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„Todeszug in die Freiheit“ – MO, 29.1.2018, 23.55 Uhr, ARD, Impressionen der Vorschau im Jüdischen Museum München

„Wir wussten nicht, in welcher Sprache … zu welchem Gott sie in Ihrer Verzweiflung gebetet hatten … kannten nicht ihre Namen“, hieß es sinngemäß in einer Trauerrede, die 1945 für ermordete KZ-Häftlinge in einer kleinen Ortschaft bei Prag gehalten wurde. Die Toten waren Opfer der mörderischen Willkür einiger SS-Wachen geworden, die während eines Zugstopps wahllos auf Häftlinge geschossen hatten, als diese sich mit etwas Proviant versorgen wollten, das ihnen von der einheimischen Bevölkerung gespendet wurde. Nun, tragischerweise nur wenige Tage vor Kriegsende, trug man sie zu Grabe, doch wurden sie einzeln und respektvoll beigesetzt, anstatt, wie sonst bei KZ-Häftlingen üblich, in einem Massengrab verscharrt zu werden; ein Akt stiller Auflehnung dem NS-Regime gegenüber und  eine weitere, letzte Geste der Menschlichkeit, der viele, ganz unterschiedliche Hilfsmaßnahmen vorangegangen waren, mit denen die Bevölkerung entlang der Bahnstrecke Zeichen von Solidarität, Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesetzt hatte.

Waggon mit weiblichen Häftlingen auf dem Bahnhof Roztoky, heimliche Aufnahme von Vladimír Fyman, 30. April 1945. Mittelböhmisches Museum, Roztoky; Bildquelle: Gedenkstelle Flossenbürg

Mit dem Näherrücken der Allierten war begonnen worden, Häftlinge aus den Konzentrationslagern zu evakuieren; zu diesem Zweck wurden zahlreiche Züge eingesetzt. Was diesen „Todeszug“ von den anderen unterschied, war nicht nur seine Größe von !77 offenen Güterwagons voller Häftlinge, oder die Hilfs- und Sabotagemaßnahmen, mit denen die Bevölkerung seine Fahrt begleitete, sondern dass dieser Zug die meisten seiner Insassen in die Freiheit führte, die am Ende der Reise Partisanen für sie erkämpften! Durch glückliche Umstände sind zu den Ereignissen um diesen Zugtransport eine ganze Reihe filmischer und fotografischer Zeugnisse  in tschechischen Archiven erhalten geblieben. Sie bilden die Grundlage zum Dokumentarfilm „Todeszug in die Freiheit“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks:

„Jahrelang haben die beiden Filmer Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, die für den Film „Verbrechen Liebe„/Bayerischer Rundfunk, mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden, diese Geschichte recherchiert. Es ist ihnen gelungen, zahlreiche Zeitzeugen zu finden, Menschen, die damals in den Waggons ihrem Schicksal entgegen fieberten, genauso aber auch viele tschechische Helfer, die damals dabei waren“, so das ERSTE auf der Homepage zum Dokumentarfilm Todeszug in die Freiheit

Aus dem Vorspann des Dokumentarfilms „Todeszug in die Freiheit“

Hilfe und Rettung erfolgten auf unterschiedlichste Weise. Einige Häftlinge, die ihren Waggon hatten verlassen dürfen, wurden von der Bevölkerung in den Wartesaal des kleinen Bahnhofs geschleust, dort heimlich neu eingekleidet und dann ins Freie geleitet. Manche versteckten sich in der örtlichen Typhus-Station, deren Betreten den SS- und Wehrmachtstruppen wegen der Ansteckungsgefahr untersagt war. Auch unter den Häftlingen fanden sich Typhus-Patienten, die selbstlos vor Ort versorgt wurden, was einer Helferin das Leben kostete … Mehr zu den damaligen Vorkommnissen berichtete im Anschluss an die Filmvorführung auch die Witwe eines der damaligen Ärzte  in Roztoky.

Zug mit KZ-Häftlingen, 1945, Quelle: Mittelböhnmisches Museum/ARD-Homepage

An der Produktion beteiligt und im Film auch als Kommentator präsent, ist Jörg Skribeleit, seit fast zwanzig Jahren Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dass er sich nicht allein als institutionalisierter Verwalter eines NS-Tatorts versteht, sondern sich mit Leidenschaft für dessen historische Aufarbeitung und Dokumentation einsetzt, wurde nicht nur anhand seiner Erläuterungen im Film selbst spürbar, sondern auch im anschließenden Gespräch mit Mocellin und Muggenthaler. Andrea Mocellin erinnerte, wie ihnen nach einer einstündigen Vorbesprechung zum Film mit Schaudern aufgefallen war, dass dabei zwanzig unterschiedliche Begriffe für „sterben“ gebraucht worden waren!

Nachbesprechung von „Todeszug in die Freiheit“ von Thomas Muggentaler (ganz links) und Andrea Mocellin (2. von re.), moderiert von Andreas Bönte/BR (Mitte); ganz rechts Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg; Jüdisches Museum München, 23.1.18

Einfühlsam moderiert wurde die Nachbesprechung von Andreas BönteFernsehjournalist und stellvertretender Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks sowie Leiter des Programmbereichs BR FernsehenARD-alpha und 3sat. Entsprechend kündigte er Reprisen im BR-Fernsehen an, ebenso einen ganzen Themenabend rund um den Film auf ARD-alpha. Der Zeitpunkt stehe allerdings noch nicht fest.

Erfreulich und wohlverdient empfand ich den Großen Bahnhof, mit dem das Publikum, darunter hochrangige Münchner Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, den Film aufnahm. Zusätzliche Würdigung erhielt dieser durch das Erscheinen von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kultusminister Ludwig Spaenle

Als hingegen nicht ganz befriedigend empfand ich die einleitende Rede von Dr. Ludwig Spaenle, bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (CSU). Leider sprach er einseitig den Antisemitismus und die „Shoah“ an, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas, obgleich im Film auch das Schicksal von Häftlingen eine Rolle spielt, die aus anderen, politischen Gründen zu Opfern wurden. Ebenso erschien mir überflüssig, da im Kontext unverständlich, Dr. Spaenles abschließende Versicherung seiner Verbundenheit mit dem Staat Israel, der hier in keiner Weise Thema war. Vielmehr ging es doch an diesem Abend um eine beeindruckende Dokumentation zu Leid und Zivilcourage am Ende des Dritten Reiches? Einmal mehr stellte sich mir die Frage nach dem Sinn von Reden aus den Reihen der Politik bei solchen Anlässen.

Der geschäftsführende Vorstand der Freien Bühne München, vertreten durch Gründerin Angelica (Mitte) und Marie-Elise Fell (rechts) im Jüdischen Museum

Zu verdanken hatte ich diesen Filmabend unserem jourfixe-Neumitglied Angelica Fell. Die gelernte Journalistin (BR, ZDF, Print) und Initiatorin der inklusiven Freien Bühne München (FMB e.V.), entpuppt sich immer wieder  als begnadete Netzwerkerin, die es nicht nur versteht, Menschen zusammenzuführen, sondern dazu auch stets einen anregenden Rahmen auftut, wie eben diese Filmvorschau im Jüdischen Museum, zu der sich zahlreiche Kolleginnen des ehemaligen ZDF-Kultmagazins „Mona Lisa“ zusammengefunden hatten –„lauter Monalisen“, wie Angelica sie scherzhaft nannte, zumal mit Andrea Mocellin eine weitere Ex-Kollegin sogar im Mittelpunkt der Veranstaltung stand! Allerdings lebt diese, wie sie mir beim anschließenden Empfang berichtete, inzwischen in Berlin und arbeitet für den rbb – Rundfunk Berlin Brandenburg.

Allererstes Treffen im Jüdischen Museum, nach monatelangen Telefonaten und Emails: Constanze Hegetusch, Autorin der TV-Doku „Die unheilvolle Narbe“, die am Vorabend im BR gelaufen war und Gaby dos Santos

Angelica verdanke ich auch die erste persönliche Begegnung mit Dokumentarfilmerin Constanze Hegetusch. Ihr Film Die unheilvolle Narbe, über das Schicksal der Sinteza und Holocaust-Überlebenden Rita Prigmore war am Vorabend, in der Reihe „Lebenslinien„, im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt worden, und ich hatte ihn  über meine Social-Media-Kanäle und die jourfixe-Seiten auf Facebook mitbeworben. Zwar hatte ich nicht damit gerechnet, die Dokumentarfilmerin, nach monatelangen Emails und Telefonaten ausgerechnet an diesem Abend endlich persönlich kennen zu lernen, aber ein erstes Treffen gerade in diesem, ebenfalls NS-Opfern gewidmeten Rahmen, fühlte sich für mich sehr stimmig an!

Beim Empfang im Jüdischen Museum nach der Filmvorführung: Von links: Angelica Fell, Thomas Muggenthaler, Andrea Mocellin und Gaby dos Santos, Hintergrund li.: Jörg Skribeleit

Ende Januar, rund um den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar, erfolgen regelmäßig Publikationen, TV- und Radio-Sendungen sowie Veranstaltungen zum Thema, natürlich auch im Jüdischen Museum München, dessen  Veranstaltungen, betreut von der Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin und Galeristin Anne Uhrland, ich sehr schätze. Unvergessen bleibt mir dabei der Gedenkabend am 27.1.2015, mit Holocaust–Zeitzeugin Helga Verleger, in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der mich zum jourfixe-Blogbeitrag „Naja …“ Holocaust-Zeitzeugin Helga Verleger im Jüdischen Museum inspirierte –

Allmählich versterben solche ZeitzeugInnen. Für umso wichtiger halte ich jede Art von Dokumentationsarbeit, die dazu beiträgt, die Erinnerung mahnend wach zu halten, wie dieser „Roadmovie der besonderen Art“, der uns Zuschauerinnen und Zuschauer moralisch in die Pflicht nimmt: Für mich persönlich lautet seine Botschaft, dass Menschlichkeit und Zivilcourage auch unter widrigen Umständen, in vielfältiger Form möglich sind, die Bereitschaft vorausgesetzt, sich sehenden Auges und mit Empathie der Not anderer zu stellen! Insofern halte ich diesen Film gerade aktuell für gesellschaftlich relevant und finde es schade, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Bildungsauftrag einem solchen Beitrag, wie überhaupt der Reihe „Geschichte im ERSTEN“, keinen prominenteren Sendeplatz einräumt, als montags am späten Abend!


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„Milton’s Tower – oder die schönheit der dinge“ – Besuch bei Proben zum aktuellen, inklusiven Bühnenstück der Freien Bühne München

 „Das ist unser Leuchtturm und er ist wunderschön, weil hier das Gras unter all den Sternen leise schläft.“

heißt es in „MILTON’S TOWER – oder die schönheit der dinge“. Die Poesie dieser Zeilen steht für den Zauber, der die aktuelle Produktion der Freien Bühne München prägt.

Antonia Neumayer  – („Selkie“/Heyne Verlag) Autorin des Stücks, mit Dino „Tommy“

Den Text geschrieben hat die junge Autorin Antonia Neumayer. „Ihre große Leidenschaft gehört der Fantastik„, schreibt ihr Verlag über sie und entsprechend bewährt hat sich die Zusammenarbeit mit der Freien Bühne München bei diesem Stück, in dem behinderte und nicht behinderte DarstellerInnen gemeinsam spielen. Dass die Dialoge dennoch auf die jeweiligen SprecherInnen zugeschnitten wirken, liegt an der Art, wie dieses Stück erarbeitet wurde, nämlich in einer Reihe von improvisatorischen Prozessen, wie mir die Autorin nach der Probe erläuterte. Sie habe dann die Dialoge in eine feste Form gegossen. Jan Meyer, künstlerischer Leiter der FBM und Regisseur des Stücks, entwickelte daraus eine fantastische Reise durch die Welt der Ängste und Träume, auf die uns die fünf Protagonisten mitnehmen, auf der Suche nach sich selbst. Sie alle hat es auf einen Leuchtturm verschlagen, um dessen Erhalt sie sich kümmern. Dabei hat ein Sturm sie ganz auf sich  zurückgeworfen.

Von links: Ernst Strich, Magdalena Meier, (halb verdeckt) Luisa Wöllisch, Dennis Fell-Hernandez, Regina Gommel, in einer Szene aus „Milton’s Tower“, einer Produktion 2017,  der inkulsiven Freien Bühne München

Eine im Film und auf der Bühne häufiger gewählte Ausgangssituation, die hier jedoch eine ganz neue Perspektive entfaltet, auf Grund der Impulse, die die behinderten Mitwirkenden in das Spiel einbringen. Zu Unrecht wird inklusive Theaterarbeit oft mit einer gönnerhaften Haltung quittiert, nach dem Motto: „Soll den armen Behinderten doch auch einmal die Freude des Mitspielens vergönnt sein“.

Dennis Fell-Hernandez, Luisa Wöllisch und Ernst Strich

Diese Haltung entspringt reiner Unkenntnis. Vielmehr erlebe ich bei integrativen Inszenierungen, dass sie dem Publikum eine erweiterte Perspektive auf die Welt bieten, gerade dadurch, dass behinderte Mitmenschen, auf Grund ihrer besonderen Lebenssituation, eine ganz eigene und auch bewusstere Sichtweise auf das Leben mitbringen, als es in herkömmlichen Biografien der Fall ist, in denen so viel mehr selbstverständlich scheint. So schreibt auch die Freie Bühne München in ihrer Selbstdarstellung „WIR„: Inklusion – das bedeutet Vielfalt als Gewinn, ein buntes Miteinander, ohne Ausgrenzung, Diskriminierung und Behinderung durch Barrieren.

Schauspielerin Magdalena Meier

Nicht durch die schlichte szenische Wiedergabe gesellschaftlicher Normen fesselt mich ein Stück , sondern dadurch, dass mich sein Spiel darüber hinaus führt, zu neuen Überlegungen und – im besten Fall – Erkenntnissen. Und das Ganze bitte für mich in jenem Bühnenmodus, der – jenseits aller Kopflastigkeiten – schlichtweg verzaubert, durch Darstellung, Licht, Requisiten und einer ganzen Kaskade inszenatorischer Ideen. Für mich ist das der Magnet, der mich, trotz aller modernen Medien, noch immer ins Theater zieht und erklärt, warum sich diese Kunstform nicht schon mit den klugen Alten Griechen erschöpft hat, die bereits damals alle großen und kleinen, ewigen Themen des Menschen in Szene setzten.

Der Theaterwissenschaftler und Regisseur Jan Meyer, hier bei den Proben zu „Milston’s Tower“ (15.9.17), ist auch künstlerischer Leiter der Freien Bühne München

Auf all diese wunderbaren Zutaten des Theaters traf ich gestern, obwohl noch längst nicht alle Lichteffekte zum Einsatz kamen, und die Texte noch nicht komplett verinnerlicht waren.

Luisa Wöllisch wurde an der Freien Bühne München zur Schauspielerin ausgebildet; hinter ihr Ernst Strich

Besonders verzaubert hat mich das Spiel von Luisa Wöllisch, die zu jenen Künstlerinnen und Künstlern gehört, bei denen eine unerklärliche Ausstrahlung einsetzt, sobald sie eine Bühne betreten. Neben dieser Qualität kommt bei ihr aber auch solide erlerntes Handwerk hinzu: Nach ihrem Schulabschluss begann sie 2014 eine Berufsqualifizierende Maßnahme an der Freien Bühne München. Seit dem ist sie fester Teil des Ensembles. 2016 spielte sie in ihrem ersten Kinofilm „Die Grießnockernaffäre“ mit. Ab 2018 wird sie neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin zum ersten Mal auch als Schauspielcoach für die Freie Bühne tätig sein. (Quelle: > Homepage der Freien Bühne München)

Die Freie Bühne München ist das erste inklusive Theater in Bayern. Entsprechend ihrem Anspruch, Talente zu entdecken, zu fördern und Räume zum Ausprobieren zu schaffen. Schauspieler, Techniker, das Regieteam, mit und ohne Behinderung, sind Kollegen auf Augenhöhe, die gemeinsam professionell Theater machen.

Premiere: 29. September, 20 Uhr, Black Box, Gasteig München
Karten gibt es auf www.muenchenticket.de


Weitere Termine:

05. Oktober 2017, 20:00 Uhr, abraxas Theaterhaus Augsburg
Karten gibt es unter: 0821/32 46 355 (abraxas Büro)

13. Oktober 2017, 19:00 Uhr, Kleines Theater Haar
Karten gibt es auf: www.reservix.de

14. Oktober 2017, 19:30 Uhr, Wagenhalle, Pasinger Fabrik München
Karten gibt es hier oder unter 089-82 92 90 79

18. November 2017, 19:00 Uhr, Stadttheater Weilheim
Karten gibt es unter 0881/68 611 oder 0881/68 612 – Kreisboten Verlag

Aktueller Trailer
weitere Trailer und Teaser auf unserer vimeo-Seite


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