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20 Männer, 1 Frau! Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

Die aktuellen Beiträge auf der Facebook-Seite der GEMA decken die komplette Skala emotionaler Ausdrucksformen ab, von „stinksauer“ bis „sarkatisch“, viele Posts enthalten pointierte Argumentationen, andere machen ihren Emotionen Luft, doch alle vereint Fassungslosigkeit gegenüber der absoluten Überzahl an nominierten männlichen Textern und Komponisten.

Zu dem von ihr ausgelobten Musikautorenpreis 2018  schreibt die GEMAWir feiern die Musik und ihre Schöpfer – feiern Sie mit! Mit der zehnten Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises rückt die GEMA am 15. März 2018 Komponisten und Textdichter ins Rampenlicht, die mit ihren Werken die deutsche Kulturlandschaft maßgeblich bereichern. Diesen kreativen Köpfen im Hintergrund gebührt die Anerkennung, die oftmals nur den Interpreten zuteil wird. Weil sie Werke geschaffen haben, die uns berühren und durch unser Leben begleiten.

Ganz offensichtlich ist dabei die schöpferische Leistung der „xxx_innen“, der Komponistinnen und Liedtexterinnen, der ausschließlich von Männern besetzten Jury schlichtweg entgangen. Für mich beweist dieser Vorfall einmal mehr die Wichtigkeit einer Initiative wie  mfm – musica femina münchen e.V., die sich zum Ziel gesetzt hat, die Rolle der Frau in der Musik zu fördern. Entsprechend stach deren Facebook-Redakteurin, der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka, die Nominiertenliste der GEMA sofort ins Auge.

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

Gemeinsam mit mfm-Geschäftsführerin Anne Holler-Kuthe wandte sie sich umgehend an das Mitglied des GEMA-Aufsichtsrats, Charlotte Seither, mit einem Schreiben, das Bände spricht:

Liebe Frau Dr. Seither,

mit Entsetzen haben wir gesehen, dass von 21 Nominierten beim Deutschen Musikautorenpreis 2018 nur eine einzige Frau in der Liste auftaucht und die Jury ausschließlich mit Männern besetzt ist. Kann die GEMA wirklich alle Mitglieder auf diese Weise repräsentieren? Wir haben uns alle bisherigen 210 Kommentare auf der Facebook-Seite der GEMA durchgelesen und uns gefreut, dass es durchweg konstruktive Kommentare gibt.

Wie kam diese absolut männerlastige Nominierung zustande?

Wir haben bisher kein GEMA-Statement in dieser Angelegenheit gefunden, lediglich ein persönliches Statement des Jurysprechers, der u.a. schreibt „…Für mich hat Musik nichts mit Mann oder Frau zu tun, sie ist gut oder eben nicht…“ Das suggeriert uns und allen FacebookKommentator_innen, dass Musik von Frauen nicht gut sein kann.

Wie sehen Sie das als Komponistin?

Wir von musica femina münchen e.V. setzen uns seit 30 Jahren für die gleichberechtigte Teilhabe der Komponistinnen an der Musikkultur ein.

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Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka vor einer Collage des Archivs Frau und Musik > BLOGBEITRAG

Diese Nominierung bestätigt all unsere Erfahrungen und oftmals mühselige Arbeit, der Gesellschaft zu erklären, dass es überhaupt Musik von Frauen gibt.

Wie erklären Sie sich, dass ein so bedeutendes Archiv wie das Archiv Frau und Musik in Frankfurt/Main auf der Roten Liste bedrohter Kultureinrichtungen steht? In einem Land, das heuer 100 Jahre Frauenwahlrecht feiert. Diesem Archiv ist nämlich zu verdanken, dass Musik von Frauen in Europa und vor allem Deutschland seit knapp 40 Jahren überhaupt erst beachtet wurde.

Bis heute findet sich keine Komponistin in den Schulmusikbüchern, außer Clara Schumann und Fanny Hensel, aber ausschließlich als „Frau von …“ und „Schwester von …“. Dies alles scheint sich in der Nominierungsliste der GEMA widerzuspiegeln.

Wir besitzen eine (unvollständige) Liste von 1834 Komponistinnen aus 11 Jahrhunderten. Wo wird ihre Musik gehört und geachtet?

Viele unserer Vereinsmitglieder sind GEMA-Mitglieder. Unser Verein müsste diesen eigentlich empfehlen, was Frau Oriana Lai in ihrem Facebook-Kommentar schreibt: „Frauen brauchen ab sofort auch keine GEMA-Gebühren, keine Mitgliedsbeiträge, usw. zu bezahlen. Wer nicht für die GEMA existent ist, braucht auch nicht zu bezahlen.“ (…)

Abschließend nehmen die beiden Frauen des mfm-Vorstands noch Bezug auf einen lesenswerten Artikel, den Charlotte Seither, selbst Musikautorenpreisträgerin 2014, in Ausgabe 1/2017 der Nachrichten des DKV – Deutschen Komponistenverbands veröffentlicht hat:

Titelbild zu Nachrichten DKV (Deutscher Komponistenverband), Ausgabe 1/2017

 „Gleiche Chancen – gleiche Zukunft? Frauen in der Kunst und Kultur“

„Wenn die Frage der Chancengerechtigkeit mehr sein soll als ein bloßes Ornament, wenn sie wirklich in die Gesellschaft eingreifen und sie verändernwill, dann erfordert dies ein noch konsequenteres Handeln von Politik und Institutionen. Andere Länder sind dabei schon längst an uns vorbeigezogen. Tun wir es ihnen einfach nach.“ lautet am Ende des Artikels Charlotte Seithers Fazit.

Daher erfolgte auch ihre Reaktion auf die Anfrage von musica femina münchen sofort und per Telefon. Nun wird sich mfm mit einem offiziellen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der GEMA wenden. Letzterer dämmert inzwischen auch, was die Entscheidung der Jury ausgelöst hat. So ist nunmehr auf der Facebook-Seite der GEMA nachzulesen:

Liebe Community, wir begrüßen die Diskussion auf unserer Seite. Jeder Kommentar wurde und wird gelesen. Eure Kritik nehmen wir sehr ernst, denn das Thema ist ernst. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern werden wir die Diskussion aufgreifen und überlegen, wie wir geeignete Rahmenbedingungen schaffen können, damit dieses gender gap beseitigt werden kann und wir die Rolle der Frauen in der Musikbranche langfristig stärken können.

Ergänzung am 09.02.2018, 16:35 Uhr: 
Wir haben für Euch Informationen zur Wahl der Jury und der Nominierten zusammengestellt: http://bit.ly/2EffRrx. 
Am Mittwoch haben wir die Nominierten für 7 von 10 Kategorien bekannt gegeben. Wir können Euch schon so viel sagen: Auf der Bühne am 15. März werden starke Frauen stehen. (…) Aha 😉

Vielleicht ist es ja durch diesen Vorfall gelungen, endlich einmal einen gut hörbaren Weckruf auszulösen. In meinen über 20 Jahren Erfahrung als Kunst – und Kulturschaffende kann ich die Beobachtungen und Kritikpunkte von mfm nur bestätigen, als ein noch immer deutlich spürbares Phänomen in der gesamten Kunst- und Kulturbranche. Allerdings steht mit musica femina münchen musikschaffenden Frauen ein konkretes Netzwerk zur Seite, wie auch dieser jüngste Eklat zeigt. Daher kann ich meinen Kolleginnen aus anderen Kunst – und Kultursparten nur empfehlen, die letzten Reste möglicherweise verbliebener Stutenbissigkeit zu begraben und sich ebenso in Seilschaften zu organisieren, wie es uns die Männer seit jeher erfolgreich vormachen. Was meine eigene Kulturplattform jourfixe-muenchen anbelangt, so steht die Gleichstellung von Künstlerinnen auf der Agenda ganz oben. Neben musica femina münchen  zählt auch die Autorinnenvereinigung zu den Mitgliedern unseres Netzwerkes und hoffentlich gesellt sich noch die eine oder andere Frauen-Seilschaft dazu.


Zum Thema siehe auch den jourfixe-Blogbeitrag

26.01.2016
Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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„Integrierst Du noch oder schreibst Du schon?“ > > > Maria-Jolanda Boselli zum Fachgespräch der *Autorinnenvereinigung über Sprache als Weg zur Integration

Gibt es den Königsweg zur erfolgreichen Integration? Die Frage ist falsch gestellt, darüber waren sich die Autorinnen Silvija Hinzmann Fadumo Korn Gertraud Klemm und Tunay Önder einig.

Bloggerin Tunay Önder

Beim Expertengespräch im Münchner Pelkovenschlössl stellten sie gemeinsam fest: Es geht nicht darum, woher du kommst, welche Traditionen du pflegst oder welchen Hintergrund du hast. Beurteilt wirst du nur danach, wie du handelst.

Die Soziologin und Bloggerin Tunay Önder („Migrantenstadl“) rät ihren Freunden, die wie sie als Kinder von Gastarbeitern in der zweiten Generation in Deutschland sind, inzwischen provokativ zur „Desintegration.“ Statt Kultur und Riten der elterlichen Heimat abzuschwören, sollten Einheimische, Migranten der ersten und zweiten Stunde und Flüchtlinge, aus bestehenden Strukturen und vielfältigen Einflüssen, ein neues Ganzes zusammenfügen.

Unter dem Motto „Die Kraft von Worten“ widmete sich die Autorinnenvereinigung ein Wochenende lang der Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das von BR-Redakteurin Özlem Sarikaya und Journalistin und AV-Vorstandsmitglied Maria Jolanda Boselli moderierte Expertengespräch diente dazu, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte zur Förderung des deutschsprachigen Autorinnennachwuchses zu finden.

Expertinnenrunde bei der abschließenden AV- Matinée am 26.11.2017 im Moosacher Pelkovenschlössl vlnr: Silvija Hinzmann, Gertraud Klemm, Fadumo Korn, Özlem Sarikaya, Maria-Jolanda Boselli, Tunay Önder, Hebatallah Fahty

Multikulturelles Selbstbewusstsein als Chance gegen Fremdenhass
Gerade angesichts der wachsenden nationalistischen Strömungen sei dieses neue, multikulturelle Selbstbewusstsein wichtig und die einzige Chance gegen Radikalisierung und Ausländerhass, betonte auch Gertraud Klemm.

Gertraud Klemm

Die österreichische Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises bedauerte, dass öffentliche Leistungen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse dramatisch einbrechen. Sie beobachte schon in der Schule eine Ausgrenzung ausländischer nicht europäischer Kinder. „Aber wenn ich einen Pressetermin mit Kommunalpolitikern habe, wollen sie immer eines meiner Kinder als „Toleranz Accessoire“ auf dem Foto“, berichtete die Mutter zweier adoptierter Kinder mit afrikanischen Wurzeln. In unserer europäischen Gesellschaft fehle es trotz aller Multikultur an farbigen Vorbildern – die im Moment nur im Sport präsent seien.

Professor Hebathalla Fathy vom Institut Deutsch als Fremdsprache der LMU vermisst bis heute in höheren Positionen eine kulturelle Durchmischung. Sie unterstützt junge Flüchtlinge dabei, in Deutschland Fuß zu fassen – und das auf eine ganz besondere Art. Einer Kultur nähere man sich am besten mit Büchern, sagt sie, und ermutigt die jungen Männer und Frauen zu lesen – und im zweiten Schritt, selbst zu schreiben.

Silvija Hinzmann

Sprache ist eine starke Waffe

Genau so eroberte sich auch Silvija Hinzmann ihren Platz in Stuttgart. Als die 14jährige nach Deutschland kam, hatte sie in der Schule bereits Deutsch gelernt – „um mich wenigstens unterhalten zu können, wenn ich meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchte.“ Aus Urlaub wurde Alltag und Deutsch zur zweiten Muttersprache. „Damals las ich alles, was ich finden konnte. Ich stenografierte sogar die Schlagertexte aus Dieter Thomas Hecks Hitparade mit“, erinnerte sich die Krimiautorin. Ob in Kroatien oder in Deutschland – sie habe nie etwas anderes machen wollen als Schreiben. In welcher Sprache, das sei für sie sekundär gewesen.

Fadumo Korn

Fadumo Korn kam als Teenager aus Somalia über Italien nach München. „Ich habe schnell Deutsch gelernt“, erzählte sie. „Wie davor Italienisch.“ Sie habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass Worte mächtige Waffen seien, mit denen gerade Frauen auch scheinbar stärkere Männer „erschlagen“ können. Starke Worte sind bis heute das Markenzeichen der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Aktivistin für Frauenrechte und gegen Beschneidung. Wenn es darum geht, damit ein Unrecht zu bekämpfen, wägt sie nicht ab, ob es gefährlich ist, sich einzuschalten. Dass sie als Afrikanerin in Deutschland nach wie vor auffällt, macht ihr nichts aus: „Die Unsicherheit liegt ja nicht bei mir, sondern bei denen, die nicht genau wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“

Integrieren sich Frauen schneller als Männer? Ihre Mutter habe sich in der deutschen Sprache besser zurechtgefunden als ihr Vater, sagte Tunay Önder. Denn der habe am Arbeitsplatz mit Migranten aus Italien, Griechenland und Jugoslavien eher ein Kauderwelsch gesprochen.

Schreibworkshops für jungen Frauen

Marion Tauschwitz, Vorsitzende der AV

Tatsächlich finden Familien heute leichter ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft, wenn die Mütter sich dieser öffnen, besagen Studien. „Hier möchten wir Autorinnen helfen“, sagt Marion Tauschwitz, die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung AV. „In Workshops und beim Coaching können wir junge Frauen und Mädchen dabei unterstützen, über die Sprache einen Zugang zu einer neuen Umwelt zu finden. Sehr gerne kooperieren wir mit interessierten Institutionen und Einrichtungen. Wir haben in vielen deutschen Städten regionale Gruppen und nehmen das Thema als einen Arbeitsschwerpunkt aus diesem Gespräch mit.“


Maria-Jolanda Boselli

Mehr zur Jahrestagung 2017 der Autorinnenvereinigung (AV) im jourfixe–Blogbeitrag von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der AV  >>> Literarische Frauenpower im Pelkovenschlössl

Von ihr stammt auch der vorliegende jourfixe-Blogbeitrag „Integrierst Du noch – oder schreibst Du schon?“


*Die Autorinnenvereinigung ist der welweit einzige Zusammenschluss von Schriftstellerinnen, die in deutscher Sprache publizieren. Sie setzt sich seit rund 20 Jahren für die Rechte schreibender Frauen ein und unterstützt diese durch Netzwerke, Stipendien und Preise.

Fulminanter Auftakt der Tagung mit einem Poetry Slam unter dem Motto: „Was genau ist dahoam?“ Acht junge Poetinnen und Poeten mit und ohne Migrationshintergrund dichteten, rappten, slammten zum Thema „Integration“. Moderation: Franziska Ruprecht, Münchner Performance Poetin (links außen im Bild) Dazu „Intro und Outro“: Traditionelle Musik aus dem Iran mit Gitarre und Gesang

* Das Titelbild zeigt AV-Autorinnen während der Jahrestagung, 24.-26.11.2017/Pelkovenschlössl: von links nach rechts >  Sylvia Tornau, Undine Marion Pelny, Maria-Jolanda Boselli, Marion Tauschwitz, Yvonne Powell, Ulrike Schäfer, Regina Lehrkind,  Billie Rubin und Gertraud Klemm.


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Literarische Frauenpower im Moosacher Pelkovenschlössl vom 24. bis 26. November 2017: Zur Jahrestagung der Autorinnenvereinigung ein Beitrag von Sprecherin und Autorin Maria Jolanda Boselli

„Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold„, lautet der Titel einer Veranstaltung der diesjährigen Tagung 2017 der Autorinnenvereinigung, die erstmals in München stattfindet, aber er benennt ebenso gut, was die Autorinnenvereinigung seit Jahren motiviert. Dabei handelt es sich um den einzigen Zusammenschluss deutschsprachiger Autorinnen und  internationales Netzwerk für Schriftstellerinnen aller Genres, die in deutscher Sprache schreiben und publizieren. Die Autorinnenvereinigung

  • vergibt jährlich ein Projektstipendium
  • kürt regelmäßig eine AV-Autorin des Jahres
  • organisiert die Internationalen Gespräche am Literarischen Colloquium Berlin LCB
  • führt die Goldstaub-Wettbewerbe in den Genres Prosa und Lyrik durch
  • ruft zu den Poetischen Experimenten in NRW
  • steht für die internationalen Foren in Berlin und Rheinsberg
  • initiiert die Vergabe des Deutschen Schriftstellerinnenpreises
  • unterstützt Autorinnentreffen, Diskussionen, Lesungen, Weiterbildungen und anderes

Die Autorinnenvereinigung will Selbstbewusstsein für ein freies künstlerisches Leben und die Präsenz von Autorinnen in der literarischen Welt.

Kommen Sie dazu! » mehr Informationen, so nachzulesen auf deren Webseite.

Einige Autorinnen im Programm der Jahrestagung 2017

Im Rahmen ihrer  Jahrestagung, vom 24. bis 26. November 2017, sprechen, singen, slammen und lesen Künstlerinnen und Künstler im Pelkovenschlössl in München-Moosach zum Thema  Integration. „Drei Tage lang feiern wir weibliche Literatur. Mitten in München und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Münchner Literaturfest wollen wir einen ganz besonderen Schwerpunkt setzen – auf Frauen, die schreiben, um zu leben. In Deutschland und Österreich, als Einheimische und als neu hier Beheimatete“, erklärt Maria-Jolanda Boselli, Publizistin, Mitglied im Vorstand der Autorinnenvereinigung und – unter dem Pseudonym Marie Bastide – Krimiautorin. „Wir freuen uns sehr, dass die Stadt München unsere Veranstaltung unterstützt. Das zeigt die Brisanz unseres Anliegens“, sagt sie.

PROGRAMM  der Konferenz 2017, erstmals in München

„Wie funktioniert Integration? Die Antwort darauf geben am besten Frauen. Denn Frauen sind erwiesenermaßen Motor und Indikator, wenn es darum geht, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Die Internationale Autorinnenvereinigung AV zeigt im Rahmen ihrer Jahrestagung ein Wochenende lang, was Frauen unter Integration verstehen: prickelnde Spannung, Unterhaltung auf hohem Niveau, gute Gespräche. Und jede Menge Spaß“, erläutert Boselli den diesjährigen Themenschwerpunkt ihrer Organisation, die seit über 15 Jahren  für die Rechte schreibender Frauen kämpft. Seitdem vernetzt sie deutschsprachige Autorinnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern. Mit Informationen zu Verlagen, Agenten und dem Buchmarkt gibt sie wertvolle Hinweise für Veröffentlichungen. Gemeinsam mit anderen Verbänden engagiert sie sich für das Urheberrecht. Sie schreibt selbst Preise und Stipendien aus – und bietet ihren Mitgliedern neben einem virtuellen Forum einmal im Jahr die Gelegenheit zum persönlichen Treffen und literarischen Austausch.

„In der Literatur ist es wie beim Kochen, der Mode oder dem Friseur. Es gibt viel mehr Frauen, die diese Tätigkeit ausüben, als Männer. Aber ganz oben, an der Spitze, im Rampenlicht, stehen die Männer. Es gibt mehr männliche als weibliche Literaturpreisträger, absolut und prozentual. ‚Männer schreiben einfach besser als Frauen“, hat mir einmal ein männlicher Autor ins Gesicht gesagt. Er sah so aus, als sei er davon überzeugt‘, berichtet Maria-Jolanda Boselli. „Dabei sind Frauen die eifrigeren Leser. Wenn man sie in in einer repräsentativen Umfrage abstimmen ließe, welche Bücher ihnen am besten gefallen, stünden ganz sicher mehr Frauen ganz oben auf den Beststellerlisten. Aber wer fragt sie schon. Denn Frauen lesen nicht nur mehr, sie lesen auch anders. Und sie lesen leise. Aber – wie schreiben sie? Und vor allem: wann?

Bildmotiv zur Veranstaltung am 25.11.: „Lesen ist Silber – Schreiben ist Gold“

Männliche Autoren müssen natürlich auch einen Brotberuf ausüben, wenn oder solange sie nicht vom Schreiben leben können. Aber nach getaner Brotarbeit setzen sie sich an den Schreibtisch. Wenn sie Single sind, bestellen sie sich was vom Lieferservice oder machen sich ein Brot. Wenn sie Familie haben – kümmert sich die Ehefrau darum, dass daheim alles läuft. Und ihr Mann die Atmosphäre hat, die er braucht, um kreativ zu sein. Wenn der Ehemann ein Literaturstipendium erhält, gönnt er sich die Auszeit, denn die Frau hält ihm den Rücken frei. Ist hingegen eine Autorin in der glücklichen Lage, eines dieser begehrten Stipendien ergattert zu haben (und wir klammern jetzt mal solche aus, die in Länge und Ausschreibungsinhalt eine Variante eines selbstfinanzierten Praktikums darstellen), geht der Stress für sie erstmal so richtig los und beinhaltet Checkposten wie: unbezahlten Urlaub einreichen, Auslandsaufenthalt für die Kinder organisieren oder alternativ die Schwiegermutter als Dauergast im ehelichen Schlafzimmer einquartieren.

Denn Autorinnen müssen im Normalfall Brotarbeit, Familie und Schreiben vereinbaren. Und wenn am Ende ihres Arbeits- und Familientages die Kinder im Bett sind, die Wäsche gebügelt, die Küche aufgeräumt und der Ehemann zufrieden ist, dann, und erst dann, können sie sich an den Schreibtisch setzen und versuchen, kreativ zu sein. Wie viele Autorinnen mit Beruf und Familie im Rucksack haben leidvoll erlebt, dass an solchen Abenden in ihrem Kopf nicht einmal ein kleines „und“ mehr übrig ist, das sie hätten aufschreiben können. Nein, das ist nicht übertrieben. Ebensowenig wie das immer noch weit verbreitete Vorurteil, erfolgreiche Schriftstellerinnen seien mindestens Emanzen, schlimmstenfalls sogar Lesben, jedenfalls keine ordentlichen Mitglieder einer – bis heute immer noch männlich getönten – Gesellschaft.
Und trotzdem schreiben Autorinnen. Setzen sich über Hürden hinweg, nehmen Einschränkungen und Vorurteile in Kauf, mindestens aber Mitleid.Warum tun sie das? Weil Schreiben für sie Leben bedeutet. „Diesen Frauen gibt die Autorinnenvereinigung ein Forum. Und mehr.

Diejenigen, die es „geschafft“ haben, die als Autorinnen erfolgreich sind, veröffentlichen, lesen, um Autogramme gebeten und zu Buchmessen und Literaturfesten eingeladen werden, diejenigen machen den anderen Mut. Geben Tipps, machen Mentoring – und lesen auf Veranstaltungen wie der Jahrestagung der Autorinnenvereinigung im Moosacher Pelkovenschlössl.

Und wie ist das mit Frauen, die ihre Heimat verlassen und sich ein neues Zuhause einrichten müssen? Hilft ihnen die Beschäftigung mit der fremden Sprache dabei, Fuß zu fassen? Und hilft es ihnen, wenn sie ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Wünsche aufschreiben? Ist Schreiben ein Weg zur Integration? Wo genau ist „daheim“?

Um all diese Fragen geht es an den drei Veranstaltungsabenden im malerischen Pelkovenschlössl in Moosach. Passend zum Thema gestaltet sich auch das ungewöhnliche Musikprojekt „Die Newcomer“.

„Die Newcomer“ (25.11.)
ist ein spannender Zusammenschluss junger Rap–Formationen in englischer, spanischer, persischer und deutscher Sprache.
Dabei handelt es sich sowohl um in München aufgewachsene MusikerInnen, wie KünstlerInnen mit aktuellem Migrationshintergrund
Mehr im PROGRAMM

Die Autorin dieses Gastblogs, Maria Jolanda Boselli, veröffentlicht unter ihrem Autorinnen-Namen „Marie Bastide“ jedes Jahr einen mörderischen Adventskalender, mit mindestens einer Leiche pro Tag, als literarische Alternative zu den schokoladigen Überraschungen in den herkömmlichen Adventskalendern. In ihrem Blog „Marie Bastide erzählt die Welt„.


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