„Integrierst Du noch oder schreibst Du schon?“ > > > Maria-Jolanda Boselli zum Fachgespräch der *Autorinnenvereinigung über Sprache als Weg zur Integration

Gibt es den Königsweg zur erfolgreichen Integration? Die Frage ist falsch gestellt, darüber waren sich die Autorinnen Silvija Hinzmann Fadumo Korn Gertraud Klemm und Tunay Önder einig.

Bloggerin Tunay Önder

Beim Expertengespräch im Münchner Pelkovenschlössl stellten sie gemeinsam fest: Es geht nicht darum, woher du kommst, welche Traditionen du pflegst oder welchen Hintergrund du hast. Beurteilt wirst du nur danach, wie du handelst.

Die Soziologin und Bloggerin Tunay Önder („Migrantenstadl“) rät ihren Freunden, die wie sie als Kinder von Gastarbeitern in der zweiten Generation in Deutschland sind, inzwischen provokativ zur „Desintegration.“ Statt Kultur und Riten der elterlichen Heimat abzuschwören, sollten Einheimische, Migranten der ersten und zweiten Stunde und Flüchtlinge, aus bestehenden Strukturen und vielfältigen Einflüssen, ein neues Ganzes zusammenfügen.

Unter dem Motto „Die Kraft von Worten“ widmete sich die Autorinnenvereinigung ein Wochenende lang der Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das von BR-Redakteurin Özlem Sarikaya und Journalistin und AV-Vorstandsmitglied Maria Jolanda Boselli moderierte Expertengespräch diente dazu, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte zur Förderung des deutschsprachigen Autorinnennachwuchses zu finden.

Expertinnenrunde bei der abschließenden AV- Matinée am 26.11.2017 im Moosacher Pelkovenschlössl vlnr: Silvija Hinzmann, Gertraud Klemm, Fadumo Korn, Özlem Sarikaya, Maria-Jolanda Boselli, Tunay Önder, Hebatallah Fahty

Multikulturelles Selbstbewusstsein als Chance gegen Fremdenhass
Gerade angesichts der wachsenden nationalistischen Strömungen sei dieses neue, multikulturelle Selbstbewusstsein wichtig und die einzige Chance gegen Radikalisierung und Ausländerhass, betonte auch Gertraud Klemm.

Gertraud Klemm

Die österreichische Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises bedauerte, dass öffentliche Leistungen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse dramatisch einbrechen. Sie beobachte schon in der Schule eine Ausgrenzung ausländischer nicht europäischer Kinder. „Aber wenn ich einen Pressetermin mit Kommunalpolitikern habe, wollen sie immer eines meiner Kinder als „Toleranz Accessoire“ auf dem Foto“, berichtete die Mutter zweier adoptierter Kinder mit afrikanischen Wurzeln. In unserer europäischen Gesellschaft fehle es trotz aller Multikultur an farbigen Vorbildern – die im Moment nur im Sport präsent seien.

Professor Hebathalla Fathy vom Institut Deutsch als Fremdsprache der LMU vermisst bis heute in höheren Positionen eine kulturelle Durchmischung. Sie unterstützt junge Flüchtlinge dabei, in Deutschland Fuß zu fassen – und das auf eine ganz besondere Art. Einer Kultur nähere man sich am besten mit Büchern, sagt sie, und ermutigt die jungen Männer und Frauen zu lesen – und im zweiten Schritt, selbst zu schreiben.

Silvija Hinzmann

Sprache ist eine starke Waffe

Genau so eroberte sich auch Silvija Hinzmann ihren Platz in Stuttgart. Als die 14jährige nach Deutschland kam, hatte sie in der Schule bereits Deutsch gelernt – „um mich wenigstens unterhalten zu können, wenn ich meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchte.“ Aus Urlaub wurde Alltag und Deutsch zur zweiten Muttersprache. „Damals las ich alles, was ich finden konnte. Ich stenografierte sogar die Schlagertexte aus Dieter Thomas Hecks Hitparade mit“, erinnerte sich die Krimiautorin. Ob in Kroatien oder in Deutschland – sie habe nie etwas anderes machen wollen als Schreiben. In welcher Sprache, das sei für sie sekundär gewesen.

Fadumo Korn

Fadumo Korn kam als Teenager aus Somalia über Italien nach München. „Ich habe schnell Deutsch gelernt“, erzählte sie. „Wie davor Italienisch.“ Sie habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass Worte mächtige Waffen seien, mit denen gerade Frauen auch scheinbar stärkere Männer „erschlagen“ können. Starke Worte sind bis heute das Markenzeichen der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Aktivistin für Frauenrechte und gegen Beschneidung. Wenn es darum geht, damit ein Unrecht zu bekämpfen, wägt sie nicht ab, ob es gefährlich ist, sich einzuschalten. Dass sie als Afrikanerin in Deutschland nach wie vor auffällt, macht ihr nichts aus: „Die Unsicherheit liegt ja nicht bei mir, sondern bei denen, die nicht genau wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“

Integrieren sich Frauen schneller als Männer? Ihre Mutter habe sich in der deutschen Sprache besser zurechtgefunden als ihr Vater, sagte Tunay Önder. Denn der habe am Arbeitsplatz mit Migranten aus Italien, Griechenland und Jugoslavien eher ein Kauderwelsch gesprochen.

Schreibworkshops für jungen Frauen

Marion Tauschwitz, Vorsitzende der AV

Tatsächlich finden Familien heute leichter ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft, wenn die Mütter sich dieser öffnen, besagen Studien. „Hier möchten wir Autorinnen helfen“, sagt Marion Tauschwitz, die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung AV. „In Workshops und beim Coaching können wir junge Frauen und Mädchen dabei unterstützen, über die Sprache einen Zugang zu einer neuen Umwelt zu finden. Sehr gerne kooperieren wir mit interessierten Institutionen und Einrichtungen. Wir haben in vielen deutschen Städten regionale Gruppen und nehmen das Thema als einen Arbeitsschwerpunkt aus diesem Gespräch mit.“


Maria-Jolanda Boselli

Mehr zur Jahrestagung 2017 der Autorinnenvereinigung (AV) im jourfixe–Blogbeitrag von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der AV  >>> Literarische Frauenpower im Pelkovenschlössl

Von ihr stammt auch der vorliegende jourfixe-Blogbeitrag „Integrierst Du noch – oder schreibst Du schon?“


*Die Autorinnenvereinigung ist der welweit einzige Zusammenschluss von Schriftstellerinnen, die in deutscher Sprache publizieren. Sie setzt sich seit rund 20 Jahren für die Rechte schreibender Frauen ein und unterstützt diese durch Netzwerke, Stipendien und Preise.

Fulminanter Auftakt der Tagung mit einem Poetry Slam unter dem Motto: „Was genau ist dahoam?“ Acht junge Poetinnen und Poeten mit und ohne Migrationshintergrund dichteten, rappten, slammten zum Thema „Integration“. Moderation: Franziska Ruprecht, Münchner Performance Poetin (links außen im Bild) Dazu „Intro und Outro“: Traditionelle Musik aus dem Iran mit Gitarre und Gesang

* Das Titelbild zeigt AV-Autorinnen während der Jahrestagung, 24.-26.11.2017/Pelkovenschlössl: von links nach rechts >  Sylvia Tornau, Undine Marion Pelny, Maria-Jolanda Boselli, Marion Tauschwitz, Yvonne Powell, Ulrike Schäfer, Regina Lehrkind,  Billie Rubin und Gertraud Klemm.


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Literarische Frauenpower im Moosacher Pelkovenschlössl vom 24. bis 26. November 2017: Zur Jahrestagung der Autorinnenvereinigung ein Beitrag von Sprecherin und Autorin Maria Jolanda Boselli

„Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold„, lautet der Titel einer Veranstaltung der diesjährigen Tagung 2017 der Autorinnenvereinigung, die erstmals in München stattfindet, aber er benennt ebenso gut, was die Autorinnenvereinigung seit Jahren motiviert. Dabei handelt es sich um den einzigen Zusammenschluss deutschsprachiger Autorinnen und  internationales Netzwerk für Schriftstellerinnen aller Genres, die in deutscher Sprache schreiben und publizieren. Die Autorinnenvereinigung

  • vergibt jährlich ein Projektstipendium
  • kürt regelmäßig eine AV-Autorin des Jahres
  • organisiert die Internationalen Gespräche am Literarischen Colloquium Berlin LCB
  • führt die Goldstaub-Wettbewerbe in den Genres Prosa und Lyrik durch
  • ruft zu den Poetischen Experimenten in NRW
  • steht für die internationalen Foren in Berlin und Rheinsberg
  • initiiert die Vergabe des Deutschen Schriftstellerinnenpreises
  • unterstützt Autorinnentreffen, Diskussionen, Lesungen, Weiterbildungen und anderes

Die Autorinnenvereinigung will Selbstbewusstsein für ein freies künstlerisches Leben und die Präsenz von Autorinnen in der literarischen Welt.

Kommen Sie dazu! » mehr Informationen, so nachzulesen auf deren Webseite.

Einige Autorinnen im Programm der Jahrestagung 2017

Im Rahmen ihrer  Jahrestagung, vom 24. bis 26. November 2017, sprechen, singen, slammen und lesen Künstlerinnen und Künstler im Pelkovenschlössl in München-Moosach zum Thema  Integration. „Drei Tage lang feiern wir weibliche Literatur. Mitten in München und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Münchner Literaturfest wollen wir einen ganz besonderen Schwerpunkt setzen – auf Frauen, die schreiben, um zu leben. In Deutschland und Österreich, als Einheimische und als neu hier Beheimatete“, erklärt Maria-Jolanda Boselli, Publizistin, Mitglied im Vorstand der Autorinnenvereinigung und – unter dem Pseudonym Marie Bastide – Krimiautorin. „Wir freuen uns sehr, dass die Stadt München unsere Veranstaltung unterstützt. Das zeigt die Brisanz unseres Anliegens“, sagt sie.

PROGRAMM  der Konferenz 2017, erstmals in München

„Wie funktioniert Integration? Die Antwort darauf geben am besten Frauen. Denn Frauen sind erwiesenermaßen Motor und Indikator, wenn es darum geht, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Die Internationale Autorinnenvereinigung AV zeigt im Rahmen ihrer Jahrestagung ein Wochenende lang, was Frauen unter Integration verstehen: prickelnde Spannung, Unterhaltung auf hohem Niveau, gute Gespräche. Und jede Menge Spaß“, erläutert Boselli den diesjährigen Themenschwerpunkt ihrer Organisation, die seit über 15 Jahren  für die Rechte schreibender Frauen kämpft. Seitdem vernetzt sie deutschsprachige Autorinnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern. Mit Informationen zu Verlagen, Agenten und dem Buchmarkt gibt sie wertvolle Hinweise für Veröffentlichungen. Gemeinsam mit anderen Verbänden engagiert sie sich für das Urheberrecht. Sie schreibt selbst Preise und Stipendien aus – und bietet ihren Mitgliedern neben einem virtuellen Forum einmal im Jahr die Gelegenheit zum persönlichen Treffen und literarischen Austausch.

„In der Literatur ist es wie beim Kochen, der Mode oder dem Friseur. Es gibt viel mehr Frauen, die diese Tätigkeit ausüben, als Männer. Aber ganz oben, an der Spitze, im Rampenlicht, stehen die Männer. Es gibt mehr männliche als weibliche Literaturpreisträger, absolut und prozentual. ‚Männer schreiben einfach besser als Frauen“, hat mir einmal ein männlicher Autor ins Gesicht gesagt. Er sah so aus, als sei er davon überzeugt‘, berichtet Maria-Jolanda Boselli. „Dabei sind Frauen die eifrigeren Leser. Wenn man sie in in einer repräsentativen Umfrage abstimmen ließe, welche Bücher ihnen am besten gefallen, stünden ganz sicher mehr Frauen ganz oben auf den Beststellerlisten. Aber wer fragt sie schon. Denn Frauen lesen nicht nur mehr, sie lesen auch anders. Und sie lesen leise. Aber – wie schreiben sie? Und vor allem: wann?

Bildmotiv zur Veranstaltung am 25.11.: „Lesen ist Silber – Schreiben ist Gold“

Männliche Autoren müssen natürlich auch einen Brotberuf ausüben, wenn oder solange sie nicht vom Schreiben leben können. Aber nach getaner Brotarbeit setzen sie sich an den Schreibtisch. Wenn sie Single sind, bestellen sie sich was vom Lieferservice oder machen sich ein Brot. Wenn sie Familie haben – kümmert sich die Ehefrau darum, dass daheim alles läuft. Und ihr Mann die Atmosphäre hat, die er braucht, um kreativ zu sein. Wenn der Ehemann ein Literaturstipendium erhält, gönnt er sich die Auszeit, denn die Frau hält ihm den Rücken frei. Ist hingegen eine Autorin in der glücklichen Lage, eines dieser begehrten Stipendien ergattert zu haben (und wir klammern jetzt mal solche aus, die in Länge und Ausschreibungsinhalt eine Variante eines selbstfinanzierten Praktikums darstellen), geht der Stress für sie erstmal so richtig los und beinhaltet Checkposten wie: unbezahlten Urlaub einreichen, Auslandsaufenthalt für die Kinder organisieren oder alternativ die Schwiegermutter als Dauergast im ehelichen Schlafzimmer einquartieren.

Denn Autorinnen müssen im Normalfall Brotarbeit, Familie und Schreiben vereinbaren. Und wenn am Ende ihres Arbeits- und Familientages die Kinder im Bett sind, die Wäsche gebügelt, die Küche aufgeräumt und der Ehemann zufrieden ist, dann, und erst dann, können sie sich an den Schreibtisch setzen und versuchen, kreativ zu sein. Wie viele Autorinnen mit Beruf und Familie im Rucksack haben leidvoll erlebt, dass an solchen Abenden in ihrem Kopf nicht einmal ein kleines „und“ mehr übrig ist, das sie hätten aufschreiben können. Nein, das ist nicht übertrieben. Ebensowenig wie das immer noch weit verbreitete Vorurteil, erfolgreiche Schriftstellerinnen seien mindestens Emanzen, schlimmstenfalls sogar Lesben, jedenfalls keine ordentlichen Mitglieder einer – bis heute immer noch männlich getönten – Gesellschaft.
Und trotzdem schreiben Autorinnen. Setzen sich über Hürden hinweg, nehmen Einschränkungen und Vorurteile in Kauf, mindestens aber Mitleid.Warum tun sie das? Weil Schreiben für sie Leben bedeutet. „Diesen Frauen gibt die Autorinnenvereinigung ein Forum. Und mehr.

Diejenigen, die es „geschafft“ haben, die als Autorinnen erfolgreich sind, veröffentlichen, lesen, um Autogramme gebeten und zu Buchmessen und Literaturfesten eingeladen werden, diejenigen machen den anderen Mut. Geben Tipps, machen Mentoring – und lesen auf Veranstaltungen wie der Jahrestagung der Autorinnenvereinigung im Moosacher Pelkovenschlössl.

Und wie ist das mit Frauen, die ihre Heimat verlassen und sich ein neues Zuhause einrichten müssen? Hilft ihnen die Beschäftigung mit der fremden Sprache dabei, Fuß zu fassen? Und hilft es ihnen, wenn sie ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Wünsche aufschreiben? Ist Schreiben ein Weg zur Integration? Wo genau ist „daheim“?

Um all diese Fragen geht es an den drei Veranstaltungsabenden im malerischen Pelkovenschlössl in Moosach. Passend zum Thema gestaltet sich auch das ungewöhnliche Musikprojekt „Die Newcomer“.

„Die Newcomer“ (25.11.)
ist ein spannender Zusammenschluss junger Rap–Formationen in englischer, spanischer, persischer und deutscher Sprache.
Dabei handelt es sich sowohl um in München aufgewachsene MusikerInnen, wie KünstlerInnen mit aktuellem Migrationshintergrund
Mehr im PROGRAMM

Die Autorin dieses Gastblogs, Maria Jolanda Boselli, veröffentlicht unter ihrem Autorinnen-Namen „Marie Bastide“ jedes Jahr einen mörderischen Adventskalender, mit mindestens einer Leiche pro Tag, als literarische Alternative zu den schokoladigen Überraschungen in den herkömmlichen Adventskalendern. In ihrem Blog „Marie Bastide erzählt die Welt„.


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„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

 „Wo war ich und wo warst Du, als am 26. September die Bombe explodierte?“ Als 1980, mitten das geschäftige Treiben aus Spaß, Tradition und Kommerz die Tragödie hereinbrach, legte sich über die Betriebsamkeit des größten Volksfests der Welt eine dumpfe Stimmung. Tiefes Mitleid für die Opfer, 13 Tote und 211 Verletzte, 68 davon schwer, mischte sich mit Abscheu über die Tat und der erschreckenden Erkenntnis: Man hätte selbst unter den Opfer sein können und/oder Angehörige hätte dieses Los treffen können. Wer Kinder hatte, den erschütterte ganz besonders das Schicksal der Familie Platzer. Vater Platzer hatte seinen Kindern, Ignaz, 6 Jahre alt und Ilona, 8 Jahre alt, einen Wies’n-Besuch gönnen wollen. Um 22.20 Uhr starben ihm beide von der Hand weg.

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Ein Blumengruß für die toten Kinder … Berührende Momentaufnahme der Gedenkfeierlichkeiten zum 35. Jahrestag, Foto: Haimo Liebich

„Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich der  73 jährige Kommissar Joseph Ottowitz in einem Beitrag des Spiegel: Betrunkene trampelten einfach über die Anschlagsstelle, manche sogar über die Leichen, während die Blasmusik weiter aus den Bierzelten dröhnte. Die Gummistiefel, die Ottowitz beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.

Oktoberfest_Bierzelt_Attentat_Gaby_dos_Santos_Bildcollage_Wiesnwahnsinn_jourfixe-BlogDer Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgerechnet München, die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, war, nach dem Geiseldrama der Münchner Olymiade von 1972, nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Terroraktes geworden! Da der Anschlag an einem der Ausgänge des Oktoberfests verübt worden war, blieb das eigentliche Fest-Areal unberührt und über das verwüstete Terrain schüttete man eiligst Teer, im eigentlichen, wie im übertragenen Sinn … Der berühmt-berüchtigte Spruch „The Show Must Go On“ fand zynische Anwendung: Nach gründlicher Reinigung eröffnete das Oktoberfest pünktlich am nächsten Vormittag, für zwei weitere Tage „buisness as usual“.  Am Mittwoch, ein Wochentag, der als relativ Umsatz schwach für das Oktoberfest gilt, unterbrach man die „Wies’n-Gaudi“ endlich für einen Tag.

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Erst vier Tage nach dem Anschlag blieb die Wies’n für einen Gedenktag geschlossen

Ebenso eilig hatte das bayerische Landeskriminalamt, im Tandem mit der Bundesstaatsanwaltsschaft, einen Täter zur Hand, den Studenten Gundolf Köhler, der selbst bei dem Anschlag zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich während der Untersuchungen heraus, dass Köhler zeitweilig der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann angehört hatte, die erst im Frühjahr vom damaligen Innenminister Gerhard Baum, FDP, verboten worden war.

Franz_Joseph_Strauss_1980_Wahlplakat_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-BlogDer amtierende bayerische Ministerpräsident Franz-Joseph Strauß hatte die Gruppierung jedoch lediglich für Spinner gehalten. Entsprechend vermutete er unmittelbar nach dem Attentat linke Terroristen am Werk und äußerte dies öffentlich. Doch leider – und ungünstig für Partei und Kanzler-Kandidat Strauß im Wahlkampf – erwies sich diese Theorie als vorschnell, da nicht haltbar, denn unter den Opfern entdeckte man bald, schwerst verstümmelt, den bekanntermaßen rechtsradikalen Attentäter selbst.

Koehler_Gundolf_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Der halbverbrannte Ausweis des Attentäters

Schnell präsentierte man ihn der Öffentlichkeit als frustrierten Einzeltäter, der schlichtweg einen grausam erweiterten Selbstmord begangen habe. Punkt. Obgleich die Ermittlungsergebnisse schon damals zahlreiche Widersprüche und Lücken aufwiesen. 1982 wurden die Ermittlungen dann für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Bildausschnitt der Gedenkstele

Bildausschnitt der Gedenkstele

Das Attentat blieb für die Landeshauptstadt München ein „Schweres Erbe“, so bezeichnet in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Katja RiedelVor zehn Jahren, zum 25. Gedenktag des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980, hatte die Stadt Hans Roauer offiziell zur Gedenkstunde eingeladen. Freunde hatten ihn überredet, gemeinsam zur Theresienwiese nach München zu fahren. Zu der schmalen Gedenkstele am Eingang der Festwiese, die damals noch mehr im Gedränge der Menschenmassen verschwand als heute, wo sie immerhin von einem durchlöcherten Metallrund umgeben ist. Es soll Schutz und Aufmerksamkeit zugleich bieten.

Oktoberfest - Gedenken an Attentat

Doch als Roauer an dem Ort ankam, der ihm bis heute Angst macht, da habe es für ihn und die anderen, oft schwerst behinderten Attentatsopfer nicht einmal einen Sitzplatz gegeben, sagt er. „Nur die Honoratioren saßen hinter der Absperrung, wir standen mitten in der Meute. Und dann die salbungsvollen Worte. Ich habe das nur fünf Minuten ausgehalten“, sagt Roauer.

Werner_Dietrich_Ulrich_Chaussy_Oktoberfest_Attentat_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ihre Lebensaufgabe ist die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats: Oben: Journalist Ulrich Chaussy darunter Opferanwalt Werner Dietrich

Dass sich das Mäntelchen des Schweigens nicht für immer über das Attentat legen konnte, ist maßgeblich der Hartnäckigkeit von Journalist Ulrich Chaussy (BR) zu verdanken. Ihm entgehen nicht die vielen Ungereimtheiten, die der offiziellen Einzeltäter-Version widersprechen. Bald vermutet er, dass passend gemacht wurde, was nicht passte und recherchiert auf eigene Faust weiter, gemeinsam mit dem ebenso engagierten Opferanwalt Werner Dietrich. Gemeinsam tragen sie neues Beweismaterial zusammen und setzen sich persönlich mit Zeugen in Verbindung. Auf Grund der Ergebnisse ihrer Suche beantragt RA Dietrich mehrfach eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch sein Antrag wird jedes Mal abgelehnt. Mehr noch: In den 90er Jahren werden alle gelagerten Asservate  „aus Platzmangel“ vernichtet!

Oktoberfest_Attentat_Der_blinde_Fleck_Film_jourfixe-BlogDie Fragwürdigkeit der Einzeltäter-These erhält 2013 neue Nahrung durch den Film „Der blinde Fleck“, ein dokumentarischer Spielfilm, der die Fragen und Erkenntnisse bündelt, die Chaussy und Dietrich im Zuge ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben:

Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) recherchiert den angeblich gelösten Fall und stößt auf rechtsradikale Hintergründe und ungeklärte Todesfälle. Warum hat die Polizei Zeugenaussagen ignoriert? Warum gab Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) geheime Informationen an die Presse weiter? Warum hat die Bundesanwaltschaft wichtige Beweismittel vernichten lassen? Ulrich Chaussy und der Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) machen sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit, die auch heute noch vertuscht wird. iiiiiiiiiiii Quelle:  Homepage zum Film (mit anschaulichem Trailer)

Den Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ergänzen zusätzliche Dokumentationen zu neuen Fakten und weiteren möglichen Hintergründen und stoßen jetzt auf eine Öffentlichkeit, die bereits durch den NSU-Skandal hochgradig sensibilisiert ist, was „Blindheit auf dem rechten Auge“ und Verquickungen zwischen Nachrichtendiensten, V-Männern und rechter Szene anbelangt. Zudem treten neue Zeugen in Erscheinung. Im Dezember 2014 wird schließlich die Soko „26. September“ ins Leben gerufen und das Verfahren neu aufgerollt.
iiiiiiiiiiii
Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Toni_Netzle

Toni Netzle, Autorin, Schauspielerin und legendäre Simpl-Wirtin im Alten Rathaus-Saal, am 26.9.2015

Schon länger hatte ich diese neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Umso mehr freute ich mich über die Einladung zur Podiumsdiskussion im Alten Rathaussaal am 35. Jahrestag des Attentats und darüber, Details zu Attentat und den neuen Ermittlungen aus erster Hand zu erfahren sowie durch meine Anwesenheit Anteilnahme bekunden zu dürfen … So wie mir ging es vielen Münchnerinnen und Münchnern, angefangen bei dem Münchner Urgestein Toni Netzle, die mich begleitete. Auch im Publikum sah ich viele vertraute Gesichter aus dem Münchner Stadtleben, allen voran die zwei Ehrenbürgerinnen Getraud Burkhardt, ehemalige Bürgermeisterin und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultursgemeinde München, desweiteren Ellen Presser, Leiterin des jüdischen Kulturzentrums sowie Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München. Gut vertreten war natürlich auch die Landeshauptstadt selbst, u. a. durch meine SPD-Parteifreunde, Bürgermeisterin Christine Strobel sowie die Stadträte Bettina Messinger und Haimo Liebich, der mir liebenswürdigerweise sein Bildmaterial für diesen Blog überlassen hat.

Simone_Burger_DGB_Muenchen_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-Blog

Für den DGB war Regionsgeschäftsführerin Simone Burger vor Ort und hielt die Einführungsrede. 1982, so eröffnete sie uns, hatte die DGB-Jugend vergeblich gegen die Einstellung der Ermittlungen protestiert. Doch damals fehlte es an Rückhalt in breiteren Schichten der Gesellschaft.

Annette_Ramelsberger_SZ_Oktoberfest_Attentat_Podiumsdiskussion_Alter_Rathaussaal_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Annette Ramelsberger, SZ, moderierte

Diese sei inzwischen wesentlich kritischer geworden, urteilte Annette Ramelsberger, von der Süddeutschen Zeitung, in ihrer Anmoderation. Auf den Punkt, mit großer Sachkompetenz und zugleich einfühlsam führte Rammelsberger, die sich bereits mit der Berichterstattung über den NSU-Prozess verdient gemacht hat, durch den Abend.

Als Podiumsgäste waren, neben Ulrich und Chaussy, zwei Überlebende des Attentats geladen. Rammelsberger stellte sie vor als „Herr und Frau Müller.  Aber sie heißen anders.“  Für mich war das der erste Gänsehaut-Moment, Opfern gegenüber zu sitzen, die sich genötigt sehen, das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens im Alltag für sich zu behalten „um nicht ständig darauf angesprochen zu werden„.
Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats

Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats; Rechts außen sitzt das Ehepaar „Müller“, Foto: Haimo Liebich

„Herr Müller“ begann dann mit überraschend ruhiger Stimme und sehr detailliert zu schildern, wie er das Attentat erlebt hatte. Mit einer kleinen Freundesgruppe waren er und seine damalige Verlobte in Richtung Ausgang geschlendert. Herr Müller rauchte damals noch und eilte kurz voraus, um eine leere Zigarettenpackung im nächsten Abfalleimer zu entsorgen. Dann ging er wieder einige Meter zurück zu seiner Gruppe. Man diskutierte noch, für welchen Heimweg man sich nun entscheiden sollte, als die Bombe explodierte und zwar in genau dem Abfalleimer, an dem sich Herr Müller eben noch befunden hatte! Die Rückkehr zu seiner Gruppe rettete ihm das Leben …

„Herr Müller“ schildert wie er das Oktoberfest-Attentat überlebte

Er findet sich auf dem Boden wieder, halb über der Kante des Bürgersteigs liegend. In Gedanken fühlt er sich durch seinen Körper. „Was fehlt mir?“ Als nächstes registriert er eine große Stille, seine Trommelfelle sind durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Welt scheint still zu stehen. Dann bricht unvermittelt Betriebsamkeit aus. Die ersten Verletzten werden mit Taxis abtransportiert, Sanitäter eilen herbei. – „Ich lag immer noch da.“ Ein Mann steht mit seinem Fuß auf Herrn Müller. Dieser will ihn darauf aufmerksam machen, erkennt dann, dass dem Mann die Gedärme aus dem Bauch quellen.

Oktoberfest_Attentat_Erste_Hilfe_jourfixe-Blog

Foto: Keystone PD

Ein junges Ehepaar möchte helfen. Weiß aber nicht wie, bittet Herrn Müller um Anweisungen. Er nimmt Feuchtigkeit wahr, die sich unter ihm ausbreitet. Es ist sein Blut. Unbedingt muss diese Blutung gestoppt werden.  Es gelingt seinen Helfern halbwegs. Das ist auch gut so, denn alle Sanitäter sind anderweitig beschäftigt. Herr Müller wird insgesamt vier Liter Blut verlieren und bleibt, wie durch ein Wunder, dennoch bei Besinnung, die er bald brauchen wird … Als man ihn endlich auf eine Bahre legt, knicken ihm beide Beine nach außen weg. Später wird sich herausstellen, dass sie nur noch von einigen wenigen Muskelfasern am Oberschenkel gehalten werden. Die Trage passt nicht in den Rettungswagen – wieder wird er ausgeladen, umgebettet und wieder kippen die Beine auseinander. Endlich verlässt der Wagen den Unglücksort …

Quelle: n-tv

Quelle: n-tv

Am Luise-Kieselbach-Platz gerät die Fahrt ins Stocken. Der Verletzte soll in ein Krankenhaus außerhalb der Stadt verbracht werden. Große Diskussion zwischen den Sanitätern und der Leitstelle. Die Sanitäter, auf Grund des Katastrophen-Alarms aus Starnberg herbei geeilt, sind nicht ortskundig. Herr Müller rettet die Lage und vermutlich seine beiden Beine, indem er den Rettungswagen nach Großhadern lotst, wo ihn die bestmögliche medizinische Versorgung erwartet. In einem Kreiskrankenhaus – so vermutet er heute – hätte man nicht bis zum Heilungserfolg chirurgisch „experimentiert“, sondern gleich beide Beine amputiert.
 

„Frau Müller“ schildert, wie ihre Handtasche sie vor den Bombensplittern schützte und ihr so das Leben rettete

Frau Müllers Schilderungen kreisen um ihr „Glück im Unglück“. Sie hält an jenem Schicksalsabend ihre Handtasche, ein beiges Fabrikat Marke 70er Jahre, aus Achtsamkeit (vor Taschendieben) auf der linken Seite, eng an ihren Körper gepresst, als sich die Explosion ereignet. Die Tasche, „ist gut gefüllt, wie alle Damentaschen“ und fängt einen Großteil der Bombensplitter auf. Frau Müller hat die Splitter, in Glasampullen eingefasst, zusammen mit der Tasche bis heute aufbewahrt …

Herr und Frau Müller heirateten im Mai des darauf folgenden Jahres; er ging dabei auf Krücken. Gleich am nächsten Tag musste er sich einer weiteren von vielen Operationen unterziehen; bis heute insgesamt 90! Inzwischen leidet er auch unter resistenten Keimen, die er sich bei einem seiner Krankenhaus-Aufenthalte eingefangen hat. Schmerzen bleiben ein konstantes Thema im Leben von Herrn Müller und seiner Frau, die mit ihrem Mann mit leidet.
Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats, Foto: Haimo Liebich

Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im Alten Rathaussaal. Annette Ramelsberger, SZ, im Gespräch mit „Herrn und Frau Müller, beide Opfer des Oktoberfest-Anschlags; Foto: Haimo Liebich

Sie sind Ehepaaar und Schicksalsgenossen zugleich, deren Dasein das Attentat in ein „Leben vor“ und ein „Leben danach“ entzweit hat. Die Müllers schildern auch, wie der Anschlag das Leben anderer Mitglieder ihrer kleinen Gruppe beschädigt hat; erzählen von dem Finanz-Angestellten, der damals kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit stand. Vor dem Schicksalsabend war er täglich zwischen Ingolstadt und München gependelt. Nun sah er sich dazu gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ein Umstand, der ihn Job und Verbeamtung kostete, mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Opferanwalt Dietrich wies darauf hin, dass ein sozialer Abstieg immer schwer zu verkraften sei, erst recht von jemanden, der nicht Verursacher sondern Opfer seines Schicksals sei. Eine solche Situation ließe sich seelisch kaum verarbeiten.
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Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Oktoberfest ...

Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Münchner Oktoberfest …

Eine Reihe ehemaliger Opfer verlässt regelmäßig vor dem Oktoberfest die Stadt, seit nunmehr 35 Jahren. Nichts soll sie an jenen 26. September erinnern … Diese Haltung hängt auch damit zusammen, dass man die Opfer seinerzeit weitgehend sich selbst überließ. Sie erhielten damals keinerlei psychologische Betreuung, so Dietrich.
Eine weitere Belastung habe der fragwürdige Ermittlungsstil dargestellt, der zur Einstellung des Verfahrens führte. Letzteres war ein weiterer Schlag für die Opfer und ein besonders unrühmliches Kapitel in der deutschen Justizgeschichte. Gestern blätterten Chaussy und Dietrich es nochmals auf.
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Attentat_Opfer_Oktoberfest_Muenchen_jourfixe-Blog

„Herr Müller“ berichtet von fragwürdigen Ermittlungsmethoden der Polizei, Foto: Haimo Liebich

Herr Müller erlebte selbst fragwürdige Befragungsmethoden. Er gab bei der Polizei an, dass er gesehen habe, wie rechts von ihm eine 40 cm bis 60 cm hohe Stichflamme aus dem Gulli aufstieg. Darauf widersprach ihm der Vernehmungsbeamte vehement. Müller würde sich täuschen, die Explosion sei links von ihm erfolgt.

Dazu wurde uns erläutert, dass Herr Müller über Fachwissen sowie eine vierjährige Erfahrung bei der Bundeswehr verfüge und somit durchaus in der Lage sei, einen Knallkörper von einer Explosion zu unterscheiden. Hätte man damals aber Müllers Beobachtung zur Kenntnis genommen, so hätte man zwingend von  einer zweiten Bombe ausgehen müssen. Das wiederum hätte die Theorie einer Einzeltäterschaft widerlegt, und genau das hatte man offensichtlich mit allen Mitteln vermeiden wollen.

Oktoberfest_Attentat_Polizei_jourfixe-BlogAuch andere Zeugenaussagen wurden damals durch Suggestiv-Fragen zurecht gebogen, beispielsweise die Aussage, man habe Köhler eine Stunde vor der Explosion mit zwei Männern heftig streiten gesehen. Die Polizei bohrte nach, ob es denn nicht auch so gewesen sein könne, dass sich Köhler nach einer Unterkunft erkundigt habe?Diese Möglichkeit musste natürlich von Zeugenseite aus eingeräumt werden, schließlich hatte man den Inhalt der Diskussion nicht verstehen können. Seltsam … Würde sich ein frustrierter Einzeltäter, der seinen Selbstmord plant und ihn eine Stunde später auch begehen wird, zuvor noch nach einer Bleibe erkundigen? Unerklärlich bleibt auch das Auftauchen und plötzliche Verschwinden eines Fingers mit Handresten am Tatort, der sich serologisch keinem der Opfer zuordnen ließ …
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Harald_Range_Generalbundesanwalt_aD_Wiederaunahme_Verfahren_Oktoberfesst_Attentat_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Generalbundesanwalt a.D. Harald Range eröffnete im Dezember 2014 das Wiederaufnahmeverfahren

Was mich gestern Abend besonders beschäftigte: Auf Grund der jetzigen Beweislage schließen Chaussy und Dietrich, analog zum NSU-Skandal, auf eine mögliche Verwicklung des BND. Uwe Behrendt, Vizevorsitzender der Wehrsportgruppe Hoffmann und nach dem Attentat in den Nahen Osten abgetaucht, soll als V-Mann tätig gewesen sein. Und er soll sich Dritten gegenüber als Mittäter bekannt haben … Da frage ich mich, wer in diesem Fall welche Anordnungen an wen weitergegeben hat und wer für welchen Maulkorb wo verantwortlich sein mag?

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, Foto: Haimo Liebich

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, fotografiert von Haimo Liebich im Alten Rathaussaal

Entsprechend wenig begeistert zeigte sich Ulrich Chaussy gegenüber dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range darüber, dass ausgerechnet das bayerische Landeskriminalamt, das seinerzeit so lückenhaft ermittelt und möglicherweise Material unterschlagen hatte, nun federführend bei der Wiederaufnahme der Untersuchungen sein sollte. Tatsächlich befinden sich die heutigen Ermittler in der unguten Lage, die Ergebnisse ehemaliger Kollegen anzweifeln und nachrecherchieren zu müssen. Laut Chaussy melden sich nachträgliche Zeugen wohlweislich bei ihm und Dietrich, statt beim LKA vorzusprechen. Chaussy und Dietrich beklagten beim Podiumsgespräch die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachrichtendienste, die in der Vergangenheit nur widerwillig und lückenhaft Auskünfte erteilt hätten. Diesbezüglich sei es wichtig, sehr konkret nachzufragen, welche Informationen zu welchen Personen vorhanden seien. Das Fazit der beiden lautete: Es geht hier um das Rechtsstaatswohl. Die Interessen eines Nachrichtendienstes dürfen daher niemals über das Schicksal der Opfer gestellt werden! 

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Rote Nelken erinnern 35 Jahre nach dem Anschlag an die Toten, Foto: Haimo Liebich

Laut Herrn und Frau Müller lässt die Arbeit der jetzigen Soko „26. September“ hoffen. Herr Müller berichtete, dass er sich zum ersten Mal als Zeuge ernsthaft wahrgenommen gefühlt habe. Auch Frau Müllers Handtasche, inklusive aller Splitter, ist nach 35 Jahren endlich in den Fokus der Ermittlungen gerückt, denen, nach Vernichtung der früheren Asservate, nunmehr nur die wenigen Beweisstücke zur Verfügung stehen, die die Opfer privat gehortet haben.

Nelke_Trauer_Oktoberfest_Attentat_Gedenkfeier_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos„Für wen schreiben Sie?“, fragte mich die freundliche ältere Dame, die den Abend über mit ihrem Mann neben mir gesessen und ein wenig verloren gewirkt hatte. Dass meine Notizen für einen Blog seien, vermochte ich ihr nicht wirklich zu vermitteln, aber dass ich schreiben wollte, schien ihr zu gefallen. „Wissen Sie, mein Mann, mein Sohn und ich waren auch unter den Opfern. Aber wir sind kurz vorher stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einem Wägelchen saß und wunderschön Mundharmonika gespielt hat. Sogar mein Sohn, er war damals 13, ist zu uns zurück gelaufen, so schön hat der Mann gespielt. Das hat uns das Leben gerettet, sonst wären wir bei der Explosion genau am Abfalleimer gewesen.“ Der Frau standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Wissen Sie, wir sind eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr  am Eingang der Wies’n trifft. Auch der Herr Platzer, der damals seine beiden Kinder verloren hat, kommt immer. Auch heuer. Er hat uns gleich erkannt, uns umarmt und eine rote Nelke geschenkt …“

Der Vater der jüngsten Opfer des Attentats, Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier

Der Vater der jüngsten Opfer Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre, kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier; hier auf einem Bildausschnitt vom 26. September 2015

Das letzte Wort auf dem Podium ging an Herrn Müller. Er gab uns allen eine klare Botschaft auf den Weg, die ich versuche, aus meinen Notizen so sinngemäß wie möglich wiederzugeben:

„Bislang hat sich der Staat bei diesem Thema verhalten, wie eine Bananenrepublik und nicht wie die Bundesrepublik. Hoffen wir, dass sich das ändern wird, sonst hätten wir heute Abend hier umsonst gesessen …“

Link zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs

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„Gedenke, Mensch, dass du Staub bist …“ Eindrücke vom Aschermittwoch der Künstler und vom Besuch des ehemaligen „Führerbaus“

 Gedenke Mensch, dass du Staub bist, und wieder zum Staub zurückkehren wirst. (Genesis 3, 19)

Ein Militärdekan, Monsignore Joachim Simon, zeichnete mir am diesjährigen Aschermittwoch im Münchner Dom das Aschenkreuz auf die Stirn und sprach dabei obigen traditionellen biblischen Vers, der die Vergänglichkeit symbolisiert …

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Das traditionelle Aschenkreuz symbolisiert die Vergänglichkeit

Mit diesem Spruch verbinden sich sowohl meine Erlebnisse vom Aschermittwoch, wie auch die vom darauffolgenden Abend, obgleich beide auf ersten Blick sehr unterschiedlich angelegt waren: Ganz im Zeichen einer katholischen Tradition stand der Aschermittwoch der Künstler, in der Sanitätsakademie der Bundeswehr und im Münchner Dom, während mich der Donnerstag Abend in den ehemaligen „Führerbau“ in der Arcisstraße 12 führte. Den gemeinsame Nenner bildete für mich der Aspekt der „Vergänglichkeit“, der sich als roter Faden durch beide Ereignisse zog.

Seit dem 4. Jahrhundert leitet der Aschermittwoch  die Fastenzeit ein. Höhepunkt des katholischen Gottesdienstes ist dabei das Auftragen eines Aschenkreuzes auf die Stirn der Gläubigen, wobei der Pfarrer für jeden einzeln den biblischen Spruch „Gedenke Mensch …“ wiederholt. Obgleich protestantisch, ist mir inzwischen dieses Ritual ans Herz gewachsen, denn es erinnert mich jeden Aschermittwoch erneut an die Vergänglichkeit und ruft somit auch zu mehr Gelassenheit gegenüber weltlichen Fragen und Zielsetzungen auf. Und es lädt mich ein, bewusster das zu schätzen, was mir im Augenblick gegeben ist.

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Bildausschnitt eines der monumentalen Grabmäler auf dem Alten Südlichen Friedhof in München  (Foto: Werner Bauer)

Die Rückbesinnung auf die Vergänglichkeit erinnert mich zugleich daran, dass Leben und Tod eine Einheit in meinem spirituellen Selbtverständnis bilden sollten, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, das zu akzeptieren, nicht zuletzt weil unsere Spaß-Gesellschaft dem Sensenmann gerne mal die Tarnkappe überstülpt. „Der Tod gehört zum Leben,“ äußerte Bischofsvikar Graf zu Stolberg in einem O-Ton zu meiner Collage über den Alten Südlichen Friedhof. Eine treffende Aussage gerade in Zusammenhang mit einem Ort, an dem sich Grabstätten einst einen regelrechten Wettstreit in puncto Kolossalität lieferten, um nun langsam aber sicher vor der Zeit zu kapitulieren. Den einen oder anderen Eigentümer hätte mein Enkel bei unserem ersten Friedhofsbesuch am liebsten ausgebuddelt, um nachzugucken, was von ihm „übrig“ sei …

Je besser es mir gelingen wird, Vergänglichkeit und Tod als unabänderliche Komponenten meines Lebens anzunehmen, umso leichter werde ich mich damit abfinden und hoffen können. Ein berühmter Cartoonist, sein Name ist mir entfallen, bezeichnete den Tod einmal als Grenzbeamten am Übergang in eine andere, bessere Welt. Ein schöner Gedanke, finde ich, und der Aschermittwoch ist eine gute Gelegenheit, sich dessen zu besinnen.

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Grabmal auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Foto: Werner Bauer)

Dabei kommt mir der  Aschermittwoch der Künstler entgegen, den alljährlich die Erzdiözese München-Freising organisiert. Zurück geht dieser Brauch auf den katholischen französischen Schriftsteller Paul Claudel. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er eine Begegnung katholischer Künstler ins Leben, eine Initiative, die vielerorts von katholischen Kirchen aufgegriffen wurde und sich bis heute erhalten hat. Seit drei Jahren folge ich sehr gerne der Einladung der Erzdiözese, die bereits nachmittags mit einer Veranstaltung beginnt, in welcher der Begriff  „Vergänglichkeit“ mit aktuellen Themen verbunden wird. Dies führte uns im letzten Jahr in die historischen Räumlichkeiten der Münchner Anatomie und dieses Jahr in die Sanitätsakademie der Bundeswehr. Bilder im Spannungsfeld von Militär – Kunst – Religion lautete das diesjährige Motto.

Über diesen Themenbereich hatte ich bereits anlässlich des Blogs zur Münchner Sicherheitskonferenz 2015 nachgedacht und machte mich umso gespannter – und in Pirelli-Männchen-Outfit den Wettern trotzend – auf den Weg zur Kaserne. Bereits am Hartof, auf der Suche nach der Bushaltestelle, erhielt ich Verstärkung durch weitere suchende Gäste in spe und traf dabei erfreulicherweise wieder einmal Christoph Schwarz, zuständig für Film, Comic-Kunst und Theater beim Kulturreferat München. Von ihm erfuhr ich, während der Ausweiskontrolle am Eingang der Kaserne, dass seine ehemalige Chefin Angelika Baumann (s. auch meinen Blog vom Sommer 2014) inzwischen als Friedensbeobachterin an der israelisch-palästinensischen Grenze tätig ist! Alle Achtung, Chapeau und viel Glück, liebe Frau Dr. Baumann!

In der Einlass-Zeit wurde im Hörsaal der Sanitätsakademie das Video „Protest“ der Medienkünstlerin und Malerin Monika Huber gezeigt. „Journalistische Berichterstattung hat sich in den letzten Jahren durch die Möglichkeit der Sozialen Medien und der schnellen Übermittlung von Bildern per Handytechnik gravierend verändert – als unbeteiligter Zuschauer hatte ich das Gefühl, mitten in die Auseinandersetzungen geraten zu sein. Das Video PROTEST ist eine filmische Arbeit zum Thema des täglichen Aufbegehrens und Widerstandes der Menschen, die sich für mehr Demokratie und Veränderung auf die Straßen begeben,“ so die Künstlerin im Info zur Veranstaltung. In ihrem vierminütigen, in Endlosschleife gezeigten Film waren ganz unterschiedliche Sequenzen von Protestaktionen zu sehen, via Handy aufgenommen und bewusst durch zusätzliche Unschärfe verfremdet.

Die einführenden Worte sprach Frau Generalstabsarzt Dr. Erika Franke, Kommandeurin dieser Kaserne! und aktuell ranghöchste Soldatin der Bundeswehr, gefolgt von Vertretern der Erzdiözese und der Militärseelsorge sowie von Wolfgang Küpper, Bayerischer Rundfunk, der auch die anschließende Gesprächsrunde moderierte.

In dieser äußerte u. a. Oberstleutnant Rufin Melletin, dass bei weiten Teilen der Bevölkerung der Anblick uniformierter Soldaten die Assoziation „da kommt der Krieg um die Ecke“ hervorrufe. Tatsächlich aber habe sich das Selbstverständnis der Truppe, im Gegensatz zur einstigen kriegerischen Verklärung, längst zu dem einer „Friedens“-Truppe gewandelt. Anliegen der Bundeswehr sei die Friedenssicherung, nicht der Krieg, was durch neue Bild- Kampagnen verstärkt zum Ausdruck gebracht werden solle. Angesichts seiner Ausführungen wünschte ich mir einmal mehr eine größere gesellschaftliche Aufgeschlossenheit den SoldatInnen und der Institution „Bundeswehr“ gegenüber.

Frauenkirche_David_Russo_Aschermittwoch_der_Kuenstler_Erzdioezese_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosIn diese Kerbe schlug auch Militärdekan Monsignore Joachim Simon, indem er speziell an uns Kunstschaffende appellierte, den Soldatinnen und Soldaten mit weniger Berührungsängsten gegenüber zu treten. Persönlich denke ich, dass Kunst- und Kulturschaffende, als Spiegelbilder der Gesellschaft, sich unbedingt mit deren Gegebenheiten intensiv befassen sollten. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch eine ausgewogene Auseinandersetzung mit unseren MitbürgerInnen in Uniform. Fesselnd fand ich Simons Schilderung der Lebensumstände der Truppen in den Einsatzgebieten. Dabei schilderte er auch, wie, trotz strikt vorgegebenem Säkularismus, das Kreuz bei Gedenkveranstaltungen nach wie vor für die Betroffenen wichtig sei, ganz gleich, ob im Protokoll vorgesehen oder nicht.

„Das „größte, bewegendste, intensivste Bild aber ist das Kreuz“, sagte Kardinal Reinhard Marx in seiner Predigt beim anschließenden Hochamt im Münchner Dom.. „Es ist Ausdruck der erlittenen Gewalt und der Heilung und der Versöhnung.“ Gerade in der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit „sind wir eingeladen, auf den Gekreuzigten zuzugehen, der unsere Kräfte freisetzt für die Liebe“.  (Zitat: Pressestelle/Erzbischöfliches Ordinariat)

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page006352_27678.aspx

Auf den Beitrag, den dabei Kunst und KünstlerInnen leisten können, kam Marx ebenfalls zu sprechen und nannte Picassos „Guernica“-Gemälde als prominentes Beispiel.

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Momentaufnahme aus der Performance von Choreograf David N. Russo am Aschermittwoch der Künstler in der Münchner Frauenkirche

Zuvor hatte der Choreograf David Russo

http://david-russo.com/

unter dem Titel Liebe ist stärker als der Hass – Kehre um und glaube“ ein internationales Tanztheaterprojekt mit 50 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 – 18 Jahren aus 10 Nationen aufgeführt, unter ihnen allein stehende Flüchtlingskinder. Den intensiven Emotionen, die das Zusammenspiel dieser jungen Menschen weckte, vermochte sich wohl kaum jemand der Anwesenden zu entziehen. Untermalt wurde die Tanz-Installation von wohltuend sparsam eingesetzter Musik; ungewöhnlich der dominierende Klang einer Flöte.

Als Wermutstropfen empfand ich, dass ich am anschließenden Abendmahl als Protestantin nicht teilnehmen durfte, was mir gerade  am Aschermittwoch ein besonderes Bedürfnis gewesen wäre. Ich fühlte mich, nach so vielen gemeinschaftlich erlebten, emotionalen Momenten plötzlich ausgeschlossen. Diesbezüglich hoffe ich auf ein Umdenken der katholischen Kirche irgendwann in nicht all zu ferner Zukunft.

jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosDie Lokalität am Donnerstag Abend zeugte ebenfalls von Vergänglichkeit – und von Neubeginn: Der PresseClub München hatte zu einer Führung in die Arcisstr. 12, der Hochschule für Musik und Theater geladen, unter dem Motto: „Vom Münchner Führerbau zur Wiege der Tonkunst“

„Thomas Manns Schwiegereltern Pringsheim residierten in einer Neo-Renaissance-Villa in der Nähe des Königsplatzes, damals Arcisstr. 12. Die Nationalsozialisten sahen im klassizistischen Rahmen dieses Platzes einen geeigneten Standort für ihre Selbstinszenierung und errichteten zwei 1937 eingeweihte zentrale Parteigebäude an der Kreuzung Arcisstr. Brienner Str. , das südliche für die Verwaltung, das nördliche als sogenannter „Führerbau“ für Hitler und seinen Stab – die heutige Arcisstr. 12. Nach 1945 war im ehemaligen „Führerbau“ zunächst das Amerika Haus mit dem Art Collection Point untergebracht, seit 1957 ist es das Hauptgebäude der heutigen Hochschule für Musik und Theater München.“ (Zitat Homepage PresseClub/Archiv)

http://www.presseclub-muenchen.de/veranstaltung-detail/fuehrung-arcisstr-12.html

20150219_190557Dr. Alexander Krause, Kanzler der Musikhochschule, lud zunächst zu einem einführenden Vortrag in das ehemalige Arbeitszimmer Adolf Hitlers. Ich glaube, uns alle überkam ein merkwürdiges Gefühl, als uns klar wurde, an welchem Ort wir uns tatsächlich befanden. Hier hatten 1938 Hitler, Mussolini, Daladier und Chamberlain das sogenannte „Münchner Abkommen“ unterzeichnet, unter der selben Lampe, die nun für uns den Raum beleuchtete! Der Kamin, die Holztäfelungen, das Parkett waren unverändert geblieben. Lediglich hatte man, wie überall im Gebäude, den ursprünglichen Raum etwas verkleinert. Dr. Krause berichtete, dass es bis heute Dozenten gäbe, die sich weigerten, in diesem Raum zu unterrichten! Persönlich empfinde ich es allerdings eher als eine Art Exorzismus, wenn sich gerade hier inzwischen junge Leute dem „Schönen Klang“ widmen.

Stilistisch verkörpert das Haus den marmorisierten Größenwahn nationalsozialistischer Architektur. Daher hatte man es seinerzeit auch, aus rein repräsentativen Erwägungen heraus, mit gleich zwei wuchtigen Eingängen ausgestattet und mit Endlosfluren. Auch für das leibliche Wohl der Gäste war reichlich gesorgt worden, durch eine große Küchenanlage im weitläufigen Untergeschoss, das später als Aufbewahrungsort für Raubkunst diente.

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Einschusslöcher an der Tür zum ehemaligen Kartoffelkeller

Dr. Krause schilderte, wie die Münchner bei Kriegsende den Keller geplündert hatten und führte uns zur zerschossenen Stahltür des ehemaligen Kartoffelkellers, die buchstäblich von Kugeln durchsiebt worden war. Damals herrschten Mangel und entsprechender Pragmatismus, so dass wohl manches Kunstwerk aus diesen Katakomben als Füllmaterial für beschädigte Fenster endete. 1945 kamen die Amerikaner, wovon bis heute Graffittis an den Kellerwänden zeugen. Auf einem Graffitti listet ein G.I. sogar alle seine Kriegsetappen quer durch Europa bis nach München, in den Keller der Arcisstraße, auf! Ein in Stein gemeißeltes Zeitdokument der besonderen Art, ganz im Gegenteil zu eingeritzten Botschaften aus späteren Jahrzehnten, die schließlich dazu führten, dass man diesen Teil der Wand hinter Glas setzte.

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Im München des Dritten Reichs war der „Führerbau“ Teil eines großen Gebäudekomplexes im Besitz der Partei. Bei Bombenangriffen wurde er durch Tarnnetze geschützt, was vermutlich erklärt, warum ausgerechnet ein NS-Regierungskomplex, im Gegensatz zum Großteil der Münchner Altstadt, bis heute so gut erhalten ist – was für die Musikhochschule einige Probleme mit sich bringt: In ihren Zuständigkeitsbereich fallen auch die beiden ehemaligen „Ehrentempel“, einst NS-Kultstätten für die gefallenen Putschisten von 1923. Mit ziemlichem Aufwand ist nun die Musikhochschule verantwortlich für deren „kontrollierten Verfall …“ 

Allgemeine Informationen zum jourfixe-Blog sowie ein Link zur Übersicht aller bisherigen Blog-Beiträge finden sich unter:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe-muenchen_Blog.html

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In der Löwengrube? Ministerpräsident Horst Seehofer im PresseClub

Wohin auch immer in der Welt er während seiner langen politischen Laufbahn gekommen sei, sei „Bayern schon da gewesen“, äußerte der Ministerpräsident heute Vormittag launig im Rahmen von knapp zwei Stunden, in denen er im PresseClub Rede und Antwort stand. Angesichts der aktuellen politischen Lage und weil er schon länger nicht mehr im Club zu Gast gewesen war, fiel der Medienandrang entsprechend groß aus: ARD, ZDF, RTL sowie die lokalen Medien BR und TV München hatten sich jeweils in mehrköpfiger Teamstärke in den überschaubaren Räumlichkeiten des Clubs eingefunden. Dazu Vertreter der Printmedien jeglicher Couleur … und mittendrin eine Bloggerin, die kaum eine Chance auf einen guten Schnappschuss hatte, angesichts des Andrangs 😉

Daniela Philippi, die herzlich entspannte Pressesprecherin des Ministerpräsidenten, erschien als erste. Persönlich habe ich sie sehr positiv in Erinnerung, seit ich bei Vorbereitungen zur Verleihung des Simon-Snopkowski-Preises in einer  kniffligen protokollarischen Frage nicht weiter wusste und mich an sie wandte. Kollegialität statt Allüren – wie schon in früheren Blogs erwähnt, nicht immer und überall ein selbstverständliches Verhalten! Auch mein Name war ihr erfreulicherweise in Erinnerung geblieben. Wir stellten fest: „Philippi“ – „dos Santos“ = zwei sehr nützlich markante Namen im PR-Geschäft …

Kurz vor knappp fand sich erwartungsgemäß auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde München ein, inklusive Bodyguards und der vertrauten Aureole wichtiger Unnahbarkeit. Ein Eindruck, der vielleicht täuscht, aber Unnahbare lernt – per Definition – kaum jemand näher kennen. Jedenfalls eskortierte das übliche gezischte „Ach ja, da ist ja auch wieder Charlotte“  ihren Gang durch die inzwischen drangvolle Enge des Raumes. Die Dame hat sich offensichtlich in der Stadt nicht nur Freunde gemacht, nicht zuletzt wegen ihres vielerorts als eigenmächtig empfundenen Engagements GEGEN die Verlegung von Gedenk-Stolpersteinen.  Zu diesen s. auch die engagiert von Terry Schwarzberg betreute Seite: https://www.facebook.com/groups/stolpersteine.muenchen/

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Alle Kameras richten sich auf den bayerischen Ministerpräsidenten. Ganz links im Bild Charlotte Knobloch, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde München

Der Ministerpräsident traf pünktlichst ein, eine Eigenschaft, die mir schon früher positiv bei ihm aufgefallen und leider nicht sehr verbreitet ist. Im Gegenteil. „Wichtig“ lässt gerne warten. Angenehm fand ich auch, dass Horst Seehofer, als er vor die Wahl gestellt wurde, ob er zunächst eine Rede halten oder gleich Fragen beantworten wolle, sich für letzteres entschied. Mit (häufig sorgfältig austarierten) Ansprachen habe ich so meine Probleme, während hingegen Fragen im PresseClub spontan gestellt und beantwortet werden.

Zu PEGIDA: Unser Vorsitzender, Ruthard Tresselt, startete gleich mit der ersten Frage „in die Vollen“: Was denn der Herr Ministerpräsident zu der pauschalen Aburteilung der PEGIDA Anhänger seitens des deutschen Justizministers als „Nazis in Nadelstreifen“ meine. Spannende Frage, deren Antwort elegant umgangen wurde. Seehofer erklärte „diese Bewegung für überschätzt“. Auch habe er gehofft, dass PEGIDA, nach den tragischen Vorfällen in Frankreich, ihre Kundgebungen absagen würde. Lob aber gebühre der Bevölkerung, gerade in München, die so massiv opponiert und so demonstriert habe, dass man mit den „abscheulichen Parolden der PEGIDA-Rädelsführer nichts am Hut habe“. Grundsätzlich solle man bei Kundgebungen zwar immer hinterfragen, was die Menschen auf die Straße treibe, aber in „keine Olympiade der Parolen“ einsteigen.

Sehr gut fand ich, dass der Ministerpräsident, in Zusammenhang mit seinem Bedauern bezüglich der Vorgänge in Paris, ausdrücklich das Erscheinen des palästinensischen Präsidenten würdigte und als ein wichtiges Zeichen wertete – Letzteres wiederum mit Blick in Richtung von Frau Knobloch. Dieses Detail im Rahmen der Pariser Trauerfeierlichkeiten hatte ich als seitens der Medien unbefriedigend unkommentiert empfunden.

Bayern und die 3 Säulen der CSU:  Der Ministerpräsident betonte, Bayern sei nach wie vor ein christlich geprägtes Land, das in einer langen langen christlich-jüdischen (mit Blick auf Frau Knobloch) Tradition stünde, sich an den christlichen Sittengesetzen und der christlichen Soziallehre orientiere. Diese Haltung beinhalte auch Respekt für andere Religionen und darüber hinaus für deren freie Entfaltung. Daraus resultiere „die Weltoffenheit Bayerns„.

Vorratsdatenspeicherung: Von Charlotte Knobloch auf seine Einstellung zur Vorratsdatenspeicherung befragt, zeigte sich Seehofer erwartungsgemäß als „pro“, allerdings unter strikten Auflagen, also nur nach richterlicher Genehmigung und bei Verdacht auf schwere Straftaten. Auch die Kanzlerin teile diese Ansicht. Er gehe  davon aus, dass die Vorratsdatenspeicherung früher oder später kommen werde, weil unverzichtbar in einer globalisierten Welt.  Seehofer sprach sich für eine „wehrhafte Demokratie“ aus und bedauerte die Unzulänglichkeit der EU-Außengrenzen. Hier müssten die Vereinbarungen zuverlässiger umgesetzt werden, als bisher. Dies habe de Maizière auch bei der letzten EU-Innenminister-Konferenz eins zu eins so kundgetan.

Flüchtlingspolitik/Integration in Bayern: Ein kurdischer Journalist schnitt das Thema an, zu dem Seehofer ein „3-Säulen-Modell“ für den Freistaat skizzierte:

1. Humanität und Solidarität bei der Aufnahme von Flüchtlingen: Und- nicht nur Kirchen und humanitäre Verbände würden hier Engagement und Solidarität zeigen, sondern inzwischen auch breite Teile der Bevölkerung, ganz im Unterschied zu der Flüchtlingsbewegung Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre. Ebenso positiv zeige sich die Bevölkerung übrigens gegenüber der Anwerbung ausländischer Fachkräfte, die vor 20 Jahren noch als Konkurrenz betrachtet worden waren. Seehofer wies auch darauf hin, dass in Bayern der Anteil an Migranten höher sei, als beispielsweise in Berlin.

2. Gerechtigkeit: Gerade im Sinne einer breiten Solidarisierung mit Flüchtlingen in schweren Notsituationen, sei jedoch den Bürgern nicht zu vermitteln, wenn auch, wie zum Beispiel häufig aus den Balkan-Staaten, Menschen Asyl beantragten, deren Existenz nicht gleichermaßen bedroht sei, wie die anderer Flüchtlinge. Eine Einhaltung der Rechtsordnung sei hier unabdingbar.

Diesen Punkt empfand ich als etwas zu schwarz-weiß abgehandelt. Ich finde: Man muss nicht unmittelbar vom Tod bedroht sein, um sich dennoch in der Heimat Umständen ausgeliefert zu fühlen, die wir in Deutschland als unzumutbar empfinden würden.

3. Hilfeleistungen in den Heimatländern vor Ort: Gegen den dritten Punkt in Seehofers Modell lässt sich wiederum nichts einwenden. Vor allem Hilfe zur Selbsthilfe ist dringend gefordert, aber leisten wir Wohlstandsländer diesbezüglich auch wirklich genug? Um dies  beurteilen zu können, fehlen mir leider – wieder einmal – die nötigen Hintergrundzahlen.

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Daniela Philippi, die Pressesprecherin, folgt konzentriert den Ausführungen ihres Chefs

 Seehofers Rückzug aus der Politik/Presse-Spekulationen: Zur Sprache kam natürlich auch Seehofers Ankündigung, sich nach der nächsten Landtagswahl zurück ziehen zu wollen. Erwähnt wurden dabei natürlich die Presse-Gerüchte um einen möglichen Rückzug vom Rückzug, falls es Seehofer nicht gelingen sollte, sein Amt „harmonisch auf die nächste Generation“ zu übertragen. Solcherart Spekulationen wies Seehofer entschieden zurück. Eine nahtlose Übergabe des Amtes sei dabei sein Ziel, dann wäre seines ein „rundes Werk„, und er sehe in keiner Weise, warum sich dieser Vorsatz nicht erfüllen sollte.

Nun ja, sein Wunsch in unser aller Ohren, aber diesbezüglich befinden wir uns a) auf politischem Parkett und b) hier in Bayern und wenn ich zurückblicke, was sich in der jüngeren Vergangenheit, nach dem Tod von Franz Joseph Strauß bzw. dem Abgang von Stoiber, für Rangeleien, Kungeleien und Schlammschlachten rund um die Nachfolge abgespielt haben, dann bin ich mir keineswegs sicher, ob alles so nahtlos ablaufen wird, wie heute in Aussicht gestellt.

Seehofer schmunzelte, im Duo mit seiner Pressesprecherin, bei seiner lakonischen Feststellung:„Es freut mich zu lesen, was ich so denke“.  Er überlege sich von Fall zu Fall sehr genau, ob er einen solchen Beitrag kommentieren oder übergehen solle. Kürzlich habe er verwundert die Kanzlerin angerufen, weil laut Presse der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, die Maut kritisiert haben sollte. Seehofer habe davon nichts gewusst, ebenso wenig wie Angela Merkel … Jedenfalls laut Seehofer. „Beliebt“ wie die Maut allgemein ist, würde es mich nicht wundern, wenn da doch so das eine oder andere Wort des Vorbehalts zunächst gefallen und dann zurück genommen worden wäre. Aber nun spekuliere ja ich!!!

In puncto EU forderte Seehofer mehr Zusammenhalt in großen Fragen, wie den derzeitigen humanitären und weniger EU in den kleinen Fragen. Und was die Gen-Technik anbelange, so bleibe Bayern Gen-frei und habe darüber auch alleine zu entscheiden, nicht die EU!  „Gut gebrüllt Bayerischer Löwe!“, kann ich nur beistimmen …

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Bayerische Ministerpräsidenten erlebe ich ein Stück weit als „Bayerische Löwen“, den heutigen „Löwen“ als in einer Löwengrube voller kritischer Journalisten, …

Zu diesem Punkt und bezüglich vieler weiterer Punkte, die ich in diesem Blog teilweise zusammengefasst habe. Heute erlebte ich alles in allem und wie so oft im PresseClub, einen ganz anderen Menschen, als auf Grund von Medienberichten erwartet. Aber, um beim Bild zu bleiben, der Löwe befand sich auch gerade in einer Löwengrube voller kritischer Journalisten … Die Krux mit aller Politik, die über kommunale Belange hinausgeht, ist ja genau die: Wo endet die Wahrhaftigkeit und wo beginnt rhetorisches Taktieren? Und ist erstere unhaltbar und letztere unvermeidbar in der Großen Politik? Politik in einer Demokratie bleibt ein ständiger Balance-Akt der Kompromisse, der sich von Außenstehenden nie ganz nachvollziehen, geschweige denn bewerten lässt. Umso wichtiger bleibt für mich der persönliche Eindruck UND das persönliche Weiterverfolgen politischer Entwicklungen in Bezug auf die zuvor geäußerten Statements. In diesem Fall sehe ich dem politischen Aschermittwoch der CSU gespannt entgegen …

Und übrigens: Mal sehen, wie sich nächsten Donnerstag die FDP auf ihrem Neujahrsempfang positioniert. Davon werde ich in Kürze an gleicher Stelle berichten.

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Seitens Herrn Dr. h.c. Georg Engel, Chefredakteur und Herausgeber des Online-Magazins Ungarn-Panorama

http://www.ungarnpanorama.com/201404/startseite.php

sind mir nachträglich die Links einiger Ausschnitte obiger Pressekonferenz mit Ministerpräsident Horst Seehofer netterweise übermittelt worden, die ich, mit Dank an Herrn Engel, meinem Beitrag hinzufüge.

Ministerpräsident Horst Seehofer im PresseClub München Teil 1
Diskussion über: Pegida, Meinungsfreiheit, Sicherheitspolitik, Migration, Vorratsdatenhalterung
Moderator: Ruthart Tresselt, Vorsitzender des Internationalen PresseClubs München.
http://youtu.be/kC1ynEq5yJM

Ministerpräsident Horst Seehofer im PresseClub München Teil 2
Diskussion über: Sengen-Abkommen,  Aussenkontrolle, Integration, Zuwanderung
Moderator: Ruthart Tresselt, Vorsitzender des Internationalen PresseClubs München.
http://youtu.be/zpYiObfYgy0

Ministerpräsident Horst Seehofer im PresseClub München Teil 3
Diskussion über: Rücktritt, Migration, Wiedereinreise, Bayernkaserne
Moderator: Ruthart Tresselt, Vorsitzender des Internationalen PresseClubs München.
http://youtu.be/L0EtamqzlMs

Ministerpräsident Horst Seehofer im PresseClub München Teil 4
Diskussion über: Stammstrecke, Konzertsaal, Länderfinanzausgleich
Moderator: Ruthart Tresselt, Vorsitzender des Internationalen PresseClubs München.
http://youtu.be/G0EMPDkBbcs


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

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Plädoyer für Kunstschaffende von Marcus A. Woelfle

Marcus Woelfle commented on 8. Januar 1994 bis 8. Januar 2014: Auf Brettern, die die Welt bedeuten?

“Von Schein und Sein und Schöner Scheitern unter Künstlern …”Image
So wie ein Kind, wenn es malt, Zeit und Raum vergisst und voll Freude am Schaffen ist, so sind wir Künstler ein Stückweit Kinder geblieben. Und immer wenn es uns gelingt, durch unser Wirken Zeit und Raum zu vergessen, ist das ein Lohn, den man einem Menschen, der, in einem der Absicherung dienenden Broterwerbsberuf steht, nur schwer vermitteln kann. So wenig, wie der eine begreifen kann, dass man etwas aus inneren Drang heraus macht, ohne dabei auf „Nutzen“, Absicherung und Einkommen zu schielen, so wenig kann der Künstler sich vorstellen, ein Leben lang etwas zu tun, zu dem es ihn nicht innerlich treibt. So gibt es das Scheitern des Künstlers eigentlich nur für den, der auf Marktkriterien schielend sich verbiegt, um auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu stehen.

Marcus A. Woelfle

Marcus A. Woelfle ist Kultur- und Jazzjournalist (u. a. Bayerischer Rundfunk), Jazz-Geiger und langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, http://www.marcus-woelfle.de/

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Mit diesem Beitrag zu meinem heutigen Jubiläum bringt Marcus auf den Punkt, warum ich vor 20 Jahren gerade diesen Weg eingeschlagen habe und ihn auch weiter gehen werde, selbst wenn die Bretter mitunter schäbig anmuten und under Geldmangel, Rückschlägen und Intrigen derart krächzen, dass man allzu oft dazu neigt, die beständigen WeggefährtInnen zu vergessen, die einen auf und vor der Bühne so engagiert begleiten und auch ganz ähnlich fühlen. Danke Marcus!

Beitragsfoto ganz oben: „Bretter, die die Welt bedeuten …“

Fotoszenisch interpretiert von Werner Bauer:   http://www.bauerwerner.com/

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