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„Porajmos“: „das Verschlingen“ Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943, eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19. März 2018

Das Romanes-Wort Porajmos [poraɪmos] (auch Porrajmos, deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Er bildet einen Höhepunkt der langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt sie innerhalb einer großen Spannbreite, ist jedoch sechsstellig. Wie der Völkermord an den Juden (Shoa) steht Porajmos für den Versuch der kollektiven Vernichtung. Jeder, der von den nationalsozialistischen  Erfassungsinstanzen – im Altreich ein Verbund aus pseudowissenschaftlichen und kriminalpolizeilichen Gutachtern, außerhalb oft spontan entscheidende Akteure der Verfolgung – dem „Zigeunertum“ zugeordnet wurde, war grundsätzlich von Vernichtung bedroht. Dem lag die rassistische Deutung der Angehörigen der Minderheit als „fremdrassige“ „geborene Asoziale“ zugrunde. „Zigeuner“ wurden zu Objekten eines „doppelten“, des ethnischen wie des sozialen Rassismus. (Quelle: Wikipedia )

Familie Höllenreiner 1942; Viele Angehörige der großen Familie wurden am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten .© Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Dass somit auch Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist bis heute in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich präsent. Oft nur vage entsinnt man sich, von medizinischen Experimenten an „Zigeunerkindern“ gehört zu haben, wie zuletzt im TV-Beitrag „Die unheilvolle Narbe“ von Constanze Hegetusch oder von „Zigeunerlagern“. Über die tatsächliche Dimension des  Porajmos jedoch ist noch immer wenig bekannt. Ebenso wurde die fortwährende Ausgrenzung der Sinti & Roma in der Bundesrepublik lange nicht wirklich thematisiert. Auch der Kampf Betroffener um Wiedergutmachung zog sich über Jahrzehnte hin; viele Opfer, körperlich wie seelisch durch den Porajmos gezeichnet, gaben vorzeitig auf. Erstmals 1980 sensibilisierte ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema.

Beendigung des Hungerstreiks in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, 1980: Uta Horstmann, Anton Franz, Dronja Peter, Hans Braun, Romani Rose, Jakob Bamberger, Fritz Greußing, Franz Wirbel (v.l.n.r.) (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Bis heute Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti & Roma in Deutschland, engagiert Romani Rose sich weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft für die Gleichstellung dieser Minderheit in unserer Gesellschaft und für die bewusste Erweiterung des Begriffes „Holocaust“ AUCH auf seine Ethnie, im Sinne einer verbesserten Wahrnehmung des „Porjamos“ in unserer Mehrheitsgesellschaft. Leider erlebe auch ich immer wieder – und habe wiederholt darüber geschrieben – dass in offiziellen Reden oft ausschließlich der „Antisemismus“ zur Sprache kommt, „Antiziganismus“ oder  „Rassismus“ jedoch unerwähnt bleiben.

Engagierte Aktivisten: Romani Rose rechts, mit Alexander Diepold/Madhouse, Bildmitte, 2016, im NS-Dokumentationszentrum München, links Drehbuchautor Peter Probst; Foto: Oliver Stey

Doch jetzt stellt die Landeshauptstadt München, gemeinsam mit dem Stadtarchiv München, die Geschichte und aktuelle Lebenssituation der Sinti und Roma in München in den Mittelpunkt einer umfassenden Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018: Dies geschieht in Kooperation mit der Familienberatungs- und Begegnungsstätte Madhouse, die seit über 30 Jahren von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold geleitet wird. Auszug aus dem Programm-Flyer:

Cover des Programm-Flyers

Am 13. März 2018 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Münchner Polizei 130 Sinti und Roma aus München und Umgebung in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportieren ließ. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ hatte Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 den Auftakt für die reichsweiten Deportationen der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz gegeben, auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet. Schon am 8. März 1943 begannen in München die Verhaftungen ganzer Familien. Bis heute ist die Zahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. (…)

Die Landeshauptstadt München ehrt die Opfer dieses Völkermords in einer Gedenkveranstaltung am 13. März 2018 im Rathaus.

Sandro Roy, Foto: Ch. Hartmann

Den musikalischen Teil dieses Festakts für geladene Gäste bestreitet der virtuose Sandro Roy, einer der schillernsten  Namen der jungen Generation von Klassik- und Jazzgeigern, mit seinem Trio.

Zuvor werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der deportierten Münchner Sinti und Roma verlesen.

Die Veranstaltungsreihe umfasst Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER

Adrian Gaspar – Quelle

Musik und deren Interpreten – wie könnte es anders sein 😉 – wird bei der gesamten Veranstaltungsreihe eine Rolle spielen. Neben Geiger Sandro Roy ist u.a. das Lancy Falta Syndicate vertreten. Einen interaktiven Antiziganismus-Workshop gestaltet der Pädagoge und Musiker Adrian Gaspar, mit dem Ziel, Vorurteile gegenüber Sinti und Roma abzubauen.

Schon im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe eine erfreuliche Nachricht:

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern; Quelle

Bayern hat am 20. Februar 2018 einen Staatsvertrag mit dem Landesverband der Sinti und Roma unterschrieben, der deren Rechte schützen und Wiedergutmachung sein soll …  >>>  BR-Mediathek


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„Selbstverglorifizierendes Geschmatze“ – Verbitterung in ziganen Kreisen nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Als „selbstverglorifizierende Geschmatze“ kritisiert Oliver Stey die Reden von Ministerpräsident Horst Seehofer und Oberbürgermeister Dieter Reiter zum Jahrestag des Anschlags am Münchner OEZ. Oliver  entstammt der Zirkus-Familie Stey, bezeichnet sich sich daher selbst als „Gaukler und Komödiant bzw. Reisender“ und zählt somit, wie Sinti, Roma und Jenische, zur ziganen Minderheit unserer Bevölkerung, die unter den neun Opfern des OEZ-Attentats junge Menschen aus ihren Reihen beklagen.

Dieter Reiter Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Gedenkfeier Jahrestag des OEZ-Anschlags

Mit seiner Rede vermochte Oberbürgermeister Dieter Reiter nicht jeden zu erreichen; Foto: Oliver Stey

Bitter stößt Stey an der Rede des Oberbürgermeisters dessen Lob über den gelungenen Einsatz der Münchner Sicherheitskräfte auf. Das hätten die Angehörigen – mit einigen von denen er selbst eng verbunden ist – in diesem Rahmen nun wirklich nicht brauchen können. Zudem hätte das einen unguten Vorgeschmack auf Wahlkampf vermittelt, unangemessen bei einer solchen Gedenkfeier.

Eine sehr emotionale und auch kritische Rede hielt die Mutter des getöteten Can Leyla, Foto: O. Stey

Er verwies dabei auch auf die Rede, die die Mutter eines der Opfer gehalten und in der sie ein Versagen des Systems angeprangert habe. [Wird in Kürze als Video-Clip noch eingefügt.] „In der Tat hätte ein präventives Erkennen der seelischen Struktur des Attentäters, schon lange Zeit vor seiner Tat, viel größeren Nutzen bei der Erhaltung unserer gesellschaftlichen Sicherheit mit sich gebracht“, (…) schreibt Stey dazu auf Facebook. Nachdem sich der OB bisher – aus welchen Gründen auch immer – noch auf keiner einzigen, der ziganen Minderheit gewidmeten Veranstaltung habe blicken lassen, sei seine Teilnahme an dieser Gedenkfeier, noch dazu mit dieser Rede, ziemlich überflüssig gewesen, so Stey sinngemäß.

Noch mehr Frustration und Ablehnung löste in ziganen Kreisen die Rede des Ministerpräsidenten aus: Wie schon Dieter Reiter während der Trauerfeier 2016, im bayerischen Landtag, erwähnte er den „Antisemitismus„, den es gelte, zu bekämpfen, nicht aber den „Antiziganismus„! Er wünsche sich, „dass dieses neue Denkmal auch zum Mahnmal wird, ein Mahnmal für Frieden und Verständigung, für Hilfsbereitschaft und Solidarität, für Miteinander und Mitmenschlichkeit. Geben wir Hass und Gewalt, Hassparolen und Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus keine Chance.“ (Quelle/Details: muenchen.de)

Der Auschwitz-Überlebende Sinto Peter Höllenreiner (Bildmitte mit vierbeiniger Begleitung) bei der Gedenkfeier

Ein allgemeines Bekenntnis gegen Rassismus hätte schon gereicht, beklagte auch Alexander Diepold, Leiter des Beratungszentrums für Sinti und Roma „Madhouse“, aber angesichts der Tatsache, dass sich unter den Todesopfern junge Deutsche mit Sinti- respektive Roma-Wurzeln befanden, hätte, wenn schon der „Antisemitismus“, dann auch der „Antiziganismus“ Erwähnung finden müssen!

Sicher handelt es sich hier um einen Lapsus, doch zeigt dieser einmal mehr auf, dass die Präsenz von ziganen Mitbürger_Innen in unserer Mitte allzu oft schlichtweg übersehen wird, es sei denn in Zusammenhang mit Mißständen und „Täterzuschreibungen„, wie es Alexander Diepold mir gegenüber in einem Telefonat formulierte.

Edith Grube Stolpersteine in München Alexander Diepold Sinti und Roma Beratunszentrum Madhouse München

Alexander Diepold mit Aktivistin Edith Grube

Als aktuelles Beispiel nannte er den Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, vom  4. Juli 2017 > Kriminalität > Titel „Wo ist Johnny?“ Erzählt wird von der kriminellen Karriere von „Johnny, dem Zigeuner„, als liefere dessen ethnische Abstammung die Begründung für seine kriminelle Vita gleich mit. Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von“Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. Sicher ist die Anfälligkeit für Straftaten seitens Roma, die dem Prekariat in ihren Heimatländern im Osten zu entfliehen suchen, größer, als unter der Villenbevölkerung Grünwalds, was aber den sozialen Umständen und nicht der Ethnie geschuldet ist.

Nicht wahrgenommen als solche werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen, die mitten unter uns leben. Oft verschleiern sie sogar selbst ihre Herkunft, aus Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen.

Marcella Reinhardt, Bildausschn. Oliver Stey

Marcella Reinhardt, Mitbegründerin und Vorsitzende des Regionalverbandes deutscher Sinti und Roma in Augsburg, erzählte einmal, sie habe sich früher immer als Italienerin ausgegeben … Wie auch immer, zigane Mitbürger_Innen werden in negativen Zusammenhängen wahrgenommen oder gar nicht. Eine Forumulierung im Stil von „Johnny – das Zigeuner-Opfer“- dürfte  als Schlagzeile schwer zu finden sein. Alexander Diepold beklagt im Zusammenhang den medialen Umgang mit einem schrecklichen Anschlag im Münchner Bahnhofsviertel, am 2. November 2016: „In dem betroffenen Wohnhaus, einer Schrottimmobilie, waren an südosteuropäische Mitbürger, zu horrenden Preisen, mehr oder weniger verschimmelte Zimmer vermietet worden. Dort (Dachauer Str. 24) wurde ein Brandanschlag verübt, bei dem ein junger Vater, mit seinen 9 und 16jährigen Töchtern, bulgarische Roma, starben. Beim OEZ-Anschlag kamen zwei junge Sinti, Roberto Rafael und Guiliano Kollmann, zu Tode. Insgesamt kamen also im letzten Jahr in München fünf junge Menschen aus der Minderheit der Sinti und Roma bei Anschlägen ums Leben, doch dass es sich bei den Opfern um Angehörige unserer , Minderheiten handelte, kam überhaupt nicht zur Sprache.“

Das Denkmal für die Opfer des Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum am 22.7.2016, Foto: Oliver Stey

Täglich konfrontiert mit diesen Problemen wird Alexander Diepold, in der von ihm geleiteten Beratungsstelle „Madhouse„, die sein Lebenswerk ist und am 26. September 30. Jubiläum feiert. [Hierüber werde ich an gleicher Stelle zeitnah berichten.] Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Jubiläum, in der Öffentlichkeit, auf medialer wie auf politischer Ebene, die Würdigung erfährt, die unsere Gesellschaft nicht nur dieser städtischen Einrichtung sondern auch deren ziganer Zielgruppe schuldet.

Alexander Diepold ist Geschäftsführer von „Madhouse“, der Beratungsstelle für Sinti und Roma in München, die am 26.9.2017 ihr 30jähriges Bestehen feiert!

Von ihrer Musik lassen wir uns ach so gerne verzaubern und von ihrer Carmen verführen, die Menschen hinter diesen Gemeinplätzen jedoch sind wir noch immer nicht imstande noch wirklich willens, angemessen wahrzunehmen. Dieses Manko fand nun wieder eine traurige, wenn auch sicher versehentliche, Bestätigung im Rahmen der Rede von Ministerpräsident Horst Seehofer. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihm, beziehungsweise seinem Reden-Schreiber zwangsläufig eine tatsächliche Nähe zu den Opfern fehlte.

Im Gebet vereint … Foto: Oliver Stey

Doch sollte es nicht bei solchen Ansprachen, die in Zusammenhang mit Tragödien stattfinden, jenseits von Protokoll und politischem Kalkül, um Respekt für die Opfer und um ein wenig Trost für die Hinterbliebenen gehen? Dieses ist im Fall von zumindest fünf der Opfer des OEZ Anschlags nicht gelungen, nicht 2016 und erneut nicht 2017 und sorgt inzwischen für entsprechenden Unmut – um die Stimmung in der ziganen Bevölkerung euphemistisch zu umschreiben.

Persönlich würde ich mir wünschen, dass bei solchen Anlässen unsere „Offiziellen“ Tribut durch Anwesenheit zollen, das Wort jedoch geistlichen Begleiter_Innen  und vor allem den Betroffenen selbst überlassen sollten …


R.I.P. Armela Segashi

R.I.P. Can Leyla

R.I.P. Dijamant Zabérgja

R.I.P. Guiliano Kollmann

R.I.P. Hüseyin Dayicik

R.I.P. Roberto Rafael

R.I.P. Sabine S.

R.I.P. Selcuk Kilic

R.I.P. Sevda Dag


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