Jeder Handgriff ein Gebet – Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Musiker-Kollegen Jon Michael Winkler

Eigentlich hatte ich Komponist Jon Michael Winkler darum gebeten, in einigen Zeilen seine Eindrücke des neues Werks von Michaela Dietl – „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ – zu schildern. Tatsächlich aber hat ihn die Musik derart inspiriert, dass daraus, wie Winkler es bezeichnet,  „eine persönliche Rhapsodie“ entstanden ist, eine Rhapsodie in Worten, die einen direkt in  die Klangwelt von Michaela Dietls Requiem hinein zu katapultieren scheint … Für mich die ideale Einstimmung zur Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016. Weiterlesen

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Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

„(…) geprägt durch ihre Heimat, ist das Bayerische ihre Sprache und sie gibt ihm seine Schönheit zurück,“ schrieb Petra Finsterle, vom Club Voltaire München, über die bayerische Tonkünstlerin Michaela Dietl. Wobei die Stücke, die sie singt und spielt, fast ausschließlich aus eigener Feder stammen. An der LMU hat sie Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, auf den Straßen Europas das Musizieren und Komponieren mit ihrem Akkordeon, das ihr in bester Familientradition schon als Kind unter den Christbaum gelegt wurde. Die härteste Entertainment­-Schule der Welt, das Trottoir, formte sie zu einer Musikerin, die, bei aller Vielfalt, ein sehr persönlicher Stil charakterisiert. Ihre künstlerische Vita umfasst inzwischen zahlreiche Musiken für Bühne, Funk und Fernsehen, neben eigenen Solo­-Programmen und CD’s eigener Lieder. Nun hat sie ein Requiem komponiert.

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Michaela Dietl, Artist Studio, März 2016

Um darüber mehr zu erfahren, traf ich mich mit Michaela Dietl  zu einem Gespräch im  Artist Studio, im Münchner Künstlerhaus. Mit ihrem Akkordeon erläuterte sie mir „live“, anhand von Hörbeispielen, ihre Arbeitsweise und künstlerische Konzeption und trug allererste Ausschnitte aus ihrem Requiem vor, wobei sie die gesamte Komposition für 16-köpfiges Akkordeonorchester, Alphorn und Sopran  in ihrem Spiel auf dem  Akkordeon  hörbar machte.

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Flyer zur Uraufführung (Tim Walter, Carola Dietl)

Umso gespannter bin ich jetzt auf die  Uraufführung ihres Requiems, am 29. Mai 2016, um 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling.

Vorlage – und zugleich Inspiration –  für „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ war ein Text von Felix Eder, den Michaela Dietl in Worten und Klängen zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens erweitert hat. Über die sparsam gehaltenen Liedtexte hinaus, setzt Dietl mit dem Klang ihres Akkordeon-­Ensembles ihre Vision des „Stirb und Werde“ um, punktuell ergänzt durch den Lebensatem eines Alphorns (Roswitha Pross), immer dort, wo die Komposition fast unerträglicher Tiefe bedarf, aus der sich wiederum die Gesänge zweier Sopranistinnen emporschwingen (Beatrice Greisinger und Irmengard Zehrer). Das Wissen um die Endlichkeit ihres Lebens verarbeitet Dietl in Tango-Rhythmen, die hier den „kleinen Tod“symbolisieren, als Generalprobe für den „großen Tod“. Dessen Endgültigkeit verkörpert im Finale Tänzerin Viorica Prepelita, mit einem kontrastierenden „Tanz des Lebens“.

GdS:  In der Regel verbindet man ja mit Leuten, die ein Requiem schreiben, die Klassik-Ecke und nicht Künstler_Innen, die aus der kleinen großen  Kleinkunstszene kommen, sag ich jetzt mal … Was würdest Du darauf antworten?

MD: Äh … (überlegt)

GdS: Vielleicht … „Denkt doch nicht immer in Schubladen!“ ..?

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Michaela Dietl fotografiert 2016 von Roswitha Pross

MD:  Ja, das trifft es. Ich hatte dabei immer einen Satz von Schopenhauer, von dem ich vieles nicht mag, aber für den Satz liebe ich ihn – im Kopf. Er hat gesagt: „Welcher Schmerz ist größer? Wenn du es tust oder wenn Du es nicht tust?“ Ich wusste, wenn ich das Requiem komponiere, wird das schmerzlich werden, denn dazu muss ich sehr tief in mir graben, was mir nicht leicht fallen wird, aber wenn ich es nicht tue, dann würde ich auf ewig etwas vermissen; nämlich, dass ich es nicht probiert habe. Dass ich mich, einschließlich meines Akkordeons und allem, was noch daran hängt, der Herausforderung nicht gestellt habe. Denn für mich war das Thema einfach da. Aus. Und zwar sehr privat. Und weil mein Instrument das Akkordeon ist, habe ich das Requiem also auch für dieses Instrument geschrieben.

GdS: Glaubst Du, dass weil Du von der Straßenmusik kommst, in die Komposition mehr Leben hineingeschrieben hast, als Requiem-Komponisten, die dem Elfenbeinturm der klassischen Musik entstammen?

MD: Ich hab mir halt beim Requiem vorgenommen, mich nicht irgendwelchen Erwartungen anzupassen, nach dem Motto: „Das muss jetzt alles sehr großartig sein.“ Mein Kernanliegen war: „Ich möchte die Musik fühlen.“ Daher hab ich auch nicht darauf geachtet, ob es kompliziert werden könnte, sondern überlegt: „Was passt für mich auf dem Akkordeon zum Thema ‚Requiem‘? Was spüre ich?“ Deshalb habe ich auch nicht auf einem Computer komponiert, nicht einmal die einzelnen Stimmen, sondern gleich auf dem Instrument probiert, ob der Klang passt oder nicht und dann einzelne Elemente hinzugefügt. Echt mühsam für die heutige Zeit. Aber ich wollte eben nicht technisch abliefern, einfach sagen: „Das passt dazu, da drücke ich drauf …“ Das kann man ja alles machen und es ist auch praktisch, aber für mich passt diese Arbeitsweise nicht. Für mich muss die Musik unmittelbar spielbar sein, für mich ganz alleine. Das bildet die Grundlage meiner Komposition, auch wenn in Folge mehr an Instrumenten und Gesang dazu kommt.

GdS: Würdest Du sagen, Du lebst Deinen Traum?

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Roswitha Pross bei Proben zu Michaela Dietls „Requiem“, Foto: Stießberger

MD: Dadurch, dass ich Musik mache? Ja, das würde ich schon. Dass sich der Traum aber auch verändert hat, das ist ebenfalls klar. Diese Einsicht gab und gibt mir Halt, auch während der ganzen Anstrengung des Komponierens. Ich wusste, in dem Requiem steckt Musik, die ich schon immer schreiben wollte, und bei der es darum geht, das Publikum anders zu fesseln, und einmal nicht dieser ganze  Unterhaltungs-Zirkus gefordert ist, wo man also auch einmal mit langen Tönen arbeitet … für die oft keine Ruhe vorhanden ist … die ich ganz tief in mir gehört habe.

Gds: Mit „Zirkus“ meinst Du den Bühnenzirkus?

MD: Ja und ich verstehe es auch – wenn ein Fest stattfindet, wenn von Anfang feststeht: „Jetzt muss es wieder a Gaudi werden“, dann geht man da hin und weiß worum es geht. Aber es gibt im Leben auch diese anderen Komponenten, es gibt die Traurigkeit, es gibt die Tränen, und  wenn ich diese Komponenten andauernd abspalten muss, dann drohen sie sich irgendwann zu verselbstständigen. Jetzt, mit dem Requiem, habe ich das Gefühl, dafür einen eigenen Raum geschaffen zu haben und dadurch werden auch alle anderen Facetten klarer, für mich ein sehr reinigender Prozess insgesamt.

GdS: Wenn Du sagst „reinigen“ oder auch „Requiem“, gibt es bei Dir eine Glaubenskomponente, die in die Komposition mit hinein spielt?

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer "Requiem"-Probe in der Himmelfahrtskirche 2016

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer „Requiem“-Probe in der Himmelfahrtskirche, im Mai 2016, Foto: Klaus Stießberger

MD: Also, das hat nichts mit Konfession zu tun, sondern wenn ich beispielsweise einen Teil des Requiems als „Demut“ bezeichne, dann handelt es sich einfach um die Demut vor dem Leben und damit auch um die Demut vor dem Tod. Die Blume stirbt … Das gehört halt dazu. Es gibt einen schönen Satz von Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Das finde ich super aufgelöst, mit Humor. Es gilt, die Endlichkeit anzunehmen. Mir fällt das nicht leicht. Wenn ich aber in die Natur blicke und mir deren Werdegang anschaue, dann gelingt es mir, mich ein Stück weit wieder in den Fluss hinein zu begeben, in diesen Kreislauf von „Stirb und werde“. Ich gebe zu, dass ich noch vor fünf Jahren anders gedacht habe. Und das ist ja auch eine Art von Sterben, von Vergänglichkeit – die gehört dazu. Was Altes loslassen und was Neues beginnen …


„Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“, wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München sowie von Lisl Funder, Kärnten

Die Eintrittskarten (€ 15,-/erm. € 12;-)  für die Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016, 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche (München-Sendling), sind an der Abendkasse erhältlich. > Wegbeschreibung

Platz-Reservierungen: requiem–gedenken–in–liebe@web.de


Jeder Handgriff ein Gebet“ – Michaela Dietls Requiem aus Sicht ihres Kollegen Jon Michael Winkler 


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Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

„Il violino“ sagt der Welsche, „Le violon“ nennt’s der Franzos. Dass man so das Genus fälsche, Wundert unsereinen groß. Uns erscheint die Violine immer nur als eine Frau. Zeigt sich doch das Feminine schon in ihrem Körperbau.

Bild Karikatur Frau als Geige mit UT: Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Gedicht und Abb. aus: „Frau, Musik und Männerherrschaft“ (Berlin 1981, S. 7)

Schlank der Hals das Köpfchen zierlich, Sanftgeschwellt der Busen – und Etwas breiter, wie natürlich (Nicht zu breit!) das Hüftenrund. (…) Und doch ist das tiefste Sehnen Aller Geigen, aller Fraun, An die Schulter sich zu lehnen Einem, dem sie ganz vertraun. (…) Als besiegte Siegerinnen Ihrer Niederlage froh … Geigen streichen, Weiber minnen: Wunderbares Quiproquo!
 (Alfred von Ehrmann: Geiger und Weiber, 1903)

Nicht umsonst stellt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Buch  „Frau, Musik und MännerherrschaftZum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“ – obiges Gedicht an den Anfang, spiegelt es doch wieder, mit welcher Süffisanz sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der männliche Teil unserer Gesellschaft über den anderen, den weiblichen Teil, erhob. Das wirkte sich auch auf die Rolle und Wahrnehmung der Frau in der Musikwelt aus. Diese wurde über Jahrhunderte von männlichen Musikschaffenden dominiert, mit entsprechendem Ergebnis, denn: „(…) dann bildet die männliche Identität einen integralen Bestandteil der ästhetischen Produktion selber“ (…), so Rieger in der Einleitung ihres Buches. Der Frau wurde die Rolle als Haushälterin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder zugewiesen, eine kommode Lösung, die man(n) sich verständlicherweise zu erhalten strebte.

Hausfrau und Mutter - für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Hausfrau und Mutter – für lange Zeit DAS Rollenbild der Frau

Das begann schon bei der Erziehung. Der Philosoph Jean Jacques Rousseau empfahl beispielsweise:“ (…) sowie der Lehrer nicht mit Zwang sparen; er ist sogar nötig, weil sich Frauen später dem Urteil ihres Mannes unterwerfen müssen und sie daher Sanftmut erlernen sollen.“

„So halte ich es für die Pflicht des Erziehers, das aufstrebende Genie des Mädchens zurückzudrücken und auf alle Weise zu verhindern, dass es selbst die Größe seiner Anlagen nicht bemerke“, schreibt der Philosoph Carl-Heinrich Heydenreich um 1800.

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Clara Schumann; Quelle: Home/Arcor

Was unterdrückt wird, entfaltet sich nicht, zeigt daher keine Teilhabe und wird entsprechend auch nicht in Betracht gezogen. Kein Wunder, dass sich die hochbegabte Pianistin und Komponistin Clara Schumann, jene, die lange unsere 100-Mark-Scheine zierte, von Hans von Bülow anhören durfte: „Eine Komponistin wird es niemals geben!

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte sich der Musikwissenschaftler  Kurt Singer (1885–1944): „Frauen sind unproduktiv in Musikdingen, ihr tieferes Sein ist in anderer Art von Mutterschaft verankert. Vielleicht liegt auch hier ein Geheimnis still und unlösbar verborgen: dass nämlich das Weib Anregerin und Inhalt hehrster Musik sein soll …“ 

musica femina muenchen - Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

„… Komponistinnen gehören zur Musik so selbstverständlich wie Komponisten. Sie leisten ihren wesentlichen Beitrag zur Musikkultur. Die lange Zeit unterdrückte oder zurück gedrängte Rolle der Frau als Komponistin hat allerdings dazu geführt, dass Werke von Komponistinnen nicht gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit stehen wie das bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist“, argumentieren hingegen die Frauen des Vereins musica femina münchen auf ihrer Homepage. Seit knapp 30 Jahren engagieren sie sich für eine höhere Sicht- und Hörbarkeit von Frauen in der Musik. Ihr Antrieb lautet bis heute: „Wenn niemand sich um die Werke von Komponistinnen kümmert, sie ausgräbt, einstudiert und aufführt, nehmen wir das eben selbst in die Hand!“ (aus einer Arbeitssitzung zur Gründung von mfm 1987)

Und es bleibt genug zu tun, nicht nur, was die Vergabe von Kompositionsaufträgen und die öffentliche Wahrnehmung musikschaffender Frauen anbelangt.

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Jorma Panula

„Wenn sie dirigieren, schneiden sie fürchterliche Grimassen. Sie schwitzen und fuchteln herum, aber es wird nicht besser: Wenn sie in meine Meisterklassen kommen, müssen sie weibliche Musik auswählen. Sie können aber keinen Strawinsky oder Bruckner dirigieren. Das ist eine rein biologische Frage“, meint Jorma Panula, seit 30 Jahren Dirigierlehrer und Musikpädagoge in Dirigentinnen, wo bleibt Ihr?, ein Beitrag von 3sat/Kulturzeit 2015. In der Sendung kommt eine der wenigen „Frauen mit Taktstock“ zu Wort, Mirga Gražinytė-Tyla, Dirigentin und Musikdirektorin am Landestheater Salzburg. Die 27-jährige Litauerin wird am 31. Januar 2016 zu Gast bei einer Konferenz sein, die musica femina münchen e.V. in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik Frankfurt/Main unter dem Titel: „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ organisiert.

mfm-Konferenz2016_PodiumsteilnehmerInnen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“, am 31.1.16

Dr. Ulrike Keil hat in der Kulturwelt von Bayern 2 Radio  über die Ergebnisse der Konferenz berichtet. 

Zudem findet sich bereits ein ausführlicher Beitrag über den Veranstaltungsblock 31.1./1.2.16, ebenfalls mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil, auf Radio München.

Anlass für die Konferenz  ist die Aufführung, am darauffolgenden 1. Februar, durch Musikerlebnis (Tonicale Event GmbH) der selten aufgeführten Barock-Oper „La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von 1625,  komponiert von Francesca Caccini.

Francesca Caccini - 1587 bis 1641? - Komponistin,, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Francesca Caccini – 1587 bis 1641? – Komponistin, Musikerin und Sängerin am Medici-Hof

Diese entstammte einer hochangesehenen Florentiner Musikerfamilie und zählte sowohl als Komponistin wie auch als Sängerin zu den bedeutendsten Musikpersönlichkeiten am damaligen Hof der Medici. Ihre Oper gilt als erste vollständig erhaltene, von einer Frau komponierte und gedruckte Oper; entstanden keine zehn Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit seinem „L’Orfeo“ 1607 einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des Genres „Oper“ geleistet hatte. Bei Francesca Caccinis Oper handelte es sich um eine Auftragskomposition, mit der die Medici-Witwe Maria Magdalena von Österreich dem Besuch des polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa in der Villa Poggio Imperiale huldigen wollte – une affaire à femmes, eine Angelegenheit von Frau zu Frau also …

Jon M. Winkler, Artist Studio, Dezember 15

Jon Michael Winkler, Artist Studio, Dez.  15

Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen, und ich haben angesichts des bevorstehenden Veranstaltungsblocks aus Konferenz und Oper einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen e.V., Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik e.V. und Musikerlebnis/Tonicale GmbH kürzlich zu einem Gespräch ins Artist Studio München geladen.

einige der Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, Archiv Frau und Musik und Musikerlebnis im Artist Studio München, Dez. 2015; Von links: Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin - Mary Ellen Kitchens, Musikwissenschftlerin, Dirigentin - Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina muenchen

Damen aus dem Vorstand von musica femina münchen, vom  Archiv Frau und Musik und von  Musikerlebnis, Dezember 2015, im Artist Studio München; von links: Susanne Wosnitzka, Mary Ellen Kitchens, Dr. Ulrike Keil sowie Anne Holler-Kuthe, Geschäftsführerin von musica femina münchen

Gaby dos Santos: Ihr habt Euren Titel in der Gegenwart formuliert. „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ Bedarf es denn heute immer noch eines trotzigen „doch“?

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Dr. Ulrike Keil, Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin

Ulrike Keil: Würde ich sagen. Ich kann jetzt nur für unsere Agentur Musikerlebnis sprechen (die die Aufführung der Caccini-Oper im Herkulessaal veranstaltet). Ich arbeite dort seit 15 Jahren, und es ist das erste Mal, dass in unserem Musikprogramm das Werk einer Frau aufgeführt wird. Im Klassik-Bereich, in dem ich tätig bin und wo vorwiegend Musik aus der Vergangenheit aufgeführt wird, ist es nach wie vor ein seltenes Ereignis.

GdS: Liegt das vielleicht auch daran, dass Komponistinnen und ihre Werke wenig bekannt sind und die Veranstalter daher schlechte Zuschauerzahlen befürchten?

UK: Ja. Und im vorliegenden Fall spielt der Vorteil der Quellenlage eine Rolle; die Tatsache, dass unmittelbar nach der Uraufführung 1625 das Werk gedruckt erschienen ist, was bei Werken in der Zeit eher selten der Fall war. Hinzu kommt bei unbekannten Werken der Vergangenheit, dass die Umsetzung respektive Instrumentierung erst mühsam erarbeitet werden muss, im Gegensatz zur Aufführung etablierter Stücke, bei denen bereits diverse Aufführungsvarianten zur Auswahl stehen.

Mary Ellen Kitchens

Mary Ellen Kitchens Musikwissenschaftlerin, Dirigentin

Mary Ellen Kitchens: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ist durch Buchveröffentlichungen und durch Personen, die mit der Aufführung von historischer Musik befasst waren, deutlich geworden, wie viel mehr Musik von Komponistinnen es geben könnte … Man hat damals begonnen, in den Bibliotheken nach Musik von Frauen zu forschen und dann diese Arbeiten zusammenzutragen und somit erste Archivarbeit zu tätigen. Die Materialien befanden sich zunächst teilweise in Privatwohnungen, bis die Sammlung irgendwann so umfangreich wurde, dass man sie in größere Archiv-Räumlichkeiten ausgelagert hat. Heute sind eine Reihe solcher Sammlungen bekannt, (Archiv Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik Frankfurt) in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, und man versucht weiterhin, sich einen Überblick zu verschaffen: Was liegt wo vor? Wo finden sich besondere Juwelen, die wir im besten Falle auch zur Aufführung oder auch zur Veröffentlichung bringen könnten … In den 80er Jahren entstand im Zuge dieser Recherche-Arbeiten der Furore Verlag, der inzwischen hunderte von Werken von Komponistinnen herausgebracht hat.

Renate Lettenbauer

Renate Lettenbauer, Konzert-, Gesang-, Chorleitung

Renate Lettenbauer: Inzwischen gibt es sehr viel mehr Studentinnen der Komposition … Interessant ist in diesem Zusammenhang der Aspekt „Osteuropa, Russland“, weil dort eine intensivere Form der Förderung stattgefunden hat. Daher gibt es dort mehr Komponistinnen als im Westen – ganz allgemein betrachtet. Natürlich gibt es inzwischen auch hierzulande namhafte, erfolgreiche Komponistinnen, aber wenn man sich die Programme der zeitgenössischen Konzert-Reihen anschaut, „Musica viva“ und „Neu erschienen“, um nur zwei zu nennen, da sind Frauen nach wie vor absolut unterrepräsentiert. Letztes Jahr (2014) war in der „Musica viva“-Reihe überhaupt keine Komponistin vertreten, dieses Jahr waren erstaunlicherweise sogar drei dabei, aber eben auch nur drei Frauen unter zahlreichen männlichen Komponisten. (…) Ich habe neulich einen interessanten Artikel über den neuen Leiter der Donaueschinger Musiktage [Björn Gottstein] gelesen, der gesagt hat, er habe beschlossen, auch mal Komponistinnen einzubringen. Jetzt, im Jahr 2016! Also da muss noch unendlich viel passieren.

– Gelächter – Dann verlagert sich das Gespräch auf das Thema „Networking“, ein Bereich, der die männlichen Seilschaften in Wirtschaft, Politik und Kultur nach wie vor dominiert; Grund genug für die Aktivistinnen von musica femina münchen, diesem Manko energisch entgegenzuwirken, unter anderem im Rahmen der bevorstehenden o. g. Konferenz.

MEK: Es finden aktuell in Deutschland und auch in der Schweiz immer wieder Netzwerktreffen zwischen Organisationen statt, die mit dem Thema „Frauen in der Musik“ befasst sind. Im Rahmen eines solchen Treffens in Kassel wurde die Idee einer Fortsetzung geboren: „Man kann in anderen Städten auch Vernetzungstreffen machen und versuchen, diese Bewegung nochmal richtig auf Trab zu bringen.“

Vítězslava Kaprálová 1935

Vítězslava Kaprálová 1935

Und so entstand unter anderem, mit einer Konferenz in München eine Art Fortsetzung zu Kassel zu bilden. Zuvor gab es bereits kleinere Treffen z.B. in Frankfurt im Archiv Frau und Musik sowie eine wichtige Konferenz in Basel zum 100. Geburtstag der Komponistin Vítězslava Kaprálová.

Im Mai 2016 findet eine wichtige Tagung in Hamburg statt, und wir werden uns vielleicht alle im Sommer in Luzern einfinden, um zu sehen, wie es damit bestellt ist, wenn dort bei den Sommerfestspielen elf Dirigentinnen auftreten, auch wenn sechs davon alle in Folge an einem Tag und in kurzen Konzerten auftreten. Das erscheint zwar etwas merkwürdig, aber immerhin, so zahlreich repräsentiert waren wir noch nie!

GdS: Wann gab es überhaupt die ersten Dirigentinnen?

Fanny Hensel 1842

Fanny Hensel 1842

MEK: Fanny Hensel (1805–1847) hat eigene Werke dirigiert und aufgeführt. Emilie Zumsteeg (1796–1857) gründete in Stuttgart um 1830 den ersten Frauenchor in Württemberg. Sie komponierte, bearbeitete, studierte Chorwerke ein und dirigierte sogar öffentlich – was für eine Frau bei den engen Konventionen und Verhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz außergewöhnlich war. Sie erhielt außerdem für ihre musikalisch-dirigentischen Fähigkeiten ein jährliches Gehalt von König Wilhelm I.

UK: Da muss man allerdings dazu sagen, dass Fanny Hensels Konzerte im Salon stattfanden, also in privatem Rahmen. Aber es gab dann, ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr viele Frauenorchester, die ebenfalls von Frauen dirigiert wurden.

RL: Ich denke jetzt an meinen eigenen Bereich, die Schulmusik; dort gibt es seit Jahrzehnten dirigierende Frauen, denn Schulmusikerinnen müssen natürlich Chöre und Orchester leiten. Dagegen haben nie Einwände bestanden. Persönlich fand ich es auch immer toll, wenn uns meine damalige eigene Musiklehrerin dirigiert hat, ganz wunderbar und stimmig.

– Gedankensprung –

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

Simone Young, Foto: Monika Rittershaus

RL: Simone Young, Chefin der Hamburger Staatsoper, hat man während des Studiums oder zu Beginn ihrer Laufbahn gesagt: „Ja, Sie werden eine gute Assistentin eines Dirigenten, aber nie selber eine Dirigentin sein.“

MEK: Simone Young hatte, als sie aus Australien nach Deutschland kam, die Unterstützung von Daniel Barenboim. Er war ihr Türöffner, das muss man sich vor Augen halten. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält. Barenboim war allerdings – wie auch der erst kürzlich verstorbene Pierre Boulez – Schüler von Nadia Boulanger, einer Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin, die für die klassische Musik in Europa und den USA bis heute prägend ist. Die weltberühmteste Dirigentin im Moment, Marin Alsop, wurde anfangs beispielsweise von Leonard Bernstein gefördert (der ebenfalls Schüler von Nadia Boulanger war). Insgesamt werden Frauen sichtbarer am Dirigierpult. Man braucht dort aber, vor allem als Frau, jemanden in prominenter Position, der die Hand über einen hält.

Mut zur Frau! fordert auch der Münchner Journalist Egbert Tholl in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Er findet es an der Zeit, den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper, nach dem Wechsel von Kirill Petrenko nach Berlin, mit einer Frau zu besetzen. Man könne lange darüber spekulieren, weshalb es sehr wenige Frauen auf exponierten Posten der musikalischen Leitung von Spitzen-Opernhäusern oder Orchestern gäbe. Ein Grund sei sicherlich immer noch ein mehr oder weniger latenter Machismo in diesem Betrieb. Im weiteren Verlauf seines Artikels verweist Tholl auf Oksana Lyniv, Petrenkos derzeitiger Assistentin in München, als mögliche Kandidatin.

Mit dem Motto «PrimaDonna» rückt das LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2016 Künstlerinnen in den Blickpunkt: Dirigentinnen, Solistinnen, Komponistinnen. Ladies first … oder eben: „prima la donna!“, lautet der aktuelle Ankündigungstext auf der Homepage des Festivals.

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Susanne Wosnitzka, Musikwissenschaftlerin

Für Susanne Wosnitzka, die das Gespräch nochmals auf dieses Ereignis lenkt, eine halbherzige Angelegenheit.

Susanne WosnitzkaSo in der Art: „Ja, wir machen etwas mit Frauen, aber erst ab Tag 10!“ Weder dirigiert eine Frau das Eröffnungskonzert, noch werden darin Werke von Frauen aufgeführt!

Mary Ellen Kitchens relativiert mit der Feststellung, dass viele Orchester einfach noch nie mit einer Dirigentin ihr Repertoire erarbeitet hätten und nicht ad hoc umdisponieren könnten. Die Tatsache aber, dass das Festival-Programm sehr viele Solistinnen beinhalte sowie immerhin elf Dirigentinnen, außerdem auch Werke von Komponistinnen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

SW: Ein Schritt, von dem wir nicht mehr zurückwollen…

MEK: Ja, genau. Es ist eine Messlatte.  Ich würde es als positiven Schritt sehen und darauf bauen.

In Deutschland existierten im Jahr 2015 rund 170 professionelle große Orchester – nur ein einziges wurde/wird von einer Frau geleitet: von Kristiina Poska (Komische Oper Berlin). Viele Rundfunkanstalten wie z.B. die BBC widmeten Komponistinnen im Jahr 2014 Sonder- oder Dauersendungen (z.B. drei Tage hintereinander nur Musik von Frauen). Dadurch scheint es, als würden Komponistinnen berücksichtigt, aber das ganze restliche Jahr über wird meist das althergebrachte Standardrepertoire gespielt – Musik von Männern. Frauen werden meist dennoch nicht wie selbstverständlich ins reguläre Programm aufgenommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir müssen weiter Basisarbeit leisten, damit Frauen selbstverständlich gleichberechtigt an leitenden Stellen in Musik und Kulturbetrieb wirken können. musica femina münchen e.V. und das Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik beschreiten diesen Weg konsequent. 

3–teiliger Veranstaltungsblock, am Sonntag, 31.1. und Montag, 1.2.2016

„Frauen in der Musik – damals und heute“ 

SO, 31.1.
10 Uhr – 16.30 Uhr
Und sie komponieren, dirigieren doch! – Konferenz
Zu Übersicht und Vita aller  KonferenzteilnehmerInnen
Agnesstr. 27 (LMU München)
MO, 01.2.
15 Uhr
Written By Mrs. Bach – Dokumentarfilm
Details zur Veranstaltung           Trailer
Seidlvilla
MO, 01.2.
19 Uhr
20 Uhr
La liberazione di Ruggiero d’all isola d’Alcina“ von Francesca Caccini
Einführender Vortrag
konzertante Auffürung der Barock–Oper
Details   zu Veranstaltung und Oper
Herkulessaal der Residenz

 


Beitrag mit Konferenzleiterin Dr. Ulrike Keil zum gesamten Veranstaltungsblock auf Radio München

Zum Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik siehe auch den Gastblog der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka

Weitere Infos via Link (auf den jeweiligen Abkürzungen) zu

  • musica femina münchen (mfm)
  • Archiv Frau und Musik/Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (AFM)

 

Alle Fotos während des Interviews im Artist Studio im Dezember 2015 stammen von Klaus Stießberger


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„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998)

Ein Zeitzeugengespräch mit dem Komponisten Vladimir Genin, geführt und niedergeschrieben sowie durch Hörbeispiele ergänzt von Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourfixe-muenchen Redaktion und Text-Gestaltung: Gaby dos Santos

Tatjana_Lukina_MIR_Leiterin_mit_Arthur_Galiandin

Anmoderation der Swiridow-Gala: Tatjana Lukina, Arthur_Galiandin

„Georgi Swiridow? Nie gehört ..!“ Mit dieser Wissenslücke steht man hier in Deutschland alles andere als alleine da. Auch mir ging es kürzlich so! Auf Einladung von Tatjana Lukina, Gründerin und Präsidentin des russischen Kulturzentrums in München MIR, saß ich mit meiner Kollegin und Freundin Gaby dos Santos im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Gebannt lauschten wir den Werken, die auf der Gala zu Ehren des 100. Geburtstags von Swiridow geboten wurden, ein Künstler, der mir bis dato vollkommen unbekannt gewesen war.

Die Ränge und Reihen waren zum großen Teil von Russisch sprechenden ZuhörerInnen besetzt, was die außerordentliche Popularität des Komponisten in seiner Heimat unterstrich.

Die Büste Swiridows vor seinem Grab auf dem Nowodewitschi Friedhof

Die Büste Swiridows vor seinem Grab

Dort gilt er als ein ganz Großer; anlässlich seines Todes bezeichnete Russlands damaliger Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin ihn als „wahren russischen Musiker“  …  Und die zu Gehör gebrachten Werke schlossen in der Tat bei mir eine Bildungslücke: Ich erlebte Swiridow als einen großartigen Komponisten, der auch hierzulande einen größeren Bekanntheitsgrad verdient hätte! Auffällig war dabei seine stilistische Bandbreite:

Shostakovich-Briefmarke, Russland 2000

Shostakovich-Briefmarke Russland 2000

Der Einfluss seines wenige Jahre älteren Lehrers Dimitri Schostakowitsch (z.B. 1940 in seiner Kammersymphonie ), von dem sich Swiridow aber bald löste, um sich der Quelle der russischen Musik zuzuwenden, dem Volkslied sowie – in seiner letzten Schaffensperiode – der geistlichen Chormusik der russisch-orthodoxen Tradition. Dieser Zuwendung verdankt seine Musik die eingängige Melodik, die ihm von der „modernistischen“ Seite als „Anpassung“ zum Vorwurf gemacht wurde. Seine russischen Hörer aber haben es ihm gedankt und seine Musik begleitete sie mitunter bis in den Alltag hinein: Sobald sie die Nachrichten einschalteten, erklangen zur Einleitung – und passend zur sowjetischen Selbstdarstellung der Epoche – die packend-treibenden Klänge seiner Ouvertüre „Zeit, vorwärts!“, die auch zur Namensgeberin dieses abwechslungsreichen und liebevoll gestalteten Gala-Konzerts wurde.

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete Eigenkomposition, begleitet von hilipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Vladimir Genin spielt am Flügel eine Swiridow gewidmete eigene Komposition, begleitet von Philipp von Morgen, Carl-Orff-Saal, 31.11.2015

Einen besonderen Höhepunkt stellte für uns dabei ein Wortbeitrag dar. Mit federndem Schritt hatte der auf Anhieb sympathisch und agil wirkende Komponist Vladimir Genin die Bühne betreten und trug mit wachen, lachenden Augen, die durch seine Brille hervorblitzten, Ausschnitte aus zwei Briefen vor, die Georgi Swiridow an ihn geschrieben hatte. Gaby und ich waren sofort elektrisiert und tief berührt von deren Inhalt. Wir wollten mehr erfahren und entschlossen uns spontan, Genin zu einem Gespräch ins Artist Studio München, unserem Lieblingsort für solche Begegnungen, einzuladen.

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio, Dez. 2015

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio München, Dezember 2015

Jon Michael Winkler (JMW):  Ich muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt der Gala nicht einmal Swiridows Namen kannte, obwohl ich von jeher die Musik russischer Komponisten liebe. Und mit dieser Unkenntnis stehe ich hierzulande sicher nicht alleine da. In russischen Kreisen hingegen genießt er offensichtlich eine sehr hohe Wertschätzung, ja immense Beliebtheit. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen West und Ost?

Vladimir Genin (VG): Wissen Sie, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wehte der Wind immer von Westen nach Osten. So haben wir in Russland immer die Bücher gelesen und die Filme angeschaut, die im Westen berühmt wurden. Umgekehrt aber gelangte wenig von der russischen Kultur in den Westen. Viele der dort entstanden großen Werke wurden im Westen kaum wahrgenommen und nicht richtig eingeschätzt. Daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Der wichtigere Grund im Fall Georgi Swiridows dürfte allerdings sein, dass er als zu „offiziös“ abgestempelt wurde und dass er zudem für einen modernen Komponisten als „zu traditionell“ galt. Beim Volk beliebt und zugleich Tonschöpfer ernster zeitgenössischer Musik zu sein, ist – oder scheint zumindest – unvereinbar.

Jon_Michael_Winkler_musikal_Ltg_Kulturplattform_jourfixe-muenchen_Swiridow_Artist_Studio_Dezember_2015_jourfixe-Blog_Portrait3JMW: Das gilt auch für Komponisten in Deutschland. Die Kriterien für „ernste Musik“ des Wertungsausschusses bei der GEMA lauten, vereinfacht gesagt: Ein im heutigen Sinn „ernstes“ Werk darf keine sangbare Melodik aufweisen, keinen durchgehenden Rhythmus und keine harmonischen Zusammenklänge. Außerdem muss die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Aufführung nach der Uraufführung äußerst gering ausfallen, eine Wahrscheinlichkeit, die nach den ersten drei Kriterien natürlich sehr hoch ist…

VG: (lacht): Ja, das trifft zu! Selbst Carl Orffs „Carmina Burana“ fällt unter die Rubrik „Unterhaltungsmusik“, wenn sie z.B. bei den beliebten Konzerten am Odeonsplatz gespielt wird…

JMW: Und Mozart könnte seine Werke heute nicht mehr als E-Musik anmelden… Aber Spaß beiseite!…

Hat die Diskrepanz hinsichtlich des Bekanntheitsgrades Swiridows in Russland und hierzulande möglicherweise auch politische Hintergründe? Im Klima des „Kalten Krieges“ wurde hier ja misstrauisch beäugt, wer nicht als Dissident oder „Opfer des Systems“ galt, sondern erfolgreich seiner Berufung nachging und darüber hinaus offizielle Ämter bekleidete, wie Swiridow – Als Vorstandsmitglied des Komponistenverbandes der UdSSR und Erster Sekretär der Komponistenunion der Russischen Föderation – konnte er im Westen leicht für einen linientreuen Genossen oder zumindest opportunistischen Mitläufer gehalten werden.

VG: Das ist bei Swiridow allerdings ein komplexes Thema. Er war sicher kein Mitläufer der Partei, ja nicht einmal Parteimitglied, aber er bekleidete von ihr verliehene, hohe Ämter, wie die von Ihnen genannten. Und sicher trat er für ein starkes Russland ein, wie auch sein Umgang mit patriotischen, als „dubios“ gewerteten Künstlern zeigt.

Autor Walentin Rasputin1976

Autor Walentin Rasputin 1976

Er war z.B. befreundet mit dem Schriftsteller Walentin Rasputin , der in seiner Anfangszeit gewiss ein großer Schriftsteller war, der schonungslos über das harte, ja grausame Leben der Bauern auf dem Land schrieb, später aber immer nationalistischere Töne anschlug, bis er schließlich ganz verstummte. Zu dieser Zeit freundete sich Swiridow mit ihm an, doch konnte ich nicht offen mit ihm über diesen Umgang streiten. Dazu war seine Stellung zu hoch und der Altersunterschied zu groß. Ich hätte ihn auch nicht vom Gegenteil überzeugen können…

JMW: Könnte man denn sagen, dass es sich bei Swiridow um einen „romantisch verklärten“ Patriotismus handelte, der auch vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts eigen war, als die sogenannten „Nationalstile“ in Westeuropa wie in Russland aufkamen? Die Berliner Zeitung schrieb anlässlich seines Todes ja, dass Teile Swiridows Musik „mächtig“ seien, weshalb sich die sonst einander feindlich gesonnenen Kräfte der Gesellschaft an seinem Sarg vereinten. Ist seine Musik also Klang gewordene Heimatliebe?

VG: Es war viel mehr als Heimatliebe! – Swiridow hat geweint über Russland, über das, was daraus geworden war. Das hat er zwar nicht öffentlich gesagt, aber man kann das aus vielen seiner  Werke heraushören:

Der russische Dichter Sergej Jessenin

Dichter Sergej Jessenin

In Vertonungen von Texten des unter Stalin verbotenen Dichters Sergej Jessenin oder das „Poem zum Gedenken an Sergej Jessenin“ (1956), über die Auslöschung des bäuerlichen Lebens nach der Revolution oder von Gedichten Alexander Blocks, die zwar keinen expliziten Protest darstellen, aber als Lieder so dramatisch sind, dass sie mit dem „sozialistischen Realismus“ eigentlich nicht vereinbar sind.

Es gibt außerdem eine kleine Kantate Es schneit (1965) nach Texten des vom Regime kritisch beäugten Boris Pasternak, in der ein Kinderchor ein berühmtes philosophisches Gedicht vorträgt. Der durch diesen Kunstgriff entstehende, surrealistisch anmutende Effekt verstärkt die an sich selbst gerichteten Worte und wird so zur Aufforderung an jeden Künstler:

     „…Versäum nicht, ruh nicht, Dichter!
Und halt dem Schlafe stand,
Der Ewigkeit verpflichtet,
Und von der Zeit gebannt.“

Doch damit nicht genug! Zuvor erklingt ein in der Sowjetunion wegen seines Inhalts NIE veröffentlichtes Gedicht Pasternaks, das Swiridow wohl aus einer ausländischen Ausgabe hatte, in dem es um das Leid und den qualvollen Tod der Insassen in Stalins Lagern geht. Dass es sich um diese Lager handelt, wird zwar nicht explizit gesagt, aber aus dem Kontext heraus ist es eindeutig:

Душа – Seele:

Swiridow vertonte das Gedicht von Boris Pasternak "Seele"

Georgi Swiridow – Foto – vertonte u. a. das Gedicht „Seele“ von Boris Pasternak

VG: Es ist völlig unglaublich, dass dieses Werk veröffentlicht, aufgeführt und auf Schallplatte gepresst wurde!

JMW: Das passt gar nicht zu der teilweisen Darstellung Swiridows als opportunistischen Mitläufer, wie sie 1998 als Nachruf im SPIEGEL veröffentlicht worden war und aufgrund dessen Sie bei Ihrem Auftritt in Gasteig mit leidenschaftlicher Schärfe eine Gegendarstellung vortrugen. Wie man allein am Beispiel dieser Kantate sehen kann, hat Swiridow angesichts des sowjetischen Machtapparats eine Menge gewagt! – Und die Partei hat wirklich nichts dagegen unternommen?…

G. Swiridow

Komponist Georgi Swiridow

VG: Nein, gar nichts! Und es bleibt auch ein Rätsel, wie er damit durchgekommen ist. Das sogenannte „Tauwetter“ („Ottepel“) unter Nikita Chruschtschow war mit dessen Sturz 1964 schon wieder vorbei gewesen. War es wegen seiner übrigen Verdienste – denn niemand anderes entsprach dem Bild des „Volkskomponisten“ besser als er – die ihn zu einer sakrosanten Person gemacht haben? Hat man ihm diese Vertonung quasi als „Ausrutscher“ stillschweigend verziehen? Oder lag es schlicht und einfach am Unverständnis oder der Schlamperei der Zensoren, die nicht verstanden hatten, worum es in diesem Text wirklich ging? Diese Frage wird sich vermutlich nicht mehr mit Sicherheit klären lassen …

Aber auch in seinem Pathetischen Oratorium über die Oktoberrevolution, nach Texten von Wladimir Majakowski, das als Auftragswerk unmittelbar nach dem tragischen Verlust seines Sohnes entstand, gibt es eine kaum verhüllte Provokation. Der emotional berührendste Part als Höhepunkt des Werks ist nicht das Gespräch mit dem Genossen Lenin, sondern der bewegende Abschied auf immer, den ein General der Weißen Armee, also ein Gegner der Revolution, von seiner geliebten Heimat Russland nimmt. Ich fragte ihn einmal, ob er das absichtlich so gestaltet hätte und er bejahte. Außerdem vertraute er mir an, dass er die Revolution als ein „sich Berauschen von Wahnsinnigen“ empfunden habe. So muss man diese suggestive und mitreißende Musik hören!…“

Jon Michael Winkler

Jon Michael Winkler

JMW: Ja, ein wahrhaft pathetisches Klanggemälde der historischen Ereignisse! Und durch meinen Aufenthalt in Polen vor 30 Jahren und meinen Erfahrungen mit dem kulturellen Leben und dem unglaublich aufmerksamen Publikum dort bin ich überzeugt, dass die Zuhörer in der ehemaligen Sowjetunion solche Zwischentöne auch hörten und verstanden. Musik, Literatur und Kunst waren im Ostblock mehr als ein dekoratives Beiwerk. Sie waren so unverzichtbar wie das tägliche Brot: Nahrung für die Seele eben!

Vladimir Genin

Vladimir Genin

VG: Ja, Kultur war für uns kein Luxus, sondern ein Mittel, das uns half, dort, wo kein offener Protest möglich war, Mensch zu bleiben. Und so hatte Jurij, wie ihn seine Freunde nannten, trotz unterschwelliger Ablehnung gegen die „Apparatschiks“ doch die hohen Ämter in den Komponistenverbänden angenommen, wohl in der Hoffnung die Situation in seinem Umfeld verbessern zu können.  Doch war das nicht wirklich seine Welt. Weder war er ein Funktionär noch ein Organisator. Swiridow wollte sich seiner Musik widmen und das aus ganzem Herzen. In einem seiner Briefe an mich schrieb er später (1983) von der „Generation unserer „Wunderknaben“, die inzwischen aufgewachsen, geschäftig und aggressiv geworden seien, doch keine geistige Kraft besäßen und diese durch fades Handwerk ersetzen würden. „In den Werken dieser Epigonen, die sich wahrscheinlich gerade in unserem Lande die entscheidenden Positionen gekrallt haben, spürt man überall einen Mangel an Geist…“, so Swiridow. Aus diesen Worten kann man entnehmen, dass die vielfache Behauptung, er sei gegen die Avantgarde gewesen und hätte sie unterdrückt, nicht wahr ist, denn er spricht in seinem Brief ja ausdrücklich von „Epigonen“…

JMW: Das alles passt auch ganz und gar nicht zum Vorwurf in dem bereits erwähnten SPIEGEL-Artikel, laut dem ihn der Komponist Edison Denissow jener „Mafia“ zurechnete, deren Angehörige nur für sich, für höhere Honorare und ihre eigene Popularität gearbeitet hätten. Dieser Behauptung bin ich nachgegangen und fand heraus, dass sich Denissow wohl auf einen Vorfall bezog, mit dem Swiridow gar nichts zu tun hatte, weil er zu der Zeit schon nicht mehr dem Vorstand angehörte.

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Tichon Chrennikow (1913-2007)

Vielmehr hatte 1979 ein anderes Vorstandsmitglied, Generalsekretär Tichon Chrennikow  eigenmächtig sieben KomponistInnen scharf wegen „avantgardistischer Tendenzen“ kritisiert, unter anderem jenen Denissow sowie die später in die BRD emigrierten Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin . Ein weiterer Komponist dieser Gruppe, Dimitri Smirnov, sprach gar von einer „schwarzen Liste“, die zu einer Unterbindung der Aufführungen ihrer Werke geführt hätte, doch belegt eine musikhistorische Untersuchung, dass die Rede Chrennikovs keineswegs zu einem Konzertboykott geführt hat. Alle sieben Komponisten wurden bei Konzerten in der Sowjetunion weiterhin aufgeführt. Die Bezeichnung „Chrennikows Sieben“ wurde eher im Westen genutzt, um zu Zeiten des kalten Krieges die „Interpretationshoheit über die sowjetische Kunst“ zu erlangen und Konzerte und Notenausgaben zu bewerben.

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

Komponist und Swiridow-Freund Vladimir Genin

VG: Diese Komponisten wurden aber tatsächlich unterdrückt! Ihre Werke wurden nur sehr selten aufgeführt, wenn überhaupt und dann nicht in Moskau. Außerdem bekamen sie keine Kompositionsaufträge vom Kultusministerium. Ein fantastischer Komponist, Andrej Wolkonski , wurde aus dem Komponistenverband ausgeschlossen. Alfred Schnittke musste sich jahrelang von seinen Arbeiten für Kino und Theater über Wasser halten. Ich erinnere mich an ein vom Moskauer Komponistenverband veranstaltetes Konzert, bei dem – nach einer kurzfristigen Entscheidung – überraschenderweise Werke von Schnittke gespielt wurden. Der Publikumsandrang war so groß, dass die Eingangstüren aus den Angeln gerissen wurden. Swiridow hat mir gegenüber immer sein großes Interesse an Schnittkes Arbeit bekundet – und ich habe nie erlebt, dass er schlecht über ihn oder einen anderen Avantgardisten gesprochen hätte.

JMW: Schnittke, der übrigens im selben Jahr wie Swiridow starb, war ja im Westen hoch angesehen.

Ñîâåòñêèé êîìïîçèòîð Àëüôðåä Øíèòêå çà ðîÿëåì.

Alfred Schnittke, russischer Komponist 1937 – 1998

VG: Aber, natürlich! Er war schließlich offen gegen das Regime und wurde von ihm unterdrückt, weshalb er 1990 auch nach Hamburg auswanderte. Er entsprach im Westen damit dem Bild des „guten“ weil verfolgten Sowjetkünstlers; Swiridow, aufgrund seines Erfolgs und seiner hohen Ämter, entsprach hingegen dem des „bösen“. Dieses Bild stimmt aber einfach nicht.

JMW: Dieses Bild muss dringend korrigiert werden! Selbst ein ansonsten so seriöses Nachrichtenmagazin wie der SPIEGEL hat Swiridow zu Unrecht, wie wir Ihrer Darstellung entnehmen können,  als „angepassten Komponisten“ deklassiert, der dem „amtlich verordneten Wohlklang“ als „parteigenehmen Reglement“ folgte und als „Sohn eines Postbeamten“ aus Kursk sich mit seinem Schaffen deshalb niemals im Westen habe durchsetzen können. – Ich glaube, dass solche Verzerrungen dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland – und im Westen allgemein – so wenig über Swiridows Leben und Werk wissen.

VG: Ja, aber auch der Neid und die Intrigen der russischen Kollegen im Moskauer Komponistenverband haben da eine große Rolle gespielt, und ich vermute, dass hinter diesem Artikel,  angesichts seiner Schreibweise, auch ein Kollege von damals stecken könnte. – Ich selbst habe das am eigenen Leib erlebt, als mich Swiridow bei der Organisation eines Chorfestivals zu seiner rechten Hand ernannte, da er für solche Aufgaben völlig ungeeignet war. Dabei verfügte er im Komponistenverband bereits über einen offiziellen Assistenten, der zudem der Sohn des stellvertretenden sowjetischen Kultusministers war. Das führte zu vielen Irritationen und Eifersucht bei den Kollegen, die sich wunderten, wie ich als junger Mann zu solch einer Stellung gekommen war. Selbst solche, die ich für Freunde hielt, begannen Unwahrheiten über mich zu verbreiten.

Theater_Wladimir_Andrej_Bogolubsky_Vladimir_Genin_Swiridow_jourfixe-BlogRichtig schlimm wurde es, als ich ein Auftragswerk der Stadt Wladimir, das Mysterienspiel Die Klage um Andrei Bogolubsky (1987) schrieb. Es entstand am Vorabend von Glasnost und Perestroika zur 1000-Jahrfeier des Bekenntnisses Russlands zum Christentum und es war zu der Zeit völlig offen, ob das Jubiläum staatlich gefeiert und damit das Verbot der Aufführung „religiöser“ Werke aufgehoben würde. Doch das geschah tatsächlich! Und mein Stück wurde ein großer Erfolg – allein in Wladimir wurde es 60 Mal gespielt, bei der Firma „Melodia“ in einer Auflage von 20 000 Stück auf Schallplatte gepresst – eine für die damaligen Verhältnisse große Zahl.

Plakat der USA-Tournee von 1989

Plakat der USA-Tournee von 1989

Sogar eine Amerikatournee von Seattle bis San Francisco fand 1989 mit diesem Werk statt. Besonders die auf Chorwerke spezialisierten Kollegen neideten mir das ungemein und sprachen hinter vorgehaltener Hand von „Fehlern“ in meinem Werk, aber keiner sagte mir offen seine Meinung. Sogar in den Sitzungsprotokollen des Moskauer Komponistenverbands wurden Aussagen über mich festgehalten, die nicht den Tatsachen entsprachen. Sollte ich das weiter aushalten, um mir alle paar Jahre bei einem vom Verband veranstalteten Konzert den Applaus auf der Bühne abholen zu können? Nein, ab 1991 entschied ich, mich nur noch so oft wie nötig beim Komponistenverband sehen zu lassen, was selten geschah und in der Folge auch zum allmählichen „Einschlafen“ meiner Freundschaft mit Swiridow führte.

JMW: Mit der Ernennung zu seiner rechten Hand für das Chorfestival hatte er Ihnen also einen Bärendienst erwiesen…. Hat er andere junge Komponisten oder auch Sie auf andere Weise gefördert?

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

VG: Nein, er hat sich zwar für die „neue“ Generation interessiert – und für ihn war ich deren Verkörperung – er hat aber weder mich, noch jemand anderen im herkömmlichen Sinn „gefördert“. Er hat lediglich viel mit mir gesprochen, sah meine Partituren durch, hörte sich Aufnahmen an, für die er mir meistens Lob aussprach. Er ging dabei nicht so sehr ins Detail, der Gesamteindruck war ihm das Wichtigste. – Einmal hatte auch ich Gelegenheit den großen Kollegen zu unterstützen. Seine Augenkrankheit, eine Lichtempfindlichkeit, wegen der er getönte Brillen trug, hatte sich verschlechtert, darum bat er mich ihm zu helfen und nach seinen Anweisungen seine Kantate „Kursker Lieder“ für eine kleinere Besetzung umzuschreiben. Bei dieser Arbeit lernte ich seine Denkweise noch viel besser kennen.

JMW: Wie kam es eigentlich zu Ihrer Bekanntschaft?

VG: Durch meinen damaligen Professor im Musikstudium. Er hatte mir damals die Aufgabe erteilt, ein Werk von Swiridow zu analysieren. Ich war zunächst nicht begeistert davon, aber als ich daran arbeitete, erkannte ich die Tiefe und Kunstfertigkeit seiner Musik und dementsprechend motiviert schrieb ich darüber. Ich wusste ja nicht, dass mein Professor die Arbeit an Swiridow zum Lesen weiterleiten würde. Darauf folgte eine Einladung an mich auf seine Datscha in der Nähe von Moskau, wo viele bekannte russische Künstler und Wissenschaftler lebten. Auf der einstündigen Autofahrt schärfte mir mein Professor ein, Swiridow ja nicht zu widersprechen und auf keinen Fall mit ihm zu diskutieren, denn er wusste, wie aufbrausend und stur Swiridow sein konnte.

JMW: Und haben Sie sich daran gehalten?

VG: Nein, das konnte ich nicht! Als er über einen Zeitungsartikel sprach, war ich anderer Meinung und eröffnete mit der, spätestens seit der öffentlichen Verdammung Dr. Schiwagos , in Russland eigentlich fatalen Floskel: „Also, ich habe das zwar nicht gelesen, aber…“. Schon war die Diskussion in vollem Gang. Mein Professor wollte eingreifen, aber das verbat sich Swiridow. Er schickte ihn in die Küche, um seiner Frau bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen, damit er ungestört mit mir reden konnte. Das tat er übrigens immer wieder. (Lacht.)

JMW: Da hatten sich wohl zwei Feuerköpfe getroffen! Das passt auch sehr gut zu dem Brief den er Ihnen nach Ihrer ersten Begegnung schrieb und den Sie bei der Gala ihm zu Ehren vorgetragen haben:

Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

Komponist Georgi Swiridow schrieb mehrere Briefe an Vladimir Genin, damals noch Student

„Ich bin dem Schicksal sehr dankbar für die Gelegenheit, durch die Begegnung mit Ihnen das intensive Leben der neuen Generation empfinden zu dürfen. Behalten Sie dieses Feuer – das wertvollste auf der Welt, weil das Leben ohne es verlischt, verfault… Ich habe viel in meinem Leben gesehen und lernte dieses Feuer zu schätzen. Aber seien Sie geduldig – keiner wird von den Leuten sofort verstanden. Man muss viel sagen, bevor die Leute anfangen zuzuhören, geschweige denn anfangen zu verstehen.“

VG: Den Brief hat er mir erst nach mehreren Begegnungen geschrieben, aber der Anfang davon war natürlich dieser Tag.

JMW: Bleibt zum Abschluss unseres Gesprächs noch der andere Brief, den sie als sein Vermächtnis bezeichnet haben; ein Vermächtnis, das an Sie und Ihre Freunde und damit ganz allgemein an die Generation nach ihm gerichtet ist. Swiridow schreibt darin unter anderem:

Georgi Swiridow

Georgi Swiridow

„Ihre Aufgabe ist groß und schwierig: Vieles aufzuklären und den wahren Maßstab der Werte wiederzufinden – den Maßstab, der verloren gegangen ist... (Unter den geistlosen und opportunistischen „Epigonen“) … Meine Aufgabe an Sie und Ihre Freunde ist es, zu suchen. Sonst wird unsere Musik nicht mehr zum Ausdruck der Essenz menschlichen Lebens, der Essenz, die verborgen ist und erst durch die Kunst offenbart wird.“

JMW: In wie weit hat Sie dieses Vermächtnis inspiriert? Was genau meinte er mit dem verlorenen Maßstab und der verborgenen Essenz?

VG: Der Maßstab war sicher musikalisch wie menschlich gemeint.

"Nur der Ewigkeit verpflichtet" - Komponist Swiridow in jüngeren Jahren

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Komponist Georgi Swiridow

Es ging Swiridow um den wahren und bleibenden Wert, wie wir ihn in der Musik der großen Komponisten verehren.

Und er selbst schien „riesig“, in seiner Ausstrahlung, seinem Charisma. Er hatte zwar nicht die Stimme dazu, aber niemand hat vom Ausdruck her seine Lieder besser vorgetragen als er selbst, wie eine private Aufnahme mit meinem Freund, dem Pianisten Michail Arkadiev es zeigt. So wie er da singt, das ist reine Essenz, ohne jedes Theater!

Schon vor meiner Begegnung mit Swiridow hatte ich immer Menschen gesucht, die so eine Sicht vertreten. Auch meinen Professoren beim Studium ging es um diesen Ausdruck, um eine Musik, die etwas über den Menschen aussagt.

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Vladimir Genin 2015 im Artist Studio München

Swiridow aber wirkte in dieser Hinsicht wie ein gewaltiges Schiff und die anderen um ihn herum nur wie kleine Boote. Er hatte zwar seine Fehler, er war unpraktisch, manchmal stur und aufbrausend, doch letztlich war er ein grandioser Mensch. Aber „vergöttert“ habe ich ihn nie! Mit der Zeit habe ich immer mehr das Wesentliche in seiner Musik entdeckt, zwar auch in seinen präzisen handwerklichen Fähigkeiten und seiner ganz speziellen Sparsamkeit in der Wahl der Mittel, aber noch vielmehr in der spirituell-geistigen Essenz dahinter.

JMW: Ich habe gelesen, dass er über 34 Jahre an seinen geistlichen Chorwerken gearbeitet hat, die sicher als Ausdruck dieser geistig-spirituellen Essenz zu verstehen sind; viele davon entstanden erst in den 80er und 90er Jahren. Obwohl es die Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche zu jener Zeit schon nicht mehr gab, wurden viele dieser Werke erst nach seinem Tod herausgegeben. Sie erzählten, dass zudem in seiner Wohnung noch stapelweise unveröffentlichte Werke in seinen Schränken lagerten und angesichts dessen frage ich mich, wie es um das musikalische Erbe Swiridows steht? Wird seine Musik heute noch gespielt und wird sie auch in Zukunft gespielt werden?

VG: Ja, sie wird noch gespielt und auch gespielt werden, denn es gibt wohl kaum einen besseren Ausdruck dessen, was man die „russische Seele“ nennt. Wenn Sie Filme von typisch russischen Landschaften sehen, sind diese zu 50 Prozent mit Musik von Swiridow unterlegt – dafür gibt es einfach nichts besseres. Allerdings läuft sie gerade deswegen auch immer Gefahr, von allen Seiten missbraucht zu werden, von den Anhängern der alten Brigaden wie von den neuen Nationalisten. Im Ausland gestaltet sich die Lage für Aufführungen schon schwieriger, da sein Name dort wenig bekannt ist und daher weniger „zahlendes Publikum“ zieht; das gilt natürlich auch für die Veröffentlichung von Noten und Tonträgern. –

Swiridow in jüngeren Jahren am Piano

Swiridow in mittleren Jahren am Piano

Verstanden aber wird Swiridows Musik nur von denen werden, die ihre Essenz begreifen – und da gibt es nicht so viele in unserer schnelllebigen und auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Zeit. Die innere Einstellung zum wahren Wert der Kunst, des Geistigen müsste sich dazu erst einmal ändern und meist geschieht das nur durch dramatische äußere Umstände…

„Russische Seele“ – Plakat zu einem gleichnamigen Konzert 2015

JMW:  Abschließen möchte ich mit einem Zitat, dass mir in den von Ihnen gesendeten Unterlagen ins Auge gestochen ist. Für mich trifft es sehr gut die Essenz der „russischen Seele“ in der Kunst, der Musik und in Georgi Swiridows Werk. Es stammt von der amerikanischen Autorin Suzanne Massie, die in ihrem Buch „Land des Feuervogels“ schreibt:

„Das Vermögen, die Schönheit der spirituellen Welt und die Fähigkeit, diese Schönheit durch Verehrung auszudrücken, war eine besondere Gabe Russlands. Durch die Jahrhunderte haben die Russen, selbst in ihrer weltlichen Kunst, ihre Sicht erhalten, dass Kunst vor allem ein göttliches Geschenk ist, dessen grundlegender Zweck es ist, Gott zu dienen und die Menschheit zu erheben.“

 


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Sängerin Claudia Cane: Calling Us!

„I Am Calling You“ ,  beschwört Claudia Cane mit leiser, fast flüsternder Stimme im Refrain des Songs aus „Bagdad Café“:

Claudia_Cane_Bagels_And_Muffins_Bagdad_Cafe_I_Am_Calling_

Claudia Cane während ihrer Performance von „I Am Calling You“ aus Bagdad Café im Artist Studio

Coming closer, sweet release
I am calling you
I know you hear me
I am calling you
I am calling you
I know you hear me
I am calling you

Sie wiederholt den Satz wieder und wieder; immer heiserer färbt Sehnsucht Canes Stimme ein, bis sie sich in einem Aufschrei entlädt und so zum Sprachrohr meiner eigenen, lebenslang gesammelten, Sehnsüchte wird. Denn: Eine Stimme, wie die der Cane bedient die komplette emotionale Skala  und projiziert sie ins Publikum, beschwört in der scheinbar ewigen Zeitspanne eines einzigen Songs kollektive Erinnerungen.

Artist_Studio_Gaby_dos_Santos_Lange_Nacht_der_Musik2015_jourfixe-Blog_Ingeborg_Schober

Gaby dos Santos bei der Langen Nacht der Musik 2015

Wäre ich bei der Langen Nacht der Musik nicht von den vielen Vorbereitungsarbeiten bereits erschöpft gewesen, hätte ich das Teilen der Bühne mit dieser Künstlerin noch viel mehr genossen. Nicht nur, weil mir durch ihren Darbietungen neue Ideen für die Fertigstellung  von „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“ kamen, sondern weil Cane für mich genau die Mischung aus Intensität, Selbstvergessenheit und auch Bodenhaftung verkörpert, die aus Talent für mich erst spannende Kunst macht.Claudia_Cane_rot2Stimmumfang und Interpretationsfähigkeit lassen die Cane mühelos den Vergleich zu Janis Joplin bestehen, wobei sie keineswegs eine Kopie ihrer großen Schwester im Geiste darstellt, wie zum Beispiel die zahllosen, unsäglichen Elvis-Imitatoren. Vielmehr ist Cane, neben den emotionalen Qualitäten, gerade in ihrer Authentizität der Joplin so ähnlich und damit auch wieder entfernt:

Eine Cane’sches Powerpaket und keine Joplin’sche Karrikatur. Zugute dürfte dabei Cane auch kommen, was geschäftlich ein Nachteil, aber künstlerisch von Vorteil ist. Sie ist nicht in die Mangel der Musikvermarktung gelandet. Schlecht für Canes Geldbeutel, gut für uns Fans 😉

Claudia_Cane_Ingeborg_Schober_Poptragoedie_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Lange Nacht der Musik 2015

Wieder einmal wird mir bewusst, was für künstlerische Schätze sich im Fundus der Kleinkunst-Bühnen finden lassen, wenn man nur willens ist, sie zu heben … Weltruhm und Weltklasse gehen keineswegs zwingend Hand in Hand!

Das muss die weltberühmte Hardrock-Band ACDC ebenso gesehen haben, mit denen sie mehrfach auf Tour vor übervollen Stadien auftrat.

Sängerin Claudia Cane vor einer Projektion der Pop-Journalistin Ingeborg Schober, der die aktuelle jourfixe-Produktion gewidmet ist

Sängerin Claudia Cane vor einer Projektion der Pop-Journalistin Ingeborg Schober, der die aktuelle jourfixe-Produktion gewidmet ist

Und doch stagniert hier in Deutschland ihre Karriere, zumal Rock-Musik in München schon länger keine Lobby hat und vom Kultur-Establishment, gerne mit leichtem Naserümpfen, übergangen wird. Obgleich ich inzwischen ein alter Hase im Kulturbetrieb bin, ist mir wieder einmal unbegreiflich, dass solche Kunst weitgehend auf kleinen Kunst-Bühnen stattfindet!

Claudia Cane: „I am Calling You!“

Link zu weiteren Fotos der Langen Nacht im Artist Studio, alle Fotos: Klaus Stießberger

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfArchiv2014/15_05_09Trailer_Ingeborg_Schober.html

Link zur Fan-Seite von Claudia Cane

https://www.facebook.com/ClaudiaCaneBand

 

Link zum Artist Tonstudio von Peter Lang

http://www.artist-studio.de/

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Link zur Übersicht aller jourfixe-Blogs

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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Streifzug durch die 68er-Welt des Rock und Pop und weiter bis ins Baskenland

Die Pop-Journalistin Ingeborg Schober, deren Schicksal ich gerade in einer Collage nachempfinde, verbringt mit Udo Lindenberg einen beschwingten Abend im Bayerischen Hof. Danach setzt sie der Rockstar – ganz Kavalier – in ein Taxi. Kaum dass er zurück ins Hotel verschwunden ist, eröffnet Ingeborg dem verdutzen Fahrer, sie habe es sich anders überlegt, die Nacht sei so schön, dass sie lieber zu Fuß gehen wolle. In Wirklichkeit hatte sie einen Abend der Sonderklasse ohne eine müde Mark in der Tasche verbracht … Shit happens!

Austern_Gaby_dos_Santos_High_Society_jourfixe-Blog_Ingeborg Schober

DaSein zwischen Austern … eine gedankliche Assoziation

Ähnliche Situationen erlebe auch ich immer wieder, wie alle – meist Kunstschaffenden – die grenzüberschreitend in der Gesellschaft unterwegs sind, mal neugierig erkundend, mal torkelnd, mal oben und mal unten. „Kein Zahn im Maul, aber La Paloma pfeifen“ lautet ein Spruch, den ich mir in jungen Jahren im Münchner Milieu angeeignet habe. Warum denn auch nicht pfeifen, wenn man dazu willens und in der Lage ist? Wo auch immer. Das Leben an sich kennt ja keine Zulassungsbeschränkungen je nach materieller Lage, Herkunft, politischer oder spiritueller Orientierung. Die unsichtbaren Grenzen zieht sich die Gesellschaft schon ganz von alleine. Und erst dadurch wird eine Situation wie obige, statt als gegeben, als absurd empfunden und das (zeitweilige) Fehlen finanzieller Mittel als ein dringend zu verbergender Makel.

Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Identitaeten

Ingeborg Schober 2004, Ausschnitte der
Fotos von Stefan M. Prager

Unter der Diskrepanz, gerade in ihren letzten Jahren, zwischen den Live-Style-Möglichkeiten der Kreise in denen sie verkehrte und ihrer eigenen Realität, hat Ingeborg sehr gelitten, hat ein Leben als gescheitert empfunden, das doch von ihr so zielstrebig erforscht, intensiv ausgekostet und auch reflektiert worden ist, dass es alle Anerkennung verdient. Doch die letzten Worte, die sie kurz vor ihrem Tod an ihre „lieben Freunde und Kollegen“ richtet, sind Worte des Bedauerns und der Warnung über ungelebte Träume. Damit hinterlässt Ingeborg zwar eine wirkliche „Message“, wie es Sängerin Claudia Cane während unserer Proben formuliert hat, leider aber auch eine, die die eigenen Meriten übersieht.  Darauf hinweisen kann ich Ingeborg nun nicht mehr, wohl aber ihre Geschichte und ihr Werk in Klang, Ton und Bildern würdigen, mit all den Widersprüchen und Brüchen, die an einer Persönlichkeit das ausmachen, was bleiben wird. Ingeborgs letzte Botschaft hat dankenswerterweise Schauspielerin Krista Posch zu sprechen übernommen. Als ungelernte Sprecherin wäre ich nicht annähernd in der Lage gewesen, den Inhalt so zu vermitteln, wie Krista es getan hat. Ein Gänsehaut-Moment in unserem Porträt „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“. Noch verstärkt wird der durch den rauhen, gefühlsbetonten Gesang von Claudia Cane, die nicht umsonst schon mit ACDC auf der Bühne stand und als  landeseigene Ausgabe einer Janis Joplin gehandelt wird.

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Ingeborg_Schober_Tanz-der-Lemminge_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos

Elemente des Original Buchcovers von 1979

Tanz der Lemminge“ heißt der Titel von Ingeborgs erstem und inzwischen vergriffenem Buch, nach einem gleichnamigen Song der Underground-Kultband Amon Düül, deren Aufstieg Ingeborg begleitet und beschrieben hat, vor dem Hintergrund der weltweiten Jugendbewegung in den ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahren; die Geschichte des rauschhaften, kollektiven Aufbruchs in ein neues Lebensgefühl, gefolgt von einem Abgesang, der Ingeborg für den Rest ihres Lebens begleiten sollte. Gelesen habe ich das Buch in den Pausen des ökumenischen Kongresses „Heillos gespalten? Segensreich erneuert?, der letzte Woche an der Katholischen Akademie stattfand. Dadurch wanderte ich, gedanklich wie emotional, zwischen dem Aufschrei der 68er und dem großen theologischen Ringen um interkonfessionelle Einigkeit hin und her. Zu meinem Erstaunen merkte ich, dass sich aus der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Glaubens für mein aktuelles Projekt ganz neue Gedankengänge entwickelten. Trotzdem hatte ich meine liebe Mühe, den Ausführungen der Damen und Herren Professoren zu folgen. Mir wurde wieder einmal klar, wie viel mehr ich gerne wüsste und das natürlich bitte sofort!  Zu meinem Glück lernte ich bereits am ersten Abend den Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden Württemberg kennen, Herrn Dr. Haizmann, der mir solange geduldig Fragen beantwortete, bis mich mein schlechtes Gewissen verstummen ließ. Nach zwei Tagen drohte mein Hirn dennoch,  endgültig, auf „Tilt“ zu schalten, so dass ich mich wieder ausschließlich dem Ingeborg-Projekt zu wandte.

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Ingeborg Schober als Grundschülerin

Allmählich weckt die Auseinandersetzung mit Ingeborg und ihrer Generation viel Empathie in mir und die Expedition in die Untiefen von Ingeborgs Schicksal, ein ganz neues Bewusstsein für die Fragilität des Lebens. Da schaut ein kleines Mädchen beflissen von ihrem Buch auf, so rührend jung und ahnungslos, scheint einem direkt in die Augen zu blicken, während man selbst schon das letzte Kapitel ihres Lebens kennt – und um alle Enttäuschungen weiß, die ihrem Tod noch voran gehen werden. So sehr mich dieses Projekt anrührt, so schwer empfinde ich auch die Umsetzung. Nur ganz behutsam lassen sich die einzelnen Elemente an einander fügen, hauptsächlich in Baucharbeit, der Verstand ist einem bei solchen Unterfangen keine Hilfe. Nur kennt die Baucharbeit leider kein Zeitgefühl und der Terminplan drängt.

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Eingangstür zum Artist Studio auf der Rückseite des Künstlerhauses, in der Herzog-Max-Str.

Bereits kommenden Samstag zeigen wir bei der Langen Nacht der Musik 2015, im Artist Studio im Münchner Künstlerhaus, erste Ausschnitte. Dann erst werde ich erkennen, ob ich künstlerisch auf dem richtigen Weg bin oder bis zur Premiere Ende Juni im Gasteig ein da capo der Produktionsarbeit angesagt ist. Seltsamerweise gibt mir erst eine Aufführung vor Publikum, wenn ich meine Arbeit mit den Augen der Zuschauer neu betrachte, Aufschluss über die Qualität meiner Show.  Was das Publikum anbelangt, stand allerdings zeitweilig zu befürchten, dass der Zuschauertest in diesem Jahr weitgehend ausbleiben würde, da Maja Grassinger, Präsidentin des Künstlerhauses, es diesmal ablehnt, die Verbindungstür von Künstlerhaus zu Studio zu öffnen, wie im Vorjahr. Dadurch ist unser Veranstaltungsort nur schwer zu finden. Glücklicherweise hat der Geschäftsführer der Langen Nacht, Ralf Gabriel, für uns eine rettende Lösung gefunden, indem ein Aufbau vor dem BMW-Pavillon unmittelbar auf den Weg zum Studio und auf unsere Veranstaltung hinweisen wird. Mehr zur Veranstaltung, mit weiterführenden Links, findet sich  auf der „Kalenderseite“ unserer Homepage:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfprogramm.html

Eintritt mit Karten zur Langen Nacht der Musik, à € 15,-, können vor Ort im Studio erworben werden. Einlass ab 19.45 Uhr.

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Ibon Zubiaur präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ den Schülern der Europäischen Schule in München

Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, den ehemaligen Leiter des Instituto Cervantes in München, Ibon Zubiaur, kennen und schätzen zu lernen, als jemand, dessen Esprit sich wohltuend von so mancher gewollten Intelektuellen-Pose im Kultur-Zirkus abhebt. Wohl aber auch deshalb hat er selbigem vor einiger Zeit den Rücken gekehrt, inklusive der damit verbundenen, gut dotierten Festanstellung, um in Berlin als freier Übersetzer und Autor zu arbeiten. Dass ihn Dr. Roland Jerzewski, im Rahmen der groß angelegten Veranstaltungsreihe Europäische Identitäten,

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

erneut an die Europäische Schule in München eingeladen hat, ergibt Sinn, denn Zubiaur vertritt gegenüber den Schülern Kultur in einer Form,  zu der sie einen Draht finden können. Das ist wichtig, denn es hält uns potentielles Kulturpublikum bei der Stange, statt es, wie allzu oft der Fall, schon in jungen Jahren durch Verkopftes zu vergraulen. Hier aber verhieß allein schon der Titel seines neuen Buches gedanklich viel Erquickliches: „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“. Entsprechend entwickelte sich auch der  Vortrag zu einer typischen, für mich ziemlich unwiderstehlichen Zubiaur-Performance, die lässig Wortwitz mit pointierten Ausführungen und Geist verband. Da mir aber nun einmal, wenn mich etwas begeistert, der sachliche Abstand leicht etwas abhanden kommt, lasse ich jetzt lieber Dr. Jerzewski, übrigens seit letztem Jahr mit Gattin Martine auch jourfixe-Mitglied, zu Wort kommen:

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

(…) „Kaum ist der Abschlussapplaus verklungen, da beginnt der spanische Referent auch schon vor neuem Publikum – u.a. mit Gaby dos Santos von der Kulturplattform „jourfixe-muenchen“ und der deutsch-polnischen Übersetzerin Nina Kozlowski – mit der Vorstellung seines ersten auf Deutsch verfassten Buches „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“ und hier ist Zubiaur nunwirklich ganz in seinem Element als Baske, Europäer und Weltbürger. Nationen sind für ihn willkürliche Erfindungen, ganz gleich, ob es sich um die deutsche, spanische oder baskische handelt. Allerdings sei das baskische „nation-building“ ziemlich spät und notgedrungen ziemlich künstlich erfolgt. Das heutige Baskisch sei im Wesentlichen eine philologische Erfindung des 19. Jahrhunderts bzw. der Rebaskisierung der nachfranquistischen Ära. Die in seinem Essay-Band aufgeführten Beispiele sind ebenso beredt wie hanebüchen. Aber: Der 1971 geborene Ibon hat eine baskische Paradeerziehung durchlaufen mit Spanisch als 1. Fremdsprache und spricht bis heute eine Sprache,die im Baskenland nur eine Minderheit beherrscht. Früh ist er also über seine baskische Privatschule in Getxo bei Bilbao in eine Zweisprachigkeit hineingewachsen, die ihn für weitere Sprachen sensibilisierte und zum Übersetzer prädestinierte. Auf Englisch lernte er die Weltliteratur kennen, auf Deutsch lehrt, übersetzt und schreibt er seit fast anderthalb Jahrzehnten, ohne indes seine iberisch-baskische Herkunft zu verleugnen. Identität – ethnische, gesellschaftliche, sexuelle, religiöse – ist fürZubiaur ein „lockeres Band“. Jahrelang sei er mit der Frage konfrontiert worden, ob er sich als Spanier oder als Baske fühle. „Bis heute aber sehne ich mich nach einer gesellschaftlichen Stimmung, in der nicht die Frage zählt, als was ich mich fühle, sondern eher, wie ich mich fühle. Allzu oft aber lautete die Frage bloß: Was bist du? Und mehr als einmal (…) habe ich geantwortet: Athletic-Fan.“ Und genau hier sieht Ibon Zubiaur eine Lösung: Sein Lieblingsverein, der Erstliga-Fußballklub Athletic Bilbao, arbeitet nur mit Spielern aus der Region, aber nicht mit dem nebulösen Kriterium baskischer Abstammung, sondern mit dem nachvollziehbaren von Herkunft und Ansässigkeit. So versammelt derErstligist eine bunte Truppe von Spitzenspielern, auch solchen aus Angola oder Venezuela, die früh genug in baskische Gefilde gelangt sind. Dergestalt überwindet man ausgerechnet im Fußball ein politisches Problem spielerisch. (Roland Jerzewski) 

evangelische_Kircheneintrittsstelle_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Evangelische Kirchen-Eintrittsstelle München, in der Herzog-Wilhelm-Straße 24,Tel. 089/51 26 59 60

Abschließen möchte ich mit einer Einladungskarte, die ich in der evangelischen Kirchen-Eintrittstelle entdeckt habe. Dort waren mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich zu einer Stadtführung (ebenfalls im Rahmen der Recherchen zu unserem Protestantismus-Projekt) geladen, „Protestantische Stätten in München“. Dort lag ein Kärtchen in Regenbogenfarben aus, auf dessen Rückseite fand sich der Spruch:

und jonatan schloss mit david einen bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes herz.“ (1. Samuel 18,3)

Auf den Bibelspruch, auf den ich bereits vor einiger Zeit im Sonntagsblatt aufmerksam geworden war,  folgte der Satz:

„Lesbisch, schwul, bi, hetero oder trans- Gott hat die Welt und seine Geschöpfe ganz schön bunt gemacht! Und alle gehören dazu. Herzlich willkommen in der Evangelischen Kirche!“

Da bin ich doch froh, einer Kirche anzugehören, die schätzungsweise keine Botschafter nach Hause schickt, weil diese bekennend schwul sind, wie kürzlich im Vatikan der Fall.

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