pro Tag, als literarische Alternative zu den schokoladigen Überraschungen in den herkömmlichen Adventskalendern. In ihrem Blog „Marie Bastide erzählt die Welt„.


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„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

 „Wo war ich und wo warst Du, als am 26. September die Bombe explodierte?“ Als 1980, mitten das geschäftige Treiben aus Spaß, Tradition und Kommerz die Tragödie hereinbrach, legte sich über die Betriebsamkeit des größten Volksfests der Welt eine dumpfe Stimmung. Tiefes Mitleid für die Opfer, 13 Tote und 211 Verletzte, 68 davon schwer, mischte sich mit Abscheu über die Tat und der erschreckenden Erkenntnis: Man hätte selbst unter den Opfer sein können und/oder Angehörige hätte dieses Los treffen können. Wer Kinder hatte, den erschütterte ganz besonders das Schicksal der Familie Platzer. Vater Platzer hatte seinen Kindern, Ignaz, 6 Jahre alt und Ilona, 8 Jahre alt, einen Wies’n-Besuch gönnen wollen. Um 22.20 Uhr starben ihm beide von der Hand weg.

Haimo_Liebich_Gedenkfeier_2015_Oktoberfest_Attentat_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ein Blumengruß für die toten Kinder … Berührende Momentaufnahme der Gedenkfeierlichkeiten zum 35. Jahrestag, Foto: Haimo Liebich

„Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich der  73 jährige Kommissar Joseph Ottowitz in einem Beitrag des Spiegel: Betrunkene trampelten einfach über die Anschlagsstelle, manche sogar über die Leichen, während die Blasmusik weiter aus den Bierzelten dröhnte. Die Gummistiefel, die Ottowitz beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.

Oktoberfest_Bierzelt_Attentat_Gaby_dos_Santos_Bildcollage_Wiesnwahnsinn_jourfixe-BlogDer Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgerechnet München, die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, war, nach dem Geiseldrama der Münchner Olymiade von 1972, nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Terroraktes geworden! Da der Anschlag an einem der Ausgänge des Oktoberfests verübt worden war, blieb das eigentliche Fest-Areal unberührt und über das verwüstete Terrain schüttete man eiligst Teer, im eigentlichen, wie im übertragenen Sinn … Der berühmt-berüchtigte Spruch „The Show Must Go On“ fand zynische Anwendung: Nach gründlicher Reinigung eröffnete das Oktoberfest pünktlich am nächsten Vormittag, für zwei weitere Tage „buisness as usual“.  Am Mittwoch, ein Wochentag, der als relativ Umsatz schwach für das Oktoberfest gilt, unterbrach man die „Wies’n-Gaudi“ endlich für einen Tag.

Wiesn_geschlossen_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Erst vier Tage nach dem Anschlag blieb die Wies’n für einen Gedenktag geschlossen

Ebenso eilig hatte das bayerische Landeskriminalamt, im Tandem mit der Bundesstaatsanwaltsschaft, einen Täter zur Hand, den Studenten Gundolf Köhler, der selbst bei dem Anschlag zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich während der Untersuchungen heraus, dass Köhler zeitweilig der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann angehört hatte, die erst im Frühjahr vom damaligen Innenminister Gerhard Baum, FDP, verboten worden war.

Franz_Joseph_Strauss_1980_Wahlplakat_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-BlogDer amtierende bayerische Ministerpräsident Franz-Joseph Strauß hatte die Gruppierung jedoch lediglich für Spinner gehalten. Entsprechend vermutete er unmittelbar nach dem Attentat linke Terroristen am Werk und äußerte dies öffentlich. Doch leider – und ungünstig für Partei und Kanzler-Kandidat Strauß im Wahlkampf – erwies sich diese Theorie als vorschnell, da nicht haltbar, denn unter den Opfern entdeckte man bald, schwerst verstümmelt, den bekanntermaßen rechtsradikalen Attentäter selbst.

Koehler_Gundolf_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Der halbverbrannte Ausweis des Attentäters

Schnell präsentierte man ihn der Öffentlichkeit als frustrierten Einzeltäter, der schlichtweg einen grausam erweiterten Selbstmord begangen habe. Punkt. Obgleich die Ermittlungsergebnisse schon damals zahlreiche Widersprüche und Lücken aufwiesen. 1982 wurden die Ermittlungen dann für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Bildausschnitt der Gedenkstele

Bildausschnitt der Gedenkstele

Das Attentat blieb für die Landeshauptstadt München ein „Schweres Erbe“, so bezeichnet in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Katja RiedelVor zehn Jahren, zum 25. Gedenktag des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980, hatte die Stadt Hans Roauer offiziell zur Gedenkstunde eingeladen. Freunde hatten ihn überredet, gemeinsam zur Theresienwiese nach München zu fahren. Zu der schmalen Gedenkstele am Eingang der Festwiese, die damals noch mehr im Gedränge der Menschenmassen verschwand als heute, wo sie immerhin von einem durchlöcherten Metallrund umgeben ist. Es soll Schutz und Aufmerksamkeit zugleich bieten.

Oktoberfest - Gedenken an Attentat

Doch als Roauer an dem Ort ankam, der ihm bis heute Angst macht, da habe es für ihn und die anderen, oft schwerst behinderten Attentatsopfer nicht einmal einen Sitzplatz gegeben, sagt er. „Nur die Honoratioren saßen hinter der Absperrung, wir standen mitten in der Meute. Und dann die salbungsvollen Worte. Ich habe das nur fünf Minuten ausgehalten“, sagt Roauer.

Werner_Dietrich_Ulrich_Chaussy_Oktoberfest_Attentat_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ihre Lebensaufgabe ist die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats: Oben: Journalist Ulrich Chaussy darunter Opferanwalt Werner Dietrich

Dass sich das Mäntelchen des Schweigens nicht für immer über das Attentat legen konnte, ist maßgeblich der Hartnäckigkeit von Journalist Ulrich Chaussy (BR) zu verdanken. Ihm entgehen nicht die vielen Ungereimtheiten, die der offiziellen Einzeltäter-Version widersprechen. Bald vermutet er, dass passend gemacht wurde, was nicht passte und recherchiert auf eigene Faust weiter, gemeinsam mit dem ebenso engagierten Opferanwalt Werner Dietrich. Gemeinsam tragen sie neues Beweismaterial zusammen und setzen sich persönlich mit Zeugen in Verbindung. Auf Grund der Ergebnisse ihrer Suche beantragt RA Dietrich mehrfach eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch sein Antrag wird jedes Mal abgelehnt. Mehr noch: In den 90er Jahren werden alle gelagerten Asservate  „aus Platzmangel“ vernichtet!

Oktoberfest_Attentat_Der_blinde_Fleck_Film_jourfixe-BlogDie Fragwürdigkeit der Einzeltäter-These erhält 2013 neue Nahrung durch den Film „Der blinde Fleck“, ein dokumentarischer Spielfilm, der die Fragen und Erkenntnisse bündelt, die Chaussy und Dietrich im Zuge ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben:

Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) recherchiert den angeblich gelösten Fall und stößt auf rechtsradikale Hintergründe und ungeklärte Todesfälle. Warum hat die Polizei Zeugenaussagen ignoriert? Warum gab Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) geheime Informationen an die Presse weiter? Warum hat die Bundesanwaltschaft wichtige Beweismittel vernichten lassen? Ulrich Chaussy und der Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) machen sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit, die auch heute noch vertuscht wird. iiiiiiiiiiii Quelle:  Homepage zum Film (mit anschaulichem Trailer)

Den Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ergänzen zusätzliche Dokumentationen zu neuen Fakten und weiteren möglichen Hintergründen und stoßen jetzt auf eine Öffentlichkeit, die bereits durch den NSU-Skandal hochgradig sensibilisiert ist, was „Blindheit auf dem rechten Auge“ und Verquickungen zwischen Nachrichtendiensten, V-Männern und rechter Szene anbelangt. Zudem treten neue Zeugen in Erscheinung. Im Dezember 2014 wird schließlich die Soko „26. September“ ins Leben gerufen und das Verfahren neu aufgerollt.
iiiiiiiiiiii
Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Toni_Netzle

Toni Netzle, Autorin, Schauspielerin und legendäre Simpl-Wirtin im Alten Rathaus-Saal, am 26.9.2015

Schon länger hatte ich diese neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Umso mehr freute ich mich über die Einladung zur Podiumsdiskussion im Alten Rathaussaal am 35. Jahrestag des Attentats und darüber, Details zu Attentat und den neuen Ermittlungen aus erster Hand zu erfahren sowie durch meine Anwesenheit Anteilnahme bekunden zu dürfen … So wie mir ging es vielen Münchnerinnen und Münchnern, angefangen bei dem Münchner Urgestein Toni Netzle, die mich begleitete. Auch im Publikum sah ich viele vertraute Gesichter aus dem Münchner Stadtleben, allen voran die zwei Ehrenbürgerinnen Getraud Burkhardt, ehemalige Bürgermeisterin und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultursgemeinde München, desweiteren Ellen Presser, Leiterin des jüdischen Kulturzentrums sowie Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München. Gut vertreten war natürlich auch die Landeshauptstadt selbst, u. a. durch meine SPD-Parteifreunde, Bürgermeisterin Christine Strobel sowie die Stadträte Bettina Messinger und Haimo Liebich, der mir liebenswürdigerweise sein Bildmaterial für diesen Blog überlassen hat.

Simone_Burger_DGB_Muenchen_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Für den DGB war Regionsgeschäftsführerin Simone Burger vor Ort und hielt die Einführungsrede. 1982, so eröffnete sie uns, hatte die DGB-Jugend vergeblich gegen die Einstellung der Ermittlungen protestiert. Doch damals fehlte es an Rückhalt in breiteren Schichten der Gesellschaft.

Annette_Ramelsberger_SZ_Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Annette Ramelsberger, SZ, moderierte

Diese sei inzwischen wesentlich kritischer geworden, urteilte Annette Ramelsberger, von der Süddeutschen Zeitung, in ihrer Anmoderation. Auf den Punkt, mit großer Sachkompetenz und zugleich einfühlsam führte Rammelsberger, die sich bereits mit der Berichterstattung über den NSU-Prozess verdient gemacht hat, durch den Abend.

Als Podiumsgäste waren, neben Ulrich und Chaussy, zwei Überlebende des Attentats geladen. Rammelsberger stellte sie vor als „Herr und Frau Müller.  Aber sie heißen anders.“  Für mich war das der erste Gänsehaut-Moment, Opfern gegenüber zu sitzen, die sich genötigt sehen, das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens im Alltag für sich zu behalten „um nicht ständig darauf angesprochen zu werden„.
Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats

Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats; Rechts außen sitzt das Ehepaar „Müller“, Foto: Haimo Liebich

„Herr Müller“ begann dann mit überraschend ruhiger Stimme und sehr detailliert zu schildern, wie er das Attentat erlebt hatte. Mit einer kleinen Freundesgruppe waren er und seine damalige Verlobte in Richtung Ausgang geschlendert. Herr Müller rauchte damals noch und eilte kurz voraus, um eine leere Zigarettenpackung im nächsten Abfalleimer zu entsorgen. Dann ging er wieder einige Meter zurück zu seiner Gruppe. Man diskutierte noch, für welchen Heimweg man sich nun entscheiden sollte, als die Bombe explodierte und zwar in genau dem Abfalleimer, an dem sich Herr Müller eben noch befunden hatte! Die Rückkehr zu seiner Gruppe rettete ihm das Leben …

„Herr Müller“ schildert wie er das Oktoberfest-Attentat überlebte

Er findet sich auf dem Boden wieder, halb über der Kante des Bürgersteigs liegend. In Gedanken fühlt er sich durch seinen Körper. „Was fehlt mir?“ Als nächstes registriert er eine große Stille, seine Trommelfelle sind durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Welt scheint still zu stehen. Dann bricht unvermittelt Betriebsamkeit aus. Die ersten Verletzten werden mit Taxis abtransportiert, Sanitäter eilen herbei. – „Ich lag immer noch da.“ Ein Mann steht mit seinem Fuß auf Herrn Müller. Dieser will ihn darauf aufmerksam machen, erkennt dann, dass dem Mann die Gedärme aus dem Bauch quellen.

Oktoberfest_Attentat_Erste_Hilfe_jourfixe-Blog

Foto: Keystone PD

Ein junges Ehepaar möchte helfen. Weiß aber nicht wie, bittet Herrn Müller um Anweisungen. Er nimmt Feuchtigkeit wahr, die sich unter ihm ausbreitet. Es ist sein Blut. Unbedingt muss diese Blutung gestoppt werden.  Es gelingt seinen Helfern halbwegs. Das ist auch gut so, denn alle Sanitäter sind anderweitig beschäftigt. Herr Müller wird insgesamt vier Liter Blut verlieren und bleibt, wie durch ein Wunder, dennoch bei Besinnung, die er bald brauchen wird … Als man ihn endlich auf eine Bahre legt, knicken ihm beide Beine nach außen weg. Später wird sich herausstellen, dass sie nur noch von einigen wenigen Muskelfasern am Oberschenkel gehalten werden. Die Trage passt nicht in den Rettungswagen – wieder wird er ausgeladen, umgebettet und wieder kippen die Beine auseinander. Endlich verlässt der Wagen den Unglücksort …

Quelle: n-tv

Quelle: n-tv

Am Luise-Kieselbach-Platz gerät die Fahrt ins Stocken. Der Verletzte soll in ein Krankenhaus außerhalb der Stadt verbracht werden. Große Diskussion zwischen den Sanitätern und der Leitstelle. Die Sanitäter, auf Grund des Katastrophen-Alarms aus Starnberg herbei geeilt, sind nicht ortskundig. Herr Müller rettet die Lage und vermutlich seine beiden Beine, indem er den Rettungswagen nach Großhadern lotst, wo ihn die bestmögliche medizinische Versorgung erwartet. In einem Kreiskrankenhaus – so vermutet er heute – hätte man nicht bis zum Heilungserfolg chirurgisch „experimentiert“, sondern gleich beide Beine amputiert.
 

„Frau Müller“ schildert, wie ihre Handtasche sie vor den Bombensplittern schützte und ihr so das Leben rettete

Frau Müllers Schilderungen kreisen um ihr „Glück im Unglück“. Sie hält an jenem Schicksalsabend ihre Handtasche, ein beiges Fabrikat Marke 70er Jahre, aus Achtsamkeit (vor Taschendieben) auf der linken Seite, eng an ihren Körper gepresst, als sich die Explosion ereignet. Die Tasche, „ist gut gefüllt, wie alle Damentaschen“ und fängt einen Großteil der Bombensplitter auf. Frau Müller hat die Splitter, in Glasampullen eingefasst, zusammen mit der Tasche bis heute aufbewahrt …

Herr und Frau Müller heirateten im Mai des darauf folgenden Jahres; er ging dabei auf Krücken. Gleich am nächsten Tag musste er sich einer weiteren von vielen Operationen unterziehen; bis heute insgesamt 90! Inzwischen leidet er auch unter resistenten Keimen, die er sich bei einem seiner Krankenhaus-Aufenthalte eingefangen hat. Schmerzen bleiben ein konstantes Thema im Leben von Herrn Müller und seiner Frau, die mit ihrem Mann mit leidet.
Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats, Foto: Haimo Liebich

Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im Alten Rathaussaal. Annette Ramelsberger, SZ, im Gespräch mit „Herrn und Frau Müller, beide Opfer des Oktoberfest-Anschlags; Foto: Haimo Liebich

Sie sind Ehepaaar und Schicksalsgenossen zugleich, deren Dasein das Attentat in ein „Leben vor“ und ein „Leben danach“ entzweit hat. Die Müllers schildern auch, wie der Anschlag das Leben anderer Mitglieder ihrer kleinen Gruppe beschädigt hat; erzählen von dem Finanz-Angestellten, der damals kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit stand. Vor dem Schicksalsabend war er täglich zwischen Ingolstadt und München gependelt. Nun sah er sich dazu gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ein Umstand, der ihn Job und Verbeamtung kostete, mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Opferanwalt Dietrich wies darauf hin, dass ein sozialer Abstieg immer schwer zu verkraften sei, erst recht von jemanden, der nicht Verursacher sondern Opfer seines Schicksals sei. Eine solche Situation ließe sich seelisch kaum verarbeiten.
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Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Oktoberfest ...

Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Münchner Oktoberfest …

Eine Reihe ehemaliger Opfer verlässt regelmäßig vor dem Oktoberfest die Stadt, seit nunmehr 35 Jahren. Nichts soll sie an jenen 26. September erinnern … Diese Haltung hängt auch damit zusammen, dass man die Opfer seinerzeit weitgehend sich selbst überließ. Sie erhielten damals keinerlei psychologische Betreuung, so Dietrich.
Eine weitere Belastung habe der fragwürdige Ermittlungsstil dargestellt, der zur Einstellung des Verfahrens führte. Letzteres war ein weiterer Schlag für die Opfer und ein besonders unrühmliches Kapitel in der deutschen Justizgeschichte. Gestern blätterten Chaussy und Dietrich es nochmals auf.
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Attentat_Opfer_Oktoberfest_Muenchen_jourfixe-Blog

„Herr Müller“ berichtet von fragwürdigen Ermittlungsmethoden der Polizei, Foto: Haimo Liebich

Herr Müller erlebte selbst fragwürdige Befragungsmethoden. Er gab bei der Polizei an, dass er gesehen habe, wie rechts von ihm eine 40 cm bis 60 cm hohe Stichflamme aus dem Gulli aufstieg. Darauf widersprach ihm der Vernehmungsbeamte vehement. Müller würde sich täuschen, die Explosion sei links von ihm erfolgt.

Dazu wurde uns erläutert, dass Herr Müller über Fachwissen sowie eine vierjährige Erfahrung bei der Bundeswehr verfüge und somit durchaus in der Lage sei, einen Knallkörper von einer Explosion zu unterscheiden. Hätte man damals aber Müllers Beobachtung zur Kenntnis genommen, so hätte man zwingend von  einer zweiten Bombe ausgehen müssen. Das wiederum hätte die Theorie einer Einzeltäterschaft widerlegt, und genau das hatte man offensichtlich mit allen Mitteln vermeiden wollen.

Oktoberfest_Attentat_Polizei_jourfixe-BlogAuch andere Zeugenaussagen wurden damals durch Suggestiv-Fragen zurecht gebogen, beispielsweise die Aussage, man habe Köhler eine Stunde vor der Explosion mit zwei Männern heftig streiten gesehen. Die Polizei bohrte nach, ob es denn nicht auch so gewesen sein könne, dass sich Köhler nach einer Unterkunft erkundigt habe?Diese Möglichkeit musste natürlich von Zeugenseite aus eingeräumt werden, schließlich hatte man den Inhalt der Diskussion nicht verstehen können. Seltsam … Würde sich ein frustrierter Einzeltäter, der seinen Selbstmord plant und ihn eine Stunde später auch begehen wird, zuvor noch nach einer Bleibe erkundigen? Unerklärlich bleibt auch das Auftauchen und plötzliche Verschwinden eines Fingers mit Handresten am Tatort, der sich serologisch keinem der Opfer zuordnen ließ …
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Generalbundesanwalt a.D. Harald Range eröffnete im Dezember 2014 das Wiederaufnahmeverfahren

Was mich gestern Abend besonders beschäftigte: Auf Grund der jetzigen Beweislage schließen Chaussy und Dietrich, analog zum NSU-Skandal, auf eine mögliche Verwicklung des BND. Uwe Behrendt, Vizevorsitzender der Wehrsportgruppe Hoffmann und nach dem Attentat in den Nahen Osten abgetaucht, soll als V-Mann tätig gewesen sein. Und er soll sich Dritten gegenüber als Mittäter bekannt haben … Da frage ich mich, wer in diesem Fall welche Anordnungen an wen weitergegeben hat und wer für welchen Maulkorb wo verantwortlich sein mag?

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, Foto: Haimo Liebich

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, fotografiert von Haimo Liebich im Alten Rathaussaal

Entsprechend wenig begeistert zeigte sich Ulrich Chaussy gegenüber dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range darüber, dass ausgerechnet das bayerische Landeskriminalamt, das seinerzeit so lückenhaft ermittelt und möglicherweise Material unterschlagen hatte, nun federführend bei der Wiederaufnahme der Untersuchungen sein sollte. Tatsächlich befinden sich die heutigen Ermittler in der unguten Lage, die Ergebnisse ehemaliger Kollegen anzweifeln und nachrecherchieren zu müssen. Laut Chaussy melden sich nachträgliche Zeugen wohlweislich bei ihm und Dietrich, statt beim LKA vorzusprechen. Chaussy und Dietrich beklagten beim Podiumsgespräch die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachrichtendienste, die in der Vergangenheit nur widerwillig und lückenhaft Auskünfte erteilt hätten. Diesbezüglich sei es wichtig, sehr konkret nachzufragen, welche Informationen zu welchen Personen vorhanden seien. Das Fazit der beiden lautete: Es geht hier um das Rechtsstaatswohl. Die Interessen eines Nachrichtendienstes dürfen daher niemals über das Schicksal der Opfer gestellt werden! 

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Rote Nelken erinnern 35 Jahre nach dem Anschlag an die Toten, Foto: Haimo Liebich

Laut Herrn und Frau Müller lässt die Arbeit der jetzigen Soko „26. September“ hoffen. Herr Müller berichtete, dass er sich zum ersten Mal als Zeuge ernsthaft wahrgenommen gefühlt habe. Auch Frau Müllers Handtasche, inklusive aller Splitter, ist nach 35 Jahren endlich in den Fokus der Ermittlungen gerückt, denen, nach Vernichtung der früheren Asservate, nunmehr nur die wenigen Beweisstücke zur Verfügung stehen, die die Opfer privat gehortet haben.

Nelke_Trauer_Oktoberfest_Attentat_Gedenkfeier_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos„Für wen schreiben Sie?“, fragte mich die freundliche ältere Dame, die den Abend über mit ihrem Mann neben mir gesessen und ein wenig verloren gewirkt hatte. Dass meine Notizen für einen Blog seien, vermochte ich ihr nicht wirklich zu vermitteln, aber dass ich schreiben wollte, schien ihr zu gefallen. „Wissen Sie, mein Mann, mein Sohn und ich waren auch unter den Opfern. Aber wir sind kurz vorher stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einem Wägelchen saß und wunderschön Mundharmonika gespielt hat. Sogar mein Sohn, er war damals 13, ist zu uns zurück gelaufen, so schön hat der Mann gespielt. Das hat uns das Leben gerettet, sonst wären wir bei der Explosion genau am Abfalleimer gewesen.“ Der Frau standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Wissen Sie, wir sind eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr  am Eingang der Wies’n trifft. Auch der Herr Platzer, der damals seine beiden Kinder verloren hat, kommt immer. Auch heuer. Er hat uns gleich erkannt, uns umarmt und eine rote Nelke geschenkt …“

Der Vater der jüngsten Opfer des Attentats, Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier

Der Vater der jüngsten Opfer Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre, kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier; hier auf einem Bildausschnitt vom 26. September 2015

Das letzte Wort auf dem Podium ging an Herrn Müller. Er gab uns allen eine klare Botschaft auf den Weg, die ich versuche, aus meinen Notizen so sinngemäß wie möglich wiederzugeben:

„Bislang hat sich der Staat bei diesem Thema verhalten, wie eine Bananenrepublik und nicht wie die Bundesrepublik. Hoffen wir, dass sich das ändern wird, sonst hätten wir heute Abend hier umsonst gesessen …“

Link zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs

Standard
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Allgemein

„Gedenke, Mensch, dass du Staub bist …“ Eindrücke vom Aschermittwoch der Künstler und vom Besuch des ehemaligen „Führerbaus“

 Gedenke Mensch, dass du Staub bist, und wieder zum Staub zurückkehren wirst. (Genesis 3, 19)

Ein Militärdekan, Monsignore Joachim Simon, zeichnete mir am diesjährigen Aschermittwoch im Münchner Dom das Aschenkreuz auf die Stirn und sprach dabei obigen traditionellen biblischen Vers, der die Vergänglichkeit symbolisiert …

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Das traditionelle Aschenkreuz symbolisiert die Vergänglichkeit

Mit diesem Spruch verbinden sich sowohl meine Erlebnisse vom Aschermittwoch, wie auch die vom darauffolgenden Abend, obgleich beide auf ersten Blick sehr unterschiedlich angelegt waren: Ganz im Zeichen einer katholischen Tradition stand der Aschermittwoch der Künstler, in der Sanitätsakademie der Bundeswehr und im Münchner Dom, während mich der Donnerstag Abend in den ehemaligen „Führerbau“ in der Arcisstraße 12 führte. Den gemeinsame Nenner bildete für mich der Aspekt der „Vergänglichkeit“, der sich als roter Faden durch beide Ereignisse zog.

Seit dem 4. Jahrhundert leitet der Aschermittwoch  die Fastenzeit ein. Höhepunkt des katholischen Gottesdienstes ist dabei das Auftragen eines Aschenkreuzes auf die Stirn der Gläubigen, wobei der Pfarrer für jeden einzeln den biblischen Spruch „Gedenke Mensch …“ wiederholt. Obgleich protestantisch, ist mir inzwischen dieses Ritual ans Herz gewachsen, denn es erinnert mich jeden Aschermittwoch erneut an die Vergänglichkeit und ruft somit auch zu mehr Gelassenheit gegenüber weltlichen Fragen und Zielsetzungen auf. Und es lädt mich ein, bewusster das zu schätzen, was mir im Augenblick gegeben ist.

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Bildausschnitt eines der monumentalen Grabmäler auf dem Alten Südlichen Friedhof in München  (Foto: Werner Bauer)

Die Rückbesinnung auf die Vergänglichkeit erinnert mich zugleich daran, dass Leben und Tod eine Einheit in meinem spirituellen Selbtverständnis bilden sollten, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, das zu akzeptieren, nicht zuletzt weil unsere Spaß-Gesellschaft dem Sensenmann gerne mal die Tarnkappe überstülpt. „Der Tod gehört zum Leben,“ äußerte Bischofsvikar Graf zu Stolberg in einem O-Ton zu meiner Collage über den Alten Südlichen Friedhof. Eine treffende Aussage gerade in Zusammenhang mit einem Ort, an dem sich Grabstätten einst einen regelrechten Wettstreit in puncto Kolossalität lieferten, um nun langsam aber sicher vor der Zeit zu kapitulieren. Den einen oder anderen Eigentümer hätte mein Enkel bei unserem ersten Friedhofsbesuch am liebsten ausgebuddelt, um nachzugucken, was von ihm „übrig“ sei …

Je besser es mir gelingen wird, Vergänglichkeit und Tod als unabänderliche Komponenten meines Lebens anzunehmen, umso leichter werde ich mich damit abfinden und hoffen können. Ein berühmter Cartoonist, sein Name ist mir entfallen, bezeichnete den Tod einmal als Grenzbeamten am Übergang in eine andere, bessere Welt. Ein schöner Gedanke, finde ich, und der Aschermittwoch ist eine gute Gelegenheit, sich dessen zu besinnen.

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Grabmal auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Foto: Werner Bauer)

Dabei kommt mir der  Aschermittwoch der Künstler entgegen, den alljährlich die Erzdiözese München-Freising organisiert. Zurück geht dieser Brauch auf den katholischen französischen Schriftsteller Paul Claudel. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er eine Begegnung katholischer Künstler ins Leben, eine Initiative, die vielerorts von katholischen Kirchen aufgegriffen wurde und sich bis heute erhalten hat. Seit drei Jahren folge ich sehr gerne der Einladung der Erzdiözese, die bereits nachmittags mit einer Veranstaltung beginnt, in welcher der Begriff  „Vergänglichkeit“ mit aktuellen Themen verbunden wird. Dies führte uns im letzten Jahr in die historischen Räumlichkeiten der Münchner Anatomie und dieses Jahr in die Sanitätsakademie der Bundeswehr. Bilder im Spannungsfeld von Militär – Kunst – Religion lautete das diesjährige Motto.

Über diesen Themenbereich hatte ich bereits anlässlich des Blogs zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015 nachgedacht und machte mich umso gespannter – und in Pirelli-Männchen-Outfit den Wettern trotzend – auf den Weg zur Kaserne. Bereits am Hartof, auf der Suche nach der Bushaltestelle, erhielt ich Verstärkung durch weitere suchende Gäste in spe und traf dabei erfreulicherweise wieder einmal Christoph Schwarz, zuständig für Film, Comic-Kunst und Theater beim Kulturreferat München. Von ihm erfuhr ich, während der Ausweiskontrolle am Eingang der Kaserne, dass seine ehemalige Chefin Angelika Baumann (s. auch meinen Blog vom Sommer 2014) inzwischen als Friedensbeobachterin an der israelisch-palästinensischen Grenze tätig ist! Alle Achtung, Chapeau und viel Glück, liebe Frau Dr. Baumann!

In der Einlass-Zeit wurde im Hörsaal der Sanitätsakademie das Video „Protest“ der Medienkünstlerin und Malerin Monika Huber gezeigt. „Journalistische Berichterstattung hat sich in den letzten Jahren durch die Möglichkeit der Sozialen Medien und der schnellen Übermittlung von Bildern per Handytechnik gravierend verändert – als unbeteiligter Zuschauer hatte ich das Gefühl, mitten in die Auseinandersetzungen geraten zu sein. Das Video PROTEST ist eine filmische Arbeit zum Thema des täglichen Aufbegehrens und Widerstandes der Menschen, die sich für mehr Demokratie und Veränderung auf die Straßen begeben,“ so die Künstlerin im Info zur Veranstaltung. In ihrem vierminütigen, in Endlosschleife gezeigten Film waren ganz unterschiedliche Sequenzen von Protestaktionen zu sehen, via Handy aufgenommen und bewusst durch zusätzliche Unschärfe verfremdet.

Die einführenden Worte sprach Frau Generalstabsarzt Dr. Erika Franke, Kommandeurin dieser Kaserne! und aktuell ranghöchste Soldatin der Bundeswehr, gefolgt von Vertretern der Erzdiözese und der Militärseelsorge sowie von Wolfgang Küpper, Bayerischer Rundfunk, der auch die anschließende Gesprächsrunde moderierte.

In dieser äußerte u. a. Oberstleutnant Rufin Melletin, dass bei weiten Teilen der Bevölkerung der Anblick uniformierter Soldaten die Assoziation „da kommt der Krieg um die Ecke“ hervorrufe. Tatsächlich aber habe sich das Selbstverständnis der Truppe, im Gegensatz zur einstigen kriegerischen Verklärung, längst zu dem einer „Friedens“-Truppe gewandelt. Anliegen der Bundeswehr sei die Friedenssicherung, nicht der Krieg, was durch neue Bild- Kampagnen verstärkt zum Ausdruck gebracht werden solle. Angesichts seiner Ausführungen wünschte ich mir einmal mehr eine größere gesellschaftliche Aufgeschlossenheit den SoldatInnen und der Institution „Bundeswehr“ gegenüber.

Frauenkirche_David_Russo_Aschermittwoch_der_Kuenstler_Erzdioezese_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosIn diese Kerbe schlug auch Militärdekan Monsignore Joachim Simon, indem er speziell an uns Kunstschaffende appellierte, den Soldatinnen und Soldaten mit weniger Berührungsängsten gegenüber zu treten. Persönlich denke ich, dass Kunst- und Kulturschaffende, als Spiegelbilder der Gesellschaft, sich unbedingt mit deren Gegebenheiten intensiv befassen sollten. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch eine ausgewogene Auseinandersetzung mit unseren MitbürgerInnen in Uniform. Fesselnd fand ich Simons Schilderung der Lebensumstände der Truppen in den Einsatzgebieten. Dabei schilderte er auch, wie, trotz strikt vorgegebenem Säkularismus, das Kreuz bei Gedenkveranstaltungen nach wie vor für die Betroffenen wichtig sei, ganz gleich, ob im Protokoll vorgesehen oder nicht.

„Das „größte, bewegendste, intensivste Bild aber ist das Kreuz“, sagte Kardinal Reinhard Marx in seiner Predigt beim anschließenden Hochamt im Münchner Dom.. „Es ist Ausdruck der erlittenen Gewalt und der Heilung und der Versöhnung.“ Gerade in der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit „sind wir eingeladen, auf den Gekreuzigten zuzugehen, der unsere Kräfte freisetzt für die Liebe“.  (Zitat: Pressestelle/Erzbischöfliches Ordinariat)

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page006352_27678.aspx

Auf den Beitrag, den dabei Kunst und KünstlerInnen leisten können, kam Marx ebenfalls zu sprechen und nannte Picassos „Guernica“-Gemälde als prominentes Beispiel.

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Momentaufnahme aus der Performance von Choreograf David N. Russo am Aschermittwoch der Künstler in der Münchner Frauenkirche

Zuvor hatte der Choreograf David Russo

http://david-russo.com/

unter dem Titel Liebe ist stärker als der Hass – Kehre um und glaube“ ein internationales Tanztheaterprojekt mit 50 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 – 18 Jahren aus 10 Nationen aufgeführt, unter ihnen allein stehende Flüchtlingskinder. Den intensiven Emotionen, die das Zusammenspiel dieser jungen Menschen weckte, vermochte sich wohl kaum jemand der Anwesenden zu entziehen. Untermalt wurde die Tanz-Installation von wohltuend sparsam eingesetzter Musik; ungewöhnlich der dominierende Klang einer Flöte.

Als Wermutstropfen empfand ich, dass ich am anschließenden Abendmahl als Protestantin nicht teilnehmen durfte, was mir gerade  am Aschermittwoch ein besonderes Bedürfnis gewesen wäre. Ich fühlte mich, nach so vielen gemeinschaftlich erlebten, emotionalen Momenten plötzlich ausgeschlossen. Diesbezüglich hoffe ich auf ein Umdenken der katholischen Kirche irgendwann in nicht all zu ferner Zukunft.

jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosDie Lokalität am Donnerstag Abend zeugte ebenfalls von Vergänglichkeit – und von Neubeginn: Der PresseClub München hatte zu einer Führung in die Arcisstr. 12, der Hochschule für Musik und Theater geladen, unter dem Motto: „Vom Münchner Führerbau zur Wiege der Tonkunst“

„Thomas Manns Schwiegereltern Pringsheim residierten in einer Neo-Renaissance-Villa in der Nähe des Königsplatzes, damals Arcisstr. 12. Die Nationalsozialisten sahen im klassizistischen Rahmen dieses Platzes einen geeigneten Standort für ihre Selbstinszenierung und errichteten zwei 1937 eingeweihte zentrale Parteigebäude an der Kreuzung Arcisstr. Brienner Str. , das südliche für die Verwaltung, das nördliche als sogenannter „Führerbau“ für Hitler und seinen Stab – die heutige Arcisstr. 12. Nach 1945 war im ehemaligen „Führerbau“ zunächst das Amerika Haus mit dem Art Collection Point untergebracht, seit 1957 ist es das Hauptgebäude der heutigen Hochschule für Musik und Theater München.“ (Zitat Homepage PresseClub/Archiv)

http://www.presseclub-muenchen.de/veranstaltung-detail/fuehrung-arcisstr-12.html

20150219_190557Dr. Alexander Krause, Kanzler der Musikhochschule, lud zunächst zu einem einführenden Vortrag in das ehemalige Arbeitszimmer Adolf Hitlers. Ich glaube, uns alle überkam ein merkwürdiges Gefühl, als uns klar wurde, an welchem Ort wir uns tatsächlich befanden. Hier hatten 1938 Hitler, Mussolini, Daladier und Chamberlain das sogenannte „Münchner Abkommen“ unterzeichnet, unter der selben Lampe, die nun für uns den Raum beleuchtete! Der Kamin, die Holztäfelungen, das Parkett waren unverändert geblieben. Lediglich hatte man, wie überall im Gebäude, den ursprünglichen Raum etwas verkleinert. Dr. Krause berichtete, dass es bis heute Dozenten gäbe, die sich weigerten, in diesem Raum zu unterrichten! Persönlich empfinde ich es allerdings eher als eine Art Exorzismus, wenn sich gerade hier inzwischen junge Leute dem „Schönen Klang“ widmen.

Stilistisch verkörpert das Haus den marmorisierten Größenwahn nationalsozialistischer Architektur. Daher hatte man es seinerzeit auch, aus rein repräsentativen Erwägungen heraus, mit gleich zwei wuchtigen Eingängen ausgestattet und mit Endlosfluren. Auch für das leibliche Wohl der Gäste war reichlich gesorgt worden, durch eine große Küchenanlage im weitläufigen Untergeschoss, das später als Aufbewahrungsort für Raubkunst diente.

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Dr. Krause schilderte, wie die Münchner bei Kriegsende den Keller geplündert hatten und führte uns zur zerschossenen Stahltür des ehemaligen Kartoffelkellers, die buchstäblich von Kugeln durchsiebt worden war. Damals herrschten Mangel und entsprechender Pragmatismus, so dass wohl manches Kunstwerk aus diesen Katakomben als Füllmaterial für beschädigte Fenster endete. 1945 kamen die Amerikaner, wovon bis heute Graffittis an den Kellerwänden zeugen. Auf einem Graffitti listet ein G.I. sogar alle seine Kriegsetappen quer durch Europa bis nach München, in den Keller der Arcisstraße, auf! Ein in Stein gemeißeltes Zeitdokument der besonderen Art, ganz im Gegenteil zu eingeritzten Botschaften aus späteren Jahrzehnten, die schließlich dazu führten, dass man diesen Teil der Wand hinter Glas setzte.

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Im München des Dritten Reichs war der „Führerbau“ Teil eines großen Gebäudekomplexes im Besitz der Partei. Bei Bombenangriffen wurde er durch Tarnnetze geschützt, was vermutlich erklärt, warum ausgerechnet ein NS-Regierungskomplex, im Gegensatz zum Großteil der Münchner Altstadt, bis heute so gut erhalten ist – was für die Musikhochschule einige Probleme mit sich bringt: In ihren Zuständigkeitsbereich fallen auch die beiden ehemaligen „Ehrentempel“, einst NS-Kultstätten für die gefallenen Putschisten von 1923. Mit ziemlichem Aufwand ist nun die Musikhochschule verantwortlich für deren „kontrollierten Verfall …“ 

Allgemeine Informationen zum jourfixe-Blog sowie ein Link zur Übersicht aller bisherigen Blog-Beiträge finden sich unter:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe-muenchen_Blog.html

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